Etwas langsamer, aber immer noch im Laufschritt bog sie um die letzte Ecke, in eine Einfahrt durch die sie hindurch musste, um zu ihrer Wohnung zu kommen. Ein Schrei entfuhr ihr, als sie einen stechenden Schmerz in der linken Schulter spürte. Ruckartig machte sie einen Schritt zurück und stolperte auf Grund dieser plötzlichen Richtungsänderung. Vorsichtig strich Alassë sich über die Schulter, aus der nun ein wenig Blut tröpfelte. Verwirrt was der Grund dafür gewesen sein mochte, blickte sie auf. Ihre Augen weiteten sich als sie auf einen angespannten Bogen inklusiv Pfeil blickte und den Mann der dahinter stand. Mit einer Mischung aus Schock und Verwirrung und einem eher fragenden als ängstlichen Blick musterte sie ihn. Er hatte lange braune Haare die ihm glatt über die Schultern fielen und besonders seine Kleidung war auffällig. Sie erinnerte Alassë irgendwie an Robin Hood. Als der Mann ihren Blick auffing, senkte er den Bogen langsam und reichte ihr mit gewisser Vorsicht die Hand.
Sie stand wieder, aber statt das Weite zu suchen bevor sie noch größeren Schaden nehmen würde, genügte ihr ein Schritt um ein wenig Abstand zu waren. Auch wenn ihr Arm nun leicht schmerzte, hatte sie keine Angst vor dieser doch recht merkwürdigen Erscheinung. Ihr Gegenüber schien verwirrt, und keineswegs aggressiv. Er musterte sie noch immer, und langsam fragte sie sich ob sie vielleicht doch zu naiv war hier stehen zu bleiben. Endlich löste er sich aus seiner Erstarrung. Er strich über Alassës kleine Wunde, ohne dass sie sich rührte und sie verfolgte seine Bewegungen nur mit ihren Blicken.
„Verzeih mir... Ich... das habe ich nicht beabsichtigt. Diese Fremde verwirrt mich jedoch."
Nachdenklich schaute sie ihn an, suchte einen Sinn in seinen Worten.
„Ist schon okay. Trotzdem solltest du das in Zukunft lieber lassen, nur weil du dich verlaufen hast. Könnte dir und anderen sehr viel Ärger ersparen."
„Ich verlaufe mich nie."
„Tja, irgendwann ist immer das erste Mal."
„Nein, du verstehst nicht. Ich habe mich nicht verlaufen. Ich komme nicht von dieser Welt."
„Ähm, ich glaube du hast dir irgendwo den Kopf gestoßen."
„Was meinst du?"
„Dass du Scheiße laberst? Dein Aufzug, eine ‚andere Welt'..."
„Du redest so anders. Ich trage dies immer, in meiner Welt tragen das alle Elben. Du hast..."
„Ich hab was?"
„Oh, ich habe nur schneller geredet als gedacht, verzeih, es war nichts von Wichtigkeit."
„Du ziehst diese Verkleidungsnummer ja echt voll durch, find ich zwar recht faszinierend und machst du auch echt überzeugend, aber nun ist es okay. Haha, hab gut gelacht."
„Du bist mir so fremd... Aber glaub mir, ich bitte dich. Ich würde dir niemals die Unwahrheit sagen. Ich bin aus einem Grund hergeschickt worden, den ich dir leider nicht sagen darf. Ich kenne hier nichts. Diese Geräusche sind so laut und anders, die Gerüche habe ich noch nie wahrgenommen und all diese Dinge erschrecken mich, ich hätte es mir nicht einmal im Traum erfinden können."
„Langsam verwirrst du mich echt. Wenn das nun echt ein Witz sein soll, dann hör jetzt auf. Wenn du weiterhin darauf bestehst und nicht sagen kannst warum du angeblich hier bist, dann kannst du mir ja wenigstens sagen was du nun vorhast, wenn dir das hier solche Angst macht."
„Es macht mir keine Angst. Ich habe vor nichts Angst, es erschreckt und überrascht mich nur mit dieser Fremde, diesem Neuen und Anderen."
Alassë schwieg. Sie fühlte sich hin und her gerissen. Sollte sie ihm glauben? Dies konnte nur ein Witz sein, gleich würde ein Fernsehteam auftauchen und sie würde dumm dastehen. Aber auch wenn ihr Kopf nun sagte, wie naiv sie doch sei, und dass sie schon viel zu oft an die falschen Dinge geglaubt hatte, so schien tief in ihr drin etwas diese Geschichte zu glauben. Es hatte sie nun zumindest so neugierig gemacht, dass sie mehr wissen wollte. Wenn er ihr nur eine weitere Lüge auftischen würde, musste sie es ja irgendwann herausfinden, je mehr sie ihn fragte.
Da sie nun schwieg und über etwas nachzudenken schien, ergriff der Fremde wieder das Wort. Er hatte Zweifel und Zwiespalt in ihren Augen widerspiegeln gesehen.
„Und zu deiner Frage, was ich tun werde... Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich kenne hier nichts und weiß nicht wohin ich gehen soll, um das zu tun was mir aufgetragen ist. Ich habe einen Pfad gefunden den ich betreten muss, er bleibt mir jedoch noch verschlossen und ich kann nicht weit in die Ferne blicken."
„Was immer du jetzt damit sagen willst, ich denke ich hab dich richtig verstanden, dass du nicht weißt wo du hingehen musst und wo du bleiben kannst?"
Er nickte. Bevor sie nun weiter sprach, kamen ihr weitere Bedenken, die sie jedoch gleich zur Seite schob. Heute war zuviel passiert, als dass sie nun noch lange nachdenken wollte.
„Unter der Bedingung, dass du sofort gehst wenn ich es sage, kannst du wenn du willst erst mal mit zu mir hoch kommen. Da kannst du dann überlegen wie es weiter geht und mir mehr von deiner komischen anderen Welt erzählen"
„Ich danke dir vielmals. Deine Bedingung nehme ich natürlich gerne an, und werde dann nach deinem Arm sehen."
„Ja so schlimm ist es auch gar nicht. Ach ja, ich weiß noch gar nicht wie du heißt!?"
„Valandil."
Während Alassë schon auf die Haustüre zuging, drehte sie sich lachend um.
„Genau so komisch wie meiner... Ich bin Alassë."
Sie drehte sich wieder um, um die Haustür aufzuschließen. Ihr entging der traurige Blick den Valandil ihr zuwarf. Gerne hätte er ihr so viel gesagt, konnte und durfte dies aber nicht.
In ihrer Wohnung hatte Alassë erst einmal alles Chaos möglichst schnell mit dem Fuß unter ihr beiges Sofa geschoben. Valandil hatte dies leicht belächelt wurde aber dann vom Rest der Wohnung und deren Einrichtung abgelenkt. Es war nichts besonderes, aber für jemanden wie ihn, der nichts von alledem kannte, war dies alles sehr aufregend, auch wenn er sich das nicht anmerken ließ. Einen Elben konnte schließlich so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Nachdem Alassë ihm etwas zu trinken geholt hatte, Wasser, denn alles andere schien ihm nicht geheuer, beantwortete sie bereitwillig alle Fragen, die er stellte. Je länger er neben ihr saß und mit unverhohlener Neugier ihr Wohnzimmer betrachtete, desto mehr glaubte sie seine Geschichte. Es dauerte lange bis er sich mit ihren Erklärungen zufrieden gab, und nicht nur einmal schweifte sie von ihrem Wohnzimmer zur gesamten Weltgeschichte ab. Als endlich alle Fragen beantwortet waren und Valandil die Bedeutung und den Nutzen jeglicher Gegenstände kannte, begann Alassë nun selbst Fragen zu stellen. Woher er käme, wie es dort aussähe und auf welche Weise er hierher gelangt sei, waren nur wenige davon.„Ich komme aus Mittelerde und gehöre dem ältesten sprechenden Volk dort an, den Elben. Bei uns gibt es nicht nur Menschen, sondern viele Lebewesen, die sich Wälder, Seen und Ebene teilen. Ents, Verwandte der Bäume, Oliphanten, Hobbits und Orks sind nur einige von ihnen. Es gibt so viel über Mittelerde zu berichten, dass ich dir eine Ewigkeit davon erzählen könnte, und noch immer nicht alles Grundlegende, Wichtige und Schöne erwähnt hätte. Es gleicht diesem Platz hier wenig, aber doch auf gewisse Weise. Es ist friedlicher dort und die meisten Bewohner leben mit der Natur in Einklang ohne sie sich untertan zu machen. Ich habe kaum noch Erinnerungen daran wie ich hierher gelangt bin. Ich habe einen Auftrag zu erfüllen, jedoch bin ich nicht unterrichtet worden wie ich es zu tun habe. Ein gleißendes Licht hat mich schlussendlich an diesen Ort geführt, wie kann ich dir nicht erklären."
Leise und doch bestimmend berichtete er. Mit jedem Wort das er aussprach, glaubte Alassë ihm mehr, wusste deutlicher, dass es wahr war. Egal was ihr Verstand ihr sagte, sie wusste, dass seine Erscheinung keine Lüge, das seine Aura keine Einbildung, und das Gefühl keine Täuschung war. Draußen wurde es schon dunkel, als Alassë einfiel, dass Valandil immer noch nicht wusste wie es weiter gehen sollte, und wo er die nächste Zeit bleiben sollte.
„Also, da dir bis jetzt sicher noch kein Schlafplatz zugeflogen ist, schlage ich vor, dass du heute Nacht hier bleibst. Ich hoffe du weißt das zu schätzen, so etwas biete ich wahrlich nicht jedem an. Aber du kommst mir nicht so vor, als ob du mich heute Nacht vergewaltigen und umbringen würdest. Wenn doch, dann mach es wenigstens schnell."
„Was redest du da? Ich könnte dir niemals etwas antun, und bin sehr dankbar, dass du mir dies anbietest."
„Ich sag es ja nur mal, heutzutage ist alles möglich. Und irgendwie wäre ist mir auch egal. Heute ist schon so viel Scheiße passiert. Da wäre das doch die perfekte Abrundung."
„Sag das nicht. Ich wäre der letzte der dir wehtun würde. Ich verspreche dir, dass dies niemals geschehen wird. Mich bestürzt es nur, dass dich etwas zu dieser Denkweise angetrieben hat. Was ist passiert Alassë?"
„Ich.. lass uns schlafen, vielleicht erzähle ich dir morgen davon. Aber eigentlich will ich es nur vergessen... Ich geh dir grad eine Decke holen, dann kannst du es dir hier gemütlich machen."
Schnell ging Alassë in das angrenzende Zimmer, und suchte eine Decke und ein Kopfkissen aus ihrem Schrank hervor. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihre Gefühle aussprechen konnte, und würde. Sie kannte diesen Valandil doch gar nicht. Aber vielleicht war es das was ihr gut tun würde. Zunächst beschloss sie die Nacht darüber zu schlafen. Entscheidungen konnten auch am Morgen getroffen werden. Etwas ruhiger ging sie zurück in ihr Wohnzimmer und Valandil sprang sofort auf um ihr alles abzunehmen. Lachend stupste sie ihn zur Seite und warf alles auf das große Sofa.
„Gemütlich machen kannst du es dir ja noch selbst, oder? Brauchst du noch was zum schlafen? Boxershorts und T-Shirt?"
„Was..?"
„Ach ja... Ein Elbe von Welt kennt so etwas ja nicht, warte ich hol es dir, müsste dir passen, du willst ja nicht in den Sachen schlafen?!"
Schmunzelnd ging sie in ihr Schlafzimmer zurück und kam nach kurzer Zeit mit den besagten Sachen wieder.
„Hier für oben, und das für unten."
Sie hielt beides kurz vor sich, und fand, dass dies als Erklärung genügte.
„Das wird kein Problem sein, ich danke dir noch einmal für alles."
„Keine Ursache, bin ja ein sozialer Mensch."
Schon auf dem Weg zur Tür hörte sie ihn murmeln „...Mensch".
Leicht irritiert drehte sie sich um.
„Ja ‚Mensch', kann ja sein, dass ich wie ein Oliphant oder wie die Dinger heißen aussehe, aber tut mir leid dich enttäuschen zu müssen... Egal, gute Nacht, und sag Bescheid falls du noch etwas brauchst. Ach ja, das Klo ist direkt neben der Haustür."
„Schlaf gut, Alasse"
