Selana: Vielen Dank für dein Review! Tja, Faramir steckt mal wieder in der Klemme. Hoffentlich bekommt bald jemand mit, dass er von den Orks gefangengenommen wurde.
Leonel: Jawohl, Smeagol ist zurück. Vielleicht war Faramirs Einfall doch nicht so klug. Aber er weiß, wie wichtig es ist, den widerlichen Kerl von Mordor fernzuhalten.
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Kapitel 15: Gandalfs Trick
Die Waldläufer hatten inzwischen Fornost verlassen: nun würde die Zeit des Jagens und Sammelns beginnen. Es war wirklich höchste Zeit, für die Wintervorräte zu sorgen. Das Laub der Bäume verfärbte sich bereits und die Nächte waren schon empfindlich kühl. Unermüdlich jagten die Männer Wild in den Wäldern. Doch sie hatten nicht vor, den ganzen Winter hindurch Wild zu essen: sie wollten das Fleisch teilweise in Bree gegen andere Nahrungsmittel eintauschen, ebenso die wilden Beeren, die sie in den Wäldern sammelten. Sie hatten ihr Lager an einem kleinen Waldtümpel aufgeschlagen. Aragorn hoffte, dass Faramir und Halbarad bald mit Maruvan zurückkehrten. Er hatte irgendwie ein ungutes Gefühl, wenn er an die beiden dachte.
Plötzlich meldete einer von Aragorns Männer, dass sich Elben auf Pferden näherten. Erstaunt versammelten sich die Waldläufer im Lager. Elben kamen recht selten in diese Gegend.
„Mae govannen, Legolas Thranduilion!" begrüßte Aragorn seinen elbischen Freund, der den anderen Elben vorausritt.
Der Prinz des Düsterwaldes sah sehr ernst drein und hob die Hand zum Gruß. Aragorn merkte sofort, dass etwas wichtiges vorgefallen sein musste.
„Gollum ist uns entkommen," erzählte Legolas bedrückt. „Wir wurden auf den Weg in die Waldstadt von Rhovanion von Orks überfallen. Es war in der Nähe von Dol Guldur, als es passierte. Die Orks waren in der Überzahl. Wir hatten alle Hände voll zu tun, um sie abzuwehren. Gollum nützte dies aus und biß seine Fesseln durch. Dann kletterte er auf einen hohen Baum hinauf. Als wir die Orks vertrieben haben, kletterte einer meiner Männer den Baum hinauf, um Gollum herunterzuholen, aber er war spurlos verschwunden. Er muß vom Wipfel aus auf einen anderen Baum gesprungen sein."
„Das darf doch nicht wahr sein!" fluchte Aragorn leise und rieb sich sorgenvoll den dunklen Bart.
„Es tut mir leid," sagte Legolas leise.
Aragorn legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter.
„Du kannst nichts dafür, mellon nin. Es war ein unglücklicher Zufall. Wißt ihr, wohin Gollum geflohen sein könnte?"
„Seine Spur führt hierher in den Norden," fuhr Legolas fort. „Es wird gemunkelt, dass er ins Auenland will, um sich seinen Ring wieder zu holen."
„Wer munkelt das?" fragte Aragorn stirnerunzelnd.
„Ich bin dieser Meinung!" rief Gandalf und trat hinter den Bäumen hervor.
Er war sehr schnell gelaufen und schnaufte heftig.
„Ich komme gerade aus Bree, weil ich mich dort umgehört habe," erklärte der Zauberer besorgt. „Gollum ist am Rande der Stadt gesehen worden. Er hat Lebensmittel aus Häusern gestohlen."
„Er muß gelaufen sein wie ein Nazgûl fliegt," murmelte Aragorn. „Sicherlich hat er eine Abkürzung über das Nebelgebirge genommen, um so schnell hierherzukommen."
„Das ist anzunehmen," sagte Gandalf. „Aber wo steckt eigentlich Faramir? Ich habe gehofft, ihn hier anzutreffen?"
„Er sucht Maruvan, zusammen mit Halbarad," erklärte der Waldläufer schlicht. „Ich schätze, dass sie momentan in der Nähe des Evendim-Sees stecken."
„Das ist eine gefährliche Gegend!" rief der Zauberer entsetzt aus. „In der Emyn Uial soll es von Orks wimmeln, hat mir Radagast vorhin in Bree erzählt. Möglicherweise wurde euer Maruvan von den Orks gefangengenommen oder gar getötet."
„Verflucht!" stieß Aragorn unwillig hervor und trat mit dem Stiefel gegen einen Baumstumpf.
„Es kann auch gut sein, dass sich Gollum bereits in der Gefangenschaft der Orks befindet," fuhr Gandalf besorgt fort. „Wir müssen unbedingt verhindern, dass er erneut nach Mordor geschafft wird. Er weiß einfach zuviel."
„Was soll ich machen?" fragte Aragorn verzweifelt. „Wir müssen Vorräte für das Winterlager anlegen. Ich kann mein Volk nicht im Stich lassen. Ich habe eh schon viel zu viel Zeit mit Gollum verschwendet. Es ist schlimm, dass nun Faramirs und meine Reise umsonst war."
„Bleib du hier bei deinen Leuten. Du hast genug getan in Sachen Gollum," sagte Gandalf sanft. „Ich werde mit den Elben nach deinen Männern und Gollum suchen."
Aragorn lächelte traurig und klopfte dem Zauberer auf die Schulter. Er verließ sich nicht gerne auf andere. Aber Gandalf und Legolas waren die zuverlässigsten Freunde, die er hatte.
Besorgt sah er der Gruppe nach, die Richtung Evendim-See weiterritt. Gandalf hatte sich zu einem Elben mit aufs Pferd gesetzt.
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Faramir und Gollum waren in eine kleine Höhle in den Emyn Uial gebracht worden, einer kleinen, schroffen Hügelkette westlich des Evendim-Sees. Die beiden Gefangenen waren streng gefesselt worden.
„Ich möchte nur wissen, was sie mit uns vorhaben," murmelte Faramir mehr zu sich selbst als zu Gollum.
Doch dieser hörte die Worte des jungen Menschen.
„Schreckliche Orkssse werden uns töten, ja töten, mein Schatzzzz," jammerte er vor sich hin.
Die Orks hatten beschlossen, auf ihren obersten Hauptmann, Karak, zu warten. Dieser sollte entscheiden, was mit den Gefangenen geschah. Sie hatten mehrere große Lagerfeuer angezündet, und feierten Verbrüderung mit einigen schrecklichen Steintrollen, die in dieser Gegend hausten.
Faramir konntet das laute, hohle Gelächter der riesigen Wesen bis in die Höhle hören. Er hatte noch nie einen Troll aus der Nähe gesehen.
Inzwischen bereute er, nicht auf Halbarad gehört zu haben. Der ältere Waldläufer hatte bestimmt geahnt, dass es so kommen würde, wenn sie Gollum befreiten. Und jetzt war ihm der Tod gewiß.
Gollum hörte nicht auf zu jammern.
„Wir wollen nicht ssssssterben, nein, nicht. Wir gehen mit Orkssssen nach Mordor zurück, wenn es sein musssss, aber nicht sterben, nur nicht ssssssterben."
„Sei endlich still!" herrschte Faramir ihn genervt an. „Die Orks werden dir die Zunge abschneiden, wenn du so weiterlärmst."
„Garssstiger Mensch wird vor unssss sterben, ja, mein Schatzzzz," frohlockte das Geschöpf böse grinsend.
„Wenigstens muß ich dich dann nicht mehr sehen und hören," bemerkte Faramir sarkastisch.
Vor der Höhle war es plötzlich still geworden. Die beiden Gefangenen hielten inne und lauschten besorgt. Eine dunkle, kratzige Stimme erteilte Befehle, dann kamen zwei Orks in die Höhle und packten Gollum. Er begann sofort aufzukreischen.
„Nein, nicht, tut unsssss nichtssss! Nette Orkssse, gute Orkssssse! Wir sind euer Freund."
Die Orkse lachten nur böse auf und zerrten die missgestaltete Kreatur aus der Höhle. Faramir saß zum Zerreißen gespannt da. Er wartete darauf, dass man auch ihn holte. So wie es aussah, war dieser Ober-Hauptmann angekommen und er entschied gerade, was mit den Gefangenen geschehen sollte. Faramir hatte keine Angst vor dem Tod: er würde dann dort hingehen, wo Alatariel schon auf ihn wartete.
§
Halbarad hatte inzwischen ein Dorf in der Nähe des Evendim-Sees erreicht: es hieß Maare. Dort hausten einige Menschen mit ihren Familien. Sie waren sehr arm und lebten vom Fischfang. Der Waldläufer atmete auf : in dem Dorf gab es eine Schänke. Eine heruntergekommene Spelunke, aber dort würde er Kaninchenfelle gegen eine warme Mahlzeit und eine Übernachtungsmöglichkeit tauschen. Hauptsache endlich wieder mal ein Dach über den Kopf! Er trat in das finstere Loch ein und sah sich angeekelt um: es roch nach altem Fett, verbrannten Essen und Unrat. Doch dann blieb ihm fast das Herz stehen: in einer Ecke saß Maruvan. Er war völlig betrunken und gröhlte gerade nach mehr Bier. Wütend ging Halbarad auf seinen Bruder zu. Er riß ihn an der Jacke hoch.
„Dummer Tölpel, was machst du hier?"
„Brüderchen, wie schön dich sssu sehen," lallte Maruvan mit einem breiten Grinsen. „Komm wir stoßen auf uns an!"
„Bist du vollkommen wahnsinnig geworden?" herrschte Halbarad ihn an. „Du versäufst hier gerade deine letzten Habseligkeiten!"
„Ist alles Freibier," sagte sein Bruder fröhlich. „Ich habe einen Mann von hier das Leben gerettet, als er von Orks angegriffen wurde. Er ist der Besitzer dieser wundervollen Wirtschaft."
Halbarad fluchte vor sich hin und zerrte Maruvan zum Schankraum hinaus. Hinter den Häusern floß ein kleiner Bach. Das kam wie gerufen. Er stieß den Betrunkenen auf das Gewässer zu und drückte schließlich seinen Kopf ein paar Mal unter Wasser. Maruvan brüllte und wehrte sich, aber nach dem dritten Untertauchen war er einigermaßen klar im Kopf.
„Warum bist du überhaupt abgehauen, Törichter?" rief Halbarad wütend. „Du hast uns alle in Gefahr gebracht. Du weißt, dass wir jetzt Vorräte für das Winterlager sammeln. Faramir wollte dich unbedingt suchen, aber dann hatte er plötzlich etwas besseres zu tun: diesen Gollum einfangen."
Maruvan saß auf dem Boden wie ein begossener Hund. Schuldbewußt blickte er seinen Bruder an.
„Ich habe mich wie ein Kind genommen," murmelte er schuldbewußt. „Nur weil ich Faramir nicht leiden kann. Ich war eifersüchtig, weil Aragorn so große Stücke auf ihn hält. Faramir hat gut daran getan, Gollum wieder zu fangen. Du müsstest eigentlich wissen, wie wichtig diese Kreatur ist. Du hättest Faramir unterstützen müssen, statt mich Esel zu suchen."
„Wir sind Brüder, Maruvan," betonte Halbarad ernst. „Laß uns nach Fornost zurückkehren. Vielleicht sind unsere Gefährten noch dort."
Der andere Mann nickte und erhob sich schwerfällig.
§
Gandalf und die Elben hatten recht schnell die Spuren der Orks gefunden. In der Nähe des Sees fanden sie Faramirs Bündel mit seinen persönlichen Dingen. Einer der Elben, der als Späher vorausgeritten war, vermeldete, dass sich in den Emyn Uial ein großes Orklager befand.
„Es ist gut möglich, dass nicht nur Faramir dort gefangen ist, sondern auch Halbarad und vielleicht sogar Gollum," hoffte der Zauberer.
Als es dunkel war, pirschten sich Gandalf und Legolas vorsichtig an das Lager der Orks heran.
„Trolle!" zischte der Elb dem Zauberer zu und deutete auf die riesigen grauen Kreaturen, die sich unter die Orks gemischt hatten.
Erschrocken bemerkten die beiden Freunde, dass die Orks jetzt unter großem Gejohle einen menschlichen Gefangenen aus der nahen Höhle zerrten: es war Faramir!
Einige Orks hatten bereits einen Strick über einen breiten Baumast geworfen. Faramir sollte also aufgehängt werden. Jetzt war guter Rat teuer, denn die Freunde waren nur zweit, und im Lager waren etwa hundert Orks und fünf Steintrolle.
„Ich weiß, dass die dunklen Kerle ziemlich abergläubisch sind," murmelte Gandalf vor sich hin. „Da muß ich wohl einen Zaubertrick anwenden."
„Dann mach schnell, bevor sie Faramir töten!" rief Legolas mit gedämpfter Stimme.
Gandalf packte jetzt seinen Stab, holte tief Luft und erhob sich. Donnergrollen war plötzlich zu hören.
Die Orks im Lager wurden bereits unruhig, denn sie hassten Gewitter. Ihr Hauptmann bellte wütende Befehle und Faramir wurde zu dem rasch errichteten Galgen gebracht. Entsetzt starrte der junge Mann zu dem Strick empor. Ehe er sich versah, lag er auch schon um seinen Hals.
„Ihr Unholde!" donnerte plötzlich ein Chor von grausamen Stimmen, die von überall herzukommen schienen. „Haltet ein mit euerem frevelhaften Tun, sonst werden die Geister dieser Berge euch persönlich vernichten!"
Die Orks und die Trolle kreischten und brüllten wild durcheinander, dann ergriffen sie kopflos die Flucht. Der Hauptmann allen voran.
Gandalf und Legolas mussten unwillkürlich auflachen. Dann sprangen sie rasch aus dem Gebüsch und befreiten den armen Faramir, der zitternd unter dem Baum stand. Erleichtert fiel er Gandalf in die Arme.
