Chapter 11

Trotz der Erschöpfung, die das Ende des Tages mitgebracht hatte, konnte Alassë sich noch lange nicht dazu bringen ihre Augen zu schließen um in den ersehnten Schlaf zu sinken. Schloss sie ihre Augen, sah sie Bilder, Gedanken verfolgten sie. Nun da sie die Decke anstarrte, konnte sie sich wenigstens kurzfristig vormachen nicht nachzudenken. Natürlich tat sie es schlussendlich doch. Es hatte ihr heute gefallen mit Orophin, aber auch mit den Anderen beim Bogenschießen. Sie hatte gelacht, und sich benommen als ob sie schon immer hier gewesen wäre. Doch das war sie nicht. Wie Orophin gesagt hatte, sie war anders. Anders als wer? Die Elben? Nun sie war ein Mensch, was sollte sie da schon groß mit diesen überragenden Wesen gemeinsam haben? Alle, die sie bis jetzt getroffen hatte, waren über 2000 Jahre alt. Seufzend drehte sie sich auf die Seite und starrte nun den kleinen Ausschnitt des nächstgelegenen Mallorns an, den sie durch ihr Fenster sehen konnte. Trotz allem hatte es ihr gefallen, sie hatte sich wohl gefühlt. Dabei wollte sie diese Welt gar nicht mögen. Sie wollte zurück, und sie wünschte, dass sie niemals von dieser Welt erfahren hatte. An dem Tag, an welchem sie Valandil zum ersten Mal begegnet war, hatte der innere Konflikt begonnen. Sie hätte ihn nicht zu sich einladen sollen. Eigentlich war alles CJ's Schuld. Wäre er nicht aufgetaucht, wäre sie nicht früher nach Hause gekommen, und Valandil hätte sich an jemand anderes gewandt. Nun wusste sie von dieser Welt. Sie kannte einige Bewohner, zwar nur wenige, aber nun ging sie diese Welt etwas an. Wie war das im Reli-Unterricht gewesen? ‚Etwas, das uns unbedingt angeht'. Sie wurde freundlich von allen behandelt, sie lachte mit ihnen, und hatte sogar ein oder zwei ernsthafte Gespräche führen können. So wie man es mit Freunden tat. Ja, nach nunmehr erst zwei Tagen war sie hier, und konnte Orophin, Rúmil, Legolas und Gimli als Freunde bezeichnen. Valandil sowieso.

Was würde werden, wenn sie zurück nach Hause gehen könnte? Dann würde sie Valandil, Orophin und die anderen höchstwahrscheinlich nie wieder sehen. Und doch wären sie immer bei ihr. Die Gedanken, dass es eine zweite Welt gab, in der einige ihrer Freunde wohnten, würden sie nie verlassen. Und wenn sie nun nie zurückkehren konnte? War sie dann hierher verbannt? In eine fremde Welt hineingestoßen, in der alles so fremd war, so anders war, als das was sie kannte? Was würde aus Mira werden? Aus Kaya und all ihren anderen Freunden? Aus ihrer Tante, und ja, was würde aus ihrer Wohnung werden? In diesem Moment hasste Alassë diese fremde Welt. Sie schien zwischen diesen beiden Welten, die sie nun kennen gelernt hatte, gefangen zu sein. Entre dos tierras estás y no dejas aire que respirar, plötzlich fiel ihr diese Textzeile ein. 'Du bist zwischen zwei Welten und lässt keine Luft zum atmen', dies passte nun wie die Faust aufs Auge. Sie vermisste die Musik hier. Natürlich sangen den ganzen Tag irgendwo irgendwelche Elben, aber das war nicht das gleiche. Sie verstand die Worte nicht, und jedes Lied strahlte Ruhe aus, wenn auch auf verschiedene Weisen. Sonst hatte sie sich immer in ihre Decke gehüllt, auf ihr Sofa gelegt und die Musik durch sich fließen lassen. Den Worten gelauscht, sie verinnerlicht und gleichzeitig ihre eigenen Probleme vergessen. Doch genau jetzt wo sie es am Nötigsten hatte, konnte sie sich nicht zudröhnen lassen.

Und was war heute überhaupt mit Orophin gewesen? Hatte sie wirklich mit ihm geflirtet? Und hatte er genauso reagiert? Jeder andere Elb hätte sie wahrscheinlich die Hälfte der Zeit verständnislos angestarrt gehabt. Aber Orophin schien anders. Ja, anders, wie sie. Er erinnerte sie an ihr Zuhause. Er war unbekümmert und nicht so steif wie… sie drehte sich im Kreis. Genau darüber hatte sie schon vorher nachgedacht. Stöhnend zog sie sich ihr Kissen über den Kopf und war erstaunlicherweise kurz darauf eingeschlafen.

Lachend stieg sie eine Leiter hinunter. Sie blickte nach oben und sah Valandil, wie er sich beeilte ihr zu folgen. Er war noch hoch oben am Ende der Leiter, die den Talan mit dem Boden verband. Das dichte, grüne Blätterwerk verdeckte das Haus, welches sich auf diesem befand, doch natürlich wusste sie wie es aussah. Valandil kletterte schnell nach unten und war ihr schon gefährlich nahe gekommen. Schreiend sprang sie auf den Boden und rannte in Richtung Wasser. Lachend sprang sie auf einen Baum der direkt am Ufer stand und dessen Zweige bis dicht über die Wasseroberfläche hingen. Bei jedem Windstoß tauchten sie ins Wasser ein und es bildeten sich kleine Kreise, die sich schnell ausweiteten. An den Stamm gelehnt machte sie es sich auf einem dicken Ast gemütlich, der sich etwa drei Meter über dem Boden befand. Kurz darauf erschien Valandil unter ihr.

‚Wägst du dich dort in Sicherheit?', amüsiert blickte er zu ihr hinauf.

‚Vor dir kann ich mich immer in Sicherheit wägen, selbst wenn dein angespannter Bogen auf mich zeigt', gab sie zurück und streckte ihm ihre Zunge hinaus.

‚Na warte…', noch während er diese Worte sprach, sprang er in die Höhe und griff nach einem ihrer Beine, die an der Seite des Stammes hinunter baumelten.

Ein erneuter Schrei entwich ihr, als Valandil sie nach unten zog. Lachend fing er sie auf und setzte sie sanft auf den Boden. Grinsend sahen sie sich an. So war es immer. Tagtäglich ärgerten sie sich gegenseitig und meist endete es in wilden Verfolgungsjagden, wie auch heute. Am Ende wusste meist keiner von beiden, wer nun angefangen hatte.

‚Nimmst du mich nun mit?', Alassë blickte fragend zu ihm auf.

‚Nur wenn du dich benimmst… und täglich für unser leibliches Wohl sorgst.', grinsend wandte er sich zum Gehen und steuerte wieder auf den Baum zu von welchem er gerade erst herunter geklettert war.

‚Ich benehme mich immer, das weißt du doch.' Ihr Engelsgesicht aufgesetzt, lief sie ihm hinterher. ‚Und wenn das die Bedingung ist, dann koche ich dir alles was du willst.'

‚Na wenn das so ist, hab ich ja gar keine andere Wahl als dich mit einzupacken. Ich werde schon eine Tasche finden die deiner Größe entspricht.', schnell begann er den erneuten Aufstieg.

Empört stieß Alassë ihn gegen sein Bein, welches sich gerade auf ihrer Augenhöhe befand. Sein Tempo haltend, folgte sie ihm.

Langsam wachte Alassë auf. Sie fühlte sich als wäre ein tonnenschwerer Güterzug heute Nacht auf ihr geparkt gewesen. Gerne wäre sie wieder in einen etwas wohligeren Schlaf gesunken, doch die Sonnenstrahlen, die durch ihr Fenster fielen, machten ihr dies unmöglich. Zu allem Übel wurden diese durch die Reflektion der goldenen Mallornblätter auch noch verstärkt. Stöhnend zog sie sich ihr Kissen über den Kopf bis ihr unter diesem die Luft zu knapp wurde. An Schlafen war nun nicht mehr zu denken. Mit halb geschlossenen Augen setzte sie sich an den Bettrand und bewegte sich dann schlaftrunken zum Kleiderschrank. Das Kleid vom Vortag konnte sie nicht noch einmal anziehen, da es nicht nur nass geworden war, sondern sich auch ein paar Schlammflecken auf dem Stoff eingefunden hatten. Grinsend dachte sie an Valandils Gesicht zurück, als er sie so gesehen hatte. Irgendwie machte es ihr Spaß ihn zu provozieren. Wahrscheinlich deshalb auch der Traum. Sie griff sich ein hellblaues Kleid aus dem Schrank und schob damit auch alle Gedanken an jegliche nächtliche Begebenheiten von sich fort. Darin war sie gut. Träumen belanglose Bedeutungen zuzuschreiben. Diese erklären zu wollen, hatte sie vor Langem aufgegeben.

Als sie gerade fertig umgezogen war, klopfte es an ihre Tür. Irgendwie besaßen hier alle einen besonderen Sinn fürs Timing. Alassë hoffte, dass es so bleiben würde und dass nicht irgendwann einmal jemand hereinplatzen würde, wenn sie gerade halbnackt auf dem Bett tanzte. Nicht, dass sie jemals schon einmal so etwas getan hätte. Ein erneutes Klopfen unterbrach ihre Gedanken.

„Losung?", rief sie kurzerhand, laut genug, dass ihre Stimme durch die Tür drang.

Kurzes Schweigen.

„Unterwäsche-Model?", drang es von der anderen Seite zu ihr zurück.

„Moment ich komme." Kurz blickte sie noch einmal an sich herunter und ging dann zur Tür um Orophin zu begrüßen.

Zaghaft trat sie vor die Tür. Die elbischen Kleider waren zwar allesamt wunderschön, doch waren sie noch immer etwas ungewohnt für sie. Lächelnd stand Orophin neben der Leiter und musterte sie, ohne jedoch das Wort zu ergreifen.

„Morgen. Hast du was geplant?", begann Alassë das Gespräch.

„Guten Morgen. Nein, ich dachte, dass du spontan sein wolltest."

„Ja, ich frag ja nur. Sonst hört ja auch niemand auf das was ich sage. Wo wohnst du überhaupt? Hab heute wirklich keinen Bock auf Bogenschießen oder so 'nen Scheiß.", mit einem leicht wehleidigen Augenaufschlag in Richtung Orophin, begann sie den Abstieg. Lachend folgte er ihr.

Unten angekommen blickte er sie fragend an. „Du willst also sehen wo ich wohne? Kein Nacktbaden heute?" So ernst er die Frage begonnen hatte, so offensichtlich war sein Grinsen als das letzte Wort ausgesprochen war.

„Hättest du wohl gerne. Dazu musst du mich schon abfüllen."

„Abfüllen?"

„Mir sehr viel Alkohol zu trinken geben." Sie sollte darüber nachdenken ein Wörterbuch zu schreiben: Erde – Mittelerde, Mittelerde – Erde. Dann konnten wenigstens alle selbst nachschlagen was sie meinte.

„Du trinkst Alkohol?", während er eine bestimmte Richtung einschlug, schaute er sie fragend an.

„Klar, jetzt nicht dauernd, aber bei Partys oder wenn man mal in nen Club geht…"

„Bei uns trinken hauptsächlich Menschen, Zwerge oder Hobbits Bier. Ich kenne kaum einen Elben der sich dies zur Gewohnheit machen würde."

„Ähm hallo? Ich nix Elb, auch wenn ich wohnen hier." Sie redete mit ihm als hätte er einen IQ der seiner Schuhgröße nah kam, und er schaute sie an als ob dies auf sie zuträfe.

„So meinte ich das auch nicht. Männer trinken hier Alkohol. Frauen…"

„Schon klar. Nevermind. Außerdem trink ich kaum Bier. Habt ihr hier nichts anderes?"

„Doch schon. Jedoch nur in sehr geringen Mengen, da die Beliebtheit des Bieres kaum zu übertreffen ist."

„Welch Schande!" Theatralisch warf sie die Arme in die Höhe. „Vodka-Lemon, Vodka-Redbull, Batida-Kirsch, Tequila, Berentzen, Baileys oder Sex on the Beach… Okay jetzt hör ich mich wirklich wie ne Alkoholikerin an.", stoppte sie sich selbst und sah grinsend zu Orophin.

Plötzlich blieb Orophin stehen und deutete mit einer kleinen Verbeugung auf den Baum vor dem sie standen.

„Hier befindet sich meine bescheidene Behausung. Und keine Angst, sie liegt direkt auf dem ersten Talan den wir erreichen werden. Nach ihnen edles Fräulein."

„Bloß keine falschen Höflichkeiten mein Herr. Eure Absicht scheint mir offensichtlich. Ihr sucht, die Gelegenheit zu nutzen, mir unter mein Kleid zu blicken." Mit einem leicht pikierten Ausdruck blickte sie die Leiter hinauf und begann mit dem Aufstieg.

Aus den Augenwinkeln sah sie noch wie Orophin zunächst abwehrend die Arme hob, diese jedoch nach kurzem Überlegen wieder sinken ließ, und grinste. Sie sollte Schauspielerin werden, wenn sie ihn schon für nur eine kurze Sekunde hatte täuschen können. Gab es hier Schauspieler? Wahrscheinlich nicht, aber konnte ihr ja egal sein. Bei ihr gab es die, und dahin würde sie ja schließlich auch zurückkehren. Oben angekommen wartete sie bis auch Orophin durch die Öffnung im Holzboden auftauchte, durch welche die Leiter führte.

Neugierig folgte sie seiner erneuten Einladung als er ihr die Tür aufhielt und trat ein. Der Raum war insgesamt etwas größer als ihrer, die Seitenwände waren jedoch nicht in einem Rechteck angeordnet, sondern boten einige größere und kleinere Nischen auf. Die Wände waren mit mehreren großen Bildern geschmückt, von welchen jedes einzelne in einen individuell verzierten Rahmen gefasst war. Die Gemälde zeigten unter anderem wunderschöne Landschaften, eine Kampfszene sowie auch ein Portrait.

„Mach es dir bequem."

Ohne nachzudenken steuerte Alassë auf das große Bett zu, das in einer großen Nische direkt unter dem Fenster stand. Irritiert drehte sie sich um, als sie hinter sich ein amüsiertes Lachen vernahm.

„Was?"

„Das Bett?", lautete Orophins Gegenfrage.

„Oh.. na willst du, diese Holzstühle etwa als bequem bezeichnen?", so leicht ließ sie sich nicht aus dem Konzept bringen, zumindest nicht in der Gegenwart von Orophin.

Ohne die Stühle auf der anderen Seite des Raumes weiter zu beachten, setzte sie sich auf das Bett und lehnte sich gegen die Wand. Orophin stand noch immer neben der Tür.

„Hast du Wurzeln geschlagen? Ich werd' mich schon nicht auf dich werfen und dir die Klamotten vom Leib reißen."

Mit einem hämischen Grinsen setzte sich Orophin nun endlich in Bewegung und ließ sich neben ihr auf sein Bett nieder. Schweigend blickte er sie an und musterte sie erneut von oben bis unten.

„Schau nicht so."

„Wieso? Du hast mich gestern am Fluss auch so angestarrt."

„Ja, da musste ich mir auch warme Gedanken machen, weil ich im eisigen Wasser gesessen hab.", verzweifelt versuchte sie die aufsteigende Röte auf ihren Wangen zu unterdrücken.

„Dir wird also… warm… wenn du mich siehst?", Alassë versuchte in seinem Gesicht abzulesen, ob es genauso versaut gemeint war, wie es geklungen hatte. Seinem Grinsen nach zu urteilen….

„Ja, also… Nein… Ich mein, solange ich in einem Eissee sitze würde mir wahrscheinlich beim Anblick von jedem beliebigen Elben warm werden. Habe zumindest noch keinen gesehen der unattraktiv war…", mit ihrer Antwort zufrieden, schob sie sich das Kissen in ihrem Rücken zurecht. Es hatte ja sogar der Wahrheit entsprochen.

„Du findest mich also attraktiv?", setzte Orophin erneut an.

„Hältst denn nie die Goschen?", triumphierend war es nun an ihr zu grinsen.

„Was?", verständnislos blickte Orophin sie an.

„Ob du nie Ruhe gibst? Ich mein, natürlich muss ein Unterwäschemodel attraktiv sein."

„Nun gut, da hast du wohl recht. Dies ist die oft gerühmte Elbenschönheit, welche auch ich besitze."

Beinahe genüsslich hatte Orophin diesen letzten Satz ausgesprochen und versuchte dann selbigen noch einmal mit einem sinnlichen Gesichtsausdruck zu unterstreichen. Langsam hob er seinen Kopf und blickte verträumt in die Ferne. Bei diesem Anblick konnte Alassë sich dann nicht mehr zurückhalten und brach, nach einigen unterdrückten Glucksern, in schallendes Gelächter aus. Amüsiert und leicht irritiert beobachtete Orophin sie, wie sie nun auf dem Bett lag und ihr Gesicht in der Decke vergraben hatte. Noch immer drang gedämpftes Lachen an sein Ohr. Abwartend schaute er sie an. Langsam richtete sie sich wieder auf und versuchte jegliches Lachen zu unterdrücken, was ihr beim Anblick eines schmollenden Orophins jedoch nicht so recht gelang. Erst als sie Orophins leicht strafendem Blick begegnete, schaffte sie es sich etwas zu beruhigen.

„Tut mir leid, bin schon ruhig."

„Das wäre auch besser für dich."

„Wieso?", hakte sie neugierig nach.

„Weil ich dir sonst die Elbenschönheit meiner Person entziehe und mich in die Gesellschaft anderer Damen begebe."

„Oh das tut weh.", gab Alassë gespielt gekränkt zurück. „Okay, Themenwechsel. Ich halte mich ja nun schon ziemlich lange, für meine Verhältnisse, in deiner Umgebung auf. Ich weiß trotzdem nichts von dir, außer dass dich deine Elbenschönheit rühmt…"

„Willst du mich jetzt auch über eine eventuelle Freundin, wie du es nennst, ausfragen?", und schon hatte das altbekannte Grinsen auf seine Lippen zurückgefunden.

„Nein, ich mein jetzt allgemein, eure Auffassung von ‚Liebe' hat Valandil mir ja schon eindrucksvoll näher gebracht.", wieder einmal verdrehte sie ihre Augen theatralisch zur Decke. Laut ihrer Großmutter war sie kurz davor, dass ihre Augen in dieser Stellung erstarrten.

„Oh ja, etwas plump der Gute. Ich frage mich noch immer, warum ihn dies so aufwühlte. Dass die Menschen anders leben, war ihm doch schon lange bekannt."

„Echt mal, er tut als wäre er mein Priester oder so etwas. Wenn ich wollte, könnte ich machen was ich will."

„Wenn du wolltest? Dass heißt du willst nicht?", fragend schaute er sie an.

„Enttäuscht?", lautete die grinsende Gegenfrage.

„Es trifft mich zutiefst, dass ich mich was dich angeht aufs Nacktbaden beschränken muss.", dramatisch, als wäre er verwundet, ließ er sich rücklings aufs Bett fallen.

„Oh nein, das tut mir leid.", entsetzt beugte sie sich über ihn, „muss ich nun sexy Krankenschwester spielen, damit es dir besser geht?"

„Was?", fragend und mit einem etwas dümmlichen Gesichtsausdruck, richtete er sich ein Stück auf um sie anschauen zu können.

„Ach dir scheint es ja wieder besser zu gehen. Ich wollte mich gerade bis auf die Unterwäsche ausziehen und dich gesund pflegen…", mit einem gleichgültigen Schulterzucken lehnte sie sich zurück an die Wand.

„Mir geht's plötzlich wieder sehr schlecht.", seufzend sank er zurück ins Kissen.

„Ja, ja."

Als Orophin merkte, dass Alassë nicht vorhatte sich weiter dazu zu äußern, richtete er sich erneut auf.

„Wieso bis auf die Unterwäsche?", die Neugier der Elben hatte gesiegt.

„Noch nie etwas von Sexual Healing gehört?", antwortete sie mit einem überlegenen Grinsen.

„Nein, was ist das? Etwas Gutes nehme ich an…"

„Vielleicht erklär ich dir das mal sehr anschaulich, wenn du wirklich halb tot auf dem Bett liegst.", blockte sie verschmitzt ab.

„Tsss, dann eben nicht. Wie Ihr wünscht.", gespielt beleidigt lehnte er sich gegen die Wand und schaute betont auffällig in die entgegen gesetzte Richtung von Alassë.

„Ach Orophin sei doch nicht so.", ging sie auf sein Spiel ein und hatte schnell ihren Dackelblick aufgesetzt, welcher jedoch von Orophin unbeachtet blieb.

„Bitte, bitte, bitte sei nicht mehr sauer.", noch immer fand seine keine Beachtung, obwohl sie mittlerweile seine Mundwinkel leicht zucken sehen konnte.

Langsam rückte sie immer näher, bis sie schließlich direkt neben ihm saß. Langsam beugte sie sich zu ihm, um das letzte Stückchen zwischen ihnen zu überbrücken.

„Ori-Schätzchen, bitte.", flüsterte sie nahe an seinem Ohr. Fast unmerklich zuckte er zusammen.

„Schon gut, schon gut. Aber entferne dich von meinem Ohr.", grinsend stupste er sie ein Stückchen zur Seite.

„Die Dinger sind echt so empfindlich?", neugierig und fasziniert schaute sie zwischen ihm und seinem Ohr hin und her.

„Diese ‚Dinger', sind meine Ohren, und ja das sind sie."

Immer noch fasziniert betrachtete sie sein rechtes, ihr zugewandtes, Ohr. In solchen Situationen brach immer das Kleinkind in ihr hervor: Am besten sofort alles antatschen. Noch bevor sie nur einen Finger rühren konnte unterbrach Orophin sie jedoch.

„Vergiss es, Alassë, mach solche Spielchen mit jemand anders. Hier laufen doch genug Elben rum. Rúmil, Legolas, Valandil…"

„Ih, doch nicht Valandil.", leicht angewidert verzog sie ihr Gesicht.

Überrascht schaute er sie an. „Wieso nicht? Ich dachte du magst ihn?"

„Tu ich ja auch, aber wenn dieses Ohren-gedings so leicht erogene Zonen mäßig angehaucht ist, beziehungsweise vom Gefühl noch etwas südlicher geht, dann doch nicht mit Valandil…"

„Ich habe keine Ahnung was du gerade gesagt hast.", amüsiert blickte er auf sie hinunter.

„Ich meine, wenn eure Ohren wirklich so empfindlich sind, dass es euch sexuell erregt, dann ist es das letzte was ich bei Valandil tun möchte."

„Er sieht doch gut aus, du findest ihn, wie du selbst sagst, nett… „

„Ja aber, dann hätte ich ja irgendwie das Gefühl als ob ich mit meinem Lehrer, meinem Vater, Onkel oder was, oder meiner besten Freundin ins Bett hüpfen würde… ja okay, das ist etwas übertrieben und er ist ja niemand von den aufgezählten Leuten, aber… ach du weißt was ich meine."

„Ja…, obwohl ich nicht weiß wie du zu so einer Beziehung zu Valandil kommst…", er klang noch immer sehr amüsiert.

„Ja, ich auch nicht… du meintest ich darf es mir gemütlich machen?", wechselte sie mehr oder weniger auffällig das Thema.

„Nun… ja.", antwortete ihr Orophin leicht zögernd.

Grinsend streckte Alassë ihre Beine und legte sie quer über die von Orophin, welcher sie nur leicht interessiert beobachtete.

„Das verstehst du also unter gemütlich."

„Ja, hast du nicht gesehen wie sehr ich gerade in die Ecke gequetscht war? Außerdem saß ich da so komisch, dass ich die ganze Zeit auf dein Ohr geschaut hab, und das darf ich ja nicht eingehender untersuchen. Ich bewahre dich also nur vor jeglichen sexuellen Übergriffen meinerseits."

„Sehr interessant zu wissen. Ich danke dir vielmals für deine weise und rücksichtsvolle Voraussicht. Ich möchte dabei nur erwähnen, dass du selbst in diese Ecke gekrochen bist."

„Weil du am schmollen warst."

„Ja, weil du…", ein Klopfen an der Tür unterbrach ihn jäh. „Ja?"

Langsam öffnete sich die Tür und herein trat Valandil. Als er Alassë und Orophin auf dem Bett sitzen sah, blieb er abrupt stehen. Nachdem er den ersten Moment des Schocks überwunden hatte, wandelte sich seine Miene komplett. Nach der ersten eingehenden Musterung, beachtete er Alassë nicht mehr, und wandte sich ganz an Orophin. Seine sonst so gefasste Miene war von Ärger durchzogen und seine Stimme hatte die übliche Lautstärke weit überschritten. Die eigentlich ruhige und melodische Sprache der Elben klang zornig, die Worte beinahe geknurrt. Alassë saß regungslos auf dem Bett und versuchte ihre Fassung wieder zu erlanden.

„Valandil! Halt die Fresse.", schrie sie in einem Moment, den er zum Atemholen genutzt hatte. Perplex schaute er sie nun an. „Sag mal, was soll das ganz Rumgeschreie hier? Bist du bescheuert?"

„Was? Nein, ich… Alassë halt dich da raus."

„Ich halte mich überhaupt nirgendwo raus. Du kommst hier rein, siehst uns wie wir uns unterhalten und fängst an hier in deiner beschissenen Sprache rumzuschreien. Ich glaub du hast sie echt nicht mehr alle, und du gehst jetzt besser!"

Valandil schien wie vor den Kopf geschlagen, zischte noch kurz etwas zu Orophin und verschwand durch die Tür wieder ins Freie.