Chapter12
Noch immer wütend starrte Alassë die Tür an.
„Was zum Teufel ist sein Problem?", wandte sie sich schließlich an Orophin, der jedoch genauso ratlos da saß wie sie.
„Also…", Orophin schien den kaum begonnenen Satz nicht beenden zu wollen, und bei näherer Betrachtung schien er mehr darüber verwirrt zu sein, was Valandil gesagt hatte, als wie er es gesagt bzw. geschrieen hatte.
„Orophin? Was hat er gesagt?", neugierig rutschte sie ein Stückchen näher.
„Er… nichts besonderes… wirres Zeug."
„Ja sicher… sag halt.", drängte ihn Alassë weiter.
„…So genau hab ich ihn auch nicht verstanden…", kurz schienen seine Augen Unsicherheit widerzuspiegeln.
„Das kannst du mir nicht erzählen, du hast sehr wohl… oah nee, er hat dir doch nicht etwa gesagt weshalb ich hier bin?"
„Nein, wieso hätte er das tun sollen, wenn er es nicht einmal dir erzählt?", sein Blick schien wieder gefestigt, doch irgendetwas in ihr widerstrebte ihm zu glauben.
„Oh ja ich find's ganz super. Alle wissen es, ihr könnt mich mal. Du warst der Einzige von dem ich mehr erwartet hätte."
Ohne Orophins Erklärungsversuchen Gehör zu schenken, stürmte sie durch die Tür, durch die auch Valandil erst vor wenigen Minuten verschwunden war. In rekordverdächtiger Zeit, und diesmal ohne darauf zu achten ob ihr irgendwer unter das Kleid schauen konnte, war sie am Fuß der Leiter angekommen. Unten angekommen verweilte sie dort einen Augenblick, um sich orientieren zu können. Die Möglichkeit zurück in ihr Zimmer zu gehen, schloss sie aus, also wandte sie sich wieder einmal in die Richtung in der sie das Tor vermutete. Langsam schlenderte sie den Weg entlang und erreichte nach wenigen Minuten das Tor. Nach kurzem Überlegen wandte sie sich nach rechts um schließlich die Wiese und den Wald zu erreichen. Den Elben, denen sie auf dem Weg begegnete und die ihr allesamt freundlich zunickten, ignorierte sie.
Wieder setzte sie sich an den Hang des Hügels und betrachtete den Wald, welcher sie langsam zu beruhigen schien. Seit sie hier war, war dies nicht zum ersten Mal geschehen. Im einen Moment war sie glücklich und hatte Spaß, im nächsten schrie sie wieder Irgendwen an. Jedoch nicht ohne Grund, wie sie fand.
‚Mach dir darum keine Sorgen, du wirst es nicht umgehen können. Bald wirst du verstehen.'
Erschrocken drehte sie sich nach rechts und gleich darauf zur anderen Seite und starrte schlussendlich zwischen die Bäume auf der Spitze des Hügels. Galadriel konnte sie nirgends entdecken. Leicht verwirrt und doch grinsend drehte sie sich wieder in ihre ursprüngliche Position zurück. Jetzt hörte sie schon Stimmen; was sollte denn noch kommen?
‚Du kannst mich hören, weil du es zulässt.'
Erneut drehte Alassë sich um. „Wo bist du?", ihre Stimme klang skeptisch.
‚Ich genieße die Aussicht, welche mir mein Mallorn gewährt. Spreche nicht, denke und ich werde dich verstehen.'
„Aber…"
‚Hat Valandil dir nie davon erzählt?'
„Doch…", nachdenklich brach sie ab. Noch immer leicht skeptisch, beschloss sie es zu versuchen, es konnte nicht schlimmer sein als mit der Wiese zu sprechen, welche sich zu ihrem Fuße ausstreckte. ‚Doch, das hat er. Aber ich… es ist komisch. Sicher das es funktioniert?'
Galadriel lachte leise bevor sie antwortete. ‚Aber natürlich, du musst dich nur auf den Elben konzentrieren mit welchem du eine Unterhaltung führen möchtest.'
‚Oh, und du kannst alles hören, was ich denke?', diese Vorstellung war Alassë mehr als unangenehm.
‚Nur so lange wie du es zulässt.'
Erleichtert entspannte sich Alassë wieder. ‚Was meintest du damit, was du am Anfang gesagt hast?'
‚Bald wirst du es verstehen.'
Frustriert zupfte Alassë an einigen Grashalmen. Sie hasste es, dass alle ein Geheimnis aus allem machten. Sie fühlte sich wieder wie 10 Jahre alt. Bei fasst allem, was ihr damals Spaß gemacht hatte oder was sie hatte ausprobieren wollen, war ihre Tante sehr schnell darin gewesen, ihr zu sagen, dass sie noch zu klein dafür sei und dass sie dies auch später noch machen könne. Alassë war schon wieder fast vollkommen in ihre Gedanken versunken, als sie leichte Schritte hörte. Langsam drehte sie sich in die Richtung, aus welcher diese ihrer Meinung nach kamen und sah wie sich Legolas von der Spitze des Hügels her näherte. Noch bevor sie sich entschlossen hatte, ob sie ihn nicht einfach ignorieren sollte, hörte sie wie er sich neben sie setzte. Leicht genervt schloss sie ihre Augen und legte den Kopf auf ihre Knie. Nach einigen Sekunden, und nachdem sie ein paar Mal tief durchgeatmet hatte, blickte sie ihn lächelnd an.
„Hi. Schön heute, nicht?"
Skeptisch betrachtete ihr Gegenüber sie. „Was ist passiert?"
Krampfhaft versuchte sie das Lächeln weiter an seinem angestammten Platz zu behalten. „Nichts. Ich sitze hier und genieße den Tag."
„Alassë…", für einen Moment schien ihr, dass er sie hilflos anblicken würde, im nächsten Moment blickte sie aber wieder in ein Gesicht ohne Emotionen.
„Trifft man dich immer hier an?", ergriff Legolas erneut das Wort, als Alassë schweigend neben ihm saß. Er folgte ihrem Blick hinaus auf den Wald und die dahinter liegenden Berge.
„Wenn ich wütend bin ja.", nachdenklich blickte sie ihn nun an. ‚Wer trägt hier bitte eine Maske, Herr Prinz?', fügte sie in Gedanken an, und konnte gerade noch ein höhnisches Grinsen unterdrücken.
So schnell, das sie der Bewegung kaum folgen konnte, hatte er seinen Blick von den Bergen in der Ferne abgewandt und blickte sie nun stechend scharf an. „Wie bitte?"
„Ich sagte, wenn ich wütend bin ja… Ich dachte, ihr habt so phänomenale Ohren.", fragend erwiderte sie seinen Blick.
„Nein, das danach.", den Kommentar über die Ohren schien er vollkommen zu ignorieren.
„Ich hab danach ni… oh.", Alassë stockte mitten im Satz, als sie sich an Galadriels Worte erinnerte. „Du hast es gehört." Peinlich berührt blickte sie auf den Rasen.
„Aber wie… warum ist es dir möglich dies zu tun?", als Alassë nun aufblickte sah sie in ein völlig verwirrtes Gesicht.
„Ja, was weiß ich. Galadriel hat mir da grad irgendwas gesagt gehabt. Aber du glaubst doch nicht, dass ich weiß wie so etwas funktioniert. Du als Elb, vor allem als Prinz mit guter Erziehung, müsstest doch wissen wie das von Statten geht…."
„Ja natürlich, aber du bist keine Elbin."
„Hörst du mir eigentlich zu? Ich hab vor ner Sekunde gesagt, dass ich's eben nicht verstehe, weil ich kein so'n toller Elb bin, wie du.", Alassë spürte wie sie am liebsten schon wieder schreien wollte. Gab es hier vielleicht auch unbefleckte Empfängnis? Dann wäre sie vielleicht schwanger, damit würden sich diese Stimmungsschwankungen auch sehr gut erklären lassen.
Ihren harten Ton ignorierend, fing Legolas an zu lachen. „Nein gibt es nicht. Und ich meinte mit dem was ich zuvor sagte, dass diese Art von Kommunikation eigentlich nur Elben möglich ist."
„Ja, ja schön, mir wird hier ja eh oft genug an den Kopf geworfen, dass ich komisch bin. So what? Drop it dude! Und hör auf meine Gedanken zu hören. Die sind zufälligerweise privat!", jeder normale, gesunde Mensch hätte bei diesem letzten Satz für verrückt erklärt. Seufzend dachte sie wieder an ihr Zuhause bis Legolas ihr lachend Antwort gab.
„Erstens bist du es, die mir ermöglicht etwas zu hören, und zweitens gibt es keine Wesen, die von niemandem als komisch, wie du es sagst, empfunden werden. Du findest uns Elben komisch, und warum sollte mich das stören?"
„Maybe because you simply care? Don't be so damn conceited!", obwohl sie dies Ernst meinte, musste sie sich ein Lachen verkneifen. Natürlich hatte er sie nicht verstanden, und dass sah man ihm an. „Ich hab nur gesagt, dass das eingebildet klingt."
„Vielleicht mag es für dich so klingen, aber sonst würde ich mir ja den ganzen Tag darüber Gedanken machen, was jeder von mir hält, ob mich auch jeder mag, und ob ich mich nicht lieber anders verhalten sollte, damit ich auch allen gefalle…"
„I know it's a curse, and I hate it so much, but I just can't help it.", gedankenverloren sah sie nun wieder in die Ferne.
„Wie bitte?"
„Nichts, ich rede nur mit mir selber, und zwar in Englisch, damit meine Privatsphäre auch erhalten bleibt.", grinsend sah sie neben sich.
„Oh, heißt das ich soll es dir gleichtun?"
„Wenn du Spaß dran hast…"
„Wohl eher weniger. Du hast vorhin gesagt, dass du nur her kommst wenn du wütend bist. Auf wen bist du wütend?", schnell hatte er das Thema gewechselt und sah sie nun wieder forschend an.
„Orophin… Und Valandil, aber mehr auf Orophin.", aggressiv rupfte sie wieder an einigen Grashalmen um den Ärger, welcher sich angestaut hatte, abzubauen.
„Was haben die beiden getan, um dich so in Aufruhr zu versetzen?"
Zunächst verspürte Alassë wieder den starken Drang ihn anzuschreien, dass er nicht so neugierig sein sollte, das Gras konnte ja nicht ewig zum Wut ablassen hinhalten. Zerstören wollte sie diesen schönen Platz nicht. Doch als sie sich zu Legolas wandte, sah sie keine Spur von Neugier, sondern anstelle dessen nur Mitgefühl… und Sorge. Erstaunt beschloss sie ernsthaft zu antworten.
„Valandil hat Orophin irgendetwas über mich gesagt. Was die beiden mir aber nicht sagen wollen. Ich glaub es geht darum, warum ich hier bin…", frustriert wartete sie eine Antwort ab.
„Valandil hat es ihm gesagt?"
„Na ja, eigentlich hat er ihn in eurer komischen Sprache angeschrieen, als er mich und Orophin gesehen hat, wie wir auf seinem Bett saßen und uns unterhalten haben."
„Und woher weißt du, dass er es ihm da gesagt hat?", nachdenklich blickte Legolas sie an.
„Orophin war komisch danach, und es war irgendwie sehr offensichtlich. Ich find es nur total asozial, ich mein, irgendwie sollte ich doch Sachen, die mich betreffen vor Orophin wissen, oder?"
„Ja, oberflächlich betrachtet mag dies zutreffen. Aber vielleicht hatte Valandil einen guten Grund es dir zu verschweigen."
„Ach ja, na sicher. War ja klar, dass du auf seiner Seite bist. Welcher ‚gute Grund' sollte das denn bitte sein?"
„Ich weiß doch nicht einmal, was genau vorhin vorgefallen ist, wie soll ich da auf überhaupt irgendeiner Seite stehen? Ich würde dir den Grund nennen, wenn ich ihn wüsste, aber ich würde wahrscheinlich nicht hier bei dir sitzen, wäre ich eingeweiht. Valandil hat in letzter Zeit häufig Treffen mit der hohen Herrin abgehalten, sie wird mehr wissen, und wahrscheinlich auch vorgeben was zu tun ist.", leicht misstrauisch wartete Legolas, nachdem er geendet hatte, ab, ob Alassë ihn nun anspringen würde, was ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, definitiv der Fall war.
„Er macht also alles was sie sagt?", vielleicht lebte sie ihre Wut ja auf dem Rücken des Falschen aus.
„Ich weiß es nicht, aber ich denke so wird es sein.", Legolas nickte zustimmend.
‚Er hat sich aber noch nie bevormunden lassen!', schoss es Alassë durch den Kopf.
„Wie bitte?", verwirrt blickte Legolas sie an, doch Alassë schien ebenso verwirrt wie er. „Was meinst du damit?"
„Ich… weiß nicht. Der Gedanke war irgendwie plötzlich da. Und…"
Schweigend saßen nun beide da und blickten abwesend in die Ferne. Alassë dachte über die letzten Tage nach und was nicht alles Seltsames passiert war. Legolas hingegen dachte über Alassë nach, warum sie nicht wie die Menschen war, die er kannte und warum Galadriel so an ihrer Anwesenheit interessiert war. Langsam zog Alassë ihre Beine noch näher an ihren Körper und umschlang sie mit beiden Armen. Sie konzentrierte sich. Legolas.
‚Glaubst du, ich komme je wieder nach Hause?', sie wagte es nicht diese Worte laut auszusprechen aus Angst vor der Antwort, die sie erhalten würde.
Nachdenklich wandte sich Legolas ihr zu. Er wollte ihr nicht ihre letzte Hoffnung nehmen, und doch konnte er ihr auch keine geben. ‚Wir können nur abwarten, Frau Galadriel wird dich nicht auf Dauer im Ungewissen lassen, wenn sie sieht wie es dich quält.'
„Am allerersten Abend hat sie mir gesagt, dass ich mir selbst beantworten muss, warum ich hier bin. Und es hat sich nicht angehört als ob sie sehr zuversichtlich sei, dass ich hier wieder wegkomme.", Alassë ließ ihrer Frustration nun wieder freien Lauf, doch die Worte verklangen, ohne dass es ihr besser ging. „Wie zum Teufel soll ich mir den Scheiß selbst beantworten? Soll ich raten? Mir Geschichten ausdenken? Dann komm ich ja echt nie wieder nach Hause…"
„Du vermisst deine Welt sehr oder?"
Mitfühlend hatte er gefragt und blickte sie nun ebenso an. Doch es war zu viel. Die Wut über ihre Unwissenheit wandelte sich schlagartig zu Heimweh und blanker Verzweiflung. Alassë spürte wie sich Tränen in ihren Augen bildeten. Es wuchs ihr einfach alles über den Kopf.
„Ich muss jetzt ge…hen.", sie schaffte es nicht den zunächst belanglosen Ton zu halten. Ihre Stimme brach mitten im Satz zusammen und verriet den wahren Grund ihres plötzlichen Aufbruchs. Schnell stand sie auf und ging ohne sich noch einmal umzublicken davon.
Kurz darauf hörte sie jedoch schon federnde Schritte auf dem Gras, welche ihr schnell folgten. Die ersten Tränen liefen über ihre Wangen und wurden vom Wind wieder getrocknet bevor sie zu Boden fallen konnten. Sie erhöhte ihr Tempo und rannte schließlich so schnell sie konnte in Richtung Stadt. Die Schritte, welche sie verfolgten wurden nicht langsamer.
Plötzlich spürte sie wie sich eine Hand um ihr Handgelenk schloss und sie zwang ihr Tempo zu vermindern und schließlich ganz stehen zu bleiben. Sie drehte sich nicht um. Warum musste er ihr folgen? Niemand hatte sie je weinen gesehen seit ihr Haustier vor 6 Jahren gestorben war. Und damals war es nur ihre Tante gewesen.
Kraftlos versuchte sie sich zu wehren als er sie zu sich umdrehte und sie eindringlich ansah. Immer noch hielt sie ihren Blick gesenkt, schloss sogar kurzzeitig ihre Augen, doch auch dies verhinderte nicht, dass weitere Tränen sich ihren Weg bahnten.
Besänftigend zog er sie an sich heran, investierte jedoch kurz darauf etwas mehr Kraft, als er merkte, dass sie sich noch immer wehrte.
„Lass mich los…", kaum mehr als ein Flüstern.
„Warum?"
Alassë bemühte sich gar nicht erst zu antworten. Der Ton seiner Stimme hatte verraten, dass er keine Antwort von ihr akzeptieren würde. Mit einem letzten Ruck hatte er sie an sich herangezogen und hatte nun seine Arme tröstend um sie geschlungen. Einige Sekunden blieb Alassë still, ließ ihren Tränen an seine Schulter gelehnt freien Lauf. Doch plötzlich, für Legolas unerwartet, stieß sie ihn erneut von sich fort. Als er wieder einen Schritt auf sie zumachte, konnte er neben der Verzweiflung auch Panik in ihren Augen sehen. So schnell, dass selbst er der Bewegung nicht folgen, geschweige denn ausweichen konnte, hatte sie ihre Hand erhoben, welche kurz darauf in schmerzlichen Kontakt mit seiner Wange trat. Perplex starrte er ihr hinterher als sie ihren Weg in die Stadt fortsetzte ohne sich noch einmal umzudrehen.
