Chapter15

Lange lag Alassë noch wach. Lauschte auf das stetige Treiben auf der Erde und in den benachbarten Mallornbäumen. Die Geschehnisse des Tages ließen sie wie so oft nicht los. Und wie so oft, konnte sie ihnen nicht entfliehen. Nachdem sie alle unerklärlichen Vorkommnisse zum hundertsten Mal auf Gimlis Pfeifenkraut geschoben hatte, wiegte sie ein Lied der Elben langsam in den Schlaf.

Langsam wachte sie auf. Der wohlige Geruch von Wald und Wiese umgab sie. Ähnlich wie zu Hause, und doch anders. Stetig veränderten sich die Gerüche und Geräusche je weiter sie ritten. Valandil und ihre beiden Begleiter, zwei Elben, die sie schon seit Jahrhunderten kannte, stärkten sich schon für den Tag, welcher noch vor ihnen lag.

‚Van mathach?' Wie geht es dir, begrüßte Valandil sie sogleich.

‚Mae, a cen?' Gut, und dir, antwortete sie schläfrig, fühlte wie sich ihre Glieder langsam mit Leben füllten. Ihr war es schon immer schwerer gefallen, als ihrem Bruder morgens aufzustehen. Auch wenn dies eine Seltenheit unter Elben war.

Lächelnd beobachtete Valandil wie sie sich aufrichtete und ihn fragend ansah. Er nickte leicht und warf ihr einen Apfel und ein Stück Lembas zu. Geschickt fing sie es auf und begann auch mit ihrem Frühstück, bald würden sie aufbrechen, weiter reiten, der Sonne auf dem Fuß. Sanft lächelte sie bei diesem Gedanken und schluckte den letzten Bissen hinunter.

‚Vin govedich nan eithel, Valandil?' Begleitest du mich zur Quelle, Valandil? Fragend schaute sie zu ihm hinüber während sie aufstand. Lächelnd folgte er ihr. Die Zurückgebliebenen verstauten das Gepäck mit gekonnten Griffen auf den Pferden.

Erschrocken fuhr sie auf. Es war wieder geschehen, und es nahm ihre Gedanken ein, im Schlaf und wenn sie wach war. Wie dickflüssige, schwarze Farbe lief es langsam an ihr herunter, hatte sie bald ganz bedeckt, nahm sie ganz für sich. Und sie konnte nichts dagegen tun. Sie wusste nicht, warum diese Träume anders waren als jene bei sich zu Hause, unterschieden sie sich doch kaum. Bis auf den Punkt, dass eine ihr bekannte Person in diesen Träumen vorkam, dass sie Worte sprach, die existierten, die sie jedoch nicht kannte, nicht kennen sollte, nicht kennen durfte. Es war diese Welt. Wie ihre Träume überraschte sie sie immer wieder mit neuen Dingen, erstaunte sie und rief doch ein Gefühl hervor welches sie nicht kannte. Noch schien dieses Gefühl kaum wahrnehmbar, und doch spürte sie auch, dass es wachsen würde; sie vielleicht erdrücken würde. Sie hatte Angst. Wollte nicht mehr schlafen und beobachtete durch ihr Fenster, wie die Stadt von der aufgehenden Sonne stetig erhellt wurde. Irgendwann zwang sie sich selbst aufzustehen, riss sich aus ihren Gedanken um sich anzuziehen und zu dem mit Gimli vereinbarten Treffen zu gehen.

Langsam ging sie den Weg entlang welcher zur Spitze des Hügels und dem dort stehenden Mallorn führte. Die Leiterwächter nickten ihr freundlich zu und ließen sie passieren.

„Ihr werdet erwartet."

Erleichtert ergriff sie Sprosse um Sprosse auf ihrem Weg zum obersten Talan. Sie hatte befürchtet, sie sei zu früh. So etwas wie Uhren schienen sie in diesem Land nicht zu kennen, und der Morgen war lang. Niemand war zu sehen als sie schlussendlich von der Leiter stieg. Zögernd ging sie auf die Tür zu, welche, wie sie wusste, zu dem Raum führte in dem sie nun schon einige Male mit Galadriel eine Unterhaltung geführt hatte. Gerade wollte sie klopfen, da ihr ein ungebetenes Eintreten unhöflich erschien, als sich die Tür öffnete und Valandil vor ihr stand.

„Guten Morgen, tritt ein, wir warten nur noch auf Gimli selbst."

Die Atmosphäre des Raums schüchterte sie, wie auch die vorigen Male, leicht ein. Wunderschön und einfach, und doch imposant. Schweigend setzte sie sich auf einen Platz neben Valandil, welchen er ihr anbot. Lächelnd nickte Galadriel ihr zu, suchte etwas in ihren Augen ohne das Wort zu erheben.

‚Bald…', flüsterte sie tonlos und nur Alassë verstand und schaute sie fragend an.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, durch welche Alassë vor wenigen Momenten gekommen war. Gimli trat schwer atmend ein. Er schien sich über die Höhe beschweren zu wollen, wie er es immer tat, schloss seinen Mund jedoch wieder als er Galadriel erblickte. Lächelnd verneigte er sich.

„Die Zeit ist gekommen, den Grund eures Kommens zu offenbaren. Gimli Glóinssohn, dir sei das Wort erteilt."

Erwartungsvoll sahen nun alle zu Gimli, Alassë verstand nicht worum es ging. Hatte sie doch gehofft Informationen über sich selbst zu bekommen, auch wenn ihr diese Möglichkeit unwahrscheinlich erschienen war. Gimli trat unruhig von einem Fuß auf den anderen.

„Freunde, der Grund warum wir uns hier in Lórien treffen, ist ein sehr wichtiger. Mir ist eine große Ehre zuteil geworden, und gerne möchte ich sie mit euch teilen. Nachdem Moria nun wieder aufgebaut ist und mit neuem Leben gefüllt wurde, fehlt der Stadt noch immer ein dauerhafter Führer. Nun, da ich Balins Verwandter bin und mein Vater anderweitige Verpflichtungen hat, hat man mich um eben dieses gebeten. Ich weiß mit welcher Verantwortung dies verbunden sein wird, doch Frau Galadriel schien sehr überzeugt von diesem Angebot. So könnte ich aus nächster Nähe bewachen, dass die Tiefen nicht noch einmal aufgeweckt werden.", stolz beendete Gimli seine Rede. Lächelnd wandte Galadriel ihren Blick von ihm auf die Zuhörer und sah in erstaunte Gesichter.

Legolas stand als erster auf um Gimli zu gratulieren. Er freute sich wahrlich mit seinem Freund, und auch die anderen Elben schüttelten ihm anerkennend die Hand. Mit jedem Wort ihrerseits schien Gimli ein Stück zu wachsen, Erleichterung stand in seinem Gesicht.

„Morgen brechen wir auf um rechtzeitig zur offiziellen Feier in Moria einzutreffen. Alassë du bist genau zur richtigen Zeit hier eingetroffen."

Strahlend nickte sie. Sie würde Moria sehen, den Ort von dem Valandil ihr erzählt hatte, der ihm unheimlich war, und der Ort, welcher Gimli so faszinierte.

„Ich weiß nicht, ob sie uns begleiten sollte…", unentschlossen ruhte Valandils Blick auf Alassë, hielt dem ihren stand, als dieser sich mit Zorn füllte. Erstaunte Blicke von Gimli und den Elben trafen ihn.

„Warum sollte sie uns nicht begleiten?", fragte Gimli ihn erstaunt.

„Orks sind wieder gesichtet worden. Und ihrer nicht wenige. Sie fühlen sich sicher, haben sich nach langen Jahren nun wieder gestärkt. Es könnte gefährlich sein auf unserem Weg.", gab Valandil zu bedenken.

„Sie ist nicht allein, und es ist nicht als wären sie eine Übermacht gegenüber uns.", widersprach Orophin Valandil.

Nachdenklich blickte Legolas Valandil an. Er glaubte zu wissen, warum Valandil diese Bedenken aussprach. Es war mehr als ein Jahrtausend vergangen. Und doch schien er nun wieder daran erinnert; auch wenn es kaum vergleichbar war. Alassë war noch immer ruhig geblieben. Sie wollte ihn nicht schon wieder anschreien, vor allem nicht vor all diesen Leuten, insbesondere Galadriel.

„Valandil, verwehre es nicht…", ein wissendes Lächeln umspielte Galadriels Lippen. Valandil senkte seinen Blick zu Boden und nickte leicht.

„Dann also Moria.", nickte auch Gimli zufrieden.

„Und… was nimmt man da mit?", fragte Alassë anschließend zögernd.

Amüsiertes Lachend ertönte um sie herum. Leicht beleidigt kreuzte sie ihre Arme vor der Brust. Woher hätte sie so etwas wissen sollen? Ihrer Meinung nach war es eine berechtigte Frage.

„Ich werde dir helfen, Alassë.", bot Rúmil ihr schließlich an, als sie gemeinsam auf den offenen Talan traten. Mit einem Lächeln nahm sie dankbar an.

Am nächsten Morgen erwachte sie mit den ersten Sonnenstrahlen und stand auf um noch die letzten, ihr möglichen, Vorbereitungen zu treffen. Kritisch stand sie vor dem offenen Schrank. So schön diese Kleider auch sein mochten, zum Reiten sahen sie reichlich unpraktisch aus. Erleichtert griff sie, nach einer Weile des Nachdenkens, nach einem Stück dunkelblauen Stoff. Erst jetzt war es ihr aufgefallen, da es beinahe ganz von anderen Dingen bedeckt gewesen war. Triumphierend hielt sie ihre Jeans in die Höhe, welche mittlerweile wieder sauber war. Schnell zog sie diese an und sofort stellte sich ein Gefühl der Geborgenheit ein. Es war nur eine Hose, und doch war es beinahe das Einzige was sie an ihre Welt erinnerte. Es klopfte. Erschrocken sah sie zur Tür.

„Wer ist da?", fragte sie schlussendlich zögernd.

„Valandil. Darf ich rein kommen?"

Leicht irritiert blickte sie an sich herab. Noch hatte sie nur ihren BH an. Aber eigentlich war es nur Valandil, und viel mehr hatte sie bei sich zu Hause nachts auch nicht getragen. Unsicher blickte sie erneut zur Tür.

„Wenn du allein bist…", seufzend gab sie sich geschlagen.

Die Tür öffnete sich und Valandils Mund tat es dieser gleich, wahrscheinlich um Alassë einen schönen Guten Morgen zu wünschen. Abrupt blieb er stehen, schloss dann schnell die Tür und drehte ihr den Rücken zu. Kopfschüttelnd betrachtete sie diesen. Man sollte meinen in über 2000 Jahren hätte er schon mehr als dies gesehen.

„Hallo? Valandil? Ich bin nicht nackt, also stell dich nicht so an. Mir war schon klar, was ich anhabe, wenn ich ein Problem damit gehabt hätte, hätte ich dich direkt draußen stehen lassen.", leicht genervt klang Alassës Stimme. Zögernd drehte er sich um, stets darauf bedacht Augenkontakt zu halten.

„Ich wollte dir nur etwas zum ankleiden bringen, wie es auch von Nöten scheint. Es ist immer etwas unpassend in einem Kleid zu reisen."

Ihre Rede, weshalb hatte sie sonst bloß die Jeans angezogen? Wohl nicht um sich gleich noch einmal umzuziehen. Fragend sah sie ihn an, merkte erst jetzt, dass auch er wieder seine Kleidung trug, welche sie noch von ihrer ersten Begegnung her kannte. Als Antwort hielt er ihr einige Kleidungsstücke entgegen. Die Hosen, welche sich darunter befanden, legte sie sofort beiseite.

„Wären diese nicht passender, als solche aus deiner Welt?", vorsichtig fragte er nach. Alassë bedachte ihn mit keinem Blick, legte nur die verschiedenen Oberteile auf ihr Bett.

„Ich bin doch nicht bescheuert und zieh Leggins an… 'Tschuldigung, aber frag mich das noch mal nach einer Nulldiät." Verwirrung. Wie immer.

Fertig angezogen, und für einen langen Ritt mehr oder weniger bereit, folgte sie Valandil in Richtung Stadttor. Als sie dort ankamen, erwarteten Orophin, Rúmil, Lólindir, Legolas, Gimli und noch zwei weitere Elben sie schon. Gimli kämpfte bereits mit seinem Pferd, und obwohl es kleiner war als die der anderen, schien er noch immer Probleme mit dem aufsteigen zu haben. Schmunzelnd wurde er von vielen Elben, welche am Rande der Straße standen, beobachtet.

„Wahrlich, der Herr von Moria.", neckte Legolas ihn gerade. Als er Valandil und Alassë kommen sah, nickte er Valandil zum Gruß kurz zu und widmete sich dann wieder seinem Pferd.

Zielstrebig ging Valandil auf zwei noch herrenlose Pferde zu. Alassë blieb einige Meter entfernt stehen und beobachtete Valandil, wie er zunächst ein braunes Pferd leicht am Hals tätschelte und dann das zweite bei den Zügeln nahm und zurück zu ihr ging. Es war schwarz bis auf einen kleinen weißen Stern auf der Blesse. Schnaubend schien es Alassë zu begrüßen. Vorsichtig ließ sie es an ihrer Hand schnuppern und tätschelte zunächst zaghaft seinen Hals.

„Wie heißt es?", fragte sie ohne den Blick von dem schönen Tier abzuwenden.

„Es hat noch keinen Namen… Es gehört nun dir, gib du ihm einen Namen, welcher seiner würdig ist."

„Wie es gehört mir?"

„Frage nicht, nimm es als ein Geschenk. Wie soll es heißen?"

Ehrfürchtig betrachtete sie das Tier. „Aber ich kenne keine Namen für Pferde, und dann auch noch ein solch schönes…", fragend blickte sie zu Valandil. Ohne zu überlegen antwortete er ihr.

„Nenn es Mîr."

„Was…", ‚Juwel' schoss es ihr durch den Kopf, und leicht irritiert brach sie für einige Sekunden ab. „Ähm, was heißt das?", wiederholte sie die Frage, dieses Mal vollständig, als sie sich wieder gefasst hatte.

„Es bedeutet ‚Juwel', ein königlicher Name für ein solch prächtiges Tier. Und…", auch Valandil brach mitten im Satz ab. Doch schien er mehr schockiert als irritiert, so wie Alassë es wenige Sekunden vorher gewesen war. Schockiert über etwas, dass er beinahe gesagt hätte. Aber sie konnte sich auch irren.

„Und was?", bohrte sie nach, als er es vorzog zu schweigen.

Vielleicht, lernte man die Sprache der Elben automatisch hielt man sich in dieser Stadt auf. Magische Schwingungen. Hier war alles möglich. Und mit dieser Erklärung schob sie wieder einmal alle Gedanken von sich. Valandil antwortete ihr nicht mehr. Er widmete sich seinem Gepäck und so entging ihm wie Alassë genervt mit den Augen rollte. Sie unterdrückte jedoch den Impuls ihm an den Hals zu springen. Noch ein paar solcher Situationen und… das konnte doch kein Mensch auf Dauer aushalten. Sie atmete noch einmal tief durch und sah zweifelnd zu Mîr. Das Pferd war groß und ohne Sattel, eine eingebaute Treppe schien es auch nicht zu haben.

„So, meine Herren, wir können dann. Ich kann nicht ewig meine Zeit mit Warten verschwenden!", ließ Gimli währenddessen verlauten. Er saß inzwischen, mehr schlecht als recht, auf seinem Pferd und betrachtete lachend das Treiben um ihn herum. Die Elben ließen sich dies nicht zweimal sagen und schwangen sich beinahe synchron auf ihre Pferde. Nur Alassë stand allein, und etwas verloren neben dem ihren.

„Ähm, Leute?"

Fragende Blicke.

„Ihr hättet nicht zufällig eine Leiter, oder noch besser einen Aufzug, zur Hand?", zweifelnd richtete sie ihren Blick auf die Höhe des Rückens des Pferdes. Lachen erklang. Ob sie überhaupt wussten, was ein Aufzug war? Nun gut Flaschen- bzw. Lastenaufzüge gab es auch in ihrer Welt schon im Mittelalter. Misstrauische Blicke warf sie den Elben zu, nur Gimli sah sie seinerseits mitfühlend an. Sie wurde erstaunlich oft ausgelacht in den letzten Tagen. Wenn man es überhaupt als erstaunlich bezeichnen konnte. Elegant schwang sich Lólindir von seinem Pferd, da er, abgesehen von Legolas, welcher seinen Blick abgewandt hatte, ihr am nächsten war. Schnell hatte er sie an der Hüfte gehalten und mit so viel Schwung aufs Pferd gesetzt, dass sie beinahe auf der anderen Seite wieder abgestiegen wäre, hätte er sie nicht noch zurückgehalten.

Und noch mal geht's weiter :-)