Chapter16
Sie ritten nun seit mehreren Stunden einen schmalen Weg durch den Wald entlang. Anfangs hatte Alassë sich noch interessiert umgesehen; hätte beinahe jeden Baum, an welchem sie vorbei ritten mit einem ‚Oh' bedacht. Mittlerweile wusste sie sowohl, wie viele Zöpfe Mîr in ihre Mähne geflochten hatte, als auch, dass selbst sie besser reiten konnte als Gimli. Sie war seit Jahren nicht mehr geritten und selbst wenn sie diese Art der Fortbewegung öfters praktiziert hätte, so würde es ihr nun wahrscheinlich herzlich wenig weiter helfen. Das Reiten ohne Sattel war ihr in den ersten fünf Minuten noch als angenehm vorgekommen, und nun bestrafte sie sich für dieses Vorurteil. Sie hatten bisher erst einmal eine etwa zehnminütige Pause eingelegt, und waren ansonsten, abgesehen von Gimlis zwei Stürzen, unentwegt weiter voran geritten. Vorsichtig versuchte sie ihr Gewicht so zu verlagern, dass ihre hintere Partie nicht mehr belastet war, was sich letztendlich als überaus schwierig erwies. Sie hatte nun mal nichts anderes als ihren Arsch zum sitzen, dachte sie sarkastisch und versuchte dennoch weiterhin eine bequeme Position zu finden. Plötzlich machte Mîr einen Satz nach vorne, verfiel zunächst in Trapp und dann in einen schnellen Galopp. Bei diesem ersten Satz waren Alassë die Zügel aus der Hand gefallen und nun hielt sie sich krampfhaft an allem fest, was sich nach ein wenig Halt anfühlte. Die meisten der Gruppe hatte sie schon überholt, hörte nur wie Valandil hinter ihr etwas rief. Gerade überholte Mîr den ersten der Gruppe, als dieser blitzschnell nach den Zügeln griff und das Pferd somit langsam zum Stehen brachte. Gerade wollte sie sich bedanken, da der Elb sie vor dem sicheren Tode bewahrt hatte, als sie Legolas sah, welcher sie mit erhobener Augenbraue schweigend anblickte.
„Das hätte ich auch selbst geschafft!", warf sie ihm etwas zu heftig entgegen und riss ihm die Zügel aus der Hand. Er schwieg; lenkte nur sein Pferd wieder in die richtige Richtung und ließ sie stehen.
Verärgert sah sie ihm nach. Spielte der sich immer so auf? Unwillig riss sie an ihren Zügeln und reihte sich wieder in die Gruppe ein, fragende Blicke ignorierte sie.
„Was ist passiert?", Valandil war neben sie geritten.
„Das Vieh hat Gas mit Bremse verwechselt.", stur blickte sie gerade aus. Valandil musterte sie lange.
„Du weißt, dass es das nicht ist wonach ich fragte."
„Ach ja? Hab noch keinen Nobelpreis bekommen, kann auch nicht immer alles wissen." Wann ließ er sie endlich in Ruhe? Ihr war nicht nach reden. Das Reiten war zu viel, die Elben waren zu komisch, und sie war zu einsam und sehr frustriert. Keine gute Mischung.
„Alassë, was ist passiert?"
„Nichts."
„Das geht so nicht weiter, rede mit mir!" Sie schwieg. Mit Nachdruck setzte er noch einmal an. „Alassë!"
„Er hat mich nicht in Ruhe gelassen, nachdem ich ihm das eindeutig gesagt hatte. Und ich hab ihm eine Geknallt.", Wut schäumte in ihr auf. Wut darüber, dass Valandil sie dazu gebracht hatte es erneut in ihre Erinnerung zu rufen, welche sie schlussendlich noch wütender werden ließ.
„Du hast was?"
„Ihm eine geknallt!", wiederholte sie den letzten Teil nachgiebig.
„Nein, ich habe verstanden. Was meinst du?", fragend sah er sie noch immer an, achtete kaum auf den Weg, sein Pferd wusste diesen. So entging ihm auch nicht das genervte aufstöhnen Alassës.
„Habe ihm eine Ohrfeige gegeben?", sie wartete nicht auf eine Antwort, blickte nur stur auf den sich vor ihr schlängelnden Weg. Sie wollte nicht in sein entsetztes Gesicht sehen, welches sie wusste zu erblicken, wenn sie sich nur ein klein wenig zur Seite drehen würde. Legolas hatte es verdient, egal was Valandil sagte.
„Warum?", kurz, knapp, präzise.
„Das geht dich einen Scheißdreck an Valandil!", wütend blickte sie ihn nun an.
„Und ob mich das etwas angeht!", der Ton in seiner Stimme stand dem ihren in keinem Sinne nach. „Legolas! Herkommen!" Die ganze Gruppe vor ihnen drehte sich überrascht um. Zwar hatten alle das Gespräch verfolgen können, bis auf Gimli, welcher nun wirklich erschrocken war, doch kam dieser untypische Ausbruch Valandils unerwartet. Langsam kam Legolas auf sie zugeritten. Er sah nicht so aus als wolle er gleich mit Valandil ein fröhliches Lied anstimmen. Alassë ignorierte er wieder. Sie hatte es so gewollt. Er hatte ihr helfen wollen, weiter nichts. Es hatte ihn getroffen, diesen Ausdruck in ihren Augen zu sehen. Dort war weit mehr Schmerz versteckt, als sie vor sich selber zugab. Und keiner schien es zu bemerken, oder etwas unternehmen zu wollen. Er hatte ihr helfen wollen, und sie hatte ihn von sich gestoßen, wie einen stinkenden Ork. Es war nicht der körperliche Schmerz des Schlages gewesen, viel mehr beunruhigte ihn die Panik in ihrem Blick, und auch Verachtung meinte er gesehen zu haben. Wenn sie nicht wollte, würde er sich ihr nicht mehr nähern. Es war deutlich genug gewesen, und auch er hatte seinen Stolz.
„Du wirst dich entschuldigen.", zischte Valandil zu Alassë bevor Legolas sein Pferd erneut wendete und nun neben ihnen ritt. Ihr empörtes ‚Nein!' blieb Alassë im Halse stecken.
„Was veranlasste dich mich zu rufen? Spürst du Gefahr?", als hätte er nichts gehört, fragte er ihn unschuldig.
„Legolas, ich werde mich nicht mit Kinderspielen aufhalten. Hast du etwas dazu zu sagen?", er schien ruhig, doch man konnte hören wie es innerlich in ihm brodelte.
„Es war wie sie es sagte, bis auf den Grund der Ohrfeige.", er pausierte, wohl um sich die nächsten Worte zu Recht zu legen. Wie vom Blitz getroffen wandte Alassë sich in Legolas Richtung, sah ihn entsetzt an.
„Ich wollte sie trösten." Unbeweglich blickte er ihr in die Augen. Machte es ihm Spaß? Was sollte das?
„Alassë?", fragend und doch auf eine Weise drohend, wandte sich Valandil wieder an Alassë. Er brauchte die Frage nicht auszuformulieren, sie wusste wonach er fragte. Aber sie würde keinem von Beiden die Genugtuung einer Bestätigung geben. Sie zog es vor zu schweigen. Valandil wandte sich wieder an Legolas, da dieser offensichtlich gewillter war ihm Informationen zu geben.
„Weswegen musstest du sie trösten?", mittlerweile schwang leichte Besorgnis in seiner Stimme.
Entsetzt sah Alassë nun wieder zu Legolas. Was würde er ihm sagen? Wie viel hatte er gesehen, gehört, verstanden? Dass es nicht nur leichtes Heimweh gewesen war, wusste er offensichtlich. Und sie wagte sich nicht, sich zu erklären, warum er mehr wusste, als sie gewillt gewesen war preis zu geben.
„Sie hatte nur leichtes Heimweh." Überrascht und dankbar erwiderte sie seinen Blick, welchen er während er gesprochen hatte, nicht von ihr genommen hatte. Misstrauisch musterte Valandil erst Legolas, dann Alassë. Es schien ihm, als wäre dies nicht die ganze Wahrheit.
„Und deswegen hast du ihn geschlagen, Alassë?", eindeutige Skepsis.
Würde sie nun verneinen, würde er weiter fragen, bis sie endlich die Wahrheit sagen würde.
„Ja, habe vielleicht ein wenig überreagiert.", gab sie zerknirscht zu. Zerknirscht nicht wegen der Tatsache, dass sie nun vielleicht endlich einsah, dass sie falsch gehandelt hatte. Nein, zerknirscht, weil sie dieses Zugeständnis gegen ihren eigentlichen Willen hervorbringen musste.
„Dann entschuldige dich… Jetzt!", er schien keine Widerrede zu akzeptieren. Eine klare Anweisung, deren Zuwiderhandlung er nicht tolerierte. Am liebsten hätte sie ihn vom Pferd gestoßen, doch wahrscheinlich wäre sie bei einem solchen Versuch erstens auch vom Pferd gefallen, und zweitens hätte sie dann doch Erklärungen liefern müssen.
„Entschuldigung…", leise, mit Widerwillen, aber doch verständlich für Valandil und Legolas. Valandil schien nicht zufrieden mit dieser Entschuldigung, doch wollte er es dabei belassen. Sie war noch nie gut darin gewesen sich zu entschuldigen.
„Klärt das!", und damit ritt er nach vorne zur Spitze der Gruppe. Schweigend ritten sie nebeneinander her. Sie blickten stur gerade aus oder betrachteten den Wald, vermieden, bis auf wenige, verstohlene Blicke, den Augenkontakt zum anderen. Keiner wollte beginnen. Alassë nicht, da sie immer noch mit sich rang aufgrund der Entschuldigung, welche sie sich hatte abringen müssen und Legolas, weil er nicht sicher war, was sie als nächstes tun würde. Keiner der beiden achtete mehr auf das Tempo der Gruppe und so vielen sie langsam zurück. Vielleicht war Alassë aber auch bewusst langsamer geritten, da sie nicht wollte, dass alle Welt, vor allem Valandil, mitbekam, was sie mit Legolas besprach. Er würde sonst logisch schlussfolgern, würde um die Lüge wissen.
„Lass mich demnächst in Ruhe, wenn ich es dir sage.", die Wut war aus ihrer Stimme gewichen; sie klang nun eher unsicher.
„Es tut mir leid, aber ich konnte dich nicht einfach gehen lassen. Niemand sollte in einem solchen Zustand allein sein, ob Elb, Mensch oder ein anderes Wesen.", mitfühlend sah er sie an.
„Kümmere dich nicht um meinen Zustand. Ich bin kein Sozialfall, der 24 Stunden am Tag überwacht werden muss." Aggressivität hatte zurück in ihre Stimme gefunden.
„Alassë…", er wollte sich nicht weiter mit ihr streiten.
Sie schloss die Augen, konzentrierte sich, um sich zu beruhigen. „Wenn ich nein sage, meine ich nein. Akzeptier das oder lass mich in Zukunft ganz in Ruhe." Sie klang wieder versöhnlich.
„Frieden?", abwartend hielt er ihr seine Hand hin.
Alassë zögerte bevor sie die ihr dargebotene Hand annahm. „Frieden…"
„Darf ich dir eine Frage stellen?", er rechnete fast damit, dass sie wieder wütend wurde.
„Wie gesagt, stellen kannst du sie, ich muss dann ja noch lange nicht drauf antworten…"
„Warum darf Valandil nichts davon wissen?", neugierig beobachtete er ihre Reaktion. Sie dachte nach. Ob über die Frage, oder darüber ob sie ihm überhaupt antworten sollte, wusste er nicht.
„Ich will nicht, dass Leute sich unnötig Sorgen machen oder mich in Watte packen. Ich kriege das schon alles ganz gut alleine hin…"
Schweigend ritten sie eine Weile nebeneinander her. Sie hatte ehrlich geantwortet, und er wollte den gerade erlangten Waffenstillstand nicht gefährden.
„Legolas! Alassë!", durchbrach plötzlich die Stimme von einem der Elben die Stille. Ein alarmierender Unterton schwang mit.
„Komm mit.", rief Legolas Alassë zu und trieb sein Pferd an. Er wartete noch einige Sekunden auf halber Strecke bis sie zu ihm aufgeschlossen hatte und legte dann das restliche Stück zur Gruppe mit ihr gemeinsam zurück. Überrascht sah Alassë, dass die Elben ihre Bögen kampfbereit in der Hand hielten und Gimli, wie zur Probe, bedrohlich mit der Axt schwang. Grimmig starrte er zwischen die Bäume.
„Was ist passiert?", fragte Legolas, und es war keine Unruhe in seiner Stimme zu hören, doch auch er griff vorsorglich nach seinem Bogen. Interessiert musterte Alassë die Elben. Sie war leicht irritiert, jedoch gewann ihre Neugier die Oberhand.
„Warge!", informierte sie einer der Elben an der Spitze der Gruppe.
Warge; es rief eine Erinnerung wach, wie ein Wort, welches auf ihrer Zunge lag und diese dennoch nicht verlassen wollte. Sie hatte diese Bezeichnung schon einmal gehört, fühlt sich als wüsste sie was sie nun erwarten würde. Und dieses Gefühl war nicht positiv, trotzdem konnte sie es nicht einordnen.
„Was ist das?", fragte sie in die allgemeine Unruhe herein, ihre Stimme schien leicht zu zittern.
„Warge, Wölfe.", antwortete Valandil ohne sie anzusehen und spannte einen Pfeil auf seinen Bogen. Ein mögliches Ziel entdeckte sie nicht.
Einige Sekunden schaute sie ihn wie erstarrt an, schien gefangen, ohne sich bewegen zu können. Mit einem Ruck lenkte sie schließlich ihr Pferd rechts vom Weg hinunter neben einen Baum.
„Was tust du da?", fragte Valandil, so dass es sich anhörte, wie ein stummer Befehl es nicht zu tun. Sie überhörte seinen Unterton.
„Wonach sieht's denn aus? Ich suche mir ein nettes Plätzchen zum Übernachten… als ob ich abwarten würde bis die Viecher mich vom Pferd reißen.", ohne ihn anzuschauen, versuchte sie ihr Pferd als Hilfe zum Erklimmen des Baumes zu nutzen. Beinahe wäre sie gefallen; sie strauchelte kurz, bekam aber in letzter Sekunde einen Ast zu greifen.
„Alassë, lass das. Der Baum ist zu klein. Du hast glaube ich keine Vorstellung von der Größe eines Wargs, und sie sind beweglicher als normale Wölfe.", auch wenn er in purer Konzentration den Waldrand und den Weg beobachtete, er schien immer Zeit zu haben sie zu belehren. Kurz blickte er sich um, ob seine Worte zu ihr vorgedrungen waren. In dem Blick, welchen sie ihm zuwarf, lag blanker Horror. Sie ließ sich zurück auf den Pferderücken sinken und blickte sich suchend nach einem größeren Baum um, nur um festzustellen, dass dieses Unterfangen keinen Erfolg haben würde. Sie begann zu zittern, als sich der Ausdruck tiefster Angst auf ihrem Gesicht ausbreitete.
„Alassë du bleibst fern von ihnen. Wir werden dich schützen. Doch es könnte passieren, dass du dein Schwert benutzen musst."
Sie hatte Schwierigkeiten ihre Atmung zu kontrollieren. Sie spürte, dass ihr gleich schwarz vor Augen werden würde, doch das durfte nicht sein. Sie bekämpfte das Gefühl der lähmenden Angst.
„Können wir nicht einfach fliehen?", pure Verzweiflung klang in ihrer Stimme.
Schon seit Jahren hatte sie Angst vor Wölfen und ähnlichem wilden, wolfsähnlichen Getier. Sie wusste nicht, was diese Phobie bewirkt hatte, und doch war sie da. Sie schüttelte es, wenn sie nur das Wort Wolf hörte, geschweige denn was passierte, wenn sie beim Fernsehen aus versehen über eine Dokumentation über diese mörderischen, Angst einflößenden, unberechenbaren Monster stolperte. Und nun das. Tiere, welche als solche bezeichnet wurden, und welche noch wesentlich schlimmer und abartiger zu sein schienen als die ihr bekannten Wölfe. Ohrenbetäubendes Geheul unterbrach ihre Gedanken. Langsam zog sie ihr Schwert, klammerte sich daran als sei es der letzte Strohhalm; die letzte Hoffnung, diesem Albtraum zu entfliehen. Schnell zwang sie Mîr in die Nähe von Valandil, wollte sie doch nicht abseits der Gruppe, als einfachere Beute gesehen werden. Die Pferde wurden unruhig, und schon schwirrte der erste Pfeil durch die Luft, traf sein Ziel bevor sie es überhaupt erblickt hatte. Wütendes Geheul erklang als Antwort. Und in diesem Moment sah sie sie. Mit weiten Sprüngen, mehr als drei Pferdelängen, verringerten sie ihren Abstand zu ihnen, ihrer Beute. Alassë zählte sie nicht. Es mussten mehr als 14 Stück sein, etwa die Hälfte von ihnen trug hässliche Kreaturen auf dem Rücken, welche nur wenig kleiner als sie selbst waren. Die Elben zielten auf die Warge. Einer fiel. Die hässliche, dunkelhäutige Kreatur mit ihm. Es wurde von dem Gewicht des Monsterwolfes zerquetscht. Angeekelt sah Alassë weg.
„Alassë! Träum nicht! Hier geht es um dein Leben!", jede Freundlichkeit war aus Valandils Stimme gewichen. Er konzentrierte sich, traf einen weiteren Warg.
Bis sie die Gruppe erreichten war schon die Hälfte gefallen. Tote, und noch sterbende Kreaturen samt Reiter, verteilten sich auf dem Weg bis hin zum Waldrand. Zwei Reiter liefen mittlerweile zu Fuß auf die Gruppe zu. Sie schwangen Schwerter bzw. gebogene Metallstäbe, welche Alassë nicht beim Namen nennen konnte.
Die Elben zogen nun allesamt Schwerter, welche sie vorher nicht einmal hatte sehen können, Pfeile und Bögen wurden beinahe im Bruchteil einer Sekunde verstaut. Gimli schien sogar erfreut, dass er nun auch endlich zum Schlag ausholen konnte und schwang seine Axt ein letztes Mal bedrohlich über seinem Kopf bevor er sie tief in einer der Kreaturen versenkte. Angeekelt schaute Alassë weg als schwarzes Blut aus der Wunde spritzte. Kurz darauf zwang sie sich doch wieder den Blick zum Kampfgetümmel zu wenden. Die von Gimli getroffene Kreatur lag inzwischen am Boden, welcher vom Blut gefärbt schwarz glänzte. Der Warg auf welchem sie geritten war, leistete ihm in diesem Moment Gesellschaft und verdeckte so mit seinem Körper den grausigen Anblick.
Mîr blieb währenddessen erstaunlich ruhig, tänzelte nur leicht auf der Stelle, wenn ein Warg zu nah heran kam. Und genau dies war nun der Fall. Beruhigend sprach Alassë auf Mîr ein, welche immer mehr nach rechts drängte und nun alles andere als ruhig war. Nervös blickte Alassë sich um. Während sie die Elben beobachtet hatte, hatte sie die restliche Umgebung aus den Augen verloren. Sie hatte sich sicher gefühlt als sie sah wie die Elben und der Zwerg ihre Stärke erfolgreich demonstrierten. Nun sah sie wie ein Warg sich scheinbar unbemerkt von der Gruppe gelöst hatte und sich lauernd von links anschlich. Hätte sie nicht gewusst, dass Tiere nicht lachen können, hätte sie geschworen ein hämisches Grinsen um die entblößten, messerscharfen Zähne spielen zu sehen. Ja, das Scheißvieh wusste genau, dass sie leichte Beute sein würde. Wie gelähmt verfolgte sie seine Bewegungen, bis auf wenige Meter war es nun herangekommen und diese würde es mit nur einem einzigen Sprung bewältigen können. Doch dachte es scheinbar gar nicht daran die letzte kurze Distanz mit einem Sprung zu überwinden. Es schlich weiter heran, ließ sie somit im Unsicheren wann der unvermeidliche Angriff kommen würde. Alassë zitterte und schien sich nun endlich wieder einigermaßen bewegen zu können. Sie spürte wie das Adrenalin durch ihre Adern schoss und sie aus der Starrheit erlöste. Hilfesuchend sah sie zum Rest der Truppe. Jeder war in seinen eigenen Kampf vertieft. Mit plötzlich aufsteigender Wut wandte sie sich wieder dem Warg zu. Der schien ihren Sinneswandel zu spüren und ein Knurren verließ seine weit aufgerissene Kehle, welches sich eher wie ein dumpfes Grollen anhörte. Plötzlich schoss der Warg nach vorne, doch Alassë hatte nur auf eine solche Bewegung gewartet. Mit der gleichen Schnelligkeit hatte sie ihr Schwert geschwungen und traf den Warg seitlich an seiner Schnauze. Das ganze Unterfangen stellte sich als weitaus schwieriger heraus als sie gedacht hatte, denn der Warg griff von links an, das Schwert hatte sie jedoch in der rechten Hand. Nur ein kleiner, blutiger Striemen zeigte sich auf der Schnauze des Wargs. Ein weiterer Angriff, welcher sie nicht weniger forderte als der erste. Der Schlag traf den Warg zwar etwas härter, doch schien ihn dies kaum zu stören. Alassë jedoch überforderte die Koordination des Schlags und die gleichzeitige Wucht. Und so fiel das Schwert, dessen Griff vor wenigen Sekunden noch fest in ihrer Hand gelegen hatte, nun aus ihrer Hand. Das Klirren als es zu Boden fiel, erschien ihr wie ein Donnerschlag. Der Warg vergeudete keine Sekunde, die ihr zur Flucht hätte verhelfen können. Ein erneuter Angriff, welchem sie nur durch einen beherzten Sprung Mîrs nach vorne, in letzter Sekunde ausweichen konnte. Der plötzliche Ruck nach vorne brachte sie aus dem Gleichgewicht, die Zügel hatte sie während des kurzen Kampfes achtlos fallen lassen. Erschrocken griff sie nach etwas das ihr Halt gewähren würde, doch alles was sie zu greifen bekam war die Decke welche lose auf dem Rücken des Pferdes lag. Diese gab dem plötzlichen Zug natürlich nach und fiel mitsamt Alassë rücklings vom Pferd auf den Boden. Schmerzvoll verzog sie das Gesicht, der Warg war für einige Augenblicke vergessen. Krampfhaft versuchte Alassë zu atmen, doch der Aufprall hatte sämtliche Luft aus ihren Lungen gepresst. Plötzliches Knurren machte ihr die eigentliche Situation wieder bewusst. Langsam umrundete er sie, blieb schlussendlich zu ihren Füßen stehen. Suchend tastete sie nach ihrem Schwert, ohne den Blick von der drohenden Gestalt vor sich abzuwenden. Ein erleichterter Seufzer entwich ihr, als sie es tatsächlich fand und wieder fest in ihre Hand schloss. Im gleichen Moment verfiel der Warg in ohrenbetäubendes Geheul und stürzte Sekunden später in sich zusammen. Reglos blieb er auf dem Boden liegen. Drei Pfeile ragten von ihm auf und Alassë spürte wie etwas Warmes ihr Bein herab lief, welches halb unter dem toten Körper begraben war. Völlig erschöpft sank sie mit dem Kopf zurück auf den Boden. Schwer atmend und mit halb geschlossenen Augen wartete sie darauf ob entweder ein weiterer Warg oder einer der restlichen Gruppe zu ihr kam. Welche der beiden Möglichkeiten eintreten würde war ihr mittlerweile beinahe egal. Sie wollte nur Ruhe, ob tot oder lebendig war Nebensache. Hauptsache jetzt sofort.
Da ich so gut drauf bin gibt's noch ein neues Kapitel. Mich würde nebenbei bemerkt interessieren was ihr von den Wargen haltet!
