Ethuil hatte für einen Spaziergang einen viel zu forschen Schritt, aber sie war viel zu aufgewühlt, um darauf zu achten. Nicht nur wegen ihrer Gedanken, die sich nur um das Eine drehten, sondern auch wegen dem Verhalten von Legolas, das sie einfach den Umständen entsprechend unpassend fand. Außerdem würde er sich sowieso an ihr verändertes Verhalten gewöhnen müssen. Je eher er damit anfing, umso besser.
Natürlich hatte er keine Ahnung, worum es eigentlich ging, oder was alles auf ihn bzw. sie zukommen würde, aber trotzdem hatte er kein Recht, sich so zu verhalten. Auch wenn er es wohl nur tat, weil er sich Sorgen um sie machte und sich vielleicht auch etwas betrogen fühlte, da sie ihn nicht einweihte. Aber war es denn zuviel verlangt, etwas Geduld zu beweisen? Schließlich wusste sie selbst erst seit ein paar Tagen davon.
Ethuil seufzte, als sie begriff, dass sie tatsächlich schon längst mit ihm darüber hätte sprechen müssen. Aber sie hatte wohl Angst vor diesem Moment. Angst, dass es nun einen Grund mehr gab, der ihn von den Abenteuern abhielt, die er so liebte. Angst, dass er sich vielleicht nicht so sehr wie sie darüber freuen würde. Angst, dass es auch für sie eine viel zu große Veränderung war.
Trotzdem war die Freude größer, und deshalb hatte sie auf den perfekten Moment gewartet, um diese Freude mit ihm zu teilen. Doch nun schien dieser Moment noch weiter weg als vorher zu sein. Aber sie wollte es ihm sagen, bevor ihre Freunde wieder abreisten, denn auch sie sollten davon erfahren. Doch Legolas hatte den Fehler gemacht, sie in die Enge zu treiben, und ihr Stolz verbot es ihr, es ihm gerade jetzt zu sagen.
Was sollte sie jetzt tun?
Nach einer Weile wurde ihr Gang dann doch langsamer, und sie grübelte weiter über dieses Thema, das sie beide eigentlich sehr glücklich machen sollte. Sie achtete nicht auf den Weg oder die anderen Elben, die ihren Weg kreuzten und sich über die nachdenkliche Prinzessin wunderten, da sie ihnen als stets fröhlich bekannt war. Doch keiner wagte es, sie anzusprechen, und ihre Füße lenkten sie auch bald tiefer in den Wald hinein.
Dort hoffte sie, die nötige Ruhe und Einsamkeit zu finden, doch plötzlich hörte sie leise Geräusche in den Bäumen. Sie wusste, dass es hier keine Wachen gab, die den Wald bschützten, und auch Vögel konnten nie solche Geräusche verursachen. Also sah sie nach oben, um den Störenfried ausfindig zu machen, doch da ließ er sich auch schon auf die Erde nieder und versperrte ihr den Weg.
Ihre Hand flog zu ihrem Dolch, den sie sofort zückte, denn sie sah sich einem schwarzen Monster gegenüber. Zweimal so groß wie sie und mit einem Maul voller spitzer Zähne ausgestattet. Mit seinen langen Beinen bewegte es sich flink auf sie zu, wodurch sie sich nur mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit bringen konnte.
Ihre Gedanken riefen nach Legolas und um Hilfe, während sie sich aufrappelte, und sich das Monster wieder ihr zuwandte. Sie wusste nur zu genau, das sie mit dem Dolch nicht viel anrichten konnte, und auch Legolas wohl nie rechtzeitig kommen konnte, aber sie wollte ihnen beiden eine Chance geben, indem sie um ihr Leben kämpfte.
Immer wieder wich sie dem Monster aus, stach zu, wenn sie eine Möglichkeit sah, es tatsächlich zu verletzen, und verschwendete auch nur wenige Gedanken daran, wo es herkam, und was es hier wollte. Hatte es sie bewusst ausgewählt, oder war sie nur zum falschen Zeit am falschen Ort? Stand es in den Diensten eines Anderen, oder wollte es nur seinen Hunger stillen?
Langsam aber sicher schwanden ihre Kräfte, aber trotzdem lächelte sie, als sie die Stimme von Legolas in ihrem Kopf hörte, der ihr versichterte, dass er auf dem Weg zu ihr war und ihr helfen würde. Dies gab ihr neuen Mut und neue Kraft, und so stürzte sie sich auf das Monster und stach wild um sich. Lautes Gekreisch verriet ihr, dass sie es tatsächlich geschafft hatte, ihm Wunden zuzufügen.
Doch dann passte sie einen kurzen Moment nicht auf und verspürte ebenfalls einen Schmerz. Erst jetzt sah sie, dass das Monster auch über einen Stachel verfügte, den es ihr in diesem unachtsamen Moment in ihre linke Seite gestoßen hatte. Es schien auch alles zu sein, was es gewollt hatte, denn es ließ von ihr ab und beobachtete sie.
So konnte Ethuil nach der Wunde sehen, doch es floss kein Blut. Auch der Schmerz verschwand langsam. Dafür machte sich eine Taubheit in ihrem Körper breit, und sie konnte es nicht verhindern, dass sie regungslos auf den Boden fiel. Sie konnte sich nicht mehr bewegen, und auch ihre Atmung wurde immer flacher. Ihr Geist rief noch ein letztes Mal nach Legolas, auch um ihn zu warnen, während sich das Monster wieder näherte.
Ethuil atmete nicht mehr, als das Monster sein Werk beenden wollte, doch plötzlich wurde es gestört. Seltsamerweise konnte sie noch die Hufe eines Pferdes hören und sah, wie das Monster regelrecht die Flucht ergriff, doch dann wurde es schwarz um sie.
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Legolas hörte nur halb hin, als Merry und Pippin wieder einmal ihr Abenteuer mit Baumbart erzählten. Natürlich auf die selbe anekdoten- und gestenreiche Art, und so verpasste er nicht wirklich etwas. Er war auch viel zu sehr in seine Gedanken verstrickt, die er zwar hatte verhindern wollen, aber letzten Endes dachte er doch über Ethuil nach.
Er konnte sich vorstellen, dass sie jetzt erst recht nicht mit der Sprache herausrücken würde. Und er verfluchte seine Ungeduld, die ihn zu seinen Worten gezwungen hatte. Schließlich vertraute er ihr ja, und wenn sie es ihm noch nicht sagte, würde sie schon ihre Gründe dafür haben und es ihm später schon noch mitteilen.
Vorausgesetzt, seine Ungeduld zwang ihn nicht dazu, Gandalf auszuquetschen.
Dieser schien seine Gedanken zu kennen und ließ ihn auch nicht mehr aus den Augen. Ihm war klar, das Ethuil nicht nur verschwunden war, damit die Männer unter sich waren, sondern weil sich hier ein Ehestreit anbahnte, wenn sie Legolas ncht bald davon erzählen würde. Doch sie schien einen Grund für ihr Zögern zu haben, was wiederum bedeutete, dass die beiden einfach mal miteinander reden sollten.
Vernünftig natürlich.
Und schnell, da die Aufmerksamkeit von Legolas schon arg gelitten hatte. Er starrte schon eine geraume Zeit in seine Teetasse, und sogar den Hobbits fiel dies schon auf. Ihre Erzählung über das Abenteuer war schon fast zu Ende, und würde Sam ihnen nicht mit großen Augen lauschen, hätten sie die Geschichte beleidigt unterbrochen.
"Die Sprache der Ents ist die komplizierteste von allen", warf Gandalf jetzt auch ein und nickte den beiden Erzählern wieder zu, als plötzlich etwas zu Boden fiel und zerschellte. Es war die Tasse von Legolas, deren Scherben es nicht verhindern konnten, dass der Tee über den ganzen Boden floss.
"Legolas, ist alles in Ordnung?" fragte Sam, und alle sahen verwirrt den Elben an, der entsetzt umher sah und so blass wie nie zuvor war.
"Ethuil..." flüsterte er nur und stürmte auch schon aus diesem Zimmer und aus dem Palast zu seinem Pferd. Dabei war es ihm egal, wie schnell die Anderen folgen konnten. Er wusste nur, dass Ethuil in Gefahr war, und er so schnell wie möglich zu ihr musste. Auch wenn er nicht genau wusste, wo sie sich überhaupt befand.
Aber sie hatte sich ihm geöffnet, er hatte eine Verbindung zu ihr, die es ihm leichter machte, aber ihm auch schreckliche Bilder zeigte. Zum Glück kannte er auch die Wege, die sie meistens wählte, und so näherte er sich ihr quälend langsam, während er ihr immer wieder versicherte, dass er rechtzeitig kommen würde, und sie nur durchzuhalten brauchte.
Irgendwo hinter sich konnte er weitere Pferde hören, und es beruhigte ihn zu wissen, dass er nicht allein zu ihrer Rettung kam. Aber auch nur kurz, denn er spürte, dass Ethuils Kräfte langsam aber sicher nachließen. Auch näherte er sich ihr zwar, aber er hatte sie immer noch nicht erreicht. Hatten sie sich wirklich so lange unterhalten, dass sie schon so weit gekommen war?
Doch plötzlich konnte er sie sehen. Und den Schatten, der sich von ihr fort bewegte. Er wollte sich schon einen Pfeil nehmen, um diesen in das Monster zu jagen, aber dafür war es zu schnell verschwunden. Außerdem schwang er sich lieber vom Pferd, um sich neben Ethuil nieder zu lassen und sie in seine Arme zu nehmen.
"Ethuil, kannst du mich hören?" fragte er flüsternd, denn angesichts ihrer starren Augen versagte ihm die Stimme. Er konnte keinen Atemhauch von ihr vernehmen, und ihre Verbindung war unterbrochen, obwohl er ihr nun so nah war. Kein Puls war zu spüren, und auch sonst schien alles verschwunden zu sein, das von Leben in ihrem Körper zeugte.
"Melamin..." Nur langsam reifte die Erkenntnis in ihm, aber umso mehr wusch der Schmerz in seinem Herzen. Und die Schuld, dass seine letzten Worte zu ihr so harsch gewesen waren. Er hatte es versäumt, ihr zu sagen, wie sehr er sie liebte. Jetzt blieb ihm nur noch der Schmerz, der einfach immer weiter wuchs und sein Herz zu sprengen drohte.
Er drückte sie mehr zu sich heran und erstickte die Schmerzensschreie an ihrem Hals. Dabei merkte er nicht, dass Gandalf und die Hobbits aufgeschlossen hatten und nun voller Entsetzen auf die Szene starrten. Er sprach nur leise, elbische Worte, während sie langsam näher kamen, und sich auch erste Tränen in ihren Augen zeigten.
Für den ersten Moment wünschte sich Legolas nichts sehnlicher, als ebenfalls jetzt und hier zu sterben, und allein der Schmerz schien genug dafür zu tun, denn langsam aber sicher tötete er alles Andere ab. Er hätte nichts dagegen, ihr nun zu folgen, und er fragte sich, wie sie damals so stark hatte sein können, als er nicht mehr unter den Lebenden geweilt hatte.
Und da wusste er es plötzlich. Er wusste, was er jetzt noch tun konnte, um sie zurück zu holen, oder ihr zu folgen. Das Ritual, das sie damals bei ihm angewandt hatte, stellte seine letzte Chance dar, und er war mehr als bereit, ihr ebenfalls diesen Gefallen zu erweisen.
Vorsichtig legte er sie ins Gras zurück und ordnete zärtlich ihre Haare. Nur kurz sah er zu den Anderen, von denen nur Gandalf ahnte, was er jetzt vorhatte. Dieser zeigte ihm auch seine Bedenken, doch Legolas würde sich jetzt nicht aufhalten lassen. Der Schmerz würde ihn sowieso früher oder später umbringen, und das hier war die einzige Chance, dass doch noch alles gut gehen würde.
Und so beugte er sich langsam zu ihr hinunter, während Gandalf darüber grübelte, was ihn an diesem Bild störte. Nicht nur, dass die Wunde nicht blutete, da war auch noch etwas Anderes, und es war fast zu spät, als es ihm einfiel.
"Stop! Halt ein!" rief er und richtete seinen Stab auf Legolas, um ihn daran zu hindern, das Ritual durchzuführen.
