"Wage es nicht, mich jetzt aufzuhalten!"

Noch immer hatte Gandalf seinen Stab als ablenkende und auch aufhaltenden Geste auf Legolas gerichtet, doch hatte er nie daran gedacht, ihn auch einzusetzen, trotzdem sah ihn Legolas jetzt mit einem einkalten und doch vor Wut kochenden Blick an. Aber Gandalf wusste, dass dies nicht Wut auf ihn, sondern auf das gerade geschehene war.

Und so merkte Gandalf auch, dass er so dessen Aufmerksamkeit nicht bekommen konnte. Er zog seinen Stab zurück und hockte sich zu ihm, damit er wusste, dass keine Gefahr von ihm ausging. Vielleicht konnte er es ja auf eine andere Art erreichen. Auch wenn Legolas gerade viel zu verwundet im Herzen war, um auf irgend jemanden zu hören.

"Es ist nicht nötig, Legolas", flüsterte Gandalf und sah ihn dabei eindringlich an. "Sie ist nicht tot. Es ist nur ein sehr tiefer Schlaf, aus dem sie in ein paar Stnden aufwachen wird. Du würdest es nur schlimmer machen."

Doch Legolas sah ihn weiterhin so an, als hätte er einen Feind vor sich. Allein von der Kälte in dessen Augen lief Gandalf ein Schauer über den Rücken. Er wartete sehnsüchtig auf ein Zeichen, dass Legolas ihn verstanden hatte, doch nichts geschah. Oder war vielleicht sein Zögern, das Ritual doch noch durchzuführen, Zeichen genug?

"Sieh dir die Wunde an!" versuchte es Gandalf weiter. "Das ist der Stachel einer Spinne gewesen. Erinere dich daran, was Sam erzählt hat. Er hat auch geglaubt, das Frodo tot ist."

Plötzlich kam Leben in den Hintergrund. Sam trat näher heran und versuchte, einen Blick auf die Wunde zu werfen. Nach einer Weile war sämtliche Zurückhaltung verschwunden, und er gestete aufgeregt hin und her. "Er hat Recht! Gandalf hat Recht" Es ist genau wie damals!"

Er konnte so viel gesten, wie er wollte, und auch seine laute Stimme konnte Legolas nicht dazu bringen, Gandalf aus den Augen zu lassen. Trotzdem erschien langsam ein Lächeln auf dessen Gesicht, denn langsam verschwand die Wut aus den Augen von Legolas. Und mit der Erkenntnis kam die unendliche Erleichterung.

Und genauso plötzlich konnte er wieder atmen. Die Luft fand den Weg in seine zitternden Lungen, und auch Tränen erschienen in seinen Augen, die erst fielen, als er Ethuil ein weiteres Mal an sich drückte, doch diesmal aus Freude, dass sie noch lebte. Er hielt sie so lange fest, bis er das sanfte Flattern ihres Pulses spüren konnte. Das war der letzte Beweis, dass er sich so unglaublich geirrt hatte.

"Bringen wir sie nach Hause", flüsterte Gandalf ein weiteres Mal und gestete den Hobbits zu, damit diese schon ihre Pferde besteigen würden. Dann wartete er geduldig, bis sich Legolas so weit unter Kontrolle hatte, um mit Ethuil in seinen Armen aufzustehen und sie zu seinem Pferd zu tragen. Dort nahm sie kurz Gandalf, bis Legolas auf seinem Pferd saß und sie vor sich nehmen konnte.

Kurz danach waren sie schon alle auf dem Weg zurück zum Palast, doch während sich die Hobbits lautstark darüber freuten, dass sie die Spinne rechtzeitig verjagt hatten, sagte Legolas kein Wort, und auch sein Blick verriet nicht, was in ihm vorging. Wahrscheinlich wusste er es selbst nicht, denn Erleichterung, Sorge und auch Schuld kämpften um die Vorherrschaft in seinem Herzen.

Durch die Gewissheit, dass Ethuil noch lebte, war ihm auch so, als würde er wieder leben, doch diese Freude wurde dadurch gedämpft, dass sie noch immer so tief schlief und sich nicht regte. Dazu kam noch, dass dies alles seine Schuld war, da seine Worte sie zu diesem Spaziergang getrieben hatten. Ohne diese Worte würde sie jetzt so fröhlich wie immer sein.

Und so sagte Legolas noch immer kein Wort, als er sie in den Palast und zu ihrem Zimmer trug. Er befahl auf dem Weg nur einer Wache, einen Heiler und den König zu holen. Dann bat er Gandalf, die Tür zum Zimmer zu öffnen, was dieser mit einem kleinen Zaubertrick erledigte, da er nicht mit dem schnellen Schritt von Legolas mithalten konnte.

Dieser legte dann Ethuil sanft in die Kissen und hockte sich danach neben das Bett, um ihre Hand in seine zu nehmen und den Blick nicht von ihrem Gesicht weichen zu lassen. Dabei schien er auch nicht zu bemerken, wie nacheinander Gandalf, die Hobbits, der Heiler und sein Vater das Zimmer betraten. Während sich der Heiler an die Untersuchung der Wunde machte, scheuchte Gandalf die Hobbits wieder hinaus und verließ auch selbst das Zimmer, doch Thranduil blieb auch nachdem der Heiler, der auch nur zum Warten riet, gegangen war.

Auch Stunden später hatte sich nichts an dem Bild geändert, nur fing Thranduil langsam an, auf und ab zu laufen, da er diese Stille nicht mehr ertrug. Er war noch nie so geduldig wie sein Sohn gewesen. Dieser hatte sich die ganze Zeit über nicht gerührt, aber war innerlich so aufgewühlt wie noch nie. Thranduil bewunderte diese Beherrschung nach außen, denn er selbst fühlte imer mehr diesem Drang, irgend etwas zu unternehmen.

Doch er konnte auch nur warten, umher laufen und aus dem Fenster sehen. Aber plötzlich hatte sich das Bild verändert, das sich ihm dort bot, denn es näherten sich drei Reiter. Da schlich sich tatsächlich ein kleines Lächeln auf das Gesicht des Königs, und er dankte den Valar, dass diese Drei es sicher hierher gschafft hatten.

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Auch wenn Legolas nach außen hin die Ruhe selbst war, so herrschte in seinem Inneren doch ein Sturm, der ihn alles um sich herum vergessen ließ. Er wollte Ethuil so lange rufen und schütteln, bis sie endlich aufwachen würde, und er wollte die Spinne jagen, um sie dafür zahlen zu lassen. Aber er konnte beides nicht tun, sondern nur hier warten.

Er war sehr müde, aber konnte es nicht zulassen einzuschlafen, denn er wollte dabei sein, wenn sie erwachen würde, damit sie wusste, dass der Alptraum vorbei war. Und so sah er auch nur kurz auf, als sich wieder einmal die Tür öffnete, um Gandalf herein zu lassen, wie er glaubte, doch dieses Mal sah er keinen weißhaarigen Zauberer, sondern einen Menschen mit vom Reiten zerzausten Haaren, dessen Anblick ihm auch viel lieber war.

"Aragorn!" Die Freude über das Wiedersehen mit seinem Freund lockte ihn zum ersten Mal weg von Ethuils Seite, und kurz darauf begrüßte er diesen mit einer kurzen Umarmung und einem ehrlichen Lächeln. ""Was hat euch aufgehalten? Wegen eurem Trödeln habe ich meine Wette mit Ethuil verloren."

Kaum war ihr Name ausgesprochen, war auch schon das Lächeln wieder verschwunden, und Legolas drehte sich zu Ethuil, die immer noch tief schlummerte. "Jetzt muss ich mir etwas Anderes einfallen lassen, um ihr das zu entlocken, was ihr auf dem Herzen liegt...", murmelte er noch leise, doch Aragorn kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass Nachfragen sinnlos wäre.

"Wie geht es ihr? Und was ist überhaupt passiert?" fragte er statt dessen, während nun auch Arwen das Zimmer betrat und sofort zu Ethuil ging, um den Platz von Legolas eine Weile einzunehmen. Auch Gimli stieß zu ihnen, doch er gesellte sich stumm zu seinen hochgewachsenen Freunden. Dass Legolas ihn überhaupt bemerkte und ihm kurz zunickte, reichte ihm im Moment als Begrüßung.

"Sie ist von einer Spinne angegriffen worden", antwortete Legolas flüsternd und beobachtete dabei Arwens Bemühungen, etwas für Ethuil tun zu können. "Der Heiler und Gandalf sagen, dass sie bald aufwachen wird. Wir haben die Spinne rechtzeitig vertrieben." Er zögerte eine Weile und sah dann direkt in Aragorns Augen. "Ich befürchte, dass es sogar Kankra gewesen ist, und dass Ethuil nicht ihr einziges Opfer bleiben wird."

Aragorn hob überrascht die Augenbrauen, aber er konnte Legolas ansehen, dass dieser lange genug darüber nachgedacht hatte, um sich dessen sicher zu sein. Und um so müde wie noch nie auszusehen. Daher grinste er kurz schief und drückte ihm aufmunternd die Schulter, denn er konnte wiederum Arwen ansehen, dass es Ethul wirklich gut ging, und sie nur aufwachen musste.

"Dann, mein Freund" , sagte er leise. "Werden wir uns auf die Suche nach Kankra machen, um sie dir als handliches Paket zu präsentieren, während du dich ausruhst, damit Ethuil kein übermüdetes Monster an ihrem Bett sitzen sieht, wenn sie aufwacht. Sie wird dann viel lieber ihren geliebten Gatten als Erstes sehen wollen."

"Trotzdem komme ich mit euch!" Legolas ließ sich nicht von Aragorns Lächeln anstecken und fiel diese Entscheidung auch schwer, aber er wollte lieber die Spinne selbst und weit weg vom Palast töten, als zu riskieren, dass sie hier ihren Fängern entwischte. Außerdem würde er sich sofort auf den Heimweg machen, sobald Ethuil nach ihm rief. Und es blieben genug zurück, die sich um sie kümmerten.

"Nun gut, es ist nicht mein Ehebett, das dann die nächsten Nächte kalt bleibt." Aragorn ahnte, dass sich Legolas nicht von seinem Vorhaben abbringen lassen würde, da er sich einmal entschieden hatte. Und sie konnten nun mal jede helfende Hand gebrauchen, obwohl ihnen die Hilfe der Hobbits gewiss sein durfte. Allein Sams Zorn reichte fast so weit wie der von Legolas.

Diesmal schaffte es seine kleine Neckerei, ein Lächeln auf Legolas' Gesicht zu zaubern, das dort aber nur ein Weile verweilte, bis er zurück zu Ethuil ging, um sich zu verabschieden. Aragorn trug derweil den Hobbits auf, sich für die Jagd bereit zu machen, und auch Gandalf wollte sich daran beteiligen. So leerte sich das Zimmer recht schnell, während Legolas auf Ethuils Stirn küsste und ihr flüsternd versprach, bald zurück zu sein.

Dann sah er zu Arwen, die nur verstehend nickte und damit versprach, nicht von Ethuils Seite zu weichen, bis er wieder zurück sein würde. Zum Dank drückte er ihre Hand und ging hinaus zu seinem Pferd, das immer noch auf ihn wartete, um auch Aragorn Gelegenheit zum Verabschieden zu geben.

Dort erwarteten ihn schon die Anderen, und es dauerte auch nicht mehr lange, bis auch Aragorn zu ihnen stieß, und die Jagd endlich beginnen konnte. Sein letzter Blick hinauf zum Zimmer verriet Legolas, dass auch der König auf Ethuil Acht gab, und das gab ihm noch zusätzliche Sicherheit, sich ganz auf die Jagd konzentrieren zu können.