Sie kamen nur langsam voran, da es oft schwer war, der Spur der Angreifer zu folgen. Immer wieder mussten sie absteigen, um sich den Boden genauer ansehen zu können, und auch so dauerte es manchmal lange, bis sie die Spur wieder aufnehmen konnten. Besonders für Legolas war dies eine Qual.
Die Hobbits unterhielten sich über die letzten Ereignisse, aber flüsterten dabei nur leise. Gimli hatte vor einiger Zeit aufgehört, auf die Angreifer zu schimpfen, während Gandalf stumm vor sich hin grübelte. Legolas wollte zu gern wissen, was in diesem Kopf vor sich ging, aber er wusste auch, dass er erst etwas von ihm erfahren würde, wenn dieser es für richtig hielt.
Je länger Gandalf schwieg, desto unruhiger wurde der Prinz. Denn das hieß, dass sie noch lange nicht den Höhepunkt der Ereignisse erreicht hatten. Und das wiederum verstärkte seine Sorge um Ethuil und seinen Vater. Und dementsprechend war er abgelenkt, auch wenn er versuchte, dies nicht zuzulassen.
Trotzdem ritt plötzlich Gimli neben ihm, während Aragorn gerade die Spurensuche übernommen hatte. Er konnte sich denken, was er wollte, aber im Gegensatz zu dem Menschen kam Gimli nicht gleich darauf zu sprechen, sondern ritt erst eine Weile neben seinem Freund. So würde er ihn nicht sofort zum Fliehen bewegen, was Legolas in solchen Fällen gerne tat.
„Sie schläft noch", flüsterte dieser dann doch als erster, vielleicht auch, weil Gimli nicht nachgefragt hatte. „Es geht ihr gut, aber in ihrer Umgebung herrscht Chaos. Es stört ihren Schlaf." Er hatte es zwar aufgegeben, sie zu rufen, aber sich auf irgendein Zeichen von ihr konzentriert. Und soviel hatte er erfahren können.
„Das hätte ich dir auch so sagen könne, alter Freund", scherzte Gimli ein wenig, denn das könnte ihn vielleicht besser ablenken. „Der Bote hatte ja auch nichts Anderes gesagt, nicht wahr?"
„Aber es hat sich seit dessen Abreise zu uns nichts daran geändert", erwiderte Legolas und lächelte sogar ein wenig dabei. „Noch würden wir nicht zu spät kommen. Auch wenn ich nicht weiß, ob das Chaos noch vom letzten Angriff ist. Aber es geht ihr gut."
„Und das ist ein gutes Zeichen, nicht wahr?" hakte Gimli nach. Sicherlich ging im Palast etwas vor, aber sie wussten nicht, wie schwer der König verletzt war, oder ob man den Angriff inzwischen hatte abwehren können. Dies brachte ihnen zwar viele Sorgen, aber trotzdem sollten sie nicht vom Schlimmsten ausgehen.
„Sollte etwas passieren, werde ich es auf jeden Fall bemerken", antwortete Legolas, wobei ihn immer noch Sorgen plagten. Denn dann wäre es ganz sicher zu spät, besonders, wenn sie sich wie jetzt immer weiter vom Palast entfernen würden. Auch wenn ihn dann nichts würde halten können, hätte er einen weiten Weg vor sich, der auch zu weit sein konnte.
„So weit wird es nicht kommen. Sie wird dich mit einem bösen Blick empfangen und fragen, wo du so lange gesteckt hast." Gimli klopfte seinem Freund auf den Arm und bekam dafür ein schon ehrlicheres Lachen. Es brachte wirklich nichts, sich über solche Dinge Gedanken zu machen. Sein Augenmerk sollte auf dem Hier und Jetzt liegen, wo...
„Aragorn, sie sind überall!" Plötzlich hatte er sie gehört, nachdem sie auf eine kleine Lichtung geritten waren. Und genauso plötzlich wurde ihm klar, dass dies der perfekte Platz für eine Falle war. Eine Falle, die kurz vorm Zuschnappen war, da die leisen Geräusche immer näher kamen. Zwar versuchte man, so leise wie möglich zu sein, aber Legolas hörte Grashalme brechen und erschreckte Kleintiere flüchten.
Doch die Worte von Legolas reichten schon aus, um Leben in die kleine Gruppe zu bringen. Sofort waren alle von ihren Pferden gesprungen und entgingen so den ersten Pfeilen. Legolas selbst hatte seinen Bogen bereit und schickte wieder eigene Pfeile, von denen auch einige trafen, wie sie an erstickten Schreien hören konnten. Als die feindlichen Pfeile sich nun auf ihn konzentrierten, musste auch er den Rücken seines Pferdes verlassen.
Die Tiere als Schutzwall benutzend, versammelten sie sich alle im Kreis, und Aragorn und Legolas verschossen immer wieder ihre Pfeile, die so langsam zur Neige gingen. Erst als auch die Anderen nicht mehr schossen, sparten sie ihre Pfeile, da ihnen so auch die Ziele fehlten.
„Sie verschonen die Pferde", stieß Pippin ungläubig hervor, der mit den anderen Hobbits in der Mitte der Gruppe stand, da sie nur von den Pferden kaum geschützt wurden. Ab und zu war immer wieder ein Pfeil durch die Beine der Tiere zu ihnen geflogen, auch wenn sie diese ständig in Bewegung hielten.
„Nein, sie verschwenden nur keine Pfeile², antwortete Aragorn grimmig und zog sein Schwert. „Offenbar haben sie nicht mehr viele. Wir halten sie schon viel zu lange auf Trab."
„Dann lassen sie uns jetzt in Ruhe?" Hoffnung keimte in Merry auf, die aber schnell wieder verflog, als er die Gesichter der anderen sah. Darin war keine Hoffnung, eher das Gegenteil.
„Nein, sie kommen näher." Gandalf legte seinem kleinen Freund die Hand auf die Schulter, bevor er ebenfalls sein Schwert zog. Gimli hob seine Axt höher, und Legolas befestigte seinen Bogen wieder, bevor er seine beiden Kurzschwerter nahm. Auch die Hobbits zogen nun ihre kleinen Waffen.
Für einen kleinen Moment herrschte absolute Stille, bevor die Feinde es aufgaben, ihre Schritte zu verbergen. Immer lauter wurden diese, und sie kamen auch immer näher. Mit leisen Worten trieb Aragorn die Pferde davon, denn er wollte die Tiere wirklich schonen.
Nun ganz ohne Deckung sahen sie zum ersten Mal ihren Feind, obwohl sich dieser schon längst verraten hatte. Es waren Orks, und zwar eine Menge davon. Viel zu viele für ihre kleine Gruppe, und so schickte Legolas noch einen letzten Gruß zu Ethuil. Wie damals bei Helms Klamm war der Ausgang mehr als nur ungewiss.
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"Legolas!"
Mit einem Schrei wachte Ethuil auf und saß augenblicklich senkrecht im Bett. Sie brauchte eine Weile, um zu erkennen, dass sie nur einen schlechten Traum gehabt hatte, auch wenn sie ahnte, dass mehr dahinter steckte. Doch hier war sie in einem sicheren Bett und in Begleitung von Arwen, die sie besorgt musterte.
Schon gut, es ist alles in Ordnung", flüsterte Arwen beruhigend und strich langsam über Ethuils Arm. Sie hatte in den letzten Minuten das Geschehen außerhalb des Palastes am Fenster beobachtet und war bei Ethuils Schrei regerecht zusammengezuckt. Auch sie wusste, dass Legolas und seinen Begleitern etwas geschehen sein musste, und plötzlich war die Sorge um sie und besondern Aragorn wieder da.
"Was ist passiert? Wieso bin ich hier? Und wo ist Legolas?" sprudelte es regelrecht aus Ethuil heraus, während sie sich weiter umsah. Im Zimmer war es ruhig, aber im und vor dem Palast herrschte ein Chaos, das sie noch nicht einordnen konnte. Sie hätte jetzt wohl noch viel mehr Fragen stellen müssen.
"Du bist von einer Spinne gestochen worden, aber du hast deshalb nur geschlafen. Das Gift ist jetzt verschwunden." Arwen wählte ihre Worte mit Bedacht, da sich Ethuil noch weiter erholen musste. "Legolas hat sich Sorgen gemacht und das Tier verfolgt, damit nicht noch Schlimmeres passiert."
Ethuil musste zugeben, das sie noch nicht ganz gesund war, da sie eine Weile brauchte, um diese Worte zu verstehen. Außerdem kamen die Erinerungen nur langsam zurück. Sie tastete nach der Wunde und spürte dort nur noch einen kleinen Schmerz. Nach dem Stich hatte sie geglaubt, sterben zu müssen, aber dann war ihr Legolas im Traum erschienen, und sie wusste, dass sie überleben würde.
"Sie sind in Schwierigkeiten", flüsterte sie, als ihr auch nich die Dinge einfielen, die sie geweckt hatten. "Ich glaube, sie stecken in einem Kampf. Mit Orks. Mit vielen Orks." Sie seufzte schwer und setzte sich auf. Irgendwie musste sie ihm doch helfen können.
"Ruh dich aus, Ethuil", flüsterte Arwen beruhigend und drückte sie in die Kissen zurück. Auch in ihr wuchs die Angst immer mehr, aber sie wusste auch, dass es im Moment Wichtigeres gab. "Sie sind zu weit weg, um ihnen helfen zu können, außerdem ist zur Zeit jeder Schritt außerhalb des Palastes viel zu gefährlich."
Ethuil sah sie daraufhin verwirrt an, bis ihr wieder auffiel, dass es hier im Palast ungewöhnlich laut war. Da wollte sie sich wieder aufsetzen, aber Arwen hielt sie wieder zurück. Doch es genügte ein fragender Blick, und Arwen sprach weiter. "Eine Horde Orks hat den Palast angegriffen, sobald Legolas und die Anderen fprt waren. Es war wohl so geplant."
"Und wie sieht es jetzt aus? Konnten wir sie zurückschlagen?" Nun bekam Ethuil auch Angst um sich und ihr kleines Geheimnis. Um letzteres wohl auch weit mehr.
"Die Orks sind vor einiger Zeit in den Palast vorgedrungen. Der könig ist schon beim ersten Angriff schwer verletzte worden, aber konnte noch einen Boten zu Legolas schicken. Er starb vor einigen Minuten." Arwen berichtete leise und ungewöhnlich ruhig. Was wohl auch daran lag, dass sie sich zusammenreißen musste.
"Der König ist tot?" Ethuil konnte nicht glauben, was sie soeben gehört hatte, aber Arwen sah sie ernst und voller Trauer an. Der Palast war nun ohne Führung und voller Orks. Es musste überall Verwirrung und Chaos herrschen. Was auch immer die Angreifer vorhatten, es schien alles nach deren Plan zu laufen.
"Legolas ist sicherlich auf dem Weg hierher", sagte sie dann leise und kaum gefasst. Würde man sie jetzt suchen, das einzige Mitglied der Königsfamilie, das hier und am Leben war? Würde man sie töten wollen oder als Geisel benutzen? Und was, wenn man von ihrem Geheimnis erfuhr?
"Sie werden alle den Angriff überstehen und so schnell wie möglich kommen. Das verspreche ich dir." Sie hielt Arwens Hand fest umschlungen, denn sie spürte deren Angst um Aragorn, die genauso groß wie ihre Angst um Legolas war. Währenddessen versuchte sie auch, Legolas zu rufen, aber konnte nichts spüren. Sicherlich konzentrierte er sich auf den Kampf, redete sie sich ein, denn die andere Möglichkeit durfte einfach nicht wahr sein. Genauso wenig wie der Tod eines Anderen der kleinen Gruppe.
"Sie haben sich noch nie von Orks aufhalten lassen." Arwen versuchte ein kleines Lächeln und schöpfte neue Kraft aus Ethuils Zuversicht. Sie hatten ja auch schon viel Schlimmeres er- und überlebt. Dieser Angriff war nichts gegen Saurons Streitkräfte. Und diese hatten sie besiegt.
"Und sie fliehen nur vor uns", lachte Ethuil, und für einen Moment hatten sie alle Sorgen vergessen und neue Hoffnung geschöpft. Sie nahmen sich die Kraft vom jeweils Anderen. Irgendwie würden sie es schon schaffen.
Doch plötzlich ertönten wieder Schrie, die vor Orks warnten und um Hilfe riefen. Und dieses Mal waren sie sehr nah. So nah, dass beide zusammenzuckten. Die Orks waren nicht nur im Palast, sondern auch auf dem Weg hierher und wohl auch auf diesem Gang.
"Wir müssen hier weg!" Dieses Mal zog Arwen Ethuil auf die Füße und schlang eine Decke um ihre Schultern. Dann suchte sie alle vorhandenen Waffen zusammen, während Ethuil nach den näherkommenden Schritten lauschte.
"Gibt es noch einen anderen Weg als die Fenster oder die Tür?" fragte Arwen und riss damit Ethuils Aufmerksamkeit von der Tür los. Dort konnten sie jetzt nicht mehr hindurch, und die Fenster waren auch viel zu hoch, um sicher außerhalb des Palastes zu landen. "Gibt es so etwas wie einen Geheimgang?"
"Ich... ich weiß es nicht." Mittlerweile kannte sie den Palast eigentlich auswendig, aber der Schwindel in ihrem Kopf und die bedrohlichen Schritte verhinderten jegliches Denken. Hatte Legolas ihr hier einen gezeigt? Oder gab es wirklich keinen? Sie legte die Hände an die Ohren, um die Schritte nicht mehr zu hören, aber das half auch nicht.
"Denk nach, Ethuil!" drängte da auch Arwen und hielt ihre Waffen fester, doch im nächsten Moment sprang die Tür auf, als wäre sie nicht verschlossen gewesen und aus Papier. Nun gab es keine Barriere mehr zwischen ihnen und dem Feind, der nun die Schwelle überquerte.
Es war zu spät.
