"Naneth, du darfst nicht gehen!" Verzweiflung spiegelte sich in den blauen Augen wider, die sich an die Person in dem kleinen Boot klammern wollten, da sie genau wussten, dass es sehr lange dauern würde, bis sie diese wieder sehen würde. Viel zu lange. Das Schlimmste dabei war wohl, dass es keinen anderen Weg als diesen geben konnte. Nichts hatte dies verhindern können.
"Aber ich muss, ion-nin, das weißt du doch." Immer wieder hatte sie diese Worte sagen müssen, da ihr Sohn im Gegensatz zu ihrem Mann es nicht akzeptieren konnte und wollte, was hier geschah. Bis zuletzt hatte er dafür gekämpft, dass diese Stunde niemals kommen würde, aber auch er hatte es nicht verhindern können. Es brach ihr das Herz zu sehen und zu wissen, wie sehr er darunter leiden würde. Und sie konnte ihm nicht dabei helfen.
"Du darfst nicht gehen, wie brauchen dich!" Ein letzter Versuch, bevor sie seine Worte nicht mehr hören konnte, und doch war es nur wieder diese eine Satz, den er ihr immer wieder gesagt hatte. Daher kannte er auch die Antwort darauf, gegen die er etwas entgegnen konnte. Es gab einfach keinen anderen Weg, so sehr er sich auch bemühte. Dies hier musste einfach geschehen, wie schmerzlich es auch für sie alle war.
"Wir werden uns wiedersehen, Legolas..."
Ein kurzes Blinzeln, und der abwesende Blick des Elben verwandelte sich in den eines scharfen Beobachters. Dies war das einzige Anzeichen, dass Legolas aus seinem kurzen Schlaf erwacht war. Er sah sich kurz um, aber es hatte sich nichts verändert. Noch immer gab es nur hohe Bäume in seiner Umgebung, die nur kleine Tiere in ihren Ästen beherbergten. Alles war so ruhig wie immer, und so konnte er sich beruhigt darum kümmern, dass sein kleines Lagerfeuer für die Nacht verlosch, und sein Magen etwas Lembas zum Frühstück bekam. Die Nacht war wie sein Schlaf und wie immer kurz gewesen.
Genauso wenig hatte ihn sein Traum überrascht, denn diesen träumte er fast jede Nacht, seitdem dies geschehen war. Wieviele Jahre seither vergangen waren, konnte er auch nicht mehr sagen, er wusste nur, dass er es danach nur kurz in seiner Heimat ausgehalten hatte. Alles lief dort weiter so, als wäre nichts geschehen. Nicht einmal sein Vater schien seine Frau in irgendeiner Weise zu vermissen. Kein Wort wurde darüber verloren.
Nachdem ihm klar geworden war, dass der Kampf vorbei und umsonst gewesen war, hatte er sich und seine Gefühle ebenfalls verschlossen, aber trotzdem trauerte er. Doch zu sehen, dass er wohl der Einzige war, erinnerte ihn mehr daran als alles Andere. Es hätte ihm auch geholfen, wenn er seinem Vater hätte beistehen können, aber dieser verweigerte alles, was irgendwie damit zusammenhing. Er lebte auf seine Weise weiter und bezog seinen Sohn nicht mit ein. Da konnte Legolas auch gleich den Düsterwald verlassen, es wäre dasselbe gewesen, nur ohne die Gewissheit, wie allein er wirklich damit war.
Also hatte er dies auch getan.
Dies war jetzt Jahre her. In der Zeit hatte er auch endlich Mittelerde kennenlernen können, ohne dass ihn irgend welche Pflichten zurück in die Heimat riefen, bevor er überhaupt die Grenzen überschritten hatte. Allgemein hatte er sich jetzt viel freier als jemals zuvor gefühlt, in allen Dingen des Lebens, ohne dass es eine Vorschirft gab, die dies einschränkte.
Aber etwas hatte er trotzdem verloren. Eine Heimat. Nirgends konnte er lange bleiben, zog weiter, bevor er Freunde finden konnte, und vermied so das, was er eigentlich am meisten suchte. Vielleicht würde er es wirklich nur im Düsterwald finden, aber dorthin konnte er nicht zurückkehren. Er hatte seine Pflichten und seine Verantwortung als Thronfolger im Stich gelassen, damit wohl auch seinen Vater, wie dieser ihn im Stich gelassen hatte. Selbst wenn er es wollte, er würde wohl nicht mehr mit offenen Armen empfangen werden.
Er war verloren.
Doch noch hatte er sich nicht ganz aufgegeben. Etwas hielt ihn davon ab. Etwas Böses, das sich im Osten regte und sein Herz in Aufruhr versetzte. Wenn er sich auch sonst aus anderen Dingen heraushielt, so wusste er doch, dass dies etwas war, das er nicht so einfach ignorieren konnte. Es war so groß, dass Mittelerde wohl bald verloren sein konnte, doch so sehr er damals nicht aufgeben wollte, als er seine Mutter von ihrem Vorhaben abbringen konnte, so sehr konnte er auch jetzt nicht tatenlos dabei zusehen. Denn es hatte bereits begonnen.
In kleinen Schritten breitete sich das Böse über Mittelerde aus, in Form von herum streunenden Orks und Anderen, das aus seinen dunklen Verstecken kroch. Immer wieder gab es Leid, und hatte er sonst einen Bogen darum gemacht, in dem Vertrauen, dass man sich auch selbst helfen konnte, so konnte er nun nicht mehr wegsehen. Trotzdem überließ er die Anderen sich selbst...
