Er war im Niemandsland. Weit weg von allen menschlichen Siedlungen und außerhalb der elbischen Grenzen. Und hier fühlte er sich auch am wohlsten. Denn dass ihm hier jemand über den Weg laufen würde, war sehr unwahrscheinlich. Hier waren nur er, sein Pferd, die Bäume und andere harmlose Lebewesen, die selbst lieber in Ruhe gelassen wurden. So gesehen war er nicht wirklich allein, aber doch in Frieden.
Zumindest dachte er das. Nachdem er sein Mahl zu sich genommen hatte, machte er sich wieder auf den Weg ohne Ziel, bis er Rauch bemerkte. Kurz hielt er sein Pferd an und überlegte, seinen Weg zu ändern, fort von dem Rauch und denen, die ihn verursacht hatten. Aber was, wenn dies wieder Orks waren? Die nächste Siedlung war zwar weit entfernt, aber auch recht klein. Man würde dort keine Chance haben. Vielleicht konnte er die Menschen dort auf die Orks aufmerksam machen, damit man fliehen konnte. Oder die Grenzwachen von Bruchtal, das ein wenig näher war.
Seinen Weg zu ändern, war dabei das Leichteste. Aber er wusste auch, dass die Sache und die Neugier ihn nicht mehr in Ruhe lassen würden. Zumindest einen Blick konnte er darauf werfen. Sicherlich war dies nur eine Gruppe Jäger, die ihr Feuer für die Nacht zu groß gemacht hatten, aus Angst vor den Orks, von denen sich immer mehr aus Moria heraus trauten. Dann wären seine Gedanken wieder frei.
Er stieg ab und näherte sich der Quelle des Rauches zu Fuß. Sein Pferd ließ er dabei zurück, denn er wollte nicht entdeckt werden. Immer näher schlich er heran. Der Rauch stieg aus einer kleinen Mulde, und er konnte nun erkennen, dass dieser selbst für ein menschliches Lagerfeuer viel zu stark war. Neugierig sah er hinab und fühlte sofort sein Herz schwer werden. Was auch immer hier geschehen war, er kam dafür zu spät.
Hier hatten Orks gewütet, waren weitergezogen und hatten ein Chaos hinterlassen. Legolas sah mehrere tote Männer, die ihr Lager erfolglos verteidigt hatten. Ihre Habseligkeiten waren fast vollständig verbrannt, und sie achtlos zurückgelassen worden. Es musste noch nicht lange her sein, aber er brauchte nicht vorsichtig zu sein. Orks blieben nie lange an einer Stelle ihres Triumphes, sondern zogen bald weiter, auf der Suche nach den nächsten Opfern. Alles Interessante für sie hatten sie mitgenommen und den Rest so gelassen, wie es war, als Zeichen und um Angst zu verbreiten.
Legolas wusste selbst nicht, was er nun tun sollte. Eigentlich müsste er die Toten jetzt begraben, aber es waren so viele, und es gab nichts, womit er dies bewerkstelligen konnte. Er konnte nur nachsehen, ob vielleicht doch noch jemand leben würde, aber die Orks hatten wirklich gute Arbeit geleistet. Er konnte auch nichts finden, was irgendwie für ihn von Nutzen sein konnte. Also was könnte er jetzt noch tun, als den Ort des Geschehens wieder zu verlassen?
Doch dann hörte er plötzlich ein Geräusch, das ihn innehalten ließ. Es war ein schwaches Weinen, gerade so hörbar für seinen Elbenohren, und doch konnte er ihnen nicht trauen. Das konnte einfach nicht wahr sein. Langsam ging er zur Quelle dieses Weinen und sah eigentlich nur wieder eine weitere Leiche. Aber das Geräusch schien von darunter zu kommen, und so drehte er den Mann vorsichtig herum, und es kam tatsächlich das zum Vorschein, was er vermutet hatte. Es war ein Baby, beschützt von dem Mann, der zumindest in dieser Hinsicht Erfolg gehabt hatte. Vielleicht war es auch seine einzige Aufgabe gewesen.
Noch vorsichtiger nahm er das Baby an sich und wickelte es etwas aus der Decke, in der es versteckt worden war und es fast erstickt hatte. Das Weinen wurde lauter, und hilflose Ärmchen streckten sich ihm entgegen. Für einen Moment war er so hilflos, dass er nicht wusste, wie er es ruhig stellen konnte. Aber sein Instinkt sagte ihm, es einfach ein wenig zu wiegen und es spüren zu lassen, dass jemand da war. Tatsächlich wurde es etwas ruhiger, und er konnte einen genaueren Blick darauf werfen.
Wie erwartet war es ein Menschenbaby, vielleicht ein paar Monate alt, und es roch. Er hielt es ein wenig weiter weg, um dem Geruch zu entgehen, aber da schrie es wieder laut auf. Resigniert drückte er es wieder an sich, denn er wollte nicht, dass es die Orks zurückrief. Trotzdem machte er sich daran, es von der Decke und seinen Sachen zu befreien, in denen dieser Geruch steckte. Dabei fiel ewas aus den Kleidungsschíchten, das dort eindeutig nicht hingehörte. Es war ein Ring, wohl das letzte Geschenk seines Vaters, der für ihn gestorben war, und er würde der Letzte sein, der ihm dies verweigerte. Also nahm er den Ring vorerst an sich, um diesen für ihn aufzubewahren.
"Warum kannst du nicht schon in einem Alter sein, wo so etwas nicht mehr passiert?" murmelte er leise auf das Baby ein und suchte dabei nach etwas, das als Ersatz für die verunreinigten Sachen herhalten konnte. Irgendwo fand er ein ungetragenes Hemd, das achtlos in den Dreck geworfen worden, aber trotzdem noch sauber genug war. Schnell wickelte er das Baby darin ein, nachdem er für sich selbst die Notiz gemacht hatte, dass es sich hier um einen Jungen handelte, und tatsächlich hörte dieser nun ganz auf zu weinen. Vorerst.
Denn er brauchte sicherlich etwas zu Essen. Hier gab es nichts mehr, und Legolas hatte selbst nur etwas Lembas dabei. Nun ja, das müsste erst einmal reichen, und so nahm er den Jungen mit sich fort zu seinem Pferd, um ihm dort etwas Lembas anzubieten und darüber nachzudenken, wie es jetzt weitergehen sollte.
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"Iss doch endlich!"
Legolas konnte tagelang in einem Baum sitzen und über die Vergangenheit nachdenken, oder stundenlang an einem Fleck verharren, nur um etwas Wild zu erlegen, aber bereits nach zehn Minuten erfolglosen Fütterns hätte er das Baby am liebsten sich selbst überlassen. Er hatte schon kleine Stücke von dem Lembasbrot abgebrochen, es sanft an die kleinen Lippen gelegt und es dann auch einfach in den Mund geschoben, aber das Baby wollte es einfach nicht zu sich nehmen. Immer wieder flutsche das Brot unter lautem Gebrubbel wieder aus dem Mund heraus, und mittlerweile hatte er auch das Gefühl, dass die kleinen Augen íhn vorwurfsvoll anstarrten. Was konnte er dafür, dass das Baby bisher nur menschliche Nahrung gesehen hatte?
"Ich werde dir keinen Hasen erlegen, dafür ist keine Zeit." Das wäre ja noch schöner. Außerdem würde das Baby so laut wie ein Trinkgelage der Zwerge sein, sollte er es allein lassen. Soviel hatte er bereits von dem kleinen Wesen gelernt. Und dass es eben kein Lembas zu sich nehmen wollte. Dabei würde nur ein kleiner Bissen reichen, und Legolas hätte für die nächsten Stunden seine Ruhe.
Er hatte sein Lager etwas abseits von dem Fundort aufgeschlagen, ein paar Sachen zusammengesucht, da es sicherlich nicht das letzte Mal war, dass er die Kleidung des Babys wechseln musste, und setzte jetzt das Spiel mit dem Lembasstück einfach fort. So schnell würde er nun doch nicht aufgeben, denn er ließ sich auch nicht von einem Baby besiegen. Immer wieder schob er das Stück in den Mund, fing es auf, als es herauspurzelte, und begann das Spiel von vorn. Dabei festigte sich immer mehr der Vorsatz, so bald wie möglich zur nächsten menschlichen Ansiedlung zu reiten und das Baby seinem Volk zu überlassen.
Dort war es wirklich besser aufgehoben. Ganz zu schweigen davon, dass er dann wieder seine Ruhe haben würde. Auch wenn das hieß, dass er sich doch noch mit Menschen unterhalten und sie um etwas bitten musste. Oder könnte es möglich sein, das Baby einfach auf irgend eine Türschwelle zu legen? Dies wäre schnell und am einfachsten. Und wenn es dann an Leute geriet, die es auch nciht fertig brachten, es zu füttern? Naja, dann mussten sie jemand geeigneteres finden.
Wieder einmal schweifte sein Blick aufmerksam durch die Gegend, aber es war nichts Außergewöhnliches festzustellen. So konnte er über den Moment des Aufbruchs und den besten Weg nachdenken, als sein Finger, der immer wieder das Lembasstück zurück in den Mund geschoben hatte, plötzlich ins Leere stieß. Überrascht sah Legolas hinunter zum Baby, das doch tatsächlich das Brot im Mund behielt, darauf herum schmatzte, als würde es erst den Geschmack kosten wollen, und dabei so sehr sabberte, dass er seinen Ärmel in Sicherheit bringen musste. Trotzdem atmete er erleichtert auf und versuchte das nächste Stück, nachdem das erste endlich im Magen des Jungen verschwunden war. Aber zu früh gefreut, das Spiel begann von Neuem.
"Machst du das mit Absicht?" Ganz sicher versuchte das Baby, ihn auf jede erdenkliche Art und Weise zu ärgern. Aber das ließ er sich nicht gefallen. Und er würde auch weiterhin nicht nachgeben. Doch dieses Mal hatte er eine andere Idee. Er ließ nicht nur das Brot in den Mund flutschen, sondern seinen Finger gleich dazu. Und er behielt ihn auch dort. Wieder begann das leise Quengeln, das etwas lauter wurde, als das Baby merkte, dass es das Brot nicht so schnell wieder loswerden würde. Ein kleiner Kampf begann, und fast fürchtete Legolas, der Junge würde ihn noch beißen. Bis er dann feststellte, dass er überhaupt keine Zähne hatte.
Verwirrt runzelte Legolas seine Stirn. Es war nicht das erste Baby, das er in seinen Armen hielt, aber das erste menschliche Baby. Bisher hatte er angenommen, dass diese wie die Elben recht früh ihre Zähne bekommen würden, aber das war hier wohl nicht der Fall. Neugierig tastete er mit seinem Finger etwas in dem kleinen Mund herum. Tatsächlich schien der Wuchs der Zähne gerade erst anzufangen. Außerdem hatte das Baby noch einen ausgeprägten Hang zum Nuckeln, denn sein Finger war plötzlich gefangen.
Mit einem leisen Brummen befreite er einen Finger wieder und ließ das Stück Brot unbeachtet, als dieses fast sofort folgte. Lieber nahm er ein neues und betröpfelte es etwas mit Wasser. Er wartete, bis es so weich geworden war und startete einen erneuten Versuch. Sofort ging das große Sabbern los, und das Stück war verschwunden. Erfreut über seinen Erfolg, grinste er den Jungen an, der ebenfalls lächelte. Aber nicht zufrieden mit sich selbst, da der Hunger gestillt war, sondern zufrieden mit Legolas, da dieser endlich verstanden hatte, wo das Problem lag.
"Ja, ich habe verstanden", murmelte dieser daraufhin und steckte das Lembas wieder weg. "Und du musst verstehen, dass schon ein kleiner Bissen reicht, um den Magen eines ausgewachsenen Mannes zu füllen. Also wird deiner platzen, wenn ich dir noch mehr gebe. Was ich nicht tun werde, ausnahmsweise, auch wenn du noch so laut jammern wirst." Er grinste wieder kurz und wunderte sich selbst ein wenig, warum er mit dem Baby sprach, da es ihn sicherlich nicht verstehen konnte. Er seufzte und ließ es auf sich beruhen, bevor er mit dem Baby auf seinem Arm sein Pferd bestieg und sich auf die Suche nach der nächsten Ansiedlung machte. Je eher er es loswerden würde, desto weniger Schaden konnte es anrichten. Er würde nicht mehr mit jemanden sprechen, der nicht zuhören oder antworten würde, und vielleicht sogar seine Kleidung vor Geruchsattacken schützen können.
