Der Ritt bis zur nächsten Ansiedlung war nicht ganz so einfach, wie Legolas es sich vorgestellt hatte. Es war zwar einfach, das Baby die ganze Zeit dabei zu halten, aber es weigerte sich irgendwie, ihn wieder aus den Augen zu lassen. Ganz im Gegenteil fand es irgend etwas an ihm interessant, und wenn es nur seine Haare waren, die es in seiner Hand festhielt und ab und zu daran zerrte. Nach ein paar Versuchen, ihm diese wieder weg zu nehmen, gab er es dann doch auf, da das Baby sich immer wieder eine Strähne suchte und erst dann zufrieden war, wenn es eine gefunden hatte.

Außerdem fühlte er sich langsam beobachtet. Dies war kein gutes Gefühl, auch wenn es nur ein Baby war, das dies auslöste. Immer wieder sah er zu ihm hinunter, entdeckte nur immer dieses kleine, wissende Lächeln und versuchte auch, das Baby so zu legen, dass es ihn nicht mehr ansehen konnte, nur leider wurde es dann so unruhig, dass es gar nicht mehr so einfach war, es festzuhalten. Er musste wohl diese Blicke über sich ergehen lassen, obwohl er sie überhaupt nicht mochte.

Und er musste sich wohl damit abfinden, dass die Reise länger dauern würde, als er es eingeplant hatte. Denn immer wieder kam es zu Unterbrechungen. Sei es, weil er wieder diesen unerträglichen Geruch in die Nase bekam, oder das Baby lautstark verkündete, dass es Hunger hatte. Er selbst war bisher mit weniger Lembas zurecht gekommen, und er fragte sich ernsthaft, wohin der Magen des Babys das alles verschwinden ließ. Wenn dies so weiterging, würden seine Vorräte bald aufgebraucht sein. Und der Magen des Kleinen wohl doch nicht platzen.

Er hatte gerade den Wald hinter sich gelassen und musste nur noch einen kleinen Hügel hinunter reiten, um im nächsten Tal auf die ersehnte Ansiedlung zu treffen, als wieder einmal dieser Geruch aufstieg, und er schwer seufzte. Musste das ausgerechnet jetzt passieren? Zusätzlich fing es auch wieder an zu quengeln, was einen ungesehenen Ritt in das Dorf unmöglich machte. Oder er musste wieder eine Rast einlegen. Zweiteres war wohl das kleinere Übel, und so stieg er ab, um dem Baby eine neue Windel anzulegen.

"Jetzt weiß ich, wo das ganze Lembas hin ist", murmelte er dabei, und als hätte es ihn verstanden, kicherte das Baby auf und fingerte wieder nach seinen Strähnen. Vielleicht wollte es ihn auch nicht loslassen, aber diesen Gedanken verdrängte er gleich wieder. Schließlich würde er es bald los sein. Dann würde es sich wieder an menschliche Nahrung gewöhnen müssen. Was ja auch richtig war. Schließlich war es ja ein menschlicher Junge.

Trotzdem zögerte er eine Weile und beobachtete das Dorf aus der Ferne. Es lag ganz friedlich da, alle kamen ihren Tätigkeiten nach, und es schien tatsächlich der perfekte Ort für das Baby zu sein. Aber warum zögerte er dann? Schließlich wollte er es so schnell wie möglich wieder los werden, und wer wusste, wo das nächste Dorf lag, und ob es dort auch so friedlich sein würde. Vielleicht würden sich Orks in der Nähe aufhalten oder es bereits überfallen haben. Besser als jetzt konnte es einfach nicht werden.

Legolas riss sich von dem Anblick los und stieg wieder auf sein Pferd, um dorthin zu reiten. Wieder sah er auf das Baby hinunter, dass ihn nun nicht mehr lächelnd, sondern schon fast ernst ansah, sich aber trotzdem immer noch an eine Strähne klammerte. Ahnte es wirklich, was jetzt passieren würde? Und hatte es womöglich etwas dagegen? Nein, das konnte nicht sein, es hatte ja schließlich noch nicht einmal Zähne.

"Das dort sind deine Leute", murmelte Legolas wieder, um es zu beruhigen. "Sie werden sich richtig um dich kümmern. Ich kann und will das nicht." Es war wirklich das Beste, redete er auch sich selbst immer wieder ein, während er langsam durch das Dorf ritt und sich alles genau ansah. Natürlich hielten sofort alle Dorfbewohner in ihren Arbeiten inne und starrten ihn unverhohlen an, aber das lag wohl daran, dass sie eher selten Besuch von einem Elben bekamen. Und auch noch von einem, der ein Baby im Arm hielt, das leise vor sich hin protestierte.

Besonders viele Menschen hatten sich in der Dorfmitte versammelt, und Legolas entschied sich, dort anzuhalten und vom Pferd zu steigen. Dann wartete er, bis sich einer als Sprecher des Dorfes zu erkennen gab, der sich nach einer Weile auch von den Anderen löste und auf ihn zu kam. Sein Blick schweifte immer wieder zwischen Legolas und em Baby hin und her, das nun nicht mehr protestierte, sondern den Neuankömmling neugierig beobachtete.

"Mein Name ist Legolas", sprach er diesen Menschen einfach an, da dieser keine Anstalten machte, als Erster zu sprechen. "Dieses Baby ist der einzige Überlebende eines Überfalls durch Orks, und da es sich um einen Menschen handelt, möchte ich es auch in der Obhut von anderen Menschen lassen." Damit hatte er alles erklärt und wartete nun auf eine Reaktion seines Gegenübers, der ihn aber erst einmal nur geschockt und ungläubig ansah. Es selbst betete zu den Valar, dass man ihn nicht abweisen würde.

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"Wir können es nicht annehmen."

Legolas sah den Mann sehr ungläubig an, als dieser es ablehnte, das Kind in seine Gemeinschaft aufzunehmen. Sicherlich hatte er bisher keine hohe Meinung von den Menschen gehabt, aber das hätte er ihnen auch nicht zugetraut. Selbst die Orks kümmerten sich um ihren Nachwuchs. Zwar auf eine andere Art und Weise, aber das zählte nicht.

"Wie, ihr könnt es nicht annehmen?" fragte er nach. "Es ist ein Menschenkind, es ist gesund und hat niemanden. Ohne euch wird es verhungern." Vielleicht half es ja, an das Mitleid der Menschen zu appellieren. Das half meistens. Er sah auch besonders die Frauen an, da diese für so etwas empfänglicher waren, aber diese sahen lieber weg. Aus Furcht, wie er feststellen musste.

"Kümmert ihr euch darum. Das habt ihr doch auch bisher gemacht", lautete die knappe Antwort, und man begann, ihn einfach stehen zu lassen und sich wieder um die Arbeit zu kümmern. "Wir können uns so kaum ernähren. Noch ein Maul zum Stopfen können wir uns einfach nicht leisten", fügte der Mann noch hinzu, bevor auch er sich wieder seiner Arbeit widmete. Das klang zwar relativ verständlich, aber Legolas wurde trotzdem wütend. Auf keinen Fall würde er mit dem Kind das Dorf wieder verlassen. Er würde sie zur Not zwingen, sich um das Baby zu kümmern.

Nach einem kurzen Blick auf das Baby löste er dessen Hände um seine Haare und trug es hinüber zu einem Tisch, der vor der kleinen Taverne hier stand, bevor er es einfach darauf ablegte. Für alle sichtbar, sodass es einfach nicht übersehen werden konnte. Dann drückte er kurz eine kleine Hand zum Abschied und drehte sich einfach weg, um zu seinem Pferd zu gehen, aufzusitzen und so schnell wie möglich zu verschwinden. Er konnte sich denken, dass das Baby sofort anfangen würde zu weinen, und seltsamerweise wollte er dies nicht mehr hören.

Nur leider hatte er seine Rechnung ohne seine Elbenohren gemacht, denn die konnten nicht nur die überraschten Rufe hören, sondern auch das Jammern das Babys, das jetzt wohl mehr als nur verwirrt war. Aber er versuchte, es zu ignorieren. Er hatte sich schon lange dazu entschieden, den Jungen hier zu lassen, und er hielt nun mal an seinen Entscheidungen fest. Daran konnte auch so etwas nichts ändern. Zielstrebig ritt er immer weiter, bis er das Dorf verlassen und im Wald verschwunden war. Erst dort hörte er nichts mehr.

Er war nun wieder allein und hatte auch kein richtiges Ziel mehr. Also entschloss er sich dazu, wieder eine Rast zu machen. Schließlich musste er nachsehen, wieviel Lembas er überhaupt noch besaß, und er musste sich für ein neues Ziel entscheiden. Würde er weiter durch diesen Wald streifen, oder einfach mal wieder Richtung Osten reisen, um sich dort ein wenig umzusehen? Er fragte sich auch immer wieder, wie viele Orks denn nun wirklich schon durch Mittelerde streiften, und vielleicht würde er ja dort eine Antwort finden.

Doch zuerst kontrollierte er seine Vorräte und musste tatsächlich feststellen, dass sie arg geschrumpft waren. Er fluchte leise auf das Baby, nahm sich vor, das nächste einfach liegen zu lassen und sah dabei automatisch in die Richtung, in der das Dorf lag. Es würde jetzt wohl nie wieder Lembas zu essen bekommen, was aber kein Bedauern in ihm ausläöste. Ganz im Gegenteil freute er sich für jeden Elben, dass dieses nun wohl nie ausgehen würde.

Irgendwie ließ ihn das Dorf oder der kleine Mensch dort noch nicht los, und so ging er wieder ein Stück zurück, sodass er das Dorf wieder beobachten konnte. Er fragte sich wirklich, ob man sich des Kleinen annehmen würde, obwohl er sich auch immer wieder sagte, dass es ihm doch eigentlich egal sein konnte. Schließlich mussten die Dorfbewohner das Geschrei ertragen, und er nicht. Sie mussten sich entscheiden, was aus dem Baby wurde, ihm sollte das egal sein. Genau, wie ihm das Schicksal seines Vaters und seines Volkes egal war, wie denen sein Schicksal.

Das Dorf sah so ruhig wie vorhin aus. Nichts deutete mehr auf seinen Besuch hin, und trotzdem suchten seine Augen nach dem Baby, das aber nicht mehr auf dem Tisch zu liegen schien. Man hatte sich wohl seiner angenommen, und seltsamerweise atmete er da auf. Mit einem kleinen und siegessicheren Lächeln wollte er sich abwenden, als sein Bkick dann aber auf etwas am Dorfrand fiel. Es war das Baby. Es lag dort. Allein und auf dem dreckigen Boden.

"Das darf doch nicht wahr sein!" Man hatte ihn übertrumpft. Sie hatten den selben Trick wie er angewendet, und beinahe sah er es als eine persönliche Herausforderung an. Erwarteten sie etwa, dass er jetzt zurückkehren und das Baby wieder mitnehmen würde? Hatte er sich nicht klar genug ausgedrückt? Er würde sich nicht um das Baby kümmern, das war ihre Aufgabe. Er würde sich dies nicht von ihnen aufdrängen lassen. Sollte dem Kind jetzt etwas passieren, so war es ihre Schuld.

Die Welt hatte ihn allein gelassen, warum sollte es Anderen nicht auch so ergehen?