Stunden später war immer noch nichts passiert. Es begann bereits dunkel zu werden, und noch immer hatte keiner Erbarmen mit dem Baby. Auch Legolas nicht. Und doch war er immer noch da und beobachtete das Dorf. Je länger er wartete, desto sicherer wurde er in seiner Meinung über die Menschen. Sie waren wirklich nicht besser wie Orks, und wahrscheinlich waren es die Elben auch nicht. Also konnte doch das Dunkel aus dem Osten kommen. Niemanden würde dies stören, und keiner Leid erfahren. Die Welt war schlecht.

Das Baby hatte mittlerweile angefangen zu schreien. Es schrie nach jemanden, der sich seiner annehmen würde, aber jeder ignorierte es. Vielleicht war es auch seine Art von Rache, denn irgendwie musste es den Dorfbewohnern zumindest auf die Nerven gehen. Bei Legolas war es zumindest so, denn auch von hier oben auf dem Hügel konnte er es hören. Vielleicht nicht so laut wie die Dorfbewohner, aber doch laut genug, um es einfach nicht aus den Augen zu lassen. Schon mehrmals hatte er versucht weiterzureiten, doch bisher hatte er es nicht geschafft. Warum auch immer.

Es war bereits vollkommen dunkel, als das Schreien abrupt endete. Legolas glaubte schon, dass sich vielleicht doch jemand erbarmt hatte, aber er konnte niemanden sehen. Es war vollkommen still im Dorf, und das Bündel lag noch an der selben Stelle. Hatte das Kind seine Hoffnung ausgegeben, oder war es bereits tot? Verhungert oder erfroren, da die Nacht recht kalt war? Wenn es tot war, brauchte er sich ja nicht mehr aufzuhalten und konnte weiter seines Weges ziehen. Also saß er auf und ritt nun endgültig los.

Erst kurz vorm Dorf fiel ihm auf, dass er doch nicht fort, sondern zurück zum Kind geritten war. Er wunderte sich über sich selbst, aber da er schon einmal hier war, konnte er auch nach dem Kind sehen. Irgendwie brauchte er eine Gewissheit, wie grausam die Menschen doch waren. Er würde es ihnen sogar vorhalten und das Kind wieder in die Mitte des Dorfes legen. Sollten sie ruhig sehen, wie kalt ihre Herzen waren. Dass seines genauso kalt war, hatte er schon lange akzeptiert. In dieser Welt konnte man nur ein kaltes Herz bekommen. Und niemand könnte ihm mehr sagen, wie anders er doch war.

Leise stieg er nun von seinem Pferd und hob das Bündel in seine Arme. Noch immer drang kein Laut daraus hervor, aber nach einer kurzen Untersuchung musste er feststellen, dass das Kind tatsächlich noch atmete. Es war zwar ungewöhnlich kalt und litt sicherlich Hunger, aber es war noch am Leben. Warum hielt es denn so lange daran fest? Hatte es nicht gesehen, dass es eigentlich sinnlos war, um dieses Leben zu kämpfen?

Und noch eine Frage beschäftigte ihn: Was sollte er jetzt damit anfangen? Es wirklich wieder zurück ins Dorf bringen, damit die Bewohner es wieder hierher legen konnten? Eigentlich waren sie es ja gar nicht wert, so einen Kämpfer bei sich zu haben. Er war es allerdings auch nicht. Aber irgendwie war er davon beeindruckt, dass das Kind nicht so schnell aufgab. Vielleicht hatte es ja doch eine Chance verdient, in ein anderes Dorf zu kommen. Eines, wo man es zumindest nicht so lange quälen würde.

"Das nächste Dorf, das schwöre ich dir", flüsterte er ihm leise zu und stieg wieder auf sein Pferd, mit dem Baby in seinen Armen. Es war auch ein Schwur an sich selbst, denn lange würde er die Gesellschaft nicht ertragen können. Mit einem leisen Fluch in Richtung Dorf drehte er um und ritt mit seiner Last zurück auf den Hügel, um endlich seine Weiterreise anzutreten. Fast hätte er etwas zurück gelassen, das die Bewohner doch noch an ihre Grausamkeit erinnern würde, aber dann ließ er es doch. Sie würden dies eh nicht verstehen, geschweige denn daraus lernen.

Er war in seine Gedanken vertieft, als plötzlich einige Zeit später ein leises Geräusch aus dem Bündel erklang. Langsam schob er die Decke von dem kleinen Gesicht, nur um dann in zwei blaue Augen zu sehen, die ihn regelrecht anlachten. Auch konnte dieses Geräusch als ein Lachen verstanden werden, was ihn nur verärgert brummen ließ. Ncht nur, dass er gegenüber den Dorfbewohnern nachgegeben hatte, jetzt wurde er auch noch von diesem Wurm ausgelacht. Die Hände, die sich nach ihm ausstreckten, ignorierte er daraufhin einfach und starrte auf den Weg voraus. Wenn es glaubte, dass er sich jetzt mehr um ihn kümmern würde, so kannte es ihn noch nicht lange genug.

"Bilde dir ja nichts darauf ein", murmelte er leise, als das Baby einfach seinen Versuch nicht aufgeben wollte. "Ich bringe dich ins nächste Dorf und lasse dich auch dort, egal, ob du dort willkommen sein wirst, oder nicht. Ich habe nicht genug Lembas für uns beide. Und ich werde dir auch nicht meine Tunika geben, damit du dort hinein dein Geschäft verrichten kannst. Das wäre ja noch schöner!"

Legolas erwartete nicht, dass das Baby ihn verstehen, oder überhaupt auf ihn hören würde, aber trotzdem war es plötzlich still. Verwundert sah er nach unten und erwartete fast jemanden, der jetzt verletzt vor sich hin schmollte, aber das Baby hielt wieder eine seiner Strähnen in seiner Hand und hatte sogar damit angefangen, darauf herum zu kauen. Und er wusste mittlerweile, dass es absolut nichts bringen würde, ihm diese wieder zu entreißen. Es würde ihm nur unnötig auf die Nerven gehen, und so ließ er ihm eben sein Spielzeug und hoffte, dass es die Strähne nicht zu sehr vollsabbern würde.

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Am nächsten Abend saß Legolas an einem kleinen Lagerfeuer inmitten des Waldes und sah der Pilzsuppe zu, wie sie langsam über dem Feuer vor sich hin köchelte. Das Lembas war ihm nun endgültig ausgegangen, und sie beide brauchten etwas zu Essen für die knurrenden Mägen. Seiner war dabei lauter, was nicht nur daran lag, dass er viel größer war, sondern auch, dass er dem Baby das letzte Lembas überlassen hatte. Er schüttelte wieder über sich selbst den Kopf. Er musste das Baby wirklich so schnell wie möglich wieder loswerden, denn es schien ihm selbigen langsam zu verdrehen. Hatte es vielleicht magische Fähigkeiten, von denen er nichts wusste?

Aber immerhin hatte es noch nicht geschafft, dass er wegen ihm auf die Jagd ging. Dies war viel anstrengender, als ein paar Pilze zu sammeln. Und würde er nicht auch davon essen müssen, hätte er vielleicht nicht so sehr darauf geachtet, ob er auch die Richtigen sammeln würde. Doch nun köchelte eine bunte Mischung aus den besten Pilzen über dem Feuer, und er konnte es kaum noch erwarten, diese endlich verspeisen zu können.

Während er wartete, sah er ab und zu zum Baby hinüber, das er neben sich abgelegt hatte. Vor einiger Zeit waren sie an einem Baum vorbei gekommen, dessen Blüten wie Fäden waren. Er hatte einen Büschel gepflückt und dem Baby in die Hand gedrückt. Seitdem musste er es nicht mehr im Arm halten, damit es ruhig blieb, denn jetzt kaute es genüsslich auf den Blütenfäden herum. Außerdem waren nun seine Haare gerettet.

Was er allerdings nicht von seiner Tunika behaupten konnte. Zufrieden mit sich selbst und das Bündel vollsabbernd lag das Baby in derselben, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch diese verunreinigt war. Zwar hatte er es geschafft, die anderen Sachen in dem nahegelegenen Fluss zu waschen, aber es würde noch eine Weile dauern, bis diese wieder trocken waren. Und leider hatte das Baby etwas dagegen, in die nassen Sachen gewickelt zu werden. Seine Ohren hatten ihm diesen Versuch sehr übel genommen.

Und er würde es auch dem Baby übel nehmen, wenn es sich nicht bis dahin zusammenreißen würde, bis die Sachen trocken waren. Aber nun war erst einmal Zeit für die Suppe, die er nun vom Feuer nahm und dann vorsichtig kostete. Sie war heiß, ungewürzt, aber trotzdem eine recht gute Mahlzeit. Nach einem kurzen Blick zu dem Baby, das immer noch mit sich und den Blüten beschäftigt war, fing Legolas endlich an, sein Mahl zu verspeisen. Das Baby würde noch nichts bekommen, da er sich denken konnte, dass es auch etwas gegen heiße Mahlzeiten hatte. Es konnte eine kalte Nacht überstehen, aber scheute sich dann doch vor solchen Banalitäten.

Er ließ dem Baby doch mehr von der Suppe übrig, als er es erst vorgehabt hatte, aber sein Magen war doch schneller gefüllt, als er geglaubt hatte. Und so wartete er noch, bis sich die Suppe so weit abgekühlt hatte, dass er sie auch dem Baby zutrauen konnte. Vorsichtig nahm er es wieder in seine Arme, entzog ihm den Büschel, der schon fast zerkaut war, und versuchte, ihm die Suppe einzuflößen.

"Mehr Wasser kann ich da nun auch nicht drantun", schimpfte er leise und wischte schnell die Flüssigkeit weg, die dem Baby nun aus dem Mund lief. Es dachte einfach nicht daran zu schlucken, aber wenn er ihm nichts einflößte, schmatzte es wieder leise und fing an zu quengeln, als würde es mehr haben wollen. Aber anscheinend kam es nicht so recht mit der Suppe klar. Es hatte wohl nach der Muttermilch vergessen, wie dies ging.

Aber er musste ja irgendwie die Mahlzeit in das Baby hinein bekommen, denn er hatte keine Lust auf eine Nacht voller Geschrei. Das hatte ihm letzte Nacht schon vollkommen gereicht. Also versuchte er es immer wieder und hatte schon fast die Hälfte der Suppe am Mund des Babys vorbei geschüttet, als es endlich anfing zu schlucken. Legolas grinste stolz und beeilte sich, für den Fall, dass es das Baby doch noch wieder vergaß.

Dann waren beide endlich satt, und Legolas löschte das Feuer, bevor er das Baby zurück an seinen Platz legen wollte, als ihm plötzlich ein verräterischer Geruch in die Nase stieg. Sofort war das Grinsen wieder aus seinem Gesicht verschwunden, und mit einer grimmigen Miene sah er auf das Baby herunter. Hatten sie nicht gerade angefangen, sich irgendwie zu verstehen? Musste das ausgerechnet jetzt passieren?

"Das solltest du doch nicht tun, du törichtes Ding!" grummelte er leise und legte das Baby doch noch ab, bevor er zu den anderen Sachen hinüber ging und das Trockenste aussuchte. "Konntest du nicht noch ein paar Sekunden warten? Ich hätte dich doch eh gleich neu eingewickelt!" Wieder schenkte er ihm einen bösen Blick, als er sich an die Arbeit machte, aber das Baby sah ihn nur ratlos an. Es war auch nicht über seine lauten Worte erschrocken, was ihm auch noch diese Genugtuung nahm. Seufzend gab er ihm dann das Büschel zurück, wusch noch schnell seine Tunika und legte sich dann endlich schlafen, denn auch ein Elb brauchte einmal Ruhe.

"Ein Laut, und ich lasse dich hier liegen!" Diese Drohung musste er noch loswerden, bevor er dann doch in Ruhe einschlief.