Magkenzie ging schweigend durch das Haus. Seit Wochen regnete es nun schon unaufhörlich. Dicke Tropfen platschten gegen das Fenster, als sie herausschaute. Sie wusste nichts mit sich anzufangen, denn wenn sie nur einen Schritt vor die Tür gemacht hätte, wäre sie sofort bis auf die Haut nass gewesen. Alexandre hatte sie schon lange nicht mehr besucht. Seit ihrem gemeinsamen Ausflug im März waren sie zwar noch ein paar Mal dort gewesen, doch Magkenzie hatte das ungute Gefühl, dass ihr Onkel die Beziehung nicht gutheißen würde.

Obwohl Magkenzie immer darauf achtete, dass zwischen ihnen beiden nichts passierte, merkte sie, wie unruhig Alexandre wurde. Sie ließ es zu, dass er sie auf die Wange küsste, doch mehr traute sie sich nicht.

Magkenzie fehlten die langen Gespräche, die die beiden immer führten. Öfters war es schon vorgekommen, dass sie über die Rolle zwischen Mann und Frau sprachen. Auch wenn Magkenzie von ihren Eltern so erzogen worden war, dass sie sich als Frau durchsetzen konnte, hielt sie sich trotzdem an die vorherrschenden Regeln.

Alexandre fand diese jedoch, was für einen jungen Mann sehr selten war, veraltet und setzte sich dafür ein, dass mehr Frauen Jura studieren konnten. Er hielt Vorträge über die „moderne Frau im 19. Jahrhundert" und schrieb öfters Artikel für eine kleine Zeitung.

Magkenzie konnte bei seinen Ideen nur den Kopf schütteln. Er hatte ihr versprochen, dass eines Tages Frauen die gleichen Rechte wie Männer hätten; sie wählen konnten, alleine Kinder großziehen und die gleiche Arbeit verrichten konnten wie Männer.

Jetzt, wo sie in das triste Grau draußen sah, musste sie bei den Gedanken an ihn lächeln.

Mehrmals hatte sie schon darüber nachgedacht, was sie machen würde, wenn er um ihre Hand anhalten würde. Alexandre hatte gerade seinen 24. Geburtstag gefeiert und würde bald mit seinem Studium fertig sein.

Magkenzie schlenderte weiter, bis sie merkte, dass sie zum Arbeitszimmer ihres Onkels ging. Dieser war in letzter Zeit immer seltsamer und verschlossener geworden. Magkenzie sah ihn jetzt nur noch zum Frühstück, denn Mittag- und Abendessen nahm er in seinem Zimmer ein. Er sprach selten mit ihr und dann auch nur über das Wetter, ihre Leistungen in der Schule oder anderen unwichtigen Dingen.

Leise klopfte sie an die wundervoll verzierte Mahagonitür und trat, als nichts zu hören war, ein.

Früher war dies einmal das Arbeitszimmer für ihren Vater gewesen. Ihr Vater war ein erfolgreicher Banker gewesen und hatte sich Anwesen und Vermögen beim Anlegen von Aktien verdient.
Damals war dieses Zimmer voller Wärme und Geborgenheit gewesen. Magkenzie konnte sich noch daran erinnern, welche Gemälde an den Wänden gehangen hatten.

Sie waren alle nacheinander verschwunden. Wo sie geblieben waren, wusste sie nicht. Nur das Portrait von ihrem Vater hing noch einsam über dem Kamin. Dieser war an, obwohl ihr Onkel nicht im Zimmer war.

Auf seinem Schreibtisch lagen Aktenstapel und zerrissene Blätter lagen überall auf dem Fußboden.

Sie stellte sich hinter den Schreibtisch und begann die Stapel ordentlich zu schichten. Dabei rutschten ihr einige aus der Hand und fielen auf den Boden. Sie hob sie auf und sah, was darauf geschrieben stand. Es war die Hypothek für das Haus, ihr Haus.

„Onkel Charles hat eine Hypothek auf mein Haus aufgenommen?" fragte sie sich selbst und grübelte nach. „Hatte Onkel Charles Geldprobleme?"
Sie konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn in diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und ihr Onkel betrat den Raum. Schnell legte sie die Hypothek unter einen Stapel anderer Papiere und ging auf ihren Onkel zu.

„Onkel Charles, ich wollte fragen, ob du Lust hättest, heute Abend mit mir in die Oper zu gehen. Es wird „Der eingebildete Kranke" von Molière aufgeführt", Fragte sie ihn.

„Nein, mein Kind. Ich habe noch sehr viel zu tun. Würdest du mich bitte entschuldigen?" fragte er sie.

Langsam verließ sie den Raum.

Die beantragte Hypothek ließ ihr keine Ruhe mehr.

14. Juli 1882

Den Unabhängigkeitstag habe ich heute zum ersten Mal mit Alexandres Familie gefeiert. Er stellte mich seinen Eltern ganz offiziell vor und ich weiß nicht genau, was ich davon halten soll. Seine Mutter (ich soll sie schon bei ihrem Vornamen Ashley nennen) nahm mich sofort in die Arme, als wäre ich schon die Verlobte ihres Sohnes. Wahrscheinlich denken sie das auch, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich will. In zwei Monaten werde ich 17 und eigentlich suchen die Mütter, die Mädchen in diesem Alter haben einen geeigneten Mann aus, doch Onkel Charles wird sich nicht darum kümmern. Außerdem kennt er keine Leute in Boston. Ich habe ihn nur mit Geschäftspartnern reden sehen und diese waren in seinem Alter.

Als ich in Alexandres Familie so herzlich aufgenommen wurde, fiel sogleich die gesamte Last von mir ab, die sich gesammelt hatte, seit Alexandre mich gefragt hatte, ob ich den Unabhängigkeitstag mit ihm feiern wollte.

Zu siebt sahen wir uns das Feuerwerk im Hafen an, denn Alexandres Brüder waren auch mit. Wir haben viel herumgealbert und gelacht und zum ersten Mal hatte ich wirklich das Gefühl, dass mir in der ganzen letzten Zeit etwas fehlte und nun weiß ich auch was: das Lachen.

Alexandre s Bruder Theodore war der Scherzbold unter den dreien. Ich musste mir den Bauch halten, so habe ich gelacht und danach war mir richtig schwindelig. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich ein neues Kleid anhatte und das Dienstmädchen mein Korsett sehr eng geschnürt hatte.

Alexandre machte mir auf dem Nachhauseweg, für den er und ich die Kutsche seines Vaters bekommen hatten, viele Komplimente, doch als er mir vor unserer Haustür auf den und küssen wollte, drehte ich mich schnell weg. Er war, glaube ich, enttäuscht, doch er ließ es sich nicht anmerken.

Oh, Charlotte, was soll ich bloß tun. Ich traue mich nicht Alexandre Onkel Charles vorzustellen, denn ich habe Angst, er könnte mir verbieten ihn zusehen und dann wüsste ich nicht, was ich machen würde.

Aber vielleicht sollte ich noch warten und ihm erst alles sagen, wenn feststeht, welche Beziehung Alexandre und ich haben werden.

Ich bin sehr zuversichtlich, dass alles gut ausgehen wird. Hoffe ich doch.

23. August 1882

Heute war Onkel Charles' Geburtstag. Er wurde 50., doch wir feierten allein. Jedenfalls schien es fast so. Ich hatte extra einen Kuchen gebacken und das Gartenhaus schön hergerichtet. Um Onkel Charles Alexandre endlich vorzustellen, hatte ich ihn ohne das Wissen meines Onkels eingeladen.

Er kam pünktlich um drei und sah einfach wunderbar aus. Er hatte sich extra fein gemacht, einen Frack angezogen, obwohl dieser sehr unnatürlich an ihm wirkte.

Ich wäre ihm fast in unserem Garten um den Hals gefallen, doch der Anstand verbreitete es mir. Ich trug hingegen das luftige Sommerkleid aus feinster Pariser Spitze, welches ich im Schrank meiner Mutter gefunden hatte. Es sah einfach wunderschön aus und so konnte ich es im Andenken an Mum tragen.

Ich deckte gerade den Tisch, als Onkel Charles kam. Ich musste ihn am Tag zuvor überreden am Nachmittag in den Garten zu kommen, denn sonst wäre er den ganzen Tag in seinem Zimmer geblieben.

Er schlurfte über den Rasen und da fiel mir auf, wie sehr sich seine Gestalt in den letzten Monaten verändert hatte. Früher war er etwas beleibter gewesen, doch nun hingen sein Hemd und seine Weste an ihm herunter, wie an einer Vogelscheuche. Sein Haar war noch grauer und weniger geworden und unter den Augen hatte er dicke Tränensäcke.

Ich ging auf meinen Onkel zu und hakte mich bei ihm unter.

„Lieber Onkel Charles, ich möchte dir einen sehr guten Bekannten vorstellen. Das ist Mr. Alexandre Livingston", sagte ich und stellte die beiden einander vor.

Danach setzten wir uns ein wenig steif an den Kaffeetisch und ich hatte Mühe das Gespräch in Gang zu halten. Nicht, weil Alexandre so still war, sondern weil Onkel Charles immer einsilbiger wurde und von sich aus nichts mehr sagte.

Nach einer guten halben Stunde Quälerei gab ich schließlich auf und unterhielt mich alleine mit Alexandre. Mein Onkel schien das nicht zu stören, denn nachdem er seinen Kuchen aufgegessen hatte, ging er wieder ins Haus.

Ich sah ihm nach, doch Alexandre meinte, er fände ihn ganz nett.

„Du kanntest ihn vorher nicht. Er war wie sonst kein anderer, den ich kannte. Immer wenn er früher gekommen ist, hatte er mir Spielsachen mitgebracht. Er klingelte nie an der Haustür, sondern pochte laut dagegen. So wusste ich schon, dass er kam und lief ihm entgegen. Er hielt seine Arme auf, damit ich hineinlaufen konnte und warf mich dann so oft in die Luft, bis meine Mutter ihn bat endlich aufzuhören. Danach war mir immer ganz schwindelig."
Ich stockte. Damals, ja damals war Onkel Charles ganz anders gewesen. Nicht nur seine Erscheinung hatte sich verändert, auch innerlich war er ein ganz anderer Mensch geworden.

Ich muß ziemlich lange in meinen Gedanken gefangen gewesen sein, denn inzwischen fielen große, dicke Tropfen auf das Dach des Pavillons.

„Was machen wir jetzt?" fragte mich Alexandre, doch ich hatte schon meine Sandalen ausgezogen und lief barfuss durch den warmen Regen.

Er sah mich etwas belustigt an, doch als ich ihn aufforderte zu mir zu kommen, stand er langsam auf und kam zu mir in den Regen.

Ich streckte die Hände in den Himmel und begann mich zu drehen.

Es war unglaublich. Ich hatte das Gefühl zu schweben, bis ich wieder die Augen öffnete und die Erde sich vor meinen Augen drehte. Ich taumelte durch den Garten, als wäre ich betrunken und wie bei unserer ersten Begegnung fiel ich in Alexandres Arme.

„Es ist wohl unser Schicksal, dass du mich jedes Mal auffängst!" sagte ich und als er mich wieder auf meine eigenen Beine stellte, kamen sich unserer Gesichter ganz nah. Ich wollte, dass er mich jetzt küsste. Ich war bereit für meinen ersten wirklichen Kuss, doch mit einem Mal war die romantische Stimmung weg. Alexandre sah schnell zu unserem Haus, nahm Abstand von mir und ging wieder in den Pavillon.

Jetzt ist es fast Mitternacht und es kommt mir vor, als wäre der ganze Tag nur ein Traum gewesen. Ich bin mir nicht sicher, ob das alles wirklich passiert ist, denn nachdem wir uns wieder artig in das Gartenhaus gesetzt hatten, redeten wir genauso wie vorher über belanglose Dinge.

Es gibt einen Kinderreim, der meine Gefühle einfach und doch präzise wiedergibt:

Everbody needs somebody

Everbody needs somebody to love

Someone to love

Sweetheart to miss

Sugar to kiss

Ich wünschte mir, es wäre alles so einfach, wie dieser Reim.

Jetzt bin ich auf noch über meinem Tagebuch eingeschlafen. Der peinlichste Moment war, als ich mich heute Morgen im Spiegel gesehen habe. Ich habe auf meiner eigenen Schrift geschlafen und die Tinte hatte auf mein Gesicht abgefärbt.

Ich musste mich zweimal waschen, damit man nichts mehr sah. Es wäre auch wirklich zu peinlich gewesen, wenn man meine privatesten Gedanken auf meiner Wange lesen könnte.

Ich werde heute noch zum Friedhof gehen, doch zuerst muss ich mit meinem Lehrer die Frage erörtern, ob der Mensch Gottes Ebenbild ist und warum der Mensch dann fehlerhaft ist.

Furchtbar...