April 1883

Jetzt, nachdem ich mir alles durch den Kopf hab gehen lassen, habe ich eine Lösung gefunden. Ich muß die Sache nur logisch betrachten. Für mich kommt gar nicht in Frage, den alten Mr. Rubenstone zu heiraten.

Ich werde entweder ein eigenes Leben leben oder meinen Eltern in den Tod folgen. Für welche Möglichkeit ich mich entscheide weiß ich noch nicht.

Ich werde jedoch Onkel Charles von meiner Entscheidung, ihn nicht zu heiraten, berichten. Und zwar jetzt gleich.

03. Mai 1883

Es gibt keinen Ausweg mehr. Als ich gestern Onkel Charles von meiner Entscheidung erzählt habe, ist er wütend geworden und hat mich angebrüllt. Danach sperrte er mich in meinem Zimmer ein und ohne Abendessen mußte ich dort bleiben, bis jetzt.

Mein Bauch knurrt vor Hunger, doch ich habe mich geweigert etwas zu essen, als Onkel Charles mir etwas brachte.

Ich habe noch ein paar Monate Zeit, ehe ich heiraten muß. Ich habe gestern, bevor ich mit Onkel Charles redete, unseren Butler bestochen, damit er Alexandre einen Brief bringt. Ich bete, daß die dreißig Dollar genug waren und Clark den Brief nicht Onkel Charles zeigte.

Ich werde...

Plötzlich horchte sie auf. Sie war sich nicht sicher, doch als wieder etwas gegen ihr Fenster flog, ging sie hin und öffnete es. In der Dunkelheit des frühen Abends konnte sie kaum erkennen, wer unter ihrem Fenster stand, doch sie wußte instinktiv, wer es war.

„Alexandre!" flüsterte sie hocherfreut ihren Freund zu sehen.

Dieser sagte nichts, sondern benutzte das Spalier, an dem im Sommer die Rosen emporrankten als Leiter, um zu ihr zu kommen.

Magkenzie konnte kaum glauben, daß er gekommen war, ehe er nicht durch das Fenster in ihr Zimmer geklettert war und sie in seinen Armen lag.

Sie konnte nun die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Sie schluchzte und erzählte ihm mit stockenden Worten, was in den letzten Tagen geschehen war, daß er schnell zu ihr kommen mußte.

„Ist ja gut", sagte er liebevoll und ging mit ihr zu ihrem Sofa, auf das sie sich setzten.

„Zusammen werden wir eine Lösung finden!" Er strich ihr vorsichtig die Strähnen, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatten, aus ihrem Gesicht und hielt sie solange im Arm, bis sie sich beruhigt hatte.

„Es tut mir so Leid", schluchzte sie und rückte anstandshalber etwas von ihm ab, doch er sagte nur: „Mag, wir sind doch Freunde, oder? Und Freunde helfen sich doch gegenseitig."

Sie nickte leicht, fast unmerklich.

„Was wir jetzt machen müssen ist, einen Ausweg zu finden!" sagte er und überlegte.

„Es gibt keinen Ausweg!" schluchzte Magkenzie und begann wieder zu weinen. „Ich muß ihn heiraten, aber eher werde ich mich umbringen!"

„Das mußt du doch gar nicht. also, die Hochzeit würde im Frühjahr nächsten Jahres stattfinden, nicht wahr?" fragte er seine Freundin.

„JA!"

„Dann haben wir gut ein Jahr Zeit, um uns etwas zu überlegen. Wie wäre es, wenn wir heiraten würden?" fragte er plötzlich.

„Nein, das geht nicht. Onkel Charles und sein Geschäftspartner würden unsere Ehe annullieren lassen, weil ich noch nicht volljährig bin und wir ständen wieder ganz vorne."

„Warum versteht dein Onkel denn nicht, daß du einen doppelt so alten Mann nicht heiraten willst? Es muß mehr dahinter stehen, als nur eine normale Geschäftsbeziehung. Du hattest doch erzählt, daß sich dein Onkel in der letzten Zeit verändert hat."

„Hmm, ja, aber was soll das damit zu tun haben?" fragte Magkenzie, als ihr plötzlich die Antwort ganz logisch und klar vorkam.

„Er hat bei ihm Schulden, das wird es sein. Alexandre, ich habe in seinem Arbeitszimmer Schuldscheine und die Hypothek auf das Haus gesehen. Sicher hat er Schulden bei diesem Mr. Rubenstone und durch mich will er sie begleichen!" rief Magkenzie aufgeregt und sah ihren Freund an.

Hätte sie diese Erkenntnis nicht wie ein Schlag in der Magengrube getroffen, wäre sie Alexandre um den Hals gefallen, doch wie ein Stück Vieh von ihrem eigenen Onkel behandelt zu werden, traf sie härter als sie sich eingestehen wollte.

„Was willst du nun machen?" fragte Alexandre sie nach einer kleinen Pause.

„Das was jedes normale Mädchen in meiner Situation machen würde. Ich werde meinen Eltern in den Tod folgen!" sagte sie mit zitternder Stimme, doch Alexandre sprang auf.

„Nein! Das werde ich nicht zulassen und wenn ich dich das ganze restliche Lebens deines Onkels verstecken muß. Du hast etwas Besseres verdient, als dieses Ende. Denkt doch an all die Dinge, die du noch machen möchtest. Mag, wir finden eine Lösung. Laß mir ein paar Tage Zeit!" sagte er und küßte sie vorsichtig auf ihre tränennasse Wange.

„Ich werde übermorgen wiederkommen!"

Magkenzie stand auf und sah hinter ihm nach, als er in der Dunkelheit des Gartens verschwand.

Auch wenn sie noch nicht wußte, wie alles weitergehen sollte, fühlte sie sich besser. Es war, als hätte Alexandre ihr eine große Last abgenommen, als würde sie nicht mehr von ihren Sorgen zerdrückt werden und alles schien nicht mehr so schlimm, wie vor einer Stunde noch.

Sie wußte, daß ein Gespräch mit ihrem Onkel keinen Sinn mehr hatte, doch sie öffnete vorsichtig die Zimmertür und spähte in den dunklen Flur. Als sie ihr Zimmer verließ, umfing sie sogleich die eisige Kälte, die seit Wochen schon in dem alten Haus herrschte. Obwohl es Sommer war und draußen eine unerträgliche Schwüle herrschte, war es im Haus still und einsam. Das Blut gefror einem in den Adern und man wagte nicht laut zu reden.

Magkenzie kam sich vor wie eine Diebin, obwohl sie sich in ihrem eigenen Haus bewegte.

Die Tür zum Arbeitszimmer ihres Onkels war nur angelehnt und Magkenzie schlich die letzten Schritte dorthin auf Zehenspitzen. Durch den kleinen Spalt fiel ein Lichtschein auf den Flur.

Sie spähte durch die Öffnung und sah ihren Onkel am Schreibtisch sitzen. Jetzt kam es nur auf ihre Schauspielkünste an und Magkenzie wußte, daß sie keine gute Lügnerin war.

Sie klopfte vorsichtig an die Tür und trat, als sich ihr Onkel nicht rührte, ein.

„Du solltest nicht so viel lesen, Onkel Charles. Du machst dir die Augen kaputt", sagte Magkenzie und ging um ihren Onkel herum. Dieser sah sie verwundert an. Er nahm die Brille von der Nase und rieb sich die roten Augen.

„Du hast Recht, mein Kind!"

„Ich wollte etwas mit dir besprechen, Onkel!" sagte sie weich, aber bestimmt. Jetzt war ihre große Stunde gekommen.

„Ich möchte dir eine gute Nichte sein", sagte sie und sah ihrem Onkel in die Augen, „aber ich brauche noch etwas Zeit, ehe ich mich für eine Ehe bereit fühle. Ich möchte die Hochzeit erst im Frühjahr stattfinden lassen."

Ihr Onkel sprang auf. „Aber natürlich, mein Kind. Du bekommst so viel Zeit, wie du möchtest. Du bist noch sehr jung, ich verstehe, dass du dich auf deine Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereiten möchtest. Ich bin sehr stolz auf dich, daß du deine Meinung geändert hast. Mr. Rubenstone ist ein einflußreicher Mann. Er wird dir ein gutes Leben bieten können."

Magkenzie mußte sich ein Lachen verkneifen. Ihr Onkel hatte, auch als er sie in den Arm nahm, nicht gemerkt, daß sie nur Zeit schinden wollte.

Selbst später, als sie in ihrem weichen Federbett lag, konnte sie nicht glauben, daß ihr Onkel auf ihre schlechte Lüge hereingefallen war. Noch vor ein paar Stunden hatte sie sich geweigert Mr. Rubenstone jemals wieder zu sehen und nun wollte sie ihn heiraten.

Es war kaum zu glauben.

Schon von weitem sah sie ihn. Alexandre stand lässig angelehnt an der Brücke, die über den kleinen Fluß führte, der den Friedhof umgab. Magkenzie mußte sich zwingen ihn nicht anzustarren und unbeeindruckt an ihm vorzugehen. Er sah einfach umwerfend aus. Selbst die etwas älteren Damen warfen ihm noch schmachtende Bliche zu.

Alexandre trug an diesem Tag sein dunkelblaues Jackett und dazu eine schwarze Mütze. Sein braunes Haar stand, wie meistens, in alle Richtungen ab und machten ihn lieb und sanftmütig, obwohl er versuchte es mit Pomade zu bändigen.

Neben sich stand ein Spazierstock und Alexandre trug elegant eine Zeitung unter dem Arm.

Magkenzie mußte sich anstrengen nicht sofort zu ihm zu laufen und ihm in die arme zu fallen. Er hatte ihr gesagt, er würde nach zwei Tagen wiederkommen, doch er kam nicht. die gesamte Nacht stand Magkenzie am Fenster, doch es blieb alles ruhig.

Am dritten Tag hatte sie ihren Onkel gebeten zum Friedhof gehen zu dürfen und dieser hatte komischerweise zugestimmt.

Magkenzie hatte sich traurig fertig gemacht. Sie zog sich das schwarze, hochgeschlossene Kleid an, welches sie auch zur Beerdigung ihrer Eltern getragen hatte, und setzte sich einen Sommerhut auf. Mit leichten Bändern wurde dieser unter dem Kinn festgebunden und vor lauter Enttäuschung hatte sie sich auch noch einen Schleicher übergeworfen. Niemand sollte sehen, wie verquollen und gerötet ihre Augen gewesen waren.

Mit einem Sonnenschirm bewaffnet machte Magkenzie sich auf den Weg zum Friedhof und schon als sie die Straße entlangging, sah sie ihn dort stehen.

Sie war kurz, in sicherer Entfernung stehen geblieben, um sich zu vergewissern, daß es wirklich Alexandre war, der dort auf sie wartete.

Er wartete noch kurz, nachdem sie vorbeigegangen war, und folgte ihr dann. In sicherer Entfernung zu anderen Menschen, stand Magkenzie und wartete.

„Wieso bist du nicht gekommen, du...du..." sie suchte nach Worten, doch er blieb ganz ruhig und zog sie einfach zu sich in die Arme.

„Du glaubst doch nicht, daß es immer so weitergehen kann? Glaubst du, ich würde dir immer verzeihen, wenn du mich so versetzt?"
„Ja, erstens, weil ich dein bester Freund bin und zweitens, weil ich eine Lösung gefunden habe."

Sie sah ihn fragend an, doch er spannte sie auf die Folter.

„Wußtest du, daß du wunderschön in schwarz aussiehst?" fragte er sie und betrachtete sie von oben bis unten.

„Jetzt sag mir nicht, daß ich bei fast 25 Grad im Schatten in schwarz gut aussehe. Ich schwitze mir die Seele aus dem Leib, nur um einmal in der Woche aus dem Haus zu kommen! Also, erzähl mir, welchen Ausweg du gefunden hast?" fuhr sie ihn an.

Erst als sie sich wieder beruhigt hatte, bot er ihr seinen Arm an und gemeinsam schlenderten sie durch die parkähnlich angelegten Gräber.

Dabei erzählte Alexandre ihr von seinen drei Plänen, die er sich ausgedacht hatte, um Magkenzies Leben nicht gleich zu Beginn enden zu lassen.

„Du meinst also", fragte Magkenzie ihn, als er ihr seine Vorschläge unterbreitet hatte, „entweder soll ich mich einfach weigern ihn zu heiraten oder aus Boston verschwinden? Was für Pläne sollen das denn sein?"

„Ich habe Gesetzbücher gewälzt und nur wenige ähnlicher Fälle gefunden. Auf jeden Fall könnte es sein, daß wenn du dich weigerst ihn zu heiraten, du kurzerhand für geisteskrank erklärt wirst und somit dein Vormund, über dich bestimmen darf."

„Aber ich bin doch nicht geisteskrank!"

„Nein, aber einige dubiose Ärzte schreiben alles auf, was ihr Kunde hören will. Für viel Geld, versteht sich jedoch."

„Und sonst ist dein Vorschlag einfach zu verschwinden, sozusagen weglaufen?"
„Es gibt eben wenig Möglichkeiten für junge Frauen! Kennst du nicht jemanden, bei dem du unterkommen kannst, bis du volljährig bist?" fragte Alexandre.

„Nein, außer dich, aber dort würde Onkel Charles bestimmt zuerst suchen!" sagte Magkenzie traurig.

„Es wird kein glückliches Ende geben!" sagte sie leise und entzog sich seinem Arm.

„Wir werden eins finden. Auf jeden Fall hast du jetzt Zeit, bis zum Frühjahr. Uns wird schon etwas einfallen!" sagte er liebevoll und blieb mit ihr stehen.

Vorsichtig hob er in aller Öffentlichkeit ihren schwarzen Schleier und sah ihr in die Augen.

„Ach, Alexandre, wenn nur alles so einfach wäre wie der Tod."

„Auch der Tod ist nicht einfach!" sagte er und küßte sie vorsichtig auf die Nasenspitze.

Nach einem endlosen Moment, lösten sich beide wieder voneinander und sahen sich an.

„Warum muß nur mich das passieren?" fragte Magkenzie und ordnete ihren Schleier.

„Weil du eine starke Frau bist, dich vor größere Herausforderungen gestellt werden mußte, als die Aufgaben in Algebra."

Magkenzie bedachte ihn noch mit einem bitterbösen Lächeln, ehe sich die beiden trennten und jeder in eine andere Richtung verschwand.

Juli 1883

Es tut mir so unsagbar Leid, Charlotte. Ich bin ein schlechter Mensch, weil ich euch eigentlich besuchen wollte, doch ich habe mich immer mit Alexandre getroffen.

Vielleicht verstehst du meine Situation. Ich bin wirklich nicht das Mädchen, das gerne verheiratet werden will. Ich würde mich freuen, wenn ich einen netten Mann bekommen würde, doch ich habe eine unsagbare Abscheu gegen diesen alten Mr. Rubenstone.

Ich habe von Alexandre gehört, daß seine ersten beiden Ehefrauen unter mysteriösen Umständen zu Tode gekommen waren. Das hat mir Angst gemacht, was mit mir passiert, wenn es ganz zum Schluß wirklich keinen Ausweg mehr gibt.

Ich habe über Alexandres Vorschlag, zu jemandem zu gehen, der nicht in Boston wohnt, nachgedacht, doch ich kenne niemanden, der nicht in Boston wohnt. Wenn man viel Zeit hat denkt man über so viele Sachen nach und jetzt erst merke ich, wie allein ich in dieser Stadt bin. Ich habe keine Freunde oder Bekannte. Ich bin immer zu Hause oder auf dem Friedhof und seit mir Onkel Charles verboten hat, ins Theater zu gehen, treffe ich selbst dort niemandem mehr.

Ich wünschte, ich hätte eine Freundin, mit der ich über all meine geheimen Gefühle und Ängste reden könnte. Zum Glück habe ich dich, Charlotte, doch mit dir kann man nicht reden. Ich weiß, daß du mich hörst, wenn ich mit dir spreche, doch du kannst nicht antworten.

Ich wünschte, ich hätte genauso eine gute Freundin, wie Mum sie in Laure hatte.

August 1883

Jetzt ist es heraus. Ich soll am 23. Mai 1884 verheiratet werden. Übermorgen werde ich die Familie von Mr. Rubenstone kennen lernen. Es ist kaum zu glauben, doch ich bin sogar noch jünger als seine Kinder. Davon hat er sieben. Drei Jungs und vier Mädchen, wobei nicht mehr von Kindern die Rede sein kann, denn alle seine Kinder sind selbst schon verheiratet und haben ihre eigenen Familien.

Ich freue mich überhaupt nicht darauf, als zukünftige Mrs. Rubenstone vorgestellt zu werden. Ich werde den ganzen Tag lächeln müssen, daß mir am Abend die Mundwinkel wehtun und immer an der Seite meines Zukünftigen bleiben.

Zum Glück kommt mein Onkel auch mit, doch er wird mir sicher keine große Hilfe sein. Ich wünschte, Alexandre würde mitkommen, denn dann würde es vielleicht Spaß machen sich über alle anderen auszutauschen und lustig zu machen.