Magkenzie saß fertig angezogen in ihrem Zimmer und wartete. Sie hatte trotz der Hitze das schwarze Kleid angezogen, wohl, weil Alexandre es gefallen hatte und weil sie damit ihren Status als Waise zeigen wollte.
Sie hatte extra darauf geachtet, sich nicht sonderlich herauszuputzen, denn sie wollte nicht, daß man dachte, daß sie sich freute, Mr. Rubenstone zu heiraten.
Zweimal hatte ihr Onkel schon gerufen, doch beim dritten Mal mußte Magkenzie wohl oder übel in die Eingangshalle gehen, damit sie losfahren konnten.
„Das war es nun, Magkenzie!" sagte sie zu ihrem Ebenbild im Spiegel. Sie ging langsam, fast, als wollte sie nicht bei ihrem Onkel ankommen, doch irgendwann, war die Treppe vorbei und sie stand direkt vor ihm.
„Hübsch siehst du aus. Das wird Mr. Rubenstone sicher gefallen!" sagte ihr Onkel, ohne darauf zu achten, daß sie im Mai ein schwarzes Kleid trug.
„Können wir?" fragte er zerstreut, obwohl Magkenzie schon aus der Haustür getreten war und an der Kutsche auf ihn wartete.
Die Fahrt zu dem Haus von Mr. Rubenstone dauerte länger als geplant, weil an diesem schönen Sommertag viele andere Kutschen unterwegs waren. Magkenzie langweilte sich und starrte aus dem Fenster. Früher hatte sie die großen, prächtigen Häuser von Boston immer geliebt und sich vorgestellt eines Tages in eben diesen zu leben, doch nun mochte sie die Häuser kaum ansehen. Es machte ihr Angst, da sie wußte, wenn sie Mr. Rubenstone heiraten würde, müßte sie in einem dieser mächtigen Häuser wohnen. Dort sollte ihr Leben als Magkenzie Ema Thomson zu Ende sein und das der Mutter und Ehefrau beginnen.
Nach einer Weile begann sie sich Luft zu zufächeln, weil sie unter dem großen Hut schwitze und das Korsett ihr die Luft nahm. Sie wünschte, sie hätte sich für ein anderes Kleid entschieden, denn das schwere Tuch, das an einigen Stellen sogar noch durch Seide verstärkt worden war, erdrückte sie fast.
Beide schwiegen die Fahrt über, bis die Kutsche endlich zum stehen kam und Onkel Charles ganz überrascht sagte: „Huch, sind wir schon da?"
Magkenzie konnte nur die Augen verdrehen und stieg mit Hilfe des Kutschers aus. Sie wartete nicht auf ihren Onkel, sondern ging zielstrebig die drei stufen zur Eingangstür hinauf, wo sie an der schweren Klingel zog. Nur Sekunden später, als hätte er hinter der Tür gewartet, öffnete ein farbiger Butler die Tür.
„Miss Thomson? Mr. Rubenstone erwartet sie bereits im Park. Würden sie mir bitte folgen!"
Magkenzie nahm all ihren Mut zusammen und trat in das herrschaftliche Haus ein. Ihr Onkel folgte ihr leicht schnaufend. Die Hitze machte ihm genauso zu schaffen, wie Magkenzie, doch sie war bisher noch nicht rot angelaufen und tupfte sich alle fünf Minuten mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn.
Das Haus von Mr. Rubenstone war riesig. Es war nicht zu vergleichen mit dem, in dem Magkenzie und ihr Onkel wohnte. Die Eingangshalle war mit weißen Platten gefliest und in der Mitte hing ein riesiger Kronleuchter von der Decke. Eine breite, mit einem roten Samtteppich überzogene Treppe führte ins erste und zweite Geschoß. Die Wände waren mit alten Gemälden überladen und überall standen kostbare Chinavasen auf Sockeln.
Die drei durchquerten einen Salon, der noch prachtvoller war, als die Eingangshalle. Dort drängten sich ausgestopfte Tierköpfe an den Wänden und statt Teppichen lagen Tierfelle von Tigern, Giraffen und Bären auf dem Boden. In einer Ecke stand eine Sitzgarnitur aus grünem Leder und es hing schwere Luft im Zimmer, als wäre hier selten gelüftet worden.
Magkenzie konnte kaum alles sehen, als sie mit schnellen Schritten das Haus durchquerten und auf der anderen Seite in den riesigen Park traten. Auf der Terrasse standen einige Stühle und Tische, an denen die übrige Familie Rubenstone saß und sich unterhielt. Alte Bäume machten aus dem Garten einen Park und um dem kleinen See führte ein Weg herum, auf dem weitere Menschen zu sehen waren. In einiger Entfernung stand ein prächtiger weißer Pavillon, an dem rote Rosen emporrankten.
„Miss Thomson. Wie entzückt sie zu sehen. Ich hoffe sie hatten eine angenehme Fahrt", sagte MR. Rubenstone und kam auf sie zu.
Magkenzie hatte genau seinen Ausdruck im Gesicht gesehen, als er sah, daß sie ein schwarzes Kleid trug, doch das freute sie umso mehr.
Plötzlich verstummten alle Gespräche, als man Magkenzie und ihren Onkel bemerkte.
„Kommen Sie, ich möchte ihnen meine Familie vorstellen", sagte er um zog sie an ihrem Ellenbogen näher an sich heran.
Magkenzie lächelte liebenswürdig, doch am liebsten hätte sie ihn erwürgt. Was nahm er sich heraus?
„Darf ich vorstellen? Mein Erstgeborener Eduard Johann III., benannt nach seinem Großvater, meinem Vater. Dies ist sein Frau Emily Coral und die Kinder Sophy, Ecuard Johann IV. und Constanze. Dort stehen die Gatten Marcel und Bernard von Sophy und Constance und ihre Kinder Clodette, Simon, Karl und Stan."
Artig gab Magkenzie jedem der ihr Vorgestellten die Hand und lächelte weiter, obwohl sie die Mißbilligung in den Gesichtern der Familie deutlich sah. Sie wußte, daß sie nicht willkommen war und die Antipathie beruhte auf Gegenseitigkeit.
Ihr wurden weitere Personen vorgestellt, bis Magkenzie zum Schluß nicht mehr wußte, ob Sally die Frau von einem der Kinder von Mr. Rubenstone war oder selbst seine Tochter oder die Tochter der Tochter.
Es war einfach lächerlich zu glauben, daß sie sich alle Namen merken konnte, doch als alle beim Kuchen essen waren und Magkenzie die Tochter Mr. Rubenstones, Catherine, als seine Enkelin anredete, war der Streit vorprogrammiert. Nach diesem Mißgeschick redete Catherine kein Wort mehr mit ihr, doch Magkenzie war es recht.
In Magkenzies Kopf drehte sich alles und sie hoffte bald fahren zu können, damit sie sich endlich das Kleid und das unbeliebte Korsett ausziehen konnte, doch Onkel Charles schien sich gut zu amüsieren. Magkenzie hielt es irgendwann nicht mehr zwischen der Familie Rubenstone aus und machte sich auf den Weg zum See. Sie hoffte, daß es dort etwas kälter wäre, doch leider wurde sie dort auch noch zusätzlich zur Hitze von Mücken geplagt. Sie saß auf einer der vielen Bänke und sah auf das glitzernde Wasser, in dem sich die untergehende Sonne spiegelte.
Sie schlug immer wieder nach den Mücken, als plötzlich neben ihr jemand lachte. Erschrocken drehte sie sich um und entdeckte einen Mann, den sie als Jeffrey, den fünften Sohn von Mr. Rubenstone, erkannte.
„Sie sollten sich ihre Kräfte sparen. Wenn sie eine Mücke töten, kommen gleich zwei Neue! Darf ich mich vorstellen? Jeffrey Rubenstone", sagte er und setzte sich auch auf die Bank.
„Ich weiß, wer sie sind. Ich bin Magkenzie Thomson, aber sicher wissen sie das schon. Immerhin bin ich die Einzige, die nicht zu ihrer heute anwesenden Familie gehört."
„Ja,
da haben sie recht. Ist der See nicht wunderschön, wenn die
Sonne untergeht?"
„Es ist wie in einem Traum. Wohnen sie auch
hier?"
„Nein, um Gottes Willen. Ich kann die ganze Sippe nicht
aushalten. Ich weiß nicht einmal, warum ich heute gekommen bin.
Wahrscheinlich ihretwegen, ich wollte sie kennen lernen!"
„Ich
bin nicht so interessant, daß es sich lohnen würde extra
zu kommen."
„Sie sind ganz anders als die anderen Frauen, die
sonst bei meinem Vater sind. Ich muß zugeben, daß ich die
Frauen, die nur auf das Geld meines Vaters aus sind, nicht ausstehen
kann. Aber sie scheinen mir ganz anders zu sein. Sie sagen was sie
denken. Das finde ich lobenswert."
„Es ist nett von Ihnen, daß sie das sagen, doch es nützt nicht viel, weil man nur mit der Stimme wenig ausrichten kann."
Es folgte eine kurze Pause.
„Mögen sie ihn?" fragte Jeffrey Magkenzie plötzlich.
„Wie bitte?"
„Ich meine, mögen sie meinen Vater oder sind sie auch nur hinter seinem Geld her?"
„Ich bin bestimmt nicht hinter seinem Geld her, wie sie es ausdrücken. Ich weiß nicht einmal selbst, warum ich das mache. Wahrscheinlich, damit mein Onkel mich versorgt weiß."
„Es ist furchtbar von anderen gesagt zu bekommen, was man zu tun und zu lassen hat. Ich kenne das. Ich hatte drei ältere Brüder und eine ältere Schwester. Man hat es nicht leicht, wenn man der Fünfte ist."
„Das glaube ich. Ich jedoch wünschte mir Geschwister, denn dann wäre ich nicht so alleine."
„Aber das sind sie doch nicht, Miss Thomson", sagte plötzlich jemand hinter den beiden. Erschrocken drehten sie sich um und erkannten in der Dämmerung Mr. Rubenstone senior.
„Jeffrey, du kannst nun gehen", befahl sein Vater und Jeffrey sprang sofort auf und verabschiedete sich hastig von Magkenzie. Ihr war dieser Mann als einziger aus der Rubenstone Familie sympathisch und sie fand es schade, daß sein Vater sie bei ihrem Gespräch unterbrochen hatte.
Magkenzie wollte mit Jeffrey zum Haus zurückgehen, doch Mr. Rubenstone setzte sich mit ihr auf die Bank und hielt ihre behandschuhte Hand zwischen seinen schweißigen Wurstfingern.
Magkenzie spürte sie ekelhafte Wäre durch die Handschuhe und wollte ihr Hände entziehen, doch er hielt sie fest.
„Mr. Rubenstone..." begann sie, doch er unterbrach sie.
„Nennen Sie mich doch Eduard Johann II."
„Eduard, ich möchte ihnen etwas gestehen..." wieder wurde sie unterbrochen.
„Ich weiß, daß sie nicht das gleiche für mich empfinden, wie ich für sie, Magkenzie. Ich bin ein alter Mann, daß weiß ich selbst, doch meine Gefühle für sie sind echt. Sie sind eine wunderschöne, junge Frau. Ich kann ihnen alles bieten, was sie sich wünschen und dafür fordere ich von ihnen nur, daß sie mir eine gute Ehefrau sind. Ich wünsche mir, obwohl ich schon einige Söhne habe, einen männlichen Erben, dem ich den Großteil meines Besitzes übergeben werde."
„Mr. Rubenstone!" sagte sie, doch wieder unterbrach er sie. Er rutsche immer weiter zu ihr heran, doch sie konnte nicht aufstehen, da seine eine Hand ihre Hände fast zerdrückte und er mit der anderen Hand ihre Hüfte umschlungen hatte.
„Nennen sie mich doch Eduard."
Magkenzie war gefangen. Sie wollte weiterreden, doch die Worte blieben ihr im Halse stecken.
Seine fleischigen Lippen kamen ihr im faden Schein des Dämmerlichts immer näher. Sie wollte aufstehen und weggehen, doch Mr. Rubenstone hielt sie fest.
Sein Mund kam ihr immer näher und näher, bis Magkenzie seine nassen Lippen auf ihren spürte. Sie wehrte sich gegen die Umklammerung durch seine dicken Arme, doch er war viel stärker als. Ihr Hut rutsche ihr auf den Rücken und die Luft blieb ihr weg.
Sie versuchte sich gegen ihn zu stemmen, doch sein Griff wurde immer fester. Seine Finger bohrten sich ihre in die Haut und durch das Korsett bis in ihre Rippen. Er versuchte mit seiner Zunge ihre Lippen zu öffnen, doch sie hielt sie zusammengepreßt. Sie wollte schreien, doch tat sie es nicht. der Schock saß ihr tief in den Gliedern und um sie herum war niemand, der ihr helfen konnte.
Als er endlich von ihr abließ, sprang sie sofort auf und wischte sich den Mund ab. Sie sah ihn haßerfüllt und voller Ekel an, doch er sagte nur: „Das müssen wir noch üben, Weib."
Sie traute ihren Ohren kaum. Ab diesem Moment war ihr noch deutlicher klar, warum sie Mr. Rubenstone nicht heiraten wollte und das würde sie nun unter keinen Umständen tun.
Magkenzie verkniff sich vor ihm anzufangen zu weinen. Soviel Stolz hatte sie noch, doch als sie überhastet den Weg zurückstolperte, begannen ihrer Tränen zu laufen. Um den anderen Mitgliedern der Familie nicht zu begegnen ging sie um das Haus herum zur Vordertür. Dort setzte sie sich auf die Eingangstreppe und stützte die Arme auf ihren Knien auf. Sie weinte ein wenig, um ihren Schock zu vergessen, bis ihr Onkel plötzlich hinter ihr stand.
„Wir werden nun gehen!" sagte er, als wäre nichts geschehen, als wäre es ganz normal, daß seine Nichte auf der Eingangstreppe auf ihn wartet und sich nicht von dem Gastgeber verabschiedet hatte, doch in der Kutsche roch Magkenzie sofort, warum es ihm nicht auffiel.
Er muß extra soviel zu trinken bekommen haben, damit er nicht mitbekam, wie sich Mr. Rubenstone an seiner Nichte vergriff.
Es war einfach schauerlich zu sehen, wie Mr. Rubenstone alles im Griff hatte.
Gemeinsam mit Clark schaffte Magkenzie ihren Onkel in sein Schlafzimmer in den ersten Stock.
Ihr Onkel war sofort in der Kutsche eingeschlafen und hatte bis zu ihrem Haus durchgeschlafen. Auch man ihn mehr oder weniger vorsichtig die Treppe hochhiefte, wachte er nicht auf. Magkenzie hatte keine Lust ihm aus seinen Sachen zu helfen, so lockerte sie nur seine Krawatte und ließ ihn angezogen auf seinem Bett liegen.
Danach ging sie in das Arbeitszimmer und tat zum ersten Mal etwas, was sie sonst nicht tun würde.
Sie goß sich ein Glas Bourbon ein und trank es in einem Zug aus. Der Alkohol stieg ihr sofort in die Nase, daß sie husten mußte und ihre Kehle heiß herunter lief. Sie löste das Band ihres Hutes und setzte ihn ab. Mit der Flasche in der einen und dem Hut in der anderen, ging sie in ihr Zimmer.
Dort zog sie sich das Kleid aus und warf es wie etwas, an dem Ekelhaftes haftet, in die Ecke. Sie öffnete ihr Korsett und atmete tief durch.
Rote Abdrücke hatten die Metallstangen auf ihrer Haut hinterlassen.
Sie warf sich nur ihr Nachthemd über und trat ans Fenster. Es war ein wunderschöner Sommerabend und durch den Alkohol war ihre Angst verflogen. Mit nackten Füßen ging sie aus ihrem Zimmer in die Dunkelheit des Treppenhauses. Im Salon öffnete sie die große Terrassentür und trat ins Freie. Sie hatte sich noch ein Umschlagtuch mitgenommen, das sie sich über die Schultern warf. Mit der Bourbonflasche in der Hand ging sie durch den Garten hinaus zum Gartenhaus.
Gras streifte sanft ihre Beine und sie spürte die warme Erde unter ihren Füßen. Magkenzie ging bis in die Mitte des Gartens und setzte sich dann auf den Rasen.
Sie legte sich nach hinten und sah in den Sternenhimmel.
Sie konnte gerade noch ein paar Sternenbilder erkennen, ehe ihre Gefühle überhand nahmen und ihr die Tränen an den Schläfen entlang liefen und in das Gras fielen. Magkenzie setzte sich auf und nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Der Alkohol schmeckte furchtbar und brannte in ihrer Kehle, doch dieses warme Gefühl in ihrem Bauch hatte ihr gefehlt, dieses Gefühl, daß man geliebt und angenommen wurde.
Magkenzie nahm immer mal wieder einen Schluck, obwohl sie sich nach jedem sagte, sie wolle aufhören, doch nach einiger Zeit fand sie gefallen an dem Bourbon. Sie fühlte sich ihrem Onkel näher als zuvor und verstand, weshalb er seinen Kummer in ihm ertränkte.
Nachdem sie die Flasche fast geleert hatte, ließ sie sich nach hinten ins Gras fallen und stellte fest, wie komisch ihr war. Der Himmel schien über ihr hin und her zu schwanken und es war ihr, als ob sie sich viel zu lange um sich selbst gedreht hatte.
Dennoch, die Gedanken an ihre bevorstehende Hochzeit blieben in ihrem Gedächtnis.
„Was soll ich bloß tun, Charlotte?" fragte Magkenzie, als ob ihre tote Schwester neben ihr stehen würde.
„Ich würde verreisen", sagte plötzlich jemand neben ihr. Erschrocken sprang Magkenzie auf und wischte sich die Tränen aus den Augen. Sie torkelte leicht und ein komischer Geschmack entstand in ihrem Mund. Dennoch konnte sie erkennen, wer neben ihr stand.
„Alexandre!" rief sie überrascht, als sie ihren Freund neben sich im nächtlichen Garten stehen sah.
Sie fiel ihm um den Hals und konnte erst aufhören zu weinen, nachdem sie ihm erzählt hatte, was sich diesen Nachmittag ereignet hatte.
Alexandre hörte sich alles ruhig an, ehe er die völlig erschöpfte und betrunkene Magkenzie zurück in ihr Zimmer brachte und dort in ihr Bett legte.
Ein stechender Schmerz durchfuhr Magkenzie, als sie die Augen aufschlug und in die strahlende Sonne sah.
Sie richtete sich schlaftrunken auf und erschrak, als sie sah, daß Alexandre auf ihrem Bett saß und sie so sah.
„Was tust du hier?" fragte sie erschrocken und bedeckte sich mit ihrer Bettdecke.
„Du hattest gestern etwas getrunken und ich hielt es für besser bei dir zu bleiben", sagte er ohne mit der Wimper zu zucken. „Ich habe in deinem Sessel geschlafen", fuhr er fort und zeigte auf sein Jackett, daß noch über der Lehne hing.
„Dreh dich um!" sagte Magkenzie, als sie schwerfällig aus ihrem Bett kletterte und sich kaltes Wasser in die Waschschüssel goß. Sie tauchte den Lappen unter und preßte ihn auf ihre glühende Stirn. Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er in Watte gepackt und als Magkenzie sich im Spiegel sah, stellte sie fest, daß er fast genauso aussah. Sie hatte verquollene Augen und einen bleichen Teint. Ihre Haare standen ihr wild zu Berge und ließen sich auch nicht zu das Kämmen bändigen.
„Was machst du!" rief sie aufgeregt, als sie plötzlich im Spiegel sah, daß Alexandre sie ohne Scheu begutachtete. Sie griff sich schnell ihren Morgenrock aus dem Schrank und zog ihn über.
Danach setzte sie sich neben ihn auf das Bett und sah ihn an.
„Wie meintest du das gestern mit dem Verreisen?" fragte Magkenzie Alexandre.
„Du hattest wohl doch noch nicht zuviel getrunken, daß du dich daran noch erinnern kannst. Damals hattest du mir doch einmal erzählt, daß du niemanden kennst, bei dem du wohnen könntest, oder?" fragte er und sie stimmte zu.
„Du hast mir jedoch auch einmal erzählt, daß eine gute Freundin deiner Mutter dich eingeladen hat. Fahr doch zu ihr!"
Magkenzie sah ihren Freund an. „Das meinst du nicht ernst? Doch, du meinst es ernst!"
„Mag, es wäre eine Chance von hier zu entfliehen. Du hast selbst gesagt, du würdest dich lieber umbringen, bevor du Mr. Rubenstone heiratest."
„Aber Alexandre, ich kenne diese Laure doch überhaupt nicht. Soll ich vielleicht bei dieser Familie wohnen, wenn ich hier in Boston verlobt bin? Was meinst du, würden sie machen? Sie würden mir den nächsten Zug heraussuchen und mich zurückschicken."
„Dann
sagst du nicht, daß du verlobt bist. Fahr hin und mache Urlaub.
Von dort aus kannst du dir ein eigenes Leben aufbauen?"
„Und
du? Was ist mit dir?" fragte Magkenzie und kuschelte sich an seine
Brust.
„Ich werde dich auch besuchen kommen!" versprach er ihr und sah sie an.
„Wußtest du, daß du in deinem Nachthemd einfach wunderbar aussiehst."
Magkenzie gab ihm einen liebevollen Stoß und stand auf.
„Jetzt solltest du wirklich gehen, ehe Onkel Charles dich sieht."
„Er sieht mich sicher nicht!" widersprach Alexandre.
„Nein, wohl nicht, aber ich würde mich gerne anziehen und dabei brauche ich keine Zuschauer!" sagte Magkenzie halb ernst, halb im Spaß.
Alexandre stand auf, küßte sie auf die Wange und verließ ihr Zimmer durch das Fenster.
