14. Oktober 1883

Ich bin nun endlich in Philadelphia angekommen. Der Himmel ist mit dunklen Regenwolken verhangen, daß keine Aussicht auf Besserung ist. Ich habe mir eine kleine Pension gesucht, in der ich die Nacht verbringen werde, denn der nächste Zug fährt morgen früh um sieben am Bahnhof ab.

So, wie der Himmel aussieht, sieht es in mir drinnen aus. Als ich am Bahnhof ausstieg, war ich wieder soweit gefaßt, daß ich nicht mehr weinen mußte, doch meine Augen sind verquollen und man sieht, wie ich mich fühle.

Die kleine Pension, ein dreistöckiges Haus, dessen Zimmer von einer freundlichen, alten Dame vermietet werden, liegt direkt gegenüber dem Bahnhof.

Ich stand in der Bahnhofsvorhalle und wußte nicht, wohin ich sollte, denn in diesem Regen wollte ich nicht weit laufen, bis ich eine Bleibe gefunden hatte.

Ich sah das große Schild, welches warme Zimmer und weiche Betten anpries und somit nahm ich meinen Koffer in die Hand, raffte meine Röcke und lief quer über den Platz in die kleine Gasse hinein, in der nach wenigen Metern die Eingangstür war.

Die alte Dame hieß mich herzlich willkommen und gab mir ein kleines Zimmer. Zwar sind die Wände mit altmodischer Tapete verziert und das Bett ist ein wenig durchgelegen, doch dafür war es auch nicht sehr teuer.

Ich sitze nun hier am Fenster und schreibe meinen ersten Brief an Alexandre, doch ich weiß nicht, wie ich meine Gefühle für ihn ausdrücken soll. Soll ich etwa schreiben Hallo Alexandre, ich fand es schön, daß wir uns nun endlich richtig geküßt haben. Ich liebe dich. ?

Das ist viel zu einfach. Ich spüre die Wärme, die mich trotz nasser Haare durchflutet. Ich spüre sie auf meinen Wangen, wenn ich meine kalten Hände dagegen presse und in meinem Herzen, wenn ich mich daran erinnere, wie wir uns kennen gelernt haben.

Ich sehe ihn vor meinen Augen, als würde er vor mir stehen und wenn ich ihn berühren will, dann sieht er mich mit einem Blick an, der mir das Blut in den Adern gefrieren läßt und mir kalte Schauer über den Rücken jagt.

Es ist, als wäre er hier, bei mir, obwohl er nicht einmal in der gleichen Stadt ist. Ich denke die ganze Zeit an ihn und doch kommt es mir so vor, als wäre es ganz einfach alles logisch zu erklären, doch wenn ich anfangen möchte, dann bleiben meine Gedanken einfach in meinem Kopf und ich kann sie nicht zu Papier bringen, obwohl es mir so einfach scheint.

Jetzt verstehe ich auch, wieso meine Mutter früher immer gesagt hatte, daß Liebe so einfach scheint und doch so schwer ist, sie mit Worten auszudrücken.

Ich sitze am Fenster und lausche den Regentropfen, die gegen die Scheiben prallen.

Die alte Dame, Mrs. Miller, hatte mir gerade eine Tasse Tee und etwas Gebäck gebracht. Sie scheint mir sehr nett zu sein. Ich kenne nicht viele Leute, die sich um andere kümmern und dabei so viel Verständnis für Fremde aufbringen.

Der Tee wärmt meine Hände, doch innerlich fröstelt es mich.

Sicher hat Onkel Charles schon gemerkt, daß etwas nicht stimmt. Es tut mir weh, ihm so einen Schreck einzujagen, doch ich habe einen kleinen Brief hinterlassen.

Er wird ihn sicher schon gefunden haben, doch darauf wird er auch nicht schlau.

Ich habe dort nur geschrieben, was meine Gründe sind.

Ich habe ihm immer deutlich gezeigt, daß ich Mr. Rubenstone nicht heiraten will, doch er wollte davon nichts wissen, deshalb mußte das auf diesem Weg geschehen.

Es hämmerte an der Tür. Magkenzie sprang verschlafen auf, stieß sich den kleinen Zeh am Nachtschränkchen und humpelte leise fluchend zur Tür, die sie nur einen winzigen Spalt breit öffnete.

„Miss Thomson. Es ist bereits sechs Uhr durch. Ich dachte, sie wollen vielleicht geweckt werden", sagte Mrs. Miller, die Zimmerwirtin.

„Ich danke Ihnen, Mrs. Miller. Ich muß gestern Abend über meinem Buch eingeschlafen sein. Ich habe mir keinen Wecker gestellt."

Magkenzie schloß die Tür wieder und sah sich, nachdem sie den Vorhang geöffnet hatte, in dem kleinen Zimmer um. Sie hatte gestern nur ihr Kleid ausgezogen und war auf dem Bett in Unterwäsche eingeschlafen. Heute Morgen schmerzte ihr von ihrem Korsett jeder Knochen, doch sie hatte keine Zeit es zu lösen, da ihr Anschlußzug bald gehen würde. Eigentlich hatte sie schon viel zu lange geschlafen, deshalb warf sie sich nur das Kleid wieder über und kämmte ihre Haare.

Wie immer standen sie wirr ab, doch mit viel Mühe und etwas Wasser hielten sie ihre Form und Magkenzie konnte ihren Hut aufsetzten. Als sie das Zimmer gerade verlassen wollte, sah sie, daß sie ihr Kleid schon beschmutzt hatte.

Ein großer Fleck hatte sich auf ihrem Bauch ausgebreitet und ließ sie nur schwer mit Wasser entfernen.

Mit den Schlammspritzern am Rockende und einem großen nassen Fleck am Bauch machte sie sich auf den Weg.

Es war nun zehn vor sieben und Magkenzie bezahlte noch schnell ihr Zimmer, ehe sie auch schon gehen wollte, doch Mrs. Miller hielt sie zurück.

„Warten Sie", rief sie und lief hinter Magkenzie, die ungeduldig in der Tür stehen geblieben war, her. „Ich habe noch eine Kleinigkeit für Sie zu essen. Da sie doch noch nicht gefrühstückt haben."

Magkenzie wußte gar nicht was sie sagen sollte.

„Danke, Mrs. Miller. Sie sind unwahrscheinlich nett."

„Es hat keine Umstände gemacht, mein Kind. Kommen Sie nur gut an ihrem Bestimmungsort an. Der Herr möge Sie beschützen."

Über diese letzten Worte mußte Magkenzie noch im Zug lächeln. Noch nicht hatte jemand das zu ihr gesagt. Vor allem gefiel ihr, daß sie überall als erwachsene Dame galt. Es war eine neue Erfahrung für Magkenzie und machte sie stolz und glücklich.

Als der Zug langsam aus dem Bahnhof fuhr, wußte Magkenzie endlich, was sie Alexandre schreiben konnte:

Lieber Alexandre,

Noch siegt die Neugier und Freude über die Ernüchterung zu wissen, daß es nun kein Zurück mehr gibt. Es habe zum ersten Mal in meinem Leben nicht in den beschützenden Wänden meines Elternhauses übernachtet und die Erfahrung, als Dame behandelt zu werden, macht mich sehr glücklich. Ich muß mich wohl seit meiner Abreise gestern Nachmittag sehr verändert haben.

Ich hätte furchtbar gerne das Gesicht von Mr. Rubenstone gesehen, als ihm erzählt wurde, daß sich seine Verlobte aus dem Staub gemacht hat. Es tut mir Leid die vielen schönen Dinge zurücklassen zu müssen, doch mir wurde einmal gesagt, wer sich nur auf das Bestehende stützt, hat nie die Möglichkeit etwas neues Schönes zu finden.

Es tat mir im Herzen weh, dich in der Ferne verschwinden zu sehen. Missouri ist sehr weit weg und wir werden und lange Zeit nicht wieder sehen, doch ich bin froh, daß wir diese Möglichkeit gefunden haben.

Ich sitze gerade im Zug nach Washington und die Landschaft rast an mir vorbei. Es gibt so viel, von dem ich dir schreiben möchte, doch dafür würde die Zeit nicht reichen. Das Wetter konnte sich nur noch zum Guten ändern, denn gestern Abend bei meiner Ankunft regnete es in Strömen. Heute Morgen jedoch, lachte mir die Sonne ins Gesicht. Riesige Flächen von Ackerland und unberührter Natur ziehen an mir vorbei. Es ist kaum zu glauben, daß wir in diesem schönen Land leben und doch so wenig davon wissen. Die Farben des Herbstes lachen mir entgegen und begrüßen jeden Ankömmling, so daß man sich fast wie zu Hause fühlt, obwohl man noch nie in diesem Teil gewesen war.

Hier und dort liegen Dörfer und fast überall schrecken Tiere auf, wenn der laute Zug vorbeirauscht.

Telegrafenleitungen begleiten unseren Weg und die ständige Wiederholung der Masten hat etwas Beruhigendes auf mich. Ich zähle sie nicht mehr. Bei 256 Masten habe ich aufgehört zu zählen.

Dieses unberührte Land bewohnbar zu machen war einfach unglaublich, wenn man nun sieht, was alles dahinter steckt. Früher hätte man mit der Kutsche reisen müssen und wäre nach doppelt so langer Zeit und vielen Strapazen im Westen angekommen, doch heute ist dies fast ein Kinderspiel.

Es macht mich trotz all dieser schönen Eindrücke traurig, daß du nicht an meiner Seite sitzt. Wären wir uns doch unter anderen Umständen begegnet und wären wir in einer anderen Zeit geboren, wäre es uns vielleicht vergönnt gewesen anders zu leben. Aber diese viele Konjunktive können wir doch nicht ändern.

Ich werde dir von nun an in jedem Zug einen Brief schreiben, denn so schön die Gegend auch ist, ich langweile mich jetzt schon. Die Sitze sind unbequem es ist laut und frische Luft gibt es im Übermaß, da es überall zieht. Ich werde mich nicht weiterbeklagen, jedenfalls nicht bei dir. Das kann ich alles Charlotte schreiben.

Ich versuche den Brief so schnell wie möglich aufzugeben, damit er dich bald erreicht.

Deine dich liebende Magkenzie