Viel zu früh stand sie wieder auf. Sie zog sich an, nachdem sie versucht hatte, die Flecken aus dem schwarzen Kleid zu waschen. Es war eine Tortur sich in ihr Korsett zu zwängen, doch breitere Kleider hatte sie nicht.
Sie war wie durch den Wind und konnte nicht einmal in ihr Tagebuch schreiben.
Sie aß ein paar Bissen von einem alten Brot und setzte sich auf den Stuhl vor das Fenster. Die Sonne ging gerade auf und trotz des heruntergekommenen Eindrucks, den diese Gegend am Abend gemacht hatte, fühlte sie die Wärme dieser Stadt in ihrem Herzen. Über den Dächern lag keine schlechte Luft mehr, wie gestern Abend der Fall war. Es war, als hätte die Nacht alle schlechten Gerüche aus der Stadt getrieben.
Auf der Straße begann das Leben. Milchwagen fuhren von Haustür zu Haustür und stellten die Flaschen ab. Kleine Jungen riefen die neusten Nachrichten aus und bekamen für die Zeitungen immer wieder Pennies zugesteckt.
Abfallkehrer reinigten die Straßen von den vielen Pferdeäpfeln, die noch vom Vortag liegen geblieben waren.
Küchenmädchen und Bedienstete machten sich zu dieser frühen Stunde auf den Weg zum Markt, um einzukaufen. Immer wieder blieben sie stehen, da sie Bekannte entdeckt hatten.
Es machte nicht den Eindruck, daß ihnen die frühe Uhrzeit zu schaffen machte. Sie erzählten viel und scherzten.
Vom Zimmer nebenan hörte man jetzt nur das laute Schnarchen eines Mannes. Die Frau, so hatte Magkenzie gehört, war gegen halb sechs gegangen.
Lieber hätte sie in einem etwas besseren Hotel gewohnt doch ihre bescheidenen Mittel waren schon für die Zugfahrt draufgegangen.
Als Magkenzie das Zimmer verließ, war sie gut gelaunt. Heute Abend schon würde sie bei Laure und ihrer Familie sein. Das Wetter begrüßte sie freundlich, als sie vor die Tür des Hauses trat. Die Sonne stand nun hoch am Himmel und obwohl es Herbst war, war der Himmel klar und Vögel trieben wilde Spiele in ihm.
Magkenzie sah sich kurz um, straffte ihre Schultern und machte sich auf den Weg zum Postamt. Sie hatte nur ihren Koffer, den sie aufgeben mußte, ehe sie sich in die große Wartehalle setzte.
Die Kutsche sollte um halb acht abfahren, doch selbst um acht war sie noch nicht aufgerufen worden.
Magkenzie stand auf und ging zu einem Angestellten.
„Entschuldigen Sir! Wann bitte fährt die Postkutsche nach Ava?" fragte sie höflich.
„Miss, die Kutsche mußte warten, weil igrendsoein Hinterwäldler ein Paket haben wollte und es nicht pünktlich geliefert wurde. Sie muß in zehn Minuten hier sein!" sagte er und widmete sich weiter seinen Papieren.
Magkenzie schlenderte etwas durch die Reihen der Wartenden. Zu dieser Zeit warteten nicht viele auf eine Kutsche. Die meisten Leute, die Verwandte im Westen hatten, besuchten diese im Frühjahr, denn im Herbst verhinderten Regenfälle und Stürme die Reisen.
Doch Magkenzie hatte keine Wahl gehabt.
Gerade, nach zwanzig Minuten, als sie sich wieder hinsetzen wollte, rief der Angestellte ihre Kutsche auf.
Sofort schlug Magkenzies Herz schneller. Es war, als ob sie nun wirklich aus der Zivilisation in die Wildnis fuhr.
Der Kutscher half ihr beim Einsteigen. Sie war der einzige Fahrgast und so konnte die Kutsche nur mit fast einer Stunde Verspätung aufbrechen.
Nach drei Stunden machten sie die erste Pause. Jetzt verstand sie, was Madame de Bourges damit meinte, daß Kutschen noch unbequemer waren. Das Geschaukel verursachte eine Art Seekrankheit bei ihr. Ihr war furchtbar schlecht, doch zum Glück hatte sie am morgen wenig gegessen.
In dem kleinen Ort namens Sullivan, in dem sie hielten, stieg ein älteres Ehepaar zu. Sie waren sehr wortkarg, doch angesichts ihres Zustands war es ihr sehr recht.
Das Geschüttel der Kutsche warf sie immer wieder vor und zurück, so daß sie sich an den Haltegriffen festklammerte. Immer wieder drückte die Sitzlehne sich jedoch gegen ihren geschundenen Rücken. Solche Strapazen war sie nicht gewohnt.
Magkenzie konnte kaum die Schönheit der Landschaft bewundern. Sie wünschte sich endlich da zu sein. Ihr war schlecht und alles tat ihr weh und die Aussicht, daß ihr kein warmes Bad bevorstand, hob ihre Laune nicht gerade. Sie hatte nämlich gelesen, daß im Westen nur zweimal im Monat gebadet wurde.
Vielleicht konnte die Familie für sie einmal eine Ausnahme machen.
Erst jetzt merkte sie, daß sie sich noch nie viele Gedanken über die Familie gemacht hatte. Es gab wohl vier Kinder, wobei der älteste Sohn schon verheiratet war.
Novlene, die älteste Schwester, muß in etwa in Magkenzies Alter gewesen sein.
Hoffentlich werde ich sie erkennen, wenn sie mich von der Kutsche abholen dachte Magkenzie, bevor die Kutsche wieder über einen kleinen Hügel sprang und sie unsanft nach hinten geworfen wurde.
Sie stöhnte auf. Wie lange mochte sie noch fahren müssen.
Als hätte die alte Frau ihre Gedanken gehört sagte sie: „Wir fahren bis Mountain Grove und bis dorthin brauchen wir nur noch acht Stunden!"
Magkenzie traute ihren Ohren kaum. Hatte diese Frau von nur acht Stunden Kutschfahrt geredet?
Sie mußte sich verhört haben, lächelte dennoch höflich und widmete sich dann wieder ihren Schmerzen.
Seit sie Cuba und Rolla hinter sich gelassen hatten, hatte sich das Wetter geändert. Dicke, schwere Regenwolken zogen herauf und verhießen nichts Gutes. Die Kutscher verlangsamten die Fahrt als es zu Regnen begann. Erst fielen nur wenige Tropfen, doch nach und nach wurden sie dicker und prasselten, als die Kutsche in Waynesville einfuhr, nur so herab.
„Wir werden nur einen kurzen Aufenthalt haben!" sagte der Kutsche und sprang vom Kutschbock. „Sie brauchen nicht weit weggehen."
Magkenzie stieg aus der Kutsche. Als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, fühlte sie sich wieder besser. An einem kleinen Stand kaufte sie sich etwas kleines zu Essen und ging mit steifen Beinen zurück zur Kutsche. Das ältere Ehepaar war nicht ausgestiegen. Es war fast, als würde ihnen die Fahrt nicht das Geringste ausmachen.
Vorsichtig ging Magkenzie etwas hin und her und wollte den Moment, in dem sie wieder einsteigen mußte, bloß weit nach hinten hinauszögern.
„Alles einsteigen!" dröhnte plötzlich die Stimme des Kutschers neben ihr, der ihr wieder einsteigen half.
Um acht Uhr, mit anderthalb Stunden Verspätung, traf die Postkutsche in Mountain Grove ein.
Das Ehepaar verabschiedete sich von Magkenzie und stieg aus. Nun war sie wieder alleine. Alleine, mit ihrem schmerzenden Körper, allein mit dem schlechten Wetter und allein mit sich selbst.
Da die Straßen zu schlammigen Wegen wurden, mußten die Kutscher die Fahrt nochmals verlangsamen. Es war kalt und in ihrem Mantel fror Magkenzie.
Die Kutsche rumpelte jedoch unbarmherzig weiter.
Magkenzie hatte schon nicht mehr damit gerechnet, doch kurze Zeit später, hielt die Kutsche erneut. Sie wagte kaum hinauszusehen, doch da waren einige Häuser.
„Alles aussteigen. Ava!" rief der Kutscher und begann im strömenden Regen die Post und Magkenzies Koffer abzuladen.
Kaum glaubend stand sie auf und stieg aus. Sofort war sie vom Regen bis auf die Haut durchnäßt, doch endlich war sie da.
Einige Menschen hatten sich trotz des schlechten Wetters und der späten Zeit versammelt, um ihre Post in Empfang zu nehmen.
Magkenzie sah sich um, entdeckte jedoch niemanden, der Laure hätte ähnlich gesehen. Magkenzie hatte zu Hause eine sehr alte Fotografie gefunden, die Laure mit Magkenzies Mutter zeigte, bevor Laure in den Westen gegangen war.
Magkenzie nahm ihren Koffer entgegen, bevor der Kutscher in auf die Straße, besser in den Matsch, stellen konnte.
Knöcheltief stand Magkenzie in der schlammigen Matsche, doch sie hatte nicht die geringste Ahnung, wohin sie gehen mußte, da sie dem Anschein nach niemand abholen kam.
Sie stand im Regen und wartete. Niemand schien sich um sie zu kümmern. Nur ein, zweimal sagte jemand etwas über ihre vornehme Kleidung.
Der Kutscher fuhr jetzt die Kutsche weg und ließ Magkenzie alleine.
All ihren Mut zusammennehmend ging Magkenzie auf einen älteren Mann zu, der gerade in ein Restaurant verschwinden wollte.
„Entschuldigen sie Sir. Ich würde gerne wissen, wie man zu den Garlands kommt?"
„Aber klar doch. Sie folgen einfach dieser Straße!" sagte er und deutete mit seinem dreckigen Finger auf den schlammigen Weg. „Sie können die Farm nicht verfehlen."
Noch ehe Magkenzie sich bedanken konnte, war der Mann verschwunden. Laute Stimmen und Musik drangen zu ihr heraus, doch dann war es wieder gespenstisch ruhig.
Sei nicht so kindisch! schalt sich Magkenzie. Kopf hoch und geh los!
