Die ersten paar Schritte konnte Magkenzie noch unter den Dächern vor den Läden entlanggehen, doch dann mußte sie diese verlassen.

Vorsichtig stieg sie auf die braune Straße. Sie sank bis zum Knöchel im Matsch ein und das Regenwasser drang bis in ihre Stiefel und durchnäßte ihre Socken. Es regnete immer noch und ab und zu erhellte ein Blitz den dunklen Nachthimmel. Magkenzie hatte jedoch keine andere Wahl. Im Ort hatte sie kein Hotel gesehen und selbst wenn es eins gegeben hätte, hätte ihr Geld nicht mehr dafür ausgereicht.

Behutsam setzte sie einen Schritt vor den anderen und versuchte, ihr Kleid nicht noch schmutziger zu machen, doch diese anstrengende Art zu gehen war sie bald Leid.

Sie sah sowieso zum heulen aus. Ihre Haare klebten ihr am Kopf und das Wasser lief ihr in einem Bach über das Gesicht, ihr Kleid war zwar schwarz, doch der braune Dreck klebte in dicken Klumpen daran und am Saum ihres Rockes kroch der Schmutz hinauf.

So zuckte Magkenzie, als würde sie jemand sehen können, die Schultern, nahm den Koffer in ihre andere Hand und stapfte den Weg entlang. An beiden Seiten der Straße hatten sich Rinnsale gebildet, die wie kleine Bäche aussahen.

Magkenzie konnte kaum den Weg erkennen, denn nachdem sie die letzten Häuser der Stadt hinter sich gelassen hatte, war es stockdunkel.

Große Bäume schwankten mit ihren massiven Ästen im Sturm und sahen zum Fürchten aus.

Magkenzie hatte während sie die Straße entlang stiefelte, die Zeit vollkommen vergessen. Wie lange mochte sie nun schon gelaufen sein?

Sie konnte es nicht sagen und gerade als sie aufgeben und zurückgehen wollte, sah sie in einiger Entfernung die Lichter eines Hauses.

Vor Freude mußte Magkenzie lächeln und ihre Schritte wurden augenblicklich schneller.

Endlich, endlich war sie angekommen und würde in ein warmes Haus einkehren.

Sie öffnete das Gatter und ging hindurch. Jetzt, wo sie vor dem Haus stand, schien es ihr noch größer, als es von weitem ausgesehen hatte.

Es war zweistöckig, in der typischen Art von Farmhäusern gebaut. Über vier stufen gelangte man auf die Veranda, die das Haus einmal zu umranden schien.

In den unteren Fenstern brannte Licht und auf der Veranda angekommen konnte Magkenzie einige Personen ausmachen. Das waren sie also, die Familie Garland.

Magkenzie wollte anklopfen, damit sie endlich aus dem regen herauskam, doch zugleich wurde ihr klar, dass sie, die Großstädterin, hier um Zuflucht bat.

Würde man sie freundlich aufnehmen? Sicher, Laure hatte geschrieben, sie wäre gerne willkommen, doch die Familie hatte immerhin schon drei Kinder zu versorgen. Würden sie ein viertes noch aufnehmen?

Magkenzie stand unschlüssig vor der Tür und konnte sich nicht entscheiden, da wurde ihr die Entscheidung abgenommen.

Die Haustür wurde aufgemacht und ein junger Mann, fertig zum gehen, stand in ihr.

„Oh..." sagte er nur und starrte sie an. Diese Szene hatte die Aufmerksamkeit der anderen Familienmitglieder auf sich gelenkt.

Alle starrten Magkenzie an, bis sich eine ältere Frau aus der Starre löste und auf sie zukam.

„Magkenzie?" fragte sie und sah sie an.

„Ja, ich suche Laure Garland!" erwiderte Magkenzie betreten. Sie stand mit tropfenden Kleidern vor der Tür und fühlte sich sichtlich unbehaglich.

„Ich bin Laure! Magkenzie, wir wußten nicht wann du ankommen würdest. Warum hast du uns nicht Bescheid gesagt?" begann sie zu reden, doch dann unterbrach sie sich.

„Was für eine schlechte Gastgeberin ich bin. Du bist ja klitschnaß. Komm erst einmal herein und wärm dich auf."

Magkenzie wollte protestieren, da sie mit ihren dreckigen Schuhen nicht in die saubere Stube treten wollte, doch Laure hatte ihre Hand gegriffen und zog sie mit sich.

Jemand nahm ihr ihren Koffer aus der Hand und sofort wurde ihr ihren Mantel ausgezogen. Dann setzte man sie auf einen Stuhl und zog ihr ihre Schuhe aus.

Nasse Spuren hinterlassend folgte Magkenzie Laure die Treppe hoch in den ersten Stock.

„Wir werden dich nun erst einmal aufwärmen", sagte Laure und schürte das Feuer im Ofen. Magkenzie stand unbeholfen daneben.

Laure war so bestimmend, daß Magkenzie sich kaum gegen diese Hilfe zur Wehr setzen konnte.

Plötzlich klopfte es und ein junges Mädchen kam herein, brachte Wasser und Magkenzies Koffer. Sie war etwa im selben Alter, wie Magkenzie. Das Mädchen wurde ihr von Laure als Novlene vorgestellt, doch diese verschwand ebenso, wie sie gekommen war. Zurück blieb nur ein großer Krug mit dampfendem Wasser. Mit klammen Fingern begann Magkenzie ihr Kleid aufzuknöpfen, doch mit ihren kalten Händen konnte sie kaum die Knöpfe festhalten.

„Warte, ich helfe dir!" sagte Laure nur und begann ihr zu helfen. Als Magkenzie nur in Unterwäsche bekleidet vor ihr stand, stockte sie kurz beim Anblick ihres Korsetts, doch gleich fuhr sie fort auch dieses zu lösen.

Magkenzie zog sich trockene Unterwäsche an und steckte ihre Hände in die Schüssel, in der das Wasser dampfte.

„Ich werde dir etwas zu essen holen. Du bist ganz blaß. Sicher hast du in den letzten Tagen wenig gegessen." Mit diesen Worten verschwand Laure.

Magkenzie wickelte sich in die Steppdecke, die auf dem Bett gelegen hatte und setzte sich vor das wärmende Feuer.

Langsam, ganz langsam begannen ihre Finger zu kribbeln und zu pochen, bis sie endlich wieder warm und benutzbar waren.

Es klopfte und Laure trat mit einem großen Tablett, voller Köstlichkeiten ein.

Magkenzie lief das Wasser im Mund zusammen. Sie hatte den ganzen Tag nichts gegessen und doch keinen Hunger gespürt, doch jetzt, wo sie das Essen sah, konnte sie sich nicht mehr zurückhalten.

Sie ging zum Tisch, auf den Laure das Tablett gestellt hatte und begann langsam zu essen.

Die Freundin ihrer Mutter saß ihr gegenüber und sah ihr zu.

„Wieso hast du nicht geschrieben, daß du jetzt kommst?" fragte Laure, als Magkenzie fertig mit essen war.

„Meine Abreise war sehr spontan. Onkel Charles hatte viel zu tun und ich wollte ihm nicht im Weg sein, außerdem hatte man mir gesagt, ich müßte schnell abreisen, damit ich noch vor den ersten Herbstgewitter ankomme!" log Magkenzie und wurde durch einen mächtigen Donnerschlag unterstützt.

Draußen prasselte noch immer der Regen gegen die Fenster, doch im geschützten Haus fand Magkenzie dieses Wetter weit weniger schlimm, als vor einer halben Stunde.

„Am besten schläfst du dich erst einmal richtig aus. Morgen sieht alles bestimmt freundlicher aus!" sagte Laure und nahm das Tablett an sich.

„Gute Nacht, Magkenzie. Es ist schön, daß du hier bist."

Obwohl Magkenzie müde war und kaum noch ihre Augen offen halten konnte, nahm sie ihr Tagebuch aus ihrer Umhängetasche und schlug es auf. An einigen Stellen war das kostbare Papier naß geworden und die Tinte verlaufen, doch Magkenzie wußte genau, was dort gestanden hatte.

Sie legte das Buch auf das große Bett und widmete sich schließlich noch ihrem Koffer. Er war ziemlich durchgeweicht und die Kleider, die Magkenzie mitgebracht hatte, waren naß und sahen recht unansehnlich aus. Sie legte sie über die Stühle und stellte sie in die Nähe des Feuers. Das schwarze Kleid jedoch, mußte erst einmal gewaschen werden, ehe sie es erneut anziehen konnte.

17. Oktober 1883

Endlich bin ich angekommen. Angekommen, aber wo nur? Die Straßen bestehen aus Schlamm, die Häuser aus einfachen Brettern und dieser Ort besteht nur aus einer einzigen Straße.

Was habe ich mir nur dabei gedacht in diese Wildnis zu gehen? Dachte ich, hier würde sich alles ändern? Sicher, es gibt weniger Umgangsformen und die Höflichkeit dieser Menschen läßt auch zu wünschen übrig, doch die Vorurteile sind die gleichen, wie in Boston.

Ich habe doch gesehen, wie Novlene mich angesehen hat. Sie haßt mich aus tiefstem Herzen, obwohl ich nicht ein Wort mit ihr geredet habe.

Es ist einfach furchtbar. Vielleicht wird der morgige Tag besser, doch ich fürchte nicht. Ich bin ein Großstadtkind und kenne mich auf einer Farm nicht aus. Ich habe noch nie Kühe gemolken, Eier gesammelt oder Unkraut gejätet.

Ich hoffe, Laure und ihre Familie werden Verständnis mit mir haben, denn ich selbst setze mich schon genug unter Druck.

Ich muß die ganze Zeit gähnen und bin müde, deshalb werde ich nun endlich schlafen gehen.

Das Bett ist wunderbar weich und gemütlich. Ich wünsche dir eine gute Nacht, Charlotte.