Am nächsten Morgen wurde Magkenzie unnatürlich geweckt. Die Sonne kitzelte sie an der Nase und zwang sie wach zu werden doch das verschlafene Mädchen zog sich die Decke über den Kopf, bis sie merkte, dass etwas nicht stimmte.
Verschlafen richtete sie sich auf und wußte nun wieder, daß sie nicht in ihrem eigenen Zimmer war.
Diese Entdeckung wurde sofort durch eine weitere Unnatürlichkeit bestätigt. Gerade als sie sich noch einmal hinlegen wollte, sahen sie zwei große Augen von der Tür aus an.
Mit einem lauten „Mum, sie ist wach!" klappte die Tür und Magkenzie war wieder alleine.
Jemand lief laut trampelnd die Treppe hinunter und wurde unten ordentlich ausgeschimpft. Magkenzie sah von ihrem Bett aus einen riesigen Eichenbaum und den blauen Himmel über Missouri.
Magkenzie konnte sich nicht entscheiden in dem warmen, weichen Bett liegen zu bleiben oder aufzustehen, doch da das gesamte Haus schon aufgestanden zu sein schien, blieb ihr nichts anderes übrig als auch aufzustehen.
Sie wusch sich schnell mit dem Wasser aus der Schüssel und stand dann vor der schwerwiegenden Frage, welches ihrer drei Kleider sie anziehen wollte.
Sie entschied sich schließlich für das blaue, mit der weißen Schürze. Es war immer ihr Lieblingskleid gewesen, doch heute war die Schürze so zerknittert, daß Magkenzie sich dafür schämt, doch das grüne und das rote Kleid sahen auch nicht besser aus.
Schnell kämmte sie sich noch ihre Haare und steckte sie hoch, ehe sie guter Dinge in den kleinen Flur trat und die Treppe hinunter ging.
Gestern Abend war ihr das Haus so groß vorgekommen, doch nun sah sie, daß im ersten Stock fünf Zimmer untergebracht waren.
Als sie unten angekommen war, saß die Familie schon am Tisch und bereits fertig mit frühstücken.
„Guten Morgen, Magkenzie! Hast du gut geschlafen?" begrüßte sie Laure fröhlich.
„Ja, danke Mrs. Garland!" erwiderte diese.
„Darf ich dir nun meine Kinder vorstellen?" fragte sie und stellte sich hinter Novlene. „Novlene kennst du bereits. Das sind Elia und Damian", sagte sie und zeigte auf einen 15 Jahre alten Jungen und auf den Kleinen, der seinen Kopf heute morgen durch Magkenzies Tür gesteckt hatte.
„Außerdem gibt es noch Inna. Sie ist sieben Monate alt!" erklärte Laure und hob das Baby aus seiner Wiege.
„Leon, mein Ältester hat schon seine eigene Familie aber es scheint, als lebe er manchmal noch hier!" sagte Laure und lachte.
Dann wies sie Magkenzie einen Platz am Küchentisch zu und setzte sich ebenfalls.
„Ray, meinen Mann wirst du zum Mittagessen kennen lernen. Er ist schon früh aufgestanden. Bei Old John hat der Sturm gestern das Dach der Scheune abgedeckt und jetzt versuchen sie es so schnell wie möglich zu reparieren."
Laure nahm eine kleine Schüssel mit Brei und begann das Baby zu füttern.
„Aber greif doch zu, Magkenzie!" sagte Laure plötzlich, daß Magkenzie zusammenzuckte.
Es gab frisches Brot und Haferbrei und obwohl es sehr gut schmeckte, war es nicht das Gleiche wie in Boston.
Das Frühstück verlief eher schweigend. Die Kinder starrten Magkenzie an, daß diese sich nicht traute aufzusehen und Laure versuchte mit belanglosen Gesprächen die Stille zu brechen, doch es gelang erst, als die Kinder sich auf den Weg zur Schule machten.
Elia und Damian gaben ihrer Mutter einen Kuß, ehe sie aufbrachen und die Frauen alleine zurückließen.
„Warum zeigst du Magkenzie nicht die Stadt?" sagte Laure und stand auf. Magkenzie war klar, daß Novlene dazu keine Lust hatte.
Dennoch gingen beide gemeinsam, nachdem sie sich abgezogen hatten, los.
„Es gibt hier nicht viel zu sehen", sagte Novlene und ging mit schnellen Schritten voran. Sie hatte sich ein Schultertuch umgeworfen und obwohl es trotz der Oktobersonne relativ kalt war, schien sie nicht zu frieren. Magkenzie mußte fast hinterher laufen, so schnell ging Novlene. Es war, als machten ihr die großen Pfützen und Schlammlöcher nichts aus, doch Magkenzie mußte immer wieder einen Umweg machen, um nicht hineinzutreten. Außerdem rutschte Magkenzie mehrmals aus, so daß sie fast mit dem gesamten Körper in den Schlamm fiel.
„Dort ist die Schule, dort der Laden, da das Restaurant und dort der Schmied. Weiter hinten ist die Kirche und das Telegrafenamt und wenn man diesem Weg folgt kommt man zum alten Steinbruch."
Sie gingen weiter schweigend nebeneinander her. Die Stadt schien völlig verändert. Es herrschte reges treiben. Hier und da wurden die Schäden beseitigt, die der Sturm verursacht hatte und man konnte kaum glauben, wie viele Menschen in dieser Gegend wohnten. Der Laden schien der Mittelpunkt des Ortes zu sein. Dort versammelten sich einige Frauen und erzählten, bis eine weitere, etwas ältere Frau hinzukam.
„Das ist Rose O'Donnel. seit ihr Mann gestorben ist, hat sie den Laden übernommen. Sie mag es nicht, wenn die Leute sich nur zum Tratschen bei ihr verabreden", sagte Novlene und Magkenzie sah sie an.
Eigentlich ist sie doch gar nicht so gehässig zu mir! dachte Magkenzie und folgte ihr in den Laden.
Magkenzie kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Alles, was es in Boston in mehr als zehn Läden verteilt war, gab es hier unter einem Dach. Vom Gemüse über Stoff, bis hin zu Gerätschaften für den Garten gab es hier fast alles. Um Platz zu sparen hingen einige Dinge unter der Decke, was den Laden sehr dunkel machte.
„Komm, du kannst mir helfen!" sagte Novlene und zog die staunende Magkenzie hinter sich zum Tresen.
„Ich brauche ein Pfund Mehl, ein Pfund Zucker und ein halbes Pfund Salz!" sagte Novlene und bekam von Rose O'Donnel das Gewünschte.
Novlene gab Magkenzie das Mehl und den Zucker und trug selbst nur das Salz.
Novlene verabschiedete sich von den Frauen, die sie kannte und gemeinsam machten sie sich wieder auf den Heimweg. Dieser kam Magkenzie viel kürzer vor, als am Abend zuvor. Ob es am Wetter lag oder an dem Koffer, den sie getragen hatte, konnte sie nicht sagen.
Als die beiden Mädchen endlich wieder auf der Veranda standen, war Magkenzie ziemlich warm geworden. Ihr Atem ging schnell, doch sie ließ sich vor Novlene nichts anmerken.
„Seid ihr wieder da?" begrüßte Laure die beiden fröhlich und ließ sie ein. Sie nahm ihnen die Einkäufe ab und ging damit in die Vorratskammer.
„Habt ihr nicht Lust mir beim backen zu helfen?" fragte sie, doch Novlene lehnte ab. Sie verschwand nach oben in ihr Zimmer.
Laure lächelte verlegen.
„Sie ist etwas schlecht gelaunt in letzter Zeit. Vielleicht liegt es daran, daß sie keine wirkliche Aufgabe hat", sagte sie und ging in die Küche. Magkenzie zog ihren Mantel aus und folgte ihr.
„Geht sie denn nicht aufs College?" fragte sie.
„Nein, Novlene hat sich nicht viel aus der Schule gemacht und da sie nun auch noch verlobt ist und im nächsten Frühjahr heiraten möchte, hätte es sich nicht gelohnt. Das meinte sie jedenfalls!"
Laure begann Mehl, Zucker und Eier zusammen zu kneten, während Magkenzie sich auf einen Stuhl setzte und ihr zusah.
Plötzlich begann das Baby zu weinen.
„Könntest du sie auf den Arm nehmen?" fragte Laure und zeigte ihre mit Kuchenteig verschmierten Hände.
Mit einem mulmigen Gefühl ging Magkenzie zum Körbchen, in dem Inna lag. Das kleine Mädchen sah sie an und wußte nicht so recht, ob sie weiter weinen oder aufhören sollte.
Unbeholfen hob Magkenzie das Mädchen aus ihrer Wiege und ging wieder zu Laure.
„Du machst das sehr gut!" sagte Laure und sah die beiden an. Inna hatte aufgehört zu weinen und brabbelte nun vor sich hin.
„Sicher hat sie Hunger. Es steht noch etwas Brei im Schrank. Wenn du möchtest, kannst du füttern!"
Magkenzie holte die Schüssel und setzte sich. Sie hatte zuvor noch nie ein Baby getragen, doch nachdem sie sich an das kleine Geschöpf gewohnt hatte, war es relativ einfach. Inna war ein liebes Kind und aß fast die ganze Schüssel leer.
„Ich wußte gar nicht, daß sie so viele Kinder habt", sagte Magkenzie und setzte Inna auf einer Decke auf den Fußboden.
„Der Brief, den ich dir geschrieben habe ist auch schon etwas älter. Zwei Jahre ist er jetzt schon alt. Aber nur Inna ist neu dazugekommen!" sagte Laure und lachte. „Ich liebe Kinder nun einmal. Und wenn du denkst, daß du eine Belastung für uns bist, im Gegenteil. Novlene wollte immer schon eine Freundin in ihrem Alter haben und auf einen Esser mehr oder weniger kommt es in diesem Haus auch nicht an."
Laure wusch sich die Hände und schob dann die Backform in den großen Ofen. „Es wird für dich sicher eine große Umstellung sein hier zu leben. Ich hoffe, wir können dir wenigstens ein bißchen Luxus bieten!"
„Aber Mrs. Garland. Ich bin doch nicht hier, um mich bewirten zu lassen!"
„Erst einmal nenn mich bitte Laure. Mrs. Garland klingt schon so alt. Und zweitens, wenn du schon so weit fährst, um uns zu besuchen, dann wollen wir dir den Aufenthalt so schön wie möglich machen. Möchtest du nicht deinem Onkel ein Telegramm schicken, daß du gut angekommen bist?"
„Ja, er wird sich sonst sicher Sorgen machen!" sagte Magkenzie und wußte genau, daß das Telegramm an Alexandre gehen würde.
„Möchtest du einen Kaffee?" fragte Laure und ehe Magkenzie antworten konnte stand die Tasse mit dem heißen Getränk schon vor ihr.
„Der Winter ist mir die schönste Zeit hier. Aber im Herbst ist das Wetter unberechenbar. Vor allem kann es tagelang regnen und das schlägt auf das Gemüt", sagte Laure und sah nach dem Kuchen.
„Ist es Ihnen...ich meine...ist es dir schwer gefallen von Boston wegzugehen?" fragte Magkenzie sie.
„Nein, eigentlich fiel es mir nur schwer deine Mutter zurückzulassen. Wir waren neun Kinder in meiner Familie und ich hatte keine enge Bindung zu meiner Mutter", erzählte Laure, „Wenn man verliebt ist, dann geht man mit seinem Mann überall hin. Ich weiß noch, daß Felice, deine Mutter, mir jede Woche einen Brief schrieb. Wir hatten uns unwahrscheinlich viel zu erzählen. Sie war mir ein großer Rückhalt, als Samuel, mein erster Mann im Krieg starb. Sie hatte mich damals sogar besucht und mich wieder aufgerichtet. So eine tiefe Freundschaft findet man nicht alle Tage!"
24 Oktober 1883
Ich bin nun schon eine Woche hier und der Alltag hat mich wieder. Es ist schwierig sich an diese Lebensbedingungen zu gewöhnen. Vielleicht werde ich mich nie daran gewöhnen. Da ich gesagt habe, ich würde auch gerne im Haus mithelfen, habe ich nun auch Aufgaben bekommen.
Um sechs Uhr stehen wir alle auf. Laure ist meistens als erste wach und heizt den Wohnraum auf. Dann muß ich zum Hühnerstall und die Eier einsammeln. Zu dieser Zeit ist es noch dunkel und einmal bin ich, verschlafen wie ich war, auf ein Ei getreten. Damian, dieser kleine Wicht, hat es doch sofort seiner Mutter erzählt, doch als ich mich entschuldigte, verzieh sie mir sofort.
Novlene melkt morgens mit Elia die Kühe und gibt ihnen neue Wasser. Damian sollte mir eigentlich helfen, doch er fragt mich die ganze Zeit über irgendwelche Dinge aus. Ob ich schon einmal den Ozean gesehen hätte? Oder ob ich schon einmal in einem Bonbonladen gewesen wäre?
So früh am Morgen muß ich mich sehr zusammen reißen, denn manchmal strapaziert er meine Nerven.
Laure bereitet das Frühstück vor und nachdem alle Arbeiten erledigt sind, essen wir zusammen.
Es ist schön in dieser großen Familie zu sein. Sie sind furchtbar nett zu mir, außer Novlene. Ich kann nicht verstehen, was sie gegen mich hat. Ich war immer freundlich und zuvorkommend zu ihr, doch wir haben scheinbar keine Gemeinsamkeiten. Vielleicht sieht sie in mir das Stadtkind, daß auf ihrer Farm nichts zu suchen hat, doch ich bemühe mich stark, keine Fehler zu machen.
Doch leider bin ich nicht perfekt. Ich merke, wie wenig ich kann und wie viel man hier in der Wildnis können muß.
Ich konnte kein Brot backen, nicht nach Gefühl kochen und backen, ich konnte kein Spiegelei machen, ich konnte keinen staubigen Boden kehren und ich konnte kein Kind wickeln, doch das alles habe ich in dieser Woche schon gelernt.
Mir kommt es so vor, als wäre ich schon immer hier zu Hause gewesen. Laure sieht, daß ich mich bemühe und lobt mich, wenn ich etwas richtig gemacht habe.
Sie ist außerdem diejenige, die mir einfach nur zuhört. Sie wollte so viel über Boston wissen, daß ich kaum mit dem Erzählen hinterher kam. Ob es diese Familie noch gibt? Was das Geschäft macht? Ob sich viel verändert hat? Und wie es ihrer Familie geht. Laure hatte sie seit Jahren schon nicht mehr gesehen, doch persönlich kannte ich die Fishers auch nicht und konnte ihr nur wenig über sie sagen.
Morgen, so hat Laure bestimmt, müssen wir die letzten Äpfel ernten. Ich habe noch nie Äpfel direkt vom Baum gegessen, doch Novlene meinte, diese Arbeit wäre anstrengend und ich sollte mich nicht so freuen.
Dennoch freue ich mich auf morgen. Wenn es nicht regnet und die beiden Jungen in der schule sind, ernten wir Äpfel.
Ich bin so glücklich, Charlotte. Warum hätte unsere Familie nicht so sein können. Der ganze Umgang untereinander ist viel liebevoller als bei unseren Eltern und es scheint mir, als könne man mit Laure über alles reden.
Ray, ihr Ehemann, ist etwas schweigsamer, aber dafür nicht weniger von seinen Kindern geliebt.
Obwohl Leon, der Älteste und Damian und Inna nicht seine leiblichen Kinder sind, sehe ich keinen Unterschied bei der Behandlung zu Novlene und Elia. Besonders Inna hat er ins Herz geschlossen. Jeden Abend, wenn er nach hause kommt gibt es dasselbe Ritual.
Er begrüßt Laure, küßt sie und umarmt seine Kinder, sofern sie da sind.
Dann geht er zu Inna, hebt sie hoch und wirft sie solange in die Luft, bis Laure dazwischen geht. Inna liebt es in die Luft geworfen und wieder aufgefangen zu werden.
Es ist ein schöner Anblick.
Ich bin müde, Charlotte. Ich werde wieder schreiben, wenn ich mehr Zeit habe, doch das wird auf einer Farm nicht sehr oft sein.
Ich habe sogar das Telegramm weggeschickt, weil Laure es so wollte. Alexandre wird sich freuen von mir zu hören.
