„Du mußt dich schon ein bißchen beeilen!" rief Novlene Magkenzie gereizt zu. Magkenzie schleppte bereits den dritten Eimer mit Wasser zu dem kleinen Gemüsebeet, das Novlene und Magkenzie vor einigen Tagen angelegt hatten.

„Du könntest mir auch helfen!" erwiderte Magkenzie und stellte den Eimer schwer atmend vor Novlene ab.

Ihr Rücken tat ihr weh und das Atmen fiel ihr, wenn sie arbeitete, aufgrund des Korsetts schwer. Ihre Hände hatten Druckstellen bekommen und waren rissig und spröde.

Vorsichtig goß Novlene die kleinen Pflänzchen. Für Ende Oktober war es recht trocken und warm geworden. Es war kaum zu glauben, daß es so geregnet hatte, als Magkenzie angekommen war, daß die Straßen nur aus Schlamm bestanden. Jetzt war der Boden knochentrocken und frisch gepflanzter Kohl und Rüben mußten bewässert werden.

„Und jetzt hol noch einen Eimer!" sagte Novlene und drückte Magkenzie den Eimer gegen den Bauch. Diese mußte sich beherrschen, um nicht die Nerven zu verlieren. Den ganzen Vormittag hatte sie schon Wasser geschleppt, während Novlene nur etwas Unkraut jätete.

„Du kannst auch mal Wasser holen. Ich rupfe solange Unkraut!" sagte Magkenzie, doch damit war Novlene nicht einverstanden.

„Nein, du holst das Wasser!"

„Du kannst mich nicht herumkommandieren, als wäre ich dein Diener!" sagte Magkenzie und stellte den Eimer auf den Boden.

„Dann mach es doch alleine!" schrie Novlene sie an und verschwand im Haus. Magkenzie wollte Laure nicht enttäuschen, so schleppte sie weiter Wassereimer, bis die Pflanzen endlich genug Wasser hatten und Magkenzie jeder einzelne Muskel wehtat.

Nach dem Mittagessen hatte sich Magkenzie den Waschtrog von Laure ausgeliehen und bearbeitete in der Hitze ihre Kleider. Seit sie aus Boston gekommen war, war es so, als hätten die Kleider all ihre Eleganz und Schönheit verloren. Die Farben waren vom vielen Waschen ausgeblichen und an einigen Stellen war der Saum zerrissen.

Ich brauche unbedingt neue Kleider! sagte sich Magkenzie. Aber ich habe kein Geld!

Plötzlich stellte sich jemand neben sie und sah sie an.

„Laure! Du hast mich erschreckt!" sagte Magkenzie, als ihre Gastmutter mit Inna auf dem Arm neben ihr stand.

„Ich habe gemerkt, daß du deine Kleider häufig wäscht!" sagte Laure.

„Ich habe nur vier...mitnehmen können und deshalb muß ich sie so oft waschen."

„Jaja, auf einer Farm wird die Kleidung schnell dreckig. Komm doch einfach einmal mit mir!" sagte Laure und zog Magkenzie mit sich.

In den Zimmer, das Magkenzie bewohnte, lagen auf dem Bett schon einige Kleider bereit.

„Du könntest sie tragen, wenn du möchtest. Es sind alte Kleider von Novlene. Sie braucht sie nicht mehr. Am besten probierst du sie einmal an", sagte Laure und setzte Inna auf das Bett.

Dann hielt sie Magkenzie eines der Kleider an und nickte zustimmend.

Etwas schamhaft zog Magkenzie sich ihr Kleid aus und schlüpfte in das beige Kleid.

„Es ist etwas zu groß", meinte Magkenzie und zog den Stoff an ihrer Hüfte nach vorne.

„Ich würde eher sagen, du solltest auf das Korsett verzichten. Hier trägt niemand mehr so etwas. Es wäre beim Arbeiten viel zu hinderlich."

Magkenzie sah sie an.

„Meinst du wirklich, ich kann doch nicht ohne...ich meine, was werden die anderen Leute sagen...!"

„Die anderen Leute haben in ihrem Leben noch nie ein Korsett angehabt. Magkenzie, wir sind hier nicht in Boston! Außerdem schädigt es deine Gesundheit!" sagte Laure bestimmt und öffnete das Kleid. Dann löste sie die Schleife des Korsetts und Magkenzie atmete erleichtert auf.

Als sie das beige Kleid erneut anzog, war dieses immer noch ein bißchen weit, doch es sah viel besser aus, als vorher.

„Es ist so komisch ohne!" kicherte Magkenzie und sah sich im Spiegel an.

„Auf jeden Fall mußt du nun nicht mehr so oft waschen!"

Laure nahm Inna hoch und ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um und sagte: „Magkenzie, laß dir nicht alles von Novlene gefallen. Sie ist etwas angespannt, weil ihr Verlobter morgen zurückkommt. Nimm es ihr also nicht übel."

Der nächste Tag war ein Sonntag. Diesmal durften alle eine Stunde länger schlafen und gemeinsam frühstückten alle ausgelassen. Alle hatten sich für die Kirche extra fein gemacht und Magkenzie trug wieder eines ihrer alten Kleider.

Nachdem Laure jedes ihrer Kinder prüfend angesehen hatte, fuhren sie los. Elia hatte den Wagen angespannt und während die Eltern vorne Platz nahmen, drängte sich die vier großen „Kinder" auf der Ladefläche.

Magkenzie hatte es jedes Mal als schön empfunden, wenn sich sonntags die gesamte Stadt traf und zur Kirche ging.

Heute war es sogar ein ganz besonderer Tag. Novlenes Verlobter und zukünftiger Arzt der Stadt, wurde nach der Predigt erwartet.

Magkenzie mußte daran denken, wie lange es nun schon her war, seitdem sie aus der furchtbaren Kutsche gestiegen war und einsam und allein auf der matschigen Straße gestanden hatte.

Novlene rutschte auf der Bank in der Kirche unruhig hin und her. Als der Reverend die Schlußworte gesprochen hatte, konnte sie es kaum mehr erwarten. Sie sprang als Erste auf und lief aus der Kirche. Der Rest der Familie kam ihr langsam nach.

Auf der Hauptstraße, die an diesem schönen Tag trocken war, hatten sich schon andere eingefunden, die auf das Ankommen der Postkutsche warteten.

„Ich kann es kaum erwarten!" sagte Novlene immer wieder und lief vor ihrer Familie hin und her.

Laure schien die Aufregung ihrer Tochter nicht viel auszumachen. Sie lud Leon und seine Familie später zum Essen ein und unterhielt sich mit einer alten Bekannten, bis plötzlich ein Raunen durch die Menschenmenge ging und die Postkutsche mit viel aufgewirbeltem Staub einfuhr.

Magkenzie stand etwas abseits, als alle zu dem jungen Mann liefen, der gerade ausgestiegen war.

Überschwenglich hatte sich Novlene ihm um den Hals geworfen und in vor der gesamten Stadt küßten sie sich.

Wie schön wäre es für Magkenzie gewesen, wenn Alexandre ausgestiegen wäre und sie sich ihm um den geworfen hätte. Doch bisher hatte sie noch keine Antwort von Alexandre erhalten. Sicher konnte er ihr nicht ausführlich schreiben, da ihr Onkel ihn vielleicht überwachen ließ?

Er würde ihr bald schreiben, da war sich Magkenzie ganz sicher.

„Magkenzie, komm her!" rief Ray und zog sie neben sich. „Magkenzie, darf ihr dir meinen zukünftigen Schwiegersohn vorstellen? Das ist Dr. Phillip Kalky. Phil, das ist Magkenzie, sie ist die Tochter von Laures bester Freundin!"

Magkenzie gab dem jungen Arzt die Hand.

„Wie ich gehört habe kommen Sie aus Boston?" fragte er sie.

„Ja, ich bin nur zu Besuch bei Laure und ihrer Familie!" erwiderte Magkenzie.

„Wußtest du, daß Phil auch aus einer Großstadt kommt?" fragte Leon und stellte sich zu Magkenzie und Novlenes Verlobtem.

„Nein, aus welcher Stadt kommen Sie?" fragte sie, während die ganze Familie gemeinsam zu den Wagen ging.

„Ich komme aus St. Louis! Es ist nicht mit Boston zu vergleichen, aber immerhin viel größer als Ava!"

„Da haben Sie Recht, Dr. Kalky. Es hatte mich sehr verwundert zu sehen, wo ich war, als ich aus der Kutsche gestiegen bin."

„Nennen Sie mich doch bitte Phil. Ich mache mir nicht viel aus Titeln", sagte er.

„Dann müssen Sie mich aber auch Magkenzie nennen!"

Mit zwei Wagen, dem von den Garlands und dem von Leons kleiner Familie, fuhren sie nach Hause.

Phil und Novlene blieben auf der Veranda, während der Rest der Familie ins Haus ging.

Die Männer blieben im Wohnzimmer mit Inna und Gemma, der Tochter von Leon, währenddessen Laure, Magkenzie und Haydée, Leons Frau, das Essen vorbereiteten.

„Magkenzie, hast du denn schon eine Antwort von deinem Onkel bekommen?" fragte Laure, während sie die Kartoffeln aufsetzte.

Magkenzie brach der Angstschweiß aus. Sie hatte zwar ein Telegramm abgeschickt und gesagt, es wäre an Onkel Charles, doch an eine Antwort hatte sie nicht gedacht.

„Ich habe noch keine bekommen!" sagte sie wahrheitsgemäß. „Er hat sicher viel zu tun und ist deshalb noch nicht zum Schreiben gekommen."

„Was macht dein Onkel?" fragte Haydée, während sie den Salat wusch.

„Er handelt mit Baumwolle. Hauptsächlich jedenfalls. In Virginia hatte er eine Plantage, ehe er nach Boston kam, um sich um mich zu kümmern", antwortete Magkenzie.

„Sind die Preise für Baumwolle nicht erheblich gesunken?" fragte Laure und setzte sich zu Magkenzie an den Tisch.

Magkenzie sah Laure an und erkannte an ihrem Blick, daß sie wußte, daß etwas nicht stimmte.

„Ich weiß nicht", erwiderte Magkenzie, „Ich habe mich nicht für dieses Thema interessiert. Aber er wird nicht sehr viel verloren..."

Weiter kam Magkenzie nicht. Leon stürzte mich Gemma in die Küche und drückte das schreiende Kind seiner Frau in die Arme.

„Was ist passiert?" fragte Haydée und versuchte Gemma zu beruhigen.

„Sie ist mit dem Kopf gegen den Tisch gefallen, als sie mit Elia fangen gespielt hatte."

Haydée hörte jedoch nicht richtig auf ihren Mann.

Sie wiegte das kleine Kind und redete beruhigend auf sie ein.

„Mon petit trésor, scht, ne pleure pas..."

Laure hingegen nahm sich ihren ältesten Sohn vor und ging langsam mit ihm ins Wohnzimmer.

„Wie konnte so etwas passieren. Sie ist doch noch ein kleines Kind und ihr Männer schafft es nicht einmal die kleinste Aufgabe zu übernehmen. Zum Glück ist nicht mehr passiert, aber ich warne euch", sagte sie und sah warnend ihren Mann an, „wenn ihr nicht besser aufpaßt, dann werdet ihr die nächsten sein, die ganz zufällig einmal gegen den Tisch fallen."

Sie holte tief Luft und es schien, als wollte sie weiterschimpfen, doch sie sagte nur: „Wascht euch die Hände, jetzt wollen wir etwas Schönes essen."

Doch noch bevor der erste Bissen gegessen wurde, klopfte es an der Tür.

Ray stand auf, um zu öffnen.

Magkenzie sah, wie alle anderen, gespannt zur Tür.

„Nathan! Was treibt dich hierher?" fragte Ray und gab den Blick auf einen jungen Mann frei, der Magkenzie schon einmal begegnet war.

Es war jener Mann, der ihr die Tür geöffnet hatte, als sie angekommen war.

„Komm doch herein und iß etwas mit uns!" sagte nun auch Laure und holte noch einen weiteren Teller.

Ohne große Scheu begrüßte Nathan die Gruppe und setzte sich.

Als alle wieder ruhig waren und er nun auch einen Teller hatte, begann er zu reden.

„Ich habe es gerade gehört und wollte so schnell wie möglich mit euch reden. Es soll ein Mörder aus dem Gefängnis in St. Louis ausgebrochen sein. Sein Name ist Sean O'Finn!"

„Oh nein", fuhr Ray ihm dazwischen. „Er wird sicher nicht nach Ava kommen, oder?" fragte er Nathan.

„Da bin ich mir nicht so sicher!" mischte sich nun auch Leon in das Gespräch ein. „Ich habe gehört, er wäre ein Pferdedieb und hat drei Marshalls auf dem Gewissen. In der Nähe von Ava, so die Gerüchte, soll er einen Schatz vergraben haben!"

„So ein Unsinn! Wir sind in unserer kleinen Stadt sicher!" sagte Laure herrisch und blickte ihren Mann und Sohn an. Sie verstanden diesen Blick und wußten, daß über dieses Thema später, wenn die Kinder nicht mehr da wären, weitergeredet werden würde.

30. Oktober 1883

Ich bin überglücklich, daß ich mich für diese Reise entschieden habe. Ich habe nette Menschen kennen gelernt, die nicht die konventionellen Regeln und Bräuche vertreten.

Und fast alle, die ich hier kennen gelernt habe, sind mir gegenüber sehr friedlich und liebenswürdig.

Außer Novlene. Selbst zweieinhalb Wochen, nach meiner Ankunft haben wir kaum mehr als ein paar Sätze miteinander geredet.

Leider bin ich nicht der Typ Mensch, der auf andere zugeht und ihnen klipp und klar seine Meinung sagt. Vielleicht jedoch könnte man damit die Unstimmigkeiten, die zwischen uns herrschen, aus der Welt schaffen.

Seitdem ihr Verlobter wieder in der Stadt ist, ist Novlene ausgeglichener und nicht mehr so aggressiv, doch da ich mich mit Phil sehr gut über St. Louis und Boston unterhalten habe, ist sie noch schlechter auf mich zu sprechen.

Sicher ist sie eifersüchtig, daß ich mich so gut mit ihrem Verlobten verstehe, doch dieses Verhältnis ist rein freundschaftlich. Immerhin bin ich mir jetzt sicher, daß ich Alexandre liebe und niemand anderes jemals lieben kann.

Dafür habe ich jetzt nicht nur in Laure, sondern auch in Haydée eine Freundin gefunden. Sie wohnt zwar etwas weiter weg und wir sehen uns deshalb nicht sehr oft, doch wenn sie mit Gemma vorbeikommt, dann gehen wir oft stundenlang spazieren und Haydée zeigt mir die Gegend.

Manchmal kommen Leon und sein bester Freund Nathan mit, doch die beiden zerstören die Ruhe, die um uns ist, wenn wir einmal nichts mehr zu sagen brauchen, weil wir uns auch so verstehen.

Ich hatte nie gedacht, daß die unberührte Natur so wunderschön sein kann. Manchmal ist es, als stünde man allein auf der Welt und ist nur von Tieren umgeben.

Geht man aus der Stadt, so hört man sie ganz deutlich, als wären sie neben einem und doch kann man sie im dichten Unterholz kaum von Bäumen und Büschen auseinander halten.

Jetzt, im späten Oktober, sind die Blumen schon verwelkt, doch ihre Schönheit während ihrer vollen Blüte läßt sich noch erahnen.

Die Farben gehen immer mehr ins braune und kündigen den Herbst und somit auch das Ende des Jahres an.

In Boston haben wir zwar viel grün direkt vor der Haustür, doch das ist nicht zu vergleichen mit den zerklüfteten Gesteinsformationen, die durch die Jahrtausende aufgetürmt wurden, oder mit den unberührten Seen und Tümpeln, die von unzähligen Bächen gespeist werden und hier und da wild schäumend in die Tiefe stürzen.

Man fühlt sich zwischen all diesen Gottgeschaffenen Dingen so nutzlos und wenig wertvoll, doch auch ein teil dieses Ganzen zu sein erfüllt einen mit Stolz.

Voller Ehrfurcht stehen wir staunend da und können unsere Blicke kaum von der Natur lösen, doch entdecken wir immer wieder Neues, was uns noch mehr erstaunt.

In dieser prächtigen Landschaft vergesse ich fast, weshalb ich hier bin, doch dieser bittere Beigeschmack läßt sich auch mit den allerschönsten Ansichten nicht auslöschen.

Vielleicht wird die Zeit alle Wunden heilen, doch Narben werden immer bleiben.