02. November 1883
Endlich habe ich gefunden, was ich mir schon immer gewünscht hatte: eine gute Freundin.
So schnell wie sich Novlene ihr Urteil über mich gebildet hatte, so schnell verschwand dieses wieder und wir wurden beste Freundinnen.
Es ist schon so, daß ich ihr von Boston erzähle und das meistens abends. Zusammen liegen wir dann auf ihrem Bett und reden über alles, was wir bisher erlebt hatten.
Manchmal wird es schon hell, wenn ich in mein Zimmer gehe.
In der letzten Zeit jedoch, nehme ich meine Decke mit zu ihr, so daß wir die ganze Nacht reden können und ich nicht im stockdunklen in mein Zimmer laufen muß.
Natürlich habe ich ihr nichts von meiner bevorstehenden Verlobung erzählt. Außer Alexandre und mir weiß niemand davon und ich werde es wohl noch eine Weile für mich behalten.
Manchmal jedoch glaube ich, daß Laure weiß, daß etwas nicht stimmt.
Manchmal sieht sie mich fragend an, als würde sie gern wissen wollen, was mich bewegt hat, sie zu besuchen.
Ich werde es ihr wohl bald sagen müssen, denn ich weiß nicht, wie lange sie die Gastfreundschaft noch aufrechterhalten.
Ich versuche mitzuhelfen so gut es geht, doch ich bin nun mal noch nie auf einer Farm gewesen.
Jetzt, wo die Tage kürzer und das Wetter kälter wird, verbringen wir Frauen viel Zeit im Haus. Wir sticken, nähen und stricken.
Ich habe schon einige Schals und Socken fertig, die in Weihnachten an die Familie verschenken möchte.
Die Wolle habe ich im Laden von meinem eigenen Geld gekauft, so daß niemand sagen kann, das Geschenk wäre nicht ganz von mir.
Bisher habe ich noch nichts von Alexandre gehört. Langsam mache ich mir Sorgen um ihn. Ich hoffe doch, daß ihm nichts zugestoßen ist.
So sehr ich mich hier nun wohl fühle, so sehr vermisse ich auch das Leben in Boston.
Es war viel praktischer und einfacher in gebräuchlichem Sinne.
Hier in Missouri müssen wir Wäsche selbst waschen, sie trocknen und bügeln. Außerdem muß das Essen selbst gemacht werden und kein Bediensteter macht die Öfen sauber und feuert sie an, wenn man nach Hause kommt und eigentlich keine Lust hat, Holz vom Schuppen zu holen.
Die Toilette ist hinter dem Haus und obwohl man nicht nach draußen gehen muß, weil eine Tür dieses mit dem Flur verbindet, ist es zu dieser Jahreszeit so kalt, daß man manchmal Angst hat festzufrieren.
Dennoch würde ich mich nie anders entscheiden, wenn ich noch einmal die Möglichkeit hätte mich zu entscheiden.
Ich bin unglaublich freier und selbstbewußter geworden.
Von der früheren Magkenzie hätte niemand gedacht, daß diese Baseball spielt, wie ein Junge, kleine Kinder füttert und im Haushalt hilft.
Außerdem ist mein Umgang mit Menschen ganz anders geworden. Selbst mir ist das aufgefallen.
Wenn ich lachen möchte, lache ich mitten auf der Straße; wenn ich böse bin, dann zeige ich es auch.
Niemand wird mir je wieder vorschreiben, wie ich mich angenehm zu verhalten habe.
Das liebe Charlotte, das schwöre ich. Mein Engel, bitte bleib bei mir und wache über mein weiteres Leben.
Ich spüre dich, auch wenn ich dich nicht sehen kann, denn man sieht nur mit dem Herzen gut.
„Magkenzie?" rief Laure durch das ganze Haus.
Sie war gerade vom einkaufen wiedergekommen und benötigte nun Hilfe beim auspacken. Die gesamte Familie Garland war unterwegs. Ray hatte die beiden Jungs mit zu einem Nachbarn genommen und Novlene verbrachte immer mehr Zeit mit Phil.
Nur Inna hatte Magkenzie Gesellschaft geleistet, obwohl der Mittagsschlaf dieses Kindes sehr angenehm ruhig war.
„Was ist?" kam es von oben und Magkenzie kam mit einer sehr verschlafenen Inna die Treppe hinunter.
„Ist sie schon wach? Dann kannst du sie auf die Decke legen. Ich brauche Hilfe beim ausladen!" sagte Laure und gemeinsam verließen sie das Haus, um den Wagen auszuladen.
Als Laure dabei war die Küchenschränke einzuräumen, merkte Magkenzie, daß sie nicht nur zum Ausräumen hatte herunterkommen müssen.
Laure kam nicht gleich auf das Thema zu sprechen, welches sie bedrückte.
„Hat sich dein Onkel schon gemeldet?" fragte Laure und goß sich ein Glas Milch ein.
„Ja...ja", stammelte Magkenzie, bevor sie sich wieder gefangen hatte. „Ich war gestern zufällig beim Telegraphenamt und es war ein Telegramm für mich angekommen."
Laure sah ihre Gasttochter an.
Magkenzie wußte nicht, wohin sie sehen sollte. Laure durchschaute sie, so wie eine Mutter ein lügendes Kind durchschaute.
Unruhig stand Magkenzie auf und stellte sich an das Fenster.
„Ich war heute bei Robert Mitchell, unserem Telegraphisten. Er sagte, es wäre kein Telegramm aus Boston gekommen. Weder heute, noch die letzten Tage. Magkenzie, was ist in Boston gewesen, daß dein Onkel nicht weiß, wo du bist?" fragte Laure einfühlsam und ging zu ihr.
„Es war nichts, gar nichts!" sagte Magkenzie hart und sah steif aus dem Fenster.
Sie hatte das Thema vermeiden wollen. Am liebsten wollte sie nie wieder darüber reden, doch nun kam alles wieder an die Oberfläche.
Alles, was Magkenzie so gut zu verstecken versuchte überflutete sie nun. Die Angst entdeckt zu werden, die Scham, sich nicht anders helfen zu können und die Unsicherheit, was die Zukunft bringen würde.
„Er weiß nicht, daß du hier bist, nicht wahr?" hakte Laure nach. „Warum nicht, Magkenzie?"
„Er weiß nicht, daß ich hier bin, weil...weil er mich sonst zurück nach Boston holen würde und ich dort die Frau eines alten, reichen Geschäftspartners werden würde!"
Jetzt war heraus. Es war, als wäre eine tonnenschwere Last von Magkenzie abgefallen, doch nun fühlte sie sich so kraftlos, daß sie nicht einmal mehr die Tränen zurückhalten konnte, die sich die ganzen Wochen aufgestaut hatten.
Laure nahm Magkenzies Hand und führte sie zum Sofa. Dort nahm sie sie in die Arme und wiegte sie lange Zeit.
Magkenzie schluchzte und wollte aufhören die Bluse von Laure zu durchnässen, doch sie konnte einfach nicht.
Es wurde langsam dunkel, doch immer noch saßen die beiden Frauen auf dem Sofa.
„Du kannst solange bleiben, wie du möchtest!" sagte Laure, als sich Magkenzie ein wenig beruhigt hatte.
„Danke!" hauchte diese und wischte sich ihre Augen mit dem Ärmel ab.
Laure jedoch holte ein Taschentuch und tupfte vorsichtig die letzten Tränen weg.
„Wir werden dir helfen, so gut wir können", sagte Laure und sah Magkenzie an. „Wir sind deine Familie!"
Es klopfte leise an der Tür.
Magkenzie saß auf dem Boden, den Rücken an das Bett gelehnt.
„Ja?" fragte sie vorsichtig. Sie konnte sich denken, wer derjenige an ihrer Tür war.
„Darf ich hereinkommen?" fragte Novlene und steckte den Kopf durch die Tür.
„Mum hat dir etwas zu essen gemacht."
„Das ist lieb von ihr", sagte Magkenzie und stand auf.
Sie sah, daß Novlene wußte, was vorgefallen war.
„Es tut mir Leid, daß ich es dir nicht gesagt habe."
„Mach dir keine Gedanken darum. Ich bin es, die sich entschuldigen muß. Ich hätte von Anfang an netter zu dir sein sollen."
„Du konntest nicht wissen, weshalb ich zu euch gekommen bin!"
Novlene stellte das Tablett mit dem dampfenden Essen auf den Tisch und ging zu Magkenzie.
„Ich bin so froh, daß du bei uns bist!" sagte sie und nahm Magkenzie in den Arm.
„Ich auch!" erwiderte Magkenzie und gemeinsam setzten sie sich auf das Bett.
„Wie war dein verlobter denn so?" fragte Novlene nach einiger Zeit.
„Au jeden fall nicht so nett und lieb, wie deiner. Ich hätte ihn sofort geheiratet, wenn er so wie Phil gewesen wäre, doch Mr. Rubenstone war ein Geschäftspartner meines Onkels. Ich glaube, mein Onkel hatte Schulden bei ihm und wollte sich so freikaufen. Dieser Mr. Rubenstone hat jedoch schon drei Frauen gehabt und dementsprechend viele Kinder, von denen manche älter sind als ich."
„Hast du sie kennen gelernt?"
„Ja, wir waren auf einer Feier, doch der einzige, mit dem man sich unterhalten konnte, war ein Sohn von Mr. Rubenstone. Dieser war jedoch sehr abhängig von seinem Vater, daß auch auf ihn nicht zu zählen war."
„Das muß schrecklich gewesen sein", meinte Novlene mitfühlend.
„Deshalb habe ich mit einem Freund diesen Plan gefaßt."
„Du hast einen Freund?" rief Novlene aufgeregt und wollte sofort alles über Alexandre wissen.
„Ich hoffe er wird mich besuchen kommen", beendete Magkenzie schließlich ihre Erzählungen.
„Das wird er sicher. Vor allem, weil ihr euch geküßt habt", sagte Novlene mit einem breiten Grinsen im Gesicht.
„Aber ich denke ich werde nicht wieder nach Boston gehen. Nie wieder!" sagte Magkenzie bestimmt.
„Nein, weil du hier einen Mann kennen lernen wirst und mit ihm viele kleine Kinder hast. Es gibt da auch schon jemanden, der mir ins Auge gefallen ist!" sagte Novlene und starrte Magkenzie gespannt an.
„Was? Warum ist mir das nicht aufgefallen?" fragte diese.
„Du hängst wahrscheinlich noch an Alexandre!"
„Das stimmt doch gar nicht. Er ist nur ein Freund!"
„Wie viele männliche Freunde hat ein Mädchen in Boston wohl? Warum hat er dich denn nicht geheiratet, wenn er dir so ein guter Freund war?" fragte Novlene.
„Weil er gerade studiert hat. Manchmal muß man Kompromisse schließen."
„Kompromisse, wenn der beste Freund Probleme hat? Das glaubst du doch selbst nicht!"
„Doch, das glaube ich. Du kennst ihn doch gar nicht!" rief Magkenzie wütend und stand auf.
„Am besten gehe ich jetzt", sagte Novlene. „Zu dieser späten Stunde kann man bei dir nichts mehr erreichen!"
Wütend verließ sie das Zimmer und ließ Magkenzie alleine zurück.
„Wird er mich holen?" fragte sich Magkenzie, als sie kurze Zeit später im Bett lag. „Oder hat er eine andere gefunden?"
Liebe ich ihn denn immer noch? fragte sich Magkenzie und fand auf diese Frage keine Antwort, obwohl sie die ganze Nacht darüber nachdachte.
