Es war früher Morgen, als Magkenzie dick eingepackt auf der Veranda saß und Löcher der Socken stopfte. Der Wind pfiff scharf um die Häuserecken und ließ nachts das Wasser in den Regentonnen leicht gefrieren.

Magkenzie mochte den Winter noch nie, doch diesmal war es, als wäre eine eisige Stille über das Land gefallen.

Das Leben spielte sich in den Häusern ab und überall wurde man herzlich und mit viel Wärme empfangen.

In Boston blieb man zu dieser Zeit oft im Haus, doch dort war es genauso kalt wie draußen. Hier herrschte eine freudige Stimmung, die das Weihnachtsfest herbeisehnte.

Man lebt hier einfach freier dachte Magkenzie und legte die letzte Socke in den Korb. Sie wollte gerade wieder hereingehen, als Ray und Novlene auf dem Wagen angefahren kamen.

„Magkenzie, komm schnell!" rief Novlene schon von Weiten und sprang vom Wagen, ehe er richtig gehalten hatte.

„Es ist jemand angekommen!"

Sofort wich alle Farbe aus Magkenzies Gesicht. Sollte sie ihr Onkel doch gefunden haben?

„Wer ist es denn?" fragte sie vorsichtig, doch Novlene nahm sie an die Hand und zog sie hinter sich her.

Gemeinsam setzten sie sich auf die Ladefläche, doch aus Novlene war nichts herauszubekommen.

„Willst du mir nicht endlich sagen, was los ist?" fragte Magkenzie ungehalten.

„Nein!" gab Novlene zurück und wickelte sich den Schal enger um den Hals. Der Atem bildete weiße Wölkchen, doch Novlene war so erhitzt, daß ihre Wangen rot glühten.

Ihre Augen strahlten, wie bei einem kleinen Kind, das vor dem geschmückten Weihnachtsbaum stand.

Ray hielt vor dem einzigen Restaurant der Stadt und half den beiden Mädchen absteigen.

Novlene ging mit Magkenzie vor. Sie öffnete die Tür und schob ihre Freundin herein. Es war wenig los, die meisten Gäste kamen erst zum Mittagessen, doch an einem Tisch saßen eine junge Frau und ein feiner Herr.

Obwohl der Mann Magkenzie den Rücken zugedreht hatte, erkannte sie ihn sofort.

„Alexandre!" rief sie überrascht.

Dieser stand auf und strahlte sie an. Magkenzie lief ihm sofort entgegen und warf sich in seine Arme.

„Wieso?...Warum bist du?...Wie hast du?" stammelte Magkenzie während sie ihren Freund genauer betrachtete.

Er hatte sich nicht allzu sehr verändert, nur der neue Anzug verwirrte sie.

„Du hast die Prüfung bestanden?" fragte sie schließlich als sie sich an dem Tisch niederließen.

„Ja, das habe ich. Aber jetzt reden wir nicht von meiner Prüfung. Wie geht es dir?" fragte er.

„Gut, sieht man das nicht?"

„Natürlich, ich habe nichts anderes erwartet. Aber du bist erwachsener geworden."

Magkenzie mußte über dieses Lob lächeln. Es bedeutete ihr sehr viel, daß das ihr Freund gesagt hatte.

„Magkenzie, darf ich dir Victorien vorstellen?" sagte er schließlich und wies auf seine Begleiterin.

Magkenzie und Victorien gaben sich die Hände.

„Es ist schön dich endlich kennen zu lernen", sagte Victorien. „Ich habe schon viel von dir gehört."

„Ich kann leider nicht das gleiche behaupten", erwiderte Magkenzie und sah ihren Freund fragend an.

„Victorien ist die Tochter eines Geschäftspartners meines Vaters. Wir haben uns kurz nach deiner Abreise kennen gelernt", erklärte Alexandre doch Magkenzie stand ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen auf.

„Du bist hierher gekommen um mir zu sagen, daß du, sofort als ich weggefahren bin, eine neue gefunden hast? Das glaube ich jetzt nicht!" rief Magkenzie und stürmte an Novlene vorbei, heraus auf die Strasse.

Sie hörte, wie Alexandre hinter ihr herlief und ihren Namen rief, doch erst am Ende der Straße hatte er sie eingeholt.

„Ich wollte es wirklich nicht, Magkenzie!" sagte er und hielt sie am Arm fest.

„Für mich sieht es so aus, als wäre ich dir überhaupt nicht wichtig!"

„Aber du bist mir wichtig, wirklich. Es ist nur so, ich liebe Victorien."

„Ach und mich magst du nicht mehr? Was war damals in Boston, als du bei mir die Nacht verbracht hast?"

„Aber Magkenzie", sagte er und sah ihr in die Augen. „Wie hätte ich ahnen können, daß deine Gefühle so für mich aussehen?"

Magkenzie biß sich auf die Unterlippe. Sie spürte, wie die Tränen hinter ihren Augen standen, doch sie wollte nicht weinen.

„Wir haben uns geküßt, auf dem Bahnhof..." sagte sie leise und sah weg.

Alexandre zog seine Freundin an seine Brust und sagte behutsam: „Zwischen uns wird immer etwas Besonderes sein. Dafür haben wir zuviel erlebt. Aber ich habe mich in Victorien verliebt. Sie kann nichts dafür, also gib nicht ihr, sondern mir die Schuld."

„Ich gebe keinem von euch die Schuld. Ich war es, die dir nicht ehrlich gegenüber war und nun muß ich die Konsequenzen tragen."

„Du wirst auch noch jemanden kennen lernen", sagte Alexandre und gemeinsam gingen sie zurück zum Restaurant, wo Victorien sich angeregt mit Novlene unterhielt.

„"Wo? Hier in diesem Dorf?" fragte Magkenzie und konnte fast schon ein bißchen über ihren Scherz lachen.

15. November 1883

Alexandre und Victorien scheinen sich wirklich sehr zu mögen. Außerdem ist sie so wunderbar und nett, daß ich ihr keine Vorwürfe machen kann. Ich habe Alexandre nie richtig gesagt, daß ich ihn liebe und jetzt, wo ich sehe, wie glücklich er mit ihr ist, denke ich, daß er mit mir nie so glücklich werden könnte.

Ich freue mich für sie und das schreibe ich hier ohne bösen Hintergedanken.

Ich wünschte, ich hätte soviel Glück einen netten Verlobten zu bekommen, doch das Glück ist nicht auf meiner Seite.

Novlene hat ihren Phil und Alexandre hat seine Victorien. Und wen habe ich?

Es gibt hier in Ava schon einige junge Männer, die mir gefallen könnten, doch dann sind sie zu sehr in den alten Traditionen eingespannt oder sie sind aufdringlich.

Alexandre hatte mir erzählt, wie mein Onkel Charles mit der Polizei bei Alexandre aufgetaucht war und ihm vorwarf, mich entführt zu haben. Da jedoch nichts gegen Alexandre gefunden wurde, wurde die Verhaftung nicht aufrechterhalten, doch seitdem war Onkel Charles sehr mißtrauisch gegenüber Alexandre. Dieser erzählte, daß mein Onkel mehrmals bei ihnen im Garten spioniert hätte, jedoch unverrichteter Dinge wieder abzog.

In der letzten Zeit ist eine Menge passiert.

Ich brauche nun nicht mehr das dunkle Geheimnis mit mir herumzutragen. Mit meiner Zustimmung hat Laure es ihrer Familie gesagt und jetzt werde ich wie eine gläserne Figur behandelt.

Laure hatte vorgeschlagen, daß ich wenigstens noch solange bleibe, bis Phil und Novlene verheiratet sind. Die Hochzeit soll im Mai stattfinden und Novlene möchte, daß ich ihre Brautjungfer werde.

Ich fühle mich geehrt und habe gerne zugesagt.

So hab ich noch ein wenig Zeit, mir einen Beruf zu suchen und endlich mein eigenes Leben zu beginnen.

Alexandre und Victorien sind nach vier Tagen wieder abgereist. Sie wohnten in einem kleinen Zimmer, das die Besitzer des Restaurants vermieteten.

Ich habe Victorien viel besser kennen gelernt und sie nimmt jedem mit ihrer herrlichen und offenen Art für sich ein.

Man kann ihr gar nicht böse sein und als die beiden wieder abfuhren war es mir, als hätte ich nicht Alexandre, sondern auch einer guten Freundin lebe wohl gesagt.

Sie hat versprochen mir jede Woche zu schreiben und vor kurzem ist ein Brief von ihr angekommen.

Sie schrieb:

Liebe Magkenzie!

Zuerst fürchtete ich mich, dich zu treffen. Ich habe Angst gehabt, daß du mir nicht verzeihen könntest, daß ich Alexandre liebe.

Du weist selbst, wie schwer es ist in unserer Stellung jemanden aus Liebe zu heiraten. Ich habe das große Glück jemanden gefunden zu haben, der mich respektiert und der mich ohne Einschränkung liebt.

Das Einzige was unsere vollkommene Verbindung getrübt hatte, warst du. Ich bin froh, dich kennen gelernt zu haben.

Ich verstehe, weshalb Alexandre dich mag. Manchmal denke ich noch, daß ich nicht mit dir mithalten kann. Du bist aus den Traditionen ausgebrochen und eine selbstbewußte Frau geworden. Ich wünschte mir manchmal, ich könnte mit dir tauschen.

Ich habe wenige Freundinnen und nun habe ich dich getroffen. Du hast mir gezeigt, daß man nicht alles hinnehmen muß, wie es kommt.

Man kann sagen, du bist ein Vorbild für mich.

Ich würde dich gerne wieder sehen und hoffe, die Verbindung, mag sie auch noch so weit sein, reißt bei uns nicht ab.

Ich danke dir, daß du mich akzeptierst und du kannst dir gewiss sein, daß du immer ein Teil in unserem Leben sein wirst.

Deine Freundin Victorien

Jetzt, wo wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, bin ich froh Novlene zu haben. Wir unternehmen viel zusammen und ich denke, mit ihr kann ich über alles reden.

Oft gehen wir mit Haydée, Gemma und Inna durch den Wald.

Wir sind eingeschworene Freundinnen, die nichts und niemand trennen kann.

Ich bin froh, mich damals für die Reise entschieden zu haben.