Achtung: dieses Kapitel ist gewaltätig.

„Da ist sie wieder!" zischte Rose O'Donnel, die Besitzerin des Ladens. Alle einkaufenden Kunden drehten sich zu einer zierlichen Frau um, die an der Eingangstür von ihrem Mann, einem gewalttätig aussehenden Schläger, stehen gelassen wurde.

„Ich warte draußen. Und mach nicht so lange!" raunte er und ließ sie los.

Magkenzie und Novlene hatten einige Besorgungen zu machen und sahen sich gerade neue Stoffmuster an.

„Kennst du sie?" fragte Magkenzie Novlene leise.

„Sie ist erst seit ein paar Tagen hier, aber was ich gehört habe, soll ihr Mann sie schlagen!" meinte diese aufgeregt.

„Dagegen muß man doch etwas tun", wisperte Magkenzie zurück, doch sofort verstummte sie, weil die Frau langsam auf sie zukam.

„Das ist aber schöner Stoff", sagte diese leise, als wäre jedes laute Wort zuviel.

„Ja, wir wollten gerade etwas nehmen!" sagte Novlene und zog Magkenzie mit sich zum Tresen, an dem sie den Stoff bezahlte.

Auf der Straße sah sich Magkenzie den Mann, der an eine Wand gelehnt vor dem Laden stand, genauer an.

So hatte sie sich Boxer vorgestellt, nur daß dieser Mann noch brutaler aussah. Seine Frau mußte seine Faust oft zu spüren bekommen haben, so wie sie sich bewegte.

„Wie heißen die beiden?" fragte Magkenzie Novlene, die jeden Klatsch im Dorf kannte.

„Mr. Und Mrs. Bone. Sie kommen aus Kansas City, doch was sie hier wollen weiß niemand so genau. Einige meinen, ihr Mann wäre ein Spieler und müßte sich vor Schuldnern verstecken. Doch ich denke, daß er in der Stadt seine Frau nicht mehr schlagen durfte."

„Und hier?"

„Was und hier?"

„Wird er sie hier auch schlagen?" fragte Magkenzie vorsichtig.

„Natürlich!" antwortete Novlene erstaunt. „Er wird sie nicht in Ruhe lassen, bevor er tot ist. Sicher wünscht sie ihm auch den Tod. Ich habe sie einmal reden hören und da deutete sie so etwas an."

„Wenn sie etwas angedeutet hat, dann möchte sie vielleicht Hilfe bekommen. Sicher kann sie sich nicht alleine von ihm trennen."

Magkenzie dachte darüber nach, als die beiden nach Hause gingen. Sie faßte den Entschluß Mrs. Bone am nächsten Tag einen Besuch abzustatten.

„Mrs. Bone!" rief Magkenzie und hämmerte gegen die Tür.

„Hier ist Magkenzie Ema Thomson! Wir haben uns gestern im Laden getroffen!"

Magkenzie hatte Schritte in der kleinen Hütte gehört, die ihr verrieten, daß Mrs. Bone anwesend war.

Als Magkenzie sich gerade entschlossen hatte wieder zu gehen, wurde die Tür einen Spalt breit geöffnet.

„Sind Sie allein?" fragte jemand, der nach Mrs. Bone klang.

„Ja, ich bin alleine. Ich habe Kuchen mitgebracht und würde gerne mit ihnen reden!" sagte Magkenzie, doch als Mrs. Bone die Tür weiter öffnete, wußte sie, daß dies zur Zeit nicht möglich war.

Ein blaues Auge, eine heftig blutende Nase, Schrammen an Händen und Armen und verweinte Augen zeigten ihr, daß Mr. Bone seine Frau wieder geschlagen haben mußte.

„Mrs. Bone, Sie müssen sofort zu einem Arzt!" sagte Magkenzie und griff nach ihrem Arm, als Mrs. Bone drauf und dran war zu stürzen.

Vorsichtig legte Magkenzie ihr den Arm um die Hüften und gemeinsam gingen sie langsam die 500 Meter zum Dorf.

Dort brachte Magkenzie Mrs. Bone zu Phil.

„Sie hat einige Prellungen, eine leichte Gehirnerschütterung und einen Nasenbeinbruch. Aber sonst geht es ihr entsprechend gut. Sie möchte dich sehen!" sagte Phil, nachdem er seine Patientin untersucht hatte.

„Danke", sagte Magkenzie, ging dann an ihm vorbei zu Mrs. Bone. Diese lag in einem der hinteren Zimmer.

Ihre Schrammen hatte Phil verbunden, doch das blaue Auge zeugten noch von der rohen Gewalt, gegen die sie sich nicht hatte wehren können.

„Ema, nicht wahr?" fragte Mrs. Bone und sah sie müde an.

„Ja, eigentlich ist das mein zweiter Name, aber..."

„Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich sie gerne so nennen."

„Natürlich nicht. Mrs. Bone, ich weiß, daß es mich nichts angeht, in welchen Verhältnissen sie mit ihrem Mann leben, doch ich muß ihnen sagen, daß sie sich das nicht gefallen lassen müssen."

„Ema, Sie wissen von meiner Ehe sehr wenig. Ich habe Michail damals, bei unserer Hochzeit, das Versprechen gegeben, daß uns nur der Tod scheiden könnte. Ich werde ihn nicht verlassen!"

„Aber Mrs. Bone..."

„Sagen sie doch Fjodora zu mir."

„Gern, Fjodora. Ich weiß, daß ihr Ehegelöbnis sie in dieser Ehe hält, doch haben sie sich nicht auch gegenseitig geschworen, dem anderen kein Leid zuzufügen? Was tut ihr Mann nun?" fragte Magkenzie.

„Nur der Tod kann uns trennen!" sagte Fjodora Bone leise und schloß die Augen. „Ich möchte schlafen, wenn Sie gehen könnten?"

„Natürlich, ich wünsche ihnen gute Besserung!" sagte Magkenzie und verließ leise das Zimmer.

Phil saß vorne in seinem Arbeitszimmer und sah Akten durch. Magkenzie setzte sich ihm erschöpft gegenüber.

„Sie bleibt bei ihrem Mann?" fragte er und Magkenzie nickte nur träge.

„Sie sagt, sie hatte ihm das Versprechen gegeben, immer bei ihm zu bleiben."

Magkenzie schwieg kurz, ehe ihre Miene sich aufhellte.

„Kuchen?" fragte sie und hielt Phil den Korb mit dem Kuchen hin.

„Kommt schnell! Im Wald ist etwas Furchtbares passiert!"

Sofort machten sich alle Dorfbewohner auf den Weg in den Wald. Novlene und Magkenzie, die heute zu einer älteren Frau, die etwas außerhalb wohnte, fahren sollten, machten sich sofort mit auf den Weg.

Unterwegs gabelten sie Nathan auf, der ihnen knapp erzählte, was der Wanderhirte im Wald gefunden hatte.

„Du meinst jemand hatte Mr. Bone umgebracht?" fragte Novlene, als er seine Ausführungen beendet hatte.

„Ja, es wird kein schöner Anblick sein!" sagte Nathan.

Novlene stoppte den Wagen.

Bisher hatten sie noch nichts sehen können, weil dichte Bäume und eine große Menschenmenge davor standen, doch nachdem die drei abgestiegen waren, drängten sie sich bis nach vorne.

Novlene und Magkenzie mußten sich immer wieder gegen einige Arme wehren, die sie festhalten wollten, doch sie waren zu neugierig, um sich aufhalten zu lassen.

Nathan hatte recht gehabt.

Es war kein schöner Anblick.

Mr. Bone war regelrecht gekreuzigt worden. Seine Handflächen waren mit Nägeln an zwei Bäume geschlagen worden und seine nackten Füße hatte der Mörder mit Gewichten gefestigt, so daß diese den Körper noch weiter dem Boden entgegen zogen.

Das Blut, das aus den Wunden an Händen und Füßen geflossen war, war nun schon getrocknet und ließ darauf schließen, das er schon eine Weile dort hing. Seine Hände sahen mit ihrer blau- schwarzen Farbe abgestorben aus und unter den Fingernägeln waren Spuren von Holzsplittern zu erkennen, die darauf schließen ließen, daß er sich noch eine ganze Weile gewehrt hatte, bis er vom vielen Blutverlust ohnmächtig wurde.

An einigen Stellen war die Rinde der Bäume abgerissen und zeigte nun das verwundbare Innere des Baumes, als wäre das ein Vergleich mit dem, was Mr. Bone durchgemacht haben mußte.

Sein weißes Hemd war blutdurchtränkt und an einigen Stellen zerrissen. Erst bei näherer Betrachtung fiel auf, daß sein Oberkörper voller tiefer Einstiche war. Unaufhörlich floß das Blut langsam zur Erde, wo es schon den Waldboden rot gefärbt hatte.

Seine Augen standen weit offen und sein Mund war zu einem schmerzvollen Schrei verzerrt, als wäre er mitten in seiner Qual gestorben. Die Nase war ein einziger Brei aus Blut, Knochen und Hautfetzen.

Haarbüschel waren ihn aufgerissen worden und lagen überall auf der erde herum.

Seine Arme waren schmerzhaft verdreht und sein volles Gewicht hing an diesen, so daß man darauf schließen konnte, daß seine Arme ausgekugelt waren.

Einige Organe waren aus seinem geschundenen Körper gerissen worden, als hätten wilde Tiere ihn angefallen und Ameisen hatten sich schon an ihn herangemacht und bedeckten nun weite Teile seines Körpers.

Magkenzie hatte noch nie einen Toten gesehen, doch sie hielt sich trotz des scheußlichen Anblicks wacker.

Anders als Novlene, die beim ersten Anblick des übel zugerichteten Mr. Bone ins nächste Gebüsch lief und sich lauthals übergab.

Magkenzie ging langsam zu ihr und strich ihr vorsichtig über den Rücken.

„Geht es wieder?" fragte sie leise und Novlene nickte, soweit ihr Brechreiz es zu ließ.

Magkenzie schob einen Arm um Novlene und mit der Hilfe von Nathan brachte sie ihre Freundin zum Wagen. Novlene setzte sich auf die Ladefläche. Ihr Gesicht war grau und Schweißperlen liefen ihr an den Schläfen herab.

„Ich bringe sie zur Klinik und komme dann wieder!" rief Magkenzie Nathan zu, doch dieser schüttelte den Kopf.

„Sie werden ihn sowieso gleich herunterholen und in die Stadt bringen. Es wird nichts bringen, wenn du wiederkommen würdest. Sicher wollen sie eine Autopsie durchführen und dazu werden sie ihn zu Phil bringen", erwiderte er.

„Okay, dann treffen wir uns dort. Vielleicht fahre ich vorher noch bei Mrs. Bone vorbei!" rief Magkenzie und setzte mit einem leichten Schnalzen ihrer Zunge die Pferde in Gang.

Magkenzie hatte Novlene gerade in einem der Zimmer von Phils Praxis zurückgelassen, als lautes Geschrei auf der Straße ihre Aufmerksamkeit forderte.

Als sie die Tür zur Klinik öffnete, sah sie sofort, was der Grund dafür war.

Mrs. Bone stand zwischen all den Bewohnern des Dorfes, die wütend auf sie einredeten.

„Was ist denn hier los?" fragte Magkenzie und kämpfte sich bis ganz nach vorne durch. Dort wurde Mrs. Bone von dem Schmied, Carlos Duanez, grob am Arm gepackt.

„Sie hat ihn umgebracht!" rief er und die übrigen Bewohner des Dorfes stimmten ihm zu. „Das liegt klar auf der Hand und auf Mord steht in diesem Land die Todesstrafe!"

„Aber in diesem Land gilt auch noch das Gesetz, daß jemand solange unschuldig ist, bis seine Schuld bewiesen ist!" sagte Magkenzie und sofort wurde es still.

„Trotzdem müssen wir sie einsperren!" rief plötzlich jemand aus einer hinteren Reihe.

„Aber..", fing Magkenzie an zu protestieren, doch unter lauten Gebrüll wurde Mrs. Bone unsanft zum kleinen Gefängnis der Stadt geführt.

„Ich werde sofort nach dem Richter aus St. Louis schicken lassen!" rief Robert Mitchell, der Mann, der mit seinem Telegrafenamt die einzige Verbindung zur Außenwelt hatte.

Magkenzie war die Einzige, die auf er Straße zurückblieb. Sie ging mehrere Schritte auf und ab und versuchte eine Lösung zu finden. Dann lief sie zum Laden, kaufte dort Papier und Stift und lief weiter zum Gefängnis.

Den eleganten Mann, der zur gleichen Zeit die Straße herunterkam, hatte sie nicht bemerkt.

„Carlos Duanez! Lassen Sie mich sofort mit Mrs. Bone reden!" Magkenzie war außer sich vor Wut. Der Schmied hatte sich ihr in den Weg gestellt und ließ sie nicht durch.

„Aber Miss Thomson, was wollen sie denn bei dieser Mörderin!" sagte er und schaute verächtlich zu Mrs. Bone.

Diese saß zusammengesunken auf der Pritsche und regte sich nicht. Bisher hatte sie nichts gesagt, doch ihr Gesicht verriet einiges.

„Mr. Duanez! Es ist meine Sache, was ich mit ihr besprechen möchte, doch auch wenn sie mich hindern wollen, reden werde ich so oder so mit ihr!" sagte Magkenzie bestimmt und zwängte sich an ihm vorbei.

Der Schmied war zu überrumpelt, als daß er sie hätte aufhalten können, so ging er und setzte sich nach draußen, um auch jedes Wort des Gesprächs zu erhaschen.

„Fjodora, wie geht es Ihnen?" fragte Magkenzie, als sie sich mit einem Stuhl vor die eisernen Gitter setzte.

„Wie soll es mir schon gehen?" fragte diese müde und Magkenzie erkannte, daß ihre Frage dumm gewählt war.

„Mrs. Bone, ich würde gerne wissen, was genau passiert ist?"

„Was passiert ist...?" Mrs. Bone schien zu überlegen, ehe sie antwortete.

„Ich habe mich mit Michail gestritten. Es ging wieder um seine Spielschulden. Dann wurde ich von hinten mit etwas hartem geschlagen und als ich wieder aufwachte war er schon tot und die Leute standen vor unserer Hütte."

„Fjodora, haben Sie eine Vermutung, wer ihren Mann ermordet haben könnte?"

„Nein, ... na ja, vielleicht die Leute, mit denen er gespielt hatte. Ich weiß aber nicht, wer sie waren. Michail ist abends oft weggegangen und kam erst am nächsten Morgen wieder."

„Mrs. Bone, ich glaube Ihnen, daß Sie Ihren Mann nicht umgebracht haben, doch die meisten Menschen dieser Stadt glauben das nicht. es liegt nun an uns, daß wir sie von der Wahrheit überzeugen!" Magkenzie stand auf. Sie hatte eine genaue Vorstellung von dem, was sie nun machen mußte.

Sie trat an das Gitter und drückte Mrs. Bones Hände.

„Wir werden es schaffen!" sagte sie zuversichtlich und verließ das Gefängnis.

Den ganzen weg, bis zum Haus der Bones, sah sich Magkenzie die Aufzeichnungen an, die sie eben gemacht hatte.

Mrs. Bone hatte gesagt sie wurde niedergeschlagen, dann müßte im Haus doch etwas zu finden sein, mit dem sich niedergeschlagen werden konnte, oder? überlegte Magkenzie.

Sie stieß vorsichtig die Tür zur kleinen Hütte auf und sah sich um.

Es war, trotz der Enge und der wenigen Habseligkeiten, nett eingerichtet und aufgeräumt.

Magkenzie ging hinein und stieß mit dem Fuß gegen etwas Schepperndes.

Sie bückte sich und hob den flachen Topf aus Gußeisen hoch. An einer Seite klebten etwas Blut und einige Haare. Damit hatte sie das erste Beweisstück für die Unschuld gefunden.

Doch wer hatte sie niedergeschlagen? fragte Magkenzie sie sich, doch nichts in der Hütte gab ihr eine Antwort.

Sie gab das Suchen auf und ging zurück in die Stadt. Vor der Praxis blieb sie stehen. Vielleicht sollte sie noch einmal nach Novlene sehen?

Sie ging hinein und überraschte Phil und einige Vertreter des Stadtrats, die ihm gerade bei der Autopsie zusahen.

„Magkenzie!" rief Phil überrascht und zog die Hände aus dem toten Körper zurück. Sie waren über und über mit Blut bedeckt und Magkenzie beeilte sich, um zu ihrer Freundin ins Hinterzimmer zu kommen.

„Wie geht es dir?" fragte Magkenzie und setzte sich auf die Bettkante.

„Wie soll es mir schon gehen?" fragte Novlene zurück. „Haben sie schon den Mörder gefunden?"

„Viele meinen, es wäre Mrs. Bone gewesen, doch ich bin da anderer Meinung. Sie hatte mir erzählt, daß sie niedergeschlagen wurde und sieh mal, was ich in ihrem Haus gefunden habe!" sagte Magkenzie und hielt den Topf hoch.

„Na, ein Topf, ist doch nichts Außergewöhnliches."

„Nein, aber wenn Blut und Haare daran kleben schon!"

„Du avancierst wohl zu ihrem Anwalt?" fragte Novlene und lächelte sie spitzbübisch an.

„Nein, ich möchte ihr nur helfen. Ich bin doch kein Anwalt!"

„Nein, du hilfst ihr nur von einer Mordanklage freizukommen!"

23. November 1883

Ich bin der festen Überzeugung, daß Mrs. Bone vollkommen unschuldig ist. Der Prozeß hat gestern begonnen und Mrs. Bone hat mich als ihren Anwalt engagiert, obwohl ich nicht die geringste Erfahrung habe. Ich glaube es liegt daran, daß ihr keiner glaubt und selbst der Pflichtverteidiger aus St. Louis von ihrer Schuld überzeugt ist.

Ich habe die Anklage mit einigen Beweisen, wie zum Beispiel des Topfes und in dem Gespräch mit Phil, der mir versicherte, das es einen ausgewachsenen Mann benötigte, um Mr. Bone so an den Baum zu schlagen, und Mrs. Bone, die durch die Schläge ihres Mannes sehr geschwächt war, es absolut nicht schaffen konnte.

Dennoch läßt sich die Anklage nicht darauf ein, sie unschuldig zu nennen.

Ich weiß nicht mehr weiter, denn solange ich nicht den waren Mörder finde, wird Mrs. Bone schuldig sein.

Ich habe schon Verdächtige, wie zum Beispiel die beiden Spieler, denen Mr. Bone fünftausend Dollar schuldete, doch obwohl diese beiden Halunken ein Motiv hatten, haben sie beide ein wasserdichtes Alibi. Sie waren in Mountain Grove und wurde dort auch von mehreren Zeugen gesehen.

Der zweite Hauptverdächtige, den ich jedoch noch nicht öffentlich genannt habe, ist Mr. Peter A. Lewis, ein Viehhändler aus Wisconsin.

Dieser Mensch war mir schon von Anfang an unsympathisch. Er gibt sich so höflich und vornehm, doch wenn man mit ihm alleine ist, muß man sich in Acht nehmen, denn dieser Mann schreckt vor nichts zurück, eine Frau berühren zu können.

Als er wagte, mir über den Po zu streichen, hat er eine saftige Ohrfeige bekommen und ich hoffe, er wird es nie wieder versuchen.

Außerdem hatte er sich, was seine Anreise betrifft, in Versprechern verstrickt.

Ich werde das Gefühl nicht los, daß Mrs. Bone ihn außerdem kennt. Im Gerichtssaal, der eigentlich die Kirche ist, sieht sie ihn immer sehr ängstlich an, fast so, als würde er sie bedrohen.

Ich werde noch einmal mit ihr reden müssen, um vielleicht dann die Wahrheit herauszubekommen.

„Fjodora!" rief Magkenzie fröhlich, als sie ihre Mandantin im Gefängnis begrüßte.

„Guten Morgen, Ema."

„Ich habe Ihnen Frühstück mitgebracht."

„Danke, ich möchte aber nichts essen!" sagte diese.

„Sie werden bald wieder ein freier Mensch sein!" sagte Magkenzie, doch Mrs. Bone schüttelte nur den Kopf.

„Fjodora, ich habe mir lange Gedanken darüber gemacht, ob Sie Mr. Lewis vielleicht kennen und..."

„Nein", Mrs. Bone schüttelte heftig den Kopf. „Nein, ich kenne ihn nicht."

„Das ist aber merkwürdig, denn wenn Sie das so vehement abstreiten, kommt es mir so vor, als würden Sie ihn doch kennen. Außerdem habe ich im Gerichtssaal seine Blicke gesehen. Was hat er Ihnen getan?" fragte Magkenzie einfühlsam und plötzlich fiel die ganze Last von den Schultern ihrer Mandantin.

Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte.

Dabei schluchzte sie immer wieder.

„Er hatte mit ihm ausgemacht, er würde Geld bekommen, wenn er mit mir...schläft. davon könnte er seine Schulden bezahlen."

„Fjodora, ihr Mann hat Geld von Mr. Lewis bekommen, um seine Spielschulden zu bezahlen?"

„Ja, aber als Michail dann gegangen war und... und er mich berührte, da wollte ich nicht mehr. Er war einfach nur widerlich. Und das hatte er nicht verstanden...und dann hat er mich geschlagen...und ich habe geschrieen und plötzlich war Michail wieder da und hat ihn herausgeworfen. Am Abend haben wir dann gegessen und plötzlich starrte Michail hinter mich und dann schlug mir jemand auf den Kopf."

Sie begann erneut zu weinen, doch Magkenzie nahm durch das Gitter ihre Hände und hielt sie lange.

„Das wird ihm das Genick brechen!" sagte Magkenzie, als sie aufstand und sofort zum Richter gehen wollte.

Morgen sollte das Urteil gefällt werden, doch einen Tag mußte die Beweisaufnahme noch verlängert werden.

Der Richter, den Magkenzie beim Frühstücken antraf, war nicht besonders erfreut darüber, daß sie eine Verlängerung des Falles beantragte, doch als Magkenzie ihm von wichtigen Neuigkeiten erzählte, willigte er ein.

Auch Mr. Lewis saß gerade beim Frühstück und sah sie mit einem Blick an, der Magkenzie kalt den Rücken herunterief. Sie war wie versteinert und konnte sich nicht bewegen. Dieser eiskalte Blick, der ihr unter die Haut ging, sagte viel mehr als tausend Worte. Magkenzie schüttelte es, doch er betrachtete sie immer weiter.

Sie konnte verstehen, was Mrs. Bone an ihm ekelte, doch gleichzeitig hielt er sie in seinem Bann. Er zog sie förmlich mit den Augen aus und Magkenzie wünschte sich ein tiefes, dunkles Loch, als er grinste und sich über seine weißen Zähne leckte, doch plötzlich wurde Magkenzie gepackt. Ein starker Arm legte sich um ihre Schulter und zog sie aus dem Restaurant.

„Du solltest dich nicht so anstarren lassen", sagte Nathan, als beide auf der Straße standen und Magkenzie sich wieder aus ihrer Starre gelöst hatte.

„Ich danke dir. Ich wäre wahrscheinlich seine willenlose Sklavin geworden!" erwiderte sie und Nathan zog bei dem Wort willenlose Sklavin die Augenbraue hoch.

„Sehen wir uns heute Abend?" fragte Magkenzie, obwohl sie wußte, daß Nathan zum Essen eingeladen worden war.

„Natürlich!" sagte Nathan und lächelte sie noch einmal an, ehe er die Straße hinunterging und aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

„Ich rufe den Zeugen Mr. Lewis auf!" sagte Magkenzie mit fester Stimme.

Diesem gefror das Lächeln, doch er stand auf, wurde vereidigt und setzte sich auf den Stuhl.

„Mr. Lewis, ist es wahr, daß sie eine große Rinderherde verloren haben und dadurch die Ehe mit ihrer Frau in die Brüche gegangen ist?"

„Einspruch!" rief der Staatsanwalt, doch als Magkenzie dem Richter kurz erklärte, worauf sie hinauswollte, ließ er den Einspruch unbeachtet.

„Ja, ich habe viel Geld verloren und meine Frau verließ mich", antwortete Mr. Lewis.

„Wann genau kamen Sie nach Ava?" fragte Magkenzie weiter.

„Am 20. November. So gegen halb acht."

„Und wie sind sie angereist?"

„Mit der Postkutsche!"

Es ging ein leises Raunen durch die Kirche.

„Mr. Lewis! Sie wollen am 20. November mit der Postkutsche angereist sein, habe ich das richtig verstanden?" fragte Magkenzie noch einmal nach.

„Ja, das ist korrekt."

„Mr. Lewis, sie hätten sich in St. Louis besser über die Fahrten der Postkutschen informieren sollen. Die Fahrt am 20. November wurde wegen schlechten Wetters abgesagt. Sie können also nicht mit der Kutsche gekommen sein!" Magkenzie lächelte böse, denn sie wußte, daß er sich nicht mehr herausreden konnte.

„Sie haben das mißverstanden!" sagte Mr. Lewis. „Ich bin nicht mit einer Postkutsche, sondern mit einer gemieteten gekommen, aus Mountain Grove. Ich war erst am Abend des 20. Novembers angekommen und da der Mord schon in der Nacht von 19. auf den 20. passiert ist, kann ich nicht der Mörder gewesen sein."

„Mr. Lewis, wollen Sie uns jetzt zum Narren halten?" fragte Magkenzie gelangweilt und holte einen Zettel, den sie dem Richter gab.

„Dies ist das Telegramm, daß ich nach Mountain Grove geschickt habe. Dort wurde mir gesagt, daß niemand, ich wiederhole, niemand, am 20. November eine Kutsche gemietet oder gekauft hatte. Außerdem wurde ich auf die schlechten Straßenverhältnisse hingewiesen. Zwischen dem Silver Creek und der Long Foggy Road war ein Berg eingestürzt und begrub die einzige Straße, die nach Mountain Grove führte unter sich."

Magkenzie gab den Zeugen an den Staatsanwalt weiter und setzte sich. Mr. Lewis war inzwischen ganz blaß geworden und sah sie verzweifelt an.

Doch Magkenzie jubelte innerlich schon. Diesem miesen Kerl hatte sie es gezeigt.