14. Dezember 1883

Lieber Alexandre!

Zuallererst wünsche ich dir und Victorien ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. Die Tage werden immer kürzer und der beste Platz im ganzen Haus ist vor dem wärmenden Kamin, doch auf einer Farm ist zuviel zu tun, als daß man sich immer dort aufhalten könnte. Ich habe die Aufgabe bekommen die Hühner zu füttern und Eiern einzusammeln, außerdem helfe ich Novlene beim Melken und tränke die Pferde.

Man fällt abends todmüde ins Bett, doch hätte ich mir keinen schöneren Ort vorstellen können.

Es ist bitterkalt geworden, so daß wir auf dem kleinen See, der etwas außerhalb des Dorfes liegt, Schlittschuhlaufen, jedenfalls die, die Schlittschuhe haben. Ich habe mir einmal die von Novlene ausgeborgt, doch nachdem ich mich zum Gespött der Kinder gemacht habe, habe ich sie wieder ausgezogen.

Man muß auch nicht alles können, um hier ein schönes Leben führen zu können.

Doch als es vor zwei Tagen anfing zu schneien war ich auf einmal mitten in der Weihnachtsstimmung. Wir holten die Schlitten heraus und sind früh am Morgen losgezogen. Der ganze Berg, er war eher ein Hügel, war schon voller Kinder und auch die Eltern und älteren Geschwister ließen sich von ihrer guten Laune anstecken und rodelten ihn herunter. Am Abend waren wir vollkommen erschöpft, doch unglaublich glücklich.

Ich werde noch bis Mai bleiben, denn Novlene hat mich zu ihrer Brautjungfer bestimmt. Sie ist furchtbar aufgeregt und hofft, daß der Stoff für ihr Hochzeitskleid früh genug aus St. Louis kommt, denn sonst würde die Hochzeit nach hinten verschoben werden.

Der Grund, weshalb ich dir schreibe, ist nicht nur, daß bald Weihnachten ist.

Ich habe endlich meinen Berufswunsch gefunden; ich möchte, so wie du, Anwältin werden.

Meinen ersten Fall hatte ich auch schon hier in Ava. Eine Frau war angeklagt worden ihren Mann umgebracht zu haben, doch ich habe den wahren Mörder gefunden.

Es ist ein wunderbares Gefühl, die Wahrheit herauszufinden. Ich weiß aber auch, wie schwierig es für mich ist, diesen Beruf zu ergreifen. Lieber Alexandre, könntest du mir einige Bücher aus Boston schicken?

Ich kenne mich zwar oberflächlich damit aus, doch zitieren kann ich aus den Strafgesetzbüchern noch nicht.

Ich wäre dir sehr verbunden.

Ich wünsche euch allen ein frohes Weihnachtsfest und grüße deine gesamte Familie von mir,

Deine Magkenzie Ema

„Fröhliche Weihnachten!" rief Magkenzie glücklich den anderen zu, als sie Treppe herunterkam und an den reich gedeckten Tisch setzte.

„Wir sind eine wirklich große Familie geworden!" sagte Laure, als sie den großen Braten aus der Küche hereintrug und ihn auf den Tisch stellte. Alle waren gekommen.

Leon und Haidée mit Gémma, obwohl diese mehr an den Geschenken interessiert war, die schon unter dem duftenden Tannenbaum lagen, als am Essen; Novlene hatte Phil eingeladen mit ihnen zu essen und Leon konnte seine Mutter noch überreden Nathan einzuladen, obwohl dieser nicht zur Familie gehörte.

„Wir wollen ein Gebet sprechen, bevor wir uns den Bauch vollschlagen", sagte Ray und stand am Kopf des Tisches auf. Die anderen falteten ebenso ihre Hände und beugten die Köpfe demütig über den Tisch.

„Lieber Gott, wir wollen dir für diese vielen Gaben danken, doch das allein macht Weihnachten nicht aus. Wir sind glücklich, diesen Tag gemeinsam mit der Familie feiern zu können und ihn in Wohlstand und Frieden begehen können. Wir sind dankbar, für jeden Tag, den wir auf deiner wunderbaren Erde sein dürfen und dankbar, daß wir von dir angenommen sind. Wir bitten dich, laß uns noch öfters dieses Fest gemeinsam feiern und bring dein Licht auch zu denen, die nicht soviel Glück, wie wir gehabt haben. Amen!"

„Amen!" hallte es wie ein Echo wieder und danach war die Familie Garland nicht mehr zu halten. Die Teller wurden herumgereicht, mit leckeren Speisen bedeckt und dampfend wieder an den Ausgangspunkt zurückgegeben.

Nur Magkenzie saß etwas still zwischen all diesen fröhlichen Menschen.

Sie dachte an das, was in diesem Jahr alles passiert war; die Ausweglosigkeit wegen der Verlobung und dann der Aufbruch nach Ava.

Magkneize sah kurz auf, als sie ihr Blicke trafen.

Nathan sah sie an und sie sah in seinen Augen diese Zuneigung, die sie selbst bei Alexandre nicht gesehen hatte.

Ihr wurde heiß und beschämt sah sie schnell zur Seite. Sie hoffte, niemand hatte etwas gemerkt, das die Gespräche um sie herum gingen weiter wie bisher, bis Laure sie schließlich aus ihren Tagträumen holte und ihren Teller füllte.

„Es fängt an zu schneien!" rief Elia und rannte zur Tür. Laure hielt ihn jedoch vorher fest und zwang ihn seinen Mantel anzuziehen.

Die Kinder waren, trotz der späten Stunde, hellwach und begannen schon mit der Schneeballschlacht.

Novlene und Phil zogen sich auch ihre Mäntel an und verschwanden zu einem romantischen Winterspaziergang.

Nur Magkenzie lag mher auf dem Sessel, als das sie saß.

„Kommst du nicht mit?" fragte Laure und blieb in der Tür stehen.

„Nein, geht ihr nur! Ich habe soviel gegessen, daß ich mich nie mehr bewegen kann!" sagte Magkenzie und wollte sich gerade wieder gemütlich in den Sessel kuscheln, als ein Schneeball mit ungeheurer Geschwindigkeit durch die offene Haustür geschossen kam und sie mitten ins Gesicht traf.

Magkenzie sprang vor Schreck aus dem Sessel und hatte schnell die Übeltäter gestellt.

Elia und Damian standen abwartetend am Fuß der Treppe und sahen ihrem Geschoß nach.

„Na wartet!" rief Magkenzie scherzhaft und warf sich schnell ihren Mantel über. Mit zwei großen Schritten hatte sie die Treppe erreicht, war an Laure und Ray vorbeigestürmt und mit einem kräftigen Sprung im weichen Schnee vor dem Haus gelandet.

Elia war zu schnell weg, doch Damian, der nicht so schnell, wie sein Bruder gemerkt hatte, was gerade passierte, wurde zu einem leichten Opfer von Magkenzie. Sie nahm die Hände voller Schnee und rieb es ihm ins Gesicht, doch erst nachdem eine beträchliche Ladung in seinem Kragen verschwunden war, ließ sie von ihm ab und half ihm sogar sich vom Schnee zu befreien.

Das sah jedoch sein größerer Bruder nicht gerne und attakierte Magkenzie mit einige Schneebällen, doch auf eine bewegliches Ziel konnte er nicht so gut werfen, wie auf eine sitzende Person.

Schnell hatten sich zwei Parteien gebildet, die sich, unter den wachsamen Augen von Laure, eine wilde Schneeballschlacht lieferten.

„Ich geb auf!" rief Elia als Erster. Nathan und Leon hatten ihn fast vollkommen mit Schnee bedeckt, so daß nur noch sein Kopf und die Füße herausguckten. Haidée half Damian gegen Novlene und wurde von ihrer kleinen Tochter kräftig angefeuert.

Irgendwann, als niemand mehr wußte, zu welcher Gruppe er gehörte und als die Anziehsachen schon langsam naß wurden, gaben sie das Spiel auf.

Magkenzie war sich sicher, die Letzte zu sein, die wieder ins warme Haus ging, doch als sie an der alten Eiche vorbeikam, wurde sie plötzlich am Arm festgehalten und zurückgezogen.

Zwei fordernde Lippen preßten sich sofort auf ihre, doch nach einer kurzen Schrecksekunde legte sie vorsichtig ihre Arme um seinen Hals und erwiderte seinen Liebesbeweis.

„Ich liebe dich!" hauchte Nathan in die sternklare Nacht, so daß sein Atem weiße Wölkchen bildete.

Magkenzie war trotz des vielen Schnees mit einem Mal heiß geworden, daß sie dachte, um sie herum müßte der Schnee schmelzen.

„Ich merke es", sagte sie lächelnd und zog ihn näher an sich. Noch einmal suchten sich ihre Lippen und erneut entflammte ihre Liebe zueinander.

„Wir sollten hineingehen!" sagte Magkenzie und löste sich von Nathan. Sie ging voraus, doch kurz bevor sie die Treppe auf die Veranda hochsteigen konnte, kam er ihr nach, faßte ihre Hand und hauchte einen warmen, liebevollen Kuß auf diese.

Dann entzog sich Magkenzie ihm und ging mit hochroten Wangen in das Wohnzimmer. Nathan folgte ihr, doch niemand schien ihre gemeinsame Abwesenheit bemerkt zu haben.