01.Januar 1884

Nun haben wir gestern das neue Jahr eingeleitet. Ganz ohne viel Prunk und trara hat die ganze Stadt in dem kleinen Restaurant gefeiert. Wir haben viel getanzt und mir wurden ganz neue, eher ländliche Tänze beigebracht. Außerdem musste ich immer wieder Walzer tanzen, da ich von vielen jungen Männern aufgefordert wurde und am Ende keine Puste mehr.

Für diesen Anlaß haben Novlene und ich uns extra neue Kleider geschneidert. Novlene trug ein rotes mit Spitzen besetztes Kleid, das sehr weit ausgeschnitten war und passend dazu hatte sie sich rote Federn ins Haar gesteckt.

Novlene mußte mich überreden mir auch eins zu nähen, zum einen, weil ich noch nie ein Kleid genäht habe und zum zweiten, weil ich es mir nicht leisten wollte. Mein erstes selbstverdientes Geld wollte ich nicht für den teuren Stoff aus dem Laden ausgeben.

Novlene meinte jedoch, daß mir ein dunkelblaues Kleid stehen würde und besorgte Stoff. Sie half mir auch die Muster auszuschneiden und es zusammen zunähen.

Am Silvesterabend stand ich nun, in meinem blauen Kleid mit der kleinen, hellblauen Stola, die ich mir um die Schultern schlang, sie mich doch nicht vor der eisigen Kälte bewahrte.

Ich hatte mir gewünscht, daß Nathan mich um einen Tanz bitten würde, doch wie ich feststellen mußte, schien er sich nicht für mich zu interessieren. Als wir ankamen, sah er kurz auf und wieder sah ich dieses Glitzern in seinen Augen, doch er begrüßte uns und ging dann mit Leon und Ray ein Bier trinken. Den ganzen Abend wartete ich ungeduldig auf seine Aufforderung, doch immer, wenn ein dunkler Schatten vor mir auftauchte und ich dachte, es wäre Nathan, war es ein anderer junger Mann, der Mut gefunden hatte, mich aufzufordern.

Ich wußte nicht, was ich davon halten sollte.

Nathan hatte mir seine Liebe gestanden und mich geküßt, doch in aller Öffentlichkeit tat er immer so, als wäre zwischen uns nichts gewesen.

Als die Uhr zwölf schlug, liefen alle nach draußen in die eisige Kälte und prosteten sich zu.

Novlene und Phil lagen ich in den Armen und überall um mich herum küßten sich die Paare, nur ich stand zwischen Gémma und Damian. Selbst Elia küßte seine heimliche Freundin Florence.

Nach einem kleinen, bunten Feuerwerk, das natürlich nicht mit denen aus Boston zu vergleichen war, verlief sich das Dorf. Einige gingen nach Hause, doch andere, vor allem die Jüngeren wärmten sich im Restaurant wieder auf und feierten noch die ganze Nacht durch.

Ray und Laure waren mit Inna, die in einem Nebenzimmer geschlafen hatte, und Damian nach Hause gefahren. Eigentlich wollte ich später mit Phil und Novlene fahren, doch die beiden hatten nicht die Absicht in früherer Zeit zu fahren. Ich wurde immer müder. Mir taten die Füße vom vielen Tanzen weh und der Alkohol war mir zu Kopf gestiegen.

Ich fragte Novlene, ob sie nach hause fahren wollten, doch sie lachte mir nur überglücklich ins Gesicht und rief, diese Nacht würde ewig dauern.

Darauf blieben mir nur zwei Möglichkeiten. Entweder, ich würde warten, bis Novlene und Phil vom Feiern genug hatten oder ich müßte den Weg alleine gehen.

Nach einer Stunde warten, in der ich immer wieder tanzen mußte, hatte ich mich entschieden alleine nach Hause zu gehen. Ich kannte nun den Weg in und auswendig und würde nicht mehr so lange brauchen, wie am ersten Abend.

Es war bitterkalt, doch ich zog die Stola enger um mich und machte mich auf den Weg.

Immer wieder rutschte ich mit meinen Schuhen auf der glatten Schneedecke aus, doch ich ging schnell weiter. Der Wind pfiff mir um die Ohren und ich mußte nach der Hälfte der strecke eingestehen, daß ich einen Fehler gemacht hatte.

Ich überlegte gerade, ob der Weg zurück in die Stadt genauso lang wäre, wie der zum Haus, als ich einen Schlitten kommen hörte.

Ich drehte mich um, um zu fragen, ob man mich mitnehmen könnte, doch da hielt er auch schon neben mir.

„Du holst dir noch den Tod!" sagte Nathan und sprang vom Schlitten. Es hätte von mir aus jeder andere Mensch sein können, doch Nathan wollte ich heute abend nicht mehr sehen. Dennoch war mir kalt und mein Zähneklappern ließ mich einsteigen. Er wickelte mich in die dicke Pelzdecke ein und setzte sich neben mich. Schweigsam fuhren wir los.

Kurz bevor wir das Gatter der Farm durchfuhren, hielt Nathan die Pferde an.

„Ich habe dir noch kein frohes Neues Jahr gewünscht", sagte er und nahm meine eiskalte Hand.

Er wollte sie küssen, doch ich entzog sie ihm. Fragend sah er mich an und ich, obwohl ich nicht wußte, woher ich den Mut nahm, sagte ihm meine Meinung.

Darüber, daß ich enttäuscht war, daß er nicht mit mir tanzte, daß er unsere Beziehung, soweit man das so nennen konnte, leugnete und das er, nur wenn wir alleine waren, seine Gefühle zeigte.

„Magkenzie, ich kann nicht tanzen!" sagte er nur und mir blieben meine Worte im Hals stecken.

Er rutschte näher und streichelte vorsichtig über meine Wange. Dann erklärte er mir die Situation.

„Ich war schon einmal verlobt. Jeanne war die Tochter von Max Herm, dem Besitzer des Restaurants. Wir haben uns geliebt, doch als wir diese Liebe öffentlich gemacht haben, mußten wir spüren, daß einige Menschen nicht mit unserem Glück einverstanden waren. Vor allem hielt Jeannes Vater nicht viel von mir. Als ihr Vater dann eine Hochzeit für sie arrangierte, sah sie nur einen Ausweg: sie beging Selbstmord. Ich habe es mir nie verziehen, daß ich sie gedrängt habe, unsere Liebe öffentlich zu machen. Sie hat gewußt, was passieren kann und noch heute macht mich ihr Vater für ihren Tod verantwortlich."

Ich wußte nicht, was ich sagen sollte, doch Nathan nahm meine Hände und umschloß sie fest. Ich legte meinen Kopf an seine Schulter und gemeinsam ließen wir den Abend ausklingen.

„Laß uns noch etwas warten", sagte er und küßte mich.

Ich ging die Stufen zum Haus hinauf und in mein Zimmer. Es ist jetzt, nachdem ich mir alles von der Seele geschrieben habe, unwahrscheinlich ruhig im Haus. Novlene und Phil sind bisher noch nicht gekommen, deshalb denke ich, daß sie in der Stadt übernachten werden. In Boston würde das zu einem unwahrscheinlichen Gerücht führen, doch hier, in dieser kleinen Stadt ist man, trotz weniger Fortschritts der Technik, manchmal mit Ideen und Ansichten viel fortschrittlicher, als in Boston.

Ich hoffe, Alexandre und Victorien hatten auch eine schöne Feier gehabt und auch Onkel Charles wünsche ich alles gute für das Neue Jahr. Manchmal wünschte ich, ich könnte ihm schreiben und alles erklären. Ihn so im Ungewissen zu lassen, ist furchtbar und gerne würde ich ihn noch einmal sehen. Charlotte, warum muß das Leben so viele schlimme Ereignisse in sich haben?

Hätten wir nicht eine glückliche Familie, wie die Garlands werden können? Sicher nicht, denn so hätte ich nie Alexandre oder Novlene und schon gar nicht Nathan kennengelernt. Ich denke, so wie es ist, ist es schon ganz gut, denn ich bin verliebt und das ist das schönste Gefühl auf der Welt.

Am nächsten Morgen schlief die Familie lange. nur Inna, die die gesamte Feier verschlafen hatte, hatte schon um sieben Uhr morgens wieder Hunger und machte das Haus wach.

So schleppten sich alle, mehr oder weniger wach zum Frühstückstisch. Novlene und Phil kamen gegen acht vorbei, doch Magkenzie und Elia hatten sich die Decke über den Kopf gezogen und weitergeschlafen.

Fast gleichzeitig standen die beiden jedoch nach einiger Zeit doch auf und gingen zum Frühstücken.

„Guten morgen!" rief Laure fröhlich und schenkte beiden frischen Kaffee ein. Magkenzie sah aus, als hätte sie die ganze Nacht kein Auge zugetan. Obwohl sie um drei Uhr nach Hause gekommen war, hatte sie noch Tagebuch geschrieben und somit war sie viel später als sie eigentlich wollte, ins Bett gekommen.

„Du siehst furchtbar aus!" sagte Magkenzie und sah ihre Freundin an. Diese nickte nur kurz und wärmte sich ihre Finger an der heißen Tasse.

„Nein, ich meine es ernst", sagte Magkenzie erneut und sah Laure an, damit diese auch etwas sagte.

Laure ging um den Tisch herum und legte Novlene die Hand auf die Stirn.

„Novlene, du glühst ja richtig!" sagte sie erschrocken und schickte ihre Tochter sofort ins Bett.