21. Januar 1884
Endlich ist Novlene wieder gesund, obwohl ihr Zustand wirklich dramatisch war. Ich selbst habe von meinem nächtlichen Ausflug nur eine leichte Erkältung bekommen, mußte jedoch nicht einmal das Bett hüten.
Ich werde nie wieder leicht bekleidet im Winter aus dem Haus gehen, denn ich habe gesehen, wie leicht man dem Tod so nahe sein kann, wie Novlene es war.
Es war ein Glück, daß Phillip hier war. Vor ein paar Monaten, als Phillip noch auf der Universität war und der alte Arzt schon gestorben war, hätte es für Novlene den sicheren Tod bedeutet.
Man merkt, wie wenig Zvilisation man hier in Ava hat, doch ich möchte nicht mit dem Leben in Boston tauschen.
„Magkenzie!" rief Leon aufgeregt, als er mit einem schweren Paket ins Haus kam. Seine Stiefel hinterließen kleine Wasserflecken und sofort trieb seine Mutter ihn zurück auf den Lappen, der neben der Tür lag.
„Wie soll ich das Haus in Ordnung halten, wenn jeder hier herein und durch alle Zimmer marschiert, ohne sich die Schuhe zutrocknen!" schimpfte Laure, doch nachdem ihr ältester Sohn ihr einen Kuß auf die Wange gegeben hatte und versprach es nicht wieder zu tun, ging sie zurück in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten.
Magkenzie kam langsam die Treppe hinunter und sah Leon fragend an.
„Es ist Post für dich angekommen. Ich sagte Robert, ich würde es vorbei bringen."
„Post aus Boston?" rief Magkenzie und nahm es ihm sofort aus den Händen. Das schwere Paket stellte sie sofort auf den Tisch und suchte nach einem Messer, um die Paketschnur zu öffnen.
„Hast du etwas bestellt?" fragte Laure und kam hinzu. Sie wischte sich die nassen Händen an dem Küchentuch ab und wartete gespannt, was sich in dem Paket befinden würde.
„Ich habe Alexandre gebeten mir einige seiner alten Bücher zu schicken und..." Magkenzie stockte. Sie hatte das Paket geöffnet und fand einige Rechtsbücher, die noch sehr neu zu sein schienen.
Ein Brief von Alexandre lag auch dabei.
„Liebe Magkenzie!
Ich bin froh, daß du dir nun sicher bist, dein Leben so zu leben, wie du willst. Ich habe mich entschieden, obwohl du erst in drei Monaten Geburtstag hast, dir schon jetzt dein Geschenk zu schicken. Ich fand, meine alten Bücher wären zu kaputt und zu alt für dich, deshalb habe ich dir neusten Bücher besorgt, die es in Boston zu finden gab."
Magkenzie ließ schockiert den Brief sinken und sah sich die Bücher an. Auch Leon war nun dazu getreten und nahm ein Buch heraus.
„Die Geschichte der Rechtswissenschaft? Was soll das denn sein?" fragte er, doch ein tadelnder Blick seiner Mutter ließ ihn verstummen.
Magkenzie las weiter.
„Ich hoffe, du wirst deinen Weg finden und ich bin sicher, daß du eine gute Anwältin werden wirst. Ich hoffe, daß dich deine Fälle nicht zur Weißglut treiben werden und daß du trotz der vielen Paragraphen und Artikel nie dein Zeil vor Augen verlieren wirst. Kämpfe dich durch, dann wirst du den schönsten Beruf ergreifen, den es jedenfalls für mich in dieser Welt gibt.
Bitte grüße die Familie Garland von Victorien und mir.
Mit freundlichen Grüßen, dein Freund Alexandre."
„Er hat dir diesen Karton voller Bücher geschickt, damit du anfängst zu lernen?" fragte Laure und Magkenzie konnte nur nicken. Ihr Freund hatte ihr einen großen Gefallen bereitet und beinahe kamen ihr die Tränen.
„Was ist das?" fragte Leon und hob den kleinen Zettel auf, der aus dem Umschlag gefallen war und nun auf der Erde lag.
„Sehr geehrte Miss Thomson", las er vor, „hiermit laden wir Sie herzlich zu unserer Hochzeitsfeier am 26. April 1884, um 14.00Uhr in der Kirche zu Boston."
„Sie werden heiraten?" fragte Magkenzie lautlos und setzte sich auf einen Stuhl. Sie mochte Victorien, aber das war nun zuviel auf einmal. Sie hatte sich damit abgefunden, daß zwischen Alexandre und ihr nichts sein würde, doch mit einer so nahestehenden Hochzeit hatte sie nicht gerechnet.
„Wirst du hinfahren?" fragte Laure.
„Ich weiß nicht", sagte Magkenzie und sah sie an. „Es ist eine lange Reise und sie ist teuer, außerdem möchte ich meinem Onkel nicht über den weg laufen."
„Du hast ja noch Zeit, dich zu entscheiden", sagte Laure und legte Magkenzie die Hand auf die Schulter. „Aber ich hoffe, du wirst dich nicht aus Haß, sondern aus Freundschaft heraus entscheiden."
Magkenzie lächelte, denn sie hatte verstanden, was Laure damit sagen wollte und in dem gleichen Moment hatte sie sich entschieden.
„Es ist kaum zu glauben wie schön es schon ist, nicht wahr, Magkenzie?" rief Novlene lachend und lief voraus.
„Warte auf mich!" Magkenzie hob ihre Röcke und lief hinter ihrer Freundin her.
„Es ist wie im Frühling", sagte Novlene, als Magkenzie sich schwer atmend neben ihr niedergelassen hatte.
Sie legten sich auf das weiche Moos und sahen durch die Bäume, deren grüner Schimmer schon den Frühling voraussagte, in den blauen Himmel.
„Du hast keine Kondition!" sagte Novlene halb ernst und pikste Magkenzie mit der Fingerspitze in den Bauch.
„Was hättest du wohl für eine Kondition nach 19 Jahren in einem engen Korsett! Außerdem warst du früher auch mal schneller", erwiderte Mgkenzie und ging nicht weiter darauf ein.
„Wird es eigentlich so bleiben?" fragte Magkenzie plötzlich.
„Wie, alles?" fragte Novlene und setzte sich auf.
„Nach deiner Hochzeit, meine ich. Werden wir trotzdem Freundinnen bleiben?
„Natürlich!" Novlene setzte sich ruckartig auf und sah ihre Freundin an. „Uns wird nichts und niemand trennen!"
„Dann wird es die wahre Freundschaft sein, die zwischen uns besteht."
Magkenzie rutschte näher zu Novlene und legte ihre Arme um sie.
Gemeinsam saßen sie lange auf dem Waldboden und hielten sich gegenseitig in den Armen.
Der Wind, der letzte Nachkomme des kalten Winters, zerzauste ihnen die Haare und spielte mit ihren Kleidern, doch dadurch ließen die beiden Mädchen nicht stören.
Plötzlich knackte in einiger Entfernung ein Ast und ließ die Mädchen hochfahren.
Lässig an einen Baum gelehnt stand Nathan in einiger Entfernung und sah sie an.
„Was machst du denn hier?" fragte Novlene und löste sich aus der Umarmung. Langsam stand sie auf und sah ihn fragend an.
„Vielleicht sollte ich euch eher fragen, was ihr hier macht", entgegnete er nur und kam langsam auf die beiden zu.
Magkenzie stand nun ebenfalls auf und klopfte sich die Blätter vom Rock.
„Es geht dich überhaupt nichts an, was wir hier machen!" sagte Novlene trotzig, packte Magkenzies Hand und zog sie wütend hinter sich her.
Magkenzie konnte noch einmal ihren Kopf drehen, um Nathan anzusehen.
Er führte langsam die Hand zu seinem Mund, küßte sie und pustete darüber.
Magkenzie ging wie auf Wolken. Novlene schimpfte den ganzen Weg nach Hause, daß dieser unverschämte Kerl sie belauschte und beobachtete und daß es ihn gar nichts anging, was sie machen würden, doch Magkenzie hörte nicht zu. Sie ließ sich von ihrer Freundin mitziehen und sah jedoch nur sein Gesicht vor sich.
Und in diesem Moment wußte sie, daß sie sich verliebt hatte.
