„Wir sind am Nachmittag wieder hier!" rief Laure und schloß die Tür. Nun war Magkenzie allein mit Inna. Die ganze Familie Garland fuhr zu einer Trauerfeier nach Mountain Grove und da Inna die lange Reise nicht mitkommen sollte, hatte sie sich angeboten, auf sie aufzupassen.

Es war schön mal wieder ganz allein zu sein. Sie hatte heute keine Verpflichtungen und konnte sich mal wieder ganz bewußt ihrem Tagebuch widmen, doch zuvor mußte sie sich um Inna kümmern.

Diese hatte sie im Griff. Zuerst wollte sie spielen, dann etwas essen, dann wollte sie etwas vorgelesen bekommen, dann etwas trinken, dann hatte sie in die Windel gemacht und zu guter letzt konnte Magkenzie sie auf ihre Decke setzen und ihr beim Spielen mit den Bauklötzen zusehen.

28. Februar 1884

Endlich habe ich Zeit, mich einfach nur hinzusetzen und zu schreiben.

Mein Herz ist so aufgewühlt und ich weiß nicht, was ich wirklich möchte. Ich habe in der letzten Zeit sehr viel gelernt und bin mir sicher, daß ich anderen Menschen helfen möchte. Ich möchte Frauen helfen, die die gleichen Probleme wie ich haben. Ich möchte etwas Gutes tun und gleichzeitig bin ich so verwirrt.

Wenn ich Nathan nur ansehe, kribbelt alles in mir und ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Doch ist die wahre Liebe wirklich so? Mum und Dad haben sich zu Beginn geschätzt, aber nicht geliebt, daß weiß ich, weil Mum es mir einmal erzählt hat.

Kann eine gute Ehe nur dann halten, wenn gegenseitige Wertschätzung und Achtung im Vordergrund stehen?

Muß sich die Liebe erst über Jahre hinweg entwickeln?

Ich glaube, auf diese Fragen kann es keine Antwort geben, doch wenn Nathan mich fragen würde, ob ich heiraten will, dann brauche ich nicht lange zu überlegen!

Ich würde sofort ja sagen und selbst meine Passion als Anwältin aufgeben ohne mit der Wimper zu zucken.

Ich glaube...

Weiter kam Magkenzie nicht mehr.

Es wurde hart an die Tür geschlagen und sie wußte nicht, ob sie sich darüber ärgern sollte, daß sie gestört wurde oder daß sie nicht mehr wußte, was sie genau schreiben wollte.

Sie sah kurz zu Inna, die friedlich auf ihrer Decke spielte und ging dann zur Tür.

Sie öffnete die Tür und traute ihren Augen kaum.

„Onkel Charles!" sagte sie tonlos und starrte ihn mit großen Augen an.

„Schlampe!" schrie er und schlug ihr mit aller Kraft ins Gesicht. Der Schmerz betäubte Magkenzie, sie fiel nach hinten und landete unsanft auf dem Holzboden.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht sah sie ihren Onkel ungläubig an.

Sie wollte ihm nicht den Gefallen machen, schwächlich und betäubt auf dem Boden liegen zu bleiben, so stand sie schwankend wieder auf.

Mit großen Schritten kam ihr Onkel ins Haus und schloß die Tür hinter sich.

„Es hat lange gedauert, bis ich herausgefunden habe, wo du bist. Ich muß sagen, das war recht clever von dir!" sagte er mit tiefer Stimme. Magkenzie schien es, als wäre ihr Onkel leicht angetrunken, doch sie sagte nichts dazu.

„Was willst du hier?" fragte sie ihn leise, aber bestimmt.

„Was ich hier will? Ich will mein Leben zurück! Du wirst mitkommen und Mr. Rubenstone heiraten, ist das klar!"

„Nein!" sagte Magkenzie nur, doch weiter kam sie nicht.

„Was heißt nein, du miese Ratte. Ich habe dich aufgenommen, als deine miesen Eltern gestorben sind und ich habe versucht dich gut zu verheiraten! Du solltest mir nur einen Gefallen tun! Einen Gefallen, du solltest ihn nur heiraten, damit ich...", er brach ab.

„Damit du keine Schulden mehr hast, war es nicht so? Ich bin doch keine Ware, die du mit Schulden ausgleichen kannst! Hast du dich jemals meine Gefühle gekümmert?" rief Magkenzie außer sich, doch der Anblick ihres Onkels ließ sie verstummen.

Zusammengesunken saß er wie ein Häufchen Elend auf einem der Stühle und sah auf einmal alt aus. Er war dünn geworden, seine Wangenknochen standen aus seinem Gesicht hervor und die Kleidung war viel zu groß.

Magkenzie wußte nicht, daß es so schlecht um ihren Onkel stand und bekam Mitleid.

„Onkel Charles, ich habe versucht mit dir darüber zu reden, aber..."

„Aber dieser Junge, wie hieß er noch? Alexandre, er war an allem Schuld. Er hat dir die Flausen in den Kopf gesetzt und dich dazu getrieben mich zu verlassen! Und jetzt? Was wird jetzt aus dir? Wie siehst du überhaupt aus? Du bist eine verdammte Bauernschlampe geworden!"

„Nein, so war es nicht, Onkel, hör mir bitte zu..."

„Nein!" Magkenzies Onkel war aufgesprungen und hatte sie am Arm gepackt. Er schüttelte sie durch, bis ihr schwindelig und übel wurde, doch er beruhigte sich nicht.

„Es hätte anders kommen müssen, du Biest!" schrie er ihr ins Gesicht, doch in einer unachtsamen Sekunde, trat Magkenzie ihrem Onkel vors Schienbein, worauf er sie losließ und sie von ihm wich.

„Du kleine Mistratte! Ich werde dir zeigen, was es heißt Respekt zu haben!" schrie er sie wütend an, doch Magkenzie brachte immer mehr Abstand zwischen sich und ihren Onkel.

Sie war nun bei Inna angekommen, die das Schauspiel still mit angesehen hatte.

Ihr Onkel starrte sie bewegungslos an und in diesem Augenblick sah Magkenzie ihre Chance zu entkommen.

Sie packte Inna, nahm sie auf den Arm und lief in Richtung Tür. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie langsam Leben in ihren Onkel kam und er hinter ihr herkam.

Sie lief zur Tür, riß diese auf und sprang die Treppe herunter.

Sie strauchelte, fang sich jedoch wieder und lief weiter.

Inna hatte angefangen zu weinen, doch darauf konnte Magkenzie keine Rücksicht nehmen.

Sie hatte Angst, daß ihr Onkel ihr und ihrem Schützling etwas antun könnte. Sein Haß auf sie hatte ihm in den Augen gestanden und Magkenzie wußte nicht, was er mit ihr vorhatte.

Sie hörte, wie ihr Onkel ihr hinterherkam.

Magkenzie hatte das Gatter fast erreicht, als sich ein Schuß löste. Wie in Zeitlupe blieb sie stehen und drehte sich langsam um.

Inna war verstummt und sah sie mit Tränen in den Augen an.

Ihr Onkel stand etwa zwanzig Meter hinter ihr und hielt ein Gewehr auf sie gerichtet.

„Bleib stehen, du undankbares Kind!" schrie er außer sich und sein Kopf verfärbte sich rot.

Er hatte in die Luft geschossen, doch in seinen Augen war eine Entschlossenheit, die Magkenzie Angst machte.

Vorsichtig ging sie auf ihn zu. Sie kam an dem großen Apfelbaum vorbei, der jeden begrüßte, der auf den Hof kam.

Ganz langsam ging sie an ihm vorbei, setzte Inna an seinen Fuß und wickelte sie noch einmal in ihre Tuch ein.

Dann ging sie weiter auf ihren Onkel zu.

„Was willst du?" fragte sie ihn leise und hob abwehrend die Hände.

„Ich will dich! Du wirst ihn heiraten und dann habe ich mein Leben wieder. Du kannst dir nicht vorstellen, wo ich überall sparen muß, Ema!" sagte er fast liebevoll, doch Magkenzies Augen verengten sich zu zwei Schlitzen, als sie sagte: „Nenn mich nie... nie wieder Ema!"

Sie wußte nicht, woher sie soviel Kraft nahm, doch das machte ihren Onkel noch aggressiver.

Wütend packte er ihren Arm und schubste sie vor sich her, immer weiter vom Haus entfernt, immer weiter in den Wald.

Grob stieß er sie vor sich her, die Waffe immer im Anschlag, bereit zu schießen, wenn sie fliehen würde.

Magkenzie stolperte, wurde jedoch brutal weitergetrieben, ohne Pause.

„Wohin gehen wir?" fragte Magkenzie, ohne, daß sie sich umsah, wo ihr Onkel war.

„Nach Hause!" sagte er nur und stieß sie weiter.

Magkenzie nahm alle ihre Kraft und ihren Mut zusammen und drehte sich abrupt um, daß ihr Onkel vor Erstaunen selbst stehen blieb.

„Ich werde nicht mitkommen", sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe hier ein neues Leben angefangen und ich werde es nicht aufgeben."

Langsam, wenige Millimeter, wich sie zurück.

„Ich habe hier Freunde gefunden und eine Familie, die ich mir schon so lange gewünscht habe."

Magkenzie ging weiter, langsam, damit ihr Onkel nichts davon bemerkte, brachte sie Raum zwischen sich.

„Ich werde dich gehen lassen, Onkel Charles", sagte sie leise, doch ihr Onkel bemerkte, an einer schnellen Bewegung von ihr, was sie vorhatte.

„Ich werde dich jedoch nicht gehen lassen! Ich werde dich töten, wenn du nicht mit mir nach Boston kommst!" schrie er und hob das Gewehr.

„Ich werde dich eigenhändig mit dem Gewehr deiner ach so tollen, neuen Familie umbringen!"

Er war außer sich und Magkenzie wußte nicht, was sie machen sollte.

„Onkel Charles, ich bitte dich, mach dich nicht zum Mörder!"

„Das bin ich schon!" sagte er bitter und seine Augen bekamen einen glasigen Ausdruck. „Ich habe meine Geliebte getötet."

Er zuckte die Achseln. „Sie wollte mich verlassen, da hat sie den Morgen nicht mehr lebend gesehen!"

Magkenzie gefror das Blut in den Adern. Ihr Onkel war zwar durcheinander, aber sicher konnte er Wahrheit und Lüge noch auseinanderhalten.

„Lebe wohl, Magkenzie!" sagte er und ein ohrenbetäubender Schuß zerriß die Stille des Waldes.