Narn Gil Galad

von Earonn

Kap. II - Geschwister

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Danksagung: an meine übermäßig geduldige Korrekturleserin Nemis. Viele Ork-Kekse für dich, überbracht von einem Elbenkönig deiner Wahl... ;)

Widmung: für meinen eigenen großen Bruder, der ohne Zweifel einen großen Einfluß auf meine Vorstellung von Gil Galads Verhalten gegenüber Finduilas hatte...

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Anmerkungen:

Soweit mir bekannt, liegen sowohl für Gil Galad als auch für Finduilas keine gesicherten Geburtsangaben vor. Rückschlüsse lassen sich daraus ziehen, daß Turin Finduilas bereits als Erwachsene vorfand, als er in Nargothrond ankam. Da die Elben der HoME zufolge ihre Reife mit ca. 50 Jahren erreichten, mußte sie also spätestens ca. 440 des Ersten Zeitalters geboren worden sein.

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II Geschwister

Zunächst weihte Orodreth den König in seine Heiratspläne ein. Finrod war sofort begeistert, zumal ihm – wie auch so ziemlich jedem anderen hier in Nargothrond – klar war, was zwischen seinem Neffen und der Sinda aus den nördlichen Bergen geschah. Er beglückwünschte sie beide und erbot sich sofort, eine Nachricht an Helegethirs Familie zu senden, um diese über diese von seiner Einladung an ihre Tochter zu benachrichtigen.

"Dein Vater wird sowieso in den nächsten Wochen hierher kommen", teilte er Orodreth mit, "du brauchst dir also nicht die Mühe machen ihn extra aufzusuchen. Er wird sich sehr freuen. Ich wünschte mir nur, deine Mutter könnte es noch erleben."

Orodreth sah kummervoll zu Boden. Die Helcaraxe hatte viele Opfer gefordert.

Helegethir widerstand nicht länger der zweifachen Versuchung, einen Winter in Nargothrond und an der Seite ihres Geliebten zu verbringen. So verabschiedete sie den größten Teil ihres Gefolges und richtete sich auf Monate voller Dunkelheit, Kälte und Nässe außerhalb, und Wärme, Liebe und Freude im Inneren der Felsenburg ein.

Im Frühjahr brachte Orodreth sie zu ihrer Familie zurück. Er verbrachte nur eine Nacht im Haus von Helegethirs Vater Laerion(1), ehe er sich wieder auf den Weg machte um seine Pflichten auf Tol Sirion wahrzunehmen.

Am folgenden Morgen verabschiedete Helegethir ihn am Tor und sie sah ihm lange nach, während er fortritt. Orodreth blickte sich nicht um, doch seine Gedanken weilten bei ihr und der Erinnerung ihrer sanften Hände auf seiner Haut.

Groß war die Freude der Elben im Turm von Minas Tirith, als sie ihren Anführer endlich wiedersahen. Aber Orodreth war stiller geworden und seine Gedanken kehrten oft zu Helegethir zurück. Die Trennung fiel beiden schwer, auch wenn sie durch die relativ geringe Distanz zwischen ihnen gemildert wurde, die es dem Sohn Angrods gestattete, seine Geliebte manchmal zu besuchen.

Hatte die Nachricht von ihrem Verbleiben in Nargothrond und die amüsierten Andeutungen ihrer Begleiter Helegethirs Eltern schon vorgewarnt, so schafften diese Besuche bald jeden Zweifel aus der Welt, mochten sie auch noch so zuvorkommend als ‚nachbarschaftliche Höflichkeitsgeste' deklariert werden. Mit dem ersten dieser Besuche ließ der Herr von Tol Sirion sich allerdings beinahe ein Jahr Zeit, denn er war sich nicht sicher über die Aufnahme, die er als Noldo im Haus und der Familie eines Sinda finden würde.

Drei mal besuchte Orodreth Helegethir in den Wäldern, sie erzählten sich die Geschichten ihrer Sippen und sangen füreinander. Bei seinem dritten Besuch wagte Orodreth es dann, Helegethirs Eltern um ihre Einwilligung zur Hochzeit zu bitten.

Diese sahen es ungern, daß ihre einzige Tochter ihr Herz an einen der Noldor-Prinzen verlor, denn sie ahnten, daß viel Leid über diese kommen würde, Leid, das sie Helegethir gerne erspart hätten. Und sie wußten, die Belagerung Morgoths würde nicht ewig halten und der momentane Friede war eher ein kurzes Innehalten.

Aber Helegethir fürchtete die Gefahr nicht, denn ihr fea war stark, und sie wies den Rat ihrer Verwandten zurück. Sie wußte, daß sie ihr Herz niemals mehr einem anderen schenken würde.

Sie konnte sich noch an die Zeit vor der Ankunft der Noldor erinnern. An die Schrecken, welche die bösen Geschöpfe aus dem Norden über die Sindar gebracht hatten, aber auch an die Ruhe und das gleichförmige, vertraute Leben. An die Zeit, da allein die Sterne ihren Weg erleuchtet hatten.

All dies war vergangen und jetzt schien Beleriand erfüllt von den Stimmen der Elben aus Valinor, die gekommen waren, um Krieg und Rache zu bringen. Aber auch Schönheit und Kameradschaft und Hilfe in der Not. Und Orodreth, um dessentwillen allein sie die alte Ruhe nicht vermißte. Wie leer und unerfüllt wäre ihr Leben gewesen, hätte das unerklärliche und so verwickelte Schicksal nicht dazu geführt, daß seine Familie den Weg zurück aus Valinor gefunden hätte!

Und immer wenn ihre Gedanken so weit gediehen waren, lächelte sie leise und dankte, dankte niemandem Bestimmten, da sie nicht wußte, wem sie danken sollte, doch sie genoß das Gefühl, ein großes Geschenk erhalten zu haben.

Schließlich versagte man ihnen nicht länger das Einverständnis, und im Spätsommer dieses Jahres versammelten sich beider Familien in Nargothrond, um die Verlobung zu feiern.

In den darauf folgenden Monaten häuften sich wieder einmal die Angriffe Morgoths, und mit der für ihn so typischen Geduld wartete Orodreth weitere fünf Jahre, bis ihm die Lage ruhig genug erschien, um Helegethir die Hochzeit anbieten zu können. Sie wurde auf Tol Sirion gehalten und selbst der Hohe König Fingolfin nahm diese Gelegenheit wahr, die Kinder seines Bruders wiederzusehen.

Und in demselben Jahr, in dem zum ersten mal der Drache Glaurung auftauchte, der später Nargothrond so viel Leid bringen sollte, wurde auf Tol Sirion Helegethir und Orodreth ein Sohn geboren. Wie es Sitte bei den Noldor war, gab Orodreth ihm einen Namen in Quenya, und er nannte ihn Artanáro(2) .

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Helegethir betrachtete lange ihr neugeborenes Kind, das erschöpft von den Anstrengungen seiner Geburt friedlich an ihre Brust gelehnt schlief. "Ich werde ihn 'Ellach(3) nennen", sagte sie schließlich, denn sie sah voraus, daß er seinem Volk ein heller Stern werden sollte.

Orodreth lächelte auf seine Gefährtin herab und strich ihr liebevoll über das braune Haar. "Er gerät dir nach, dunkel wie er ist. Der erste Nachkomme Finarfins, der nicht hellhaarig sein wird." Seine Finger glitten über Helegethirs Schulter und Arm bis zu dem Kind das sie hielt und streichelte dessen kleine Hände. "Würdest du gestatten, daß wir ihn Fin-Ellach nennen? In Erinnerung an seine Vorväter."

Helegethir sah zu ihm auf. "Er soll Finellach heißen."

Nur siebenunddreißig Jahre später brachte Helegethir ihr zweites Kind, eine Tochter, zur Welt.

Groß ist die Anstrengung, die es die Eldar kostet, Kindern das Leben zu schenken und es heißt, zwei Geburten so kurz hintereinander (kurz in der Zeitrechnung der Erstgeborenen), hätten Helegethir zu sehr erschöpft. Lange Zeit war sie ans Bett gefesselt, schwach und unfähig, ihre neugeborene Tochter zu versorgen, die darüber hinaus mehrere Wochen vor ihrer Zeit geboren worden war. Orodreth war zu jener Zeit nicht auf Tol Sirion, und so nahm Finellach sich als nächster Verwandter seiner Schwester an.

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Orodreth lief mit eiligen Schritten die Treppen zu den Gemächern hinauf, die er zusammen mit Helegethir bewohnte. Niemand begegnete ihm, kaum jemand wußte, daß er sich wieder in Minas Tirith befand, und im Moment hatte er an Wichtigeres zu denken, als seinen Leute seine Rückkehr mitzuteilen.

Der Stallbursche, der sein Pferd entgegengenommen hatte, hatte ihn mit einem merkwürdigen Blick bedacht, und als er auf eine Erklärung drängte, etwas von der Herrin erzählt, die während seiner Abwesenheit niedergekommen sei – mehr als einen Monat zu früh.

Ohne zu klopfen stürmte Orodreth in den Schlafraum. Er hatte Angst, kalte, schweißtreibende Furcht, die sich ein wenig legte, als er bemerkte, wie Helegethir, seine Geliebte, sein Herz, ihn müde, überrascht, aber hellwach ansah.

Und dann bemerkte er die leere Wiege neben ihrem Bett und es war, als schnüre ihm etwas die Luft ab. Kein Kind, Helegethir so viel schwächer als nach Finellachs Geburt und der merkwürdige Blick des Mannes am Stall – es brauchte nicht viel, um zu verstehen, was geschehen war.

Er ließ sich achtsam auf der Bettkante nieder und umarmte seine Gattin sanft, drückte sein Gesicht in ihr weiches Haar.

"Ich bin so froh, daß du wieder hier bist", flüsterte sie.

"Und ich bin froh, wieder bei dir zu sein. Wie fühlst du dich?"

Ihre Hand glitt zu seiner Wange. "Schwach. Müde. Erleichtert. Glücklich."

Glücklich?

Er rückte ein wenig von ihr ab und betrachtete sie prüfend, dann warf er einen fragenden Blick in Richtung der leeren Wiege. "Was....?" Er verstummte.

Aber Helegethir kannte ihren Liebsten nun lange genug und sie verstand auch ohne Worte, was in ihm vorging. Schnell zog sie ihn an sich. "Nein, nein, das ist es nicht, es geht ihr gut. Oh, wir haben eine Tochter, Liebster, eine wunderschöne kleine Tochter. 'Ellach kümmert sich um sie, für mich wäre es zuviel, und er macht das ganz großartig. Eine gesunde kleine Tochter, hörst du?"

Orodreth weinte, er weinte vor Erleichterung und es tat so gut, Helegethirs sanfte Berührungen, ihren Trost zu spüren.

Als er sich nach einer Weile wieder beruhigt hatte, lächelte er sie an. "Wo sind sie?"

Sie streichelte erneut sein Gesicht. "Ich maße mir zwar nicht an, über alle Bewegungen unseres Sohnes im Bilde zu sein, doch für gewöhnlich ist er um diese Zeit in seinem Lesezimmer. Er lernt. Er sagt, es geht besser, wenn seine Schwester dabei ist."

"Sagt er?" Orodreth lachte leise auf. "Dann muß sie ja völlig anders sein als er es war, denn mit ihm in einem Zimmer lernen – das war unmöglich."

Auch Helegethir lachte. "Das war es wirklich. Sie ist anders als er, hellhaarig und viel stiller. Geh, schau sie dir an!" Sie stupste ihn sacht von sich und der Herr von Tol Sirion erhob sich gehorsam.

"Orodreth."

"Ja?"

"Bitte sei vorsichtig mit dem Jungen. Es war...nicht leicht für 'Ellach. Die Geburt war schwer für mich und das hat ihn sehr mitgenommen. Er kümmert sich rührend um die Kleine, er tut alles für sie. Er ist fast alt genug, um selber Kinder zu haben, Liebster, und ich habe den Eindruck, daß sie für ihn beinahe mehr ist, als eine Schwester. Er hängt sehr an ihr, ich stelle mir vor, daß es ihm nicht leicht fallen wird, sie jetzt teilen zu müssen."

Er fand seinen Sohn dort, wo seine Gattin es vermutet hatte: im Lesesaal, konzentriert über ein Buch gebeugt, so tief in seine Lektüre versunken, daß er das Eintreten seines Vaters gar nicht bemerkte.

Normalerweise hätte Orodreth jetzt innegehalten und den Anblick seines Kindes genossen, denn selbst nach all den Jahren erschien ihm Finellach noch immer als ein Wunder, das ihm geschenkt worden war. Doch heute galt seine Aufmerksamkeit dem flachen Korb, der neben etlichen Büchern auf dem Tisch stand und in dem sich ein Bündel aus Stoffen und Decken kaum sichtbar bewegte. Finellach hielt mit einer Hand sein Buch flach auf dem Tisch aufgeschlagen, die andere hatte er gedankenverloren zwischen den Decken vergraben.

Orodreth trat näher und jetzt erst sah Finellach auf. Er erhob sich eilig, als er seinen Besucher erkannte.

"Vater! Endlich!" Sie umarmten sich kurz, dann löste Orodreth sich von seinem Sohn und warf einen begehrlichen Blick auf das Bündel in dem Korb. "Möchtest du mir die junge Lady vorstellen, die dich sogar in dein Allerheiligstes begleiten darf?"

Finellach lachte auf, doch es war ein unsicheres Lachen. "Oh, natürlich!" Er nahm das Baby aus dem Korb. So vertraut fühlte sie sich in seinen Armen an, so passend. Er schob den Stoff zur Seite, um das rosige Gesicht freizulegen. "Schau mal, Las, Vater ist da!"

Er reichte seinem Vater das Baby und betrachtete ihn, während dieser verzückt den kleinen Körper hielt. Orodreths Züge wurden weich und verträumt. Das Baby sah verschlafen aus seinen Decken, die tiefdunkelblaue Augen verschwanden fast unter den halbgeschlossenen Lidern.

"Wie nennst du sie? Las?"

Finellach faßte vorsichtig eine der winzigen Hände seiner Schwester. "Ja. Weil sie so leicht war wie ein trockenes Blatt, als sie sie mir gaben. So entsetzlich leicht", sagte er leise, erschüttert von der Erinnerung. "Man spürte ihr Gewicht kaum." Mit einem Anflug von Trotz sah er seinem Vater ins Gesicht. "Und irgendwie mußte ich sie ja nennen." Er fühlte sich etwas unwohl, denn eigentlich war es Recht und Pflicht der Eltern, den Alltagsnamen eines Kindes zu bestimmen.

Orodreth rückte seine kleine Tochter zurecht, so daß er sie in einem Arm halten konnte, um seinem Sohn sanft über die Wange zu streichen. "Natürlich mußtest du das, mein Junge." Er sah in die dunkelblauen Augen seiner Tochter und blies leicht über das flaumige weißblonde Haar. "Eigentlich wollte ich etwas mit ‚Ethir' wählen, Finethir vielleicht, doch jetzt, da dein Bruder dir schon einen Namen gegeben hat, will ich ihn dir nicht wieder wegnehmen." Er überlegte eine Weile, still, tief konzentriert, dann sah er auf. "Wir werden sie Finduilas nennen, zur Erinnerung an das Haus, dem sie geboren wurde, an den Namen ihrer Mutter, den sie ursprünglich erhalten sollte, und an den, den sie von ihrem Bruder bekommen hat."(4)

Auch nach Orodreths Rückkehr kümmerte Finellach sich weiterhin um seine Schwester. Er tat dies mit großer Begeisterung, und auf diese Weise wurde ein enges Band zwischen den Geschwistern geknüpft. Die Schwäche, die Finduilas' Geburt Helegethir zugefügt hatte, war ein großer Schock für den jungen Elben gewesen, um so enger klammerte er sich nun an jene, um derentwillen seine Mutter so gelitten hatte.

Helegethir und Orodreth waren erleichtert, ihre Tochter derart liebevoll umsorgt zu sehen, und es erschien weder ihnen noch sonst jemandem ungewöhnlich, daß Finellach sich seiner Schwester mit einem solchen Maß an brüderlicher Liebe annahm.

In ihrem Äußeren trat die Verwandtschaft zwischen Finduilas und Finellach wenig zutage, denn sie ähnelte ihrem Vater, war blond und hatte strahlende blaue Augen, während ihr Bruder ein Abbild der Sippe seiner Mutter blieb, dunkelhaarig und grauäugig. Später machte sich das Noldor-Erbe seines Vaters etwas bemerkbar, und als erwachsen war, besaß er deren kräftigeren Körperbau und die schärfer gezeichneten Gesichtszüge. Finduilas hingegen blieb Zeit ihres Lebens schlank und anmutig.

Charakterlich hingegen waren sie einander sehr ähnlich, sie liebten Musik, studierten die Schriften ihres Volkes wie ihr Vater und waren von gleichmütigem Temperament, nicht so stolz und hochfahrend wie die Abkömmlinge Feanors und Fingolfins. Insbesondere erbten sie von Seiten ihres Vaters seine zurückhaltende Art und das tiefe Pflichtbewußtsein, welches im ganzen Hause Finarfins weit verbreitet war. Helegethir vermachte ihren Kindern ihre besondere Ausdrucksfähigkeit in Haltung und Gestik, sowie die eigentümliche Sprachmelodie der Sindar, die beide niemals wieder ablegten.

Stets hatten sie eine enge Beziehung zueinander, und sie trennten sich nur selten für längere Zeit, außer wenn Finellach mit den Wachen seines Vaters in den Wäldern um den Paß des Sirion unterwegs war, um die Kriegsführung der Eldar zu erlernen.

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Fünf Jahre nach Finduilas' Geburt besuchten Celegorm und Curufin ihren Freund Orodreth auf Tol Sirion. Seit seiner Heirat hatten sie ihn nicht mehr getroffen und freudig war das Willkommen, daß der Sohn Angrods seinen beiden engsten Freunden entbot. Voller Stolz stellte er ihnen seine Kinder vor. Finduilas war damals nicht mehr als ein entzückendes Kleinkind, doch bei ihrem Bruder begann nun das letzte Stadium der körperlichen Reife und es wurde deutlich, daß er äußerlich seiner Mutter stark nachschlug.

Celegorm betrachtete den jungen Elben mit einer Spur von Mitgefühl. Egal wie er sich weiterhin entwickeln würde, Finellach war schön wie alle Elben, doch unter seinesgleichen würde er nie mehr als passabel genannt werden, und für einen Abkömmling aus dem Hause Finwes, dazumal aus der Linie Finarfins, war dies bereits ein vernichtendes Urteil. Allerdings schien er sich nicht viel daraus zu machen, und er bestach mehr durch seine klugen Fragen, die er an die Söhne Fëanors richtete, und sein ruhiges Temperament.

Einmal, als er mit ihm und Orodreth zusammenstand und sie die Situation in den verschiedenen Grenzbereichen der Elbenreiche besprachen, begann Finellach plötzlich breit zu lächeln, sodaß alle ihn fragend anschauten. Er wandte sich um und nun sahen sie, daß Finduilas hinter ihm stand, den Ausdruck kindlicher Entschlossenheit in ihrem niedlichen Gesicht und die Arme verlangend emporgereckt. Ihr Bruder gehorchte der stummen Aufforderung und nahm sie schwungvoll auf den Arm, wo sie sofort ihre Arme um seinen Hals legte, den Kopf an seine Schulter stützte und zufrieden zu dösen begann, während Finellach sich wieder dem Gesprächsthema zuwandte.

Es war überdeutlich, wie eng die Geschwister einander verbunden waren. Finduilas schien ihren Bruder sogar noch ihren Eltern vorzuziehen und er machte aus seiner brüderlichen Hingerissenheit überhaupt keinen Hehl.

"Er hängt wirklich sehr an ihr, nicht wahr?", bemerkte Curufin eines Tages an Orodreth und Helegethir gewandt, während sie in Celegorms Begleitung beobachteten, wie Finellach die ersten Reitversuche seiner Schwester auf einem breitrückigen Pony überwachte.

"Oh ja", antwortete Orodreth lächelnd. "seit dem Tage ihrer Geburt." Er grinste vergnügt und aufrichtig amüsiert. "Es gibt einem als Vater schon zu denken, wenn die eigene Tochter sich bei einem heftigen Gewitter nicht bei ihren Eltern, sondern ihrem Bruder verkriecht. Man kommt sich direkt überflüssig vor!"

Die Elben lachten. "Ich bin schon sehr gespannt, was er machen wird, wenn sie erst einmal in das heiratsfähige Alter kommt", fügte Helegethir hinzu. "Seine kleine Schwester mit einem anderen teilen zu müssen – das wird ihm schwerfallen."

"Sollte er sich in seinem Alter nicht allmählich selbst eher für etwas ältere Frauen interessieren?", meinte Curufin, dessen einziger Sohn Celebrimbor einen bedauerlichen Mangel an derartigem Interesse zeigte und sich statt dessen lieber in den Schmiedewerkstätten aufhielt, um sich von seinem Vater in der Kunst des Schmiedehandwerks unterrichten zu lassen.

"Ja, vor allem für Frauen, die nicht gerade seine Schwester sind, so meinst du es doch?" Orodreth lachte erneut, ein fröhliches, unbeschwertes Lachen, halb aus dem Vergnügen heraus, seine Freunde bei sich zu haben und wieder ihren gutmütigen Spott zu spüren, halb aus der Freude beim Anblick seiner beiden Kinder. Dann zuckte er die Achseln. "Es wird sich finden. Früher oder später. Irgendwann wird ihm schon auffallen, daß Liebe zu einer Frau mehr sein kann als die brüderliche Fürsorge für seine kleine Schwester, aber darum mache ich mir keine Sorgen."

Je länger er auf Tol Sirion blieb, desto unbehaglicher fühlte Celegorm sich dort. Und dies erschien ihm ungewöhnlich, denn bei seinen früheren Besuchen hatte er sich in der Gesellschaft Orodreths stets sehr wohl gefühlt. Er konnte dieses Gefühl anfangs nicht recht erfassen und noch weniger ergründen, woher es stammte, doch es war ihm nur zu bewußt, daß er reizbar und spitzzüngig wurde. Er sprach weder mit Curufin noch mit Orodreth darüber, denn er wollte sie nicht in Sorge bringen - und wie hätten sie ihm helfen können, solange er selbst nicht wußte, was ihn bedrückte?

Als er eines Abends beobachtete, wie Helegethir zu ihrem Gatten ging, ihm liebevoll einen Arm um die Schultern legte und sie gemeinsam zu Finellach hinübersahen, der es sich mit seiner Schwester auf dem Schoß bequem gemacht hatte und ihr aus einem Buch vorlas, wurde Celegorm sich plötzlich der Natur seines Gefühles bewußt. Und er schämte sich beinahe dafür, so starken Neid auf seinen besten Freund zu empfinden, weil dieser eine glückliche Familie besaß, eine liebevolle, kluge und schöne Frau und zwei Kinder, die allen Grund zum Stolz boten. Doch so oft der Sohn Fëanors sich auch die Unsinnigkeit und Unangemessenheit dieses Gefühls vorhielt, es wollte doch nicht weichen, sodaß er es schließlich unterdrückte und versuchte zu vergessen. Doch unterschwellig blieb es erhalten und mit den Jahren vergiftete es die Freundschaft, die Celegorm mit Orodreth verband.

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Wenige Jahre später kam König Finrod nach Tol Sirion, um seinen Verwandten und den anderen dort lebenden Elben von seiner Begegnung mit den Menschen zu berichten. Er erzählte ihnen von deren Mut und Treue und von Beor, ihrem Anführer, der zuvor Balan geheißen hatte, bis er sich selbst in Finrods Dienst stellte(5) und der nun in Nargothrond auf die Rückkehr des Elbenkönigs wartete.

Finellach und Finduilas hörten mit Begeisterung von den Edain, den zweiten Kindern Eru Ilúvatars. Finrods Zuneigung zu den Edain wurde in seinen Worten deutlich spürbar und sie übertrug sich auf die Kinder Orodreths. Daher rangen sie ihren Eltern und ihrem Großonkel das Versprechen ab, selbst die Menschen kennenlernen zu dürfen.

Zwei Jahre später sandte der Hohe König Fingolfin Boten an die Edain, um sie in Beleriand willkommen zu heißen. Finrod brachte die Elben zum Lager der Menschen in Estolad, südlich von Nan Elmoth, und Finellach durfte ihn auf dieser Reise begleiten.

Alle Beschreibungen Finrods, so detailliert und wortgewandt sie auch gewesen waren, hatten Finellach nicht auf die erste Begegnung mit den Menschen vorbereitet. Sie kamen ihnen einige Wegstunden von Estolad entfernt entgegen, drei Männer auf kräftigen Pferden, gekleidet in einfache braune Kleidung, mit Bogen und Schwert bewaffnet. Jeder ihrer Ausrüstungsgegenstände, von den Zügeln der Pferde bis zu ihren Mänteln war schlicht und kaum verziert, mehr auf Haltbarkeit und Bequemlichkeit ausgelegt. Dunkelhaarig waren sie, hochgewachsen und kräftig, mit schönen Gesichtern und wachen, dunklen Augen. Ihre Stimmen waren nicht so wohlklingend wie jene der Eldar, doch sie hatten ihren eigenen Reiz und er freute sich darauf, ihren Gesang zu hören.

Nachdem sie den König von Nargothrond freudig begrüßt hatten, hießen sie die Boten Fingolfins ehrenvoll und mit beträchtlichem Respekt willkommen..

Er hörte aufmerksam zu, wie sich Finrod mit den Menschen unterhielt. Zwar hatte ihm sein Verwandter ein wenig von ihrer Sprache beigebracht, doch benutzten sie Sindarin, um sich auch mit den Elben aus Hithlum verständigen zu können. Er bewunderte sowohl Finrods diplomatisches Geschick als auch den zuvorkommenden Stolz der Edain und es brauchte nicht viel, um ihn endgültig davon zu überzeugen daß dies tatsächlich die Zweitgeborenen Erus waren, die den Eldar angekündigt worden waren, anders als sie, aber dennoch verwandt mit ihnen.

Ihr Lager aus Hütten, Holzhäusern und einigen Zelten war schlicht, aber funktionell. Kinder liefen auf sie zu, und er ließ sich bereitwillig von ihnen bestaunen. Nur wenige von ihnen beherrschten schon die Sprache der Elben, doch sie waren den Kindern der Eldar in ihrem Verhalten so ähnlich, daß es ihm leicht fiel, ihre Wünsche zu erraten. Also hob er einige von ihnen auf den Rücken seines Pferdes, während er Finrod und den Boten ins Zentrum des Lagers folgte und seine Vermutung wurde durch ihr fröhliches Gelächter belohnt.

Er wurde Baran, Beors Sohn, vorgestellt und begrüßte ihn, wie es dem König eines Volkes zukam. Der Gedanke, daß dieser Mensch jünger war als er selbst, erschien ihm zunächst merkwürdig, doch die Würde und Weisheit des Mannes überwog seine scheinbare Jugend bei weitem.

Fingolfins Boten kehrten schon bald zu ihrem Herrn zurück, doch Finrod und seine Gefährten blieben für einige Monate in Estolad und in dieser Zeit lernte Finellach die Edain schätzen. Sie wurden ihm teuer und diese Liebe zu den Zweitgeborenen sollte später bestimmend für sein Leben werden.

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Nachdem Finduilas ihre Kindheit hinter sich gelassen hatte, reiste Orodreth zum ersten mal mit seiner Familie nach Doriath. Sie waren entfernt mit König Thingol verwandt(6) und dieser hatte schon mehrfach den Wunsch geäußert, seine entfernte Nichte und Neffen kennenzulernen.

Bereits am Rand von Doriath wurden die Elben aus Nargothrond von den Grenzwachen Thingols in Empfang genommen, denn alleine hätten sie den Gürtel Melians nicht durchdringen können. Und obwohl zu dieser Zeit noch Luthien in Doriath lebte, betrachteten die Grauelben Finduilas voller Bewunderung, denn sie war trotz ihrer Jugend eine strahlende, goldene Schönheit im schattigen Zwielicht unter Doriaths dichten Bäumen.

Aber auch die beiden jungen Elben staunten unverhohlen, als sie die Pracht Menegroths erblickten, dessen Schönheit selbst jene Nargothronds noch um einiges übertraf.

Melian betrachtete beide Kinder Orodreths prüfend. Beiden haftete eine verwandte Fröhlichkeit an und das Licht in ihren Augen war noch ungetrübt. Finduilas hatte gerade erst den Beginn ihrer Reife erreicht, doch es war offenbar, daß sie eine sehr schöne Frau werden würde, und sie sah ihrem Bruder nicht ähnlich.

An Finellach verwies rein äußerlich nichts auf seine Herkunft aus dem Hause Finarfins. Doch charakterlich ruhig, zurückhaltend und unauffällig, war er ein wahrer Sohn seines Vaters. Aber Melian, immer noch eng verbunden mit der Welt der Ainur, erkannte, daß vor ihm ein Weg voller Schmerz und Gefahr lag und daß Finellach, der jetzt noch neben seiner lieblichen Schwester ein wenig verblaßte, die größere Rolle für die Geschicke der Elben in Mittelerde spielen sollte.

‚Er wird große Kämpfe zu fechten haben und er wird sie bestehen, doch die Kraft dazu wird allein aus Haß geboren sein', dachte sie bekümmert. Sie wünschte diesem ruhigen, freundlichen Elben keinen Schmerz. Doch dieser würde kommen, unausweichlich, und um dieses Schmerzes willen würde Finellach eines Tages einen großen Sieg erringen, eine Befreiung für das Volk der Elben.

Melian rann eine Träne über das Gesicht bei dem Gedanken, welchen Preis er für diesen Sieg würde bezahlen müssen.

Finduilas war noch scheu und schüchtern und sie hielt sich stets in der Nähe ihres älteren Bruders, der ihr gegenüber eine eindeutig beschützende Haltung einnahm. Obwohl sie beide Thingol und Melian mit einwandfreier Höflichkeit und beträchtlichem Charme begrüßt hatten, entfernte das junge Mädchen sich doch allenfalls von ihrem Bruder, um sich einem anderen Verwandten, meist ihrer Mutter, beizugesellen und sie sah sich nur mit raschen Blicken um, stets bereit, die Augen niederzuschlagen. Finellach strahlte eine größere Ruhe und mehr Selbstbewußtsein aus.

Thingol seinerseits betrachtete beide als Abkömmlinge seines Bruders Olwe zwar mit Wohlwollen, war jedoch auf der Hut, da er nur allzu gut wußte, wie die Schönheit seiner eigenen Tochter Luthien auf die Noldor-Prinzen wirkte. Alle drei verstanden sich gut, vor allem, weil sie gerne sangen und schöne Stimmen besaßen. Die Abende, an denen Finduilas und Luthien gemeinsam Lieder über Elbereth sangen, während Finellach sie mit seiner dunklen, warmen Stimme begleitete, waren selbst für die Elben etwas Besonderes. Doch zur großen Erleichterung des Königs schien nicht mehr aus der Begegnung zwischen dem Sohn des Herrn von Minas Tirith und der Tochter Thingols zu erwachsen und für alle Zeiten hätte Finellach zwar Luthien ohne zu zögern als die Schönste aller Elben bezeichnet, doch sein Herz wandte sich ihr nicht zu.

Und während Finduilas bald ihre Tage in Luthiens Gesellschaft verbrachte und sie gemeinsam durch die Wälder Doriaths streiften, goldene und dunkle Schönheiten im sanften Licht von Elbereths Sternen, verbrachte Finellach viel Zeit in Gesellschaft seiner Eltern und der Herrin und des Herrn von Doriath, er lernte viel von und über Melian und bekam ein Gespür für den Widerhall ihrer Macht in seinem fea.

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Als sie nach drei Jahren aus Doriath zurückkehrten, hinterließ Finduilas dort viele trauernde Blicke auf den schönen Gesichtern ungebundener Männer, und mehr als einer von ihnen wünschte sich, ebenfalls auf Tol Sirion Dienst tun und so der hübschen Tochter des Herrn der Insel nahe sein zu können. Aber ihr eigenes Herz war noch frei. Sie war freundlich zu jedermann und wünschte keinem Böses, und so war es ihr eher unangenehm, Ursache solchen Kummers zu sein, den sie selbst noch nicht verstehen konnte.

Auf Tol Sirion lebte aber auch Gwindor, der Sohn von Guilin, einer der begabtesten Hauptleute von Orodreths Truppen. Er sah zu, wie Finduilas aufwuchs und zur Frau reifte und in gleichem Maße reifte auch seine Liebe zu ihr.

Als nun Finduilas aus Doriath zurückkehrte und ihr Bruder am Abend ihrer Ankunft im Kreis der Elben ihr scherzend vorwarf, wie viele dort ihrer Schönheit erlegen gewesen wären, da kam Furcht in Gwindor auf, die Furcht, sie an einen anderen zu verlieren.

Daher begann er, vorsichtig um sie zu werben, zurückhaltend und unauffällig, so sanft, daß sie selbst kaum bemerkte, was vor sich ging. Und erst, als er sich nach einigen Jahren sicher war, daß sie ihm ebenfalls nicht gleichgültig gegenüberstand, bat er sie eines Abends zu einem Gespräch. Sie verließen Minas Tirith und gingen zum nördlichen Ende der Insel, wo der große Fluß rauschend und machtvoll singend sich teilte.

Und hier, begleitet von der Melodie des Wassers und unter den leuchtenden Sternen, erklärte Gwindor Finduilas seine Liebe und sie erkannte ihr eigenes Herz und mit all ihrem Mut küßte sie ihn sanft auf die Stirn.

Fußnoten:

(1) Namen: Sorry, ich hab im ersten Kapitel vergessen, ‚meine' Namen zu übersetzen:

Laerion: ‚laer' = Sommer, ‚ion' = Sohn - ‚Sohn des Sommers'

Aewarn: ‚aew' = Vogel, ‚arn' = königlich - ‚königlicher Vogel' (ich weiß, gewöhnlich steht das Adjektiv vor dem zugehörigen Substantiv, doch es wird ja gesagt, daß die Elben von ihrer eigenen Grammatik abwichen, um einem Namen einen schöneren Klang zu verleihen)

Helegethir: ‚heleg' = Eis, ‚ethir' = Flußmündung - ‚Eis auf einer Flußmündung' oder ‚vereiste Flußmündung'

(2) Artanáro: Quenya "edle Flamme" (aus der HoME 12, ‚The Peoples of Middle Earth')

(3) Ellach: Sindarin "leuchtender Stern". Es fällt natürlich auf, daß dies gleichbedeutend mit seinem späteren epesse Gil Galad ist. Beide Namen wurden von Tolkien in Gil Galads Brief an Tar-Meneldur aus der Geschichte von Aldarion und Erendis in den "Nachrichten aus Mittelerde" gemeinsam verwandt: lt. Christopher Tolkiens Aussage (in der HoME, Band 12 ‚The Peoples of Middle Earth') begann dieser ursprünglich mit "Finellach Gil Galad of the House of Finarfin". Ich habe "Ereinion" nie so recht gemocht... ;)

(4) Finduilas: Jim Allan übersetzt den Namen in seinem Buch ‚An introduction to Elvish' mit "Slender-flowing-leafage", bzw. "Locks-of-flowing-leafage", beide Übersetzungen sind jedoch als ungesichert gekennzeichnet. Ich habe Helmut Pesch, einen deutschen Experten für Tolkiens Sprachen, nach seinem Vortrag auf der RingCon dazu befragt, er kam zu einem ähnlichen Ergebnis, war jedoch wie ich der Ansicht, daß der Name von seiner Bedeutung her nicht gut zu seiner Trägerin passen würde. Die hier vorgestellte Übersetzung mit "Fin" als häufig genutzter Vorsilbe innerhalb der Familie von Finwe, "dui" von Sindarin "duin" = Fluß (und somit ähnlich zu "ethir") und "las" = "Blatt" stammt von mir, aber Herr Pesch hat sie als möglich anerkannt. An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei ihm für seine Hilfe bedanken.

Der Grund, weshalb Finduilas ihren Namen erhielt, ist ebenfalls von mir.

Sollte jemand eine Übersetzung von Tolkien bekannt sein, bin ich für einen Hinweis sehr dankbar!

(5) Balans späterer Name Beor: lt. dem Silmarillion hatte Beor ursprünglich Balan geheißen und wurde erst in Beor, "Vasall", umbenannt, nachdem er sich selbst in den Dienst Finrod Felagunds gestellt hatte.

(6) Verwandtschaft zwischen Gil Galad und Thingol: Thingol Graumantel alias Elwe Singollo war der Bruder von Olwe von Alqualonde. Dessen Tochter Earwen heiratete später Finarfin und war die Mutter von Angrod, somit die Urgroßmutter Gil Galads.