Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel III – Epesse
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Danksagung: Wie üblich an meine Korrekturleserin Nemis, die mich ohne Ende ermutigt und dafür sorgt, daß ich mich nicht vollkommen vor meinem Englischlehrer blamiere!
Widmung? Ja, diesmal den Damen und Nicht-Damen von Mark Fergusons yahoo-group, speziell den kürzlich Zurückgekehrten ;)
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A/N
Finch: Deutsch ist meine Muttersprache, ich denke, das merkt man deutlich beim Vergleich beider Versionen. :)
Nemis: Dein Deutsch ist besser als mein Holländisch (stell dir vor, das hätte ich jetzt auf Holländisch gesagt...) *ggg*
LadyElwing: Ich hoffe, ich darf dich und deine Worte ernst nehmen, auch wenn Du es diesmal nicht ausdrücklich gesagt hast... ;)
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III Epesse
Finellach zog die Beine noch ein wenig enger an den Körper, bis er sich bequem in der Fensternische zurechtgesetzt hatte. Dann lehnte er sein Buch gegen seine Oberschenkel. Er griff nach dem Glas, das nebst einem Leuchter mit mehreren brennenden Kerzen – denn die Nacht war bereits hereingebrochen - auf einem kleinen Tisch neben ihm stand und nahm einen großen Schluck Apfelsaft. Die Äpfel, aus denen dieser Saft hergestellt wurde, wuchsen auf Tol Sirion selbst und der Geschmack war für ihn gleichbedeutend mit einem Gefühl von Heimat.
Eingerollt in einer Fensternische zu sitzen, das Rauschen des Flusses zur Linken, einen Krug Apfelsaft zur Rechten, mochte nicht eben angemessen für den Sohn des Herrn von Minas Tirith sein. Doch gute Bücher verdienten gute Lesebedingungen, und dies hier, eine Sammlung alter Erzählungen der Sindar, die sein Großvater mütterlicherseits Laerion ihnen geschickt hatte, war allemal eins davon.
Als die Tür sich öffnete, machte er einen verspäteten und eher halbherzigen Versuch, sich in eine wenigstens etwas passendere Körperhaltung zu bringen. Zum Glück war es weder sein Vater noch seine Mutter, sondern lediglich Finduilas die hereinkam, nein, eher hereinstürmte, das strahlendste aller Lächeln auf ihrem hübschen Gesicht. Einen Herzschlag lang schenkte er ihr einen fragenden Blick, dann hatte sie ihn schon erreicht und warf sich ohne zu zögern an seinen Körper. Binnen einer Sekunde waren ihre Arme um seinen Hals geschlungen und ihr Gesicht an seine Schulter gepreßt.
Das Buch konnte er noch so eben halten, doch das Glas fiel vom Rand des Tisches und zersprang auf den Holzdielen. Nicht, daß Finduilas diesem Umstand auch nur die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hätte.
"Er liebt mich, 'Ellach! Er liebt mich und oh, ich liebe ihn auch und es ist so wundervoll, ich bin so glücklich...." Während sie dies hervorstieß, die Stimme leicht gedämpft weil sie in den Stoff seines Hemds sprach, schlossen ihre Arme sich noch ein wenig enger um seinen Nacken, und jetzt begann sie, halb in seine Schulter zu schluchzen und halb zu lachen.
Finellach war diese leidenschaftlichen Ausbrüche seiner normalerweise sehr ruhigen Schwester gewohnt, die selten vorkamen und stets nur dann, wenn sie unter sich waren. Darum ließ er sich bereitwillig an ihren Körper ziehen und umarmte sie ebenfalls, um sie sacht und beruhigend auf den Rücken zu tätscheln.
"Wer? Wer liebt dich?", fragte er.
"Gwindor!"
Er strich sanft über die Schulterblätter seiner kleinen Schwester, während er darüber nachdachte, ob er jemals Zeichen besonderer Zuneigung an Gwindor bemerkt hatte. Sie waren befreundet, und der Hauptmann der Grenzwachen war Finduilas immer sehr zugetan gewesen, doch Liebe?
Bei Finduilas selbst war es natürlich etwas anderes. Schon vor Monaten waren ihm die Veränderungen an ihr aufgefallen, und es hatte nicht lange gedauert, bis ihm klar geworden war, was sie bewegte. Sie hatte sich ihm bisher nicht anvertraut, also hatte auch er geschwiegen. Dennoch war es seltsam, es nun aus ihrem eigenen Munde zu hören.
‚Bist du es, Gwindor?', fragte er sich im stillen. ‚Bist du derjenige, der sie mir nehmen wird?'
Er verdrängte den Gedanken, sobald er sich seiner gewahr wurde. Niemand konnte ihm Finduilas ‚nehmen', sie war und blieb seine Schwester und er würde immer ihr großer Bruder sein. Trotzdem bereitete ihm der Gedanke an ihre Heirat Unbehagen.
Schließlich rang er sich ein Lächeln ab.
"Und seit wann weißt du um deine eigenen Gefühle?"
‚Glaube mir, kleine Schwester, ich weiß es genau. Vermutlich besser als du selbst, Liebes.' Der Gedanke verwandelte das erzwungene Lächeln in ein echtes. Niemand kannte sie besser als er! Nicht Gwindor und nicht einmal ihre Eltern, und es würde auch noch lange so bleiben.
Sie errötete, was er jedoch erst bemerkte, als er sie sanft von sich drückte, um ihr in die Augen sehen zu können. "Ich...ich war mir meiner Gefühle anfangs nicht sicher. Und dann wußte ich doch nicht, ob er mich wirklich mochte oder nur freundlich sein wollte."
"Verständlich. Wer könnte nicht freundlich zu dir sein?"
"Oh, du!" Sie lachte und zog spielerisch an einer dunklen Haarsträhne.
Finellach gab ihr einen Klaps auf die so ruchlos zerrende Hand. "Mißhandele deinen großen Bruder gefälligst nicht. Sage mir lieber warum du dir seiner jetzt so sicher bist?"
"Weil er es mir gesagt hat, dümmster aller großen Brüder! Darum hat er mich vorhin nach dem Abendessen angesprochen. Wir waren unten am Fluß und...ach, er hat es halt gesagt!"
Falls möglich, errötete Finduilas noch ein wenig tiefer und Finellach konnte sich ziemlich genau ausmalen, was unausgesprochen blieb. Er faßte die Hände der jungen Elbenfrau und hielt sie fest.
"Das ist eine sehr gute Nachricht, kleine Schwester!"
Große blaue Augen sahen ihn ein wenig unsicher an. "Dann...bist du einverstanden?"
Er lachte. "Solltest du diese Frage nicht unseren Eltern stellen? Ich brauche solche Entscheidungen nicht zu treffen, ich bin nur dein Bruder." Dann wurde er ernst und sah ihr in die Augen. "Gwindor ist ein guter Mann. Ich glaube, ihr könnt sehr, sehr glücklich miteinander werden. Und das ist mein voller Ernst."
Er wurde mit einem festen Kuß auf die Wange belohnt, ehe Finduilas aus dem Raum tänzelte, um ihr Glück mit ihren Freundinnen zu teilen.
Finellach sah ihr nach, während sie den Raum verließ und dabei die Tür heftiger schloß, als es dem Holz guttun konnte. Dann blickte er gedankenverloren aus dem Fenster, hinunter zum schäumenden Fluß tief unten, die Stirn gerunzelt.
Er wußte, er sollte um ihretwillen glücklich sein. Ein Teil von ihm war es auch, freute sich an ihrem strahlenden Lächeln und ihrem beschwingten Gang.
Doch ein anderer Teil – und dieser schien wesentlich stärker zu sein – wollte es nicht. Er wollte schlichtweg nicht, daß ein anderer nun all ihre Geheimnisse und ihr unbedingtes Vertrauen bekam. Er wollte sie weiterhin beschützend in den Arm nehmen und dies nicht einen anderen tun sehen. Er liebte sie, seine kleine Schwester, so sehr wie ein Bruder seine Schwester nur lieben konnte. Sie war so lange so fast ausschließlich sein gewesen, wie sollte er es ertragen, sie nun teilen zu müssen?
‚Gwindor, du weißt überhaupt nicht, was du mir nehmen willst', dachte er beinahe zornig.
Natürlich würde er nichts dergleichen laut aussprechen, weder ihr, noch Gwindor, noch seinen Eltern gegenüber, sollten diese ihn um seine Meinung befragen. Denn im Grunde wußte er, daß es nicht richtig war, so zu denken, daß er zu viele und zu ausschließliche Ansprüche an sie stellte. Daß sie ein Recht darauf hatte, Erfüllung in ihrer Liebe zu finden.
Der rationale Teil seines Denkens wußte das. Derjenige Teil jedoch, der sich seit ihrer Geburt so beinahe vehement auf sie gestürzt, sie behütet, geschützt und geliebt hatte, wehrte sich dagegen, auch nur ein klein wenig von dem aufgeben zu müssen, was er an ihr besaß.
Irgendwann löste er sich endlich aus diesen trüben Gedanken. Finduilas war seine Schwester und er schuldete ihr die aufrichtige Liebe eines Bruders. Also würde er Gwindor akzeptieren und ihn um ihretwillen als einen Bruder betrachten.
Ungeachtet dessen, ob es ihm selbst nun gefiel oder nicht.
Gwindor war eigentlich nicht der Mann, dem er es zugetraut hätte, Finduilas' Herz zu gewinnen, sprunghaft und beinahe unausgeglichen wie er war, ernst im einen Moment, fröhlich und ausgelassen im nächsten. Doch bei genauerem Nachdenken hatte der Hauptmann der Grenzwachen sich wirklich um sie bemüht – auch wenn ihm dies erst jetzt auffiel. Cleverer Bursche, das mußte er ihm zugestehen, er hatte es niemanden merken lassen, nicht einmal Finduilas selbst.
Er sah auf das zersplitterte Glas und den feuchten Fleck auf dem Boden. Dann legte er achtsam das Buch zur Seite und erhob sich seufzend, um das Malheur wieder in Ordnung zu bringen.
Es war ihm wohl bewußt, daß jedermann von ihm erwartete, mit Gwindor zu sprechen, sei es nun um ihn willkommen zu heißen oder ins Gewissen zu reden.
Doch als er dem Elben am nächsten Morgen beim Frühstück begegnete, begnügte er sich lieber damit, ihm lediglich ein wissendes Nicken zu schenken. Er kannte Gwindor seit seiner Kindheit, der Grenzwächter war mehrere Jahre älter als er selbst, und sie waren wenn schon nicht eng, so doch gut befreundet.
Mehrere Tage später sprach Gwindor ihn selbst an, während sie eines Abends in der Großen Halle den Gesängen und Geschichten lauschten.
"Du hast doch nichts dagegen, oder?", fragte er Finellach unvermittelt, während ringsherum lauthals die letzte Sängerin gepriesen wurde.
Der Jüngere lachte amüsiert, und wenn es ein nicht ganz aufrichtiges Lachen war, so fiel dies niemandem auf.
"Warum bloß ist jedermann hier der Meinung, ich hätte darüber zu bestimmen? Es ist ihre Entscheidung, nicht die meine. Doch wenn es dich beruhigt, will ich dir gerne meine Erlaubnis geben." Mit diesen Worten klopfte er Gwindor auf die Schulter.
"Oha, offenbar ist der glückliche Bewerber von der Familie akzeptiert worden", ertönte eine klangvolle Stimme links neben ihnen. "Damit dürfte auch die letzte Hoffnung für uns andere dahingeschwunden sein. Wehgeschrei wird auf Tol Sirion und wahrscheinlich durch ganz Beleriand bis zu den Ered Luin und darüber hinaus ertönen!"
Finellach wandte sich dem Sprecher zu. "Inglorion, dein epesse gibt dir noch nicht das Recht, derart leichtfertig über meine Familie und meinen zukünftigen Schwager zu sprechen." Der Tadel wäre vermutlich beeindruckender gewesen, hätte der Sohn Orodreths währenddessen sein Grinsen besser unterdrücken können.
Seitdem Gildor seinen Beinamen aufgrund der wirklich verblüffenden Ähnlichkeit mit König Finrod Felagund(1) erhalten hatte – um so verblüffender, als er in keiner Weise mit dem Haus Finarfins verwandt war - betrachtete er sich als inoffiziellen Verwandten Finellachs und Finduilas' und benahm sich dementsprechend. Bei einem anderen wäre dies vielleicht aufdringlich oder impertinent erschienen, doch Gildor wußte sehr wohl, wo er die Grenzen zu ziehen hatte, und er würzte seine Kommentare stets mit genügend Humor, um seine Zuhörer mehr zu erheitern denn zu schockieren.
"Wie, soll ich etwa stillschweigend zusehen, wie dieser Jungspund da den schönsten Juwel im Reiche Nargothronds, ach was sage ich, ganz Beleriands für sich ergattert?"
"Du vergißt Lúthien", erwiderte Gwindor sanft.
"Rede dich nicht heraus, Gwindor. Der Versuch mißlingt dir!" Gildor trat zu ihm und legte ihm einen Arm um die Schulter. "Da Finellach ja nicht weiß, was er seiner Familie schuldig ist, werde ich es tun müssen. Also: sei ja nett zu Finduilas, lese ihr jeden Wunsch von den Augen ab, verwöhne sie von Kopf bis Fuß, wie sie es verdient. Sollte sie nicht von nun an bis zum Ende Ardas eine sehr, sehr glückliche Elbenfrau sein, würde ich mich gezwungen sehen...." Er suchte kurz nach Worten und verstummte dann hilflos.
"Ja?", fragte Finellach unschuldig.
"...Irgendeine schreckliche Maßnahme zu ergreifen, die so fürchterlich ist, daß ich sie hier nicht aussprechen mag. Was sonst?" Niemals um eine Antwort verlegen, lachte Gildor und klopfte Gwindor kräftig auf die Schulter, ehe er sich seinen eigenen Tagespflichten zuwandte.
Die beiden anderen sahen ihm kopfschüttelnd hinterher.
"Ich bin über alle Maßen froh darüber, daß Finduilas deine Schwester ist und nicht die seine."
"Und ich bin über alle Maßen froh darüber, daß sie dich liebt und nicht ihn."
Ohne großen Aufwand wurde Gwindor in die Familie Orodreths aufgenommen. Weder er noch Finduilas wünschten sich bereits zu verloben, doch sie verbrachten viel Zeit miteinander, zuweilen allein, meistens jedoch in Gesellschaft Finellachs. Finduilas blühte unter Gwindors Liebe auf und soweit das möglich war, wurde sie noch schöner. In manch stiller Stunde begann sie sich bereits auszumalen, wie es sein würde, eines Tages mit Gwindor als ihrem Gatten zusammenzuleben, dann träumte sie von goldhaarigen Elbenkindern, die lachend die große Treppe des Turms von Minas Tirith hinauf- und hinunterrannten.
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Von den gelegentlichen Reisen zu ihren Verwandten in Nargothrond, Dorthonion oder Doriath abgesehen, lebten Finduilas und Finellach bis zur Dagor Bragollach stets auf Tol Sirion.
Finellach nahm nicht an dieser Schlacht teil, die eigentlich aus vielen Schlachten eines Monate währenden Feldzuges bestand. Orodreth ließ ihn auf Tol Sirion zurück, um Minas Tirith gegen mögliche gleichzeitige Attacken Morgoths zu sichern. Er traute es dem Vala zu, den ganzen Angriff nur als Ablenkungsmanöver zu benutzen, um so von seinen wirklichen Zielen abzulenken: dem Paß des Sirions im Westen oder dem Durchgang zwischen Dorthonion und den Ered Luin im Osten.
Orodreth selbst würde seinen König in den Krieg begleiten wie es sich geziemte, doch sein Sohn sollte auf der Insel bleiben und eine kaum weniger große Verantwortung tragen. Zwar war er noch sehr jung für ein solches Kommando, jedoch war sich Orodreth sicher, daß Finellach dieser Aufgabe gewachsen sein würde. Seit knapp zweihundert Jahren hatte er seinen Sohn hierauf vorbereitet, und dieser hatte sich als gelehriger Schüler erwiesen. Auch wenn es Orodreth mehr Vergnügen bereitet hatte, sein älteres Kind in schöneren Künsten als jenen des Krieges zu unterweisen.
So verabschiedete er sich von seiner Familie, als Finrod Felagund mit dem Heer von Nargothrond aus dem Süden kam, um zur Ebene von Ard-Galen zu ziehen und dort Angrod und Aegnor zu unterstützen. Diese hatten verzweifelte Berichte von den Feuern und den Zerstörungen auf Ard-Galen und an den nördlichen Hängen Dorthonions durch die Flammen Morgoths gesandt.
Er hielt abwechselnd Helegethir, Finduilas und Finellach im Arm und küßte jeden von ihnen liebevoll. "Verliert nicht die Hoffnung, ich werde zurückkehren. Das Heer ist groß und Finrod ein guter Taktiker", sagte er zu ihnen.
Helegethir antwortete nicht, sondern küßte ihn noch einmal. Es gab keine Worte in irgendeiner Sprache, die ihre Angst hätten mildern können. Dies war keine marodierende Ork-Bande, dies war ein organisierter Angriff, geplant von Morgoth selbst und angeführt von einem Drachen. Sie wußten alle, welcher Gefahr Orodreth entgegenging.
Finellach wünschte seinem Vater nur kurz Glück. Er wollte diesen seine Sorge und seinen Kummer nicht spüren lassen, um ihn nicht noch mehr zu belasten. Stattdessen legte er einen Arm um die weinende Finduilas, die Orodreths Linke hielt und ab und zu mit stillen Küssen bedeckte.
"Ich werde auf ihn achten", sagte Finrod aus dem Hintergrund.
Helegethir wandte sich ihm zu und küßte den König Nargothronds ebenfalls auf die Wange.
"Achte auch auf dich selbst, Finrod. Du bist ihr König, Morgoth wünscht deinen Tod mehr als den jedes anderen, Fingolfin und Thingol vielleicht ausgenommen. Sie werden alles versuchen, um dich zu bekommen!"
Finrod lächelte wehmütig. Er wollte seiner angeheirateten Nichte nicht erklären, wieso der Tod für ihn, der seine Liebe in den Gesegneten Landen zurückgelassen hatte, keinen Schrecken bereithalten konnte.
Gwindor zog ebenfalls mit seinem Herrn. Er stand im Hintergrund und schwieg, denn schon in der vergangenen Nacht hatte er Abschied von Finduilas genommen, einen schwermütigen, traurigen Abschied.
‚Warum haben wir so lange mit der Hochzeit gewartet? Jetzt ist es vielleicht zu spät, den Bund einzugehen und unsere fea aneinander zu binden', dachte er bekümmert.
Auch von Barahir verabschiedeten sie sich herzlich. Der Bruder Bregolas', des Herrn des Hauses von Beor, war mit seinen Kriegern bereits zwei Tage vor Finrod auf Tol Sirion eingetroffen. Die Edain hatten ihr Lager am östlichen Ufer des Flusses aufgeschlagen, wo die Elben sie freigiebig mit Nahrung und allem Notwendigen versorgten. Zuvor waren sie von den Wohnstätten ihres Volkes in Dorthonion südwärts durch den Paß von Anach gezogen, um sich Finrod anzuschließen, während Bregolas mit dem Hauptteil des Heeres Angrod und Aegnor Beistand leistete.
Helegethir verneigte sich anmutig.
"Herr, seitdem Euer Volk in diese Lande gekommen ist, seid ihr uns treue Freunde gewesen", sagte sie. "Und so dunkel und ungewiß das Schicksal jener Menschen ist, die dem Tode anheimfallen, so wünsche ich doch, es möge ein gutes sein und vertraue darauf, daß Eru Ilúvatar sich Eurer Gefallenen annehmen wird. Doch bitte kehrt ebenfalls mit so vielen Eurer Männer wie nur möglich heil und unversehrt zu uns und zu Euren Familien zurück."
"Ich danke Euch für Eure freundlichen Worte, Herrin.", erwiderte Barahir. "Ich werde glücklich sein, wiederzukehren und Euch Eure Verwandten zurückzubringen. Doch wenn es nötig sein sollte, werden wir Beleriand bis zum Ende verteidigen. Der Feind darf auf keinen Fall in den Süden gelangen!"
"Daran zweifele ich nicht. Geht nun, und mögen die Valar euren Weg behüten."
Sie bestiegen ihre Pferde und überquerten die Brücke zum Ostufer des Sirions, dem sie stromaufwärts nordöstlich bis zum Fenn von Serech folgen würden, um Morgoths Armee von Westen her anzugreifen.
Und erst nachdem die Reiter außer Sicht waren, wandte Helegethir sich schweigend ab und kehrte in den Turm von Minas Tirith zurück, während Finduilas und Finellach ihr folgten. In den Gemächern ihrer Familie angelangt drehte die Herrin Tol Sirions sich zu ihrem Sohn um, umarmte ihn fest und ließ endlich ihren Tränen freien Lauf, die sie so lange unterdrückt hatte.
Finellach trug nun die Verantwortung für den Paß des Sirions, und ihm standen einige erfahrene Anführer der Wachen zur Seite, die Orodreth zurückgelassen hatte. So gut es ihm mit den wenigen verbliebenen Männern möglich war, sicherte er das Flußtal ab und sandte Späher und Wächter in die umliegenden Berge, wie sein Vater fürchtend, die Orks mochten die Heere der Elben und Menschen umgehen und entlang der Ered Wethrin oder der westlichen Berghänge Dorthonions nach Süden kommen.
Schwerer noch, als seinen Vater in militärischer Hinsicht zu vertreten, fiel es Finellach, all jenen Mut zu machen, die immer wieder von neuen Schreckensmeldungen aus dem Norden verunsichert wurden. Gemeinsam mit Helegethir und Finduilas tröstete und ermunterte er die Elben Tol Sirions, und nur wenn sie unter sich waren, erlaubten auch sie sich, einander ihre Angst und Sorge einzugestehen. Und es gelang ihm tatsächlich, Hoffnung und Zuversicht in die Herzen der Elben zu pflanzen.
So schwer die Verluste der Verteidiger auf den Schlachtfeldern des Nordens auch waren, so konnte Morgoth im Westen doch nicht durchbrechen, während er im Osten in den Landen von Feanors Söhnen erfolgreich war.
Im folgenden Frühjahr kehrte das Heer Nargothronds nach Tol Sirion zurück. Entsetzlich viele Krieger waren den Kämpfen zum Opfer gefallen.
Inmitten der Truppen erreichte Gwindor die Insel, und Finduilas drückte fest die Hand ihrer Mutter, die sie gehalten hatte, während sie in stiller Freude ihren Geliebten beobachtete, den sie entgegen aller Befürchtungen nahezu unversehrt zurückerhalten hatte.
Finrod Felagund und Orodreth ritten am Ende des Heerzuges, nur leicht verwundet, jedoch mit grimmigen, ernsten Mienen. Vor dem Tor Minas Tiriths wurden sie mit respektvollem Schweigen empfangen.
Orodreth sprach zunächst nicht viel, und Finrod brachte kaum ein Wort heraus. Erst am Abend dieses Tages versammelten sich die Elben in der Großen Halle, um ihrer Toten zu gedenken und den Bericht der Krieger zu hören.
So erfuhr Finellach vom Tod seines Großvaters Angrod und dessen Bruders Aegnor, der Andreth von den Edain so geliebt hatte. Er trauerte, denn er wußte, daß er das lächelnde Gesicht Angrods und das ansteckende Lachen seines Großonkels nun bis zum Ende Ardas nie wieder hören würde(2). Finrod erzählte auch, wie Barahir, der Sohn Bregors, ihn und Orodreth vor dem sicheren Tod gerettet hatte, als sie vom Hauptheer abgeschnitten und von Orks umzingelt wurden. Barahir und seine Männer hatten sich zu ihnen durchgekämpft und einen Wall aus Speeren errichtet. So hatten sich Elben und Menschen unter großen Verlusten durch die Reihen der Feinde freikämpfen können.
Finellach war dem Menschen natürlich dankbar für seine Tat und fühlte sich in seinen freundlichen Gefühlen für die Zweitgeborenen bestätigt. Er hoffte, Barahir eines Tages wiederzusehen, um sich erkenntlich zeigen zu können.
Doch Barahir sollte die Hochlande von Dorthonion nie wieder verlassen.
Nach seiner Rückkehr aus der Schlacht verblieb Finrod für eine Weile in Tol Sirion, dann reiste er in Begleitung Orodreths, seiner Familie und einigen seiner Anführer nach Nargothrond, um dort einen Rat über das weitere Vorgehen der Elben abzuhalten.
Hier erreichte sie die Nachricht vom Tod des Hohen Königs Fingolfin, der Morgoth gegenübergetreten war wider alle Hoffnung. Sie klagten um den stolzen Sohn Finwes, der die Noldor über das Eis der Helcaraxe gebracht und in Beleriand angeführt hatte. Und Finrod Felagund sandte Boten an Fingon, der nun die Pflichten seines Vaters als Hoher König der Noldor Mittelerdes übernommen hatte.
Kurze Zeit später trafen Celegorm und Curufin in Nargothrond ein. Die Söhne Feanors waren von der schieren Übermacht der Orks aus ihrem Reich am Aglon-Paß und südlich davon vertrieben worden und fanden nun bei Finrod Felagund Aufnahme.
Der Sohn Finarfins hatte lange mit dieser Entscheidung gezögert, denn er war noch immer entsetzt und erzürnt über ihre Taten in Alqualonde und Losgar. Überdies schien es ihm, als lege sich ein dunkler Schatten böser Vorahnung über sein Herz, wann immer er einem von ihnen gegenübertrat.
Doch sie waren enge Freunde seines Neffen und um dieser Freundschaft willen gewährte er ihnen Wohnrecht in seiner Burg.
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Sie erreichten Nargothrond bei Nacht, und die wenigen Fackeln an den großen Toren erleuchteten die dahinterliegende Eingangshalle kaum, warfen flackernde Schatten über Wände und Mobiliar im Inneren der Burg.
Doch die feanorischen Elben achteten nicht darauf. Sie führten ihre Pferde hinein, und wer konnte, stützte einen der zahlreichen Verletzten, denen ihre ganze Fürsorge galt. Darüber hinaus waren sie alle viel zu erschöpft und zerschlagen, um sich sonderlich Gedanken über die Einrichtung zu machen. Nargothrond war sicher, war warm und trocken, ein Zuhause, das Heimatlosen angeboten wurde – die Elben, die ihre Herren Celegorm und Curufin begleiteten, wußten wenig mehr als dies und mehr interessierte sie auch nicht.
Jedoch einer von ihnen wandte sich noch einmal um, nachdem er den Zugang passiert hatte. Celebrimbor blickte zurück, als sich die mächtigen Torflügel hinter ihnen schlossen, um Kälte und Gefahr auszusperren. Die Tore waren massiv und schwer, doch er hätte sie anders konstruiert, besser und leichter zu bedienen. Er würde mit seinem Vater darüber sprechen, vielleicht konnten sie sich auf diese Weise für die Aufnahme erkenntlich zeigen, die sie hier fanden.
Jedem von ihnen war klar: den verwandtschaftlichen Bindungen zum Trotz war es doch weitaus eher die enge Freundschaft der Söhne Feanors zu Finrods Neffen Orodreth, welche ihnen hier das Bleiberecht verschafft hatte. Es gefiel den stolzen feanorischen Elben wenig, solcherart auf die Freundlichkeit und das Mitleid anderer angewiesen zu sein. Doch was blieb ihnen schon sonst übrig?
Celebrimbor ließ erschöpft den Kopf hängen, während man sie in Finrods großen Saal brachte. Überall hingen Lampen und Kerzen, und die Elben aus Nargothrond nahmen sich ihrer mit großer Fürsorge an. Sie gaben ihnen zu essen und zu trinken, reichten ihnen Tücher, um sich den kalten Regen abzutrocknen und empfingen sie – zumindest nach außen hin - wie langvermißte Verwandte.
Erst als jemand seinen Arm faßte, sah Celebrimbor auf. Eine junge Elbenfrau stand vor ihm, leuchtende blaue Augen unter glattem, goldblondem Haar, ein ovales, freundliches Gesicht. In seiner Müdigkeit brauchte er eine Weile, ehe er sie wiedererkannte.
"Ich grüße dich, Finduilas", murmelte er.
Sie lachte liebevoll. "Das war es zwar nicht gerade, wonach ich dich gefragt habe, aber ich grüße dich ebenfalls, Vetter Celebrimbor – zum dritten mal inzwischen."
Er errötete leicht. "Verzeih, ich wollte nicht unhöflich sein. Ich bin nur etwas müde."
Ihr Blick wurde weich und mitfühlend. "Etwas ist wohl untertrieben. Natürlich bin ich dir nicht böse. Komm, setz dich zu uns, ich bringe dir etwas Wein."
Er wurde in eine Ecke geführt, zwischen einigen Elbenfrauen aus Nargothrond plaziert und bekam einen großen, angenehm warmen Becher mit heißem, gewürzten Wein überreicht. Als sich ihre Hände berührten, schauderte Finduilas sichtlich.
"Wie kalt deine Hände sind! Trink schnell etwas!"
Er gehorchte und sie nahm ihm den Pokal ab, stellte ihn auf einen nahen Tisch und faßte daraufhin seine Hände, die kalt und klamm und verfroren waren, mit den ihren. Sie versuchte es zumindest, doch ihre Hände waren wie sie selbst: schmal und feingliedrig, kaum in der Lage, seine großen, vom Schmieden gekräftigten Hände zu umfassen. Lachend rief sie eine ihrer Freundinnen herbei, um ihr zu helfen.
Celebrimbor entspannte sich ein wenig und genoß die Aufheiterung und die Freundlichkeit, die ihm zuteil wurden, und die Schönheit Finduilas' und die Wärme ihrer Güte erleuchteten sein Herz.
Viele ihres Volkes hatten die Söhne Feanors begleitet, doch niemand in Nargothrond ahnte, welche Folgen dies einstmals haben sollte. Noch waren alle froh, daß so viele den Orks entkommen waren.
Aber Celegorm litt noch immer unter dem unsinnigen und deshalb nur um so schwerer zu bekämpfenden Neid auf das Glück seines Freundes, und da er sich niemandem anvertrauen mochte, zog der Sohn Feanors sich bald zurück und begegnete der Familie Orodreths allmählich mit unfreundlichen Gefühlen, die immer schwerer zu beherrschen waren.
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Zwei Jahre war Orodreth nach der Dagor Bragollach noch in der Lage, den Paß des Sirions gegen Morgoth zu verteidigen. Dies bedeutete eine große Erleichterung für die hinter Dorthonion und den Ered Wethrin liegenden Elbenreiche, und er verschaffte auf diese Weise vielen wandernden und verstreut lebenden Sindar – darunter auch der Sippe Helegethirs – Gelegenheit, sich in die Sicherheit Doriaths oder der Falas zurückzuziehen.
Doch im Sommer des dritten Jahres erschien Morgoths Hauptmann Sauron und griff Minas Tirith an. So groß und schrecklich war seine Macht, daß die Elbenkrieger Tol Sirion nicht halten konnten.
Finellach kämpfte wie alle anderen gegen die angreifenden Orks. Diese hatten bereits das östliche Ufer des Sirions erreicht und standen nur noch wenige Wegstunden vor der Insel. Sie wagten es nicht, Boote zu benutzen, denn noch war Ulmos Kraft nicht aus den Wassern des Flusses geschwunden.
Die Elbenkrieger verteidigten verbissen ein schmales Uferstück zwischen einem felsigen Ausläufer des westlichen Dorthonions und dem Fluß. Sie wußten, hinter ihnen verließen ihre Familien mit den Verwundeten die Insel und brachten sich in Sicherheit. Glücklicherweise hatte Orodreth vorsichtshalber bereits vor Monaten dafür gesorgt, daß genügend Pferde und Wagen bereitstanden.
Der Herr Tol Sirions und sein Sohn kämpften Seite an Seite. Die Nacht war bereits weit fortgeschritten und, bald würden die Krieger Morgoths sich zurückziehen müssen. Bis dahin hielten sie sie hinter einem provisorischen Wall mit endlosen Mengen gut gezielter Pfeile auf Abstand.
Doch sie hörten Hämmern und das Krachen stürzender Bäume. Nicht mehr lange, dann würde der Angriff erfolgen.
Schließlich traten die Orks auf die kleine Lichtung vor dem Wall, und nun trugen sie große Schilde vor sich her, die aus aneinandergefügten Stämmen und Ästen gefertigt waren, jeder von ihnen etwa fünfmal so breit und doppelt so hoch wie ein erwachsener Elb.
Den Verteidigern war wohl bewußt, daß sie noch aushalten mußten, nur noch eine kleine Weile, bis auch die letzten Wagen Tol Sirion verlassen hatten und weit genug ins Hinterland geflüchtet waren. Daher legten sie ihre jetzt nutzlosen Bögen beiseite und zogen die Schwerter. Mondlicht schimmerte bläulich auf den scharfen Klingen.
Als die Orks nur noch wenige Meter von der Basis des Walls entfernt waren, stürmten die Elben auf sie herab, ihren Schwung zum eigenen Vorteil nutzend.
Finellach war unter ihnen, dicht an Orodreths Seite. Erst vor wenigen Wochen war ihm eine neue Rüstung gefertigt worden, deren blankes Metall das Licht der Sonne und der Gestirne reflektierte. Als er gemeinsam mit seinem Vater mitten zwischen die Kämpfenden kam, kraftvoll, geschickt und vernichtend sein Schwert führend, all seine Kraft aufbietend um jene zu schützen, die sich aus dem bereits verlorenen Turm zurückzogen, wichen die Orks entsetzt zurück vor dieser leuchtenden, tödlichen Gestalt. Die Strahlen des Mondes schimmerten hell auf der Rüstung und dieses Licht blendete sie. "Das schreckliche Licht", riefen sie gepeinigt, "das schreckliche Licht, es tut weh, es sticht in den Augen."
Einige der Elben ringsum verstanden ihre Worte und die Furcht des Feindes vor dem Sohn ihres Anführers ermutigte sie. "Gil Galad, unser strahlender Stern ist gekommen!", riefen sie und griffen die Orks mit neuer Kraft an, trieben sie sogar bis zum Rand der Lichtung zurück.
Doch dann legte sich eine bösartige, düstere Macht wie erstickender Rauch über sie. Die Elben hielten inne, fassungslos diesem Ausdruck purer Bosheit gegenüberstehend, und einige von ihnen wurden in diesem Moment der Verwirrung Opfer der Orks.
Dann kam Angst über sie, selbst über die Tapfersten, und beinahe gegen ihren Willen wichen sie zurück, zunächst langsam, dann voller Entsetzen, Sicherheit und Schutz in den Wäldern hinter dem Wall suchend. Sie sprangen auf die bereitstehenden Pferde, die kaum noch auf ihre Reiter warten wollten, ebenso von Panik ergriffen wie diese selbst, und ließen ihnen die Zügel schießen.
Und so endete die Verteidigung der Elben im Paß des Sirions.
Auf diese Weise erhielt Finellach an diesem Tage den epesse ‚Gil Galad', denn er war in jenem Moment der leuchtende Stern seines Volkes geworden. Und obwohl er der Macht Saurons und der Dunkelheit und Angst, die dieser über die Verteidiger Tol Sirions legte, ebenso unterlag wie alle anderen, erkannte er doch den Diener Morgoths, und er verfluchte ihn.
Mit den Überlebenden des Angriffs und ihren Familien zog Orodreth sich nun zunächst nach Doriath zurück, wo Thingol und Melian sie freundlich aufnahmen. Auch Finrods Schwester lebte zu jener Zeit im Verborgenen Reich, denn sie hatte Gefallen an Celeborn, einem Verwandten Thingols, gefunden und war überdies eine Schülerin Melians geworden. Celeborn erwiderte ihre Gefühle, und als Thingol den Gebrauch des Quenya in seinem Reich verbot, nannte Celeborn sie Galadriel, ‚von Licht bekränzte Maid'.
Sie war königlich und stolz, und dank der Künste, die sie von Melian gelernt hatte, umgab sie eine machtvolle Ausstrahlung, die jeden einschüchterte, der nicht selbst einen außerordentlich starken Willen und große innere Ruhe besaß.
Sie freute sich aufrichtig, ihren Neffen Orodreth wiederzusehen, auch wenn seine Nachrichten sie bekümmerten. Und wie Melian Jahre zuvor, so erkannte sie - wenngleich nicht annähernd so deutlich wie die Königin - die Spuren eines großen Schicksals, das auf ihrem Großneffen Finellach lag, den jetzt mehr und mehr Elben ‚Gil Galad' nannten.
Manchmal, wenn er sie in seiner gleichmütigen Art mit ruhigem Respekt grüßte, erschien ihr dies falsch, als sollte er sie nicht wie eine Höherrangige behandeln, obwohl es ihr aufgrund des Verwandtschaftsverhältnisses durchaus zustand. Noch konnte Galadriel sich dieses seltsame Gefühl nicht erklären, noch wußte sie nicht, daß sie eine Ahnung zukünftiger Ereignisse empfand.
In Doriath blieben die Elben, bis alle ihre Verwundeten wieder genesen waren. Dann zogen sie nach Nargothrond, wo Finrod sie voller Erleichterung empfing, froh, nach dem Tod seiner Brüder Angrod und Aegnor wenigstens nicht auch noch seinen Neffen verloren zu haben, wie er es befürchtet hatte, seit seine Späher ihm vom Fall Tol Sirions berichteten.
Der Verlust Tol Sirions lag schwer auf Orodreths Herzen. Das Vertrauen, das ihm sein Onkel, Freund und König Finrod Felagund mit der Verantwortung für den Paß des Sirions geschenkt hatte, war ihm stets sehr wichtig gewesen. Jetzt schien es ihm, als habe er dieses Vertrauen enttäuscht, so sehr ihm auch alle – von seiner Familie über seine Hauptleute bis hin zu König Thingol selbst – beteuerten, wie wenig er gegen die Macht eines der Mächtigsten unter Morgoths Herrschaft hätte ausrichten können. Tatsächlich hatte Orodreth erstaunlich viele seiner Leute gerettet, und somit wäre eigentlich Grund zu Erleichterung und sogar Stolz für ihn vorhanden gewesen.
Doch in seiner ruhigen, zurückhaltenden Art grübelte er über das, was er getan und entschieden hatte und brütete lange über den Fehlern, die ihm unterlaufen sein mochten.
Nach und nach wurde so aus seiner Ruhe und Bedachtsamkeit Zögerlichkeit. Und ohne es recht zu bemerken verlor Orodreth das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten. Vielleicht lag es an seiner Art, mit dieser Niederlage umzugehen, vielleicht war es eine Auswirkung von Saurons Bosheit. Jedenfalls sollte es bestimmend für das Schicksal Nargothronds und damit ganz Beleriands werden.
Fußnoten:
(1) Gildor Inglorion: Es gibt viele Diskussionen um die Person Gildors, dessen Beiname ‚Inglorion' soviel wie ‚Inglors Sohn' bedeutet (‚Inglor' war der Name Finrods in einem früheren Entwicklungsstadium von Tolkiens Werken), und der sich selbst als "aus Finrods Geschlecht" bezeichnet (als Finrod noch ‚Inglor' hieß, trug sein Vater Finarfin den Namen ‚Finrod'). Was insofern ein Problem darstellt, als Gildor nirgends in den Stammbäumen erwähnt wird.
Persönlich denke ich, daß es sich um ein Versehen Tolkiens handelt, z.B. um einen später widerrufenen Verwandtschaftsbezug, den er vergaß im Text des HdR zu ändern.
Doch da der Name nun einmal existiert, habe ich versucht, eine Erklärung dafür zu finden. Und soweit ich sehe, spricht nichts dagegen, daß ‚Inglorion' einfach ein epesse ist, der auf eine Gemeinsamkeit zwischen Gildor und Finrod anspielt. Ich habe mich für äußere Ähnlichkeit entschieden, denn da blonde Haare bei den Noldor selten waren, wäre dies wohl ungewöhnlich genug, um einen entsprechenden epesse zu rechtfertigen.
(2) Selbstverständlich konnte Gil Galad zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, daß Aegnor sich aus Liebe zu Andreth entscheiden würde, für immer in den Hallen Mandos' zu bleiben. Doch zu diesem Zeitpunkt lag der Bann der Valar noch auf den Noldor und sie mußten davon ausgehen, Valinor – und somit auch diejenigen, die aus Mandos' Hallen entlassen wurden – niemals mehr wiederzusehen.
Zweite A/N: lebt wohl, Angrod & Aegnor...
