Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel IV - Nargothrond
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Danksagung: überraschenderweise diesmal an Nemis. Fürs Korrekturlesen und dafür, ein Angebot anzunehmen, das zu machen eigentlich ihr Recht war. Der Elbenkönig ist unterwegs, und jetzt ist es so einsam unter meinem Schreibtisch... ;)
Widmung? Ja, diesmal Bladorthin, einem treuen Freund im Forum und Mitbegründer des Gondolin Guinness, des besten Irish Pub der Verborgenen Stadt.
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III Epesse
IV Nargothrond
In Nargothrond lebte die Familie Orodreths für einige Jahre sicher und verhältnismäßig friedlich. Oft ritten sie in die Wälder um den Narog und Finduilas lachte und sang glücklich im Sonnenlicht, das durch das helle Grün der Blätter schien, nach denen sie benannt worden war. Sie verbrachte viel Zeit mit Gwindor und jeder wußte, daß sie nur noch auf die nächste Friedenszeit warteten, um miteinander den Bund einzugehen.
Es waren glückliche Jahre für die Elben von Nargothrond. Sie sagen viele Lieder und schmückten die Hallen mit zahllosen Steinmetzarbeiten und schönem Kunsthandwerk. Und trotz des im Norden weiter andauernden Krieges war dies die Zeit, an die Gil Galad sich für immer als die glücklichste seines Leben zurückerinnern sollte, da die Abkömmlinge Finarfins und die Söhne Feanors mit ihren Völkern gemeinsam in Eintracht unter der Herrschaft König Finrod Felagunds lebten.
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Gil Galad lernte viel in dieser Zeit, die er zwischen zwei der größten Gelehrten der Eldar verbrachte, im Mittelpunkt eines der wichtigsten Reiche Beleriands. Andere wie Doriath oder Hithlum mochten größeren Einfluß besitzen, doch sie kapselten sich ab und nahmen nur wenig Anteil am Treiben jenseits ihrer Grenzen oder lagen weit entfernt hinter Gebirgen verborgen.
Nargothrond jedoch, nach allen Seiten offen und in alle Richtungen Bündnisse und Verpflichtungen eingehend mit Elben, Menschen und Zwergen, wurde oft von Gästen verschiedenster Art besucht, auch wenn keiner von ihnen jemals die verborgene Festung selbst zu Gesicht bekam(1). Hier lehrte Finrod seinen Großneffen, ein Reich zu regieren, zumindest soweit die Elbenkönige dies überhaupt taten. Denn für gewöhnlich lebte das Volk zwar seinem König verbunden, jedoch nicht abhängig von ihm, suchte selten dessen Hilfe und so gut wie nie seinen Rat.
Dennoch gab es genügend zu besprechen und zu beschließen, und Finrod legte großen Enthusiasmus bei der Unterrichtung seines jungen Verwandten an den Tag, sei es, weil er dessen Wissensdurst schätzte oder aus einem unbewußten Wissen um das kommende Schicksal heraus.
Finrod Felagund hielt enge Freundschaft mit den Zweitgeborenen und lud seine jungen Verwandten häufig ein, ihn bei seinen Besuchen in den Lagern der Edain zu begleiten. Sie lernten auch die Zwerge aus Nogrod und Belegost kennen. Seit diese Finrod geholfen hatten, das frühere Heim der Kleinzwerge zu erweitern und die Hallen auszubauen, empfanden und verhielten sie sich freundlicher gegenüber den Elben des Reiches um den Narog, als dies zwischen den beiden Rassen sonst üblich war.
Infolge dieser Besuche kam der Sohn Orodreths in häufigen Kontakt mit den anderen Rassen Mittelerdes. Sich mit Zwergen und Menschen zu unterhalten wurde eine gängige Erfahrung für ihn, ebenso wie Sindar und Noldor zu treffen, Volk aus Doriath oder von den Falas .
"Solltet Ihr dies nicht eigentlich meinem Vater beibringen – vorausgesetzt, daß Nargothrond überhaupt jemals einen anderen Herrn benötigen sollte, würde es seine Aufgabe sein, Euch nachzufolgen, nicht die meine", fragte Gil Galad halb im Ernst und halb scherzhaft.
Finrod blickte von der Karte auf, die sie gerade zusammen studierten.
"Dein Vater weiß genug von diesen Dingen, und glaube ja nicht, du wärst der einzige, der dieser Tage in den Genuß meiner Gesellschaft kommt! Aber ein Leben ist schnell verloren in Mittelerde, soviel zumindest haben die Noldor lernen müssen. Und wenn mir und Orodreth etwas zustoßen sollte..."
"...Würde es mir vermutlich ebenso zustoßen. Oder wollt Ihr mich hier einsperren, während Ihr mit meinem Vater in den Krieg zieht?"
Finrod verzog das Gesicht. "Ich habe schon gehört, daß du einige Diskussionen mit ihm geführt hast, als er dir befahl, auf Tol Sirion zu bleiben. Nun, er hat die richtigen Entscheidung getroffen. Nicht nur wegen der Erbfolge, sondern auch in bezug auf deine Ausbildung und die Verteidigung des Passes. Und glaube mir: sollte Nargothrond noch einmal gezwungen sein in den Krieg zu ziehen, wirst du hierbleiben! Ich lasse die Burg nicht unverteidigt zurück, und ja, ich denke auch an die Erbfolge. Du bist nach Orodreth und mir der letzte Erbe Finarfins in Mittelerde(2). Wenn du unbedingt zum Spielen raus willst, solltest du vorher deine Hausaufgaben machen und dafür sorgen, daß sich dies ändert."
Den letzten Satz hatte Finrod mit einem Schmunzeln gesprochen, denn ihm war aufgefallen, daß sein junger Verwandter durchaus nicht angetan von dem war, was er ihm sagte.
Doch so schnell der Zorn kam, so schnell wurde er wieder beiseitegeschoben. "Es gibt keine Frau in Nargothrond, die ich ehelichen wollte", erwiderte Gil Galad, um verschmitzt fortzufahren "Und nebenbei gesagt sind sie ja alle in einen anderen verliebt."
Finrod mochte Herr des größten Königreiches der Elben Mittelerdes sein, doch er war sich nicht zu schade, einen zerknüllten Fetzen Papier in Richtung seines respektlosen Großneffen zu werfen.
So lernte Gil Galad, was es zu lernen gab, doch er hielt zu große Stücke auf Finrods und seines Vaters Klugheit, um ernstliche Zweifel daran zu hegen, daß Nargothrond noch lange bestehen würde, selbst gegen einen Feind wie Morgoth.
Überdies wünschte er sich diese Macht auch nicht. Abgesehen davon, daß es den Tod der beiden Männer bedeuten würde, die seinem Herzen am nächsten standen, lag ihm die Führungsaufgabe nicht. Er traf Entscheidungen, wenn es sein mußte, und für gewöhnlich traf er die richtigen, doch wenn man ihm die Wahl ließ, widmete er sich viel lieber den Dingen, die er in Bibliotheken oder Werkstätten lernen konnte, anstatt in Ratskammern und Thronsälen.
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Es war Winter geworden, feuchte Kälte hing über dem Land und die Elben Nargothronds verbrachten viele Tage und Nächte in ihren Hallen bei Tanz, Gesang und Erzählungen.
An diesem einen Abend hatte sich zufällig die gesamte Familie des Königs in seiner großen Halle eingefunden. Finduilas genoß das fröhliche Geplauder mit ihren Freundinnen und einen vertraulichen und liebevolleren Austausch mit Gwindor. Helegethir erzählte einer Gruppe Kinder alte Geschichten ihrer Familie, während Finrod halb zuhörte, derweil er seine Harfe stimmte. Celegorm teilte sein Wissen über die Jagd mit einigen Jugendlichen und Celebrimbor und Gil Galad unterhielten sich miteinander, eingehend beobachtet von Curufin, der gemeinsam mit Orodreth nahe einer der Feuerstellen stand.
"Schau sie dir an!", meinte er mit einem Nicken in Richtung der jüngeren Elben. "Man kann nicht unterscheiden ob sie sich über Bücher, Pferde, oder Handwerk unterhalten!"
Orodreth folgte Curufins Geste. Celebrimbor und Finellach standen einige Schritte entfernt in ein zur Hälfte sehr aufgeregtes Gespräch vertieft. Was bedeutete: Celebrimbor erregte sich offensichtlich sehr über das Thema und sprach hektisch gestikulierend auf seinen Vetter ein, der ihm aufmerksam zuhörte, dabei jedoch völlig ruhig blieb, mit einem fragenden Blick in den dunkelgrauen Augen.
Wie so oft versank Orodreth liebevoll in der Betrachtung seines Sohnes. Seinen unauffälligen Zügen, seiner ruhigen Selbstsicherheit, dem deutlichen Versuch, die Ansicht seines Vetters zu verstehen. Er besah ihn sich, als sähe er ihn zum ersten mal.
Tatsächlich konnte er sich nach all den Jahren an seinen Kindern noch immer nicht satt sehen. Sie waren beide so wundervoll und liebenswert, jedes von ihnen auf seine Weise. Sie hatten sein Leben ebenso verändert und erleuchtet, wie es Helegethirs Liebe zuvor getan hatte.
"Er ist genau wie du, dieselbe Haltung, derselbe Ausdruck", bemerkte Curufin weiter.
"Während Celebrimbor mit seinem Temperament dir nachschlägt."
"Was nicht unbedingt von Vorteil ist. Mein Temperament ist nicht gerade eine meiner liebenswertesten Charaktereigenschaften."
Orodreth legte Curufin eine Hand auf den Oberarm "Es ist dein fea, Curufin, dein Wesen. Wir sind Freunde und ich schätze dich als der, der du bist."
Curufin blickte Orodreth mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Sympathie an. "So wie ich dich. Dennoch wäre ich froh, wenn mein Sohn in dieser Hinsicht mehr nach seiner Mutter geraten wäre."
"Er ist es aber nicht – und immerhin schlägt er dir nicht nur hierin nach. Der Titel des Meisterschmieds wird nicht leichtfertig verliehen, erst recht nicht hier in Nargothrond, wo er sich mit der Arbeit Finrods und der Zwerge messen muß. Du weißt sehr wohl, daß du stolz auf ihn sein kannst."
Ein wehmütiger Ausdruck erschien in Curufins dunklen Augen. "Ja, ich weiß es. Ich kann ihm nichts mehr beibringen. Es ist nicht leicht, weißt du, vom eigenen Sohn übertroffen zu werden."
"Findest du?" Orodreth maß Gil Galad mit einem langen Blick. "Ich wünsche mir oft, Finellach würde mehr Interesse an meinen Studien zeigen." Er verstummte verwirrt angesichts Curufins amüsierter Miene.
"Was ist daran so komisch?"
"Nichts. Aber du bist der einzige hier in Nargothrond, der deinem Sohn noch seinen epesse vorenthält."
"Seinen – oh. Du hast Recht. Erzähl es ihm bloß nicht! Wir alle sind stolz auf ihn und er hat ihn sich wirklich verdient, aber – nun, ich habe mich noch nicht daran gewöhnt. Also gut, ich wünsche mir also, Gil Galad würde mehr Interesse an der Arbeit seines Vaters zeigen. Doch ich werde mich damit abfinden müssen, daß er zwar einen wachen Verstand besitzt, ihm aber das Interesse und der Ehrgeiz fehlen, mich in irgendeinem meiner Gebiete zu übertreffen."
Curufin klopfte seinem Freund begütigend auf die Schulter. "Habe Geduld mit ihm. Es ist bestimmt nicht leicht, der Sohn eines der größten Gelehrten der Noldor zu sein."
"Ich danke dir. Doch es ist gewiß ebenso nicht leicht, der Sohn eines ihrer größten Handwerker zu sein, dennoch scheint Celebrimbor damit keine Schwierigkeiten zu haben. Nein, Curufin mein Freund, ich habe mich bereits vor langer Zeit damit abgefunden, daß der fea meines Sohnes andere Wege geht. Und so gerne ich ihn auch als meinen Nachfolger im Kreis der Gelehrten gesehen hätte, ich kann ihn nicht zu etwas drängen, was ihm nicht liegt. Es gibt andere hier, die denselben Weg gehen wie ich. Unter ihnen werde ich meine Wahl treffen."
Während sie sich unterhielten war Celebrimbor zum Ende seiner ausführlichen und leidenschaftlichen Rede gelangt und er betrachtete Gil Galad nun Zustimmung heischend. Der jüngere Elb schien noch kurz über das Gesagte nachzudenken, ehe er mit wenigen Worten antwortete. Celebrimbors Gesicht nahm sekundenlang einen fassungslosen Ausdruck an, dann lachte er herzlich auf. Er faßte seinen Vetter am Oberarm und beide Elben verließen gemeinsam die Halle.
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Als Beren, Barahirs Sohn, nach Nargothrond kam, um des Königs Hilfe für seine Suche nach dem Silmaril zu erbitten, hätte Gil Galad ihn mit Freude unterstützt. Aber aufgrund seiner Jugend war er noch nicht in den Rat Finrods berufen worden. Doch die bittere Szene, die sich beim Abschied des Elbenkönigs abspielte, sowie die Rolle der Söhne Feanors darin, trafen ihn tief, und er verzieh es ihnen niemals, daß sie Finrod wie einen Bettler aus seinem eigenen Reich trieben, noch, daß sie mit ihren Worten das Volk derartig in Angst stürzten.
Diese Abneigung vertiefte sich noch mehr, als sie kurz darauf begannen, die Autorität seines Vaters, der von König Finrod Felagund als Regent eingesetzt worden war, zu untergraben.
Denn nach und nach übernahmen Celegorm und Curufin immer mehr die Macht in Nargothrond. Jetzt zeigte sich, welch Unglück es gewesen war, daß sie so viele der ihren mit sich gebracht hatten, denn diese folgten bedingungslos den Söhnen Feanors und zogen noch viele andere auf ihre Seite.
Orodreth war schlichtweg nicht in der Lage, mit dieser Situation umzugehen. Seine Liebe und Hingabe galten Weisheit und Wissen, und wiewohl er ein fähiger Anführer im Kampf war, so hatte er doch nichts von einem Politiker an sich und besaß keinerlei Erfahrung im Umgang mit Intrigen. Tatsächlich gab es in dieser Zeit niemanden in der Tiefburg, dessen Ehrgeiz jenem der beiden Söhne Feanors gewachsen war.
Er fühlte sich um so hilfloser, als er das Verhalten der beiden Brüder nicht verstehen konnte, aber auch ebensowenig denen die Gastfreundschaft Nargothronds entziehen wollte, die ihm so lange enge Freunde gewesen waren.
Denn er konnte nichts wissen von Celegorms Neid, der nach und nach dessen Gefühle vergiftet hatte. Nichts von seinem Einfluß auf seinen Bruder, noch verstärkt durch die verzehrende Wirkung des Eides, den sie geschworen hatten; und nichts von der Verbitterung, die sie darüber empfanden, nicht länger Herren eigener Reiche zu sein, sondern als – wenn auch geehrte – Gäste im mächtigen Reich Nargothronds leben zu müssen. Einem Reich, das von Abkömmlingen des jüngsten Zweiges von Finwes Haus beherrscht wurde, während sie selbst praktisch mittellos waren.
"Warum stellt ihr euch gegen mich?", fragte der Sohn Angrods seine früheren Freunde eines Tages im Rat erschüttert. "Nach all diesen Jahren in Valinor und in Dorthonion, in denen wir gemeinsam gejagt, gekämpft, gefeiert haben, wieso? Warum habt ihr eure Freundschaft von mir abgewandt?"
Aber keiner von beiden gab ihm eine Antwort, und vielleicht gab es auch keine, die in Worte hätte gefaßt werden können. Denn Celegorm war nicht fähig oder nicht in der Lage zu erkennen, daß es Neid war, der ihn bewegte: Neid auf das Glück, das Orodreth in seiner Familie fand, wo Helegethir und ihre Kinder ihm all ihre Liebe schenkten.
Und alles was Curufin erkannte war, daß sein Sohn Celebrimbor, der so viel von seinem Talent geerbt hatte und den er mehr liebte als jeden anderen auf der Welt, sich mehr und mehr von ihm entfernte, und er rechnete dies dem Einfluß von Finduilas auf seinen Sohn an.
Celebrimbor jedoch konnte seines Vaters und seines Onkels Verhalten kaum besser verstehen als Orodreth, denn auch er wußte nichts von ihren Gefühlen. Hätte Curufin mit seinem Sohn über seinen Kummer gesprochen, hätte er erfahren, wie innig er geliebt wurde. Doch sich über Gefühle zu unterhalten war etwas, das er in seines Vaters Haus nicht gelernt hatte, er verstand lediglich die Sprache der Schmiede und des Metalls.
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Die Abende in Finrods großer Halle in Nargothrond waren inzwischen ruhiger geworden. Es wurde weiterhin gesungen und gelacht, doch der Tonfall war weniger ungezwungen als früher, und niemand wagte, seine Stimme zu erheben. Stets bildeten sich automatisch zwei Gruppen – jene, die sich Celegorm und Curufin zugesellten und die Mehrheit bildeten und diejenigen um Orodreth und seine Familie.
Celebrimbor saß in einem reich geschnitzten Stuhl und blickte versonnen durch den hell erleuchteten Raum zu Finduilas hinüber. Er betrachtete seine schöne Cousine gern, so wie er jedes andere Kunstwerk gern betrachtete.
Einen Arm hatte er auf die Lehne des Stuhles gestützt, die Finger gegen seine Schläfe gelegt. Der Ärmel seiner sattbraunen Robe war zurückgefallen und an seinem Handgelenk war eine frische Verletzung zu sehen, die er sich am vorhergehenden Tag in der Schmiede zugezogen hatte. Er schenkte dieser keinerlei Aufmerksamkeit, zu sehr war er an kleine Blessuren gewohnt. Nichtsdestotrotz überließ er sich kurz der angenehmen Vorstellung, Finduilas würde sie versorgen – wie sie es schon häufiger getan hatte. Behutsam und freundlich, voller verwandtschaftlicher Liebe, jedoch in aller Unschuld, denn ihre Gefühle, das wußte er, gehörten einem anderen.
Celegorm saß neben ihm und er folgte dem Blick seines Neffen. Ihm waren dessen Blicke, immer wieder während der letzten Wochen, durchaus nicht verborgen geblieben. Er beugte sich zu ihm.
"Finduilas ist wirklich sehr schön."
"Ja, das ist sie in der Tat", antwortete Celebrimbor versonnen, ohne den Blick von ihr zu lösen.
Celegorm rückte noch etwas näher zu ihm heran und senkte seine Stimme. "Willst du sie? Du könntest sie haben, das weißt du."
Celebrimbor blickte sich fragend zu seinem Onkel um.
"Ihr seid nicht zu nahe verwandt und sie ist eine begehrenswerte Frau", fuhr Celegorm fort. "Und sie zu heiraten würde darüber hinaus deine Stellung hier in Nargothrond festigen."
Celebrimbor schaute wieder zu Finduilas. Sie war wie üblich bei ihrem Bruder, stand hinter ihm, die Arme locker um dessen Hals geschlungen, und sah über seine Schulter auf den Text, den er einigen Zuhörern gerade vorlas. Ihre Miene war heiter und zufrieden und ihre goldenen, asymmetrisch geschlungenen Zöpfe bildeten einen leuchtenden Kontrast zur dunklen Erscheinung Gil Galads.
Celebrimbor fand aufrichtiges Gefallen an Finduilas, an ihrer Fröhlichkeit und dem Verständnis, das sie seiner Freude am Schaffen entgegenbrachte. In dieser Hinsicht besaß sie mehr vom Noldor-Erbe als die meisten anderen ihrer Familie. Manchmal besuchte sie ihn in seiner Schmiede, stellte ihm Fragen oder bat ihn, etwas für sie anzufertigen oder auszubessern. Und er hatte es gern getan.
Doch sie sah in ihm nicht mehr als einen Vetter. Sie mochte ihn ganz offensichtlich und begegnete ihm freundlich, ungeachtet aller Spannungen zwischen ihren Eltern, doch mehr war es auch nicht. Ihr Herz gehörte Guilins Sohn Gwindor, schon seit beide gemeinsam auf Tol Sirion gelebt hatten. Einem talentierten Krieger und tüchtigen Handwerker mit klangvoller Stimme, darüber hinaus Verfasser zugegebenermaßen sehr mitreißender Balladen. Eine Zeit lang hatte Celebrimbor dies zu schaffen gemacht, doch inzwischen war der Schmerz geschwunden.
Der Elbenschmied runzelte die Stirn. "Politische Heiraten sind etwas für Edain. Ich dachte, wir Eldar würden dieser Unsitte nicht frönen."
Celegorm zuckte die Achseln. "Natürlich tun wir das nicht. Dein Glück liegt mir am Herzen und ich weiß, daß sie dich mag. Der Rest ist eine – nützliche Nebenerscheinung, wenn du so willst."
Celebrimbor zog unbehaglich seine breiten Schultern hoch. Die Versuchung war da, der Gedanke an eine Heirat mit Finduilas nahezu verboten, aber dennoch lockend. Wenn sein Vater und sein Onkel tatsächlich all ihre Macht in Nargothrond aufböten, wenn es um das Wohl ihrer Eltern und ihres Bruders ginge, würde Finduilas dann seinem Werben folgen? Würde sie eines Tages so selbstverständlich und vertrauensvoll die Arme um ihn legen, wie sie es nun bei ihrem Bruder tat? Er stellte sich vor wie es wäre, ihre Nähe in seinem fea zu spüren, wenn alle seine Tage von ihrem fröhlichen Gemüt erleuchtet würden. Dann schüttelte er den Gedanken ab.
"Wenn sie es nicht selbst will, sehe ich keinen Grund, sie zu drängen", sagte er fest.
Diesmal hatte er der Versuchung widerstanden.
Ohne sich dessen bewußt zu sein, wurden Celegorm und Celebrimbor bei diesem kurzen Austausch von Orodreth beobachtet. Er zog unwillkürlich die Stirn kraus, als seine beiden Verwandten immer wieder zu seiner Tochter hinüberblickten, die sich glücklicherweise weder dieser Musterung bewußt war, noch der Tatsache, Gegenstand einer derartigen Unterhaltung zu sein.
Er seufzte leise. Neuerdings schien Celegorm bestrebt, Celebrimbor und Finduilas zusammenzubringen. Es wäre sicherlich ein Erfolg für ihn und würde ihm noch mehr Einfluß in Nargothrond verschaffen, als er ohnehin schon besaß.
Dies hätte Orodreth weniger Sorgen bereitet, wenn nicht auch Celebrimbor ein ums andere mal Anzeichen von tieferen Gefühlen, als sie unter Verwandten üblich waren, gezeigt hätte. Die Tatsache, daß Finduilas Gwindor innig liebte und dieser von ihrer Familie auch willig akzeptiert wurde, störte Celegorm dabei offensichtlich kaum. Orodreth wußte es nicht sicher, doch er ahnte, daß es ‚Vorfälle' gegeben hatte, Vorfälle, die seine Tochter dazu brachten, sich immer in der Nähe ihres Bruders aufzuhalten, bei dem sie seit ihrer frühesten Kindheit Schutz gesucht und gefunden hatte.
Der Gedanke schmerzte. ‚Ich bin ihr Vater, es wäre meine Aufgabe, sie vor jedem Schmerz, jeder Gefahr und allem Unbill zu schützen', dachte er kummervoll. Aber sowenig er seine Pflicht gegenüber Finrod Felagund auf Tol Sirion hatte erfüllen können, so wenig konnte er nun seine Tochter vor den Ambitionen Celegorms bewahren. ‚Oder vielleicht könnte ich es sogar, doch zu mir kommt sie nicht mit ihren Problemen. Sie geht zu 'Ellach, wie sie es schon immer getan hat. Oh Finduilas, wie konnte ich dir gegenüber nur so versagen, daß du dich an deinen Bruder wendest, anstatt an deinen eigenen Vater?'
Jemand strich sacht über seine Finger und als er aufsah, waren Helegethirs herrliche grauen Augen auf ihn gerichtet.
"Du sorgst dich zuviel um sie, Liebster. Sie hat mehr Kraft in sich als es scheinen mag, sie würde ihnen widerstehen können. Celebrimbor mag sie sehr und ich glaube nicht, daß er sie zu etwas zwingen würde, zu einer Heirat als allerletztes. Und 'Ellach", sie lachte, "'Ellach würde eher alle drei mit eigener Hand hinauswerfen, als zulassen, daß sie seiner Schwester Kummer zufügen."
"Genau das befürchte ich, mein Herz. Was, wenn sie eines Tages zu weit gehen? Was, wenn er meint, 'Las ernsthaft verteidigen zu müssen? Glaubst du, sie würden davor zurückschrecken, ihn zu verletzen, nur weil er mein Sohn und ihr entfernter Verwandter ist? Nein, es würde ihnen gerade recht kommen. Und 'Las...es tut jedem Vater weh, zu sehen, daß die eigene Tochter sich nicht auf ihn verlassen kann, nicht zu ihm kommen kann, wenn sie Hilfe braucht."
Helegethir setzte sich auf die Lehne des Stuhls, in dem ihr Gatte leicht zusammengesunken saß und strich ihm über das helle Haar. "Sie weiß sehr gut, daß sie jederzeit und mit jedem Problem zu dir kommen kann, doch sie will dich nicht noch mehr belasten, dir nicht noch mehr Kummer und Probleme zumuten, als du ohnehin schon hast. Sei nicht eifersüchtig, Orodreth, nicht auf deinen eigenen Sohn!"
Er antwortete ihr nicht, kam ihrer zärtlichen Berührung aber willig, beinahe verzweifelt entgegen.
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Gil Galad ging langsam durch die sonst so freundlichen Straßen Nargothronds. Die Einwohner grüßten ihn respektvoll wie stets, doch er wußte, sie hatten Angst. Keiner von ihnen näherte sich ihm zu einer kurzen Unterhaltung oder bat um seine Hilfe in irgendeiner Angelegenheit, wie sie es früher getan hätten, niemand hätte es geschätzt, wenn er auf sie zugegangen wäre. Er war ein Fremder in seiner eigenen Heimat geworden.
Der junge Elb suchte einen Garten auf, einen der wenigen echten Gärten des Reiches, eingerichtet in einer Höhle, deren Dach schon vor Urzeiten eingestürzt war. Die Zwerge hatten den Schutt beiseite geräumt und die Elben hatten den Ort genutzt, um Bäume, Blumen und Sträucher zu pflanzen. Hier gab es Ruhe und ein bißchen Abgeschiedenheit.
Zu seiner Überraschung fand er Curufins Sohn Celebrimbor an dem mit Efeu überwucherten Brunnen, den er selbst so gerne aufsuchte.
Ihr Verhältnis zueinander war in den letzten Wochen und Monaten merklich kühler geworden. Nicht wirklich unfreundlich, doch keiner von ihnen spürte großen Drang, den anderen in sein Leben einzubeziehen. Gil Galad um so weniger, als er durchaus bemerkt hatte, worauf Celegorms Absichten hinsichtlich Celebrimbors und Finduilas' abzielten.
Celebrimbor seinerseits mochte sich seinem Vetter und seiner Cousine nicht aufdrängen. Er schämte sich vor ihnen für das, was ihrem Vater durch den seinen angetan wurde, und er fürchtete, sie würden ihn zurückweisen, wenn er sich um ihre Freundschaft bemühte.
"Ich...ich wollte dich nicht stören.", sagte Gil Galad schließlich nach einer Pause.
"Du störst mich nicht. Ich habe nachgedacht aber ich komme nicht weiter, also macht es nichts, wenn ich unterbrochen werde."
"Worüber nachgedacht?" Er fragte dies mehr aus Höflichkeit und um überhaupt etwas zu sagen, die Antwort seines Vetters überraschte ihn jedoch.
"Über uns, die ganze Situation in Nargothrond und....und über unsere Eltern. Es ist falsch, was hier geschieht, Gil Galad. Es dürfte nicht geschehen. Aber ich sehe keine Möglichkeit, es zu beenden, es sei denn, ich wäre in der Lage meinen Vater zu ändern...oder....deinen."
Sie sahen einander zögernd in die Augen. Schließlich ließ sich Gil Galad auf dem Rand des Brunnens nieder und verschränkte die Hände zwischen den Knien. Er atmete tief aus und biß sich kurz auf die Lippen, wie um sich für die Worte zu bestrafen, die er nun aussprach.
"Es fällt schwer, es zuzugeben, aber mein Vater ist schwach."
Celebrimbor seufzte und neigte den Kopf. "Es fällt schwer, es zuzugeben, aber mein Vater ist machthungrig."
Sie sahen sich erneut an.
"Und was wollen wir nun tun?", fragte Celebrimbor schließlich leise.
"Wir können nichts ‚tun'. Es liegt in der Hand unserer Eltern. Aber für den Anfang wäre ich dir dankbar, wenn du davon absehen könntest, meine Schwester zu heiraten."
Das schwächste aller Lächeln erschien auf Celebrimbors vollen Lippen. "Ich denke, das kann ich schaffen – so lange das nicht bedeutet, daß ich dich statt ihrer nehmen muß."
Es gab andere Treffen, nicht mehr so zufällig, aber ebenso heimlich. Zuweilen nahm auch Finduilas daran teil. Unauffällig bildeten die drei Elben, die Jüngsten des Hauses von Finwe, einen kleinen Wall gegen das Unglück, das über Nargothrond gekommen war, und Celebrimbor stellte zu seiner Verwirrung und Scham bald fest, daß er nach und tiefere Gefühle für Orodreths Familie entwickelte, als er für seine eigene empfand.
Er liebte sie für ihre Ruhe, dafür, ihrer Liebe zueinander und zu jenen, die sie regierten, mehr Bedeutung beizumessen als der Macht, die ihre Stellung mit sich brachte. Er achtete Orodreth für sein Wissen und bewunderte Helegethir für ihre stille Würde. Ihre beiden Kinder waren ihm mehr Freunde als Verwandte und er fühlte sich zu beiden hingezogen.
Sie mochten von seinem Vater und seinem Onkel dominiert werden, doch tief in seinem Inneren spürte Celebrimbor, daß ihr Weg der bessere war. Und er begann sich vor dem Verlangen seines Onkels nach Macht zu fürchten. Macht, die Celegorm, wie er sagte, zur Rückgewinnung der Silmaril einsetzen wollte. Doch so wenig es dem Meisterschmied auch gegeben war, in den Herzen anderer zu lesen, erkannte er dennoch, daß der Sohn Feanors die Macht über Nargothrond ebenso um ihrer selbst willen begehrte.
Fußnoten:
keine Besucher in Nargothrond: von Nargothrond wurde gesagt, daß es ein verstecktes Reich sei, ebenso wie Gondolin. Daher kann es kaum Besuche von Fremden in der Burg am Narog gegeben haben. Ich denke, daß jeder, der irgend etwas mit Finrod zu besprechen hatte, an den Grenzen aufgehalten wurde und dann entweder eine Nachricht sandte oder mit einem Stellvertreter des Königs sprach.
Erbfolge: natürlich lebte auch Galadriel noch in Mittelerde, ich habe mich jedoch für eine Erbfolge durch die männliche Linie entschieden.
