Narn Gil Galad

von Earonn

Kapitel V – Nirnaeth Arnoediad

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Danksagung: Natürlich an Nemis, die trotz ihrer eigenen nicht unerheblichen Aufgaben und ihrer ausgezeichneten Arbeit als Verfasserin der "Erklärung" für Mark Fergusons Geburtstagsgeschenk unter Zeit gefunden hat, sich um meine Geschichte zu kümmern. Wie Kermit der Frosch sagen würde: Applaus, Applaus, Applaus!

Widmung? Dem ‚Team New Zealand', dem neuseeländischen Segelteam beim diesjährigen America's Cup (für diejenigen, denen das nichts sagt: der America's Cup ist eine der wichtigsten internationalen Segelregatten), das trotz eines nahezu totalen Materialzusammenbruchs inklusive eines Mastbruchs ausdauernd und – tatsächlich, ich empfinde es so – ehrenvoll gekämpft hat.

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V Nirnaeth Arnoediad

Beren und Finrod Felagund gerieten in die Gewalt Saurons und er hielt sie auf Tol Sirion gefangen, das nun Tol-in-Gaurhoth genannt wurde, in ebendemselben Turm, den Finrod selbst erbaut und Orodreth so lange verteidigt hatte. Und entgegen dem Gebot ihres Vaters Thingol machte Lúthien sich auf die Suche nach Beren, den sie liebte. Denn Visionen zeigten ihr seine Gefangenschaft auf der Insel.

Dem König von Nargothrond entging die Ironie seiner Lage durchaus nicht – eingesperrt in seinem eigenen Turm, in einem Raum, der vormals als Speisekammer genutzt worden war und noch immer ein wenig nach Gemüse roch, während Saurons Werwölfe seine Gefährten einen nach dem anderen verschlangen.

Er wußte, sein Tod nahte, und beinahe fühlte er sich erleichtert, bald in die Unsterblichen Lande zurückkehren zu können. Vielleicht mochten ihm die Valar eines Tages gestatten, einen neuen hroa zu erhalten und vielleicht würde Amarië ihm erneut ihre Liebe schenken.

Diese Gedanken brachten ihm Trost, während er hilflos zusehen mußte, wie die Werwölfe seine Freunde töteten. Und immer wollte er sie verteidigen, ohne zu wissen wie, und jedesmal hielten die anderen ihn mit flehenden Worten zurück, beschworen ihn, an sein Volk zu denken, das auf seine Rückkehr hoffte. Und auch Beren bat ihn aufrichtig, sein Leben nicht wegzuwerfen.

Er dachte auch jene, welche er in Mittelerde zurücklassen mußte. An Orodreth, dem er die Last des Herrschens so gerne erspart hätte, wohl wissend, daß sein Großneffe nicht dafür geschaffen war. An Helegethir, die bereits jetzt die Pflichten einer Königin trug, ruhig und weitblickend, mit großer Würde und dennoch voller Lebensfreude. An die beiden Kinder – die fröhliche und kluge Finduilas, so glücklich in ihrer Liebe zu Gwindor, und ihr ruhiger, freundlicher Bruder Gil Galad.

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Lúthien verließ Neldoreth, den nördlichen Teil Doriaths, und wanderte nach Westen. Als sie die Westgrenze hinter sich gelassen hatte und auf Talath Dirnen unterwegs war, wurde sie von Celegorm und Curufin gefunden, die auf der Bewachten Ebene Wölfe jagten.

Sie gaben sich als Elben aus dem Volk von Nargothrond zu erkennen und Lúthien faßte sofort Vertrauen zu ihnen, denn sie hatte keinen Anlaß, Mitgliedern des Volkes gegenüber mißtrauisch zu sein, das von ihrem Cousin Finrod angeführt wurde, der so oft geehrter Gast in ihres Vaters Hallen gewesen war. So erzählte sie ihnen wer sie war und welches Schicksal sie auf Talath Dirnen geführt hatte.

Celegorm war sofort von ihrer Schönheit eingenommen und darüber hinaus erkannten die beiden Brüder sogleich die Möglichkeiten, die ihnen die Tochter des mächtigen Königs Thingol Graumantel in ihrem Kampf gegen Morgoth bot. Sie versprachen ihr die Hilfe Nargothronds bei ihrer Suche und Lúthien war erleichtert, denn obwohl die Vision ihr gezeigt hatte, wo Beren zu finden war, wußte sie doch nicht, wie eine Rettung bewerkstelligt werden könnte.

In Nargothrond jedoch, dem mächtigen Reich Finrods, würde sie sicherlich Hilfe und Rat erhalten können. Und außerdem würden ihre dortigen Verwandten, welche niemals einen Hehl aus ihrer Liebe zu den Edain gemacht hatten, verstehen oder wenigstens akzeptieren, wie sehr sie Beren liebte – anders als ihr Vater Thingol und seine Gefolgsleute.

Als sie erwähnte, wie sehr sie sich freuen würde, ihren Cousin Finrod wiederzusehen, schüttelte Celegorm bedauernd den Kopf.

"Es tut mir leid, doch er weilt momentan nicht in Nargothrond. Er hat die Burg vor kurzem verlassen. Zur Zeit leitet Orodreth das Reich als sein Stellvertreter."

Die Söhne Feanors brachten Lúthien auf wenig benutzen Wegen in die Burg am Narog. Darüber wunderte sie sich zunächst, doch Celegorm beruhigte sie.

"Zum einen würde Euer Erscheinen hier für beträchtliche Aufregung sorgen. Viele würden sich fragen, wieso die Tochter Thingols allein, unangekündigt und in einem solchen Zustand hierher kommt. Zum anderen gelangen wir auf diesem Weg am schnellsten in den Wohnbereich des momentanen Herrschers von Nargothrond."

Lúthien sah an ihrer verschmutzten und abgetragenen Kleidung herab und hob eine Hand um ihr kurzgeschnittenes Haar zu berühren. Es wäre wirklich klug, zu viel Aufmerksamkeit zu vermeiden. Weder wollte sie ihren Eltern Schande machen, noch sollte jemand von dem Zwist mit ihrem Vater erfahren. Und selbstverständlich glaubte sie, Celegorm meine mit dem ‚momentanen Herrscher' Orodreth.

Celegorm aber lächelte zufrieden, denn seine Worte waren tatsächlich nicht unwahr gewesen: Orodreth konnte schon lange nicht mehr berechtigterweise als Herr Nargothronds bezeichnet werden.

Die Brüder sagten niemandem etwas von Lúthiens Ankunft und sorgten dafür, daß sie keinen Kontakt zu irgend jemandem außer ihnen aufnehmen konnte. Und als sie ihr Spiel wenigstens zum Teil durchschaute und gehen wollte, hielten die Söhne Feanors sie gefangen.

Denn sie hatte ihnen von ihrer Vision erzählt, der zufolge Beren in Saurons Kerker gefangengehalten wurde, und es erschien ihnen überaus wahrscheinlich, daß auch Finrod sich dort befand. Die beiden Brüder sahen dies als eine gute Gelegenheit an, sowohl in Nargothrond als auch in Doriath Macht zu erlangen, denn dadurch würden sie die mächtigsten der Noldorprinzen werden. In Wahrheit jedoch dachte Celegorm nicht nur an ihren Nutzen, sondern wünschte Lúthien zur Frau zu nehmen, weil er sie um ihrer Schönheit willen begehrte.

Sie sandten heimlich Boten an Thingol und forderten Lúthiens Hand. Finrod aber wollten sie in den Kerkern Saurons zu Tode kommen lassen und so unternahmen sie nichts zu seiner Befreiung. Denn ihnen war klar, daß es mit ihrer Herrschaft in Nargothrond vorbei sein würde, sobald das Volk seinen geliebten König zurückerhalten hatte. Gegen Orodreth konnten sie sich durchsetzen, weil dieser sie mehr oder weniger gewähren ließ, aus Schwäche und Sorge um seine Familie, und weil er vor den Augen des Volkes im Vergleich zu Finrod verblaßte, da er zumeist zurückgezogen lebte und sich seinen Studien widmete.

Auf diese Weise ließen Finrod, der ihnen eine neue Heimat geschenkt hatte, im stich.

Finrod hielt den Eid, den er Barahir geleistet hatte. Und als der große Werwolf Saurons kam, um Beren zu töten, griff Finrod ihn an, mit keiner anderen Waffe als seinem Körper. Und er tötete den Werwolf und rettete Berens Leben, doch er gab sein eigenes dafür hin.

So starb Finrod Felagund, Sohn von Finarfin, König von Nargothrond, ohne anderen Trost als dem Bewußtsein, ehrenhaft gehandelt und seine Schuld beglichen zu haben.

Lúthien gelang mit der Hilfe des großen Wolfshundes Huan die Flucht. Huan war Celegorms ständiger Begleiter gewesen, seitdem dieser ihn noch in Valinor als Welpen von Orome selbst erhalten hatte. Curufin hätte eher an der Liebe seines Bruders zu ihm selbst, denn an der zu seinem Hund gezweifelt, und Huan hatte seinen Herrn noch niemals im stich gelassen.

Jetzt jedoch, angesichts der Schönheit Lúthiens und des Ausmaßes in welchem sein Herr sich versündigt hatte, an der Tochter Thingols ebenso wie an seinen Verwandten, war Huan von Abscheu erfüllt. Er erforschte einen Fluchtweg und nutzte seine Gabe, dreimal vor seinem Tode mit menschlicher Stimme sprechen zu dürfen, um Lúthien Rat zu bringen.

Da die Tore Nargothronds gut bewacht waren, führte Huan Lúthien auf versteckten und halbvergessenen Wegen, die noch die Kleinzwerge in den Fels geschlagen hatten, als sie in der Wohnstatt am Narog lebten, hinaus. Auf diese Art entkam sie Curufin und Celegorm und gelangte schließlich nach Tol-in-Gaurhoth. Es gelang ihr, Beren zu befreien, und ihm Zuge dieser Rettung wurde Sauron vertrieben und seine Festung zerstört. Hierdurch erhielten auch all die anderen Gefangenen ihre Freiheit zurück. Viele von ihnen hatten einstmals in Nargothrond gelebt und kehrten nun in ihr altes Zuhause heim. Nun wurde dort bekannt, wie Celegorm und Curufin sich gegenüber Lúthien vergangen hatten, vor allem aber, wie lange sie von Finrods Gefangenschaft gewußt und nicht ein einziges Wort darüber verloren hatten.

Große Wut kam da im Volke gegen sie auf und einige verlangten sogar ihren Tod, doch Orodreth wollte nicht das Blut seiner Verwandten vergießen, denn dies hätte den Fluch Mandos' nur noch schwerer über sie alle gebracht. Außerdem mochte er jenen, die ihm so lange gute Freunde gewesen waren, kein Leid zufügen, auch wenn sie diese Freundschaft selbst gebrochen hatten.

Daher bestand seine erste Handlung als König von Nargothrond darin, über die Söhne Feanors zu urteilen. Und angesichts der Taten, die sie begangen hatten, die ihn verwirrten und mit Zorn erfüllten, und in Anbetracht Finrods schrecklichen Todes, der vielleicht hätte verhindert werden können, verbannte er sie aus dem gesamten Reich Nargothronds, wo sie niemals mehr Nahrung noch Obdach erhalten sollten.

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Celegorm zuckte betont gleichmütig die Schultern. Doch seine Wut war ihm deutlich anzusehen, heiß und nur mühsam beherrscht.

Curufin aber sagte nichts, denn in ihm hielten sich Zorn und Scham die Waage und hinzu kam Unverständnis, wie dies alles hatte geschehen können. Es schien ihm wie gestern, daß sie alle drei noch Freunde und eines Sinnes gewesen waren, doch jenen König dort auf dem Thron aus schwarzem Basalt kannte er nicht länger. Dieser trug lediglich noch den Namen des Freundes, mit dem er in Valinor Lieder gesungen und in Mittelerde Orks bekämpft hatte. Er begriff wohl, daß auch sein eigenes Verhalten diesen Bruch herbeigeführt hatte, doch die Treue zu seinem Bruder ließ ihn schweigen.

Und dennoch gab es einen einzigen Trost in diesem bitteren Augenblick für Curufin, und das war der Anblick seines Sohnes Celebrimbor. Was auch immer geschehen mochte, doch seinen Sohn konnte Orodreth ihm nicht nehmen. Und dieser Gedanke ließ Curufin lächeln(1).

Denn auch Celebrimbor war gekommen. Zu jener Zeit nahm er nicht mehr viel Anteil am Leben der Elben von Nargothrond. Er lebte unter ihnen und von Zeit zu Zeit sah man ihn auf einem Fest, doch seine Liebe widmete er nun allein der Schmiedekunst, und wenn er an einem ehrgeizigen Projekt arbeitete, fragte er kaum nach den Vorgängen um sich herum.

Diese Konzentration auf seine Arbeit war jedoch lediglich ein Vorwand, um Konflikten mit seinem Vater und seinem Onkel zu entgehen. Einerseits unterstützte Celebrimbor Orodreth, den er noch immer als rechtmäßigen Herrscher Nargothronds anerkannte. Andererseits mochte er nicht die Bande der Familie aufs Spiel setzen, die unter den Elben eng und kostbar waren. Aus diesem Grund vermied er die Gesellschaft anderer Elben, um einer Parteinahme zu entgehen.

Momentan hielt er Curufin noch nicht mehr für schuldig, als die Autorität Orodreths untergraben zu haben, denn Celegorm hatte seinem Bruder nicht erlauben wollen, seinen Sohn von Lúthiens Aufenthalt zu unterrichten, weil er wußte, daß der Meisterschmied treu zu Finrod stand und niemals Orodreths Führungsanspruch in Frage stellen würde. Höchstwahrscheinlich hätte der junge Elb ihre Pläne hinsichtlich Lúthiens nicht unterstützt.

Oder vielleicht fürchtete er seinen Neffen auch nur als einen Rivalen.

Doch diesem hatte Celebrimbor nicht ausweichen können. Die Gerüchte, die Vermutungen und Verdächtigungen waren sogar bis in seine tiefen Schmiedegewölbe durchgedrungen und er mußte sich ihnen stellen. Er stand etwas abseits vor den anderen Elben, musterte Vater und Onkel abwechselnd ungläubig, vorwurfsvoll und voller Schmerz. Er liebte seinen Vater, liebte ihn mit der ganzen Bedingungslosigkeit eines Sohnes, aber er hatte auch Finrod geehrt und Orodreth als dessen Regenten geachtet. Und hier kamen sie, einer nach dem anderen, halb verhungerte, abgemagerte, verletzte und verstörte Elben, die den Weg von Tol-in-Gaurhoth bis hierher nach Nargothrond gefunden hatten, und die nacheinander berichteten, was sie von Celegorms und Curufins Untaten und von Berens und Lúthiens Schicksal wußten. Einer nach dem anderen, eine Anklage der vorigen folgend.

Celebrimbor wünschte sich verzweifelt, sie würden aufhören, würden schweigen und sich zurückziehen, er wünschte, sein Vater würde vortreten und eine Erklärung abgeben, die alles erleuchten würde, denn wie jeder Sohn wollte er sich den Glauben an seinen Vater bewahren. Aber sowohl dieser als auch Celebrimbors Onkel Celegorm stand nur stumm da und beachtete die Welt um sich herum nicht.

"Und was ist mit deinem Sohn? War auch er in eure Taten eingeweiht?", fragte Orodreth ernst.

Curufin schüttelte heftig den Kopf. "Celebrimbor wußte von nichts. Entscheide über mich wie du es für richtig hältst, doch er hatte nichts damit zu tun."

"Stimmt das, Celebrimbor?"

Der Angesprochene nickte stumm. Es war also wahr, es war wirklich wahr, was über seinen Vater gesagt wurde, selbst die schlimmsten Gerüchte, die den Weg noch bis zu ihm gefunden hatten, waren nicht annähernd so schrecklich wie die schlichte Wahrheit. Die Elben um ihn herum hatten einfach nicht gewagt, ihm zu erzählen, was wirklich von seinem Vater gesagt wurde.

Etwas zerbrach in ihm.

Orodreth betrachtete Vater und Sohn mitfühlend. Hatte Curufin denn nicht an seinen Sohn gedacht, als er sich mit Celegorm auf diese Schandtaten eingelassen hatte? Hatte er sich niemals gefragt, wie Celebrimbor reagieren würde, wenn er hiervon erfuhr?

Der Meisterschmied dauerte ihn. Er mochte selbst kein Unrecht begangen haben, doch wie es auch ausging, er würde ebenso bestraft werden wie sein Vater.

Celebrimbor löste sich endlich aus seiner Erstarrung, er trat seinem Vater gegenüber und blickte tief in dessen dunkle Augen.

"Ist es wahr, Vater?"

Mehr konnte er nicht sagen, doch in seinen Augen stand die Bitte mehr als deutlich: ‚Bitte sage mir, daß es nicht wahr ist, daß ich dich weiterhin lieben und respektieren kann, wie ich es bisher tat.'

Curufin betrachtete seinen Sohn lange schweigend. Und ihm wurde plötzlich klar, daß er diesen heute verlieren würde, daß er zum letzten mal in Celebrimbors wache braune Augen sah und zum letzten mal dem geliebten Antlitz seines einzigen Sohnes so nahe war. Er würde ihn verlieren und dieser Verlust würde schmerzhafter sein, als wäre dieser gestorben. Er nickte voller Widerwillen.

Celebrimbor hielt die Luft an und seine Augen wurden rund und erfüllt von verzweifelter Sehnsucht.

"Warum hast du mir das angetan?", flüsterte er, als sei diese Frage zu schmerzlich, um laut ausgesprochen zu werden, als könne er den Schmerz verringern indem er vermied, laut darüber zu sprechen. Dann trat er einen Schritt zurück, brachte Distanz zwischen sich und seinen Vater und dieser einzige Schritt bedeutete ein ganzes Leben.

Er wandte sich Orodreth zu.

"Herr, ich schwöre Euch, daß ich von nichts wußte, und wäre es so gewesen, so hätte ich es nicht zugelassen. Darum sage ich mich hier und jetzt von meinem Vater und seinen Taten los."

Seine Stimme brach und er schluckte hart. Dann trat er noch einen Schritt zurück, noch einen Schritt weiter fort von seinem Vater und seinem früheren Leben, er stellte sich neben Gil Galad, sah jedoch weiterhin den König an.

"So sei es." Orodreth konnte den Schmerz beider, Vaters wie Sohnes, fühlen und nachempfinden, und es brach ihm beinahe das Herz. Verwandtschaft bedeutete den Elben viel und insbesondere das Band zwischen Eltern und Kindern war eng. Was Celebrimbor gerade getan hatte, bedeutete einen tiefen, unheilbaren Riß in der Familie Fëanors.

Er atmete scharf ein.

"So seid verbannt aus Nargothrond, Celegorm und Curufin aus dem Hause Feanors. Weder Obdach noch Brot sollen euch hier zuteil werden und ihr sollt fürderhin als Feinde des Reiches betrachtet werden." Er bemerkte den spöttischen Schimmer in Celegorms Augen und dies verletzte ihn noch mehr und steigerte seinen Zorn. Erbost fügte er hinzu "Geringe Freundschaft soll von heute an herrschen zwischen Nargothrond und den Söhnen Feanors!"

Curufin hörte kaum, was Orodreth sagte, sondern starrte seinen Sohn an. Er erinnerte sich an dessen Geburt, die ersten Schritte, an all das, was er ihm beigebracht hatte. Celebrimbor, wie er seine ersten unbeholfenen Buchstaben schrieb, wie er zum ersten mal in der Schmiede etwas fertigte, seiner Mutter aus einem Buch vorlas. Celebrimbor, als er ihn zum ersten mal nach ihrer Niederlage in der Dagor Bragollach wiedersah, schon fürchtend, auch er sei den Orks zum Opfer gefallen. Celebrimbor, der sich in der großen Halle mit Gil Galad unterhielt... Wäre der Schmerz nicht so unermeßlich gewesen, hätte Curufin geweint.

Celegorm jedoch musterte Celebrimbor anklagend. "Allzu viele hier haben offenbar die Bande des Blutes vergessen und das, was sie ihrer Familie schuldig sind. Bedeuten diese hier", er wies mit einer verächtlichen Geste in die Runde, "dir mehr als dein eigener Vater?"

Celebrimbor zuckte unter den scharfen Worten zusammen, doch er war selbstbewußt geworden durch seine Arbeit in der Schmiede und seine eigenen Werke.

"Nein, und Ihr wißt, daß es nicht daran liegt, wer mir wieviel bedeutet. Es geht darum, was Ihr und mein...Euer Bruder getan haben. Ihr habt Schande über unsere Familie gebracht."

Celegorm war schon immer leicht reizbar gewesen, angesichts der Offenheit des Jüngeren trat er drohend einen Schritt vor.

"Du solltest besser deine Zunge hüten, Schmied. Lerne erst Respekt gegenüber den Älteren deiner Familie, ehe du unbedachte Äußerungen von dir gibst!"

Doch dieser wich nicht zurück. "Welchen Respekt habt Ihr unserer Familie entgegengebracht? Wann habt Ihr je darüber nachgedacht, welchen Schaden Ihr ihrem Ansehen zufügt?"

Mit einer unbeherrschten Bewegung schlug Celegorm Celebrimbor ins Gesicht. Curufin griff nach seinem Arm um ihn von weiterem abzuhalten. Doch der Meisterschmied rührte sich nicht, sah dem älteren Elben nur weiterhin verächtlich in die Augen.

"Bitte, dann bleibe halt hier bei diesen Sindar, wenn dir das lieber ist", rief Celegorm. "Du brauchst dich nicht ‚von deiner Familie lossagen', wie du es nennst, denn wahrlich, von heute an sollst du nicht mehr zu uns gehören. Du bist von nun an kein Mitglied des Hauses von Feanor mehr!"

Damit wandte er sich abrupt um und zerrte seinen Bruder mit sich aus der Halle. Curufin sah nicht noch einmal zurück, um einen letzten Blick auf seinen Sohn zu werfen.

Als sie gegangen waren, wich die Anspannung aus dem Körper des Meisterschmiedes und er ließ sich wo er war auf den Boden sinken. Und eine der zunächst stehenden Elbenfrauen trat wortlos zu ihm und legte ihre schlanken Hände auf seine Schultern, federleicht und tröstend.

Orodreth erhob sich und verließ ebenfalls den Thronsaal. Er hatte gewiß nicht damit gerechnet, daß seine erst Handlung als König von Nargothrond darin bestehen sollte, zwei Männer zu verbannen, die ihm ungezählte Jahre hindurch treue Freunde gewesen waren.

Er ging durch die endlosen Korridore, bis er die Haupttore erreichte. Die Wachen grüßten ihn respektvoll, denn nun war er ihr König. Doch er lächelte nur bitter, denn er erkannte in einem von ihnen einen treuen Anhänger von Celegorm und Curufin. Diese Männer grüßten lediglich die Krone des Reiches, nicht den, der sie trug.

Er verließ die Burg. Das Rauschen des Flusses beruhigte ihn. Allerdings nur solange, bis er zur Linken Pferde wiehern und einen Hund aufgeregt bellen hörte. Es gab nur einen Jagdhund in Nargothrond, der so bellte, tief und grollend. Nur Huan konnte es sein. Und Orodreth wandte sich ab, damit er nicht gezwungen sei mitanzusehen, wie seine früheren Freunde, die ihm so viel Schmerz zugefügt hatten, Nargothrond und sein Leben für immer verließen.

Er hob unbehaglich die Schultern. Der schmale Silberreif auf seiner Stirn fühlte sich noch immer ungewohnt für ihn an und er mußte sich immer wieder zurückhalten, um nicht hinauf zu greifen und ihn zurechtzurücken. Soviel war ihm immerhin klargeworden: daß er es im Grunde auch begrüßt hatte, von Celegorm und Curufin dominiert zu werden. Ihre Anmaßung hatte sie letztenendes zu Verrätern werden lassen, doch weil es seine Last geringer machte, hatte er ihnen vieles nachgesehen.

Nachdem der König seine Halle verlassen hatte, herrschte dort beklommenes Schweigen, das sich nur langsam in halblaute ernste Gespräche auflöste. Gil Galad sah seinem Vater nach und er ahnte, wie tief diesen der heutige Tag getroffen hatte.

Finduilas trat neben ihn und umfaßte seinen Arm mit beiden Händen, drängte sich an ihn, wie sie es auch als Kind schon getan hatte, wenn sie ängstlich gewesen war. Er wandte sich ihr zu und strich ihr tröstend über das goldene Haar. "Kümmere dich um Celebrimbor", sagte er leise, "er braucht etwas Zuspruch von der Familie, die ihm geblieben ist."

Daß seine Schwester diese Ablenkung offensichtlich ebenso nötig hatte, behielt er für sich.

Sie nickte, huschte zu ihrem Vetter hinüber und faßte seine Hände.

"Er kann solche Dinge nicht entscheiden, das weißt du", flüsterte sie. "Er ist nicht das Oberhaupt eurer Familie. Nur Maedhros könnte dich ausschließen, und nach dem was passiert ist, wird er das gewiß nicht tun."

Celebrimbor achtete anscheinend kaum auf sie, doch er erwiderte ihren Händedruck und ein wenig wich die Spannung aus seinem Körper. Seit jeher hatte er eine Schwäche für seine hübsche Cousine empfunden, und er erkannte wohl die guten Absichten seiner Verwandten in ihren Bemühungen, ihn in seinem Schmerz zu trösten.

Gil Galad betrachtete die beiden einen Moment lang, bis offenbar wurde, daß Celebrimbor sich ihrem Trost nicht verschloß. Dann mischte er sich unter die anderen Anwesenden, fragte, antwortete, vermutete und genoß das Gefühl, bei ihnen zu sein, ein Heim zu besitzen. Beinahe empfand er Mitleid mit den Söhnen Feanors. Verbannung war ein hartes Urteil, das nur selten ausgesprochen wurde. Es schien beinahe undenkbar.

Er wischte die mitfühlenden Gedanken energisch fort. Nein, nicht vollkommen undenkbar. Nicht nach dem, was Celegorm und Curufin König Finrod, Lúthien und Beren angetan hatten. Der Gedanke an ihren toten Herrn, seinen Großonkel, einen seiner engsten und meistgeschätzten Verwandten, tat weh und die Schande darüber, was Lúthien in Nargothrond erlitten hatte, brannte in seinem Herzen.

König Finrod war tot und sein eigener Vater nun der Herr von Nargothrond. Es fiel ihm schwer, beides zu akzeptieren.

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An der Nirnaeth Arnoediad nahmen nur wenige aus dem Volk von Nargothrond teil, denn Orodreth wollte nicht auf das Geheiß Maedhros' hin in den Krieg ziehen.

"Nein!" Orodreth blickte sich entschieden im Raum um, maß jeden der Anwesenden mit einem harten Blick. "Wir werden uns keinesfalls daran beteiligen."

"Und was ist mit Fingon? Er hat Maedhros Unterstützung zugesagt, und er ist-"

"Ich weiß sehr genau, wer und was Fingon ist. Aber ich werde keinen Sohn Feanors unterstützen! Niemals! Nargothrond hat genügend unter ihnen gelitten. Wir sind sicher, solange wir uns ruhig verhalten und der Feind nicht weiß, wo er uns findet. So soll es bleiben."

Er sah die Bewegung seines Sohnes, und er konnte sich nur allzu gut vorstellen, was dieser sagen wollte. Sie hatten diese Diskussion bereits geführt, nachdem die Botschaft Maedhros' eingetroffen war. "Nein, Gil Galad. Versuche nicht, mich zu überreden. Das war mein letztes Wort in dieser Angelegenheit."

Der so Angesprochene neigte deutlich enttäuscht den Kopf, sagte jedoch nichts. In privater Abgeschiedenheit, seinem Vater gegenüber, hatte er am gestrigen Abend widersprechen können. Doch nicht seinem König, hier in der Ratskammer Nargothronds. Nicht nachdem dieser so endgültig seine Entscheidung getroffen hatte.

‚Trotzdem frage ich mich, warum du so handelst', dachte er. ‚Du mußt genauso wie wir sehen, daß Maedhros und Fingon jede Unterstützung brauchen, die sie bekommen können. Und welchen Wert hat Fingons Titel als Hoher König der Noldor noch, wenn seinen Anweisungen nicht mehr Folge geleistet wird?'

All dies hatte er am vergangenen Abend bereits vorgebracht. Dies und noch mehr. Doch mit einer für ihn sehr ungewohnten Dickköpfigkeit hatte sein Vater jegliche vernünftige Diskussion verhindert. Etwas, was er früher nie getan hätte. Sie waren schon häufiger geteilter Meinung gewesen, doch noch niemals hatte Orodreth sich einfach nur auf seinen Rang berufen, um sich durchzusetzen. Im Gegenteil, es war ihm immer so wichtig gewesen, seinem Sohn seine Entscheidungen zu erklären.

Gil Galad wußte nicht, wie er das Verhalten seines Vaters einordnen sollte, doch er fürchtete, es hinge mit Celegorms und Curufins dominantem Auftreten zusammen. Aber war seinem Vater denn nicht klar, daß niemand hier in Nargothrond ihn so behandeln würde, wie diese beiden unwürdigen Vertreter ihrer Familie es getan hatten?

Es war eine Kluft zwischen ihnen entstanden, ein erstes Entfremden. Orodreths unausgesprochene Gefühle von Schuld und Scham standen wie ein Wall zwischen ihm und seinem Sohn, und der junge Elb wußte nicht, wie er die angespannte Situation zwischen ihnen bereinigen sollte.

Nach der Besprechung blieb Orodreth allein in der Ratskammer zurück. Er betrachtete eingehend die Efeuranken darstellende Steinmetzarbeit an einem Türrahmen und fuhr mit einem Finger deren Umrisse nach. Vor langer Zeit, in einem anderen Leben, so schien es ihm nun, hatte er selbst die Verzierung aus dem Stein gemeißelt. Lange vor seiner Reise nach Brithombar, bevor Helegethir ihm ihre Liebe und später die beiden wundervollsten Kinder geschenkt hatte. Seine Kinder....

Sich selbst gegenüber konnte der Herr von Nargothrond zugeben, was er keinem anderen eingestanden hätte: daß es nicht nur Zorn über Celegorms und Curufins Verhalten war, der seine Entscheidung gefestigt hatte.

Er war niemals mit einem außergewöhnlichen Gespür für die kommenden Ereignisse versehen gewesen, nicht zu vergleichen mit dem Finrods oder gar Círdans. Doch bei diesem Kampf, dieser so kühnen Herausforderung von Morgoths Macht hatte er ein ungutes Gefühl. Und er wollte seine Leute schützen, er wollte sie nicht in einen Kampf schicken, von dem er das sichere Gefühl hatte, daß er nur zu Unglück und Tod führen würde.

Und ganz gewiß wollte er seinen Sohn dort heraushalten.

Deshalb, und hauptsächlich deshalb, hatte Orodreth jegliche Teilnahme an der Schlacht nicht nur abgelehnt, sondern es seinen Leuten rundweg verboten, daran teilzunehmen. Es war seiner nicht würdig, es ziemte sich nicht für ihn als Herrn von Nargothrond, seine eigenen Interessen über die aller Eldar zu stellen. Doch er hatte seine Kinder nicht vor Celegorm und Curufin schützen können und allein ein glückliches Schicksal hatte verhindert, daß sie ernsthaften Schaden genommen hatten. Er wollte diesmal ein richtiger Vater sein und dafür sorgen, daß sein Sohn nicht in Gefahr geriet.

Doch das konnte er niemandem sagen, nicht einmal Helegethir, die mehr über ihn wußte und ihn besser kannte, als jeder andere. Niemand sollte von dem Gefühl des Versagens erfahren, das er gegenüber seinen Kindern hegte. Gegenüber Gil Galad, der mitansehen mußte, wie seines Vaters Macht von zwei Usurpatoren untergraben wurde, und gegenüber Finduilas, die Schutz vor deren Zudringlichkeiten nicht bei ihrem Vater, sondern bei ihrem Bruder gefunden hatte.

Der Gedanke macht ihm das Herz erneut schwer.

Die Elben Nargothronds reagierten mit Verwunderung auf die Entscheidung ihres Königs. Nachdem Finrod Felagund ohne zu Zögern seine Hilfe bei der Dagor Bragollach geleistet hatte, wieso sollte es jetzt anders sein? Allzumal der Hohe König selbst um ihre Unterstützung gebeten hatte?

Und es gab einige, die sich mit dieser Entscheidung nicht abfinden konnten. Die Verwandte, Freunde, Geliebte verloren hatten, die sich Tag für Tag mit dem Schmerz des Verlustes quälen mußten. Und einer von ihnen war Gwindor.

Er hatte Glück gehabt, überhaupt lebend von den Schlachtfeldern des Nordens zurückgekehrt zu sein. Dennoch konnte er sich dessen nicht recht erfreuen. Denn in jener grausamen Schlacht, als die Orks und Warge und anderen Kreaturen Morgoths sie umzingelt hatten, als es schien, als würde Nargothrond seinen König verlieren, hatte sein Bruder Gelmir sich verzweifelt den Feinden entgegengeworfen. Und im Tumult des Kampfes hatte Gwindor ihn aus den Augen verloren.

Er wußte bis heute nicht, was aus Gelmir geworden war, ob er gefallen oder von den Orks gefangengenommen sein mochte. Die Ungewißheit nagte an ihm, und selbst Finduilas' Liebe und Verständnis konnten daran nichts ändern. Zwar hatte er wenig Kontakt mit seinem Bruder gehabt, der lieber mit den Grenzwachen unterwegs gewesen und nur selten nach Tol Sirion gekommen war. Nichtsdestotrotz bedeuteten sie einander viel und Gwindor konnte den Gedanken kaum ertragen, sein jüngerer Bruder könne tot oder der Folter Morgoths unterworfen sein.

Doch was auch immer geschehen sein mochte, Gwindor wollte Rache nehmen dafür. Und insgeheim hegte er die Hoffnung, die Elben mochten siegreich sein und die Minen und Kerker von Angband stürmen. Wenn sein Bruder noch am Leben sein sollte, würde er ihn finden und nach Hause bringen.

Er scheute sich zunächst, Finduilas seine Entscheidung bekanntzugeben. Er fürchtete ihre Reaktion. Doch obwohl sie ihre Tränen nicht zurückhalten konnte, Tränen der Trauer um Gelmir und Tränen der Sorge um Gwindor, bat sie ihn dennoch nicht, bei ihr zu bleiben, es sich noch einmal zu überlegen oder auf ihren Vater zu hören.

"Ich verstehe deine Gefühle, Liebster", sagte sie leise. Dann warf sie einen vielsagenden Seitenblick zu ihrem Bruder, der ein wenig entfernt auf der Wiese vor den Toren der Burg saß, die viele Elben an sonnigen Tagen nutzen, um sich im Freien aufzuhalten. Heute lag kein Buch, sondern ein Übungsschwert neben ihm, während er zusah, wie statt seiner nun Gildor vom Schwertmeister malträtiert wurde.

Finduilas' Blick wurde weich. Gwindor liebte es, sie so zu sehen. So voller Liebe. Eines Tages würde sie ihre gemeinsamen Kinder so ansehen, dessen war er sich sicher.

"Ich verstehe dich", wiederholte sie. "Ich weiß, was es bedeutet, einen Bruder zu haben. Ich mochte Gelmir sehr, und ich hoffe, deine Wünsche werden sich erfüllen und er kann zu uns zurückkehren." Dann wandte sie sich Gwindor zu und legte eine Hand auf seine Wange. "Aber bitte sei vorsichtig. Ich habe Angst dich zu verlieren. Wage nicht mehr, als du wagen mußt."

Er rückte näher und legte einen Arm um sie, eine außergewöhnlich intime Geste, denn normalerweise hielt er sich in der Öffentlichkeit mehr zurück. "Ich werde vorsichtig sein, Finduilas. Ich verspreche es dir."

Sie beugte sich zu ihm und küßte ihn sanft auf die Lippen.

Am Abend dieses Tages teilte er Orodreth offiziell seine Entscheidung mit. Der König war alles andere als zufrieden damit. Insbesondere nach den Erfahrungen der Vergangenheit traf es ihn tief, daß von allen ausgerechnet Gwindor seinen Weisungen zuwiderhandelte. Gwindor, der immer treu zum Haus des Königs gestanden hatte, und dies beileibe nicht nur wegen seiner Bindung zu Finduilas.

Orodreth fürchtete auch um den jungen Mann, den er mittlerweile als Teil seiner Familie betrachtete. Er hatte gehofft, diesen schon bald als seinen Schwiegersohn zu sehen, als Gatten seiner geliebten Tochter. Sie wäre untröstlich, sollte Gwindor etwas zustoßen, denn auch wenn die beiden den Bund noch nicht geschlossen hatten, waren sie in jeder anderen Hinsicht von einem gebundenen Paar nicht zu unterscheiden. Sollte Gwindor sterben, war es möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß Finduilas aus Kummer diese Welt verlassen und ihm in die Hallen des Wartens folgen würde.

Doch Gwindor blieb unerschütterlich in seiner Entscheidung und harte Worte wurden zwischen ihnen gewechselt.

Schließlich jedoch gab Orodreth nach, da er keinen Bruch mit dem Mann, den seine Tochter so innig liebte, riskieren wollte. So gab er ihm schließlich seine Erlaubnis, und mehr noch, er gestattete jedem, der es wünschte, Gwindor zu begleiten.

Dies überraschte viele angesichts seiner anfangs so harschen Ablehnung. Doch Orodreth hoffte, damit Gwindor mehr Sicherheit zu verschaffen. Er wußte, daß der junge Elb bessere Chancen auf Überleben hätte, wenn er in einer Schlacht von Kriegern umgeben war, die er kannte und für die er mehr war als nur ein Gesicht aus einem fernen Reich.

"Du kannst einem Mann vieles verbieten, doch wenn sein Herz fest entschlossen ist, provozierst du damit nur Ungehorsam", erwiderte Orodreth später auf den milden Vorwurf seines Sohnes. "Wenn ich Gwindor zwinge zu bleiben, wird es höchstwahrscheinlich seinen Willen brechen. Und was hätte aus Finduilas werden sollen, mit ihrem Vater auf der einen und ihrem Geliebten auf der anderen Seite? Zu wem hätte sie halten sollen?"

Es klang vernünftig genug, doch Gil Galad hatte den Eindruck, daß vor allem Gwindors Ausdauer in dieser Angelegenheit die Entscheidung herbeigeführt hatte. Sein Vater besaß einfach nicht mehr die Kraft, sich einem Hindernis lange entgegenzustellen. Der Mann, der stundenlang über einem kniffligen Puzzle aus Büchern, Berichten, Quellen und Vermutungen sitzen und schließlich die richtigen Schlüsse ziehen konnte, hatte seine Ausdauer verloren, wenn er sich einem lebenden Gegner gegenübersah.

Eine Woche später verließ Gwindor mit seinen Leuten Nargothrond. Sie trugen nicht das Banner Finrods, denn Orodreth hatte nicht die Absicht, sie offiziell in seinem Namen auftreten zu lassen. Gerade als Gwindor die Zügel seines Pferdes nahm um aufzusteigen, hielt Orodreth ihn noch einmal zurück.

"Du trägst de Verantwortung für sie, Gwindor. Und du trägst auch die Verantwortung für Finduilas. Vergiß das nicht."

Gwindor nickte ernst. "Ich werde es nicht vergessen, Herr."

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Die Elben Nargothronds warteten lange auf Nachrichten vom Schlachtfeld oder auf die Rückkehr ihrer Krieger. Doch erst mehrere Monate später trafen Boten von den Falas ein und erzählten ihnen vom schrecklichen Ausgang der Nirnaeth Arnoediad, wie die Schlacht bereits genannt wurde.

Trauer und Schrecken herrschten im gesamten Reich. Die ganze Zeit hatten sie gehofft, ihre Leute seien lediglich versprengt worden oder hätten sich aus irgendwelchen anderen Gründen gemeinsam mit den Truppen des Hohen Königs zurückgezogen. Jetzt erfuhren die Elben, daß sie keinen von denen, die ohne des Königs Segen ausgezogen waren, je wiedersehen würden. Viele heimliche Blicke glitten hinüber zu Finduilas, als der Elb, den Círdan gesandt hatte, mit Tränen in den Augen dem König seine unglückselige Botschaft überbrachte.

Gil Galad, kaum weniger geschockt als seine Schwester selbst, ging zu ihr und faßte von hinten ihre Schultern. Er spürte ihr Zittern und wünschte all diese Leute weit weg, damit sie endlich ihren Gefühlen freien Lauf lassen konnte.

Doch sie mußten zunächst die ganze Nachricht hören, und der Bote wurde noch verzweifelter, als er ihnen vom Tod ihres Hohen Königs Fingon berichtete. Die Sindar im Raum waren weniger betroffen, denn wenn Fingon auch ihr König gewesen war, weil sie selbst in einem Noldor-Reich lebten, so bedeutete er den meisten von ihnen jedoch nicht mehr als ein Name und Boten aus Hithlum, die ab und zu eintrafen.

Jedoch die Noldor waren tief getroffen, insbesondere jene, die den Sohn Fingolfins noch selbst gekannt hatten. Orodreth erinnerte sich wehmütig an seinen stets tapferen und fröhlichen Vetter.

Helegethir runzelte die Stirn. "Und was ist mit seinem Bruder? Hat Turgon an der Schlacht teilgenommen? Oder hat sich Gondolin ferngehalten?"

"Nein Herrin, Turgon ist an der Spitze einer großen Truppe erschienen. Und dank des Eingreifens von Húrin und Huor von den Edain konnte er entkommen."

Die Königin atmete erleichtert auf und wußte doch nicht einmal, was diese Erleichterung hervorgerufen hatte: die Tatsache, daß Gondolin schlußendlich doch seine scheinbare Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der restlichen Noldor in Beleriand aufgegeben hatte, oder das Überleben Turgons. Nun würde er seinem Bruder Fingon als Hoher König der Noldor in Mittelerde nachfolgen.

Aber dieses Gefühl schwand bald. Der Kummer ihrer Tochter, den sie wie die Wärme eines nahen Feuers spüren konnte, mischte sich mit der Trauer über all jene, die sie verloren hatten, ganz besonders um Gwindor, der ihr ein zweiter Sohn hätte werden sollen.

Nachdem Círdans Gefolgsmann geendet hatte, warf Finduilas ihrem Vater einen kurzen, entschuldigenden Blick zu, ehe sie sich erhob und eilig den Saal verließ.

Orodreth nickte Gil Galad zu. "Sie braucht dich, also geh."

Sein Sohn zögerte nicht, sondern folgte Finduilas sofort. Er hatte wirkliche Angst davor, sich dem endlosen Kummer seiner Schwester stellen zu müssen, der seinem eigenen noch hinzugefügt wurde.

‚Bitte, 'Las, laß mich nicht allein', dachte er. ‚Bitte sei stark genug dies zu überstehen, bitte...'

Natürlich wußte er, daß Eldar ihr Leben ablegen konnten, um einem überwältigenden Kummer zu entkommen, und sich freiwillig in Mandos' Hallen begaben. Er war mehr als einmal Zeuge davon geworden, wie Männer und Frauen an gebrochenem Herzen starben. Wenn auch Finduilas starb, wie sollte er dies ertragen?

Zum ersten mal schien es ihm ein Vorteil, daß seine Schwester Gwindor noch nicht geheiratet hatte. Und zur gleichen Zeit fühlte er sich von diesem Gedanken beschämt. Sie hätten sich wenigstens ein paar gemeinsame Jahre verdient!

Er fand Finduilas in ihrem Zimmer, wo sie auf ihrem Bett saß und auf ihre ineinander verschränkten Hände herabsah, immer noch halb betäubt von der Nachricht von Gwindors Tod. Es war schrecklich, sie so zu sehen, still und bewegungslos.

Er setzte sich neben sie, legte einen Arm um ihre schmalen Schultern und faßte mit der freien Hand eine der ihren. Kein Wort wurde gesprochen, denn es gab keines.

Nach einer Weile seufzte Finduilas tief und drückte ganz leicht die Hand ihres Bruders.

"Glaubst du, er wird lange Zeit in Mandos' Hallen verbringen?" Ihr Stimme zitterte.

"Nein. Nein, ich glaube nicht, 'Las."

"Wirklich nicht? Ich mache mir Sorgen um seinen fea, weißt du. Er gehört zu uns, zu den Noldor, über ihm liegt der Bann genau wie über uns und...und...oh, ich wünschte, Vater hätte Aman niemals verlassen, 'Ellach, ich werde ihn niemals wiedersehen!" Sie wandte sich ihrem Bruder zu und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Endlich und sehr zu seiner Erleichterung begann sie zu weinen.

Unter der Bevölkerung Nargothronds herrschte nichtsdestotrotz Erleichterung darüber, daß nur so wenige von ihnen der Nirnaeth Arnoediad zum Opfer gefallen waren, und man lobte Orodreths Klugheit und Weitsicht.

‚Sie wissen nicht, was mich wirklich zurückgehalten hat', dachte der König. ‚Mein Handeln mag im nachhinein gesehen richtig gewesen sein, doch meine Motive waren falsch.' Dann blickte er durch die Halle, wo hoch oben auf der anderen Seite das Banner Fingons gerade abgenommen wurde, um es durch das seines Bruders Turgon zu ersetzen.

"Du weißt, was das bedeutet?"

Er wandte sich Helegethir zu, die sehr ernst gesprochen hatte und besorgt das Banner betrachtete. Zum Zeichen ihrer Trauer trug die Herrin Nargothronds ein Kleid in mattem Braun und ihr Haar war im Nacken zu einem schlichten Zopf geschlungen. "Turgon ist jetzt Hoher König der Noldor, aber er hat keinen Erben und wird auch keinen mehr hervorbringen. Sollte Gondolin fallen, wird die Hohe Königswürde auf das Haus von Finarfin übergehen." Die Stimme der Königin machte deutlich, wie wenig sie dies schätzen würde.

Er nahm ihre Hand in die seine und drückte sie sacht. "Gondolin ist sicher. Niemand weiß wo es liegt und niemand wird es je erfahren. Es ist stärker als jedes andere Reich unseres Volkes in Beleriand. Es wird nicht fallen."

"Gut. Ich will es nicht. Und ich will nicht, daß unsere Kinder mit dieser Bürde belastet werden."

‚Aber sie sind es doch schon', dachte Orodreth. ‚Erkennst du es denn nicht? Ob es uns gefällt oder nicht, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, in diesem Moment ist 'Ellach nur noch zwei Schritte vom Thron entfernt. Früher wäre mir das sehr weit vorgekommen, doch jetzt...Turgon hat diesen Weg in weniger als fünfhundert Jahren zurückgelegt, und die Zeiten werden gefährlicher.'

Und er sah sich in der großen, von einem verhaltenen Klagelied erfüllten Halle um, bis er seinen Sohn fand, der zu seiner Rechten vor einer der großen Feuerstellen stand und nachdenklich vor sich hin starrte. Und er fragte sich, ob Gil Galad sich wohl ebenso der Konsequenzen dieser Schlacht für sein Leben bewußt war.

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Tatsächlich hätte Finduilas beinahe das Leben, das ihr ohne ihren Geliebten grau und trostlos erschien, abgelegt und Zuflucht und Frieden in den Hallen Mandos' gesucht. Ihre Familie fürchtete lange, sie zu verlieren und bemühte sich sehr um sie. Manchmal kam es Gil Galad so vor, als sei er wieder auf Tol Sirion und kümmere sich erneut um seine neugeborene Schwester. So oft er es einrichten konnte war er bei ihr, sprach mit ihr, hielt sie im Arm wenn sie weinte, behütete ihren Schlaf. Immer sanft, immer voll brüderlicher Liebe und immer voll Angst, sie könne ihn verlassen.

Bis sie eines Tages buchstäblich aus ihrer Lethargie erwachte und den Schmerz beiseite schob. Finduilas hatte sich für das Leben entschieden.

Dennoch nahm sie erst nach vielen Monaten wieder am Anteil am Leben um sich herum. Und sie blieb ruhig und bedrückt und lächelte nur noch wenig.

Zu jener Zeit hörten sie von den großen Taten, die in Dor-Cúarthol begangen wurden, dem ‚Land von Helm und Bogen', westlich von Doriath, im Gebiet um den Amon Rûdh, jedoch hauptsächlich südlich davon. Im Süden erstreckte es sich bis zu den Fennen des Sirion und berührte die Grenzen Nargothronds im Westen. Jedoch war diese enge Nachbarschaft nicht der Hauptgrund für die Aufmerksamkeit, welche die Elben diesem Land widmeten.

Es hatten dort zwei Männer, welche die ‚Zwei Kapitäne' genannt wurden, viele tapfere und wagemutige Gefolgsleute um sich geschart. Es waren größtenteils Geächtete und sie fügten den Orks große Verluste zu. Der Ruhm ihrer Taten drang bis in die Elbenreiche, nach Doriath ebenso wie nach Nargothrond.

Viele Elben in der verborgenen Burg waren bereits unzufrieden mit ihrer heimlichen Art zu kämpfen. Denn seit dem Tag, als Beren mit seinem Hilfsgesuch gekommen war und Celegorm das Volk von Nargothrond mit seinen Warnungen vor der Macht Morgoths so sehr in Angst versetzte, hatte sich die Kampfesweise der Elbenkrieger verändert. Hatten sie zuvor aus der Verborgenheit der Wälder heraus jede Orkbande erschlagen, die ihren Weg in das Reich zwischen Doriath und den Falas gefunden hatte, und waren Fremden unfreundlich und abweisend gegenübergetreten, so töteten sie nun aus Furcht vor Verrat an Morgoth viele, die in ihr Gebiet eindrangen, auch Menschen und manchmal sogar Elben. Angst und Scham lagen wie eine schwere dunkle Wolke über dem Volk von Nargothrond.

Daher beschwerten sich immer wieder Elben bei Orodreth, und es waren zumeist die Jüngeren, Unerfahreneren und Wagemutigen.

"Es sind Menschen, Zweitgeborene, bloße Geächtete, die dort kämpfen, und seht, welchen Schaden sie den Orks zufügen. Wenn diese also schon so viel ausrichten können, was könnte dann erst Nargothrond mit all seiner Macht erreichen? Was könntet Ihr erreichen, Herr?"

Mit einer nervösen, unruhigen Handbewegung strich der Sprecher der Gruppe sich sein dunkles Haar hinter seine Schulter zurück. Acht Elben waren gekommen um ihren Herrn zu einer Änderung seiner Verteidigungspolitik zu bewegen.

Ein anderer fügte schneidend hinzu "Sollen wir uns hinter Geächteten verstecken, wie sich Celegorm und Curufin hinter Lúthien versteckten?"

Orodreth erblaßte sichtlich angesichts dieses Vorwurfs, doch er beherrschte sich, während andere aufsprangen und den Elben ob seiner Unbotmäßigkeit mit harschen Worten bedachten – selbst Mitglieder seiner eigenen Gruppe.

"Was ihr vorbringt hat Wert", sagte er schließlich, und die jungen Elben atmeten schon erleichtert auf. Aber dann fuhr der Herr Nargothronds mit scharfer Stimme fort "Wert für den, der allein auf Ruhm aus ist und jeden kleinen Schaden, den Morgoth vielleicht nicht einmal spürt in all seiner Macht, als großen Erfolg ansieht. Ich aber habe an die Sicherheit unseres Volkes zu denken, die Sicherheit all jener, die nicht kämpfen können oder nicht so kampfeslustig sind wie ihr. Wobei ich bemerken möchte, daß keiner von euch die Schlachtfelder des Nordens bereits miterlebt hat."

Der König hatte allen Grund, so zu sprechen, denn vor kurzem erst hatte er eine Nachricht von König Thingol erhalten, in der dieser ihn vor der wachsenden Macht Morgoths warnte. Und Orodreth war nicht gewillt, einen Rat Thingol Graumantels zurückzuweisen, der bereits Anführer seines Volkes gewesen war, noch ehe die Vanyar und Noldor Mittelerde verlassen hatten, um dem Ruf der Valar zu folgen.

Die jungen Elben sahen betreten zu Boden, denn tatsächlich besaß keiner von ihnen Erfahrungen in wirklichen Schlachten. Sie waren alle in Nargothrond geboren worden und zu Zeiten der Dagor Bragollach noch zu jung gewesen, um an ihr teilzunehmen. Sie kannten nur Scharmützel mit Orkbanden.

Schließlich hob ihr Sprecher stolz den Kopf. "Wenn Nargothrond also schon nicht kämpfen will, so laßt uns zu ihnen gehen und mit ihnen gemeinsam Beleriand verteidigen."

"Und damit die Späher des Feindes auf unsere Spur bringen?", fragte Orodreth. "Noch sehen sie nur Zweitgeborene, und die Ansiedlungen der Edain kennt der Feind. Doch was, frage ich euch, wenn auch nur ein einziger von euch gefangen und lebend vor Morgoths Thron gebracht wird? Würdet ihr seinen Foltern widerstehen können? Nein, einem Valar könntet ihr euren Geist nicht verbergen und schlußendlich wüßte er, wo Nargothrond zu finden ist. Dieses Risiko werde ich nicht eingehen. Es war bereits unklug, Gwindor und seine Leute in die Nirnaeth ziehen zu lassen, noch einmal werde ich diesen Fehler nicht begehen."

Er warf einen entschuldigenden Seitenblick auf Finduilas, deren schöne blaue Augen sich mit Tränen füllten angesichts einer solch schrecklichen Möglichkeit. Dann erhob Orodreth sich, zum Zeichen, daß er nun seine endgültige Entscheidung bekanntgeben würde.

"Keiner von euch wird Nargothrond verlassen, um sich den Zwei Kapitänen anzuschließen."

Damit entließ er die Elben.

Trotz dieser Worte achtete Angrods Sohn durchaus die Zwei Kapitäne für ihren Wagemut und den ihrer Gefolgsleute. Daher sandte er einen einzigen Mann mit einer Botschaft für sie nach Dor-Cúarthol. In dieser Botschaft drückte er seine Anerkennung für ihren Erfolg im Kampf gegen Morgoths Orks aus. Doch forderte er auch sie in ernsten Worten auf, bei all ihren Taten und Plänen weder ihre Gruppe nach Nargothrond zu führen, noch die Orks in jenes Land zu treiben, da er andernfalls gezwungen wäre, die Sicherheit seines Volkes auch gegen sie zu verteidigen. Und er machte deutlich, daß sie von Nargothrond keine Hilfe im Kampf, weder durch Männer noch durch Waffen, zu erwarten hätten.

"Dennoch soll euer Kampf und der Nutzen, den ihr den Elben und Menschen Beleriands bringt, nicht vergeblich noch vergessen sein. Darum sage ich euch die Hilfe Nargothronds in Notlagen zu, solange es keine Kriegsmittel sind, um die ihr bittet."

Die Botschaft wurde abgeliefert, und auch wenn die Zwei Kapitäne niemals Gebrauch von dem Hilfsangebot machten, waren sie doch ermutigt durch die Achtung, die ihnen der König von Nargothrond damit erwies. Sie sandten den Boten zurück und baten ihn, seinem Herrn ihren Dank auszurichten, und sie versprachen, weder ihre Leute nach Nargothrond zu führen, noch die Orks gegen die Grenzen jenes Reiches zu treiben.

Doch die Nachricht erreichte ihren Empfänger niemals. Denn auf seinem Rückweg wandte sich der Bote zunächst direkt westwärts, in der Absicht, erst am Zusammenfluß von Ginglith und Narog nach Süden abzuschwenken und diesem flußabwärts zu folgen. Auf diese Art wollte er vermeiden, die Lage der Burg am Narog preiszugeben, denn er vertraute den Geächteten nicht.

Doch wurde er auf diesem Umweg von einer Gruppe von Spähern Morgoths aufgespürt und durch einen Pfeil getötet und kehrte nie wieder in seine Heimat zurück.

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Die Elben von Nargothrond trauerten lange um jene, die in der Nirnaeth Arnoediad gefallen waren. Sie hofften noch viele Jahre, einige von ihnen mochten ihren Weg nach Hause finden, doch diese Hoffnung erlosch nach und nach.

Einer kehrte jedoch nach vielen Jahren in der Sklaverei Morgoths zurück. Und dies war Gwindor selbst.

Denn es gelang ihm, aus den Minen Angbands zu fliehen. Er war schwach und verletzt, doch ihm wurde von Beleg Cúthalion geholfen, als dieser auf der Suche nach Túrin war, den die Orks gefangengenommen hatten. Es gelang den beiden Elben, Túrin zu befreien, doch er tötete Beleg, ihn irrtümlich für einen Feind haltend, und die Trauer darüber verließ ihn nie wieder.

Gwindor aber nahm sich seiner an und führte den Menschen nach Nargothrond. Dort wurden sie bald von den Grenzwachen gefangengenommen, und nur mühsam konnte Gwindor sie davon überzeugen, ihn und Turin nicht sofort zu töten. Sie erkannten nämlich den Sohn Guilins nicht, der von den Mühen in der Sklaverei gebeugt und schrecklich verändert war, wie einer der Alten unter den Zweitgeborenen.

Schließlich überzeugte Gwindor die Wachen davon, daß er zum Volke Nargothronds gehöre und sie eine Entscheidung über sein Schicksal nicht zu treffen hätten. Er berief sich auf das Urteil Orodreths, daher führten die Wachen sie gefesselt vor den König.

Und so kam Turin nach Nargothrond.

Fußnoten

(1) Im Silmarillion lächelte Curufin erst, nachdem Orodreth sein Urteil gesprochen hatte, und ich habe mich immer gefragt, wieso er dies tat, da die Situation alles andere als amüsant war. Dies ist meine Interpretation, obwohl sie natürlich nur funktioniert, bevor Celebrimbor sich von seinem Vater lossagte. AU, ich weiß, aber nur ein klein wenig... ;)