Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel VI – Túrin Mormegil
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Danksagung: dem ominösen Geschöpf, welches für mich das Beta-reading erledigt. Vieleviele Orkkekse dem ominösen Geschöpf! J
Widmung: meinem Freund Bladorthin, der mit mir Charaktere und Geschehnisse durchgesprochen hat. Gute Besserung und komm bald wieder auf die Beine!
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VI Túrin Mormegil
Es war bereits Abend, als Gwindor und Túrin die versteckte Burg erreichten. Das Rauschen des Narog zur Linken klang laut in Túrins Ohren, doch für Gwindor war es der Gesang der Heimat.
Nachdem sie die Burg betreten und das mittlere Tor sich wieder hinter ihnen geschlossen hatte, nahmen ihnen die Wachen ihre Fesseln ab. "Es würde euch nichts nutzen, wolltet ihr fliehen oder kämpfen, denn niemals kämet ihr lebend durch die Tore Nargothronds", sagte der Anführer der Torhüter mit einer deutlichen Warnung in seinem Blick. Dann führte man die beiden Weggefährten, Elb und Mensch, in die Versammlungshalle, um sie dem Urteil des Königs zu unterwerfen.
Voller Staunen trat Túrin in den großen Saal. Zuletzt hatte er in Menegroth so viel Kunstfertigkeit und so viel edles Volk zugleich gesehen, doch hatte er nicht geglaubt, daß es solche Schönheit und Pracht auch außerhalb von Doriath geben könne. Die Hallen Nargothronds wurden von kunstvoll bearbeiteten Säulen gestützt, die teilweise verschlungen wie verzweigte Äste waren, überall hingen feingewebte Gobelins, und viele der blauleuchtenden feanorischen Lampen, von denen er bisher nur gehört hatte, erleuchteten die Halle. Er verlangsamte seinen Schritt und trat beiseite, um eine von ihnen genauer zu betrachten, doch der hinter ihm gehende Wächter legte eine Hand auf seine Schulter und schob sacht ihn weiter. Alles was er erkennen konnte war ein strahlender Kristall in einem feinen Gespinst aus dünnen Ketten(1) . Und trotz all dieser Pracht wirkte Nargothrond nicht überladen, und es war leicht zu vergessen, daß die Burg tief in den Sandstein des Hoch Faroth geschlagen war.
Die Noldor, die einen nennenswerten Teil der Bevölkerung ausmachten, erschienen ihm kräftiger gebaut als die Sindar Doriaths, stolz und selbstbewußt waren sie und die Erinnerung an Leid und Kämpfe stand in ihren Augen. Und wiewohl sie nichts von der Anmut der Eldar verloren hatten, waren sie doch härter und entschlossener in ihrer Erscheinung. Túrins Herz wurde schwer angesichts des Wissens, daß die Elben von Nargothrond niemals offen kämpften, denn er war sich sicher, sie hätten großen Ruhm geerntet. Viele von ihnen trugen noch das Strahlen von Valinor in ihren grauen Augen und in ihre Gesichter war die Weisheit jener geschrieben, welche die Valar erblickt hatten.
Der Raum war angefüllt mit lachenden und sich unterhaltenden Elben. Kaum jemand achtete auf sie, denn in ihren zerschlissenen Umhängen sahen sie wie Grenzwächter aus, die nach langem Dienst in die Stammburg zurückgekehrt waren, und Túrin, der dunkelhaarig, hellhäutig und schön von Angesicht war, unterschied sich nicht auffallend von den Noldor.
Vor ihnen stand auf einer Empore der Thron Nargothronds aus schwarzem Basalt und Orodreth erwartete sie dort. Túrin besaß ein stolzes Herz, doch selbst er empfand nach all der Zeit in der Wildnis ehrfürchtige Scheu vor dem König, der ihm gebieterisch und weise erschien. In Doriath hatte er viel von den Herren Nargothronds gehört, die verwandte König Thingols waren, und er wußte, daß der hellhaarige Elb dort auf dem Thron einer der größten Schriftgelehrten der Noldor, womöglich sogar aller Eldar war.
Als sie beinahe die Stufen der Empore erreicht hatten fiel Túrin auf, daß Gwindor unverwandt zur Seite starrte, und als er dem Blick des Elben folgte, sah er in einer Ecke eine goldhaarige Elbenfrau sitzen, in helles Grün gekleidet, die zufrieden lächelnd dem Lied einer anderen zuhörte, während sie einem neben ihr sitzenden Elben das lange dunkle Haar zurückflocht. Er trug ebenfalls grün, allerdings in einem gedämpften Ton. Es war eine Geste vertrauter Zuneigung und Túrin glaubte zunächst, es möge ihr Gatte sein.
"Dies ist Finduilas, die Tochter des Königs", erklärte Gwindor ihm leise und Túrin bemerkte, wie dessen Blick sehnsüchtig und weich wurde. Es folgten keine weitere Erklärungen, so fragte Túrin schließlich, wer der Mann bei ihr sei.
Gwindor sah zu ihm. "Gil Galad, ihr Bruder."
Die Kinder Orodreths aber bemerkten die Ankömmlinge zunächst nicht, so vertieft waren sie in den Gesang.
Gwindor trat vor den König und begrüßte ihn ehrerbietig, und als Orodreth ihn fragte, wer sie seien und was sie in Nargothrond gesucht hätten, seufzte er schwer.
"Herr, einst war hier meine Heimat, doch geriet ich in die Gewalt Morgoths und erst vor kurzem ist mir die Flucht gelungen."
Orodreth betrachtete ihn forschend. "So sage uns deinen Namen und den deines Begleiters, denn er ist einer der Edain und dich scheint niemand hier zu kennen."
Statt einer Antwort an den König trat Gwindor nun zu dessen Kindern und verneigte sich vor Finduilas.
"Ich grüße Euch, Herrin. Vielleicht werdet Ihr mich erkennen, denn ich habe Euer viel gedacht und Eure Schönheit auch in den Stunden meiner Verzweiflung niemals vergessen."
Die Geschwister sahen sich zu ihm um. Gil Galad erkannte Gwindor nicht, doch die Hände der Elbenprinzessin verharrten regungslos in den dunklen Haarsträhnen ihres Bruders, bis dieser den Kopf wandte und sie fragend ansah.
Die Tochter Orodreths erhob sich und trat auf den gebeugten und so schrecklich veränderten Elben zu. Sie musterte ihn gründlich, dann legte sie sacht eine Hand an seine Wange und strich mit den Fingerrücken darüber. Er konnte ihr Zittern auf seiner Haut fühlen.
"Lange bist Du fort gewesen, Gwindor. Wir hielten dich für tot." Ihre Stimme brach und sie sagte nichts mehr, doch Tränen rannen über ihr Gesicht.
"Faelivrin", flüsterte Gwindor und streckte eine Hand aus, um diese Tränen abzuwischen, doch als er sie sah, abgearbeitet und vernarbt vor Finduilas glatter weißer Haut, da war ihm dieser Kontrast unerträglich und er zog sie rasch wieder zurück. Finduilas aber warf ihm einen fragenden Blick zu, denn sie verstand sein Verhalten nicht.
Ihre schönen Augen glitten hinüber zu Túrin. "Sage uns, wer dein Begleiter ist. Denn er scheint einer aus den Häusern der Elbenfreunde zu sein."
Aber Túrin wollte nicht, daß sein Name bekannt wurde, und nannte sich Agarwaen, Sohn von Úmarth, der Blutbefleckte, Sohn des Unglücks. Die Elben ringsum tuschelten, als sie diesen düsteren Namen hörten, getragen von einem Mann, der trotz seiner Jugend selbst kaum weniger düster erschien, schwarzhaarig, mit einem großen schwarzen Schwert an seiner Seite, und der Erinnerung an großes Leid in den Augen.
Helegethir tauschte einen kurzen Blick mit Orodreth. Sie brauchten keine Worte, um sich in diesr Angelegenheit zu verstehen, und nachdem der König kurz nickend sein Einverständnis gegeben hatte, erhob sich die Königin von der Seite ihres Gatten und trat zu Gwindor und Túrin. In ihrem Haar schimmerte der schmale Silberreif, das Zeichen ihrer Würde, im Licht der feanorischen Lampen.
"So seid willkommen, Gwindor, Guilins Sohn und Agarwaen von den Edain. Es ist offensichtlich, daß lange und schwere Mühen hinter euch liegen und ihr viel gelitten habt. Nun ruht euch aus und findet Heilung von eurem Leid. Nargothrond gewährt euch Gastfreundschaft."
So kehrte Gwindor in seine frühere Heimat zurück, und um seinetwillen nahmen die Elben auch Túrin auf. Die beiden saßen an diesem Abend bis lange nach Mitternacht in der Großen Halle, und sie lauschten den Liedern und Erzählungen. Und als Finduilas sang, waren zum ersten mal seit langer Zeit ihre Lieder wieder fröhlich. Häufig begleitete ihr Bruder ihren Gesang, denn wie alle Nachfahren Finarfins waren die Geschwister gute Sänger und ihre Stimmen ergänzten einander vortrefflich.
Gwindor jedoch betrachtete die Tochter des Königs mit einem ernsten Ausdruck auf seinem gealterten Gesicht. So oft war ihr Bild ihm Trost und Halt in jener schrecklichen Zeit der Gefangenschaft gewesen. Immer hatte er geglaubt, wenn er sie nur wiedersehen dürfte, wäre sein Leben wieder voller Freude.
Doch jetzt, da er Finduilas vor sich sah und sie ihm sogar immer wieder liebevolle Blicke zuwarf oder ihn zärtlich berührte, war ihm ihre Schönheit nur Schmerz, machte sie doch um so deutlicher, wie sehr er selbst sich verändert hatte. Der reine Klang ihrer Stimme erinnerte ihn daran, daß die seine rauh geworden war im Rauch der Schmieden Angbands, ihre herrliche Gestalt war unerträglich im Vergleich zu seiner von der Arbeit gebeugten Haltung. Und als Gil Galad sich neben ihn setzte und ihm leise von ihrem Kummer und ihrer Sorge um ihn erzählte, und wie sie beinahe ihr Leben um seinetwillen aufgegeben hatte, erinnerte ihn das nur schmerzhaft daran, daß er, der es wirklich besser hätte wissen sollen, sich von seinen Gefühlen hatte hinreißen lassen und dadurch Schande über sich, aber schlimmer noch: seinen Männern Tod und Sklaverei gebracht hatte.
Da war nichts an Finduilas, das er nicht liebte, und nichts, das ihm keinen Schmerz bereitet hätte.
Als sich die Elben an diesem Abend zurückzogen, beschloß Gil Galad, daß seine Schwester jemanden brauchte, mit dem sie sprechen konnte. Wie erwartet, fand er sie in ihrem Raum, dessen hellen Möbel ihn noch immer an die Tage und Nächte erinnerten, die er hier verbracht hatte, in schier unerträglicher Angst um ihr Leben.
Sie saß an ihrem Schreibtisch, Feder und Tinte bereit, doch das Blatt vor ihr war noch unberührt. Ihr Blick war auf die Sterne auf der anderen Seite des Fensters gerichtet und sie sah sich nicht um, um zu erfahren, wer sie um dies Zeit noch besuchte. Dazu bestand keine Notwendigkeit.
Er stellte sich hinter sie und strich ihr über das seidige Haar.
"Und? Bist du glücklich?"
Finduilas antwortete nicht sofort, und als sie es tat, wurde deutlich, daß ihre Gedanken weit fort waren.
"Ja...ja, das bin ich 'Ellach." Sie wußte, er glaubte ihr nicht, zu gut konnte er ihn ihrer Stimme und ihrem Verhalten lesen, darum fügte sie hinzu "Es ist alles etwas überwältigend für mich und ich muß meine Gefühle erst ordnen. So lange hatte ich ihn für tot gehalten und nun...ich brauche nur etwas Zeit."
Damit gab er sich zufrieden, auch wenn er weniger den Eindruck hatte, seine kleine Schwester sei verwirrt als vielmehr bekümmert.
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Da ihm durch den König und die Königin Gastrecht gewährt worden und er ein Freund Gwindors war, wurde Túrin in ganz Nargothrond freundlich aufgenommen. Die Elben lauschten voller Mitgefühl seiner Geschichte, soweit er bereit war, sie zu erzählen. Er blieb bewußt vage, damit weder sein Name noch seine Herkunft bekannt werde. Doch zumindest erkannte man, daß er lange in Gemeinschaft mit Elben gelebt hatte, und da auch in Nargothrond der Name Beleg Cúthalions bekannt war, glaubten sie, er sei in Doriath gewesen. Sie fragten ihn nicht weiter, da er offenbar nicht darüber sprechen wollte, aber aufgrund seiner Gestalt, seiner Redeweise und Sitten, die er während seiner Jugend in Doriath angenommen hatte, nannten sie ihn Adanedhel, ‚Elbenmensch'.
Auch ohne daß er ihnen genaueres erzählte wurde den Elben schnell offenbar, daß er ein mutiger Mann war, der viele große Taten vollbracht hatte. Und sie sahen in Bewunderung auf sein Schwert, das schwarz und stumpf geworden war und ebenso wie sehr um jenen zu trauern schien, den er unabsichtlich getötet hatte. Nicht viel war darüber bekannt geworden, wie Gwindor und Túrin dazu gekommen waren, gemeinsam zu reisen, noch hatte Gwindor irgend jemandem außer dem König erzählt, weshalb er seinen Begleiter nach Nargothrond geführt hatte.
"Es wäre schade, wenn dieses Schwert niemals wieder in die Schlacht getragen würde", sagte Gildor Inglorion zu Túrin, während er Anglachel in einer Hand ausbalancierte. "Es ist eine wundervolle Waffe und sie paßt hervorragend zu deiner Größe und deiner Kraft. Warum bittest du nicht den Meisterschmied Celebrimbor darum, es neu zu schmieden?"
Und Túrin, der darauf brannte, Rache zu nehmen für Belegs Tod, nahm diesen Rat gerne an. Am folgenden Tag suchte er Celebrimbor in dessen Schmiede auf.
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Der Sohn Curufins betrachtete das schwarze, stumpfe Schwert sehr lange, wog es ab, maß es mit den Augen. Schließlich neigte er respektvoll den Kopf.
"Ein größerer Meister als ich war er, der dies geschmiedet hat. Es überrascht mich nicht, daß deine Waffe einen eigenen Willen hat, wenn es auch ein düsterer Wille ist. Ich werde sie neu schmieden, wenn dies auch ihr Wunsch ist."
Und in diesem Moment lief ein erwartungsvoller Schauer durch die schwarze Klinge.
Drei Tage und drei Nächte arbeitete Celebrimbor an Túrins schwarzem Schwert. Immer wieder hielt er inne und lauschte auf das leise Flüstern der Klinge, unverständlich und ohne Worte, doch von tiefen Gefühlen des Hasses, der Kampfbereitschaft und des stolzen Blutdursts durchdrungen.
Am Abend des vierten Tages trug er die neu geschärfte Waffe in die Große Halle und vor den Augen aller überreichte er sie Túrin.
Die Klinge war schwarz, wie sie es zuvor gewesen war, doch ihre Schneiden leuchteten nun in einem fahlen, bläulichen Licht. Der junge Adan(2) nahm sein Schwert entgegen und bewunderte den Schimmer des Feuers auf der Waffe. Er dankte Celebrimbor ernst, sodann ging er zu Orodreth und legte sie diesem zu Füßen, und er bat den Sohn Angrods, ihn als Gefolgsmann anzunehmen.
"Denn der Hohe König Fingon, dem mein Vater seine Treue schwor, ist nicht mehr und Turgon für uns unerreichbar. Und überdies ist es mein Wunsch, Nargothrond, das mir eine neue Heimat geworden ist, dienlich zu sein und es gegen seine Feinde zu verteidigen."
Seine Worte waren wohlgewählt und edel und doch voller Respekt für den König und die Elben blickten voller Hochachtung auf Túrin, der in diesem Moment wie einer der edelsten unter den Noldor erschien. Orodreth aber gewährte dem Edain Aufnahme in seine Dienste und reichte ihm als Zeichen hierfür das Schwert zurück.
Dieser betrachtete die Klinge. "Anglachel, der Eisen-Flammenstern(3) war dein Name, doch nun sollst du einen neuen erhalten. Gurthang nenne ich dich, das ‚Todeseisen', und kein Feind, der dir gegenübersteht, soll deiner Macht widerstehen können."
So wurde Túrins Schwert Anglachel neu geschmiedet, mit all der Kunstfertigkeit Celebrimbors, des Meisterschmiedes von Nargothrond. Und nachdem dies geschehen war, sehnte sich Túrin danach, Gurthang in neuerlichem Kampf zu erproben. So ging er schon bald mit den Elben Nargothronds auf Patrouille.
Mehrere Monde war er mit ihnen unterwegs, doch als er zurückkam, war er düsteren Sinnes.
"Warum kämpft ihr nicht offen?", fragte er Gwindor, als sie zusammen mit einigen anderen, auch Gil Galad und Finduilas, in der Großen Halle saßen. "Euren Kriegern mangelt es weder an Mut noch an Geschick noch an guten Waffen, wieso greift ihr die Orks nicht an und treibt sie in die Höhlen zurück, aus denen sie gekrochen sind?"
Die versammelten Elben schwiegen kurz. Dann antwortete Gil Galad "Weil es nicht klug wäre, so zu handeln. Du hast recht, wir könnten den Orks größeren Schaden zufügen, doch das würde Morgoth vielleicht verraten, wo er uns finden kann. Die Heimlichkeit Nargothronds ist unsere beste Verteidigung."
"Aber wenn die Orks immer weiter in euer Gebiet vordringen, werden sie sowieso früher oder später diesen Ort ausfindig machen. Und was ist mit all den anderen, die in Beleriand leben? Ihr treibt die Orks aus eurem Reich, doch dafür ziehen sie in andere Gebiete. Ihr schiebt anderen die Gefahr zu, und doch kann ich mich erinnern, daß ihr im umgekehrten Fall mit harten Maßnahmen gedroht habt."
Er verstummte und errötete leicht, denn er hatte mehr verraten, als er eigentlich wollte.
Gil Galad sah ihn fragend an, während er sich eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht strich. "Wovon sprichst du?"
Um den Anschein von Gleichmut bemüht sagte Túrin "Ich habe zur Gruppe der Zwei Kapitäne gehört. Ich weiß, daß König Orodreth uns streng verbot, uns in das Gebiet Nargothronds zurückzuziehen oder die Orks dorthin zu treiben."
Finduilas blickte Túrin ins Gesicht. Der Adan faszinierte sie. So anders als die Elben, und doch so ähnlich. Es war inzwischen einige Zeit her, daß sie einen aus dem Volk der Menschen gesehen hatte. Jetzt aber erkannte sie dennoch einen Teil der Wahrheit, die er ihnen verschweigen wollte.
"Du hast nicht nur zu ihnen gehört, Adanedhel. Du bist einer der Zwei Kapitäne gewesen, nicht wahr?"
"Dor-Cúarthol – das Land von Helm und Bogen", murmelte Gwindor nachdenklich. "Ich habe vor kurzem hier davon erzählen hören. Ja, es wäre nur zu gut möglich. Beleg war ein Meister mit dem Bogen."
Er blickte Túrin fragend an. Dieser jedoch hatte den Blick nicht von Finduilas gewandt.
"Herrin, ich bitte Euch, fragt nicht weiter. Ein unglückseliges Schicksal liegt hinter mir und ich möchte Euren Geist nicht mit den Kümmernissen meiner Vergangenheit belasten."
Die Tochter Orodreths nickte schweigend zum Zeichen ihres Einverständnisses, doch sie musterte Túrin weiterhin mit forschendem Blick.
Dieser holte Luft und blickte nacheinander die um ihn sitzenden Elben an.
"Nun, wie ich bereits sagte, Nargothrond hat die Gefahr der Orks lediglich von sich ferngehalten, nicht beseitigt. Warum verfolgen und töten die Grenzwachen die Orks nicht, wenn sie sie ausfindig machen?"
"Und wie ich bereits sagte, dient es dem Schutz des Reiches", antwortete Gil Galad.
Túrin sah dem Sohn des Königs offen ins Gesicht. "Und dient es auch eurem Schutz, unwissende Reisende zu verletzen, ja einige sogar zu töten, wie ich hörte, nur weil sie unwissentlich die Grenzen des Reichs überschritten haben?"
"Ja", antwortete Gil Galad schlicht, doch man sah ihm sein Unbehagen deutlich an.
"Aber sie haben keine Chance! Sie wissen nicht einmal, daß sie verbotenes Gebiet betreten und sie bekommen nicht einmal die Gelegenheit sich zu verteidigen. Sie werden getötet, einfach so. Wo ist da noch der Unterschied zu dem, was in Alqualonde geschehen ist?"
Die Elben erstarrten und eine unbehagliche Spannung machte sich breit. Bei all ihrem eigenen Unbehagen über das, was an den Grenzen des Reiches geschah, hätte keiner von ihnen je solche Worte ausgesprochen.
"Die Verteidigungsstrategie von Nargothrond", sagte Gil Galad langsam mit leiser, aber sehr deutlicher und entschiedener Stimme, "wird von König Orodreth bestimmt. Von niemandem sonst."
"Ich will den Herrn Nargothronds nicht in Frage stellen. Noch will ich mich in seine Angelegenheiten einmischen. Doch du bist sein Sohn, und dir gefällt doch gewiß ebensowenig, was hier geschieht?"
‚Du weißt gar nicht', dachte Gil Galad, ‚wie oft ich bereits mit Vater über dieses Thema gesprochen habe. Wie oft er mich tadelte, wenn ich Reisende lediglich auf direktem Wege des Reiches verwies. Menschen zumeist, die aus dem Südosten kamen und zu ihren Sippen nach Dor-Lómin wollten, erbärmlich schlecht ausgerüstet und nicht einmal wissend, in wessen Territorium sie sich befanden. Wie oft ich gerügt wurde, weil ich ihnen auch noch Führer zur Verfügung stellte, um sie auf halbwegs sichere Wege zu geleiten.'
"Es ist doch seltsam", hatte Orodreth bei einer dieser Gelegenheiten gesagt, "daß der Sohn des Königs offenbar die Grenzen des Reiches nicht kennt, noch die Gesetze nach welchen er mit jenen zu verfahren hat, die sie ohne unsere Erlaubnis überschreiten."
Gil Galad stützte die Ellenbogen auf die Knie, verschränkte die Hände und legte den Kopf darauf, während er nachdenklich den Blick auf das vor ihm stehende Weinglas richtete.
"Nein", beantwortete er schließlich Túrins Frage zögernd. "Aber ebensowenig werde ich die Tatsache meiner Verwandtschaft mit ihm ausnutzen, wie Celegorm und Curufin seine Freundschaft ausgenutzt haben. Der König soll seine Entscheidungen frei treffen, weil er von ihnen überzeugt ist, nicht aus irgendwelchen anderen Gründen."
Túrin schüttelte den Kopf, doch er sprach zunächst nicht mehr über diese Angelegenheit.
Statt dessen zog er immer wieder in den Kampf gegen die Orks und nach einiger Zeit hatte der junge Adan das Vertrauen des Königs Orodreth gewonnen und sein Rat galt viel, denn er war klug und ein guter Kämpfer. Unbarmherzig gegen sie wie gegen sich verfolgte er die Schergen Morgoths, und bald verbreiteten sich sein Ruhm und die Kunde seiner Taten über ganz Beleriand. Doch noch immer war sein wahrer Name unbekannt, und die Elben nannten ihn Mormegil, das schwarze Schwert von Nargothrond. Selbst in Gondolin und Doriath hörte man von seinen Taten, doch ahnte Thingol nicht, daß sich hinter diesem Name sein Ziehsohn Túrin verbarg.
Und weit entfernt hinter den Zinnen der Crissaegrim, im tief verborgenen, sicheren Tal von Gondolin, hörte Maeglin, der Neffe des Hohen Königs Turgon die Gerüchte und er ahnte, welches Schwert es war, das Nargothrond so tapfer verteidigte, auch wenn er sich nicht erklären konnte, wie es seinen Weg dorthin gefunden haben mochte. Und er betrachtete sein eigenes Schwert Anguirel, das Schwesterschwert von Anglachel, und wünschte, es möge ebenfalls erneut in den Kampf gegen die Orks ziehen.
Finduilas war tief beeindruckt von Túrins Tapferkeit. Sie mochte von zartem Äußeren sein, doch sie besaß großen Mut und konnte besser mit Bogen und Schwert umgehen, als viele andere der Eldar. Schon immer hatte sie ihre Tante Galadriel(4) und ihre Cousine Aredhel Ar-Feiniel bewundert und beneidet. Bewundert, weil sie so gut jagen und kämpfen konnten, beneidet, weil ihre Talente anerkannt wurden, während sie selbst nur wenig Gelegenheiten erhielt, ihr Können unter Beweis zu stellen.
Um so weniger verstand sie, warum ihr Bruder den Feinden nicht offener entgegentrat, und dies war eins der wenigen Dinge, in denen sie uneins mit Gil Galad war.
Túrin hingegen kämpfte, so wie es ihrer Meinung nach sein sollte, und sie empfand Stolz, wann immer in Nargothrond von seinen Taten berichtet wurde. Sie verstand auch besser als die meisten anderen seine Unrast und sein Verlangen, endlich den heimlichen Kampf aufzugeben und die Orks aus West-Beleriand zu vertreiben.
"Ich wollte, ich hätte einen so tapferen Bruder"(5), sagte sie einmal zu Túrin, denn zuweilen erschien ihr die Ruhe ihres großen Bruders tatsächlich eher Zögerlichkeit zu sein.
So vergingen einige Jahre und Túrin erreichte in dieser Zeit seine Reife. Gil Galad verbrachte viel Zeit mit ihm, anfangs weil Gwindor ihnen beiden ein enger Freund war, doch mit der Zeit lernte der Sohn des Königs den Sohn der Edain zu schätzen, trotz dessen düsteren Sinnes. Túrin dauerte Gil Galad um des Schmerzes und der Vertreibung willen, die er durchlebt hatte, und als dieser ihm von seiner Schwester Lalaith und ihrem frühen Tode erzählte - denn sie war im Alter von drei Jahren an der Pest gestorben – und davon, wie viel sie ihm bedeutet hatte, verstand Gil Galad den Menschen nur um so besser. Und er bemühte sich, Túrins Leben wieder etwas Freude zu schenken und bat auch Finduilas, sich des jungen Mannes anzunehmen.
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Doch es gab noch anderen Kummer in Nargothrond. Gwindor konnte sein Versagen in der Nirnaeth Arnoediad nicht verwinden. Denn er hatte sich vom Zorn übermannen lassen, als die Orks ihm seinen Bruder Gelmir vorführten, um dessentwillen er gekommen war. Sie hatten Gelmir gefoltert und ihm die Augen ausgestochen und vor dem versammelten Heer der Elben schlugen sie ihm Hände und Füße und zuletzt den Kopf ab. Und voller blinder Wut hierüber war Gwindor voreilig mit seinen Leuten vorgeprescht, hatte die Herolde, die seinen Bruder ermordet hatten, getötet und war tief ins feindliche Heer vorgestoßen, bis an die Tore Angbands selbst, wo er vom Hauptheer getrennt und schließlich gefangengenommen wurde.
Das Schicksal all jener, die auf ihn und seine Führung vertrauend von Nargothrond ausgezogen waren, hätte schon schwer genug auf Gwindor gelastet. Doch später hörte er davon, wie sein Angriff das gesamte Heer der Noldor vor der Zeit in Bewegung gesetzt hatte. Und er fürchtete, die gesamte Schlacht hätte ein weniger schreckliches Ende genommen, hätte er nur nicht seinem Zorn nachgegeben. Selbst die Berichte vom Verrat des Menschen Ulfang und seiner Leute trösteten ihn nicht.
Die Schuldgefühle quälten ihn Tag und Nacht und er glaubte, nicht länger Finduilas' würdig zu sein, nachdem er so vielen ihres Volkes den Tod gebracht hatte.
Darüber hinaus war er sich mehr als deutlich bewußt, wie sehr er sich äußerlich verändert hatte. Gwindor war niemals eitel gewesen, doch jetzt erschien er sich selbst zu häßlich und abstoßend, um von der Königstochter geliebt zu werden.
‚Faelivrin habe ich dich genannt, das Leuchten auf den Wassern des Ivrin, Finduilas meine Geliebte', dachte er unglücklich. ‚Wie könnte ich dich jetzt dazu verdammen, Tag für Tag meinen zerstörten Körper zu betrachten, ja, zu berühren? Wie könnte ich deine Schönheit zusammen mit dem zeigen, was aus mir geworden ist?'
So grübelte er häufig und wand sich innerlich in seiner Qual. Und er zog sich vor Finduilas zurück, um ihr seinen Anblick zu ersparen und weil ihre Schönheit und Unschuld das Bewußtsein seiner eigenen inneren wie äußeren Häßlichkeit nur noch mehr steigerte.
Finduilas jedoch wußte von all dem nichts. Sie war weiterhin bereit, Gwindor erneut ihre Liebe zu schenken und das Band zu erneuern, das sie einst verbunden. Denn sie sah in ihm den Mann, den sie geliebt hatte, und sie wäre die letzte gewesen, ihm die Liebe zu seinem Bruder vorzuwerfen. Und die schrecklichen Veränderungen seines Körpers erfüllten sie mit Kummer, nicht mit Abscheu.
So konnte sie nicht verstehen, wieso er sich von ihr zurückzog. Sie fürchtete jedoch, Morgoth habe mehr getan, als ihren Geliebten nur körperlich zu verstümmeln, sondern er möge Gwindor die Liebe zu ihr ausgetrieben haben und daß der Elb sie nur noch um der Erinnerung an frühere Zeiten willen mit Freundlichkeit behandelte, vielleicht sogar ihr nur Schmerz ersparen wollte.
Und in jener Zeit, da eine Erneuerung ihres Bundes noch möglich gewesen sein mochte, mied Gwindor Finduilas und sie fürchtete, mit ihm zu sprechen. Und die Zeit verging und der Bund war nicht erneuert.
Gil Galad bemerkte, daß seine Schwester und ihr früherer Geliebter nicht so häufig zusammen waren und nicht so innig miteinander umgingen, wie es eigentlich hätte sein sollen. Er gab beiden zunächst Zeit, doch schließlich suchte er eines Tages Finduilas auf und bat sie, von ihrem Kummer mit Gwindor zu erzählen.
"So lange haben wir alle – du und ich und unsere Eltern – auf seine Rückkehr gehofft. Ich glaubte, jetzt da er wieder da ist, würdet ihr euch freuen und nicht mehr voneinander weichen. Anstatt dessen bekomme ich den Eindruck, daß ihr einander sogar meidet. Was ist geschehen, 'Las?"
Sie saßen zusammen im Garten von Nargothrond, an eben jenem Brunnen, an dem vor so langer Zeit Gil Galad und Celebrimbor einander die Fehler ihrer Väter eingestanden hatten. Finduilas trug ein weißes Kleid, das im Halbdunkel schimmerte – denn draußen war die Sonne bereits hinter den Gipfeln des Hoch Faroth untergegangen – und ihr helles Haar glänzte wie Silber.
‚Unser Volk mag mich seinen Stern genannt haben', dachte Gil Galad, ‚doch wenn ich unseres Volkes Stern bin, so ist sie der meine.'
Finduilas saß auf dem Rand des Brunnens und sie wand gedankenlos einen Kranz aus Efeu in ihren schlanken Händen.
"Ich kann es dir nicht erklären", antwortete sie ihrem Bruder schließlich. "Ich weiß nicht, was geschehen ist. Ich weiß nur, daß ich mich Gwindor nicht mehr so verbunden fühle, wie ich es eigentlich sollte.
Damals, als die Nachricht kam, er sei gefallen, als ich so entsetzlich krank war...ich war hin und her gerissen, 'Ellach. Einerseits wollte ich nicht ohne Gwindor leben, andererseits euch nicht zurücklassen. Es ging immer so weiter und ich wußte nicht, was ich tun sollte."
Der Efeukranz war fertig, sie betrachtete ihn kurz, dann legte sie ihn neben sich auf den Rand des Brunnens, ihn sofort vergessend.
"Und dann, ganz plötzlich, konnte ich mich von ihm lösen. Der Kummer war noch immer da, aber ich wußte, in welche Richtung mein fea sich wenden wollte. Verstehst du, was ich meine?"
Er legte seine Finger auf ihr Handgelenk, strich leicht und beruhigend darüber. "Ich glaube ja."
Finduilas drehte ihre Hand leicht, bis sie ihre Finger mit denen ihres Bruders verschränken konnte. "Ich denke, 'Ellach, damals war mein fea zwischen zwei Banden gehalten, dem zu euch und dem zu Gwindor. Und beide zogen in verschiedene Richtungen an mir. Ich konnte mich so lange nicht bewegen, bis ein Band riß. So fühlt es sich an, Bruder. Als wäre das Band, das mich einst mit Gwindor verbunden hat, zerrissen."
Sie blickte auf ihre ineinander verschränkten Hände herab, während Gil Galad ihr Profil musterte.
"Aber wenn es gerissen ist, kann es wieder neu geknüpft werden, oder?", fragte er schließlich.
Sie seufzte. "Das weiß ich eben nicht. Aber momentan fühlt es sich nicht so an."
"Möchtest du, daß es neu geknüpft wird?"
Sie sah zu ihm auf. "Aber ja! Er ist mir teuer, nur – eben auch nicht mehr als das. Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf und würdest keine Liebe mehr für Mutter empfinden. Du weißt wer sie ist, was du ihr zu verdanken hast, du magst sie auch und du weißt auch daß du sie als deine Mutter lieben solltest – aber die Liebe ist schlichtweg nicht mehr da und du weißt auch nicht, wo du sie finden könntest."
Gil Galad strich seiner Schwester eine verirrte Haarsträhne über die Schulter nach hinten. Dabei lächelte er sie beruhigend an.
"Das wäre in der Tat schlimm, aber Kleines, noch ist er erst seit kurzer Zeit wieder bei uns. Ihr habt lange genug gebraucht, um zueinander zu finden, gib euch ein wenig Zeit. Ihr beide habt lernen müssen, ohne einander zu leben, vielleicht läßt sich das nicht so schnell ungeschehen machen."
"Ich hoffe bei allen Valar, daß du Recht hast", seufzte sie.
"Das habe ich. Bin ich nicht dein großer Bruder? Und absolut ahnungslos was dieses Thema angeht? Allein aus diesem Grunde solltest du meinen Worten schon Vertrauen schenken."
Kein Kummer dieser Welt konnte gegen ihren geliebten Bruder bestehen, der versuchte, ihr ein Lächeln abzugewinnen. Finduilas lachte ein klein wenig, drehte sich zu ihm herum und kuschelte sich an Gil Galads warmen, vertrauten Körper. Wenigstens hier war alles so, wie es schon immer gewesen war. Die Wärme, der Geruch, die Art wie er seine Arme um sie legte. Wie groß der Tumult ihres Herzens auch sein mochte, hier war alles sicher und ruhig. Und Finduilas überließ sich dankbar diesem ruhigen Hafen.
Gil Galad fühlte ihr Haar an seiner Wange, ihr klopfendes Herz, das langsame Heben und Senken ihres Atems. Alles vertraut, alles so wie immer. Sie hatte Kummer, also nahm er sich ihrer an. Wie es sein sollte.
Fußnoten:
(1) Feanorische Lampen: eine Beschreibung dieser Lampen findet sich in den ‚Nachrichten aus Mittelerde', I. ‚Von Tuor und seiner Ankunft in Gondolin', Anmerkung 8.
(2) Adan: eigentlich bin ich mir ja sicher, daß ich niemanden daran erinnern muß, daß ‚Adan' schlicht die Singularform von ‚Edain' ist, aber vorsichtshalber möchte ich es doch erwähnen.
(3) Anglachel = Eisen-Flammenstern: wie viele andere Übersetzungen auch habe ich diese der Übersetzung des Mittelerde-Lexikons von Robert Foster entnommen, die Helmut W. Pesch angefertigt hat.
(4) Tante Galadriel: Ich weiß, daß Galadriel genaugenommen Finduilas' und Gil Galads Großtante ist. Da es bei der Langlebigkeit der Elben jedoch durchaus möglich ist, eine Groß-groß-groß-groß-undsoweiter-Tante zu haben, gehe ich davon aus, daß sie diese Feinheiten beiseite ließen, wenn es nicht wirklich notwendig war.
(5) "Ich wollte, ich hätte einen so tapferen Bruder.": Zitat aus den ‚Nachrichten aus Mittelerde', II. ‚Narn I Hîn Húrin', Anhang. Das Gespräch zwischen Finduilas und Túrin, dem diese Worte entnommen wurden, ist vermutlich zu einer Zeit entstanden, als Gil Galad gerade einmal nicht Orodreths Sohn war, aber ich konnte der Herausforderung, beides zusammenzubringen, einfach nicht widerstehen...
