Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel VII – Das Erwachen Nargothronds
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Danksagung: Nemis. Fürs beta-reading, aber vor allem für die Umarmungen, als ich Erik und ich sie so dringend brauchten!
Widmung: keine, aber ein Refrain:
This is Radio Orchid
Listen and cry
To all the others
That suffer and die
This is Radio Orchid
Listen and cry
Take your lonely heart and let it fly
(Fury In The Slaughterhouse, Radio Orchid)
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A/N:
Gleich zwei Kapitel auf einmal...ich entschuldige mich dafür, die Aktualisierung beim letzten mal vergessen zu haben, doch glaubt mir, ich hatte guten Grund, etwas zerstreut zu sein. Vielen Dank für die Geduld, und ich hoffe, die beiden sind das Warten wert.
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VII Das Erwachen Nargothronds
Durch ihre gemeinsame Freundschaft zu Gwindor wurden die Tochter und der Sohn des Königs auch mit Túrin gut bekannt, und wann immer der junge Mann sich in Nargothrond aufhielt, war er mit ihnen zusammen. Und so kam es, daß sich das Herz der Elbenprinzessin gegen ihren Willen Túrin zuwandte, doch sie sagte ihm nichts, denn sie spürte, daß er ihre Liebe nicht erwiderte. Túrin schätzte sie und er verbrachte viel Zeit mit ihr, doch er sah in ihr eine Schwester, wie er in Gil Galad einen Bruder sah.
So fiel ein Schatten auf Finduilas' Schönheit, sie wurde blaß und still, suchte die Einsamkeit, und weder Gildor Inglorions fröhliche Lieder noch Celebrimbors Einladungen in seine Schmiede, noch Gil Galads abwechselnde Angebote von Trost oder Waffenübungen konnten sie aufheitern.
An einem Winterabend, kurz nachdem die Sonne hinter dem High Faroth untergegangen war, machten die Geschwister einen späten Spaziergang entlang des Narogs. Sie lauschten dem Murmeln des Wassers, den Knirschen des Schnees unter ihren Schritten und dem Flüstern des Windes, der über die Felsgrate strich. Die Natur war still wie stets im Winter und diese Stille wirkte beruhigend auf Gil Galads fea. Hingegen schien sie keine Wirkung auf Finduilas zu haben, die immer noch tief in offensichtlich unangenehme Gedanken versunken war.
Nachdem sie in die Wärme ihres Zuhauses zurückgekehrt waren und Seite an Seite auf einer hölzernen Bank in der Bibliothek ihres Vaters saßen, berührte er beinahe entschuldigend ihre Hand.
"Du bist unglücklich, kleine Schwester. Erzähl es mir. Bitte."
Sie sah zu ihm auf. Jetzt im Licht der Kerzen waren seine Augen dunkel, aber sie hätte den Grauton genau bestimmen können. Und so besorgt war sein Gesichtsausdruck! Armer großer Bruder, er hatte so oft um ihretwillen fürchten müssen, sie umsorgt, sich für sie eingesetzt.... Finduilas beschloß, dieses eine mal ihrem Bruder nicht auch noch ihre Kümmernisse aufzubürden, wie sie es bisher so gedankenlos getan hatte. Dieses eine Leid, an dem er sowieso nichts ändern konnte, sollte ihm erspart bleiben.
So lächelte sie nur wehmütig und schwieg.
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Kurze Zeit später gab Gwindor Finduilas und dem Rat Nargothronds Túrins wirklichen Namen preis. Dies gereichte dem jungen Mann nicht zum Nachteil, denn die Taten Húrin Thalions, seines Vaters, wurden in allen Elbenreichen hoch geehrt. Überdies war allgemein bekannt, daß Húrins Sohn von König Thingol Graumantel selbst als Pflegesohn aufgenommen und in Doriath erzogen worden war(1) .
Doch auf Túrins Bitten hin erfuhr außer dem König und seinen Ratgebern kaum jemand etwas von seinem wirklichen Namen, denn er wünschte weiterhin unerkannt in Nargothrond zu leben und mit seinem Namen auch sein dunkles Schicksal und die Schatten der Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Túrins Leidenschaft im Kampf gegen die Orks, seine Tapferkeit und die Mühen, die er auf sich nahm, verfehlten ihre Wirkung auf die Elbenkrieger nicht und immer mehr von ihnen begannen ihre bisherige Kampfesweise in Frage zu stellen. Nach außen hin folgten sie zwar noch den Befehlen ihres Königs, doch immer lauter und eindringlicher wurden die Stimmen derjenigen, die keinen Sinn mehr in Heimlichkeit und Rückzug fanden.
Und als Túrin erkannte, wie viele seiner Kampfesgenossen seine Wünsche teilten, sprach er eines Tages im Rat vor dem König und bat für sich und seine Begleiter um die Erlaubnis, die Orks angreifen und wenn nötig bis über die Grenzen hinaus verfolgen zu dürfen.
Nicht alle Ratgeber des Königs stimmten ihm zu, und lange berieten sie, wogen Sicherheit gegen Tapferkeit und ihre Verantwortung für Nargothrond gegen jene für die anderen Bewohnern Beleriands.
Orodreth aber schwieg, wie es seine Art war, und auch Gil Galad sprach zunächst weder für noch gegen Túrin. Gwindor jedoch wandte sich gegen dessen Vorschlag, denn er fürchtete, die schreckliche Macht Angbands, die von allen Anwesenden er allein nur allzu gut kannte, könne durch zu kühne Taten auf seine Heimat aufmerksam gemacht werden.
Als Orodreth schließlich meinte, alle Meinungen und Gründe seien genannt worden, gebot er ihnen Einhalt und wandte sich Gil Galad zu.
"Du hast bisher geschwiegen, mein Sohn. Doch glaube ich nicht, daß es dir an Erfahrung in diesen Dingen mangelt, noch, daß dir dieses Thema nichts bedeutet. So sage mir, willst du für oder gegen Túrins Bitte sprechen?"
Gil Galad blickte in die Runde, schaute jedem der Anwesenden kurz in die Augen.
"Ich stimme ihm zu, Herr", sagte er endlich. "Zu lange haben wir uns allein auf Heimlichkeit und sogar Hinterlist verlassen. Aber ist unser König Finrod Felagund nicht dem Feind selbst gegenübergetreten und hat sich mit ihm gemessen? Wie können wir es verdient haben, uns sein Haus zu nennen, solange wir uns seiner nicht würdig erweisen?"
Viele der Elben blickten zu Boden, denn dieser Vorwurf traf sie hart und alle waren noch beschämt, weil sie ihren geliebten Herrn im Stich gelassen hatten, als dieser mit Beren gegen Morgoth zog.
"Dennoch", fuhr er fort, "haben ebenso diejenigen nicht Unrecht, die auf den Schutz verweisen, den die Geheimhaltung uns bietet. Wir sollten die Orks angreifen und vor allem diejenigen vor ihnen schützen, die Zuflucht innerhalb unserer Grenzen suchen, anstatt sie auch noch selbst zu vertreiben oder ihnen Schlimmeres anzutun. Doch dabei sollten wir Vorsicht walten lassen."
Orodreth nickte verstehend, sagte jedoch nichts. Dann entließ er den Rat und zog sich zurück, um seine Entscheidung zu fällen. Und schließlich gestattete er Túrin und den anderen Mitgliedern der Grenzwachen die Orks anzugreifen, verbot ihnen jedoch, diese weiter als einen halben Tagesritt über die Grenzen des Landes hinaus zu verfolgen oder sich in größeren Trupps gegen sie zu sammeln.
So zogen die Elben von Nargothrond hinaus und kämpften nicht länger aus dem Verborgenen gegen die Orks und Warge. Die Kreaturen Morgoths wurden aus den Wäldern und von Talath Dirnen, der bewachten Ebene, vertrieben und bis hin zu den Falas wurde West-Beleriand von ihnen befreit. Nichts fürchteten die Orks mehr, als das Schwarze Schwert von Nargothrond und dessen tödliche Begleiter.
Auf diese Weise fiel durch Túrin die Dunkelheit von den Elben Nargothronds ab, unter der sie seit dem Abschied Finrod Felagunds gelebt hatten. Und dies vergaßen sie niemals, ungeachtet des Leides, das sie später erwarten sollte: daß es Túrin, der Sohn Húrins es gewesen war, der sie aus der Dunkelheit zurück ins Licht geführt hatte(2).
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Weitere Monate zogen ins Land. Túrin erfuhr Ehrung und Hochachtung, doch er sorgte sich immer mehr um seine Familie und stets wünschte er, dem Großen Feind Morgoth noch mehr Schaden zuzufügen. Seine Unternehmungen wurden immer waghalsiger und wenn sein Kampf für Nargothrond aus dem Wunsch heraus begonnen hatte, seine neue Heimat zu verteidigen, so wurde es nun ein Ausdruck seines Hasses.
Schließlich überredete er Orodreth, eine feste Brücke vor den Toren Nargothronds über den Narog bauen zu lassen, damit Bewaffnete noch schneller auf die andere Seite des Flusses nach Osten zur Talath Dirnen oder zum Amon Ethir, dem Hügel der Späher, gelangen konnten.
Dieser Hügel lag etwa fünf Wegstunden westlich von Nargothrond, wo der Andram, der Lange Wall, in die Ebene von Talath Dirnen überging. Er zog sich von Ost nach West zwischen dem Amon Ereb bis zum Taur-en-Faroth durch ganz Beleriand, und wo er den Lauf des Sirion kreuzte bildeten sie die Fenne des Sirion im Norden und die Tore des Sirion südlich des Walls.
Finrod Felagund hatte den Hügel von Amon Ethir unter großer Mühsal ausbauen und mit versteckten Wachtürmen und Signalfeuern versehen lassen um die Talath Dirnen ständig überwachen und die Festung über jede Gefahr in Kenntnis setzen zu können, die über die Ebene kommen mochte. Und tatsächlich hatten die Wächter des Amon Ethir bisher stets einen Umweg flußaufwärts nach Norden in Kauf nehmen müssen, denn erst weit entfernt vom Zugang zur Burg, an der Einmündung des Ringil in den Narog, war dieser ruhig genug, um gefahrlos überquert werden zu können.
Dennoch waren viele unglücklich über den Bau dieser Brücke, breit und fest wie sie war, ein sicherer und leichter Weg um über den Fluß zu kommen – doch ebenso die reinste Einladung jedweden feindlichen Angriffs.
Gil Galad war einer von jenen die so dachten, denn er erinnerte sich nur zu gut an den Schrecken von Tol Sirion, als Sauron sie ohne jede Mühe zurückgeschlagen und nur die Macht Ulmos in den Wassern des Sirion die Insel beschützt hatte. Doch Orodreth änderte seine Meinung nicht und sein Sohn bekam den Eindruck, sein Vater sei eher überredet denn überzeugt worden und weigere sich nun, seinen Fehler zuzugeben.
Es war eine schwierige Situation für den jungen Elben. Gil Galad liebte seinen Vater, doch er vergaß niemals, wie relativ leicht Orodreth sich Celegorms und Curufins Ambitionen unterworfen hatte, vergaß niemals seines Vaters Schwäche, und trotz all seiner Liebe war da auch stets eine leichte Spur von Verachtung in seinen Gefühlen.
Darüber hinaus bemerkte er sehr wohl den Charme von Túrins Jugend, seiner Tapferkeit und edlem Verhalten. Der Adan besaß große Überzeugungskraft, eine angeborene Gabe, nützlich für jeden Anführer, doch gefährlich wenn sie wider die Vernunft gebraucht wurde.
‚Oder gegenüber jenen, die schwachen Willens sind', dachte er, sowohl besorgt als auch verärgert.
Er versucht mit Túrin über seine Befürchtungen zu sprechen, doch der junge Mann wies ihn zurück.
"Haben wir nicht die Ebene von Talath Dirnen nahezu frei von Orks gemacht? Selbst bis zu den Falas ist das Land nicht mehr so sicher gewesen, seit die Dagor Bragollach geschlagen wurde. Was sollte daran falsch sein?"
"Es ist nicht falsch", erwiderte Gil Galad geduldig. "Doch wir dürfen nicht übertreiben. Dies ist nicht dein Rachefeldzug gegen die Orks, Túrin, sondern eine Verteidigung des Reiches. Vergiß es nicht."
Der Mensch sah dem Elben in die dunkelgrauen Augen. "Ich vergesse es nicht."
In der folgenden Zeit sorgte Gil Galad unauffällig dafür, daß Túrins Weg ihn häufiger nach Westen in Richtung der Falas führte. Eglarest und Brithombar waren zwar im Jahr nach der Nirnaeth Arnoediad von den Orks zerstört worden, doch Círdan war mit vielen Schiffen und einem Teil seines Volkes entkommen und nach Süden gesegelt. Dort hatten die Falathrim bereits vor langer Zeit Stützpunkte im Mündungsbereich des Sirion und auf der großen Insel Balar, weit draußen im Belegaer, gegründet.
Aber die Teleri gaben sich mit ihrer sicheren Zuflucht nicht zufrieden. Sie segelten in ihren schnellen Schiffen die Küsten entlang nach Norden und griffen die Orks überraschend an, wo immer sie sie fanden. Dabei taten sie sich häufig mit Elbenkriegern aus Nargothrond zusammen, und rieben die Feinde zwischen sich auf. Signalfeuer brannten entlang der Küsten, versteckt vom Lande her und nur vom Meer aus sichtbar, und sie sagten den Falathrim, wohin sie sich wenden sollten, ohne daß die Orks dieses bemerkten.
Hier kämpfte Túrin einige Zeit und das Schwarze Schwert wurde auf der Talath Dirnen vermißt.
Doch es war bereits zu spät für Nargothrond, und hoch im Norden schmiedete Morgoth seine Pläne.
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Zu dieser Zeit bewegten auch noch andere Sorgen den Herrn und die Herrin Nargothronds. So sehr sie der Kummer ihrer Tochter um Gwindors willen dauerte – denn noch wußten sie nichts von Finduilas' vergeblicher Liebe zu Túrin - und so wohltuend es für diese auch sein mochte, den Trost ihres Bruders zu empfangen, beunruhigte die auffallend enge Bindung zwischen den Geschwistern doch ihre Eltern.
"Wir müssen etwas tun, Orodreth", sagte Helegethir eines Abends. "'Ellach klammert sich zu sehr an `Las. Wir haben es bereits zu lange hingenommen, es wird Zeit, daß er sein eigenes Leben führt – und sie das ihre."
"Sie standen einander immer sehr nahe", antwortete Orodreth. "Und es hat `Las stets gut getan, ihren Bruder um sich zu haben."
"Es mag ihr kurzfristig gut tun, aber auf lange Sicht? Sie verläßt sich zu sehr auf ihn, mein Herz. Eines Tages wird sie unfähig sein, ohne ihn zu leben. Aber ich sorge mich noch mehr um ihn als um sie."
Orodreth wandte sich um und tat so, als ordne er eine Bücher auf einem Regal, damit seine Gattin sein nachsichtiges Lächeln nicht sehe. Sie sprachen nicht zum ersten mal über dieses Thema.
"Er wird noch heiraten, Liebste. Laß ihm Zeit. Niemand aus meiner Familie hat sich früh gebunden, warum sollte er es tun? Und wenn ihm irgendwann einmal die Richtige begegnet, wird sicherlich auch seine Zuneigung zu Finduilas ihn nicht zurückhalten."
Helegethir runzelte die Stirn. "Es geht mir nicht darum. Aber siehst du denn nicht, daß eine zu enge Bindung fatale Folgen haben kann? Was wäre geschehen, wenn Finduilas nach Gwindors Verschwinden tatsächlich gestorben wäre? Ich fürchte, Finellach hätte es ebensowenig überlebt. Es ist nicht der richtige Weg, Orodreth. Ich spüre es, es ist nicht gut – nicht für sie und nicht für ihn."
"Und was sollen wir tun? Willst du ihm seine Liebe zu seiner Schwester austreiben?", fragte Orodreth, während er ihr liebevoll lächelnd über Hals und Schlüsselbein strich.
Sie erwiderte sein Lächeln, sie hatte es schon immer erwidern müssen. Sie liebte ihn, und auch nach all den Jahren war diese Liebe nicht geringer geworden, sie hatte im Gegenteil an Tiefe und Kraft zugenommen.
Gerade deswegen fiel es ihr selbst so schwer, ihre Befürchtungen in Worte zu kleiden. Wie konnte etwas Schlimmes daran sein, wenn ein Elb einen anderen liebte? Wie konnte es richtig sein, daß sie Orodreth so tiefe Gefühle entgegenbrachte, während es unbestimmte Ängste in ihr auslöste, wenn 'Ellach gegenüber 'Las ebenso empfand?
Sie glaubte keinesfalls, daß ihr Sohn anders für seine Schwester empfand, als es ihm erlaubt war. Ganz gewiß nicht. Es war nicht die Art, sondern die Tiefe seines Gefühls, die ihr Sorgen bereitete.
"Ich will sie ihm natürlich nicht austreiben. Doch vielleicht wäre es klug, sie für eine Weile voneinander zu trennen? Er könnte Thingol und Melian in Doriath besuchen, oder nach Westen gehen um Círdan beizustehen."
"Doriath.", antwortete Orodreth sofort. "Es ist nicht so weit entfernt, und wie ich mich erinnere, wolltest du doch schon lange wieder einmal deine Familie dort besuchen. Er kann dich begleiten, das wäre außerdem weniger auffällig, als wenn wir ihn einfach fortschicken."
"Du stimmst mir also zu?"
Er küßte ihre Stirn. "Ich weiß nicht, ob du Recht hast, aber ich vertraue deiner Intuition."
Helegethir legte die Arme um den Körper ihres Gatten und zog ihn eng an sich. Sie wünschte sich innigst, ihre Befürchtungen mochten übertrieben sein.
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Durch seine Erfolge wurde Túrin allmählich stolzen Sinnes, und Bitterkeit erfüllte ihn, wenn er an Doriath dachte, von wo er sich noch immer vertrieben fühlte. Mochte der Urteilsspruch des Königs ihn auch freigesprochen haben, so konnte er doch den Gesichtsausdruck Mablungs nicht vergessen, der ihn im ersten Augenblick für schuldig gehalten hatte, als er Túrin neben Saeros' Leiche fand(3). Wenn er dies mit den Ehren verglich, die ihm die Elben aus Nargothrond zuerkannten, fühlte er einen bitteren Stich im Herzen.
Doch Túrin hielt niemals lange genug inne, um zu bemerken, daß es eigentlich Sehnsucht nach seinen Pflegeeltern Thingol und Melian und ihr vermeintlich unwiederbringlicher Verlust es waren, die ihn so quälten.
Und so wurde Túrin düster und hochfahrend und er gewöhnte es sich an, in allen Dingen seinen Willen durchzusetzen. Es gelang ihm oft genug, da Orodreth ihm vertraute und ihm seine Tapferkeit angesichts des verletzlicheren menschlichen Körpers noch beeindruckender erschien. Und der Herr Nargothronds war weise genug, um Túrins Schmerz zu erkennen. Er konnte ihm diesen nicht nehmen, aber er konnte ihn ein wenig ablenken.
Doch der König war nicht weise genug um zu verstehen, daß der junge Mann es immer mehr als selbstverständlich ansah, seine Wünsche erfüllt zu bekommen.
Einige widersprachen Túrin im Rat, rieten zur Vorsicht und verwiesen auf die schmerzhaften Niederlagen der Elben bei ihren früheren Angriffen auf Morgoth. Gwindor erinnerte immer wieder an Angbands Stärke, die er allein unter den Anwesenden selbst gesehen hatte.
Die Mehrheit der Ratsmitglieder jedoch vermeinte in seinen Worten lediglich die Schrecknisse der Vergangenheit zu hören. Sie warfen Gwindor seine Angst nicht vor, doch sie hörten auch nicht recht auf seine Worte.
Gil Galad sprach sich nicht gegen Túrin aus, und nur wenn ihm dessen Pläne ihm zu tollkühn erschienen, versuchte er sie etwas abzumildern. Doch er verübelte es dem Menschen, sich immer mehr wie ein Lord von Nargothrond aufzuführen und Entscheidungen zu treffen, die eigentlich allein Orodreth zustanden, und er verübelte es dem König, Túrin dies zu gestatten. Auch an ihm war die Zeit von Celegorms und Curufins Herrschaft nicht vorübergegangen, und vielleicht sah er mehr in Tùrins Verhalten, und weniger von seines Vaters Klugheit in dieser Angelegenheit, als es dort berechtigterweise zu sehen gab.
Schließlich faßte er den Entschluß, seine Befürchtungen zumindest zu äußern.
Da Orodreth begonnen hatte, seinen Sohn die weniger aufregenden Seiten des Königtums zu lehren, verbrachten sie viel Zeit gemeinsam in seinem großen Arbeitszimmer. Dort hatte Gil Galad sich um die Korrespondenz zu kümmern, entwarf Briefe und schrieb sie ins Reine, nachdem sein Entwurf entweder gebilligt oder verbessert worden war. Dies war nichts, was er besonders schätzte, doch er war der Erbe des Königs und somit gehörte es zu seinen Pflichten.
Heute jedoch fand Orodreth seinen Sohn ebenso geistesabwesend wie dessen Handschrift unregelmäßig.
"Wieso läßt du zu, daß Túrin uns alle derart in Gefahr bringt?", fragte der jüngere Elb unvermittelt.
Orodreth sah von seinem Buch auf. Eine Braue hob sich fragend. "Warst du es nicht, der damals so begeistert seinen Plänen zugestimmt hat?"
"Ich habe zugestimmt, daß wir aktiver werden und nicht länger jeden Reisenden im Reich wie einen Feind behandeln, ja. Doch diese...diese Überfälle, diese immer weiter ausgreifenden Patrouillen – sie sind zu auffällig."
"Nein!" Der König klappte entschlossen sein Buch zu, legte es auf den Tisch vor ihm und stand auf. "Ich gebe zu, manchmal geht der Überschwang der Jugend mit Túrin durch, doch er wird es noch lernen. Und wir sind zu lange zögerlich gewesen, mein Sohn, viel zu lange. Ich werde nicht noch einmal tatenlos herumstehen wie damals bei Celegorm und Curufin."
Er wandte sich um und ging an eines der zahlreichen Fenster, um in die sternklare Nacht hinaussehen zu können. Der Raum war hoch oben in den Fels geschlagen worden, um ihn reichlich mit Tageslicht versorgen zu können.
"Warum bist du auf einmal so vehement gegen ihn, 'Ellach?", fragte er.
"Ich bin nicht für oder gegen ´ihn´, Vater. Ich bin für oder gegen die Entscheidungen, die getroffen werden und von denen das Leben unseres Volkes abhängt. Und Túrins Entscheidungen dienen meiner Ansicht nach immer mehr seinem eigenen Stolz und seinem Verlangen nach Rache. Es gibt einen Unterschied zwischen Angriffen zur besseren Verteidigung des Reiches und Angriffen, die nur den Ruhm des Angreifers mehren sollen."
"Oder liegt es daran, daß deine Schwester ihn so gern hat und ihn gestern Abend ihren ‚zweiten Bruder' nannte?"
Der jüngere Elb sprang auf und sah seinen Vater fassungslos an. Zwei, dreimal setzte er zum Sprechen an, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken.
Orodreth wandte sich um und betrachtete ihn forschend. "Nun?"
"Ist es...ist es das, was du von mir denkst?", flüsterte Gil Galad schließlich. "Daß ich nur aus Eifersucht so rede?"
"Tust du es? 'Las hat dir immer viel bedeutet, und ich habe schon bei Gwindor gemerkt, wie schwer es dir gefallen ist, auch nur ein klein wenig hinter ihm zurückstehen zu müssen." Orodreth seufzte. "Ich habe schon länger darüber nachgedacht, und jetzt scheint mir der passende Moment gekommen zu sein. 'Ellach, wie du weißt, wollte deine Mutter schon lange ihre Familie in Doriath besuchen. Sie hat sie viel zu selten gesehen, seit sie nach der Dagor Bragollach in Thingols Reich geflohen sind. Dank Túrins Aktivitäten, die du so verurteilst, ist der Weg momentan so sicher wie seit langem nicht mehr. Und ich denke, du solltest sie begleiten."
Beinahe entfiel Gil Galad die Feder, die er immer noch in der Hand gehalten hatte. "Du...du willst mich wegschicken? Das kann nicht dein Ernst sein!"
"Es ist mein voller Ernst."
"Wieso?", erwiderte der jünger Elb heftig. "Es kann doch wohl auch ein anderer gehen, wieso soll ausgerechnet ich-"
Orodreth ließ seinen Kindern vieles durchgehen, doch es gab auch für ihn Grenzen. "Ich hätte gedacht", unterbrach er seinen Sohn, "daß du freudig bereit wärst, deiner Mutter Schutz zu geben."
"Das bin ich und du weißt es. Aber-"
"Finellach."
"-nur weil ich nicht mit Túrin einer Meinung-"
"Finellach."
Orodreths Tonfall brachte seinen Sohn sofort zum Schweigen. Errötend sah er zu Boden.
"Verzeih mir, Vater. Ich...ich habe mich gehen lassen."
"Ja, das hast du. Und ich verzeihe dir gern. Dennoch zeigt mir gerade dies, wie notwendig es ist, daß du wieder lernst, dich angemessen zu verhalten und dich zu beherrschen. Thingol und Melian werden sicher in der Lage sein, dich darin zu unterweisen. Außerdem werden sie vermutlich froh sein, wenigstens einen ihrer Blutsverwandten wiederzusehen."
Gil Galad sah schnell auf und die restliche Röte auf seinen Wangen wandelte sich in Blässe. "Einen? Soll das heißen, 'Las bleibt hier?"
"Ja. Ich möchte, daß sie sich um Gwindor kümmert."
'Und ich will, daß ihr für eine Weile voneinander getrennt werdet', dachte Orodreth eingedenk seines Gesprächs mit Helegethir. Angesichts der allzu deutlichen Gefühle, die sich auf dem Gesicht seines Sohnes abzeichneten, war er geneigt, den Befürchtungen seiner Gattin Glauben zu schenken.
Er kehrte zu seinem Platz zurück und nahm sein Buch wieder auf, in diesem Moment nur ein unzureichender Schutzschild gegenüber der spürbaren Erschütterung seines Sohnes.
"Geh nun und frage deine Mutter, wann sie abreisen möchte. Momentan ist das Wetter noch nicht zum Reisen geeignet, doch sobald die Sonne stärker geworden ist und ihr auf der Talath Dirnen besser vorankommen könnt, solltet ihr euch auf den Weg machen."
Es tat ihm weh, den verletzten Ausdruck in den Augen Gil Galads zu sehen. Dieser nickte langsam.
"Ich verstehe. Ich werde tun, was Ihr mir auftragt, Herr", sagte er mit kalter Höflichkeit und biß sich kurz auf die Lippen. Dann verließ er den Raum.
"Ich bezweifele das, mein Junge", sagte Orodreth leise, nachdem sich die Tür geschlossen hatte. "Ich bezweifele sehr stark, daß du meine Gründe verstehst."
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Gil Galad richtete seiner Mutter die Botschaft des Königs aus, dann ging er hinunter in die Ställe und sattelte seinen Apfelschimmel. Er führte ihn aus der Burg und ritt auf einem der schmalen Wege davon.
Sobald er die flacheren Ausläufer des Hoch Faroth erreicht hatte, wo das Sandsteingebirge nach Süden zum Taur-en-Faroth hin abfiel, spornte er den Hengst zu einem scharfen Galopp an. Er ritt ohne Ziel, einfach nur den wechselnden Wegen folgend, bis er die Erschöpfung des Tieres unter sich spürte.
Dann hielt er inne. Der schnelle Ritt hatte viel von der Anspannung abgebaut, die er empfand, doch er war noch immer aufgewühlt. An einem kleineren, schnellfließenden Bach, der sich sein Bett in den Fels gegraben hatte, stieg er ab und ließ das Pferd trinken. Dabei zeichnete er gedankenverloren die Muster im dunkelgrauen Fell mit nicht ganz sicherer Hand nach.
"So einfach ist das", sagte er - zu sich, zu dem Tier, zu den Felsen, er hätte es selbst nicht sagen können. "So weit hat Túrin es gebracht, daß Kritik an seinem Verhalten schon nicht mehr angenommen wird. So weit hat er es gebracht, daß Vater mich um seinetwillen wegschickt."
Wie immer, wenn er sich bei einem unpassenden oder unerwünschten Gedanken erwischte, biß er sich kurz auf die Unterlippe. Orodreth schickte ihn gewiß nicht um Túrins willen fort! Noch niemals hatte er Anlaß gehabt, an der Liebe seines Vaters zu zweifeln.
"Aber warum tut er es dann? Warum will er mich unbedingt aus Nargothrond heraus haben?"
Er wurde sich seines eigenen Durstes bewußt und schlang sein langes dunkles Haar schnell im Nacken zusammen, um ungehindert Wasser aus dem Bach schöpfen zu können. Dann tauchte er beide Hände hinein und rieb sich das Gesicht ab. Die Kühle des Wassers biß in seine Haut.
Erst lange nach Sonnenuntergang kehrte er in die Felsenburg zurück.
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Gerade als Orodreth das Arbeitszimmer verlassen wollte, um Helegethir aufzusuchen, betrat diese den großen Raum. Der Herr von Nargothrond nahm auf einer Bank Platz und klopfte einladend neben sich auf das Holz.
"Er hat es dir gesagt?"
Mit langsamen Schritten ging seine Gattin zu ihm, um sich an seiner Seite niederzulassen.
"Er hat es mir gesagt, ja." Sie griff mit beiden Händen den Stoff ihres Kleides, eine Angewohnheit, die Orodreth schon vor langer Zeit als Zeichen des Zorns zu lesen erkannt hatte. "Und ich frage mich, was du damit im Sinn hattest."
"Waren wir uns nicht einig, daß wir 'Ellach und 'Las einmal voneinander trennen müssen und daß es am unauffälligsten geschieht, wenn wir ihn mit dir nach Doriath senden?"
"Das waren wir, aber doch nicht auf diese Weise! Er war zornig, Orodreth, zornig und verletzt. Was ist passiert?"
"Unser Sohn", antwortete der König nicht ohne Schärfe angesichts ihres anklagenden Tonfalls, "war der Ansicht, daß meine Art Túrin zu behandeln, falsch sei. Er machte mir ziemlich deutlich klar, daß der junge Mann eine Gefahr für uns alle bedeutet und fragte, wie ich dies zulassen könnte. Als ob ich mir der Gefahr, in der wir leben, nicht selbst zu genüge bewußt sei."
Helegethir wandte ihren Blick ihrem Gatten zu, doch sah sie nicht mehr als sein helles Haar, da er stur geradeaus auf die andere Wand starrte. Sie ahnte ein wenig von seiner Angst, die Position, die er gegen seinen Willen innehatte, nicht genügend ausfüllen zu können und der Qual, die es für ihn bedeutete, als Herrscher so eindeutig neben Finrod Felagund zu verblassen.
"Natürlich war es falsch von ihm, deine Kompetenz anzuzweifeln. Aber ist dir nicht klar, daß er jetzt den Eindruck haben muß, du würdest ihn um Túrins willen wegschicken, ihn beiseite schieben, nur weil er anderer Meinung ist als du?"
Er streckte eine Hand aus und begann sanft ihre Finger aus dem Stoff zu lösen. "Ich weiß nicht, was er denkt, ´Ethir. Aber dir ist bestimmt aufgefallen, daß er in letzter Zeit angefangen hat, mehr und mehr die Politik Nargothronds, meine Politik, anzuzweifeln. Ich habe nichts dagegen, wenn er seine Meinung offen sagt, doch es macht keinen guten Eindruck, wenn der Sohn des Königs ständig dem König widerspricht."
"'Ellach ist erwachsen. Er kann nicht ewig deinem Vorbild folgen, er muß seinen eigenen Führungsstil entwickeln."
"Das mag sein", sagte Orodreth und löste ihre andere Hand aus dem Kleid. "Aber ich bin froh, daß er wenigstens noch den Anstand besaß den Tonfall, den er hier anschlug, nicht auch noch in aller Öffentlichkeit zu gebrauchen."
"Du willst doch nicht etwa behaupten, er sei dir gegenüber respektlos gewesen!"
"Nein – gerade noch nicht. Es ist ihm so eben noch eingefallen, was er seinem Vater schuldig ist."
Die Königin runzelte die Stirn. "Das klingt nicht nach unserem Sohn."
Orodreth lehnte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Er lachte ohne jeden Humor. "Vielleicht liegt es daran, daß ich ihn kurz zuvor gefragt hatte, ob er eifersüchtig auf Túrin ist, weil Finduilas ihn als Bruder bezeichnet hat." Er wandte den Kopf und sah seiner Gattin mit vielsagend gehobenen Augenbrauen ins Gesicht. "Es scheint ihn ziemlich aus der Fassung gebracht zu haben."
"So sehr daß....", sie sprach diese Worte mehr zu sich selbst.
Eine Weile schwiegen sie beide, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Dann erhob sich Helegethir und zog Orodreth an der Hand mit sich.
"Du hast richtig entschieden, aber bitte verzeih, du hast deine Entscheidung auf die falsche Art bekanntgegeben. Versuche bitte ihm klarzumachen, daß er nicht um seiner Kritik willen fortgeschickt wird."
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Drei Wochen später verließen Helegethir und Gil Galad von einigen Elbenkriegern begleitet, Nargothrond. Viele aus dem Volk der Elben waren gekommen, um ihre Königin und ihren Prinzen zu verabschieden.
Der Morgen war kühl, aber nicht kalt und Frühnebel lag über dem Narog, verhüllte das Wasser und dämpfte leicht sein Rauschen. Es würde ein schöner Reisetag werden.
Die Elben der Reisegesellschaft standen in ihren grauen, wetterfesten Umhängen am vorderen Ende der Wiese vor den drei großen Toren der Burg. Sie warteten, schauten in den Himmel um das Wetter zu abzuschätzen, überprüften noch einmal den Sitz der Satteltaschen(4) oder unterhielten sich leise mit Freunden und Angehörigen.
Helegethir und Gil Galad verabschiedeten sich vom König, und niemand hätte in diesen unauffälligen Elben, beide das dunkle Haar zurückgeflochten, beide mit schlanken Schwertern an ihrer Seite, die Königin und den Thronerben Nargothronds vermutet.
Orodreth küßte jeden von ihnen zum Abschied, und mit Kummer bemerkte er, wie sein Sohn sich etwas unter seiner Berührung versteifte. Er hatte sich wirklich bemüht, 'Ellach zu zeigen, daß er nicht zur Strafe fortgeschickt wurde. Doch er fürchtete, gänzlich sei ihm dies nicht gelungen.
Schließlich zog er seinen Sohn in eine weniger königliche denn heftige Umarmung.
"Ich liebe dich, mein Junge", flüsterte er heiser. Und er war erleichtert, als er spürte, wie seine Umarmung wortlos aber liebevoll erwidert wurde.
Finduilas stand zwischen Túrin und Gwindor, wie sie es in dieser Zeit häufig tat, und ihr Blick war traurig. Selten war sie so lange von ihrem Bruder getrennt gewesen, von ihrer Mutter ganz zu schweigen. Es war gut, wenigstens ihren Vater noch bei sich zu wissen, denn es würde still und einsam werden ohne die Hälfte ihrer Familie. Sie umarmte beide fest und langanhaltend.
"Warum kann ich nicht mit euch kommen?", fragte sie ihre Mutter.
Helegethir streichelte ihrer Tochter die Wange. "Das habe ich dir doch bereits erklärt, Finduilas. Du hast andere Aufgaben hier", sie wies mit dem Kopf kurz in Gwindors Richtung, "und jemand muß die Pflichten der Königin wahrnehmen, solange ich fort bin. Du bist erwachsen, du hast inzwischen nicht nur Pflichten deiner Familie, sondern vor allem auch deinem Volk gegenüber."
"Ich weiß, Mutter, ich weiß. Aber ich wünschte trotzdem, ich könnte euch begleiten."
Mit einem amüsierten Lächeln schob die Königin Finduilas in Richtung Orodreths. "Was, und deinen Vater ganz einsam und allein hier zurücklassen? Ich kann ihm doch nicht beide Kinder nehmen!"
Der König lachte leise auf und legte einen Arm um seine Tochter. "Ganz richtig, ich würde hier in dieser mit Elben nur so vollgestopften Burg vollkommen vereinsamen!"
Auch Túrin verabschiedete sich freundlich von der Königin und ihrem Sohn. Er hegte keinen Groll gegen Gil Galad, trotz dessen Widerspruchs im Rat.
"Paß auf deine Mutter auf, ich werde auf unsere Schwester achtgeben", sagte er.
"Das werde ich. Und du bewache unser Zuhause. Riskiere nichts, Túrin."
"Ich werde nichts riskieren." Dann zog er Gil Galad beiseite. "Ich habe eine Bitte an dich."
"Eine Bitte?"
"Sorge dafür, daß niemand in Doriath von meiner Anwesenheit hier erfährt."
Gil Galad maß Túrin mit einem fragenden Blick. "Du mußt wissen, wie sehr sie sich um dich sorgen. Warum sollen sie nicht erfahren, wo du lebst und wie es dir geht?"
"Ich habe meine Gründe, glaube mir das." Túrin faßte drängend den Arm des Elben. "Versprich es mir, Gil Galad."
"Also gut, ich verspreche es dir."
"Niemandem – niemandem! – ein Wort von mir zu berichten?"
"Ich werde keinem etwas davon sagen. Und ich werde dafür sorgen, daß auch sonst keiner von uns es tut. Was nicht sehr wahrscheinlich ist, da außer mir nur meine Mutter weiß, wer Mormegil wirklich ist. Ich werde mit ihr sprechen."
"Danke. Habt eine gute Reise. Mögen die Valar eure Wege behüten."
"Und die deinen, Túrin."
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Sechzehn Elben waren sie, und sie gedachten, die Talath Dirnen in dreizehn Tagen zu überqueren. Doch das Wetter wurde schlechter und so benötigten sie mehr als einen halben Mondzyklus, um Menegroth zu erreichen.
Dort wurden sie von Thingol und Melian freundlich in Empfang genommen, und sie trafen auch ihre Verwandte Galadriel, die mit ihrem Gatten Celeborn noch immer in Menegroth lebte.
Für einige Tage blieben Helegethir und Gil Galad in den tausend Grotten. Die Nachricht vom Tod Beleg Cúthalions hatte sich bereits bis in das Verborgene Reich herumgesprochen und die Gäste aus Nargothrond berichteten nun, was sie von Gwindor über Beleg gehört hatten, stets darauf bedacht, nicht zuviel zu erzählen. Doch die offensichtliche Sorge Thingols um seinen Pflegesohn Túrin rührte die Königin und den Prinzen von Nargothrond.
Am Abend vor ihrer Abreise zu Helegethirs Angehörigen, die jenseits des Esgalduin in Neldoreth lebten, etwa eine Tagesreise nördlich von Menegroth, nutzte Gil Galad schließlich die Gelegenheit einer zufälligen Begegnung mit Königin Melian.
"Herrin, ich möchte gern mit Euch über Euren Pflegesohn sprechen."
Sie sah ihn an, unergründlich, aber nicht überrascht, und er fragte sich, wie 'zufällig' diese Begegnung wohl in Wahrheit sein mochte.
"Gwindor...er ist seinerzeit auch Túrin begegnet. Ich habe versprochen, nicht mehr über diese Begegnung zu erzählen. Doch damals ging es ihm noch gut."
Die Königin musterte ihn mit ihren strahlenden schönen Augen. "Und?"
"Nun, ich denke es wäre gut, wenn den König ein entsprechendes Gerücht erreichen würde. Vielleicht mildert es seine Sorgen etwas."
Sie lächelte angesichts der Zerrissenheit dieses Elben zwischen dem Versprechen, das er gegeben hatte und dem Mitgefühl für Thingol.
"Warum sagst du mir das, Gil Galad, warum gehst du damit nicht direkt zu meinem Gatten?"
Jetzt mußte er bei aller Hochachtung vor der Herrin Doriaths doch ironisch lächeln. "Weil er klug genug wäre, durch geschicktes Fragen zu erfahren, was ich zu verschweigen gelobt habe – und Ihr klug genug seid, es dabei zu belassen."
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Gil Galad blieb mit seiner Mutter bis zum Spätsommer im Haus seines Großvaters Laerion. Helegethir genoß es sehr, ihre Familie wiederzusehen, wieder den Dialekt ihrer Jugend zu hören und nicht Königin, sondern lediglich Schwester und Tochter zu sein.
Die friedvolle Umgebung wirkte sich auch auf Gil Galad beruhigend aus. Zwar dachte er häufig an Finduilas, fragte sich, wie es ihr ergehen mochte, doch er sah keinen wirklichen Grund zur Besorgnis, solange Gwindor und Orodreth bei ihr waren. So fand sein fea mit der Zeit wieder etwas Ruhe.
Schließlich mußten sie sich jedoch entscheiden, ob sie die letzten Herbsttage zur Rückreise nutzen, oder den Winter in Doriath verbringen wollten. Und sie entschieden sich zur Abreise, da sie sich beide nach ihrem Zuhause und jenen, die sie liebten, sehnten.
Fußnoten:
(1) Das Wissen um Túrins Aufenthalt in Doriath: Túrin war ca. zwanzig Jahre alt, als er nach Nargothrond kam. Höchstwahrscheinlich dürften zwischen Nargothrond und Doriath mindestens alle zwei bis drei Jahre Nachrichten ausgetauscht worden sein, und da Tolkien es als sehr ungewöhnlich beschrieb, daß Thingol Túrin als seinen Pflegesohn aufgenommen hatte, werden die Boten Doriaths dies bei ihrem Besuch in Nargothrond sicherlich erwähnt haben.
(2) Die Dunkelheit Nargothronds: dies mag übertrieben klingen, doch Tolkien schrieb selbst im Silmarillion (anläßlich Celegorms Rede als Beren Hilfe suchend nach Nargothrond kam): "...doch heimlich und aus dem Hinterhalt, mit Hexenkunst und vergifteten Pfeilen verfolgten sie alle Fremden, auch der Blutsbande nicht achtend. So verrieten sie den Mut und die Freiheit der Elben von einst, und ihr Land wurde dunkel." So glaubte er zumindest, ihr Land habe sich verdüstert und persönlich erachte ich es als geradezu erschreckend, denn ich lese daraus, daß sie sogar Elben töteten. Elben töten Elben? Ein vierter Verwandtenmord? Nun, vielleicht nicht gleich *so* schlimm, doch schlimm genug.
(3) Túrins Flucht aus Doriath: zur Geschichte Túrins Kampf mit Saeros, der zu seiner Flucht aus Doriath führte siehe Silmarillion, XXI ‚Von Túrin Turambar', bzw. Nachrichten aus Mittelerde, II Narn I Hîn Húrin ‚Túrin in Doriath'.
(4) Satteltaschen: von Elben wird zwar gesagt, daß sie keine Sättel benutzten, dochim HdR hat Glorfindel einen, als er auf Aragorn und die Hobbits trifft. Ich denke, bei kurzen Reisen ohne Gepäck mag es noch angehen, ohne Sattel zu reiten, doch spätestens wenn Packtaschen erforderlich sind, müssen diese ja irgendwie befestigt werden. Darüber hinaus gibt ein Sattel dem Reiter einen besseren Halt und soll auch gesünder für das Pferd bzw. dessen Rücken sein. Ich werde erst in Zukunft Reiten lernen, darum habe ich mich für diesmal auf das verlassen müssen, was ich in einer entsprechenden Diskussion über Elben und Reitkunst las.
2. A/N:
Okay, jetzt ist alles vorbereitet. Die Zerstörung Nargothronds kann beginnen...
