Narn Gil Galad

von Earonn

Kapitel VIII – Die Schlacht von Tumhalad

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Danksagung: meiner Korrekturleserin Nemis der Großen (nicht zu verwechseln mit Gonzo dem Großen) mit Dank für all das, womit sie meinen Geburtstag verschönt hat, insbesondere Maglor the Singing Hamster.

Widmung: für Ute, die mir außerordentlich gute Neuigkeiten überbracht hat

*überreicht eine weitere Flasche überraschend teuren Kiwi-Rotweins*

und für ‚das Bild'.

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A/N:

Loriel: die Geneaologie Gil Galads, wie sie im Silmarillion steht, wurde von Christopher Tolkien in Band XII der ‚History of Middle Earth' (‚The Peoples Of Middle Earth') S. 349 ff. korrigiert. Tolkien hatte für Gil Galad verschiedene Stammbäume entwickelt, der im Silmarillion verwandte ist lediglich einer davon (und ein recht kurzlebiger noch dazu). Die Endfassung sieht Gil Galads Familie so vor, wie ich sie beschrieben habe.

Es gibt zu diesem Thema auch einen Artikel von Michael Martinez auf Suite 101 im Internet.

Normalerweise mag ich Gaius Julius Caesar ja nicht sonderlich, weder als Menschen noch als Politiker, und achte seinen politischen Gegenspieler Marcus Porcius Cato Uticensis höher. Doch in diesem Fall schulde ich Caesar Dank, da ich mich von seinem Brückenschlag über den Rhein für Celebrimbors Arbeit habe inspirieren lassen.

Es ist nicht einfach, ein ganzes Heer untergehen zu lassen. Für die Beschreibung des Kampfes auf der Ebene von Tumhalad habe ich die Schlacht von Idistaviso, nordwestlich der Weser, 16 n. Chr. zwischen Germanicus und Arminius zum Vorbild genommen.

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VIII Die Schlacht von Tumhalad

Während der Abwesenheit von Helegethir und Gil Galad kamen zwei Elben mit Namen Gelmir und Arminas nach Nargothrond. Sie gaben an, aus dem Volk Angrods zu stammen, doch der König erkannte sie nicht, noch einer seiner Ratgeber.

Nach der Dagor Bragollach, so sagten sie, seien sie zunächst zu Círdan dem Schiffsbauer gelangt und mit den Falathrim schließlich vor den Orks nach Balar geflohen, als diese Brithombar und Eglarest zerstörten. Und Círdan sei es auch, der sie nun ausgeschickt habe, um Nargothrond zu benachrichtigen, da er eine Warnung von Ulmo, dem nach Manwe mächtigsten der Valar, erhalten habe.

"Vernehmt denn die Worte des Herrn der Wasser!", verkündete Gelmir bedeutungsschwanger. "Also sprach er zu Círdan, dem Schiffsbauer: ‚Das Böse aus dem Norden hat die Quellen des Sirion besudelt, und meine Macht zieht sich aus den Armen des fließenden Wassers zurück. Doch jetzt wird Schlimmes hervorkommen. Deshalb sage jetzt dem Fürsten von Nargothrond: Schließe die Tore der Festung und verlasse sie nicht. Wirf die Steine deines Stolzes in den lärmenden Fluß, damit der kriechende Unhold das Tor nicht finde!'"(1)

Alle Anwesenden erschraken angesichts dieser Worten voll düsterer Vorbedeutung, doch Túrin bedachte die beiden Elben mit harschen und herablassenden Worten. Er wollte nicht dulden, daß die Brücke, die hauptsächlich auf sein Geheiß hin über den Narog errichtet wurde, wieder eingerissen werden solle. Und er maß sowohl der Botschaft selbst, als auch jenen, die sie sandten, wenig Bedeutung bei, denn er schätzte von jeher die Valar nicht sonderlich und vertraute nicht auf ihre Macht.(2)

Auch vor Círdan hegte er keinen großen Respekt, trotz all der Kämpfe, die er im Westen Beleriands gemeinsam mit den Falathrim gegen die Orks gefochten hatte. In seinen Augen versteckte sich der alte Elb feige auf der Insel Balar. Obwohl Gwindor ihm von der Großen Hoffnung der Eldar erzählt hatte, verstand der junge Adan nicht die Bedeutung einer sicheren Rückzugsmöglichkeit. Er verstand lediglich die Ehre mutigen Kampfes und stolzen Widerstandes gegen den Feind.

Vieles sagte er in dieser Art, Dinge, die ihn nicht als weise erscheinen ließen. Und schlimmer noch, er nannte Arminas offen einen Entlaufenen und warf die beiden Elben geradezu aus der Burg, aller Verpflichtungen des Gastrechts nicht achtend.

Gwindor sprach sich empört gegen Túrins Verhalten aus, doch nachdem er geendet hatte, musterte dieser ihn spöttisch.

"Nicht jeder, der den Namen deines Bruders trägt, spricht auch in seinem Sinne, Gwindor, Sohn von Guilin."(3)

Der Elb fuhr entsetzt zurück und nicht zum ersten mal zweifelte er daran, seiner Heimat einen guten Dienst getan zu haben, indem er Túrin hierher führte.

Ehe sie gingen fragte Orodreth die Boten Círdans ob sie etwas von Helegethirs Angehörigen wüßten. Seine Gattin wäre sicherlich froh über Nachrichten von ihren Verwandten. Doch keiner der beiden konnte ihm sagen, ob die Familie die Zerstörung der Häfen überlebt hatte.

Schließlich schrieb er ihnen einen Brief ohne zu wissen, ob noch jemand lebte, der ihn in Empfang nehmen konnte.

So kehrten die beiden Boten unverrichteter Dinge von ihrer Reise zur Festung unter dem Hoch Faroth zu Círdan zurück. Und sie waren gleichermaßen verwundert wie verletzt über die Behandlung, welche ihnen in Nargothrond zuteil geworden war, noch dazu von einem Sohn der Edain und mit Billigung des Königs. Gleichwohl waren sie ehrenhafte Männer und erzählten niemandem was geschehen war, mit Ausnahme des Schiffsbauers selbst.

Círdan konnte nicht verstehen, warum Orodreth, den er als einen klugen, vorsichtigen Mann kennengelernt hatte, nicht auf die Worte eines Vala hören sollte. Er fürchtete das Verhängnis der Noldor am Werk, ein düsteres Schicksal, das über den Elben von Nargothrond liege, schon in der Musik der Ainur enthalten, und weder zu ändern noch aufzuhalten.

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Als Gil Galad nach seiner Rückkehr hörte, wie Túrin sich gegenüber den Boten Círdans verhalten hatte, suchte er den Menschen auf und Túrin schreckte beinahe zurück vor der harschen Mißbilligung in den dunkelgrauen Augen des Elben.

"Es war nicht recht von dir, die beiden in dieser Weise zu behandeln, ganz zu schweigen davon, sie selber fortzuschicken. Dies ist die Halle des Königs, und wenn du auch hoch in unser aller Gunst stehst, so ist es doch allein seine Entscheidung, Gastfreundschaft zu gewähren oder zu verweigern."

Túrin richtete sich auf und musterte den Elbenprinzen unfreundlich.

"Stimmst du ihnen etwa zu? Sollen wir uns verstecken und feige in Höhlen verkriechen, wie es früher Brauch war?"

Beinahe sofort taten ihm seine harten Worte leid, doch in den vergangenen Jahren war er zu stolz geworden, um sie zurückzunehmen.

Gil Galad betrachtete ihn lange schweigend.

"Warum sprichst du in dieser Weise, Túrin?", fragte er schließlich. "Warum willst du mich verletzen? Was ist geschehen, das dein Herz so sehr gegen uns verhärtet hat?

Círdan ist seit langem unser Freund, und wenn auch nur noch selten Boten zwischen Balar und Nargothrond verkehren, so ist sein Rat doch immer weise gewesen. Ulmo spricht zu ihm und die Freundschaft des Herrn der Wasser gereichte seinem und unserem Volk stets zum Vorteil. Seine Verbindung zum Haus von Finarfin besteht schon seit vielen Jahren, länger als dein Volk hier im Westen lebt, mit welchem Recht beleidigst du ihn, indem du seine Boten so schlecht behandelst? Sie sind ehrenwerte Männer, die tapfer an der Seite von Angrod und Aegnor gekämpft haben, lange ehe du geboren wurdest."

Er hielt kurz inne, und als er fortfuhr, war seine Stimme scharf und voller Kälte.

"Und dies sage ich Dir, Túrin, Sohn von Húrin: ich habe mitansehen müssen, wie Celegorm und Curufin die Macht des Königs untergraben haben und unser Volk als Werkzeug ihrer eigenen Begierden benutzten. Ich werde nicht zulassen, daß dergleichen noch einmal geschieht!"

Damit wandte er sich ab und ging, ohne auf die Reaktion des Menschen zu achten.

Túrin war betroffen, denn noch niemals zuvor hatte der Sohn Orodreths ihm gegenüber in so unfreundlichen Worten gesprochen, und sein Herz war noch nicht so verhärtet, daß er diesen Bruch in ihrer Freundschaft ohne weiteres ertragen konnte.

Gil Galad aber ging zu seinem Vater um mit ihm über die Botschaft zu sprechen, die Círdan gesandt hatte.

Die düsteren Worte hinterließen eine ungute Vorahnung in seinem Herzen. Seit seiner frühesten Jugend hatte er zu viel über die Valar und ihre Macht von seinem Vater und anderen Verwandten gehört, um ihre Warnung nun leichtfertig zu ignorieren.

"Und was wollen wir wegen der Brücke nun unternehmen?", fragte er schließlich.

Orodreth maß ihn mit einem seltsamen Blick.

"Liegt das nicht auf der Hand? Die Brücke wird bestehen bleiben, sie war uns bisher von großem Nutzen."

Gil Galad verlagerte unruhig sein Gewicht.

"Vater, du kennst meine Meinung über dieses Thema, und du hast sie bereits als ungerechtfertigt zurückgewiesen. Aber du kennst ebenso Círdan, besser als ich ihn kenne, du weißt, er würde uns nicht leichtfertig warnen! Wieso sollten wir ausgerechnet jetzt nicht auf seinen Rat hören?"

"Offenbar hast du nur geringes Vertrauen in die Krieger Nargothronds, mein Sohn. Wenn der Feind kommt – immer vorausgesetzt er findet uns überhaupt – könnte die Brücke problemlos gehalten werden."

Mit einer heftigen Bewegung wandte Gil Galad sich von seinem Vater ab, mühsam seine Selbstbeherrschung wahrend. Ein Schauer lief durch seinen Körper angesichts einer alten, alptraumhaften Erinnerung.

"So wie damals Tol Sirion?", warf er schließlich über die Schulter zurück. "Was willst du tun, wenn Sauron erneut vor unseren Toren auftaucht?"

Orodreth ging zu ihm und legte ihm sacht eine Hand auf die Schulter.

"Ich weiß es nicht, 'Ellach. Aber wir leben ständig in dieser Gefahr, und Brücke oder nicht, wir sind nicht uneinnehmbar und werden es niemals sein."

Gil Galad senkte den Blick und nickte zustimmend. Dann wandte er sich wieder zum König um, doch er schaute weiterhin auf seine angespannt ineinander verschränkten Hände.

"Ich habe Angst um unser Volk. Es hat seit jeher in Gefahr gelebt, das stimmt, aber diese Warnung zu mißachten...es heißt, unser Schicksal herausfordern."

Wehmütig lächelnd strich der König seinem Sohn leicht über die Wange. "Was sagst du das mir, der die Wunder von Valinor und den Schrecken der Helcaraxe mit eigenen Augen gesehen hat?! Seit dem Tod der Zwei Bäume und unseres Königs Finwe haben die Noldor nichts anderes getan, als ihr Schicksal herauszufordern.

Finellach, wir verstehen den Gesang der Ainur nicht, wir können die Wege der Welt nicht erkennen. Wir können nur versuchen, die richtigen Entscheidungen zu treffen."

Gil Galad seufzte. "Ich weiß, Vater, ich weiß." Er ergriff Orodreths Hand und drückte sie sanft. "Dennoch wünschte ich, du hättest anders entschieden."

"Doch ich habe es nicht getan. Und nun kann ich meine Entscheidung nicht wieder rückgängig machen, ohne vor dem Volk an Ansehen zu verlieren. Auch sehe ich keinen Anlaß dazu."

Mit einem beinahe bittenden Ausdruck in seinen dunklen Augen sah der jüngere Elb seinen König an. "Dann sende wenigstens diejenigen unseres Volkes die sich nicht verteidigen können nach Balar, wo sie sicher sind."

Orodreth hob eine Braue. "Und wer wäre bereit zu gehen? Glaubst du, deine Mutter oder deine Schwester würden uns verlassen, ungeachtet ihrer Stellung in diesem Reich? Welche Mutter würde ihren Sohn, welche Frau ihren Geliebten in der Gefahr zurücklassen?

Davon abgesehen wäre Círdan gar nicht in der Lage für sie zu sorgen. Balar ist groß, aber seine Äcker könnten so viele nicht ernähren. Schon jetzt sind die Falathrim auf Handel angewiesen. Nein, 'Ellach, zum Guten oder Schlechten muß und wird das Volk von Nargothrond zusammenbleiben. Bis zum Ende, wenn es denn sein muß."

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Im Herbst des folgenden Jahres hatte Morgoth seine Pläne endlich vollendet, und er sandte Glaurung den Drachen über die Anfauglith nach Süden.

Das Untier kam durch den Paß des Sirion, sich immer dicht an den Hängen der Ered Wethrin haltend. Er erreichte die herrlichen Weiher von Ivrin und zerstörte und verunreinigte ihre Schönheit, ehe er sich, von einem Heer von Orks begleitet, nach Süden auf den Weg über die Talath Dirnen machte, alles vernichtend, was ihm im Wege lag.

Die Elben Nargothronds erkannten bald, daß dieser Gefahr nicht mit Grenzpatrouillen begegnet werden konnte. Das Heer der Orks und ganz besonders der Drache mußten daran gehindert werden, weiter vorzudringen.

So zog Orodreth alle seine Männer zusammen, und sie bildeten ein wahrhaftig mächtiges und beeindruckendes Heer. Viele große und edle Krieger versammelten sich in der Burg und niemals zuvor war die Macht Nargothronds so deutlich geworden wie zu dieser Stunde

Dennoch waren sie besorgt. Viele von ihnen erinnerten sich an Glaurungs Erscheinen in der Dagor Bragollach, und daß es nicht Elben, sondern Zwerge gewesen waren, die ihn zurückgeschlagen und vertrieben hatten.

Dies waren die Zwerge von Belegost unter dem Befehl ihres Königs Azaghâl. Sie allein hatten dem Feuer des Drachens widerstehen können, und Azaghâl verwundete Glaurung, obgleich er dabei sein Leben ließ. Und diese Tat wurde in Ehren gehalten unter Elben, Zwergen und Menschen.

Doch diesmal gab es keine Zwergenarmee, nur eine ihrer großen, vergoldeten Kriegsmasken, die es ihnen ermöglicht hatte, dem Drachenfeuer zu widerstehen, und die irgendwie ihren Weg in die Waffenkammer Nargothronds gefunden hatte. In jenen Tagen trug Túrin sie zuweilen und ihr gräßlicher Anblick erfüllte seine Feinde mit Schrecken.

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Schmerzvoll war der Abschied Finduilas' von ihrem Vater, ihrem Bruder und Túrin, denn sie fürchtete um jeden von ihnen in der Schlacht und sie vergoß bittere Tränen.

"Düster ist mein Herz", sprach sie, "denn ich weiß nicht, ob ich euch jemals wiedersehen werde. Der Weg in Mandos Hallen ist uns versperrt und das Schicksal, das die Menschen erwartet, gänzlich unbekannt."

Und mit diesen Worten trat sie zu ihnen und küßte jeden auf die Stirn, und dies war das einzige mal, daß sie Túrin ihre Liebe spüren ließ.

Dann machte sich das Heer auf den Weg, stolz die Banner von Finrod und Finarfin, Harfe und Blume, vor sich tragend. Túrin und Orodreth ritten an der Spitze des Zuges, und die Herzen der Krieger wurden von Kampfeswillen erfüllt, als sie ihren Herrn und den Sohn der Edain Seite an Seite reiten sahen. Und sie sangen, während sie in die Schlacht zogen.

Gil Galad hingegen hielt sich am Ende des Zuges, denn er fühlte sich längst nicht so siegesgewiß wie die meisten der Elben. Ihm stand der Sinn nicht nach Schlachtgesängen und er war der Ansicht, in seiner momentanen nachdenklichen Stimmung kein geeignetes Bild für einen Anführer abzugeben.

Gwindor, Celebrimbor und sogar der sonst eher aufgeräumte Gildor Inglorion ritten in seiner Nähe, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend und jeder froh um die Gesellschaft von Kameraden, die gleichen Sinnes waren.

Langsam ritt der Sohn des Königs auf seinem Apfelschimmel über die Brücke. Als er das jenseitige Ufer des Narog erreicht hatte, wandte er sich noch einmal um, stützte eine Hand auf die Kruppe des Pferdes und warf einen Abschiedsblick auf seine Heimat.

Die Sonne war gerade weit genug über den Hoch Faroth gestiegen, um die Tore Nargothronds zu erleuchten. Der helle Sandstein glühte orange-golden, beinahe schmerzlich schön. Helegethir und Finduilas blinzelten gegen das Licht, beschirmten die Augen mit einer Hand, und auch sie waren von dem wundervollen Morgenlicht in Gold getaucht.

Gil Galad trieb sein Pferd an, um seinen Freunden zu folgen. Doch bis der Pfad eine Biegung machte und die Frauen außer Sicht gerieten, sah er sich noch häufig um, seine Schwester und seine Mutter betrachtend, um ihr Bild mit sich nehmen zu können – in die Schlacht und, falls es so sein sollte, in die Hallen von Mandos.

Das Heer Nargothronds folgte dem Lauf des Narog nach Norden und wandte sich dann östlich, in Richtung der Teiglin-Stege. Je näher sie dem Feind kamen, desto stiller wurden sie, und desto entschlossener ihre Herzen.

Einige Wegstunden entfernt vom Narog trafen die Heere aufeinander. Die Elben fochten tapfer und zunächst gelang es ihnen, die Orks nach Nordosten in Richtung der Teiglin-Stege zurückzudrängen. Selbst Glaurung wich vor ihnen zurück.

Doch dieser Rückzug war nichts weiter als Schein. Schon Monate zuvor hatte Morgoth viele Bewaffnete gegen das Volk der Edain in Brethil gesandt und diese aus ihren Ansiedlungen vertrieben. Seitdem hatten Orks die Talath Dirnen besetzt und verhindert, daß Nachrichten von diesem Angriff nach Westen gelangten.

Nun erwartete, verborgen in den Wäldern, ein zweites Heer die Elben, nahezu ebenso zahlreich wie jene, die offen mit dem Drachen gekommen waren.

Orodreth führte seine Krieger nach Osten, die Feinde zu den Stegen verfolgend, und viele von ihnen wurden während ihres Rückzuges getötet.

Und während im Norden die Schlacht siegreich für Nargothrond verlief, verließ einige Wegstunden südlich das zweite Heer Brethil auf mühsam über die Teiglin-Schlucht errichteten Brücken und schnitt den Elben den Rückweg nach Nargothrond ab.

Als er erkannte, daß sie es nicht nur mit wesentlich mehr Gegnern zu tun hatten als erwartet, sondern daß diese auch noch dabei waren, sie in die Zange zu nehmen, befahl Orodreth den sofortigen Rückzug. Es blieb ihnen keine andere Möglichkeit mehr, als direkt nach Westen zu gehen, doch er wußte, dort würden sie sich früher oder später mit dem Narog im Rücken dem Feind stellen müssen. Ohne eine Rückzugsmöglichkeit nach Westen würden sie bald zwischen den Feinden und dem Fluß gefangen sein.

Daher sandte der König einen Teil des Heeres unter Celebrimbors Führung voraus, all jene, die sich auf den Bau von Häusern und Gerüsten verstanden. Sie sollten eine behelfsmäßige Brücke über den Narog schlagen, um den Elben gegebenenfalls den Rückzug über den Fluß zu ermöglichen, sollte dies notwendig werden – und der König hegte keinen Zweifel daran, daß dies der Fall sein würde.

Orodreth machte sich keine Illusionen: die Feinde würden nicht von ihnen ablassen, ehe sie sie nicht völlig vernichtet hatten. Sie waren auf Nargothrond aus, und das letzte was die Orks bei der Plünderung der Burg gebrauchen konnten war ein lebendes Elbenheer im Rücken.

Und bei der Gunst aller Valar hoffte Orodreth, Morgoth möge die Lage der Wohnstatt am Narog noch unbekannt sein.

Doch der Große Feind hatte lange Zeit hindurch viele Späher auf die Spur der Grenzwachen gesetzt, viele Orküberfälle befohlen, hunderte seiner Orks geopfert, und so nach und nach viel Wissen über Nargothrond zusammengetragen. Er wußte noch nicht, wo genau die Burg lag, doch er wußte es gut genug.

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Nachdem Celebrimbor und seine Leute einen halben Tag so schnell geritten waren, wie sie es ihren Tieren nur zumuten konnten, erreichten sie schließlich den Narog. Der Fluß war hier nicht sonderlich breit, aber tief und seine Strömung mächtig.

Celebrimbor befahl den Elben sofort, ringsum Bäume zu schlagen. Aus den Stämmen fertigte er Pfähle, die er tief im Flußbett verankern ließ, jeweils paarweise flußauf- und flußabwärts, einander zugeneigt. Diese Pfahlpaare verband er mit Balken, und die Äste und Zweige der Bäume nutzte er, um einen behelfsmäßigen Weg über das so errichtete Gerüst zu schaffen.

Von Orks und dem Drachen getrieben floh der Rest des Heeres immer weiter westlich, jeden Schritt Bodens verteidigend, bis sie den Narog erreichten, den nun zwei breite Holzbrücken überspannten, nur provisorisch, jedoch ihren Zwecken genügend. Diese überquerten sie eilig, von der Nachhut unter großen Verlusten verteidigt. Dann zerstörten sie die Bauten hinter sich, so gut sie es in der Eile und unter den unzähligen sie umschwirrenden Pfeilen der Orks eben vermochten.

Nun, da der Narog zwischen ihnen und dem Feind lag, hofften sie auf etwas Sicherheit und Rast.

Doch die Worte Ulmos waren nicht umsonst gesprochen: seine Macht hatte die Wasser verlassen und die Orks kamen in großen Scharen über den Fluß. Sie klammerten sich an die Reste der Brücken, bauten darauf ihre eigene Übergänge, und so viele von ihnen auch von den Fluten mitgerissen wurden und ertranken, so nahmen doch immer neue ihren Platz ein. Wie Ameisen besiegten sie den Narog durch ihre schiere Übermacht.

Zumindest jedoch verschaffte dies den Elben genügend Zeit, sich bis an die Biegung des Ginglith zurückzuziehen und dort neu zu formieren, wie Orodreth es geplant hatte, so daß sie nun den Orks den Weg nach Süden versperrten. Und jetzt war es Mittag und die Elben konnten mit der Sonne im Rücken kämpfen, während die Orks, die sie für gewöhnlich gänzlich mieden, in Anars blendendes Licht sehen mußten.

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Zwischen dem Ginglith zur Linken und dem Narog zur Rechten standen die Elben schweigend und erwarteten ihre Gegner. Wind kam auf und strich über zurückgeflochtenes, seidiges, dunkles und helles Haar, liebkoste alterslose Gesichter und ließ die Banner flattern. Scharfe Augen blickten geradeaus, mit ernsten und entschlossenen Mienen und schlanke, kräftige Hände umspannten die Griffe von Schwertern und Schilden, Äxten und Bögen. Spannung lag in der Luft über der Ebene.

Dann sprangen die Orks unter großem Geschrei vorwärts und Orodreth gab den Flanken seines Heeres das Signal zum Vorrücken. Die Schlacht von Tumhalad hatte begonnen.

Lange und heftig war der Kampf. Die Elben fochten verbittert, denn sie wußten, Nargothrond würde untergehen wenn die Orks es erreichten.

Túrin hielt die rechte Flanke, nach Osten hin, wo Glaurung vorwärtskroch, langsam, doch unaufhaltsam, während Orodreth mit dem größten Teil seines Heeres in der Mitte die Hauptmacht der Orks zurückhielt. Seinen Sohn hatte der König an die linke Flanke gesandt, dem Westen zu, wo der Ginglith einen Bogen nach Osten machte, ehe er in den Narog mündete, und der Boden naß und matschig war.

Und es wäre unmöglich zu entscheiden gewesen, welche dieser Stellungen am gefährlichsten oder am mühseligsten zu verteidigen war.

Doch die Elben hatten ihre Pferde nicht über die unsichere Brücken bringen können, während dies für die Warge kein Problem gewesen war. So sahen sich Túrin und Gil Galad den schnellen, wolfsähnlichen Tieren gegenüber, die noch dazu Orks auf ihren Rücken trugen.

Orodreth konnte sich in der Mitte erfolgreich gegen die Orks behaupten und diese sogar trotz ihrer Übermacht zurückdrängen. Doch die Flanken des elbischen Heeres begannen nach und nach unter den Angriffen der beweglichen Warge mit ihren bewaffneten Reitern einzubrechen. Viele Elben fielen hier, doch konnten der Sohn des Königs und der Adan verhindern, daß ihre Fronten völlig zusammenbrachen. So schaffte der Feind es nicht, entlang der Flüsse in den Rücken des Elbenheeres zu gelangen, wie es seine Absicht gewesen war.

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Celebrimbor nutzte eine Pause im Ansturm der Orks, hielt kurz inne und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Es nahm kein Ende, die Orks wurden einfach nicht weniger. Die Elben waren ihnen zwar im Kampf überlegen, doch die weitaus größere Zahl der Feinde und die Unterstützung durch die Warge machte dies mehr als wett.

Und dennoch zogen sie sich zurück, nach Nordosten, ihrem eigenen Hauptheer zu.

Doch der Sohn Curufins hoffte keinen Moment auf ein Ende des Kampfes. Warum sie so handelten wußte er nicht, doch sie würden zurückkehren, so viel war sicher.

Er stieg einige Schritte von der kleinen Anhöhe hinab, auf der er mit einem Teil der westlichen Flanke des Heeres stand. Im Westen und Süden konnte er den Ginglith in der Herbstsonne glitzern sehen. Hinter dem Fluß lag Nargothrond, die Heimat, die es um jeden Preis zu verteidigen galt.

Der Gedanke verlieh dem Meisterschmied neue Entschlossenheit, er warf das Haar zurück und wandte sein Gesicht noch einmal mit geschlossenen Augen der Sonne zu. Vielleicht wäre es heute die letzte Gelegenheit für lange Zeit, ihren Schein auf seiner Haut zu spüren.

Ein Aufschrei von vielen ließ ihn herumwirbeln und er rannte zur Kuppe des Hügels. Die Elben dort, darunter auch Gildor Inglorion und Gil Galad, blickten auf das flachere Land vor ihnen, wo der Hügel sanft zur Ebene abfiel.

Celebrimbor kam keuchend neben den beiden anderen zum Stehen und er fluchte auf Hammer und Amboß als er sah, was dort unten geschah.

Der Hauptteil des elbischen Heeres war zu weit nach vorne gestoßen, oder die Flanken waren zu weit zurückgedrängt worden, auf jeden Fall sah Orodreth sich nun auf drei Seiten vom Feind eingekreist. Die Schlachtreihen der Elben begannen zu wanken.

Celebrimbor blickte sich hektisch um, doch hier hatten sie praktisch keine Männer mehr, um sie dem König zur Hilfe zu schicken. Vom Westen her versuchte Túrin zwar, seine Krieger zur Mitte zu führen, doch sie wurden selbst von dem Drachen bedrängt, der inzwischen zu alt, zu gut gepanzert und zu gerissen war, um noch ernstlich verletzt werden zu können. Nur Túrin selbst, geschützt durch seine Zwergenmaske, konnte den Angriffen Glaurungs widerstehen.

Hilflos mußten die Elben auf dem Hügel mitansehen, wie sich die Orks immer weiter durch die Reihen der Krieger fraßen, wie praktisch das gesamte Heer Nargothronds nach und nach dahinschmolz.

Obwohl sie wußten was geschehen würde, war es dennoch wie ein Schock, als die grausamen Kreaturen jenen Ort erreichten, wo die Banner Finrods und Finarfins stolz im Herbstwind wehten und wo Orodreth und seine Leibwache verzweifelt versuchten, sich aus der Umzingelung zu befreien.

Und als die Banner fielen, als sie alle mitansehen mußten, wie ihr König in der vordersten Schlachtreihe sein Leben hingab, da war es Celebrimbor, der Gil Galads Leben rettete. Denn er sah dessen Reaktion voraus und trat schnell neben seinen jüngeren Verwandten. Und gerade als dieser losstürmen wollte, in einem vergeblichen Versuch seinem Vater zu helfen, der ihn selbst in den sicheren Tod geführt hätte, faßte der Schmied rasch seinen Oberarm und riß ihn zurück.

"Hör auf!", rief er. "Du kannst ihm nicht mehr helfen!"

"Er ist mein Vater!", antwortete Gil Galad und riß heftig seinen Arm zurück, um sich aus Celebrimbors Griff zu befreien. Der Sohn Curufins war selten so froh gewesen, seinem jüngeren Vetter körperlich so eindeutig überlegen zu sein.

"Ja, und ich weiß was es bedeutet, seinen Vater zu verlieren", sagt er heiser. "Aber dich umbringen zu lassen wird weder ihn noch Nargothrond retten. Du bist jetzt für unser Volk verantwortlich, Gil Galad, verstehst du mich? Denk daran, was Gwindor in der Nirnaeth geschehen ist!"

Sie sahen sich an, schweratmend alle beide, dann entspannte der jüngere Elb sich tief seufzend.

"Ja, ja ich verstehe dich, Celebrimbor." Er sah noch einmal hinüber in die Ebene, wo inzwischen die kläglichen Reste des Heeres von Nargothrond niedergemacht wurden. Dann wandte er den Blick ab, ließ ihn einmal in die Runde schweifen, nahm das ganze Ausmaß der Katastrophe von Tumhalad in sich auf.

Der Herbsthimmel war nun bewölkt, die Sonne nur ein Fleck am Himmel. Das Land erschien Gil Galad plötzlich weit und leer und trotz des Kriegslärms vollkommen still. Er sah in die Ferne, fühlte den Wind auf seiner Haut und in seinem Haar. Die Leere war überall, um seinen Körper herum und in seinem Geist.

Irgendwo, irgendwie war dort der fea seines Vaters, irgendwo dort draußen wartete all das, was Orodreth, den Sohn Angrods aus dem Hause von Finarfin ausgemacht hatte, auf jenen Ruf, der ihn nach Westen und in die Hallen von Mandos geleiten würde.

Sein Vater war fort und ein Teil von Gil Galad ging mit ihm in der Leere, Weite und Stille von Tumhalad verloren.

Und als er sich wieder den anderen Elben zuwandte, nach diesen wenigen Augenblicken der Abwesenheit, waren seine grauen Augen hart und entschlossen.

"Wir müssen sofort zurück nach Nargothrond." Er wies nach Norden und Osten, wo der Kampf allmählich zum Erliegen kam. "Es sind zu wenige Orks dort unten, sicherlich um die Hälfte weniger als uns über den Fluß gefolgt sind. Sie kümmern sich nicht mehr um uns, sie wissen, daß wir paar Mann keine Gefahr mehr für sie sind. Der Rest von ihnen ist höchstwahrscheinlich bereits auf dem Weg zu unserer Heimat. Kommt!"

Er wandte sich um und stieg den Hügel hinab.

Gildor und Celebrimbor sahen ihm nach, unentschlossen ob sie ihre restlichen Kampfesgenossen auf der Ebene wirklich so im stich lassen durften.

Wenige Schritte entfernt bemerkte Gil Galad ihr Fehlen und wirbelte zornig herum.

"Jetzt kommt endlich! Und sammelt alle, die ihr finden könnt. Wir ziehen uns zurück!"

Er wies auf Celebrimbor. "Du hast mir deutlich genug klargemacht, daß ich meinem Vater nicht mehr helfen kann. Und das heißt, daß ich seinen Platz einnehmen muß. Wollt ihr also dem Anführer des Heeres nun gehorchen oder nicht?!"

"Was ist mit Túrin und seinen Leuten?", fragte Gildor beinahe zaghaft.

Gil Galad schüttelte den Kopf. "Ich kann ihnen genauso wenig helfen wie meinem Vater. Jetzt ist es nur noch wichtig, unsere Heimat zu verteidigen."

Bedrückt sammelten sie jene um sich, die noch in der Lage waren, den Weg bis zur Burg und einen weiteren Kampf mit den Orks durchzustehen. Die restlichen hieß Gil Galad sich verstecken und den Abzug der Orks abwarten, um dann das Schlachtfeld nach Überlebenden abzusuchen, wiewohl er wußte, daß sie vermutlich keine finden würden. Anschließend sollten sie in einem weiten Bogen von Westen her nach Nargothrond ziehen.

"Und was sollen wir tun, wenn dann noch immer Orks im Taur-en-Faroth sind?", fragte einer der verwundeten Elben.

"Dann wird es dort nichts und niemanden mehr geben, dem ihr noch helfen könntet. Versucht den Sirion zu erreichen und folgt ihm bis zur Küste", antwortete Gil Galad. "Wir haben keine andere Möglichkeit, wir können weder Gondolin noch Doriath erreichen. Die Talath Dirnen ist jetzt in Morgoths Hand."

Eilig machten er und seine Begleiter sich sodann auf den Weg, doch sie wußten um den Vorsprung des Feindes, begleitet von einem Drachen, und sie fürchteten für ihr Volk.

Fußnoten:

(1) Gelmirs Botschaft von Círdan: ich habe sie direkt aus den ‚Nachrichten aus Mittelerde' übernommen, II Narn I Hîn Húrin, Anhang

(2) Turins Abneigung gegen die Valar: siehe hierzu ebenfalls die ‚Nachrichten aus Mittelerde', II Narn I Hîn Húrin, Anhang

(3) Namensgleichheit: tatsächlich trägt der Gesandte Círdans den selben Namen wie Gwindors verstorbener Bruder. Laut Foster (im ‚Mittelerde-Lexikon') bedeutet ‚Gelmir' vermutlich ‚Himmelsjuwel'.

2. A/ N

Sollten in dieser Schlacht irgendwelche gravierenden taktischen Fehler begangen worden sein – he, Orodreth hatte das Kommando, also warum seht ihr mich so an? ;)

Ja, ich weiß, dies ist ein klassischer Cliffhanger, doch ich fürchte dennoch, das nächste Kapitel wird sich verzögern. Ich muß eine Menge recherchieren und auch noch für mein Abitur lernen (vom regulären Job als Inkasso-Balrog mal ganz zu schweigen). Aber ich werde Nargothrond so bald wie möglich zerstören! (*Das* klingt nun wirklich seltsam...)