Narn Gil Galad

von Earonn

Kapitel IX – Der Untergang Nargothronds

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Danksagung: meiner Miss "consider-leaving-it-out" – Nemis, der Herrin der Kommata

Widmung: den vielen Tolkienianern (siehe Matt Ruffs herrliches Buch "Fool On The Hill"), die mit ihren Beiträgen in Foren, ihren Artikeln und Kommentaren im Internet viele meiner Fragen beantwortet (oder neue aufgeworfen) haben.

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IX Der Untergang Nargothronds

Die in Nargothrond Zurückgebliebenen warteten voller Furcht und Sorge auf die Rückkehr des Heeres. Helegethir ließ alle Wachen vom Hügel der Späher zurückziehen, alle Spuren und Hinweise auf die Existenz der Burg verwischen. Die Elben zogen sich in ihre Festung zurück und hofften auf Verborgenheit.

Und dann, eines Nachmittags, fühlte sie es.

Sie fühlte es, wie es alle Verheirateten in Nargothrond fühlten, wie es zuvor wenige erfahren hatten, und es war entsetzlich: das Band, das sie mit Orodreth teilte, wurde harsch auseinandergerissen, sein fea war plötzlich kaum noch spürbar für sie, so weit fort, unerreichbar. Und wie jeder andere brach Helegethir in Tränen aus angesichts der unfaßbaren Wahrheit.

Orodreth, ihr Geliebter, das Licht, das ihre Welt so lange strahlend erleuchtet hatte, war tot; sein fea in Mandos' Hallen eingegangen.

Sie kniete auf dem Fußboden des Thronsaales, auf einem Mosaik der Zwei Bäume Telperion und Laurelin, zusammengesunken und hilflos schluchzend. Finduilas hielt ihre Mutter in den Armen, gleichfalls weinend, aber noch dazu um den Trost oder den Fluch beraubt, zu wissen was mit jenen geschehen war, die ihr gleich ihrem Vater etwas bedeuteten. Was war mit 'Ellach, was mit Túrin, was mit Gwindor geschehen?

Schließlich unterdrückte Helegethir mit aller Gewalt ihren Kummer und zwang sich zur Ruhe. Sie war die Königin, das Wohl des Volkes lag jetzt allein in ihrer Verantwortung.

Mit gerötetem, tränennassen Gesicht, so unschön wie eine Elda nur sein konnte, stand sie auf und ging durch die Hallen und Korridore. Überall bot sich ihr das gleiche erschütternde Bild weinender, trauernder Elben, manche laut und verzweifelt, andere still und starr vor Kummer. Es konnte keinen Zweifel geben: eine Schlacht war geschlagen worden und viele der Elbenkrieger gefallen. Zu viele. Es schien schlecht um die Zukunft Nargothronds bestellt.

Aber es bestand noch immer Hoffnung. Noch immer wußten die Orks nicht, wo der Eingang zur Burg zu finden war – so glaubte sie zumindest.

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Auf der Ebene zwischen Tumhalad und dem Hoch Faroth fand ein grausames Wettrennen um das Überleben Nargothronds statt.

Die Orkarmee in Begleitung Glaurungs hatte einen großen Vorsprung. Sie beeilten sich nicht einmal sonderlich, denn sie wußten, es gab kein Elbenheer mehr, das ihnen gefährlich werden konnte. Nargothrond würde ihnen gehören.

Einige Stunden hinter ihnen führte Túrin seine Schar in Richtung Süden. Er war in großer Sorge, nachdem er nun den Drachen und seine schreckliche Macht kennengelernt hatte. Er verfluchte die feste Brücke über den Narog, sie und sich selbst, weil er sie nicht hatte einreißen lassen wollen. Die einzige Hoffnung für die Tiefburg bestand darin, den Weg über den Narog zu zerstören ehe die grausame Kreatur den Fluß überqueren konnte. Innerhalb ihrer Mauern wären die Elben in der Lage, einer Belagerung Morgoths standzuhalten bis Boten zu Thingol gesandt und Verstärkungstruppen aus Doriath eingetroffen waren.

Dieselben Hoffnungen und Befürchtungen trieben auch Gil Galad und seine Männer an. Sie lagen mehr als einen halben Tag hinter den Orks und konnten noch nicht einmal das Tempo ihrer Feinde halten. Denn die meisten von ihnen waren mehr oder weniger schwer verletzt und es schien daher fraglich, ob sie ihrer Heimat überhaupt in irgendeiner Weise würden dienlich sein können. Doch diese Frage hätte keiner von ihnen je ausgesprochen.

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Helegethir stand in einem der kleineren Ratssäle, dessen Fenster auf den Fluß und die Brücke hinausgingen. Sie konnte bereits das Geschrei der Orks hören, sie waren nicht mehr weit entfernt. Vermutlich würden sie den Zugang zur Burg bald finden.

Gerade als die Königin einige der wenigen Soldaten, die zu ihrem Schutz zurückgeblieben waren, hinausschicken wollte um die Brücke zu besetzen und deren Verteidigung vorzubereiten, kamen die ersten Orks um die Kehre des Weges.

Helegethir erblaßte angesichts des Anblicks, der sich ihr darbot.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses schob sich ein schuppiges, entsetzliches, ekles Wesen heran. Kalte brennende Augen voller Intelligenz, Haß und Bosheit suchten die Umgebung ab, doch es war längst unnötig geworden, den Eingang zur Burg zu suchen: die steinerne Brücke verriet ihn nur allzu deutlich.

"Glaurung der Drache", wisperte sie, "das Verhängnis Nargothronds."

Sie wandte sich zu dem Anführer der zurückgebliebenen Wachen um. "Geh hinaus! Nimm so Männer und so viele Frauen mit, wie du benötigst! Reißt diese verfluchte Brücke ein, ehe der Drache herüberkommt. Geh, schnell!"

Er tat wie ihm geheißen, und bald versuchten die Elben verzweifelt, die Brücke einzureißen, die sie einst so kunstvoll über den Fluß gebaut hatten. Von Bogenschützen gedeckt, arbeiteten sie hektisch, stets in Gefahr, von einem Orkpfeil getroffen zu werden, ein schreckliches Spiegelbild dessen, was kurz zuvor einige Wegstunden flußaufwärts von ihren Gatten und Vätern, Söhnen und Brüdern geleistet worden war.

Doch diese hatten es lediglich mit provisorischen hölzernen Überwegen zu tun gehabt, während die Frauen von Nargothrond sich einer auf Festigkeit und Langlebigkeit ausgelegten steinernen Brücke gegenübersahen, einer Brücke von Noldor konstruiert und von Noldor gebaut.

Sie hatten keine Chance, Glaurung war bereits zu nahe. Als er die Brücke erreichte und die erste seiner schrecklichen Krallen auf ihre Pflasterung setzte, wichen die Elben entsetzt zurück und flohen in die Sicherheit ihrer Burg.

Helegethir nahm sie an den Toren in Empfang und für einen Moment war ihr Blick direkt auf den Drachen gerichtet und der seine auf sie. Sie sahen sich, erkannten einander, und die Elbenkönigin verzweifelte.

Dann wurden die Torflügel mit lautem Krachen geschlossen und der Augenblick war vorbei.

Sie wandte sich zu den anderen Elben um.

"Die Tore werden ihn nicht lange aufhalten. Wir müssen hinaus!", sagte sie. "Wir bringen alle durch die versteckten alten Wege hinaus. In kleinen Gruppen, die Kinder zuerst, mit fünf oder sechs Wachen als Begleitung. Der Rest verteidigt die Festung, vielleicht können wir die Orks beschäftigt halten, bis sie in Sicherheit sind. Dann sammeln wir uns flußabwärts bei den Höhlen!"(1)

Weiter südlich hatte der Narog in einer Kehre tiefe Höhlen in den weichen Sandstein des Hoch Faroth gegraben, die bei niedrigem Wasserstand trocken lagen. Mit viel Mühe hatten die Elben ihre Decken abgestützt und eine versteckte Treppe gebaut, mittels derer man sie von oben her erreichen konnte. In Zeiten der Gefahr sollten sie als Versteck dienen, sie waren zwar für einen längeren Aufenthalt unbrauchbar, doch groß genug um viele aufzunehmen und vor den Augen der Orks zu verbergen.

Helegethir überwachte die Flucht, und sie fühlte Ruhe und Entschlossenheit in sich. Sie war eine Sinda aus dem Haus von Aewarn, Mitglied des Hauses von Finarfin. Sie würde ihr Volk in Sicherheit bringen.

Mit einer langsamen, anmutigen Bewegung zog sie ihr Schwert. Das Licht der Fackeln und feanorischen Lampen wurde von der geschwungenen Klinge zurückgeworfen. Eine in ihrer Schönheit und Eleganz bewundernswerte Waffe. Ihr Vater hatte sie ihr vor langer Zeit geschenkt, und plötzlich mußte sie an die vielen Stunden denken, die sie mit Orodreth geübt hatte, lange vor ihrer Heirat. Jetzt galt es, nun kam es darauf an, ihr Können zur Verteidigung Nargothronds einzusetzen.

Sie schob die Waffe zurück in die Scheide und begann mit ihren Vorbereitungen.

Finduilas kam zu ihr, das goldene Haar zurückgeflochten, ebenfalls ein Schwert an ihrer Seite. In ihren Augen standen Tränen, doch sie hielt sie zurück. Die Königin strich ihr über die Wange.

"'Las, ich will daß du mit einer der ersten Gruppen hinausgehst und die Leute in den Höhlen in Empfang nimmst."

Die Elbenprinzessin blickte die ältere Frau bittend an. "Mutter-"

"Du mußt es, Kind. Es sind nur wir beide als Vertreter des Königshauses anwesend. Ich werde bis zuletzt bleiben, wie es meine Pflicht ist. Deine Aufgabe wird es sein, unser Volk draußen zu führen. Bitte, Finduilas. Es muß sein!"

Für einen Augenblick schien Finduilas widersprechen zu wollen, doch dann senkte sie seufzend den Kopf. Denn natürlich wußte sie, ihre Mutter hatte recht. Es wäre nicht einmal notwendig gewesen, ihre Pflichten zu nennen. Mehr als einmal war ihr erklärt worden, was zu tun sei, sollte Nargothrond in die Hand eines Feindes fallen.

"Wohin werden wir gehen, wenn alle hinaus sind?"

Helegethir hatte dies bereits entschieden.

"Doriath wäre vermutlich die sicherste Wahl. Gondolin...ich bin mir nicht sicher, ob Turgon Flüchtlinge in die Verborgene Stadt lassen würde, selbst wenn wir sie finden könnten. Doch die Talath Dirnen ist mit Sicherheit schon in der Hand der Orks, und ich werde nicht das Risiko eingehen, all die Kinder über die Ebene zu führen. Wir werden nach Süden gehen. Zu den Mündungen des Sirion oder nach Balar."

Nach und nach machten sich Gruppen von Elben – viele Kinder in Begleitung einiger Erwachsener – durch die alten versteckten Gänge, die noch die Kleinzwerge gegraben hatten, auf den Weg aus der Burg. Die jungen Elben waren verängstigt, doch sie sagten kein Wort.

Aber nach und nach spürten die Orks und Warge die Ausgänge dieser Wege auf. Viele Elben gerieten so in Gefangenschaft, kaum daß sie die Festung verlassen hatten, wenigen gelang es, zurück in die Burg zu flüchten. Die Noldor- und Sindar-Frauen kämpften hart um die Orks daran zu hindern, durch die Tunnel einzudringen und zumeist mit Erfolg, doch ihre Verluste waren grausam. Viele opferten ihr Leben, hielten die Orks auf, bis hinter ihnen die Gänge zum Einsturz gebracht werden konnten, wohl wissend, daß sie sich selbst damit dem Tod preisgaben. Wenige verteidigten Durchgänge gegen zahllose Feinde, bis ihnen Hilfe gesandt werden konnte.

Es war diese Verteidigung durch die Frauen Nargothronds, welche verhinderte, daß die Burg zu früh genommen wurde und die vielen Kindern die Flucht ermöglichte.

Helegethir stand in der Großen Halle über den detailliertesten Plan der Burg gebeugt, den sie nur finden konnte. Sie organisierte Trupps, markierte diejenigen Gänge, die nicht mehr benutzt werden durften und schickte Krieger zur Unterstützung der Verteidiger. Eine steile Falte war auf ihrer Stirn. Die Orks fanden die Ausgänge viel zu schnell, sie mußten immer größere Gruppen bilden, um noch alle aus der Burg bringen zu können. Die Haupttore waren bereits gefallen und die meisten Krieger, die zurückgeblieben waren, hielten so gut wie möglich die Orks in Schach, verzweifelt um jeden Gang, jede Kammer, jede einzelne Tür kämpfend.

Doch hinter den Orks kam der Drache und gegen ihn hatten die Elben keine Chance. Langsam, genüßlich rückte Glaurung vor, trieb die Verteidiger tiefer in die Wohnstatt.

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Entgegen Helegethirs Auftrag war es Finduilas gelungen, ihren Weggang noch ein wenig hinauszuzögern, beschäftigt mit der Verteilung der Vorräte und immer wieder Blicke auf ihre Mutter werfend, die sie heute vielleicht verlieren würde.

Doch letztlich hatten sie sich trennen müssen und nun rannte sie durch einen der letzten freien Tunnel, ihre Mutter und ihr altes Leben hinter sich lassend.

Energisch faßte die Elbenprinzessin den Griff ihres Schwertes fester. Egal was sie sich wünschte, was sie fürchtete oder hoffte, es war nicht länger von Bedeutung. Sie stammte aus der königlichen Familie, und jetzt zählte nur noch, jene zu den Höhlen und danach in den Süden zu führen, deren Wohlergehen in ihrer Verantwortung lag seitdem sie alt genug war, die Pflichten ihres Hauses wahrzunehmen.

Sie erreichten den Ausgang des schmalen Tunnels. Die beiden Krieger an der Spitze der Gruppe machten einige vorsichtige Schritte in den Wald, alle Sinne hellwach, dann winkten sie die anderen hinaus. Finduilas kam als letzte, das Schwert kampfbereit in der Hand. So leise wie möglich gingen sie südwärts.

Die Ausgänge der Tunnels befanden sich an den westlichen Hängen des Hoch Faroth. Sie bewegten sich leise in einem weiten Bogen nach Süden und Osten durch den lichten Wald, um einen Bogen zu schlagen und zurück zum Narog zu gelangen. Finduilas lauschte angestrengt auf die Geräusche des Waldes um sie herum.

Im Grunde überraschten die Geräusche Finduilas nicht einmal, als sie sie hörte. Rascheln von Blättern, Schnaufen, die Bewegungen großer Tiere im Unterholz. Dies waren keine Hirsche, keine Wildschweine und ganz gewiß keine gewöhnlichen Wölfe.

Die Warge und Orks hatten sie gefunden.

Sie hielten die Gruppe an und schickten die Kinder in alle Richtungen davon, hießen sie auf Bäume zu klettern, sich in Höhlen zu verstecken, unter Blätterhaufen zu kriechen, wenn sie nichts besseres fanden. Gegen den guten Geruchssinn der Warge würde das nicht helfen, doch vielleicht würden auf diese Weise wenigstens einige von ihnen zufällig entkommen. An eine Flucht war gegenüber den großen wolfsähnlichen Wesen sowieso nicht zu denken, die fast so schnell waren wie ein galoppierendes Pferd.

Als die ersten Warge in Sichtweite kamen, graues zotteliges Fell, die Lefzen hochgezogen, knurrend und geifernd, jeder von ihnen von einigen Orks begleitet, wandten die erwachsenen Elben sich ihnen zu. Zwei Männer und fünfzehn Frauen waren sie, kein ernsthafter Gegner für das, was durch das Unterholz brach.

Finduilas hob ihr Schwert und warf einen Blick hinauf. Über ihr leuchteten die letzten Blätter der Bäume unglaublich schön, rot und golden, unterbrochen von dem schwarzen Geflecht der Stämme gegen den bleichen Himmel. Sie seufzte. Sollte sie jemals wieder die Hallen des Wartens verlassen, ob es dann ebensolche Bäume in Aman gäbe? Ebensolche schönen Herbstfarben?

Sie atmete noch einmal tief ein, und als der erste Ork die Elben erreichte und auf diese lossprang, war es ihr Schwert, das ihm den Arm abschlug.

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Helegethir ließ ergeben den Kopf hängen. Es war vorbei. Die Orks würden in Kürze die große Halle erreichen. Nargothrond war gefallen.

Sie erlaubte sich einen kurzen Gedanken an ihren Gatten und ihren Sohn. Über Orodreth bestand kein Zweifel mehr. Sein fea hatte diese Welt verlassen und sich auf den Weg in Mandos Hallen aufgemacht. Sie würde ihm folgen. Früher oder später. Den Verlust ihres Geliebten zu ertragen wäre unmöglich, ein Leben ohne ihn undenkbar.

Also blieb sie, entschlossen ihr sinnloses Leben hinzugeben, um den Flüchtlingen noch ein klein wenig mehr Zeit zu verschaffen. Sie wußte nicht, wie viele Orks und Warge dort draußen lauerten, ob überhaupt einer der Trupps durchgekommen war, doch mehr als versuchen konnten sie es nicht.

Sie hoffte verzweifelt, 'Ellach habe die Schlacht überlebt. Doch das war natürlich so gut wie unmöglich. Welcher Feind würde den Vater töten und den Sohn verschonen? Nun, so würden sie sich eines Tages in Aman wiedersehen, jenem Ort an dem Orodreth seine Jugend verbracht und von dem er ihr in friedlicheren Tagen so viel erzählt hatte.

Die Türen der Großen Halle waren so gut als möglich mit großen Balken verrammelt worden, doch jetzt krachte etwas von der anderen Seite mit Gewalt dagegen und Holz und Metall konnten dieser Kraft nicht standhalten. Splitternd brachen sie auseinander und das Geräusch ihres Aufpralls hallte durch die Gänge und Kammern der Burg.

Helegethir sprang auf, griff nach ihrem Schwert und wirbelte herum, bereit, sich den Orks zu stellen.

Und sie sah zum zweiten mal in die Augen Glaurungs des Drachen.

Sei gegrüßt, Königin von Nargothrond.

Die Elbenfrau blickte den Drachen an, starr vor Entsetzen. Dann hob sie den Kopf, in einer verzweifelten Geste des Trotzes.

"Verschwinde, Untier Morgoths!"

Dein Volk stirbt. Es stirbt, wie dein König gestorben ist, wie dein Sohn gestorben ist.

Sie schluckte, gegen ihren Willen stiegen ihr Tränen in die Augen. Auch 'Ellach tot! Sie wollte das Gesicht in den Händen vergraben, niedersinken wo sie war und sich ihrem Kummer hingeben, doch der Blick des Drachen hielt sie gefangen.

"Töte mich schnell," flüsterte sie schließlich.

Sie hatte den kalten Blick in Glaurungs Augen für entsetzlich gehalten, seine mißtönende Stimme für abscheulich, doch nun lachte er boshaft, und hätte sie sich rühren können, Helegethir hätte sich die Ohren zugehalten. Nichts konnte fürchterlicher sein als dieses Gelächter.

Nein, das werde ich nicht tun. Du wirst mitansehen wie alle deines Volkes aus ihren Verstecken geholt werden, einer nach dem anderen. Du wirst die Anklage in ihren Blicken sehen, denn es ist deine Schuld, daß sie nun gefangen wurden. Deine und die deines Königs, die ihr erlaubtet, daß diese Brücke für mich gebaut wurde. Du hast Zweifel gehabt, Königin, aber du hast nichts getan. Und dein Gatte, der zu schwach für einen König war, hat sich dem Willen eines Menschenkindes untergeordnet. Es wäre wahrlich besser für dein Volk gewesen, wären die Söhne Feanors Herrscher von Nargothrond geworden. Dein Mann, Königin, hat dieses Reich in den Untergang getrieben. Du weißt es, alles wissen es!

Sie schrie auf. Ihre Zweifel, ihre Ängste, ihre Schuldgefühle, das dumpfe Bewußtsein, daß tatsächlich Celegorm und Curufin stärkere, bessere Anführer für das Reich Finrods gewesen wären, brachen sich ihre Bahn. Und dagegen standen ihre Treue zum Haus ihres Mannes, ihre Liebe, ihr Wissen um Orodreths Stärken...

"Nein! Er hat für sie gesorgt, er hat-"

Er hat sie in den Untergang geführt. Er mag ein guter Bücherwurm gewesen sein, doch er war ein schlechter König. Und du weißt es, Königin!

Mit all ihrer Willenskraft riß Helegethir sich aus dem Bann des Drachen los und schwang ihr Schwert herum. Es war ihr egal, daß sie keine Chance hatte, es war ihr egal, was er ihr antun würde. Alles was zählte war die Verteidigung ihres Geliebten.

Glaurung ragte vor ihr auf, Schuppen und Hitze und Gestank, unförmiges Graugrün und davor, in einer leuchtenden silbrigen Spur, ihr Schwert. Sie zielte nicht einmal, sie wollte nur ihre Klinge in diesem unreinen Fleisch begraben.

An der Flanke des Drachen entlang zischte ein Orkpfeil. Er traf die Königin Nargothronds wohlgezielt mitten in ihr bereits gebrochenes Herz und ließ sie zurücktaumeln.

An einem der Ausgänge stand ein junger Elbenkrieger. Zu jung befunden, um mit dem Heer in die Schlacht gegen die Orks zu ziehen, hatte er so gut als möglich die Burg verteidigt.

Die Worte Helegethirs hatte er wohl gehört, doch er konnte ihren Sinn nicht verstehen, und sein Blick war unverwandt auf den gigantischen Drachen gerichtet.

Jetzt sah er sie fallen, seine Königin, seine Herrin, er sah sie fallen, hörte das helle Klingen ihrer Klinge auf dem Steinfußboden und das Geräusch blieb ihm für immer in seinem Herzen als das Sinnbild des Untergangs seiner Heimat.

Er wirbelte herum und folgte den anderen.

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Die Elben in Begleitung Gil Galads erreichten Nargothrond sogar noch langsamer als erwartet, da sie vielen Ork-Patrouillen ausweichen mußten. Noch ehe sie auch nur nahe genug herangekommen waren, um einen Blick auf die Tore werfen zu können, kamen ihnen schon sieben Elbenkrieger entgegen.

"Wir sind mit Túrin hierher gekommen", erzählte einer von ihnen. "Wir wollten uns den Weg bis zu den Toren durchschlagen, aber es waren zu viele. Nur Túrin schaffte es, die Brücke zu erreichen, ich habe noch niemals jemanden so kämpfen sehen! Er schlug sich einfach durch die Reihen der Orks hindurch, machte sie reihenweise nieder, aber er wartete nicht auf uns und wir konnten ihm nicht folgen. Schließlich kam Glaurung heraus und Túrin geriet unter seinen Bann. Der Drache hat ihn festgehalten, bis die Orks mit den Gefangenen außer Reichweite waren."

Der Elb senkte den Kopf. "Wir haben einen Angriff versucht, doch es waren zu viele, wir verloren die Hälfte von uns, ehe wir uns zurückziehen konnten." Er errötete aus Schuldgefühl und Scham.

"Ihr habt es versucht, das allein zählt. Gebt die Hoffnung nicht auf, sie werden nur langsam vorankommen und es sind viele Wegstunden zwischen Nargothrond und Angband. Wir können sie noch immer einholen. Es wäre sinnlos zu kämpfen, wenn ein Kampf aussichtslos ist. Ich bin mir sicher, ihr habt alles getan, was möglich war."

Es kam Gil Galad seltsam vor, diese Worte zu sprechen, Worte die richtig und passend waren, doch die auszusprechen bisher immer seinem Vater gebührt hatte. Orodreth sollte hier sein und die Krieger ermuntern, ihnen erklären, daß der Kampf noch lange nicht vorbei war.

"Was ist dann passiert? Was ist aus Túrin geworden?"

Zitternd rang der junge Elb um Selbstbeherrschung.

"Vor einigen Stunden hat der Drache ihn gehen lassen, doch er hat sich nach Osten gewandt, ich weiß nicht weshalb."

Gil Galad schüttelte den Kopf. "Wer kann schon wissen, was Glaurung ihm erzählt hat? Er ist alt, alt und tückisch und ich wünschte, wir wären eher gekommen oder hätten Túrin vor dem Drachen und seinen Lügen warnen können. Ich fürchte Schlimmes für ihn, doch können wir ihm nun nicht mehr helfen. Wir müssen unserem Volk beistehen, sie aus der Hand der Orks befreien, ehe sie nach Angband gebracht werden."

Er holte tief Luft. Es fiel ihm unendlich schwer, die Frage zu stellen, die er so sehr fürchtete. "Was ist mit meiner Schwester und der Königin?"

"Die Herrin Finduilas haben die Orks mit sich genommen. Sie lebte noch, als ich sie das letzte mal sah, und sie schien unverletzt zu sein. Aber die Königin habe ich nicht gesehen."

Sie fanden sonst keinen Elben – keinen lebenden Elben – in der Nähe der Tore, daher schlichen sie vorsichtig durch den Wald zu den Höhlen, wo sie hofften, Überlebende zu finden.

Die Gier der Orks und Warge kam ihnen dabei zugute, denn diese hatten bald die Suche nach einzelnen Elben aufgegeben, um sich lieber an der Plünderung der Burg zu beteiligen. Selbst die Wachen an den Tunnelausgängen hatten ihre Posten an den westlichen Hängen des Hoch Faroth aufgegeben.

Doch die Orks sollten niemals etwas von den Schätzen Nargothronds erhalten, denn Glaurung verriet sie, vertrieb sie aus der Wohnstatt und verweigerte ihnen die heißersehnte Beute. Dann trug er alles von Wert zusammen auf einen Hort, und wie es Art der Drachen ist, legte er sich darauf, um zu ruhen und sich von der Anstrengung zu erholen, die es ihn gekostet hatte, ein ganzes Volk ins Unglück zu stürzen.(2)

So kamen die Elbenkrieger zwar aufgrund ihrer Vorsicht nur langsam, dafür jedoch unbehelligt an den Höhlen des Narog an. Ein kalter Herbstregen begann und ließ sie frösteln. Unterwegs griffen sie einige Kinder auf, welche die Orks und Warge ignoriert oder tatsächlich übersehen hatten. Sie boten ein beredtes Zeugnis dafür, was mit ihrer Heimat geschehen war.

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Etwas entfernt vom Eingang der Höhlen hielt ein junger Krieger Wache. Er war verletzt und erschöpft und hieß sie voller Erleichterung willkommen.

"Sie sind gestern gekommen, und", er hustete qualvoll und sank nieder, einer Ohnmacht nahe. Celebrimbor faßte seinen Arm und hielt ihn aufrecht. "Glaurung der Drache war bei ihnen. Wir haben versucht sie aufzuhalten, doch wir konnten die Brücke nicht schnell genug einreißen und wir waren zu wenige, um die Tore zu halten. Und dann kam der Drache. Seinem Feuer hatten wir nichts entgegenzusetzen.

Wir haben versucht, die Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen, doch die Orks und Warge fanden die geheimen Ausgänge und nur wenigen von uns gelang es überhaupt aus Nargothrond herauszukommen. Ich habe mich schließlich durchgeschlagen, ich weiß nicht einmal wie, vielleicht war ihnen ein Elb mehr oder weniger einfach gleichgültig. Sie hatten ja, was sie wollten."

"Die Königin...?"

Gil Galad wunderte sich selbst, wie ruhig seine Stimme klang, ungeachtet des Aufruhrs in seinem Inneren.

Der junge Elb sah ihn flehend an und dieser Blick reichte im Grunde schon aus.

"Die Königin....", er schluchzte wieder auf bei der Erinnerung an das schreckliche Bild und den grausamen Klang von auf Stein fallenden Metalls, der ihn nie wieder vergessen lassen würde. "Sie ist tot. Sie hat gekämpft, wie alle es taten und sie war tapfer. Sie hat selbst Glaurung angegriffen. Aber ich habe sie fallen sehen."

Gil Galad schloß die Augen. Er dachte an das geliebte Lächeln seiner Mutter, an ihre freundliche Stimme. Wie sollte es eine Welt geben, in der all dies nicht mehr existierte?

Mit Gewalt riß er sich zusammen und erinnerte sich selbst daran, daß sein Verlust nicht größer und nicht von anderer Art war, als der aller anderen hier. Er legte dem Soldaten eine Hand auf die Schulter.

"Du hast getan was du konntest. Gegen den Drachen hattet ihr keine Chance. Ruhe dich aus und komme wieder zu Kräften!"

Dann wandte er sich seinen Freunden zu.

"Sammelt alle, die noch halbwegs in der Lage sind, die Verfolgung der Orks aufzunehmen. Wir müssen ihnen so schnell wie möglich hinterher."

Doch Celebrimbor blieb wo er war. "Nein. Nicht ‚wir'."

Die dunklen Brauen des Sohnes von Orodreth schossen warnend in die Höhe. "Was meinst du damit?"

"Ich meine damit, daß du hierbleiben mußt, denn jemand muß die Leute zusammenhalten und in Sicherheit bringen. Du bist jetzt der König von Nargothrond, oder dem was von seinem Volk noch übrig ist."

"Ich weiß das alles selbst. Aber wenn du glaubst, daß ich meine Schwester den Orks überlasse, dann täuscht du dich!"

Celebrimbor faßte Gil Galads Schultern. "Glaubst du, es ist mir egal? Es zerreißt mir das Herz, wenn ich daran denke, was Finduilas jetzt durchmachen muß! Sie und alle anderen, die die Orks verschleppt haben. Doch es ist nicht deine Sache, die Orks zu verfolgen. Nicht einmal um deiner Schwester willen darfst du dein Volk im Stich lassen!"

Ein bitteres Lächeln verzerrte sein gutaussehendes Gesicht.

"Du hast uns selbst daran erinnert, daß du jetzt den Platz deines Vaters einnehmen mußt, hast du das schon vergessen?"

Lange sahen sie einander in die Augen. Schließlich nickte Gil Galad unglücklich.

"Ja, du hast Recht."

Er wies auf die Soldaten, die um sie standen.

"Einige von euch werden die Orks verfolgen, die anderen kommen mit uns, denn der Weg, den wir vor uns haben, ist lang und gefährlich."

Er trat zum Rand der Klippe und blickte nachdenklich auf das wirbelnde Wasser des Narog unter ihm.

"Wir werden dem Verlauf des Flusses folgen. Nach Doriath können wir nicht, denn mit Sicherheit sind Orks auf Talath Dirnen unterwegs. Die Bewachte Ebene ist jetzt nicht mehr sicher. Wir gehen nach Südwesten. Nach Balar."

Damit wandte er sich vom Rauschen des Flusses ab und ging zu der steilen, engen Treppe, die hinunter zu den Höhlen führte. Als er ihren Fuß erreichte und sich im von der Öffnung zum Fluß her hereinfallenden Zwielicht umsah, überkam ihn eine Mischung aus Angst und Verzweiflung. Dies allein war vom Volk von Nargothrond noch übrig?

Es herrschte unterdrücktes Gemurmel in der Höhle, hauptsächlich von den jüngsten Kindern, die nach ihren Eltern fragten und jenen, die sie zu trösten versuchten. Kinder, Dutzende, Hunderte von Kindern, und dazwischen einige Erwachsene, Frauen und sehr wenige Männer, die ihm mit einer Mischung aus Erleichterung und Kummer entgegensahen.

Alles in allem mochten es vielleicht tausend sein, die den Orks und dem Fall Nargothronds hatten entkommen können.(3)

Jemand trat hinter ihn und als er sich umsah, erblickte er Celebrimbors fassungsloses Gesicht. Der Meisterschmied war nicht weniger erschüttert als sein König über die Aufgabe, die hier vor ihnen lag.

"Das sind ja fast nur Kinder", flüsterte er heiser. "Weißt du wie lange sie brauchen werden, um überhaupt irgendwohin zu kommen, von Balar ganz zu schweigen?!"

Gil Galad nickte, obwohl er es in Wahrheit nicht wußte. Ganz und gar nicht.

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In der Tat war der kümmerliche Rest des Volkes von Nargothrond kaum in der Lage, größere Anstrengungen auf sich zu nehmen, schon gar nicht eine lange Wanderung zu Beginn des Winters. Die Orks hatten die Kinder zurückgelassen, weil sie als Arbeitskräfte für Morgoth uninteressant waren und den Weg nach Norden wahrscheinlich sowieso nicht überstanden hätten.

So sah Gil Galad sich plötzlich damit konfrontiert, die Eltern für Hunderte von Kindern ersetzen zu müssen, von denen ein Großteil noch zu jung war, um zu verstehen was geschehen war, wieso ihre heile Welt nicht mehr bestand und warum ihre Eltern nicht kamen, um ihnen die Angst zu nehmen.

Überdies waren sie erbärmlich schlecht ausgerüstet. Als sie aus Nargothrond geflohen waren hatte jeder von ihnen, selbst die Jüngsten, Vorräte von Lembas bei sich getragen. Während all der Jahre, seitdem Orodreth und seine Familie in die Tiefburg gekommen waren und Helegethir die Pflichten der Königin übernommen hatte, waren immer große Vorräte des Wegbrotes in Nargothrond gelagert worden. In dieser Hinsicht war sie immer vorsichtig und vorausschauend gewesen.

Doch die meisten warmen Kleidungsstücke und andere Ausrüstungsgegenstände waren mit jenen verlorengegangen, die von den Orks gefangen worden waren. Um die Kinder mit genügend Nahrung zu versorgen, würden die Erwachsenen auf der Reise hungern müssen, abgesehen von jenem, was sie in der Wildnis finden konnten. Aber die Erstgeborenen waren in der Lage, lange ohne Nahrung auszukommen.

Doch nicht einmal mit Lembas konnten sie die Säuglinge ernähren.

Das zweite Problem war die Kälte. Schon jetzt waren die Wiesen und Waldlichtungen jeden Morgen mit Rauhreif bedeckt. Die Kinder besaßen noch nicht dieselbe Kontrolle über ihre hroar wie ihre Eltern, sie würden schwer zu leiden haben.

Hinzu kamen die vielen Verwundeten, zu schwach oder zu schwer verletzt zum Gehen, die auf behelfsmäßigen Tragen transportiert werden mußten.

Gil Galad ging zu einer kleinen, etwas abseits gelegenen Nische der Höhle. Celebrimbor und Gildor folgten ihrem Freund, sie spürten den Druck, der auf dessen fea lastete.

"Er hätte es wissen müssen", sagte er mit leiser, zitternder Stimme. "Er hätte wissen müssen, was geschehen würde, daß wir diesen Kampf nicht gewinnen konnten, daß diese Brücke unser Untergang sein würde. Er muß es gewußt haben und dennoch...."

Er schluckte. Feuchtes, dunkles Haar klebte an seiner Wange, doch machte er sich nicht die Mühe es beiseite zu schieben. Der Anblick dieser beinahe schwarzen Strähne auf dem blassen Gesicht seines Freundes war Gildor unbehaglich und er streckte eine Hand aus, um sie sacht hinter Gil Galads Ohr zu streichen. Der König dessen, was von Nargothrond und seinem Volk übrig geblieben war, reagierte nicht darauf.

"...Und dennoch hat er es erlaubt. Und jetzt ist er tot, tot wie all die anderen. Und wofür? Für diesen Haufen verfluchter Steine und seine eigene Handvoll Stolz!"

Gildor wußte nicht, ob er diese bittere Rede unterbrechen sollte und warf Celebrimbor einen hilfesuchenden Blick zu. Der Schmied schüttelte nur den Kopf und formte ein stummes "Laß ihn." mit den Lippen.

Das Zittern in Gil Galads Schultern wurde stärker und er schluckte erneut. Gildor hoffte verzweifelt, er würde weinen. Weinen, um den Druck auf seinem fea zu mindern; weinen, um sich dem Trost seiner Freunde anzuvertrauen; weinen, um zu trauern.

Doch gerade als er glaubte, Gil Galad würde sich seinem Schmerz ergeben und seine Tränen mit ihnen teilen, holte dieser tief Luft, richtete seine Schulter auf und zwang sich selbst zur Ruhe. Einer armseligen und bitteren Ruhe, ebenso weit entfernt von wahrer Seelenruhe wie es Hysterie gewesen wäre.

Dann wandte er sich ruckartig um und ging durch die Reihen der Elben, die verstreut im Inneren der Höhlen saßen, die zu ihm aufblickten und für die nun er das Zentrum ihrer Gemeinschaft und der Garant für ihr Wohlergehen war und sein mußte.

Celebrimbor sah ihm nach.

"Ein König muß Selbstkontrolle besitzen, aber du hast diese Lektion viel zu schnell und viel zu gründlich gelernt", murmelte der Sohn Curufins. Er machte eine harte, schnelle Handbewegung. "Verflucht seiest du!", zischte er.

Gildor sah den Meisterschmied überrascht an.

"Verflucht sei wer?"

"Mein Vater natürlich!"

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Siebzig Krieger wurden ausgewählt, den Orks zu folgen und eine Befreiung der Gefangenen zu versuchen. Sobald diese sich auf den Weg gemacht hatten, führte Gil Galad die Reste seines Volkes flußabwärts in Richtung Sirion. Ein kalter Wind kam von Norden, ein Bote des harten Winters dieses Unglücksjahres, der nun kurz bevorstand. Der junge König wußte, daß ihnen noch viele Härten und viele Leiden bevorstanden.

Als sie mitten in der Nacht ihr erstes Lager aufschlugen, suchte er sich eine abgelegene Lichtung unter den Bäumen des Taur-en-Faroth und blickte von dort zu den Sternen auf, die am kalten, klaren Himmel leuchteten.

"Oh Finduilas, du hast die Sterne so sehr geliebt", flüsterte er bekümmert. "Leuchten sie heute auch für dich? Oder bist du bereits unseren Eltern in die Hallen des Wartens gefolgt?"

Er dachte an die Feste zurück, die sie in Nargothrond gefeiert hatten. Kaum einer von jenen, mit denen er gelacht und gesungen hatte, war noch am Leben. Finrod Felagund, Angrod und Aegnor, seine Eltern - sie alle waren tot und hatten diese Welt kalt und leer für ihn zurückgelassen.

‚Von allen Kindern des Hauses Finarfins sind nur noch Galadriel, Finduilas und ich selbst übrig – und die Valar mögen wissen, ob Finduilas überhaupt noch lebt. Kleine Schwester, Las, mein kleines Blatt, bitte verlaß mich nicht auch noch. Es wäre unerträglich, in einer Welt zu leben, in der ich dein Lachen nicht mehr hören kann.'

Er wagte nicht, länger darüber nachzudenken. Sie fehlte ihm sehr. So viel hatte er in den letzten Tagen verloren, seinen Vater, seine Mutter, seine Heimat. Und was war aus Túrin geworden, der Glaurungs Bann erlegen war? Aus Gwindor, der Finduilas so sehr liebte? Wie konnte sich all ihr Glück so schnell in Unglück wandeln?

Aber die Sterne, hell und silbern strahlend am nächtlichen Himmel, konnten ihm darauf keine Antwort geben.

Er erhob sich seufzend und kehrte in das Lager zurück. Der Wachposten, den er dabei passierte, war ein halbwüchsiges Mädchen mit großen, ängstlichen Augen. Alle jene, die fähig waren eine Waffe zu führen, sollten in dieser Nacht ruhen, so hatte er beschlossen. Im Vorbeigehen klopfte er ihr aufmunternd auf die Schulter und sie lächelte tapfer und richtete sich ein wenig auf.

Ein Platz an einem der wenigen Feuer war nicht mehr zu bekommen, also kuschelte er sich zwischen andere Schlafende. Überall waren solche Inseln von schlafenden Elben, dicht aneinandergedrängt in der kalten Nachtluft.

So gut er konnte schirmte er ein kleines Mädchen gegen die Kühle ab und legte einen Arm über sie, um ihr ein bißchen von seiner Wärme zu geben. Jeder Elb der alt genug war, um seinen hroa zu beherrschen, tat dies, sie umgaben sich mit Kindern, um sie an der Wärme ihrer eigenen Körper teilhaben zu lassen.

Doch es waren viele Kinder, zu viele, sie konnten sie nicht alle wärmen. Gil Galad schloß die Augen, er konnte es nicht ertragen, mit anzusehen wie einige von ihnen fern dieser Inseln von Wärme liegen mußten, zitternd und verfroren.

Und er dachte an Finduilas, die sich so oft an ihn gekuschelt hatte, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus purem Genuß.

Der Kummer war überwältigend.

Beinahe hätte er geweint.

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Seit zwei Wochen lebte sie in einem Alptraum. Einem Alptraum aus Bosheit, Schmerz und Angst.

Doch sie war die Tochter des Königs. Sie mußte stark sein für all die anderen Gefangenen. Sie tröstete, manchmal mit Worten, manchmal nur mit einem Blick. Sie durfte sich nicht der Verzweiflung hingeben, sie war Finduilas aus dem Hause von Finarfin, dem Sohn von Finwe.

Daran klammerte sie sich in den endlosen Stunden.

Die Orks waren in Aufregung, sie konnte ihre abscheuliche Sprache nicht verstehen, doch ihre Redeweise klang eher besorgt als wütend.

Einer von ihnen kam zu ihr, faßte sie grob am Arm und zog sie von den anderen Frauen weg. Er redete ununterbrochen auf sie ein, doch sie verstand nicht die Bedeutung seiner Worte.

Andere kamen hinzu, schleppten sie beiseite, drängten sie rücklings an einen Baum. Sie sah sie verächtlich an.

‚Glaubt ihr ernsthaft, ich würde euch meine Angst zeigen, Sklaven Morgoths?' , dachte sie.

Doch dann sank ihr Mut. ‚Oh Túrin, warum bist du nicht gekommen? Ich habe auf dich gewartet, Túrin, Geliebter, ich weiß, daß du noch lebst.'

Der Gedanke zog andere nach sich. 'Oh Vater und 'Ellach, mein liebster Bruder, seid ihr schon tot? Oder lebt ihr noch und sorgt euch um mich?'

Die Orks banden sie an dem Baumstamm fest.

Sie erinnerte sich an ihre Kindheit. Ihre Mutter hatte ihr Gutenachtgeschichten erzählt, ihr Vater Lesen und Schreiben beigebracht und 'Ellach – 'Ellach war ihr Bruder gewesen. Verbündeter. Tröster.

In ihrer Erinnerung war sie wieder ein kleines Kind. Sie war in das Studierzimmer ihres Vaters geschlichen, um sich all die aufregenden Kostbarkeiten anzusehen, die dort ihrer Entdeckung harrten. Besonders Vaters gläserner Griffel war ein Wunder. Sie selbst erlernte gerade erst das Schreiben und ihr Stift war klobig, ihren Händen und ihrem ungeübten Griff angemessen. Vaters Feder war schlank und elegant, und er konnte so wunderbar flüssig und schön schreiben. Sie verbrachte oft ihre Zeit allein damit, ihrem Vater beim Schreiben zuzusehen.

Erst ein einziges mal hatte sie diesen Stift anfassen dürfen, und seine Glätte und das herrliche schimmernde Grün hatten sie begeistert. Doch sie durfte ihn nicht lange halten, denn sie war damals noch klein und der Stift zerbrechlich.

Doch jetzt war sie doch schon viel größer und sie sehnte sich danach, auch einmal mit der schönen Feder zu schreiben.

Natürlich kam es wie es kommen mußte: der Griffel entglitt ihren Händen und fiel zu Boden, wo er in Tausende Glasstücke zersplitterte. Sie sah kurz auf den Schaden, den sie angerichtet hatte, dann begann sie herzzerreißend zu weinen.

Kurze Zeit später kam ihr Bruder auf der Suche nach ihrem Vater herein. Er nahm sie in die Arme und sie erzählte ihm, was geschehen war. Er war blaß geworden und das war das schlimmste für sie. So oft war sie mit ihren Kümmernissen zu ihm gekommen und wenn er sie auch immer ernst genommen hatte, war er doch selbst anscheinend niemals sonderlich beunruhigt gewesen. Wenn sogar ´Ellach hiervon erschüttert war, mußte es wirklich schlimm sein.

Und inzwischen wußte sie ja auch, daß es das gewesen war. Dieser Stift war ein Geschenk von Orodreths Urgroßvater Finwe, vor langer Zeit in Tirion, vor dem Tod der Zwei Bäume. Sein Wert für ihren Vater war unermeßlich gewesen, eine Erinnerung an seinen geliebten Verwandten, den ersten Hohen König der Noldor.

Ihr Bruder hatte sie beruhigt und dazu überredet, es Vater einzugestehen, was sie sich sonst niemals getraut hätte.

Grobes Gelächter, hysterisch in der Tonlage kippend. Sie fokussierte ihren Blick und sah eine Gruppe von drei oder vier Orks, die sie anstarrten. Es war ihr egal.

Finellach war mit ihr zu ihren Eltern gegangen, und er hatte mit einer Hand ihre schmale Schulter gehalten, während sie ihrem Vater das Unglück eingestand. Es war so entsetzlich gewesen, den plötzlichen Schmerz in den Augen Orodreths zu sehen. Sein erschüttertes Schweigen war viel schmerzhafter, als es jeder Tadel hätte sein können. Und dann hatte ihr Vater geweint, er hatte versucht es zu unterdrücken, doch es war ihm nicht gelungen. Nichts, nichts auf dieser Welt konnte so schlimm sein, wie ihren Vater weinen zu sehen – nicht einmal die Orks, die auf sie zeigten und sich immer wieder in Richtung des Waldes umsahen, aus dem nun in einiger Entfernung weitaus angenehmere Stimmen zu hören waren.

Schließlich hatte sie die tiefe Stimme ihres Bruders gehört. "Ich bringe sie hinauf", hatte er gesagt und sie dann an die Hand genommen. Er hatte sie zu Bett gebracht und sie gehalten, bis all ihre Tränen vergossen und sie eingeschlafen war. Er war immer für sie da gewesen, wenn sie ihn brauchte – immer.

‚'Ellach, 'Ellach wo bist du jetzt?'

Einer der Orks hob die Hand und er hielt etwas Langes, offensichtlich Schweres darin, es fiel ihr zunächst schwer, sich genügend zu konzentrieren um es zu erkennen.

Und dann sah sie es, es war ein Speer, ein langer, häßlicher Speer und die Spitze war auf sie gerichtet, oh Elbereth, er zielte auf sie, er holte aus, sie wußte jetzt, was die Orks vorhatten und warum sie sie ausgewählt hatten, nein, sie wollte nicht sterben, nicht jetzt, nicht so, er holte aus und sie hörte ihre eigenen Schreie, sie wollte nicht schreien, es war nicht passend für die Tochter des Königs, doch sie konnte nicht anders, oh bitte noch nicht, Vater hilf mir, Mutter, Turin, 'Ellach, 'Ellach, 'ELLACH-

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Thorondor, der Herr der Adler, schwebte hoch oben auf den Winden und blickte mit scharfen Augen auf die Geschehnisse in Beleriand herab. Er sah die Schlacht von Tumhalad und er sah das zweite Heer der Orks, als dieses Brethil verließ. Kummer erfüllte sein Herz, denn er wußte, die Elben konnten diese Schlacht nicht gewinnen.

Er verfolgte die Spur des Drachen, des widerlichen Geschöpfes von Morgoth. Und er sah Nargothrond fallen, das Heim des größten Elbenreiches in Beleriand.

Thorondor wandte sich nordwärts, zurück zu seinen Horsten und zur Verborgenen Stadt inmitten der Crissaegrim. Es drängte ihn, jenen dort unten leidenden Erstgeborenen zu helfen, doch dies war ihm von Manwe nicht gestattet. So erfüllte er nur seinen Auftrag und wie so oft zuvor brachte er eine Nachricht nach Gondolin.

Wie so oft eine Nachricht von Tod und Verderben.

Fußnoten:

(1) die versteckten Wege: gemeint sind die heimlichen Wege der Kleinzwerge, ähnlich dem, auf dem Lúthien entkam

(2) Natürlich lebten viele Elben im Reich von Nargothrond verstreut in den Wäldern und Ebenen zwischen den Flüssen Nenning, Teiglin und Sirion, nicht in der Feste selbst. Doch mit ihrer Zerstörung hörte, technisch betrachtet, das Reich auf zu existieren und die Elben verloren ihren politischen und kulturellen Mittelpunkt.

(3) Ich habe mir Nargothrond immer etwa so wie eine heutige Kleinstadt von etwa 20.000 Einwohnern vorgestellt. Und in Kriegszeiten haben sicherlich viele Elben aus dem näheren Umland dort Zuflucht gesucht. Daher nehme ich an, daß zum Zeitpunkt seines Falls etwa 30.000 Elben in Nargothrond lebten. 3% erschien mir ein reeller Anteil an Flüchtlingen.