Narn Gil Galad

von Earonn

Kapitel XI – Balar

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Danksagung: an Nemis, weil sie ihren leicht verdrehten Verstand auf das Korrekturlesen gerichtet hat.

Widmung: jenen, die das vergangene Wochenende so wundervoll gemacht haben: Ute und Nemis, Jaschenka und Arnold, Sam und Luna, Snuitje und Dobby, die knabbernden Fische, die Kiwis, weil sie leckeren Wein machen und die Orks, weil sie leckere Spieße ergeben...

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A/N:

Zu Beginn habe ich einige rasche Szenenwechsel eingebaut. Es ist eine Art Experiment und ich hatte viel Spaß beim Schreiben. Falls ihr euch beim Lesen wie ein Pingpongball fühlt – genau das hatte ich beabsichtigt... *böse lach*

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XI Balar

Die Herrin Melian schritt allein durch den Wald von Region. Das Herz war ihr schwer und silberne Tränen rannen ihre weißen Wangen herab. Ein großes Unheil stand bevor, sie spürte es, Schmerz und Kummer standen den Elben Beleriands bevor. Der Untergang war nahe.

Sie erreichte die Lichtung, von der sie zuvor aufgebrochen war. Die Sonne ging bereits im Osten über den Ered Lindon auf und ließ die Baumspitzen golden aufleuchten. Die Sterne verblaßten.

Leise ließ sie sich unter den weit überhängenden Ästen einer Kastanie neben dem dort schlafenden Elben nieder und strich ihm mit einer federleichten Berührung über das silbrige Haar. Er lächelte im Schlaf, erwachte jedoch nicht.

‚Elwe, Liebster, ich wünschte, ich könnte das Unglück länger von uns fernhalten. Ich wünschte, ich könnte das Volk der Eglath länger beschützen', wisperte sie, während sie liebevoll sein friedvolles Gesicht betrachtete. ‚So lange haben wir sie behütet, doch bald wird das vorbei sein. Es hat begonnen, das Schicksal der Noldor wird sich bald erfüllen. Ich habe es selbst gesungen, in der Musik vor dem Anbeginn der Welt.'

Elwe Singollo, auch Thingol Graumantel genannt, König der Sindar Beleriands, spürte lediglich die liebevolle Präsenz seiner Gattin in seinem fea. Eingehüllt in das Bewußtsein um Liebe und Nähe schlief er ruhig und für diesen Moment sorgenfrei.

Zur gleichen Zeit stand in Gondolin, weit nordwestlich vom Wald von Region, eine einsame Gestalt auf der Brüstung eines der weißen Türme. Heftiger Regen ging nieder, und über den nahen Gipfeln der Crissaegrim tobte sich ein Gewitter aus.

Doch Idril Celebrindal achtete nicht darauf, noch wich sie vor dem Regen zurück, der sie schon längst durchnäßt hatte. Sie wandte ihr erhitztes Gesicht den kühlenden Tropfen entgegen, dankbar für die Berührung von Ulmos Wassern auf ihrer Haut.

Es fühlte sich beruhigend an.

Lebendig.

Ein Traum hatte sie aufgeschreckt und aus ihrer Kammer, in der sie zu ersticken vermeinte, in den Regen getrieben. Seit neun beunruhigenden Nächten immer wieder derselbe Traum. Seitdem der Adler die Nachricht gebracht hatte, daß das Heer von Nargothrond besiegt worden und das Reich selbst untergegangen war. In der folgenden Nacht hatte sie zum ersten mal diesen Traum gehabt.

In ihm stand sie auf weichem, unebenem Boden. Sie wußte, daß es sich um Sand handeln mußte, doch sehen konnte sie ihn nicht. Sie glaubte sich am Meer, doch weder sah sie die Wellen, noch hörte sie die Rufe von Möwen oder nahm den Geruch von Salz in der Luft wahr.

Sie schaute sich um, sie suchte jemanden, und erst als sie ihn sah wurde ihr bewußt, daß es der junge Edain war, Tuor, den sie gesucht hatte. Obwohl sie nicht hätte sagen können warum er, der erst vor wenigen Monaten als Bote Ulmos nach Gondolin gekommen war, so wichtig für sie sein sollte, daß sie ein Gefühl des Verlustes und Unruhe ohne ihn an ihrer Seite und nun Erleichterung bei seinem Anblick empfand.

Er stand einige Schritte abseits von ihr und unterhielt sich mit einem dunkelhaarigen Elben, den sie nicht kannte. Sie ging eilig zu ihnen, der Elb sah auf und als der Blick aus den dunkelgrauen Augen sie traf, war da etwas von Erkennen, als solle sie diesen Elben kennen, obwohl sie sich sicher war, ihm noch niemals zuvor begegnet zu sein. Augenblicklich fühlte sie sich verstanden, getröstet – wieso sie traurig sein sollte, konnte sie nicht sagen – und beschützt.

Jede Nacht träumte sie von diesen beiden Männern, und es hinterließ sie jedes mal unruhig und aufgewühlt, doch die Tochter des Hohen Königs verstand diesen quälenden Traum nicht.

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Am folgenden Morgen nahmen die Elben aus Nargothrond, geführt und ermuntert von den Falathrim, ihre Wanderung erneut auf. Círdan hielt sich stets in Gil Galads Nähe, und auch wenn der jüngere Elb es nicht offen aussprach, so war er doch froh über diese Gesellschaft. Círdans ruhige Ausstrahlung tat ihm gut, und er wußte viel Interessantes über das Leben am Meer, die Tiere und Pflanzen, das Wetter und auch die Gefahren zu berichten. Dinge, die er selbst bald würde wissen müssen.

Dennoch verhielt er sich weiterhin zurückhaltend. Es war nicht so, daß er irgendwelches Misstrauen gegenüber Círdan hegte. Weit davon entfernt, drängte es ihm, dem alten Elb seine Sorgen und Kümmernisse anzuvertrauen und dessen Rat einzuholen. Der Herr der Häfen besaß viel Erfahrung darin, ein Volk zu leiten und zu beschützen, mehr als er selbst jemals zu erwerben erhoffen konnte.

Doch auch wenn Círdan sicherlich anders war als Túrin oder gar Celegorm und Curufin, so erinnerte Gil Galad sich doch nur allzu deutlich daran, wohin es führen konnte, wenn der Herr eines Volkes nicht absolut selbstständig seine Entscheidungen traf. Die Fehler der Vergangenheit konnte er nicht wiedergutmachen, doch er würde aus ihnen lernen und sie nicht noch einmal begehen.

‚Und außerdem – welchen Sinn hätte es, Freundschaft mit ihm zu schließen?', dachte er sehr oft, wie um sich selbst davon zu überzeugen. ‚Beleriand ist hier im Süden kaum weniger gefahrvoll als im Norden. Warum noch einmal riskieren, jemanden zu verlieren der mir etwas bedeutet?'

Doch während er einen Seitenblick auf seinen Begleiter warf, der gerade von der Stille über den Wassern, von der unendlichen Weite und Freiheit auf dem Ozean erzählte, den Blick in eine unklare Ferne gerichtet, ahnte Gil Galad bereits, daß dies nicht leicht werden würde.

"Wenn Ihr wollt, können wir nach unserer Ankunft auf Balar Boten an Doriath und Gondolin senden", sagte Círdan eine Weile später, als sie die Bäume von Nan Tathren bereits hinter sich gelassen hatten und auf weites, offenes Land kamen.

Gil Galad wickelte seinen Mantel enger um seine Schultern und warf einen mißbilligenden Blick auf den Himmel, wo eine dichte Wolkendecke weiteren Schneefall ankündigte.

"Ich danke Euch, aber nein. Es ist gefährlich. Wen sollte ich ein solches Risiko eingehen lassen? Doriath ist weit entfernt, und wenn mein Vater wußte, wie Nachrichten an den Hohen König Turgon gesendet werden können, so hat er es mir nicht gesagt."

"Es ist möglich. Und ich weiß auch wie. Doch selbst von den Anführern unseres Volkes wissen es nur wenige und ich werde hier nicht darüber sprechen. Je geheimer es bleibt, um so besser für uns alle.", antwortete Círdan ernst. "Und es gibt noch andere Wege nach Doriath als über die Talath Dirnen."

"Dennoch – wir sind einfach zu wenige. Ich werde mein Volk auch nicht eines einzigen seiner Mitglieder berauben."

Der ältere Elb lächelte. "Ich werde einen meiner Boten senden. Sie kennen sich aus und wissen, welche Wege sie nehmen müssen, um den Orks auszuweichen."

Er klopfte dem König leicht auf die Schulter.

"Gebt die Hoffnung noch nicht auf. Viele die entkommen sind, mögen noch immer durch die Wälder streifen. Sie werden bald erfahren, wo sie ihr Volk finden können. Und einige haben es vielleicht sogar bis nach Doriath geschafft."

Gil Galad antwortete nicht, aber das dankbare Lächeln, das er seinem Begleiter zuwarf, so schwach es auch war, enthielt bereits ein wenig unterschwellige, halb unterdrückte Zuneigung.

Im verborgenen Reich Doriaths lauschte in diesem Moment König Thingol Graumantel dem Bericht zweier vollkommen erschöpfter, verletzter und völlig verstörter Elben, die einige Tage zuvor an den Grenzen aufgegriffen worden waren. Sie erzählten ihm von der Schlacht von Tumhalad, aus der sie wie durch ein Wunder lebend entkommen waren, von den Orks, die aus dem Süden gekommen waren ohne daß die Elben hätten sagen können woher, und von dem Auftauchen von Glaurung dem Drachen.

Die Herrin Melian runzelte die Stirn, ihre Augen dunkel vor Besorgnis.

"Dies ist in der Tat ein großes Unglück, und hoffen wir, daß kein noch größeres daraus entsteht."

Sie hielt inne und schien einer Melodie zuzuhören, die sie allein hören konnte.

"Doch ihr sagtet, euer König sei gefallen. Was ist mit seinem Sohn Gil Galad?"

"Er war nicht bei König Orodreth, als die Orks unsere Reihen durchbrachen. Und die Schlacht klang zuerst an den Ufern des Ginglith ab, wo er kämpfte. Ich kann es nicht sicher sagen, doch es ist möglich, daß er entkommen konnte."

Melian nickte stumm, und Thingol spürte genau ihre große Erleichterung. Er fragte sich, ob diese wirklich allein verwandtschaftlicher Fürsorge entsprang.

Nach einer kleinen Pause sprach der Herr der Häfen noch einmal. "Was ist mit Maedhros? Er sollte es ebenfalls erfahren."

"Vermutlich hat er ein Recht darauf zu wissen, wer die Nachfolge Turgons antreten wird", meinte Gil Galad und verzog das Gesicht. "Aber wenn es allein nach mir ginge, könnte er bis in alle Ewigkeit in Thargelion hocken bleiben. Mein Vater hat entschieden, daß keine Freundschaft mehr zwischen dem Haus von Finarfin und dem Haus von Feanor sein solle, und selbst wenn es nicht so wäre – Maedhros hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, Celebrimbor darüber zu benachrichtigen, ob er ihn weiterhin zu seinem Haus zugehörig betrachtet oder nicht. Seine Verwandten scheinen ihn nicht sonderlich zu interessieren."

Ärgerlich warf der König eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht.

"Aber er ist ein König der Noldor und Herr eines Hauses, also sollte er benachrichtigt werden."

Daher erhielt – viele Wochen später – Maedhros, ältester Sohn Feanors und Oberhaupt seines Hauses, eine Botschaft aus Balar. Der Überbringer der Nachricht erreichte die Festung am späten Abend und abgesehen von Maedhros selbst waren nur drei andere Männer anwesend, sie zu hören: seine Brüder Maglor, Celegorm und Curufin.

In Doriath erbat Mablung von der Schweren Hand die Erlaubnis seines Königs, selbst nach Nargothrond zu gehen, um Neuigkeiten über das Nachbarreich einzuholen.

Doch Thingol wollte ihm dies nicht gestatten.

"Wir haben bereits Beleg Cúthalion verloren. Noch mehr solcher Verluste kann das Volk der Eglath sich nicht leisten."

Er blickte Melian an, die die unausgesprochene Frage mit einem stummen Nicken beantwortete, und wandte sich dann wieder dem Krieger vor ihm zu.

"Wir werden früh genug erfahren, was mit der Burg geschehen ist. Wenn sie überleben, werden sie uns benachrichtigen, und wenn nicht...selbst du, mein Freund, kannst nicht gegen einen Drachen kämpfen."

Maedhros las den Brief eine Weile konzentriert und mit besorgter Miene.

"Es geht um Nargothrond", sagte er schließlich.

Celegorm verzog das Gesicht. "Und warum senden sie ihre Nachrichten jetzt über Balar? Was hat uns der Bücherwurm mitzuteilen, das er den Teleri zuerst erzählen will?"

Seit ihrer Vertreibung aus der Burg am Narog hatte weder Celegorm noch Curufin Orodreths Namen je wieder laut ausgesprochen. Ebensowenig den Celebrimbors.

Maedhros sah seinem Bruder ins Gesicht.

"Ich denke, es wäre ein wenig mehr Respekt Orodreth gegenüber angebracht – als unserem Vetter, Herrn des Hauses von Finarfin und König des Reiches von Nargothrond."

"Ein Reich, aus dem er deine Brüder vertrieben hat, was du zu vergessen scheinst."

"Ich vergesse es nicht", antwortete Feanors ältester Sohn und fuhr ernst fort "Im übrigen könnt ihr froh darüber sein. Nargothrond existiert nicht länger."

Celegorm wich einen Schritt zurück und konnte ein überraschtes Keuchen nicht unterdrücken.

"Was meinst du damit – Nargothrond existiert nicht länger?"

Maedhros sah sie alle nacheinander an, ehe er antwortete. Celegorm mit schockgeweiteten Augen. Maglor nachdenklich und undurchschaubar. Curufin erblaßt.

"Morgoth hat eine Armee von Orks ausgesandt, und um seinen Sieg sicherzustellen hat Glaurung der Drache sie begleitet. Sie haben die Armee Nargothronds vernichtet und anschließend die Burg erobert."

Curufin schluckte. ‚Celebrimbor. Oh mein Junge! Ihr gütigen Valar, bitte nicht....'

"Und was ist mit...unseren Angehörigen?", fragte er mit heiserer Stimme.

Nun lächelte Maedhros traurig. Er vermutete schon seit langem, daß Curufin es bedauerte, seinen Sohn so harsch abgewiesen und sich von ihm getrennt zu haben. Er wünschte nur, sein jüngerer Bruder würde den Mut finden, Celebrimbor aufzusuchen und ihn um Verzeihung zu bitten.

"Orodreth und Helegethir sind tot, aber Gil Galad hat überlebt – und auch mein Neffe Celebrimbor. Sie leben jetzt bei den Falmari auf Balar, mit dem Rest des Volkes von Nargothrond, der den Orks entkommen konnte."(1)

Curufin antwortete nicht. Er spürte die Tränen der Erleichterung aufsteigen und er wußte, er würde sie nicht unterdrücken können. Ruckartig drehte er sich um und verließ den Raum.

Stirnrunzelnd sah Celegorm ihm verständnislos nach. Wozu sich über dieses undankbare Balg Celebrimbor noch Gedanken machen? Er war jeglicher Beachtung ebensowenig wert wie dieser treulose Köter Huan, der ihn nach so vielen Jahren verlassen hatte...er brach den Gedanken ab, denn er gestand sich nur ungern den Schmerz ein, den er verursachte.

Dann kam ihm ein anderer Gedanke und er lächelte böse.

"Ha, wie mag es dem halben Sinda wohl gefallen, zur Abwechslung einmal selbst der Vertriebene zu sein?!"

Maglor warf ihm einen angewiderten Blick zu und ihr ältester Bruder faltete langsam und sorgfältig die Botschaft wieder zusammen. Ohne Celegorm anzusehen antwortete er, und seine Stimme war kalt und schneidend dabei, "In Momenten wie diesen wünsche ich mir, der ‚halbe Sinda' wäre mein Bruder."

‚Noch einer meiner Vettern tot. Oh Orodreth, du hättest bei Finarfin bleiben und niemals mit uns kommen sollen. Es war einfach nicht dein Platz.'

Turgon, Herr von Gondolin, Hoher König der Noldor Mittelerdes, saß an seinem Arbeitstisch und blätterte gedankenverloren durch ein Buch. Die geübte Schrift des Verfassers war flüssig und gut lesbar, die Gedanken klar und deutlich dargelegt. Vor vielen Jahren hatte Orodreth dieses Werk über die Philosophie des freien Willens geschrieben. Es war ein Geschenk für Turgon gewesen, mit dem er früher, in Valinor, viele solcher Diskussionen geführt hatte.

‚Damals waren wir glücklich, Vetter. Wer hätte ein solches Unglück vorausgesehen?'

Der Hohe König klappte das Buch zu, doch seine Finger glitten weiterhin nachdenklich über den geprägten Ledereinband.

‚Und was hast du mir hinterlassen? Wen? Dein Sohn ist jetzt mein Erbe. Auch wenn ich mir von ganzem Herzen wünschte, es wäre anders. Was hat dein Gil Galad je über die Führung unseres Volkes gelernt, über die Pflichten eines Hohen Königs? Wäre Aredhel doch nur ein Mann gewesen, Maeglin wäre mit Sicherheit besser geeignet, dieses Erbe anzutreten.'

Turgon legte das Buch auf die polierte Holzoberfläche des Tisches und gab sich der Trauer über den Tod seines Cousins hin.

Etwa zwei Wochen nach den Soldaten Nargothronds traf eine Gruppe von Elben in Doriath ein, die die Zerstörung der Festung überlebt hatten. Sie waren in einem ebenso elenden und geschwächten Zustand, noch immer geschockt vom Verlust ihrer Heimat und jener, die sie liebten.

"Wir lebten stets außerhalb der Burg und bewirtschafteten die Felder", erklärte eine abgehärmte Frau dem Herrn und der Herrin des Reiches. "Als die Aufforderung eintraf, uns in die Burg zurückzuziehen, entschlossen wir uns, erst die Ernte sicher unterzubringen. Doch die Orks kamen schneller als erwartet und so blieb uns nur die Flucht. Wir gingen zuerst nach Süden, in der Hoffnung, doch noch in die Burg zu gelangen, doch als wir dort ankamen, war schon niemand mehr dort – niemand, der noch am Leben war." Sie schauderte und schluckte heftig, um die aufkeimende Übelkeit bei der Erinnerung an den Anblick zu unterdrücken. "Außer dem Drachen natürlich."

Die Elben wurden in Doriath aufgenommen und fanden dort ein neues Zuhause. Und so wurde bald bekannt, daß Mormegil, das Schwarze Schwert von Nargothrond, niemand anderes gewesen war als Túrin, der Sohn Húrins von Dor-Lómin und Pflegesohn König Thingols.

So erfuhren Túrins Mutter Morwen und seine Schwester Nienor von ihm, und sie verließen Doriath um ihren Sohn und Bruder zu finden. So leisteten sie unwissentlich ihren eigenen Beitrag zum Fluch über dem Haus von Húrin.

Celegorm nahm sich selten viel von den Tadeln seines ältesten Bruders an. Er zuckte lediglich die Achseln, legte eine Hand ans Kinn und tippte sich nachdenklich mit dem Finger gegen die Lippen. "Und was ist mit der Erbfolge?"

"Was soll damit sein? Gil Galad ist jetzt der König Nargothronds – sofern ein solcher Titel noch vererbt werden kann."

"Ich meine die Hohe Königswürde."

Jetzt fuhr Maedhros mit einer heftigen Bewegung zu seinem Bruder herum und blickte ihn mit flammenden Augen an.

"Wage es nicht, an so etwas auch nur zu denken! Auch das Erbe der Hohen Königswürde ist auf Gil Galad übergegangen! Wenn Gondolin fällt, wird er der Hohe König der Noldor Mittelerdes werden."

"So, wenn Turgon etwas zustößt soll also mein Vetter Gil Galad sein Nachfolger werden!"

Maeglin, der Sohn Aredhel Ar-Feiniels und Eols des Dunkelelben, Neffe Turgons, Herr des Hauses des Maulwurfs und Prinz der Noldor, murmelte diese Worte vor sich hin, während er eine Metallplatte bearbeitete, die bald der Zierbeschlag eines hölzernen Tores werden sollte.

"Es ist Wahnsinn! Er weiß nichts über die Aufgaben und Pflichten eines Hohen Königs, das hat Turgon selbst zugeben müssen!"

Am Nachmittag zuvor hatte der Hohe König seinen Rat um sich versammelt. Es ging um die Frage, ob der Anspruch, den Orodreths Sohn zweifellos auf das Erbe der Hohen Königswürde besaß, irgendwie in Frage gestellt werden konnte. Natürlich konnte er das nicht, und alle wußten es. Doch sie sprachen dennoch über Möglichkeiten und Chancen, auch wenn einige von ihnen, dessen war sich Maeglin bewußt, gewiß lieber das Haus Finarfin an der Macht gesehen hätten, als ihn.

Und Idril und Tuor hatten sich im Rat sogar strikt gegen jegliche Änderung ausgesprochen. In letzter Zeit schienen die beiden in vielerlei Hinsicht eines Sinnes zu sein...

Zorn bebte in Maeglins Herzen, Zorn über diesen unbekannten Vetter, der erben würde, was rechtmäßig ihm selbst zustehen sollte, und Zorn über das, was er in Idrils Augen las, wenn sie den Sohn Huors, diesen gewöhnlichen Edain, betrachtete.

Doch nach außen hin war von diesem Zorn nichts zu erkennen, weder auf Maeglins schönem Gesicht noch in seinen gleichmäßigen Bewegungen.

Círdan entging nicht die Unruhe in der Stimme seines jungen Verwandten.

"Glaubt Ihr, Maedhros würde Euren Anspruch anfechten?"

Gil Galad dachte darüber nach. Schließlich schüttelte er den Kopf.

"Nein, nicht Maedhros. Er ist der einzige aus dieser...dem Haus Feanors, dem ich so etwas nicht zutrauen würde. Und die anderen werden sich nicht gegen ihn stellen."

"Was besorgt Euch dann?"

"Was schon?!", fragte Gil Galad mit einem ironischen Lächeln. "Ich sorge mich um die Möglichkeit, daß die Erbfolge der Hohen Königswürde jemals wieder Bedeutung erlangen könnte! Es bleibt uns allen nur zu wünschen, daß Turgon weiterhin am Leben bleibt."

Er sah zu Boden. "Er kann sein Volk wenigstens beschützen", fügte er leise hinzu.

Círdan handelte ohne darüber nachzudenken und legte einen Arm um die Schultern des Jüngeren. Und es erfüllte ihn mit einer völlig unangemessenen Freude, daß dieser sich nur sehr kurz anspannte, ehe er die tröstende Berührung hinnahm.

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Es dauerte nicht lange, bis die Elben der verschiedenen Städte und Stämme miteinander Freundschaft geschlossen hatten. Zu gut konnten sie einander in ihrem Schmerz verstehen. Die Kinder kümmerten sich am allerwenigstens um diese Dinge, sie genossen den Trost und das Spiel mit den fremden Elben.

Doch wie so oft gab es eine Ausnahme.

Die meisten Teleri hatten dem Volk der Noldor den Verwandtenmord von Alqualonde verziehen, zuweilen sogar jenen, die selbst daran teilgenommen hatten. Doch sie konnten und wollten Celebrimbor nicht verzeihen, einem Mitglied gerade der Familie, die Tod und Leid über ihre Angehörigen gebracht hatte. Daher schlossen sie ihn aus ihrer Gemeinschaft aus, ignorierten ihn vollkommen oder begegneten ihm sogar offen feindselig.

Es überraschte weder ihn noch irgendeinen anderen, dennoch tat es ihm weh. Er fühlte sich hin- und hergerissen zwischen dem Drang, Gildor und Gil Galad nahe zu sein, die ihm weiterhin ihre Freundschaft schenkten, und der Angst, das neugeschaffene Verhältnis zwischen seinem Volk und ihren Gastgebern zu belasten, indem er seinem König zu nahe war.

Drei Tage später erreichten sie die Mündungen des Sirion. Círdan hatte lange überlegt, wie er den Kummer des Königs von Nargothrond lindern konnte. An jenem letzten Tag, als bereits der salzige Geruch des Meeres über dem Land lag und sie die Rufe der Möwen hören konnten, lud er Gil Galad ein, mit ihm zu reiten. Er führte ihn etwas abseits vom Fluß über das Land. Círdan kannte sich hier aus und er setzte große Hoffnungen auf das, was er zu zeigen hatte.

Gegen Mittag erreichten sie die Dünen, die sich zwischen Land und Meer erhoben. Sie ließen die Pferde zurück und der Schiffsbauer führte seinen Begleiter die sandigen Hügel hinauf. Gil Galad hatte das Meer noch niemals in seinem Leben gesehen. Er wußte nicht recht, was er sich unter der unendlichen Wasserfläche, die man ihm beschrieben hatte, vorstellen sollte.

Sie erreichten die Spitze der Düne und Círdan wandte sich um, um die Wirkung zu beobachten, die der Anblick des Belegaer auf Gil Galad haben würde.

Dieser hielt überrascht inne und betrachtete staunend, was sich ihm darbot.

Die unruhige See, von einem böigen Wind landeinwärts getrieben, lag unter einem blassen Winterhimmel vor ihm. Möwen segelten dicht über die Wellen hinweg und ihre Rufe waren weithin zu hören, einen Teil seines fea berührend, den er niemals zuvor wahrgenommen noch auch nur um seine Existenz gewußt hatte. Nichts als Wasser, graues, unruhiges Wasser, bis hin zum Horizont, wo es sich schwach vom Himmel abhob. Noch niemals hatte er solche Weite erlebt, solche Unendlichkeit, noch hätte er sie sich vorstellen können.

Das größte Wunder aber war das Geräusch. Die Wellen, die sich auf dem kies- und muschelbedeckten Strand brachen, rauschten leise und melodisch, gluckerten und plätscherten, ein endloses Lied, das ungeachtet allen Schmerzes sein wehes Herz beruhigte. Er hätte dem Meer ewig zuhören mögen.

Círdan beobachte mit stillem Lächeln das Staunen, das sich auf dem Gesicht des jüngeren Elben abzeichnete, die Sehnsucht, und er sah voller Zufriedenheit, welche Wirkung der Anblick der See auf diesen hatte.

Den Blick unverwandt auf die hellen Schaumkronen gerichtet, ging Gil Galad herab zur Brandung. Er wollte dieses große Wasser spüren, wollte es berühren, ihm nahe sein und seine Bewegung fühlen. Gefangen von Geräuschen, Gerüchen und Anblick der bewegten Wasseroberfläche ging er langsam den Strand hinab, wo er sich niederließ und beinahe zögerlich eine Hand in das kalte Wasser tauchte. Es fühlte sich nicht anders an als Süßwasser auch, doch die gleichmäßige Bewegung darin wirkte wie die Atmung eines großen Tieres.

Er sah wieder zum Horizont. Fern im Westen, hinter diesem Meer, lag das Gesegnete Reich, Aman, lagen die Hallen Mandos', wo sich nun die fear seiner Eltern befanden und all jener Freunde, die er verloren hatte – und vielleicht auch der fea Finduilas'. Der Gedanke, daß dieses Meer sowohl seine als auch ihre Küste bespülte, besaß seinen eigenen Trost.

Es dauerte lange, ehe er sich wieder erhob. Der Wind und die lange Bewegungslosigkeit hatten ihn durchfroren, aber er fühlte ein bißchen von der alten Kraft in sich. Er ging zurück zu Círdan, der mit deutlich erfreuter Miene weiter etwas oberhalb der Brandung stand, und während er ging, lauschte er hingerissen dem hellen Knirschen der Muschelschalen unter seinen Schritten, hell wie Kinderstimmen vor dem tieferen, erwachsenen Rauschen der Wellen.

"Es ist sehr beruhigend", sagte er. Círdan nickte.

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In den Ansiedlungen der Elben, die an der Küste lebten, wurden sie herzlich empfangen und sofort die Boote für die Überfahrt vorbereitet. Sie alle sehnten sich danach, endlich das Ziel der Reise zu erreichen, zu ihren Heimen zurückzukehren und erneut in den Luxus von Wärme, Sicherheit und einer trockenen Umgebung zu gelangen.

Círdan sah sich suchend am Strand um. Es gab noch einige Dinge, die er mit Gil Galad besprechen wollte, ehe sie Segel setzten.

Schließlich fand er den König ein wenig abseits der anderen, inmitten einer Gruppe von etwa zwanzig erwachsenen Elben. Der Schiffsbauer merkte schnell, daß es jene waren, die am meisten unter dem Verlust ihres Zuhauses und ihrer Familien litten, jene mit den kummervollsten Mienen. Jeder von ihnen strahlte Schmerz und Leid aus wie ein Feuer seine Hitze.

"Ich verstehe eure Gefühle", hörte er Gil Galads dunkle Stimme. "Es geht mir kaum anders. Aber wir brauchen euch. Die Kinder brauchen euch. Die Falmari werden sich gut um sie kümmern, genauso als wären es ihre eigenen Kinder, doch sie können ihnen nicht den Trost vertrauter Gesichter vermitteln."

Er nahm die Hände der direkt vor ihm stehenden Frau in die seinen.

"Bitte. Ich verlange nicht von euch, für immer zu bleiben, nur für die nächsten Jahrzehnte, bis sie alt genug sind."

"Welchen Trost sollten wir ihnen geben können, wenn in unseren Herzen nichts als Kummer geblieben ist?", antwortete die Frau. "Gerne würde ich ihnen meine Liebe schenken, all das was ich für mein eigenes Kind empfand, das es nun nicht mehr empfangen kann. Aber es ist nichts mehr zu geben übrig, mein König."

Sie hielt inne. "Wenn Ihr uns jedoch befehlt zu bleiben, werden wir Euch gehorchen", fügte sie mit unsicherer Stimme hinzu.

Gil Galad seufzte. "Du solltest mich besser kennen. Natürlich würde ich nichts dergleichen tun. Dies wird allein eure Entscheidung sein und ich will nicht einmal versuchen, euch zu irgendetwas zu überreden. Alles worum ich euch bitte ist, die Lage der Kinder zu berücksichtigen, ehe ihr euch entscheidet, und daß es nur ein Aufschub sein soll, kein Verzicht."

Er ließ ihre Hände los und verneigte sich leicht vor ihnen. Die Elben erwiderten die Geste und jeder ging wieder seinen eigenen Aufgaben nach.

Als sie sich einige Stunden später bei hereinbrechender Flut versammelten, um nach Balar überzusetzen, stellte Círdan fest, daß nur wenige dieser Elben noch bei ihnen waren.

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Niemals konnte Círdan sich erklären, wie es gekommen war, doch ohne ihrer beider Zutun, ohne ein Wort oder eine Absprache nahm er gegenüber Gil Galad die Haltung eines Mentors oder Ratgebers, zuweilen sogar die eines Vaters ein. Er führte und leitete den jungen König durch die ersten Wochen, in denen er eine neue Gemeinschaft für sein Volk begründen mußte, gab ihm gute Ratschläge und manchmal, selten, nahm dieser von ihm sogar ein wenig Trost an. Mit der ihm einst verliehenen Weitsicht erkannte Círdan, daß Gil Galad, Herrscher eines fast vernichteten Volkes, der das Blut aller großen Königshäuser der Elben in sich trug, entscheidend auf die Geschichte Mittelerdes einwirken sollte. Doch er erkannte auch ebenso, daß es für seinen Verwandten selbst viel Leid geben würde. Und er empfand eine Mischung aus Bewunderung und Mitgefühl für ihn.

Nachdem der lange, feindselige Winter einem kühlen, feuchten Frühling gewichen war, und die Neuankömmlinge begonnen hatten, sich ihre eigenen Häuser zu bauen, kamen die Elben von Balar wieder ein wenig zur Ruhe und langsam wurden die Lieder der Trauer durch solche der Arbeit ersetzt.

Zu diesem Zeitpunkt lebte ein buntes Völkergemisch auf Balar. Edain, die aus dem Norden geflohen waren, Elben aus Hithlum, Überlebende der Nirnaeth Arnoediad und der Dagor Bragollach, denen gemeinsam mit Círdans Kriegern der Rückzug gelungen war. Sie alle lebten in kleinen Gruppen getrennt voneinander, betrachteten sich jedoch als ein Volk und erkannten Círdan als ihren Herrn an.

Die Noldor und Sindar Nargothronds jedoch blieben zunächst dicht bei den Häfen, denn sie mochten sich nicht von ihrem König trennen, der sich entschieden hatte, weiterhin bei Círdan zu leben. Sie betrachteten sich weiterhin als ein Volk, und so kam es, daß auf Balar zunächst zwei Gruppen von Elben lebten, die jedoch äußerlich nicht voneinander unterschieden werden konnten.

"Warum macht ihr das? Warum wollt ihr euch nicht den Falathrim anschließen, sondern tut so, als könnten wir weiterhin ein unabhängiges Volk sein? Wir können es nicht und ich würde nichts dagegen sagen, wenn ihr euch entscheiden solltet, Círdan zu folgen."

Gil Galad murmelte diese Worte vor sich hin, während er auf das geschäftige Treiben in der Ansiedlung hinunterblickte.

Er saß auf einer Klippe etwas oberhalb der kleinen Stadt, von der aus ein guter Überblick über Stadt, Hafen und Meer möglich war. Spät, sehr spät meldete sich das Erbe seiner Teleri-Vorfahren und er entwickelte dieselbe Sehnsucht nach dem Meer, wie sie auch schon sein Großonkel Finrod Felagund durch seine Mutter Eärwen empfangen hatte. Es beruhigte ihn, schien ihm vertraut, obwohl er sich nur selten den Wellen anvertraute. Denn wie seine Vorfahren trug er das Blut und den Fluch der Noldor in sich und fühlte sich unwohl, wenn er sich in Osses Reich begab.

"Sie tun es aus Treue. Aus Zuneigung. Und weil sie an ihren König glauben", sagte eine melodische Stimme hinter ihm.

Gil Galad wandte sich nicht um.

"Ich grüße Euch, Lord Círdan. Aber Ihr solltet Euch nicht so an mich heranschleichen, sonst haben sie keinen König mehr, an den sie glauben könnten. Ich wäre beinahe von der Klippe gestürzt."

Der Schiffsbauer ließ sich neben dem anderen Elben nieder. "Ich bezweifle sehr stark, daß ihr nicht wußtet, daß sich jemand nähert." Er lehnte sich zurück und stützte sich auf beide Hände. "Das Wetter wird bald umspringen. Ich rieche es im Wind. Und seht Euch die Wolken dort hinten an, nahe dem Horizont. Wir bekommen heftige Böen, aber keinen richtigen Sturm."

"Wieder der Lehrer?", fragte Gil Galad und warf einen amüsierten Blick zur Seite. Círdan war ein angenehmer Gesellschafter, weise und humorvoll, ein guter Anführer seines Volkes, ja sogar so etwas wie...ein Freund? Nein. Nicht wenn er es verhindern konnte. Aber ein kluger Mann. Und gerade das vergaß der ältere Elb selten. "Wenn es kein richtiger Sturm wird – nun, um so besser. Die Stürme hier am Meer unterscheiden sich sehr von jenen, die wir gewohnt sind. Sie sind...beängstigend", fuhr er fort und Círdan lachte leise beim Gedanken der Reaktionen der Elben aus dem Binnenland, als sie ihren ersten richtigen Frühlingssturm erlebten.

Der Sohn Orodreths blickte wieder auf die Wellen und die Seevögel, die darüber hinwegzogen. Die Rufe der Möwen verstärkten noch die Sehnsucht nach der See, doch dies war eine angenehme Sehnsucht. Das Meeresrauschen beruhigte ihn, erinnerte an das Rauschen des Sirion, dem er in Minas Tirith so gerne zugehört hatte. Als er noch eine Familie besessen hatte...

‚Denk nicht darüber nach. Es hat keinen Sinn. Mutter und Vater sind tot und Finduilas höchstwahrscheinlich auch. Denk an dein Volk, deine Pflichten!'

Aber es war schwer, so schwer zu vergessen!

"Wäre das alles doch nie geschehen", flüsterte er.

Círdan nickte, während er ebenfalls die Vögel über dem Wasser beobachtete. "Ich habe mir dasselbe gewünscht, als Brithombar und Eglarest fielen. Beide male. Ich habe mein Volk sterben sehen und gute Freunde verloren. Und ich wünsche mir noch immer, die Städte wären bestehen geblieben. Sie waren wunderschön. Ihr hättet sie sehen sollen, Euer Vater hatte wirklich Talent in diesen Dingen." Ungewollte Tränen rannen über sein Gesicht. "So lange waren sie unsere Heimat. Darum glaubt mir, ich weiß was Ihr empfindet."

Er schluckte schwer. Und dann spürte er plötzlich eine kurze, sanfte Berührung an seiner Hand.

Gil Galad zog sich wieder zurück, legte die Arme um die Knie und verschränkte seine Hände. "Manchmal habe ich Alpträume, in denen ich Nargothrond brennen sehe, obwohl schon alles vorbei war, als wir dort ankamen."

Círdan, der sich wieder von seiner Überraschung erholt hatte, nickte. "Ich weiß, Junge, ich weiß. Mir ging es ebenso."

Er tat, als bemerke er den sarkastischen Seitenblick nicht, der ihm als Antwort auf diese Bezeichnung zugeworfen wurde. Doch Gil Galad sagte nichts, blickte nur wieder auf das Meer hinaus.

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Einige Tage später suchte Gil Galad Celebrimbors Schmiede auf. So kühl ihm die Teleri begegneten, wurde der Sohn Curufins dennoch unter den Schmieden in hohen Ehren gehalten. Durch ihn gelangte vieles von dem Wissen der Noldor und insbesondere seiner eigenen begabten Familie zu den Falathrim, und dies wurde ebenso wenig vergessen wie Alqualonde.

Der König von Nargothrond zog sein Schwert aus der Scheide und legte es auf den Amboß zwischen ihnen.

"Du weißt, was mit ihm geschehen ist. Kannst Du mir dieses Schwert neu schmieden?"

Celebrimbor sah zunächst seinen Vetter an, dann die Waffe vor ihm. Und nachdem er über den Grund für ihren Zustand nachgedacht hatte, lehnte er ab.

"Nein, Finellach. Ich werde dir ein neues Schwert schmieden, aber laß dieses wie es ist. Als Erinnerung und Zeichen dafür, was die Elben von Nargothrond ertragen haben – und was ihr König für sie getan hat."

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Die Krieger, die ausgesandt worden waren um die gefangenen Elben zu retten, erreichten Balar ein halbes Jahr später. Doch ihre Gesichter waren voll Trauer, hatten sie doch ihrem Volk und insbesondere Gil Galad keine gute Nachricht zu überbringen. Sie berichteten von Finduilas' grausamen Ende und brachten ihm den Ork-Speer, der seine Schwester durchbohrt hatte.

Gil Galad sagte nichts, starrte nur das Holz und Metall an, die seine letzte Hoffnung zunichte gemacht hatten.

Gleichzeitig traten Celebrimbor und Gildor vor und berührten sacht ihren Freund in stillem Trost.

"Es wird ihr gut gehen", sagte Gildor nach einer Weile leise. "Sie wird nach Aman zurückkehren und Frieden in Mandos Hallen finden. Und nach einer Weile werden die Valar ihr ein neues Leben gewähren und sie wird in den Unsterblichen Landen glücklich sein."

Langsam nickte Gil Galad. "Ja, du hast recht." Doch es war offensichtlich, daß er die Worte des anderen kaum gehört hatte.

‚Tot', dachte er, ‚ich wußte es. Ich wußte, daß ich dein liebes Gesicht niemals wiedersehen und die Melodie deines Lachens nie wieder hören würde. Mein kleines Blatt, so leicht und zerbrechlich. Warum war es dir nicht vergönnt, hier im Lande unserer Geburt glücklich zu werden?"

Ein anderer Gedanke kam ihm und er erblaßte vor Schreck.

"Ungezählte Tränen sollt ihr vergießen; und die Valar werden Valinor gegen euch umzäunen und euch ausschließen, so daß kein Echo von euren Klagen über die Berge dringt." Der Fluch der Noldor! Bei der Barmherzigkeit Eru Ilúvatars, ich werde dich niemals wiedersehen! Und ich kann dir und unseren Eltern nicht einmal in die Hallen des Wartens folgen, nicht aus eigenem Willen heraus...oh 'Las, liebe 'Las, diese Strafe ist zu grausam als daß ich sie tragen könnte...'(2)

Und in diesem einen Moment in seinem Leben verfluchte Gil Galad die Valar.

Am folgenden Tag bat er Círdan, für eine Weile die Führung seines Volkes zu übernehmen und zog sich allein nach Taur im Duinath, den großen Wald westlich von Balar und südlich der Sirion-Mündungen zurück.

Dort ging er allein unter den Bäumen umher, und er sang Lieder der Trauer und des Abschieds für seine geliebte jüngere Schwester. Er erinnerte sich an die gemeinsam verbrachte Zeit, ihre Kindheit und wie er sich anfangs um sie gekümmert hatte. Er dachte daran, wie aus dem Kind vor seinen Augen die wunderschöne junge Frau erblüht war, die schließlich ihre Liebe gefunden hatte, und die stets ein Quell des Glücks und der Freude für ihn gewesen war, selbst in den dunkelsten Tagen.

Von da an lächelte er weniger, war zumeist ernst und still und nur noch selten erhob er seine klangvolle Stimme zum Gesang.

Hier, in der Einsamkeit der Wälder, veränderte er sich. Es war ihm selbst nur vage bewußt, doch ein neues Gefühl erstarkte in ihm: Haß. Ein kalter, tiefer, wilder Haß, nur um so stärker, als er genau wußte, daß er ihm niemals freien Lauf lassen durfte. Haß auf die Orks, die ihm dies angetan hatten, auf Morgoth, der verantwortlich für ihr Handeln war.

Es war nicht das erste mal, daß er Haß empfand, doch es war anders. Dieser Haß saß tiefer, wurzelte in der Leidenschaft seiner Noldor-Natur. Ohne daß er es wußte, sollte dieser Haß sein Begleiter für Tausende von Jahren werden und sein Leben stark beeinflussen.

In diesen Tagen der Trauer und des Hasses schwor er Rache an den Orks, schwor, sie genau auf die Weise bezahlen zu lassen, wie sie seine Schwester getötet hatten. Nach seiner Rückkehr bat er Celebrimbor, die Spitze des Speers, den man ihm gebracht hatte, auf eine Lanze von schwarzem Eschenholz setzen, die so hoch wie ein Mann war. In diesen Schaft legte der Elbenschmied in feingeschwungenen silbernen Runen Finduilas' Namen ein. Es war für Celebrimbor eine wahre Erleichterung, diese Waffe herzustellen, ein letzter Dienst, den er seiner Cousine leisten konnte, und er legte all seine Kunst und all seine Zuneigung zu ihr hinein.

Gil Galad kämpfte von nun an beinahe ausschließlich mit dieser Lanze, in Erinnerung an seine verlorene Schwester. Und die Elben sagten, sein Haß auf die Orks brenne so heiß, daß die Spitze des Speers in weißem Feuer leuchtete, wenn er sie gegen Morgoths Diener erhob. Daher nannten sie den Speer "Aeglos", "Schneespitze". Und dies war die einzige Waffe des Feindes, die je von elbischen Händen geführt wurde.

Fußnoten:

(1) Falmari: eine Bezeichnung vornehmlich der Noldor für das Volk der Falathrim. Es bedeutet soviel wie "Wellenvolk".

(2) In Tolkiens Werken wird ausgesagt oder doch zumindest angedeutet, daß jenen Elben, die ihr Leben freiwillig ablegen, nicht aus überwältigendem Kummer heraus oder weil sie sich für andere aufopfern (wie Glorfindel es getan hat), eine Rückkehr aus den Hallen des Wartens verwehrt werde.