Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel XII - Die Pflichten des Königs
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Danksagung: mein Dank geht wie üblich an Nemis, die diese Geschichte Korrektur liest, vor allem aber, weil sie mir eine gute Freundin ist. Und an Jojo, die wiederum einige Verbesserungsvorschläge beitrug.
Widmung: für Círdan, die mir eine wunderschöne Geburtstagsgeschichte geschrieben hat: ‚Gil Galad, Star of Radiance' (zu finden unter fanfinction.net). Die erste, die ich je bekommen habe. Sei umarmt!
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A/N:
Ute: sag der haarigen Grünfrucht, wir wollen Fotos! Und komm alsbald zu Besuch, damit ich endlich die Videos ansehen kann! Natürlich so, daß ‚niemand dich hören kann'... :)
Jojo: ich hoffe, auch dieses Kapitel ist ‚ganz nett geschrieben', auch wenn vermutlich wieder viel zu viele Verben darin vorkommen.. ;)
Finch: Grüße! (vorsichtshalber, man kann ja nie wissen, wo Du dich überall herumtreibst) :p
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Kapitel XII Die Pflichten des Königs
"Wie könnt ihr ungeschlachtes Volk es wagen, etwas zu fordern von mir, Elu Thingol, dem Herrn von Beleriand, dessen Leben an den Wassern von Cuiviénen begann, ungezählte Jahre bevor die Väter des kurzen Volkes erwachten?"
Tief in den Höhlen Menegroths spiegelte die blanke Klinge eines Messers das Licht des Silmaril wider.
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Blühende Jahre folgten dem schrecklichen Winter in dem Nargothrond gefallen war, und für beinahe zehn Jahre lebten die Elben auf Balar weitgehend ungestört. Viele, die vom Angriff der Orks über das ganze Reich verstreut worden waren, fanden sich nun in kleinen Gruppen an der Bucht und auf der Insel ein, denn sie hatten gehört, daß sie dort ihren König und ein neues Heim finden würden. Unter ihnen waren viele Frauen der Sindar, die sich gut auf den Anbau von Getreide und Früchten verstanden. Von diesen siedelten einige an den Küsten der Bucht oder nicht weit im Binnenland, wo ihre Felder und Obstgärten von den Dünen geschützt wurden. Und dies geschah oft in enger Nachbarschaft zu kleinen Dörfern der Menschen, die hauptsächlich die Aufzucht von Vieh betrieben. So zogen beide Völker Vorteile aus ihrer Arbeit.
Schon bald nach ihrer Ankunft begannen die Handwerker der Noldor wieder mit ihrem Werk. Niemand konnte die Schüler Aules an Kunstfertigkeit überbieten, und durch ihre Arbeiten, angefüllt von Liebe und Ehrgeiz, verschönerten sie die Insel und bereicherten das Leben aller. Aus einem besonders feinen Sand, der in einer der kleineren westlichen Buchten der Insel gefunden wurde, fertigten sie Glas von höchster Reinheit, und die Schmiede stellten Werkzeuge und Bootsbeschläge her, die den salzigen Wassern des Belegaer länger widerstehen konnten.
Gleichermaßen lernten die Noldor viel von den Teleri, Künste die sie gekannt, aber zuvor nur wenig ausgeübt hatten. Einige von ihnen wurden Seilmacher oder Küfer, und sie lernten Segel zu weben, weiß wie die Schwingen der Möwen. Nur wenige begaben sich selbst auf das Große Meer, doch viele der Frauen fanden Freude daran, die kunstvollen Netze zu knüpfen, was die Falathrim mit Erstaunen betrachteten, denn gemäß ihren Bräuchen wurde dies fast ausschließlich von den Männern getan. Und die Noldor wurden ihrerseits vom Anblick der Frauen der Falathrim erstaunt, die sich um die Haltbarmachung aller möglichen Speisen kümmerten, eingelegtes Gemüse, getrocknetes Fleisch und Früchte und gesalzenen Fisch bereiteten. Denn im Volke der Noldor waren es die Männer, die Freude und Erfüllung in der Zubereitung der Nahrung fanden, und nur die Herstellung von Lembas lag allein in der Hand der Königin und ihrer Helferinnen, den Yavannildi, den Jungfrauen Yavannas.
Es gab einige solcher Unterschiede in Sitten und Gebräuchen zwischen den Elbenstämmen. Sie anzunehmen, schätzen zu lernen und auszutauschen bereitete die Elben auf die kommenden Zeiten vor, von denen sie, die Keimzelle eines großen Reiches werden sollten, noch nichts ahnten.
Selbst einige Zwerge wurden ab und an zur Insel verschlagen oder suchten selbst dort Zuflucht, doch fast alle blieben nur kurz und machten sich bald wieder zu ihren Heimstätten auf. Dabei nahmen sie jedoch mehr als nur Vorräte mit sich und hinterließen nicht allein das Werk ihrer Hände. Sie nahmen und ließen ein tieferes Verständnis zwischen beiden Völkern, und niemals zuvor waren sich die Kinder Ilúvatars und die Kinder Aules so nahe gewesen, selbst nicht während der Erbauung Menegroths und Nargothronds. Und dies war, trotz allen Verdrusses, der bald darauf zwischen beiden Rassen erwuchs, die Grundlage der Freundschaft zwischen Zwergen und Elben im Zweiten Zeitalter, die ihren Höhepunkt in den Schmieden von Eregion finden sollte.
Geschützt und geleitet von Círdan und Gil Galad wuchs die gemischte Gemeinschaft von Flüchtlingen aus allen Teilen Beleriands langsam zu einem Volk zusammen.
Während dieser Jahre lernte Gil Galad, all jenes selbst auszuüben, was Finrod Felagund und Orodreth ihn einst gelehrt hatten. Und zu seinem eigenen Erstaunen war er ein gelehriger Schüler, mit einem großen Talent die Herzen seiner Gefolgsleute an sich zu binden.
Dies überraschte jedoch nur ihn selbst. Cirdan kannte den Grund, es war nichts anderes als die Liebe und Hingabe, die der jüngere Elb aufrichtig für jene empfand, die unter seinem Schutz lebten, und welche diese spürten und erwiderten.
Nach und nach begannen auch die anderen Bewohner der Bucht und der Insel dem König der Elben von Nargothrond zu vertrauen und seinen Worten zu folgen, selbst die Falathrim.
Gil Galad hatte sein Volk bereits in Krieg und Gefahr geführt, nun sammelte er Erfahrungen in der eher unauffälligen Kunst, ein Reich im Frieden zu regieren. Er lernte wie abzuschätzen sei, welche Vorräte sie brauchen würden, wie viel zu welcher Zeit, und wo diese zu beschaffen waren. Balar trieb Handel mit Menschen, Zwergen und anderen Elbengemeinschaften entlang des Belegaer und der Flüsse. Viele Perlen wurden vor seinen Küsten gefunden, die insbesondere die Zwerge liebten und höher als alle anderen Edelsteine schätzten. Ihre wichtigsten Handelswaren jedoch waren Meeresfrüchte, Fisch und Salz.
Während dieser Zeit bemühte Círdan sich sehr, seinem gewählten Zögling all sein eigenes Wissen zu vermitteln und dessen Entwicklung zu unterstützen. Er führte ihn auf langen Ritten entlang der Strände, erzählte ihm vom Leben an den Wassern des Belegaer und half ihm, die Musik der Wellen zu verstehen.
Ebenso oft lud er den König von Nargothrond ein, ihn auf den Segelreisen zu begleiten, welche die Falathrim nicht allein zum Vergnügen unternahmen, sondern um zu fischen, die Küsten zu erkunden und Untiefen zu kennzeichnen. Sie besuchten auch die zwischen Balar und Festland liegende Insel inmitten der Bucht, wo Hanf und vor allem Baumwolle für Seile und Segel angebaut wurden und die daher den Namen Tol Faenglîn, weißschimmernde Insel, erhalten hatte.(1)
Er lehrte ihn, den Weg über das endlose Meer mit Hilfe der Sternbilder zu finden: Wilwarin der Schmetterling, der in nördliche Richtung fliegt, Soronúme der Adler des Westens mit seinem hell schimmernden Sternenauge, Menelmacar der Himmels-Schwertkämpfer der zur Letzten Schlacht schreitet und Valacirca, die Sichel der Valar, die stets den Weg nach Norden weist.(2)
Er erklärte ihm, wie ein Schiff oder ein Kai zu bauen sei und wie ein Hafen gegen das Wüten Osses befestigt wurde. Círdan brachte Gil Galad auch die Worte bei, welche die Seeleute gebrauchen um Uinen anzurufen, die Herrin der See, die oft den Zorn ihres Gatten Osse besänftigen kann, wenn dieser lachend inmitten der Stürme tobt.
Und jedes mal wenn sie Segel setzten, brachte Síliel einen Zweig des Oiolare, des Ewigsommers, für den Bug des Schiffes, das Zeichen der Freundschaft zwischen den Seefahrern und Osse.
Doch lernte der Schiffsbauer hierbei auch viel über den König Nargothronds. Er sprach dies Gil Galad gegenüber niemals aus, aber tief in seinem Herzen empfand Círdan Erleichterung, daß die Hohe Königswürde, falls es denn jemals geschehen sollte, auf dieses jüngste Mitglied des Hauses von Finarfin übergehen würde. Gil Galad erinnerte ihn in seiner ruhigen Art und seiner tiefen Liebe sowohl für die Schriften der Weisen als auch für sein Volk stark an seinen Vater Orodreth, doch er war ein besserer Anführer als dieser, überzeugender, entschlossener und selbstsicherer auf seine Führung vertrauend.
Ebenso freudig bemerkte der Herr der Häfen wie seine freundschaftlichen Gefühle für den jüngeren Elben von diesem, wenn auch zögerlich, erwidert wurden. Daß es mehr als nur Pflicht und die Umstände waren, welche die beiden Elbenherren miteinander verbanden, wurde unbestreitbar deutlich - selbst für den widerstrebenden Sinn Gil Galads - als sie vom Tode Thingols und dem Angriff der Zwerge von Nogrod auf Doriath hörten.
Diese Neuigkeit war ein harter Schlag für Círdan, den ungezählte Jahre enger Freundschaft mit Thingol verbanden, und für den er sogar auf die Einladung der Valar in die Unsterblichen Lande verzichtet hatte, um stattdessen nach seinem Freund Elwe zu suchen, der in den dunklen Wäldern von Nan Elmoth seiner Liebe, Melian von den Maiar, begegnet war.
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Círdan saß in seinem Arbeitsraum, las Bücher ohne recht hinzusehen und lauschte den traurigen und doch wunderschönen Klageliedern der Teleri ohne sie zu hören.
Ebensowenig nahm er das Klopfen an der Türe wahr, noch sah er auf, als diese sich nach einer Weile öffnete und Gil Galad langsam den Raum betrat.
Er näherte sich dem Herrn der Teleri, blieb vor dessen mit Karten bedeckten Tisch stehen und wartete. Weder sprach er, noch berührte er den älteren Elben, der tief in seine Erinnerungen an vergangene Tage der Freundschaft versunken war.
Die Nacht verging, und erst als bereits der erste Schimmer der Morgendämmerung den Horizont färbte, sah Círdan auf.
"Ich denke, es wäre angemessen, dir zumindest einen Sitzplatz anzubieten."
"Wenn du es magst. Obwohl ich nicht zum Sitzen hergekommen bin", antwortete Gil Galad und fuhr augenblicklich fort "Er wird glücklich sein, Círdan, sobald er die Hallen des Wartens verläßt. Er sprach oft von den Unsterblichen Landen und seine Sehnsucht nach ihnen war kaum geringer als die deine - obwohl er sie besser verbergen konnte." Ein leichtes Lächeln hob seine Mundwinkel und er ging um den Tisch herum.
"Ich weiß, Sohn, ich weiß. Nichtsdestotrotz...er war der eine Grund, um dessenthalben ich die Möglichkeit, diese Lande zu verlassen, aufgegeben habe. Ein sehr guter Grund. Aber nun, da Elwe Singollo fort ist..."
"...Kann Nowe die Verantwortung, uns jüngeren Eldar die Weisheit jener zu lehren, welche die Große Wanderung mitgemacht haben, nicht länger anderen überlassen."
In jenen Tagen wurde der wahre Name Círdans des Schiffsbauers nicht unter den Elben gebraucht, und niemals zuvor hatte Gil Galad es getan. Er war zuletzt ausgesprochen worden, als die Calaquendi nach Valinor aufgebrochen waren.
Teils war dies die eigene Entscheidung des Schiffsbauers gewesen. Denn nachdem er so den größten Teil seiner Familie, Freunde und sogar seine im stillen Geliebte verloren hatte, fühlte er, daß auch Nowe die Küsten der Hinnenlande verlassen hatte. Teils war dies aber auch von seinem Volk herbeigeführt worden, das ihm aus Bewunderung für sein überragendes Wissen und seine Kunstfertigkeit im Schiffsbau den Epesse ‚Círdan' gegeben hatte. Wie es nicht selten unter den Quendi geschieht, hatte der Epesse den eigentlichen Namen ersetzt und nun war es schier undenkbar, den Herrn der Teleri anders als bei dem ihm verliehenen Titel zu nennen.
Als er den so lange nicht mehr ausgesprochenen Namen hörte, sah Círdan schließlich auf. Und er fand Mitgefühl in den dunkelgrauen Augen des Königs.
"In vielen Dingen", sagte Gil Galad vorsichtig, "ist die Erfahrung vieler Jahre ein Vorteil. Doch nicht, so glaube ich, in den Angelegenheiten des Herzens." Er ging zu der Feuerstelle und schenkte ihnen beiden Tee ein. Einen der Becher stellte er vor Círdan auf den Tisch und schloß die Hände des Schiffsbauers darum.
"Betrauere den Freund den du verloren hast, doch glaube dich niemals allein in deinem Schmerz."
"Es ist nur...es war ein so unnötiger Tod", murmelte Círdan nach einer Weile, "alles nur wegen ein wenig Geschmeide und einer Gemme."
Gil Galad hob eine Braue. "Nicht einfach nur ‚eine Gemme', mein Freund. Vergiß nicht, wir sprechen von einem der Silmaril. Sie haben den Sinn mehr als eines Mannes verwirrt. Thingol war ein verehrungswürdiger und weiser König, doch erwarte nicht von ihm, unbeeinflußt zu bleiben von den herrlichsten Juwelen Ardas."
Der Herr der Teleri wußte um die Wahrheit dieser Worte, nichtsdestotrotz war der Zweifel auf seinem schönen Gesicht deutlich zu erkennen.
"Er wird glücklich sein", sagte Gil Galad daher noch einmal. "Sobald er aus den Hallen des Wartens zurückkehrt und das Licht und die Wiesen und all die Schönheit Valinors wiedersieht, und all jene, von denen er gleich dir getrennt war. Und er wird sicher sein vor all dem Kummer in Beleriand."
"Aber es wird so entsetzlich viel Zeit brauchen."
"Zeit zur Heilung und zur Unterrichtung. Hat er keinen Kummer der getröstet, Wunden die geheilt werden müssen und Fragen, die nach Antworten verlangen? Dennoch denke ich nicht, daß es lange dauern wird. Was hat er zu lernen, wofür zu sühnen? Die Fehler die er als Anführer der Eglath beging? Ich glaube, er hatte bereits zu Genüge aus ihnen gelernt."(3)
Er nahm einen Schluck Tee und erschauerte wohlig ob dessen Aromas und seiner Wärme.
Der Schiffsbauer antwortete nicht. Er sah gen Westen, wo der Himmel noch immer dunkel war über den Unsterblichen Landen.
‚Ich hoffe, sie können dich zumindest lehren, den Verlust deiner Tochter zu ertragen', dachte er.
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Einige Wochen später erhielten sie einen Brief von Dior, dem Sohn Berens und Lúthiens und neuem König von Doriath. Durch ihn erfuhren sie mehr über die Geschehnisse um den Tod Thingols und den Angriff auf das Verborgene Reich.
Ich grüße Euch, Círdan der Schiffsbauer, Herr von Balar und Gil Galad, den Sohn Orodreths, König von Nargothrond. Mögen die Valar Euch beschützen und ein Licht all Eure Wege erleuchten.
Zuerst bitte ich meinen Cousin Gil Galad, sich nicht länger um seine Angehörigen zu sorgen. Die Herrin Galadriel und ihr Gatte Lord Celeborn verließen Doriath kurz ehe Húrin mit dem Nauglamir eintraf und wandten sich über die Ered Luin nach Osten. Und obwohl er tapfer gegen die Zwerge kämpfte, ist sein Großvater Laerion unverletzt.
Die Zwerge haben Doriath aus keinem anderen Grund angegriffen, als ihrem Verlangen nach dem Licht des Silmaril. Sie mögen sagen sie beanspruchten das Nauglamír für sich, da es das Werk ihrer Väter ist und Finrod Felagund geschenkt wurde, und nicht Thingol Graumantel. Doch dies war lediglich ein Vorwand. Wer könnte einen berechtigten Anspruch darauf geltend machen, wenn nicht Ihr, Cousin? Obwohl ich um Eure Erlaubnis ersuche, es weiterhin zu hüten, denn es erscheint mir würdelos und sogar verwerflich, den Silmaril wieder daraus zu entfernen.
Sie verlangten auch nicht sofort danach, als sie nach Doriath kamen. Sie warteten und setzten den Silmaril ein, und erst dann beanspruchten sie es plötzlich als das ihre. Ich leugne nicht die Macht, die Feanors Werk über die Herzen jener hat, welche es erblicken dürfen, dennoch kann ich ihre Gier nur verdammen.
Die Herrin Melian hat das Reich kurz nach dem Tode König Elu Thingols verlassen. Sie sprach zu Mablung allein und vertraute den Silmaril seiner Hut an. Danach ging sie fort und viele von uns glauben, daß sie nach Aman zurückgekehrt ist, in die Gärten von Lórien, von woher sie einst kam.
Am Strand einer einsamen, vergessenen Bucht des Belegaer stand Melian die Maia und sah in die blaue Ferne. Ihre Augen waren noch immer erfüllt mit den Tränen um ihre verlorene Liebe, doch ihre weißen Wangen waren nicht von ihnen benetzt.
Aus den Tiefen ihres Geistes heraus rief sie Manwe an und bat ihn um Hilfe. Denn als sie einst aus Liebe zu Elwe Singollo eine körperliche Form angenommen hatte um Macht über die Lande von Arda zu erhalten, die sie zur Errichtung des Gürtels von Doriath brauchte, und um ihrer geliebten Tochter Lúthien das Leben zu schenken, hatte sie sich gleichermaßen an diesen Körper gebunden. Nun konnte sie ihn nicht mehr ablegen wie es die anderen Ainur vermochten, mit Ausnahme eines einzigen.(4)
Ein lauter Schrei ertönte hinter ihr und das Donnern mächtiger Schwingen hallte über das Land. Melian blickte sich nicht sofort um, als die Flügelschläge des riesigen Adlers ihr Haar verwehten, doch einen Herzschlag lang lächelte sie dankbar und erleichtert.
Erst dann sah sie über ihre Schulter.
"Ich grüße Euch, Thorondor, Herr der Adler."
"Auch Euch meine Grüße, Herrin Melian, Königin von Doriath, Dame von den Nachtigallen. Unser Herr hat mich gesandt, Euch zurück zu den schönen Gärten Lóriens zu bringen."
Dort kann sie wenigstens das gegenwärtige Licht Valinors erblicken, das sie an die Herrlichkeit früherer Tage erinnern mag. Wie viele meines Volkes glaube auch ich, daß mein Großvater den Juwel vor allem deswegen so sehr schätzte, weil er darin eine Erinnerung an das Licht der Zwei Bäume erblicken konnte, die er einst selbst in den Unsterblichen Landen gesehen hat. Und weil er dies für seine Herrin bewahren wollte, um auch ihr eine Erinnerung an das zu schenken, was sie um seinetwillen aufgab.
Der Angriff der Zwerge kam plötzlich und unerwartet. Möglicherweise haben wir uns zu sehr auf den Schutz des Gürtels verlassen, insbesondere nachdem Beleg Cúthalion die Grenzwachen verlassen hatte.
Viele der Doriathrim wurden in dem Kampf um Menegroth getötet, unter ihnen auch Mablung von der Schweren Hand. Er starb in Verteidigung des Silmaril, wie er es unserer Herrin Melian geschworen hatte, und die Zwerge nahmen das Nauglamír an sich.
Doch die Nachricht davon erreichte Tol Galen und mein Vater rief unser Volk zum Kampf gegen die Zwerge. An der Furt von Sarn Athrad erwarteten wir sie und töteten beinahe alle.
Der Mann sah auf den toten Zwerg zu seinen Füßen hinab. Der Herr von Nogrod, sein Gesicht noch immer eine Maske des Zorns und des Hasses. Desselben Zorns und desselben Hasses, die er auch in den Fluch gelegt hatte, als er diesen über dem Schatz von Doriath aussprach.
Beren beugte sich herab, um das Nauglamír aufzunehmen. Er wog es nachdenklich in den Händen und betrachtete den Silmaril, selbst blutbesudelt noch schön jenseits jeglicher Beschreibung. Ein so wundervolles Werk und doch ein geringer Preis für das Wunder Lúthiens, die ihn auf Tol Galen erwartete.
Spät in der folgenden Nacht lud er den gesamten Hort auf ein Boot, und ungesehen ruderte er auf den Fluß Ascar hinaus, zu einem geheimen, versteckten Ort. Dort versenkte er das Gold, die Edelsteine und all die anderen Reichtümer Thingols, selbst die unbeschreiblich wertvollen Werke Feanors selbst, die der König von Doriath einst als Geschenke von Maedhros und seinen Brüdern erhalten hatte.
Niemand wußte, wo der Schatz lag, und niemand fand es je heraus. Und der Fluß Ascar wurde fortan Rathlóriel, Goldbett genannt. Bis zum Ende Ardas wird der Hort Thingol Graumantels von den Wassern Ulmos gehütet werden, einst den singenden Wassern des Ascar und nun den salzigen Fluten des Belegaer.(5)
Und jene, die in die Wälder an den Hängen der Ered Lindon flüchten konnten, fielen den Baumhirten zum Opfer, den Ents, die seit langem der Herrin Melian dienten, denn sie ist mit Yavanna selbst verwandt und hütete die Bäume in Irmos Gärten von Lórien.(6)
Was den Dieben dort widerfuhr wissen wir nicht und werden es wohl auch niemals wissen, sie wurden in die tiefschattigen Wälder gejagt, welche die Flanken der Berge bedecken und wir hörten nie wieder von ihnen.
Dann kehrte mein Vater mit dem Nauglamír zu meiner Mutter zurück, und auf der Insel von Tol Galen wird der Silmaril nun von Lúthien der Schönen getragen und das Land der Toten die Leben ist durch ihn von einer Lieblichkeit, die allenfalls von den Unsterblichen Landen selbst übertroffen werden kann.
Dies und mehr schrieb Dior Eluchíl. Er berichtete auch vom Tode Glaurungs des Drachens und so sehr diese Neuigkeit Círdan erleichterte, war er doch zur gleichen Zeit voller Sorge, wie die Elben Nargothronds hierauf reagieren würden. Die Sehnsucht nach ihrer alten Heimat schien noch immer machtvoll in ihren Herzen zu sein und es war ein großes und starkes Reich. Sollte es wiedererrichtet werden können, wäre es ein machtvoller Schutz für die Elbenreiche und Siedlungen Beleriands gegen die Bedrohung aus dem Norden.
Und er fürchtete sich davor, Gil Galad zu verlieren, der ihm teuer geworden war, doch der König von Nargothrond gab seine Gefühle in dieser Sache nicht kund.
Als er die Unsicherheit nicht länger ertragen konnte, entschloß sich Círdan, Gil Galad offen zu fragen und sich der Wahrheit zu stellen.
Er fand den Sohn Orodreths an einem kleinen See, den ein Grauelbe von Mithrim namens Annael einst für die Schwäne angelegt hatte, die auf Balar lebten. Denn er und sein Volk liebten die großen weißen Vögel, die das Zeichen seines Hauses waren, so wie die Teleri die großen Silbermöwen liebten, die Begleiter der Schiffe.(7) Es war ein stiller und lieblicher Ort und wann immer der Schiffsbauer hierher kam, fand sein fea Ruhe.
Sein Verwandter stand am Teichufer unter den weitausladenden Ästen einer Silberpappel. Ein sanfter Wind kam über den See, ließ die Blätter rauschen und ihre weißen Unterseiten silbern aufleuchten. Die Sonne schien durch das dichte Laubdach und tauchte das Bild in sanftes, friedvolles Licht. An diesem Ort und in diesem Moment schien es kaum vorstellbar, daß es irgendwelchen Kummer in den Ländern Ardas geben sollte.
Gil Galad war offensichtlich tief in Gedanken versunken, er hielt ein Stück Brot in den Händen, mit dem er die weißen Schwäne fütterte. Diese erklommen das Ufer, um nicht nur die Leckerbissen, sondern auch einige liebevolle Berührungen zu erhaschen. Schon vor langem hatte Círdan bemerkt, daß von allen Tieren sich besonders Vögel zu dem Elbenkönig hingezogen zu fühlen schienen.
"Sie erkennen das Blut von Earwen, der Schwanenjungfrau von Alqualonde", sagte Círdan sanft während er sich näherte.
Gil Galad wandte den Blick von dem Schwan den er gerade gestreichelt hatte und seine Augen waren noch immer verträumt und voller Frieden.
"Desgleichen erkennt das Blut von Earwen ihre Schönheit und ihr freundliches Wesen", antwortete er. Sein Blick wurde wieder klar und verlor den abwesenden Ausdruck. "Aber du bist nicht gekommen, um mir etwas über das Erbe meiner Vorväter zu erzählen. Du bist wegen einer wichtigen Angelegenheit hier."
Círdan lächelte reumütig. Dieser junge Elb lernte viel zu schnell, seine Gedanken zu durchschauen.
"In der Tat, das bin ich." Er zögerte. "Gil Galad, Sohn, wir haben gehört was in Beleriand, im Reiche Nargothronds geschehen ist..."
"Ja...?"
"Was ich wissen...dich fragen möchte..."
Círdan hielt inne und blinzelte verwirrt. Wieso war es so schwierig, eine einfache Frage auszusprechen?
"Was wirst du jetzt tun?", brachte er schließlich hervor, doch seine Stimme war leise und heiser.
Gil Galad sah den Schiffsbauer stirnrunzelnd an.
"Was glaubst du, was ich tun werde? Meine Sachen packen und mein gesamtes Volk zurück in den Norden bringen? Was erwartet uns schon im Reich von Finrod Felagund? Nur traurige Erinnerungen und die noch immer umherstreunenden Orks. Wir haben hier ein neues Zuhause gefunden, uns binden Bande der Freundschaft, der Liebe und der Familie an die Falathrim. Die Kinder sind in neuen Familien untergekommen, ich will sie nicht von jenen trennen, die sie gerade als ihre Eltern anerkannt haben."
"Es ist dennoch dein Reich, dein Erbe", sagte Círdan, während er erfolglos versuchte, seine Freude über diese Antwort zu verbergen. Ein weiterer Schwan verließ das Wasser und kam zu den beiden Elben, angelockt von der Aussicht auf Futter und voller Vertrauen zu ihnen. Gil Galad betrachtete das Tier.
"Es ist ein Grabmal, angefüllt mit Schmerz. Nargothrond könnte niemals wieder dasselbe für uns sein. Es ist nicht der Fels, den wir vermissen, es sind unsere Familien, all jene die gestorben sind." Er schüttelte den Kopf. "Und es ist für immer durch den Drachen besudelt. Ich will nicht dort leben wo er über die Körper meiner toten Landsleute gekrochen ist. Die Höhlen am Narog sind für immer geschändet, bis zum Ende Ardas, zumindest für die Elben Nargothronds, obwohl einige anders darüber zu denken scheinen.(8) Und was Finrods Hort angeht - wir brauchen ihn nicht und ich will ihn nicht. Er ist verflucht durch die Gier des Drachen, die in jedem einzelnen Stück stecken muß. Laß ihn wo er ist, auf daß jeder sich nehmen kann was ihm gefällt, so wird Glaurungs Fluch zunichte gemacht werden. Ich hege keinen Wunsch nach Gold und Juwelen."(9)
Círdan hob eine Braue. "Ein Noldo der Schmuck und Edelsteine zurückweist?"
"Ein König, der eine grausame Lektion darüber erhalten hat, was wirklich von Bedeutung ist."
Der Herr der Teleri hob eine Hand wie um den anderen Elben zu berühren, doch brachte er die Bewegung nicht zu Ende.
"Ich glaube nicht, daß du diese Lektion benötigt hast." Er zögerte und streckte seine Hand stattdessen nach dem Schwan aus, der gierig nach einem Leckerbissen schnappte, den es nicht gab. "Sei frohen Mutes. Glaurung ist tot. Túrin hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, um Nargothrond zu rächen."
Gil Galad reichte dem Schiffsbauer ein Stück Brot, doch im Gegensatz zu dieser freundlichen Geste war seine Stimme voller Schärfe.
"Turin wollte nicht Rache an Glaurung nehmen für das, was jenen widerfahren ist, die ihm Obdach gaben als er heimatlos war. Er nahm Rache für sich selbst. Ich hege ernsthaften Zweifel, daß er sich jemals wirklich um andere gekümmert hat. Niemand war ihm wichtig genug dazu. Er vertraute noch nicht einmal seinem Ziehvater Thingol genügend, um sein Urteil anzunehmen."
"Du bist zu hart gegen ihn, Sohn."
"Sie liebte ihn, Círdan! Sie liebte ihn und entweder war er nicht aufmerksam genug um es zu bemerken oder es war ihm egal."
"Wer liebte ihn? Finduilas?"
Noch immer mußte der König bei der Erwähnung ihres Namens tief einatmen.
"Ja. Nach Aegnor das zweite Mitglied meiner Familie, das einer unglücklichen Liebe zu einem Sterblichen verfiel. Sie versuchte es vor mir zu verbergen, doch wie hätte ich es übersehen können, so nah wie sie meinem Herzen war?"
Für einen Moment wägte der alte Elb ab, ob es ihm erlaubt sein möge, ein wenig von seinem Vorauswissen zu teilen.
"Er hat noch eine Rolle zu spielen, ehe das Ende von Arda kommt", sagte er schließlich vorsichtig. "Dann wird auch deine Schwester gerächt werden."
"Wovon sprichst du? Überdies wird sie sehr viel eher gerächt werden, das verspreche ich dir!"
"Ich kann dir jetzt nicht mehr darüber sagen, Sohn. Aber glaube mir bitte, und verurteile ihn nicht, ehe das Ende gekommen ist."(10)
"So will ich dir denn hierin vertrauen, Círdan der Schiffsbauer", sagte Gil Galad voller Zweifel.
‚Der mich unaufgefordert ‚Sohn' nennt. Und obgleich du eine größere Weisheit als Vater besitzt, verstehst du mich dennoch nicht so gut wie er es vermochte', fügte er in Gedanken hinzu.
Der Herr der Falathrim war verständig genug, das Thema zu wechseln.
"Was hältst du von Dior?"
"Er ist zu jung", antwortete Gil Galad kurz. "Doch dies scheint inzwischen Gewohnheit in allen Elbenreichen bei der Nachfolge geworden zu sein." Er lachte auf, doch es lag keine Erheiterung darin. "Die Sindar mögen auch weibliche Thronerben oder solche aus weiblichen Linien zulassen, doch hierin unterscheiden sie sich nicht von den Noldor."(11)
"Dies ist eine Angelegenheit, welche ich nie zu verstehen vermochte. Wieso hat dein Volk die Gesetze der Erbfolge geändert?"
"Ich weiß es nicht. Finduilas war diejenige, die sich für die Bräuche interessierte, nicht ich." Er zuckte die Schultern. "Es ist bedeutungslos. Dior ist der Erbe Thingols, ich glaube nicht, daß irgend jemand dies bestreiten würde. In der Tat wünschte ich, ich könnte ihn kennenlernen. Ich habe sowohl Lúthien als auch Beren gekannt und....und es wäre lohnend zu sehen, ob er das Opfer wert ist, das Finrod Felagund gebracht hat."
Círdan wandte sich vom Wasser ab und der andere Elb folgte ihm. "Ich bin sicher, daß er es ist. Und desgleichen seine Kinder." Er zwinkerte. "Wenigstens ein Zweig der Familie blüht noch immer."
Nun lachte der König aufrichtig. "Nein Círdan, versuch dies nicht erneut. Im Augenblick bin ich recht zufrieden damit, das ‚Blühen' meiner Familie Idril oder Galadriel zu überlassen. Oder einem gewissen alten Elben, der weit über das Alter hinaus ist, sich eine Gattin zu wählen."
Der Gedanke an sie war ein kurzer Schmerz, dessenungeachtet lächelte der Schiffsbauer. Und während sie in die Ansiedlung zurückkehrten, neckte er seinen jüngeren Begleiter unaufhörlich, bis dessen düstere Stimmung so gut wie verflogen war.
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Kopfschüttelnd schritt der Schiffsbauer durch die Gänge seines Heimes zur Haupthalle. Er war nicht glücklich darüber, nach dem König schicken zu müssen.
An diesem Morgen war er erfreut gewesen als Gil Galad ihm mitteilte, daß er schwimmen gehen wolle. Zu selten vertraute sich der König der Geduld und dem guten Willen Osses an, obwohl er offensichtlich Freude am Schwimmen in den Wassern des Belegaer empfand. Doch die Elben, die nur eine Stunde zuvor auf Balar angekommen waren, wollten mit niemandem als dem Sohn Orodreths selbst sprechen, soviel hatten sie deutlich gemacht.
Gil Galad kam kurze Zeit später in die Halle, sein dunkles Haar kräuselte sich feucht. Er musterte die fünf Neuankömmlinge mit fragendem Blick. Dunkelhaarige Noldor, ihre Kleidung von erdiger Farbe, schlicht und für eine lange Reise gefertigt. Zwei von ihnen schienen nach der Ähnlichkeit ihrer scharf geschnittenen Gesichter und ungewöhnlich hellen Augen zu schließen enge Verwandte zu sein.
"Wir benötigen die Hilfe des Hohen Königs Turgon", sagte ihre Anführerin, eine Frau mit einer viel zu tiefen Stimme für ihren zerbrechlichen Körperbau und einem Ausdruck der Entschlossenheit um ihre vollen Lippen. "Wir leben nahe des Andram, nordwestlich von Nan Tathren. Seit vielen Wochen nun treibt eine große Horde Orks dort ihr Unwesen. Wir wissen nicht, ob sie vom Dunklen Herrscher selbst gesandt wurden oder nur Ausgestoßene sind, vertrieben von ihren eigenen Leuten."
"Ich wußte nicht einmal, daß die Orks Angehörige ihrer Horde ausstoßen", gestand Gil Galad offen ein.
"Sie tun es, wenn einer gegen die Regeln verstößt. Dies wissen wir von den Sindar, mit denen wir zusammenleben. Sie haben zwei ihrer Sippe, die als Sklaven in Angband lebten und denen die Flucht gelang, wieder in ihre Familien aufgenommen."
Gil Galad hob eine Braue.
"Sie sind damit ein großes Wagnis eingegangen."
Die Frau senkte den Kopf.
"Ich sagte zu Anfang dasselbe. Doch beide scheinen vertrauenswürdig zu sein. Es gibt Weisheit und es gibt Mitleid. Wir haben uns für das letztere entschieden."
"Ihr mögt tun wie euch beliebt. Fahre fort."
"Sie suchen nach uns, verfolgen uns, und mehr als einmal konnten wir nur durch schieres Glück entkommen. Aber wir sind zu wenige um gegen sie zu kämpfen, außer aus dem Hinterhalt. Also begannen sie die Bäume zu fällen, einen nach dem anderen, die Feuer hören nie auf zu brennen. Am Ende werden sie uns finden, es sei denn, sie werden getötet oder vertrieben. Wir wissen nicht, wo der Hohe König zu finden ist, noch weniger, wie ihm eine Nachricht zu senden sei, doch wir sind sicher daß Ihr, mein Herr, als sein Erbe uns weiterhelfen könnt."
Gil Galad hielt inne und warf Círdan und Celebrimbor einen bedeutungsvollen Blick zu.
"Dies ist eine schwerwiegende Angelegenheit und muß besprochen werden. Bitte habt ein wenig Geduld, während wir Rat halten."
Er sah den Unwillen in den Augen der Frau.
"Ich weiß, daß uns die Zeit davonläuft", sagte er. "Es wird nicht lange dauern. Ruht jetzt, ihr habt eine lange Reise hinter euch."
Síliel, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte, kam nun nach vorn und lud die fremden Elben mit einer Geste ein, ihr zu folgen. "Bitte, kommt. Dies ist die Halle des Königs und hier sollt ihr Frieden und Ruhe von euren Mühen finden."
Während die Fremden Síliel folgten, zog sich Gil Galad mit den Mitgliedern des Rates von Balar in die Hauptbibliothek zurück.
"Es wäre Wahnsinn, nur für eine Bande Orks eine Botschaft zu senden", begann er. "Und selbst wenn wir es täten – Turgon wird keinen einzigen seiner Krieger zu ihrer Hilfe schicken. Also haben wir uns darum zu kümmern, ob es uns gefällt oder nicht. Wir müssen Truppen senden...."
Nachdem die Ratssitzung vorbei war, blieb Gil Galad mit Círdan, Gildor und Celebrimbor zurück.
"Habe ich richtig gehandelt?", fragte er als sie allein waren, inmitten von Stapeln von Büchern und honigbraunem geölten Holz sitzend. "Wie kann ich mir anmaßen, Entscheidungen im Namen des Hohen Königs der Noldor zu treffen? Ich besitze weder die Erfahrung noch die Autorität, dies zu tun."
"Du hast zweifellos richtig gehandelt", erwiderte Celebrimbor mit Nachdruck. "Wie du selbst gesagt hast, Turgon wird ihnen nicht helfen." Er lachte. "Sollte er sich bemüßigt fühlen sich über deine Entscheidung zu beschweren, kann er nach Balar kommen und dich selber zurechtweisen."
Círdan jedoch hegte Zweifel. Er war an den Gedanken der Rechte und der Macht eines über ihm stehenden Königs gewohnt und empfand Unbehagen angesichts dieser Mißachtung der Macht des Hohen Königs, gleich aus welchem Grunde.
"Der Titel des Hohen Königs ist mehr als nur das Recht , Befehle zu erteilen. Er ist das kulturelle Zentrum des Volkes. Es würde Turgons Position schwächen, wenn du seinen Platz einnimmst und an seiner Stelle handelst."
Ein lange verborgener Zorn erwuchs in Gil Galads Herzen.
"Was für eine Art Hoher König ist er, der sich nicht um sein Volk kümmert? Er läßt sie im Stich. Es wäre seine Pflicht, solche Probleme zu lösen, doch er verst- lebt in seiner Verborgenen Stadt und fragt nicht danach, wie es ihnen ergeht."
"Er muß sein eigenes Schicksal erfüllen", antwortete Círdan.
"Er ist der Hohe König der Noldor", kam die scharfe Erwiderung, "sein Schicksal ist es, bei seinem Volk zu sein. Oder sein Titel ist nichts als ein leeres Wort!"
"Wenn er abgedankt hätte, wäre dein Vater Erbe der Hohen Königswürde geworden."
Der jüngere Elb preßte kurz die Lippen zusammen, ehe er sprach. "...Wofür er schlichtweg nicht der richtige Mann war. Ich weiß das."
Er sah hinunter auf seine urplötzlich rastlosen Hände und den breiten Ring, den an er an seiner Linken trug, beinahe das einzige Erbstück seiner Vorväter, das ihm geblieben war – der Ring der ihn einst als Erben des Thrones von Nargothrond ausgewiesen hatte.
"Ich habe diese Tatsache anerkennen müssen, wiewohl ich ihn innig liebe."
"Natürlich tust du das. Orodreth war ein guter Mann und ein fähiger Anführer seines Volkes."
Gil Galad hob den Kopf und sah mit einem dankbaren Lächeln in Círdans weise Augen.
"Ich danke dir."
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Entgegen Círdans Rat, der in seiner großen Sorge um die Sicherheit des Königs begründet lag, führte Gil Galad selbst die Truppen an, die er zur Unterstützung der Sindar und Noldor aussandte.
Sie riefen so viele zu den Waffen, wie sie in kurzer Zeit aufbringen konnten. An einem herrlichen Morgen schifften sie sich ein und die weißen Segel der Schiffe der Teleri leuchteten gegen den Himmel. Und Gil Galad dachte zurück an einen anderen Tag, an dem Noldor die Teleri um ihre Schiffe ersucht hatten.
‚Warum habt ihr nicht einfach um die Schiffe gebeten und den Teleri eure Not erklärt?', dachte er, ‚vielleicht hätten sie euch nach Mittelerde übergesetzt und das Blutvergießen von Alqualonde hätte vermieden werden können.'
Die Elben hielten nicht an den Sirion-Mündungen inne, sondern segelten durch die tieferen Wasserläufe weiter stromaufwärts, so weit die weißen Schiffe sicher fahren konnten. Als sie ihr Ziel erreicht hatten, bestieg Gil Galad seinen Grauschimmel und nahm Aeglos auf, und das Schwert, das Celebrimbor für ihn geschmiedet hatte, und es war lang und scharf und noch nicht im Kampf erprobt.
Argon jedoch, der junge Mann der Helegethirs Tod mit angesehen hatte, und der noch immer Scham und Schuld dafür empfand, seine Königin angesichts des Drachens im Stich gelassen zu haben, rief all jene um sich, die am treuesten zum König standen und ihm die tiefste Liebe entgegenbrachten und geschickte Kämpfer waren.
Aus diesen bildete er eine Leibgarde, und obwohl sie eigentlich nur für diese Gelegenheit gedacht war, sollte sie bis zum Ende des Zweiten Zeitalters Bestand haben. Stets waren sie Gil Galad hiernach im Kampfe nahe, und der tapferste von ihnen war Argon selbst, denn für ihn war sein Leben nur von geringer Bedeutung im Vergleich zum Wohlergehen seines Königs und seines Volkes.
Auch Círdan sorgte sich um seinen selbstgewählten Zögling, wenn auch aus einem anderen Grund. Die Anspannung, die Gil Galad selten nach außen hin zeigte, wuchs von Tag zu Tag. Und was geschah, wenn all diesen unterdrückten Gefühlen erlaubt wurde sich auszutoben, erlebte der alte Elb zwei Wochen später, als sie zum ersten mal auf die Orks trafen.
Er wurde Zeuge, wie der gewöhnlich ruhige und gleichmütige Sohn Orodreths zu einem leidenschaftlichen wenn auch niemals unbesonnenen Krieger wurde, der Morgoths Kreaturen nicht einfach nur bekämpfte sondern sie abschlachtete, ein zerstörerischer Ausbruch von Haß, unterstützt von tödlicher Geschicklichkeit.
Grausamkeit war den Elben nicht fremd, aber ebensowenig Gewohnheit, selbst gegenüber ihren Feinden. Sie kämpften und töteten aus verschiedenen Gründen, nicht alle von ehrenhafter Natur, doch niemals allein aus Freude heraus.
Der König von Nargothrond jedoch kam beidem sehr nahe. Aeglos war ein schimmernder, leuchtender, undeutlicher Schemen, schon bald bedeckt von schwarzem Blute und noch immer nach mehr verlangend. Und Gil Galad fand im Tod der Orks wenn schon nicht Vergnügen, so doch zumindest Befriedigung seines Rachedurstes.
Es machte Círdan Angst.
Immer wieder suchten Elben die Hilfe des Hohen Königs und kamen, da es keinen Weg gab Gondolin zu erreichen, nach Balar. Mit verborgenem Vergnügen wie auch Stolz beobachtete Círdan wie Gil Galad sich daran gewöhnte, Entscheidungen für andere Gemeinwesen zu treffen. Der Anführer der Falathrim wußte es nicht genau, doch er ahnte, daß in nicht allzu ferner Zukunft sein Verwandter diese nicht mehr länger nur im Namen Turgons treffen würde.
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Nur ein Jahr später erreichten sie Berichte von der zweiten Zerstörung Doriaths, diesmal durch die Söhne Fëanors, die den Silmaril Berens und Luthiens zu rauben versuchten und dabei auch vor einem zweiten Verwandtenmord nicht zurückschreckten.
Für beide erschien es als das Ende einer Ära, denn weder Círdan noch Gil Galad konnte sich eine Zeit ohne die Stärke Doriaths im fernen Nordosten vorstellen.
Und wie einige Jahre zuvor, machten sich die Elben von Balar auf, den Flüchtlingen entgegenzugehen, Nahrung und alles was sie für hilfreich hielten, mit sich führend.
Fußnoten:
Die Worte zu Beginn sind natürlich ein Zitat aus dem Silmarillion, bezeichnenderweise Kapitel XII ‚Vom Untergang Doriaths'.
(1) Tol Faenglîn: Ich habe auf keiner Karte einen Namen für diese Insel gefunden. Der Name nebst Übersetzung ist meine Schöpfung. Allerdings geht mein Dank nebst einigen Ork-Keksen erneut an Nemis, die mein Sindarin überprüft hat und ebenfalls nach einem offiziellen Namen der Insel suchte.
(2) Sternbilder (gemäß dem Silmarillion und dem ‚Mittelerde-Lexikon' von Foster/ Pesch:
Wilwarin (Schmetterling) - Cassiopeia
Soronúme (Adler des Westens) - Aquila (Adler) mit seinem hellsten Stern Atair an der Spitze
Menelmacar (Himmels-Schwertkämpfer) - Orion
Valacirca (Sichel der Valar) - Ursa Maior, der Große Bär oder Große Wagen
(3) "Das Verlassene Volk": die Übersetzung des Namens "Eglath", den sich jene Teleri gaben, die während und aufgrund ihrer Suche nach Elwe Singollo in Mittelerde zurückblieben
(4) Melians körperliche Gestalt: in der ‚History of Middle Earth', Bd. X ‚Morgoth's Ring' wird in dem Kapitel ‚Myths transformed' ausgesagt:
"Melkor ‚incarnated' himself (as Morgoth) permanently. He did this so as to control the hroa, the ‚flesh' or physical matter, of Arda."
Grob übersetzt: ‚Melkor nahm eine permanente körperliche Gestalt an (als Morgoth). Er tat dies um den hroa, das ‚Fleisch' oder die stoffliche Materie Ardas, kontrollieren zu können.'
Ich denke, dies muß ebenso für Melian gegolten haben, als sie eine körperliche Gestalt annahm, um den Gürtel zu errichten und Lúthien zur Welt zur bringen, da beides Eingriffe in die Materie Ardas darstellt.
(5) Der versunkene Hort Thingols: bin ich die einzige, die diese Szene an Hagen von Tronje und den Schatz der Nibelungen erinnert?
(6) Melians Leben vor ihrer Ankunft in Mittelerde: siehe das Silmarillion: ‚Valaquenta - Von den Maiar' und Kapitel 4: ‚Von Thingol und Melian'.
(7) Schwäne: Ich weiß nicht, ob auf einer so weit vom Festland entfernten Insel Schwäne leben würden, aber um der Geschichte willen laßt uns annehmen, daß sie es taten. Hey, es war nicht meine Idee, sondern die meiner Muse, Gil Galad Schwäne füttern zu lassen!
Für diejenigen, die sich daran zu erinnern versuchen: ja, Annael war der Elb, der Tuor aufgezogen hat. Soweit ich weiß ist nirgendwo festgehalten ob er und seine Leute je Balar erreichten.
(8) andere die in Nargothrond lebten: Gil Galad spielt auf Mîm den Kleinzwerg an, der nach Glaurungs Verschwinden nach Nargothrond ging, dort lebte und alles in Besitz nahm. Er wurde von Húrin getötet.
(9) Dieses Motiv habe ich natürlich aus der Hügelgräber-Episode aus dem Herrn der Ringe entnommen.
(10) Círdan spricht hier von der Zweiten Prophezeiung des Mandos (siehe History of Middle Earth Band V, ‚The Lost Road', Quenta Silmarillion § 31):
"Thus spake Mandos in prophecy, when the Gods sat in judgement in Valinor, and the rumour of his words was whispered among all the Elves of the West. When the world is old and the Powers grow weary, then Morgoth, seeing that the guard sleepeth, shall come back through the Door of Night out of the Timeless Void; and he shall destroy the Sun and Moon. But Earendel shall descend upon him as a white and searing flame and drive him from the airs. Then shall the Last Battle be gathered on the fields of Valinor. In that day Tulkas shall strive with Morgoth, and on his right hand shall be Fionwe, and on his left Turin Turambar, son of Hurin, coming from the halls of Mandos; and the black sword of Turin shall deal unto Morgoth his death and final end; and so shall the children of Hurin and all Men be avenged."
(Sollte jemand eine Übersetzung wünschen, möge er mir eine Mail schicken. Aber so schwer ist der Text ja nicht. Und bemitleidet mich nicht für das Abschreiben, das wäre vollkommen unnötig... ;) )
Diese Prophezeiung wurde eigentlich erst nach dem Krieg des Zorns ausgesprochen, doch gehe ich hier davon aus, daß Círdan nur eröffnet worden war, Túrin würde noch eine wichtige Rolle in der Geschichte Ardas spielen, jedoch nicht, worin diese bestehen sollte.
(11) Thronfolge: Es gibt eine Diskussion (mehrere und teilweise ziemlich leidenschaftliche, um genau zu sein) über die Bestimmungen nach denen die Thronfolge bei den Elben geregelt ist. Zum Beispiel: wieso wird Gil Galad als "der letzte Erbe der Hohen Königswürde" bezeichnet – was bedeutet, daß Galadriel (weiblich) und Elrond (weibliche Linie) ausgeschlossen waren – während Dior (weibliche Linie) Thingol als König von Doriath folgen konnte?
Da Tolkien selbst sagte, daß es verschiedene Bräuche unter den einzelnen Elbenstämmen gab, nehme ich an, daß die Thronfolge bei den Teleri sich von jener der Noldor unterschied.
2. A/ N
Du liebe Güte, es ist ja fast mehr Text für Fußnoten als für die Geschichte selbst draufgegangen... ;)
