Der Feind
Das Schnauben eines Pferdes reißt mich aus meinen düsteren Gedanken. Ich blicke mich um und sehe ein großes, schwarzes Ross hinter mir herantraben. Seine Hufe sind blutig und auch seine Fesseln schimmern dunkel. Zaumzeug und Sattel sind behängt mit Gebeinen, ... eine grausige Zierde aus den Knochen meiner Brüder. Der Reiter zügelt das Pferd. Seine Gestalt ist verhüllt durch ein langes, graues Gewand und einen ebensolchen Kapuzenumhang. Wie zum Hohn trägt er ein feines Kettenhemd, das unter dem Umhang hervorblitzt. Als sei es nötig ...
Wer kann den Toten das Leben nehmen?
Die widerliche Kreatur auf dem schwarzen Pferd starrt mich an, ich weiß es, obwohl unter der Kapuze nur Schatten herrschen, kein Antlitz, in das ich schauen könnte. Es ist mir nur recht, denn was immer ich erblicken würde, täte mir weh.
Oh ja, ich kenne diese Verdammten!
Hass erfüllt mein Herz, es beginnt zu brennen und droht mir die Brust zu zerreißen. Mit einem Satz bin ich auf den Beinen, ergreife mein Schwert und mit hoch erhobener Waffe schreite ich vorwärts.
Der Ringgeist zischt mir etwas zu. Worte voller Hohn und Herausforderung, die mich fast rasend machen, denn er spottet über mich und meinen toten König. Das schwarze Pferd wiehert gepeinigt, als es mit einem gewaltigen Ruck an den Zügeln auf die Hinterhand gezwungen wird. Mit einem Mal funkeln rote Augen unter der Kapuze hervor und der Nazgûl greift zu dem besudelten Schwert an seiner Seite.
Ich spüre seine Erwartung, er lechzt nach meinem Blut, es lockt ihn, weil es Leben verheißt. Ein kostbares Gut, das zu besitzen ihm auf ewig verwehrt sein wird. Er wandelt im Schatten seines Gebieters, ein Höriger, ja, ein Sklave, ein Werkzeug des Schreckens, das es zu vernichten gilt.
Ich vergesse über meinen Zorn beinahe, dass auch ein Elbenfürst wie ich einem Nazgûl mit Vorsicht begegnen sollte, denn einstmals waren sie große Könige und Fürsten der Sterblichen, und auch Zauberkundige waren unter ihnen. Sie mögen ihre Menschlichkeit und ihre Seelen verloren haben, aber nicht ihre Fähigkeiten im Kampf. Zudem treibt die Gegenwart ihres Herrn sie an, macht sie stärker und noch gefährlicher.
Doch das hält mich nicht auf. Der alte Zorn der Noldor, der Fluch unseres Geschlechts, entflammt mein Herz, ich begrüße ihn dieses eine Mal, denn er verleiht mir den Lebensfunken, der mich meine Waffe fester packen und die lähmende Trauer abschütteln lässt.
Mein Feind spürt diese Veränderung, so wie ich fühle, dass er wachsam geworden ist. Wir messen unsere Kräfte in einem stummen und unsichtbaren Kampf, nur um ihn wenige Augenblicke später mit den Waffen fortzuführen.
Der Nazgûl gibt seinem Pferd unvermittelt die Zügel frei, das Langschwert zum Stoß gesenkt. Ich pariere den mächtigen Hieb, der mich fast zum Straucheln bringt, mit einer eleganten Drehung und nehme ihm so die Kraft. Das schwarze Streitross kommt mir gefährlich nah, und kurz spiele ich mit dem Gedanken das Tier niederzustrecken, um mir einen Vorteil zu verschaffen. Aber schon ist es außer Reichweite meiner Klinge, und sicherlich werde ich keine zweite Gelegenheit bekommen.
Erneut erfolgt ein Angriff, diesmal bedachter, zögerlich. Das Pferd tänzelt auf mich zu, Schaum steht ihm vor dem Maul, seine Flanken zittern, so angespannt ist es. Sein Reiter hat die Waffe erhoben. Mit Unruhe sehe ich, wie kleine blaue Flammen beginnen an der Klinge hinabzuzüngeln. Die Luft knistert leise und unheilverkündend. Ich kann den Zauber spüren, der gewebt wird, um mir zum Verhängnis zu werden.
So sei es denn. Ich weiß dieser finsteren Magie wohl zu begegnen.
Doch nicht auf mich ist sie gerichtet!
Plötzlich steigt die Asche der Getöteten von der verbrannten Erde auf und sie beginnt Formen anzunehmen. Hier und da erhebt sich ein geschwärzter Knochen, der nicht zu Staub zerfallen ist und verbindet sich mit der Asche - und bald stehen sie dort, geisterhafte Krieger aus Gebeinen und Dunkelheit, ihre schwarzen Münder geöffnet zu einem stummen Schrei.
Mir graut vor diesem Frevel, der den Toten ihre Ruhe und ihre Würde raubt.
Hinter mir raschelt es leise.
Auch von dort kommen sie.
Ich will mich nicht umwenden, doch dann berührt mich etwas an der Schulter. Ich wirbele herum und stoße dabei eine Knochenhand zur Seite, die zerspringt und hinabfällt, mein Schwert fährt durch einen Schatten, der verfliegt wie Nebel in einem Windhauch.
Es ist nicht mehr als ein Lidschlag vergangen, aber diese kurze Zeitspanne der Unachtsamkeit wird mir zum Verhängnis, denn ein scharfer Ruf meines Feindes ertönt in einer uralten Sprache und mein Schwert wird mir aus der Hand gerissen. Mit unendlicher Langsamkeit wirbelt es durch die Luft, kurz blitzt die Klinge auf, und dann ist es in der Finsternis verschwunden. Fast will ich nicht glauben, dass es meine Waffe ist. Noch nie habe ich sie in einem Kampf eingebüßt – auch wenn diese Auseinandersetzung den Ausdruck Kampf nicht verdient. Doch jetzt ist alles anders. Ich bin nicht mehr ich selbst ...
So schnell wie der Spuk begann, ist er vorbei. Asche und Knochen sinken zu Boden, und ich höre das Lachen meines Feindes.
"Törichter Elb", verhöhnt er mich mit seiner kalten Stimme. "So leicht zu täuschen ..."
Der Spott geht an mir vorüber, er bedarf keiner Erwiderung, denn er nennt die Dinge beim Namen. Ich bin zerschlagen und erschöpft, der Tod meiner Brüder und ganz besonders der meines Königs zerrt an meiner Seele, so als solle sie den Geistern der Gefallenen folgen.
Ich weiß plötzlich, dass ich aus eigener Kraft nicht mehr fähig bin, hier zu stehen und gegen die Mächte des Bösen zu streiten, die Gestalt geworden sind und mich durch Lug und Trug erniedrigt haben.
Elrond!
Gil-galads Stimme lässt mich auffahren. Sie schwebt um mich herum wie ein winziges Licht und verzweifelt versuche ich, den Trost darin zu erhaschen und festzuhalten.
Lass den Mut nicht sinken. Kein Scherge des Bösen kann gegen dich bestehen, denn du bist gesegnet. Stell dich ihm unverzagt. Und dann wende dich dem wahren Feind zu. Er wütet noch immer in unseren Reihen und nun hat er sich die Könige der Menschen zum Opfer auserkoren. Geh, mein Freund! Diene mir ein letztes Mal, indem du das vollenden hilfst, was mir zu vollenden verwehrt blieb.
Namárië!
Die Worte meines Herrn bringen den Hass in meinem Herzen zum Schwinden. Plötzlich fühle ich Ruhe in meine aufgewühlte Seele einkehren. Mein Fürst hat recht. Es wartet eine wichtige Aufgabe auf mich.
Mit einem Male spüre ich eine wohlige Wärme in meine linke Hand kriechen. Verwundert hebe ich sie und sehe, dass dort, wo der Ring ist, ein winziges Licht glüht. Es ist ein sanftes Licht, doch es überstrahlt all meine Zweifel und Ängste, macht mich frei und zuversichtlich, vertreibt die Schwäche, die meine Seele gefangen hielt und weckt die Kräfte, die mir zu eigen sind.
Als ich den Kopf hebe, um meinem Feind ins Angesicht zu blicken, gibt es keine Hoffnungslosigkeit mehr. Der Diener des Bösen hat seine Macht über mich verloren, und so wie die Furcht sich in mein Herz stahl, so nimmt sie nun seinen Geist gefangen.
Das schwarze Ross steht zitternd vor mir. Blutiger Schaum tropft ihm aus dem wunden Maul und es schnaubt gequält. Sein Reiter hingegen ist wie erstarrt. Das Schwert zum vernichtenden Schlag erhoben, hat er innegehalten, als habe sich ein Bann auf ihn gelegt.
Ich trete einen Schritt vor, die Hand noch immer erhoben wie zur Abwehr und das löst den Nazgûl aus seiner Reglosigkeit. Einen wilden Fluch in der Schwarzen Sprache schleudert er mir entgegen und dann reißt er sein Pferd herum und flieht.
Wenige Augenblicke später ist er nur noch ein verschwommener Schatten in der rötlichen Nacht, die erfüllt ist von den Lauten des Kampfes. Die Streitenden sind wieder näher gekommen, der Schrecken der verbrannten Erde ein wenig verblasst, und kurze Zeit später bin ich wieder mitten unter ihnen.
Ohne Waffe kann ich nichts anderes tun, als auszuweichen. Aber bald erhasche ich das Schwert eines gefallenen Menschen. Möge es mir bessere Dienste leisten, als seinem toten Herrn. Fremd liegt der lederumspannte Knauf in meiner Hand, doch ich gewöhne mich schnell an das Gewicht und die Balance, denn es ist ein gutes Schwert. Seine scharfe Klinge glitzert und überrascht sehe ich, dass feine Fäden aus Mithril-Silber in den Stahl eingearbeitet sind. Ich halte eine Waffe in den Händen, die eines Königs würdig ist.
Und sicherlich war der Mann, der sie führte ein hoher Fürst, denn viele Edle haben sich Elendil angeschlossen, nicht nur durch die Bündnistreue Arnor und Gondor gegenüber dazu verpflichtet, sondern weil sie ihrem König überallhin gefolgt wären, so angesehen und geliebt ist er unter den Menschen.
Wilde Scharmützel lassen den Boden leise beben. Es ist der schlimmste Kampf, den ich jemals zuvor gesehen habe und gerne würde ich meine Augen verschließen vor dem Leid und dem Tod, der auf so vielfältige und grausame Weise reiche Ernte hält - ohne Unterschied.
Hier liegt ein Mensch mit zerschmettertem Schädel, da ein Elb mit zerrissenem Leib, dort ein Warg, dem unzählige Pfeile das Herz durchbohrt haben ...
Ganz gleich ob Freund oder Feind, sie alle müssen einen entsetzlichen Blutzoll entrichten. Aber der Grund könnte nicht verschiedener sein: wir kämpfen gegen das Dunkel, das seine Klauen ausstreckt – wie so oft, seit das Erste Lied erklungen ist – und das es aufzuhalten gilt; die Scharen der Finsternis hingegen sind wie seelenlose Hüllen, einzig dazu da, um Saurons Willen zur Eroberung und Zerstörung Ausdruck zu verleihen. Beinahe dauern sie mich, die Orks und die wilden Südländer und alle anderen im Dienste des Bösen, verlieren sie ihr Leben doch ohne Sinn.
Begreifen sie es?
Glücklich können sie sich schätzen, wenn sie es nicht tun. Und wir können sie darum beneiden.
Denn es liegt kein Trost in dem Wissen für etwas Großes und Wichtiges zu sterben, wenn man den Atem des Todes spürt und in sein hässliches Angesicht blicken muss.
Fast schäme ich mich dafür, dass mein Herz immer mehr von Stärke und Mut erfüllt wird, dass ich all dem Schrecken und Leid begegnen kann, ohne zu verzagen – mit dem Ring an meiner Hand.
Ich werde versuchen ihn weise zu gebrauchen zum Nutzen aller ...
Doch nun muss ich die Könige von Arnor und Gondor finden.
Schon früh wurden Elendil und viele seine Krieger von den Kämpfern um Gil-galad getrennt. Wir wurden an den Rand des Schlachtfelds gedrängt, eine erschreckend kleine Zahl an Streitern. Sicherlich geschah dies auf Saurons Geheiß. Doch nun ist es zu spät darüber zu klagen, dass man unsere List gegen uns gewendet hat.
Meine Gedanken gelten Elendil und seinen Gefährten. Ich weiß nicht wo sie sich aufhalten und wie es um sie steht. Saurons Feuer sind sie entgangen, doch zweifle ich nicht daran, dass Gil-galad Recht hat – sie schweben in großer Gefahr, denn Sauron wird seinen Sieg über den König der Elben mit einem Sieg über die Fürsten der Menschen krönen wollen.
Ich haste vorwärts, halte Ausschau nach Elendil und seinen Getreuen und flehe die Valar an, auf dass sie mir Schnelligkeit verleihen. Ich darf nicht zu spät kommen.
Das Kampfgeschehen um mich herum gleitet an mir vorbei, es bereitet mir nur wenig Mühe, einen Weg durch die Reihen der Feinde zu bahnen. Ihre Schwerter und Speere sind kein Hindernis für mich, weil mich eine Kraft durchströmt, die alle Müdigkeit und Schwäche vertrieben hat.
Langsam beginne ich zu begreifen, welch ein Geschenk Gil-galad mir mit dem Ring gemacht hat; von dem Reif geht eine tröstende Wärme aus, er zeigt seine Macht wahrhaftig im Verborgenen. Mein Geist öffnet sich den Verwundeten und Sterbenden, an denen ich vorbeieile. Auch wenn ich ihre todwunden Körper nicht mehr zu heilen vermag, so kann ich ihren Seelen Frieden schenken.
So sollte es sein. Das ist meine Bestimmung – zu trösten und zu stärken. Aber ich bin auch ein Werkzeug der Zerstörung, mein Schwert fällt jeden Feind, der sich mir in den Weg stellt. Die Notwendigkeit des Krieges lässt mir keine andere Wahl und ich bin gnadenlos.
