Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel XIII - Elwing
*******************
Danksagung: viele Ork-Kekse an Nemis, die unermüdliche Korrekturleserin.
Merlin gewidmet
Januar 2001 - Juli 2003
Danke für all die Freude und dein Vertrauen. Mögen viele Leckerli auf dich warten, wohin auch immer du gegangen bist!
*******************
A/N:
Jojo: ich will es mal so sagen: es freut mich sehr, wenn es dir noch immer gefällt, aber ich würde das nicht als selbstverständlich erachten
*******************
Kapitel XIII Elwing
Der Elb fühlte sich nicht wohl. Ganz und gar nicht.
Er würde zwei der Hohen Lords der Eldar gegenübertreten müssen. Und wie sie darauf reagieren mochten, daß er die Führung der Doriathrim übernommen hatte, konnte er nicht ermessen. Doch insbesondere den Noldor wurde nachgesagt, sie seien hochmütig und leicht durch das beleidigt, was sie als ‚Anmaßung' empfanden.
"Es war niemand sonst da, der es hätte tun können", flüsterte er.
Als Laiquendi aus Ossiriand besaß er nicht die geringste Berechtigung, den Doriathrim irgendwelche Befehle zu erteilen. Noch hatte er darum gebeten. In jenem Aufruhr nach Doriaths Untergang hatte er, einfach nur um so viele wie möglich zu retten und aus reiner Notwendigkeit heraus, Anweisungen gegeben und ihnen gesagt was sie tun sollten. Warum sie dies akzeptiert hatten und ihm auch nach der ersten Aufregung weiterhin gefolgt waren, wußte er nicht. Sie hatten es getan und so war er für sie verantwortlich geworden.
Und für die beiden größten Schätze die sie mit sich führten, einer von ihnen ein schlankes, verwaistes Mädchen.
********************
Bedrückt betrachteten Círdan und Gil Galad den Strom der Flüchtlinge, die über die gefrorenen Pfade des Lisgardh kamen, des Feuchtgebietes rund um die Mündung des Sirion. Das Schilf war hier besonders dicht, ein Ozean aus Rohrkolben, während der warmen Jahreszeit angefüllt von Rascheln und den Rufen von Fröschen und Reihern. Jetzt inmitten des Winters war es still, die Spitzen der langen Blätter mit Eis bedeckt, schimmernd im fahlen Sonnenlicht. Einen Weg hindurch zu finden, noch dazu einen, den eine große Gruppe benutzen konnte, war nicht einfach. Doch die an den Mündungen lebenden Elben führten die Doriathrim, wie sie schon andere zuvor geführt hatten. Zerlumpt, erschöpft, viele verwundet, saßen oder lagen jene am Ufer des großen Flusses. Die letzten Überlebenden Doriaths.
"Warum geschieht es jedesmal im Winter?", murmelte Gil Galad zu sich selbst. Die Erinnerung an die Zerstörung seiner eigenen Heimat und der Gedanke an Menegroth, das er während seiner Jugend einige male besucht hatte, verdunkelten das Herz des Elbenkönigs, und Círdan warf ihm einen besorgten Seitenblick zu. Sein Freund hatte sich in den letzten Jahren bemerkenswert gut erholt, angesichts der Schwere seines Verlustes und der Last der Verantwortung die er nun zu tragen hatte - nicht nur für sein eigenes Volk, sondern sowohl für jeden der Bewohner rund um die Bucht, der sich seiner Führung anvertrauen wollte, als auch für jene, welche hierher kamen um die Hilfe des Hohen Königs zu erbitten.
Doch für ein beinahe gebrochenes Herz war noch nicht viel Zeit vergangen, seit die Elben von Nargothrond in genau derselben Weise hier angekommen waren, und es konnte nicht gut sein, wenn Gil Galad jetzt schon wieder mit so viel Leid und Vertreibung konfrontiert wurde.
Angeführt wurden sie von einem schlanken, dunkelhaarigen Elben mit ernstem Gesicht, den keiner von ihnen je zuvor gesehen hatte. Er näherte sich ihnen in einer beinahe befangenen Weise, den Kopf leicht eingezogen.
Gil Galad machte einen Schritt auf ihn zu. Wie auch immer die Umstände, wer auch immer der Besucher sein mochte, Cirdan und er versahen hier die Pflichten der Gastgeber, und er würde niemals die uralten Gebote der Gastfreundschaft mißachten, die von ihm verlangten dem Gast entgegenzugehen.
Erestor sah die beiden Elben auf ihn zukommen und straffte sich. Einer sichtlich alt, mit einem silbernen Bart, der andere hochgewachsen und dunkelhaarig.
Als sie direkt vor ihm standen, wortlos und mit ernstem Blick, neigte er grüßend den Kopf, und plötzlich wurde ihm bewußt, daß er nicht wußte, wie er sich nun angemessen zu verhalten hatte. Er räusperte sich.
"Ich grüße Euch, Ihr Herren. Mein Name ist Erestor, ich stamme aus Ossiriand und habe unseren König Dior begleitet als er nach Doriath ging um sein Erbe anzutreten. Ein Erbe, das sich im nachhinein als Fluch herausgestellt hat", entschlüpfte es ihm. (1)
Er wußte, er fühlte, die Worte waren falsch, kein Anführer würde auf diese Art zwei andere begrüßen. Doch wie sollte er es besser wissen, Sohn des einfachen Volkes der er war? Er schluckte und rang sichtlich um Fassung.
"So seid uns willkommen, Erestor von Ossiriand", antwortete Círdan freundlich um den nervösen Elben zu beruhigen. "Ich bin Círdan der Schiffsbauer, Herr der Falathrim und dies", er wies neben sich, "ist Artanáro Finellach Gil Galad, der König Nargothronds."
Erestors Blick schoß zu dem jüngeren der beiden und beinahe instinktiv blitzten seine Augen mehr als nur ein wenig feindselig auf. Er hätte es wissen müssen, obwohl der Elb vor ihm in seiner schlichten Kleidung nichts von einem König an sich hatte.
"Wir haben nichts zu schaffen mit der Familie der Sippenmörder!", fauchte er beinahe.
"Ebensowenig wie ich selbst", antwortete Gil Galad gleichmütig und nicht im geringsten beleidigt. "Das Haus von Finarfin hat dem Hause Feanors die Freundschaft aufgekündigt, und hätte ich die Möglichkeit dazu gehabt, hätte ich euch beigestanden, nicht ihnen."
Erestor errötete. "Verzeiht, es ist einfach nur...es sind zu viele durch ihren Angriff gestorben."
"Dennoch habt Ihr viele hierher geführt."
Einen Vorwurf fürchtend, weil er die Elben unberechtigt angeführt hatte, antwortete er hastig "Keiner der Edlen aus Doriath war anwesend, um das Volk zur Küste zu bringen."
Gil Galad runzelte die Stirn.
"Und was ist mit dem Herrn Oropher? Der Herrin Nimloth und ihren Kindern? Und dem Herrn Laerion, meinem Großvater?"
Letzterer hätte keinen Herrschaftsanspruch über die Doriathrim, doch Gil Galad war sich sicher, er hätte sich um ein ansonsten führerloses Volk gekümmert. Wenn er dies nicht getan hatte, mußte sein Enkelsohn zu der einen Schlußfolgerung kommen, die er nicht ziehen wollte.
Círdan spürte, wie viel es Gil Galad abverlangte, diese Frage zu stellen. Der Nachteil zu einer der edlen Familien zu gehören - es gab kein Elbenreich in Beleriand, in dem der Sohn Orodreths keine Verwandten besaß, um die er sich hätten sorgen müssen.
Erestor blickte zu Boden und fingerte nervös am Saum seines einfachen dunkelgrünen Mantels herum.
"Der Herr Laerion ist ebenfalls während der Verteidigung Doriaths gefallen, zumindest wurde mir dies berichtet. Ich habe ihn während des Kampfes nicht gesehen."
‚Nein! Nicht noch einmal...!'
‚Oh ihr Valar, bitte gebt ihm Kraft! Wieso ein weiterer...er hätte dieses eine mal ein wenig Glück verdient, wenigstens ein Mitglied seiner Familie hätte überleben sollen...'
Konnte es für einen König passend sein, vor einem Fremden zu weinen? Es war nicht von Bedeutung. Sein Großvater, dem er sowieso zu selten getroffen hatte, der ihm Briefe aus Doriath geschrieben hatte, lange Briefe um die Einsamkeit zu ertragen, weil sowohl seine Gattin als auch sein zweites Kind im Laufe der Dagor Bragollach ums Leben gekommen waren. Seine letzte Verbindung zu seinen Sindarin-Vorfahren. Und mehr als das - derjenige der ihm die Geschichte der nördlichen Sindar erzählt und so viel über Vögel beigebracht hatte. Großvater hatte sie auch geliebt und er kannte- hatte jeden von ihnen gekannt und alles über ihre Gewohnheiten gewußt.
Er schluckte und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Später würde Zeit zum Trauern sein, jetzt waren andere Dinge wichtig.
Höflich wartete Erestor bis der König die Beherrschung wiedererlangte, ehe er fortfuhr.
"Oropher hat uns verlassen und sich mit allen unseres Volkes nach Osten aufgemacht, die bereit waren ihm zu folgen und ihn als ihren Herrn anzuerkennen. Sie wollten die Ered Lindon überqueren und sich jenseits der Berge neu ansiedeln, wo sie hoffen, sicher vor Morgoths Tücken zu sein...und vor denen der Noldor." Er blickte Gil Galad an. "Dies waren seine Worte, nicht die meinen."
"Ich verstehe."
"Und unsere Königin Nimloth..."
Der Elb krampfte gewaltsam die Hände zusammen und holte tief Luft um das Verlangen zu unterdrücken, zu kämpfen, zu verletzen und zu töten, Rache zu nehmen, egal an wem.
"Sie haben sie umgebracht, wie ein Tier abgeschlachtet, weil sie ihnen nicht sagen wollte, wo sich der Silmaril befand", sagte er mit heiserer Stimme voll finsterer Leidenschaft. "Ihre Söhne Elúred und Elúrin haben sie mit sich genommen und wir können nur hoffen, daß sie sie als Geiseln benutzen wollen. Doch ich habe diese verfluchten Elben gesehen, ich habe in ihre Augen geblickt, und ich glaube nicht, daß die beiden noch am Leben sind. Allein Elwing konnten wir retten, die Tochter unseres Königs."
Während seiner letzten Worte war seine Stimme wieder sanfter geworden - willentlich oder aus Gefühl - und er nickte einer ein paar Schritte hinter ihm stehenden Elbenfrau zu. Diese öffnete zögernd, beinahe widerwillig ihren Mantel und darunter kam ein kleines Mädchen zum Vorschein, das zunächst scheu die Elben aus Balar betrachtete, dann jedoch auf Erestor zuging und die einladend ausgestreckte Hand ergriff. Er ließ sich nieder um mit ihr auf Augenhöhe zu sein und wies dann auf den Elbenkönig und den Schiffsbauer.
"Sieh, Elwing, das sind deine Verwandten, die ich versprach dir zu zeigen. Dein entfernter Onkel Círdan und dein Vetter Gil Galad."
Dies brachte das junge Mädchen dazu, an seiner Schulter vorbei erneut die beiden fremden Elben anzuschauen. Sie kannte ihre Namen, ihre Mutter und ihr Vater hatten sie oft in ihren Gesprächen erwähnt. Dieser alte Elb war einer der Falathrim, die am Meer lebten, dem riesigen Teich, und der andere hatte vor nicht langer Zeit ebenfalls seine Familie verloren. Ihre Mutter hatte ihr von ihm erzählt, und von seiner Schwester, die gestorben und nun weit jenseits der See war. Sie mochte die Geschichte nicht, sie hatte ihren Vater betrübt und ihre Mutter zum Weinen gebracht. Aber gewiß würde er verstehen, wie sehr sie Elúred und Elúrin vermißte.
Als Gil Galad das junge Elbenmädchen sah, erleuchtete sie sein Herz und etwas von dem Schmerz verging, denn trotz ihres gegenwärtigen Kummers konnte man ihr fröhliches, heiteres Wesen erahnen. Sie erinnerte ihn stark an seine Schwester Finduilas im selben Alter, und ohne weiter darüber nachzudenken behandelte er sie entsprechend.
Er ging einen vorsichtigen Schritt auf sie zu und ließ sich auf die Knie nieder. Dann berührte er ihre Schultern, und als sie dies ohne Angst ertrug, schloß er sie tröstend und beschützend in die Arme.
"Willkommen, kleine Elwing", sprach er leise in ihr zerzaustes Haar.
Und Elwing nahm dies bereitwillig hin, in ihrem kindlichen Gemüt verstand sie, daß hier jemand war, der sich um sie kümmern und sie beschützen würde. So drückte sie sich bereitwillig an diesen großen, fremden Elben und weinte ein wenig, und von diesem Moment an war er für sie ein großer Bruder.
Erestor sah den beiden zu, und nichts von der leichten Eifersucht die er empfand wurde in seiner Miene deutlich. Es hatte Tage gedauert, ehe Elwing ihm genug Vertrauen entgegenbrachte um sich berühren zu lassen. In Gedanken schalt er sich selbst.
‚Er ist mit ihr verwandt, gehört zu ihrer Familie, und nichts anderes ist jetzt noch wichtig für sie.'
Nach einer Weile ging Círdan zu ihnen und streichelte das dunkle Haar des Mädchens.
"Sei denn willkommen bei uns, Elwing, Tochter Diors, Herrin der Doriathrim."
Mit ihren großen, dunklen Augen, noch immer feucht und gerötet, doch gleichermaßen neugierig, sah Elwing zu ihm auf.
"Du bist alt!", meinte sie schließlich entschieden. "Elben bekommen erst Bärte, wenn sie schon sehr, sehr alt sind. Es gab jemanden wie dich in Ossiriand." (2)
Trotz ihrer festen Worte zog sie sich ein klein wenig in die Umarmung ihres Vetters zurück, der warm war und beschützend und jetzt wohlwollend gluckste.
"Ja, ich bin alt, Elwing", antwortete Círdan. "So alt, daß du lange brauchen wirst, ehe du es auch nur annähernd begreifen kannst."
"Darf ich ihn anfassen?"
"Natürlich darfst du das."
Vorsichtig wagte sie sich einen Schritt von Gil Galad fort und strich sacht über die silbrigen Strähnen. Dann strich sie dem alten Elben ebenso vorsichtig über den Kopf.
"Es fühlt sich genau gleich an."
"Das ist es auch, Kind-"
Der Herr der Häfen brach ab, als sie aus einiger Entfernung ärgerliche Stimmen hörten, die bald einem lautstarken Streit wichen. Irgendjemand schrie wütende Worte in der alten Sprache Doriaths, so schnell und scharf, daß selbst Gil Galad Schwierigkeiten hatte sie zu verstehen, obwohl er sie in seiner Jugend gelernt hatte. Denn er liebte die Sprache dieses Landes, reich an ausdrucksvollen Worten und lieblicher für das Ohr als das allgemeine Sindarin.
"Es geht um Celebrimbor", sagte Círdan ernst und erhob sich.
Elwing flüchtete sofort wieder zurück zu Gil Galad, der beruhigend ihre Schulter tätschelte.
"Es wird dir nichts passieren, Kleines", murmelte er abwesend, ohne sie anzusehen. "Nicht hier und auch sonst nirgendwo. Nie wieder..."
Sie gingen langsam zum Ort der Auseinandersetzung.
"Warum bist du hergekommen, Sohn eines Sippenmörders? Nur um jene zu verspotten, denen dein Vater so viel Schmerz zugefügt hat? Laß uns allein und folge deinem verfluchten Erzeuger in die Hallen von Mandos!", rief eine tiefe männliche Stimme.
Für einen Herzschlag herrschte Stille, eine erschütterte Stille.
"Willst du damit sagen, daß mein Vater tot ist?" Celebrimbors Stimme, stellte Gil Galad fest. Ärgerlich und ein wenig ängstlich.
"Ja", antwortete der andere mit nicht geringer Befriedigung. "Unser Herr Dior tötete ihn, und wenn es irgendwelchen Großmut und Gerechtigkeit in Arda gibt, wird er niemals wieder in körperlicher Form zurückkehren!" (3)
Ein Schlag war zu hören, und dann deutlich die Geräusche eines Kampfes. Doch so schnell dieser begonnen hatte, und noch ehe die drei Anführer den Ort erreichen konnten, war er auch schon wieder vorbei. Kurz darauf kam Gildor zu ihnen, ein wenig mitgenommen und offenbar geradewegs aus einem heftigen Handgemenge.
"Einer der Doriathrim hat Celebrimbor angegriffen", erklärte er mit angespanntem Ausdruck. "Er hat ihn mit einem Messer verletzt, aber die Verletzung ist nicht schwer. Seine Worte hingegen waren weitaus schmerzhafter."
"Wir haben sie gehört", antwortete Gil Galad. "Curufin ist tot. Wie nimmt er es auf?", fügte er leise hinzu.
"Wie es zu erwarten wäre: schlecht. Du weißt, wie er noch immer für seinen Vater empfand. Ihn jetzt zu verlieren, ohne noch einmal mit ihm gesprochen zu haben und noch dazu auf eine solche Weise, unter solchen Umständen... Ich werde ihn zurück nach Balar bringen, hier ist er uns keine Hilfe und er braucht einen Freund."
"Ich würde euch begleiten, aber.."
"Pscht, Finellach. Ich weiß. Und er weiß es auch. Schau einfach nach ihm, sobald du zurück bist."
Gil Galad und Círdan tauschten bedeutungsvolle Blicke während Gildor zu Celebrimbor zurückkehrte.
"Und diese sind maßvoll", sagte Gil Galad stirnrunzelnd. "Versuche dir vorzustellen, was einer der anderen getan hätte. Ich gebe zu, ich habe Orophers Ansichten über die Noldor stets als ungerechtfertigt empfunden, doch die Entscheidung jene mit sich zu nehmen, die ihnen am feindlichsten gesinnt sind, war weise. Obwohl", er schob eine Handvoll dunklen Haares über seine Schulter, "ich es nicht als weise erachte, Beleriand zu verlassen. Wir wissen wenig über die Lande östlich der Ered Luin. Wer wird ihnen helfen? Die Nandor? Die Avari? Das ist höchst ungewiß."
"Es war ihre Entscheidung", sagte Erestor fest. "Und viele von ihnen stammen selbst von den Nandor und erinnern sich an die Orte ihrer Geburt."
Gil Galad sah ihn an. "Du kannst uns später von den Ereignissen berichten, sage mir jetzt nur dies: was ist mit den anderen Söhnen Feanors geschehen?"
"Ich kannte sie nicht von Angesicht. Doch ich hörte, Celegorm sei ebenfalls von unserem Herrn Dior getötet worden, und auch jener, den man Caranthir nannte, sei gefallen."
"Glaubst du Maedhros wird Rache für den Tod seiner Brüder nehmen?", fragte Círdan Gil Galad besorgt.
"Ich kann es nicht sagen. Sie schienen ihm stets sehr am Herzen zu liegen." Gil Galad wandte sich erneut Erestor zu. "Und der Silmaril?"
Der Elb schien es vorzuziehen, auf diese Frage keine Antwort zu geben. "Ich weiß es nicht", sagte er, doch die Lüge war allzu leicht durchschaubar.
"Du versuchst mir weiszumachen, daß du während all dieser Wochen, in denen ihr von Doriath zur Bucht von Balar gewandert seid, niemals gefragt hast, ob jemand etwas über das größte Juwels Ardas weiß?", fragte Gil Galad sanft.
Erestor wand sich sichtlich, unfähig den beiden anderen Elben - einer von ihnen selbst aus der Familie der Sippenmörder, ungeachtet seiner freundlichen Worte - zu vertrauen, doch ebensowenig in der Lage angesichts zweier Herren der Eldar zu lügen.
Ehe er sprechen konnte legte Círdan eine Hand auf Gil Galads Arm. "Frag nicht nach Dingen, die sie nicht zu beantworten wünschen."
"Aber wir müssen fragen, erkennst du das nicht? Wenn der Silmaril hier ist, werden auch die Söhne Feanors hier sein, und zwar bald."
Círdan schüttelte den Kopf. "Im Moment können Maedhros und seine Brüder nicht einmal wissen, wo sie nach den Überlebenden von Doriath suchen müssen. Und ich bin mir sicher, daß sie Balar nicht angreifen würden."
Gil Galad erwiderte nichts, doch in seinem Herzen war er alles andere als überzeugt, sein Onkel werde nur um der Bedrohung, welche die armseligen Truppen Balars darstellten, den Silmaril aufgeben.
********************
Es war still in der großen Halle von Maedhros' Behausung. Still, weil drei der Lords, die hier gewöhnlich lachten, sangen und sich unterhielten, nicht mehr anwesend waren. Die schwer lastende Stille der Trauer.
Maglor und sein älterer Bruder saßen vor der Feuerstelle. Keiner von ihnen sprach und keiner der anderen Elben wagte, lauter als in einem Flüstern zu sprechen oder ihre Herren zu stören.
‚Ich habe euch im stich gelassen, meine Brüder', dachte Maedhros in bitterer Schuld. ‚Ich habe euch enttäuscht, wie ich das Vertrauen unseres Vaters enttäuscht habe. Nach all diesen Jahren haben wir nicht einen einzigen der Silmaril zurückerlangt. Nicht einmal Elben zu töten war genug, uns wenigstens einen Blick auf die Edelsteine zu verschaffen.
Celegorm, stets so leidenschaftlich. Du warst nicht immer so hart und unfreundlich gegenüber anderen. Es war deine Art, dich von den schrecklichen Taten abzuschotten, die wir gezwungen waren zu begehen. Ich erinnere mich an die Hochzeitsfeiern deiner Brüder, wie glücklich du jedes mal warst, wie viele schöne, scherzhafte Lieder du gesungen hast. (4)
Du mochtest Hunde so sehr. Der Tag an dem Orome dir Huan gab war einer der glücklichsten deines Lebens. Du warst freundlich geliebter Bruder, auf eine gewisse Weise, selbst zum Ende. Und nun wird sich niemand daran erinnern. Für alle anderen außer uns wirst du als eine wilde, grausame, anmaßende Person berüchtigt sein. Selbst unsere Mutter wird dies von jenen erfahren, die aus den Hallen zurückkehren. Wie schmerzhaft wird es für sie sein, solche Geschichten über uns zu hören. Oh Mutter, wie sehr ich mir wünsche, dir dies ersparen zu können!
Und Curufin, der du immer nur an deiner Arbeit interessiert warst. Als Celebrimbor geboren wurde, haben wir dich damit aufgezogen, er sei lediglich ein weiteres deiner Werke, wenn auch diesmal nicht mit deinen Händen geschaffen, und du bist so tief errötet! Warum bist du nicht zu ihm gegangen solange noch Zeit für eine Versöhnung war? Wenn das Urteil der Valar gerecht ist, wirst du niemals mehr die Hallen des Wartens verlassen und niemals wieder in sein Gesicht blicken. Oder in das deiner Gattin. Sie liebte dich, liebte dich so sehr, ungeachtet ihrer Entscheidung, zurückzubleiben. Vielleicht wußte sie, was aus dir werden würde und wollte es nicht miterleben. Wollte nicht deine bitteren Tränen sehen, nachdem du und Vater die Schiffe in Losgar verbrannt hattet. (5)
Caranthir, dunkler, wundervoller Caranthir. Immer so leicht erregbar und schroff. Du bist wie die Felsgrate jener Gebirge gewesen, die du so gerne in deiner Nähe hattest. Arrogant, ja. Nichtsdestotrotz warst du weise genug, mit den Naugrim Frieden zu schließen und du hast den Stolz und die Tapferkeit des Volkes von Haleth anerkannt. Mut hast du stets in Ehren gehalten, in jedweder Hinsicht. Und ich kannte deinen größten Wunsch - du hast dich immer nach eigenen Kindern gesehnt. Nur weil du keinen eigenen Sohn noch eine eigene Tochter hattest, verwöhntest du Celebrimbor in seiner Jugend so sehr.'
Solcherart waren die Gedanken von Maedhros, ältester der Söhne Feanors, und seine Augen waren angefüllt mit Tränen.
‚Ein Lied. Es sollte ein Lied über sie geben, über den grausamen, ungerechtfertigten Kampf den sie fochten, ihrer eigenen Rasse ein Fluch - und doch stolz und stark und willens, ihr Schicksal anzunehmen.'
Maglor sah nicht das Feuer vor seinen Augen. Er sah die Gesichter seiner toten Brüder, hörte ihr Lachen, ihre Stimmen, den Klang ihrer Schritte. Und jenseits dieser Erinnerungen war sein Geist angefüllt mit Bruchstücken von Musik, einem großartigen Lied, das jetzt noch nicht geschaffen werden sollte. (6)
Er streckte seine Hand zu der seines Bruders aus und sie verschränkten sich ineinander. So viele hatten sie verloren, ihre Mutter, ihren Vater, alle ihre Brüder bis auf den Jüngsten.
‚Vielleicht sollten wir den Schwur aufgeben und uns selbst der Ewigen Dunkelheit überantworten, anstatt noch mehr Leid unter unserem Volk zu verursachen.'
"Ich wünschte, ich könnte wie du sein und alles was mich interessierte wäre Wind und grünes Gras und mit der Herde zu laufen."
Amras stand neben seinem Hengst und kämmte dessen lange Mähne. Das Tier fühlte die traurige Stimmung seines Herrn, immer wieder wandte es den Kopf um seine Nüstern an Amras' Schulter zu reiben. Der Elbenherr lächelte nicht, es würde lange dauern bis er es wieder konnte, dessenungeachtet war er dankbar für dieses Zeichen der Freundschaft.
Freundschaft?
"Du Dummer, Wundervoller, ich verdiene deine Freundschaft nicht. Ich habe entsetzliche Taten vollbracht, war ein Wolf unter Schafen. Und ich habe meine Strafe erhalten, ich habe mit dem Verlust fast aller meiner Brüder gesühnt."
Er tätschelte den Rücken des Pferdes.
"Vielleicht lieben wir euch deshalb so sehr. Ihr steht immer treu zu uns, selbst zu jenen, die dessen gar nicht wert sind." Er vergrub sein Gesicht in der warmen Schulter. "Ich will das nicht länger tun, ich will nicht länger töten, zerstören, verdammt werden. Wenn ich es nur beenden könnte und frei von diesem schrecklichen Schwur wäre, der lediglich ein Fluch für mich und andere gewesen ist."
Doch Amras wußte, daß dies ein müßiger Wunsch war.
********************
Es gab Uneinigkeit unter den Doriathrim, ob sie der Einladung Gil Galads und Círdans folgen und auf Balar leben sollten. Es hätte ihnen den Schutz der Elbenherren garantiert, doch ebenso bedeutet ihre Führung zu akzeptieren, zumindest bis Elwing erwachsen war.
Schlußendlich entschieden sie, sich von den anderen fernzuhalten. Zu viel Spannung herrschte zwischen vielen der ihren und den Noldor auf Balar. Celebrimbor war lediglich das herausragendste, doch keineswegs das einzige Beispiel für diese Spannungen.
Es war eine schwierige Situation für Erestor, den das Volk von Doriath noch immer als ihren Herrn betrachtete, obwohl der relativ junge Elb niemals nach dieser Herrschaft gestrebt hatte. Sie mochten zu genüge wissen, daß er dem herrschenden Haus von Doriath in keiner Weise außer durch die Bande von Schwur und Treue verbunden war, doch er hatte sie durch die Wildnis geführt, er hatte ihnen gesagt was sie tun sollten, hatte stets guten Rat erteilt - und er war einer von ihnen.
Zu seiner eigenen Überraschung erwies er sich in den folgenden Monaten als gewandter Vermittler und fähiger Statthalter Elwings, obwohl er niemals zuvor an politischen Dingen teilgehabt hatte.
Lediglich eine Gruppe von etwa dreißig Sindar folgten der Einladung sofort, doch diese stammten aus der Sippe Laerions. Sie hatten Thingol als ihren König angesehen und ebenso Dior angenommen. Doch nun wählten sie Gil Galad, den Enkel ihres Anführers, als ihren Herrn.
Círdan bemühte sich, die Neuankömmlinge davon zu überzeugen, wenigstens die Kinder und Verwundeten nach Balar zu bringen bis ordentliche Häuser gebaut waren. Der Winter war kalt, wenn auch nicht so frostig wie im Jahr des Falls von Nargothrond.
Sie stimmten zu, die verletzten Elben der Pflege von Balars Heilern zu übergeben, doch wollten sie sich nicht von ihren Nachkommen trennen, nicht einmal für eine kurze Weile.
********************
Nach ihrer Rückkehr auf die Insel überließ Gil Galad die Unterbringung der Besucher Silíel, die angesichts der Aussicht auf so viele Gäste förmlich aufblühte, und suchte Celebrimbor auf.
Er fand den Meisterschmied zusammen mit Gildor Inglorion in seiner Schmiede, seit er ihn kannte sein bevorzugter Rückzugsort.
Doch diesmal bemerkte Curufins Sohn nichts von den Feuern und den Werkstücken die er so sehr liebte. Er saß vornüber gebeugt auf einem niedrigen Hocker, sein Gesicht lag auf den auf seine Knie gestützten Unterarmen und er schluchzte hilflos. Gildor kauerte neben ihm, eine Hand auf Celebrimbors rechte Schulter gelegt und sanft die verspannten Muskeln streichelnd.
"Celebrimbor?", fragte Gil Galad mit sanfter Stimme, während er neben ihm niederkniete und über das Haar seines Freundes strich.
Das Schluchzen hörte für einen Moment auf.
"Ich danke dir."
"Wofür?"
"Dafür, daß du gekommen bist."
"Ich weiß, was du jetzt empfindest, Celebrimbor."
Der Meisterschmied sah auf, die Augen rot und geschwollen.
"Nein", antwortete er, "nein, das weißt du nicht. Orodreth war ein freundlicher Mann, er hat niemals andere absichtlich verletzt. Du hast jeden Grund ihn zu lieben." Er vergrub sein Gesicht erneut auf den Armen und seine Stimme war dumpf. "Während ich..."
"Du kannst deinen Vater ebenso lieben", sagte Gil Galad, "aus keinem anderen Grund, als weil er genau das war - dein Vater."
"Aber ich konnte ihn nicht in Ehren halten! Und er liebte mich nicht, sonst hätte er mich nicht verlassen oder während der letzten Jahre wenigstens eine Botschaft aus Thargelion gesandt."
"Du weißt wie stur er sein konnte", meinte Gildor sanft von der anderen Seite, "nicht weniger als du, mein Freund. Nichtsdestotrotz hat er dich geliebt. Das war für jeden deutlich, als ihr beide in Nargothrond lebtet."
"Ich wünschte, ich hätte mit ihm gesprochen. Nur ein einziges mal bevor er...unsere letzte Unterhaltung war ein heftiger Streit, am Abend ehe er Nargothrond verließ, und nun...nun werde ich ihn niemals wiedersehen, nicht einmal falls ich sterbe und die Hallen später wieder verlasse. Nach zwei Sippenmorden wird er niemals wieder aus Námos Reich entlassen werden."
"Dessen kannst du nicht gewiß sein." Gil Galad legte seinen Arm um die zitternden Schultern des Schmiedes, dicht unterhalb dem Gildors. "Er kann lernen und verstehen. Vielleicht wird er eine zweite Chance erhalten."
Gildor sandte seinem König und Freund einen zweifelnden Blick und schüttelte wortlos den Kopf.
"Das glaubst nicht einmal du selbst", kam die dumpfe Antwort Celebrimbors.
Gil Galad seufzte. "Nein, nicht wirklich. Doch was ich glaube ist nicht von Bedeutung. Keiner von uns kennt die Musik der Ainur."
Er drückte Celebrimbors Schulter beruhigend. "Und selbst wenn nicht, er wird niemals an deiner Liebe zweifeln, mein Freund, egal was zum Schluß zwischen euch geschehen ist."
"Vielleicht hast du recht, doch es ist...es ist...oh Finellach, ich will ihn zurück! Ich will meinen Ada zurück!"
Es war der Ruf eines jedes verlassenen Kindes. (7)
Auf diesen Ausbruch gab es keine Antwort. Gildor hatte dasselbe gesagt, und auch Gil Galad, und viele andere der Elben auf Balar. Nichts blieb zu tun, als den weinenden Elben zu umarmen, bis er sich ein wenig beruhigte.
Es dauerte die ganze regnerische Nacht, bis dies geschah.
********************
"Auch Doriath? Aber das ist unmöglich!"
Auf einem breiten gepflasterten Platz außerhalb der Stadt stand der Hohe König Turgon vor Thorondor, dem Herrn der Adler Manwes, und sah den riesigen Vogel schockiert an.
"Doriath kann nicht angegriffen werden! Melians Gürtel beschützt das Reich gegen jedweden Feind!"
"Die Herrin Melian hat die Hinnenlande verlassen", antwortete der Adler. "Sie verlor ihre Liebe und deshalb kehrte sie, wie es ihr Recht als eine der Ainur ist, in die Unsterblichen Lande zurück aus denen sie vor langer Zeit kam, noch ehe die Eldar sich trennten."
Thorondor benutzte keine wirkliche Sprache um dies dem Hohen König mitzuteilen. Statt dessen hörte Turgon seine Worte in seinem Kopf, eine weiche Baritonstimme, die so gar nicht zu einem riesigen Raubvogel zu passen schien.
‚Und was bist du?', dachte der Sohn Fingolfins. ‚Bist du auch ein Ainur, ein geringerer Geist, der diese Schöpfung Eru Ilúvatars betreten hat? Oder ein Wesen Ardas, machtvoll, doch gebunden an diese Welt?'
Nach seiner Rückkehr saß er allein mit Idril zusammen, von allen stets die erste, die er um Rat ersuchte.
"Zumindest zeigt dies, daß die Entscheidung, Gondolin nicht zu verlassen, richtig war", sagte er zum Schluß. "Seit dem Tag, an dem Tuor mit der Botschaft Ulmos in unsere Stadt kam, war ich im Zweifel. Doch nun...wenn selbst die Macht Melians die Elben nicht beschützen kann, gibt es außerhalb des Verborgenen Tales für unser Volk keine Hoffnung mehr."
Er faßte die Hände seiner Tochter. "Dein Rat, ebenso wie der deines Gatten, hat sich immer als weise erwiesen, Celebrindal. Doch in diesem Fall, erscheint es mir, waren dein Vetter Maeglin und ich im Recht."
Sie hatte auf ihre verschränkten Hände geschaut, nun glitt ihr Blick hinauf zum sorgenvollen Blick ihres Vaters.
"Er wird vermißt."
"Maeglin?"
"Ja. Ein Bote seines Hauses brachte die Nachricht während du fort warst. Er ist vor zwei Wochen zu den Minen gegangen und wollte vorgestern zurück sein."
"Wahrscheinlich hat er lediglich ein neues Erzlager ausfindig gemacht", antwortete Turgon beruhigend. "Es wäre nicht das erste mal, daß er die Welt um sich herum vergißt. Du weißt, wie hartnäckig dein Vetter sein kann."
"Ja, Vater, ich weiß es", antwortete Idril in einem neutralen Tonfall.
‚Besser als mir lieb ist.'
********************
Anfangs waren die Beziehungen zwischen den Doriathrim - die sich weigerten, einen anderen Namen anzunehmen - und den restlichen Elben recht schwierig. Ihr erstes Dorf bauten die Überlebenden westlich der Mündungen des Sirion im lieblichen Land von Arvernien. Doch trotz der Bemühungen von Erestor, Círdan und Gil Galad nahmen sie keine Hilfe von den ‚Sippenmördern' wie sie alle Noldor nannten an, wohl wissend, daß dies nicht der Wahrheit entsprach und es ihnen nur zum Nachteil gereichen konnte, die Hilfe der besten Handwerker der Eldar abzulehnen. Nur weil sie um Gil Galads Verwandtschaft mit Thingol selbst wußten und viele ihn während seiner gelegentlichen Besuche in Doriath gesehen hatten, begegneten sie ihm wenigstens mit einem geringen Maß von Höflichkeit.
Zwei Monate später, zu Beginn des Frühlings, fuhr ein heftiger Sturm über die Bucht von Balar hinweg, ungewöhnlich heftig selbst für die erfahrenen Falathrim. Er verursachte viel Zerstörung auf den Inseln und an der Küste, doch am schlimmsten wütete er in der neuen Siedlung in Arvernien, die zu dieser Zeit noch aus behelfsmäßigen Behausungen bestand, nicht standfest genug, um den starken Winden zu widerstehen. Zwei Elben starben, und nachdem der Sturm nachgelassen hatte war fast nichts mehr übrig vom ersten Heim, welches das Volk in Arvernien nach der Zerstörung Doriaths gekannt hatte.
In dieser Situation traf Erestor eine Entscheidung gegen den Willen seines Volkes und nahm die Hilfe an, die Gil Galad und Círdan ihm anboten. So wurde eine zweite Stadt errichtet, dieses mal mit Unterstützung der Eben von Balar, die große Freude daran fanden, Häuser, Straßen und Brunnen zu bauen, ganz zu schweigen von der großen Halle von Elwing. Obwohl die Tochter Diors zu dieser Zeit nicht in Avernien lebte, sondern ein vorübergehendes Zuhause auf Balar gefunden hatte.
Denn Erestor übergab sie der Fürsorge von Círdan und Gil Galad. Er wußte nicht nur, wie viel sie von beiden lernen konnte, sondern erkannte auch die tiefen liebevollen Gefühle zwischen seiner jungen Herrin und ihrem älteren Vetter - den sie niemals anders denn als ihren Bruder bezeichnete. Dies belastete das Verhältnis zwischen den Doriathrim und den Elben von Balar noch mehr, denn die ersteren fürchteten, die Tochter ihres Königs möge durch die fremden Elben beeinflußt werden.
Und sie wurde beeinflußt, obwohl niemals zu ihrem Nachteil - dies war später stets ihre eigene Meinung. Gil Galad lehrte sie Quenya und die Tengwar, die ebenfalls in Doriath verbotenen Schriftzeichen, die Feanor selbst aus den Sarati geschaffen hatte, den Buchstaben des Rúmil von Tirion. Doch anders als die Sprache von Valinor hatte Thingol ihren Gebrauch nur innerhalb seines eigenen Reiches untersagt, und über die Jahrhunderte hinweg waren sie weit über ganz Beleriand verbreitet worden.
Elwing lernte auch vieles über die Geschichte ihrer Calaquendi-Verwandten aus Valinor und von dem Wissen der Noldor aus dem Gesegneten Reich.
Und sie schloß sich eng an Gil Galad an, liebte ihn, wie zuvor ihre Brüder - vielleicht gerade um so mehr, weil sie Elúred und Elúrin verloren hatte.
Als Círdan einen Besuch in der neuen Stadt machte, hörte er zufällig ein Gespräch zwischen mehreren Elben mit, die sich ungehalten über Ewings Erziehung auf der Insel äußerten. Sofort war ihm klar, daß er diese Unterhaltung nicht zufällig in seiner Nähe geführt wurde und näherte sich ihnen.
"Und auf welcher Weise könnte der König von Nargothrond Elwing ‚verderben', wie ihr es nennt?", fragte der alte Seefahrer, ihre eigenen Worte gebrauchend. "Er lehrt sie die Sprache ihrer Verwandten-"
"Die Sprache der Sippenmörder!", unterbrach ihn einer der Elben hitzig, ehe er sich daran erinnerte mit wem er sprach. "Ich erbitte Eure Verzeihung, Herr", sagte er errötend.
Círdan überging den Ausbruch. "Es ist eine Sprache die sie als Anführerin eurer Gemeinschaft brauchen wird. Selbst unser König Thingol lernte sie, obwohl er ihren Gebrauch verbot und sie niemals offen sprach.
Doch geh, wenn du willst!", fügte er mit kalter Stimme hinzu. "Geh zu ihr und sage ihr, sie müsse den Mann, der ihr so viel bedeutet, aus keinem anderen Grund als den Taten seiner Verwandten hassen."
"Und wenn ich gehe?", fragte der Elb trotzig.
"Dann wirst du sie verletzen und dafür wirst du bezahlen. Du magst Gil Galads Zuneigung zu seiner Cousine bezweifelnd, doch ich tue es nicht. Er wird nicht zulassen, daß irgend jemand ihr Schmerz zufügt."
Er machte einen Schritt vorwärts und legte eine Hand auf die Schulter des anderen. "In ein paar Jahren wird sie erwachsen genug sein um euch zu führen. Wegen ihrer sterblichen Vorfahren reift Elwing rasch, sie hat nicht viel Zeit zu lernen. Und er kann ihr beibringen, was sie benötigt. Gib ihr diese Gelegenheit."
********************
Zur selben Zeit auf Balar öffnete Elwing scheu eine hölzerne Tür und spähte in den Raum.
"Finellach?"
Der König saß, einen Brief lesend, an seinem Arbeitstisch. Er blickte nicht auf, doch ein Lächeln erhellte seine Miene.
"Komm herein, Kleines."
Sie ging zu ihm und wartete geduldig, bis er seine Lektüre beendet hatte. Dann zeigte sie ihm die Blätter Papier, die sie mit sich gebracht hatte.
"Ich habe alle Aufgaben gelöst, die du mir gegeben hast."
Er streichelte ihr Haar und warf einen kurzen Blick auf das Papier.
"Meine Güte, du bist schnell. Und deine Schrift hat sich sehr verbessert. Sie sieht wirklich wunderschön aus. Irgendwelche Schwierigkeiten?"
Sie krauste ihre Nase. "Ein paar."
"Erzähl mir davon." Er stand auf, nahm die Blätter in eine Hand und führte mit der anderen Elwing zu einer nahen Bank, damit sie Seite an Seite sitzen konnten. Diese Bank war nahe einem Feuer aufgestellt, denn der Frühling hatte gerade erst begonnen und es war nach Sonnenuntergang noch immer bitter kalt. Sie lehnte sich gegen ihn und betrachtete die Flammen, unwillig, jetzt über ihre Lektionen zu sprechen.
"Könntest du mir nicht eine Geschichte erzählen - bitte?"
Er lächelte. Es überraschte ihn wenig, daß das junge Mädchen gerade diesen Dingen wenig Interesse entgegenbringen konnte. Es war um ihres Volkes willen nötig sie zu lernen, doch sie waren entschieden unpassend für den Verstand eines Kindes.
‚Sie wächst zu schnell', dachte er nicht zum ersten mal. ‚Es ist ihre menschliche Herkunft und es stiehlt ihr so viel von ihrer Jugend.' In der Tat, mit ihren fast sieben Jahren wirkte sie wie ein Elbenkind von fünfzehn oder sogar zwanzig.
Er legte seinen rechten Arm um Elwing und preßte sie gegen seinen Körper. "Und was für eine Art Geschichte würdest du gerne hören?"
Sie hob den Kopf um seinen Blick zu erwidern.
"Etwas über dich als du jung warst."
"Wenn das dein Wunsch ist, kleine Schwester..."
Er nahm zwei verschrumpelte Äpfel von der Ernte des letzten Herbstes von einer nahen Schale und gab ihr einen von ihnen. Der Geschmack der Frucht führte ihn zurück zu seiner Kindheit auf Tol Sirion, die Obstgärten der Insel angefüllt mit dem Geruch von Äpfeln, dem Rauschen des Flusses, und inmitten all dessen ein dunkelhaariger, schlanker Elbenjunge...
********************
Der Schwertmeister trat einen Schritt zurück und senkte seine Übungswaffe.
"Das war besser, Argon", sagte er erfreut. "Du gebrauchst noch immer zu viel Kraft, doch das wird sich ändern, sobald die Bewegungen besser sitzen."
Argon, keuchend, schweißbedeckt, das lange schwarze Haar in einem einzelnen Zopf zurückgehalten, rieb seinen Arm, wo er vor zwei Tagen schmerzhaft für einen Moment der Unachtsamkeit und gestern für die Erfahrung, daß die neue Parade noch immer nicht richtig saß, gezahlt hatte.
"Ich danke Euch. Ich werde versuchen, es zu verbessern."
Der ältere Elb war ein Sinda, der bis zur Katastrophe der Nirnaed Arnoediad in Hithlum gelebt hatte. Er war gemeinsam mit Círdans Truppen zurückgewichen und schließlich entkommen. Eigentlich hatte er in seine Heimat und zu seiner Familie zurückkehren wollen, sobald dies wieder möglich war, doch Hithlum war gefallen und höchstwahrscheinlich hatte niemand von jenen, die ihm etwas bedeuteten, überlebt. Zumindest war niemand auf Balar angekommen. Sie würden ihn auf der anderen Seite des Meeres erwarten.
Jetzt war er Schwertmeister und lehrte die talentiertesten Krieger, Elben wie Menschen, seine Kunst. Seine eifrigsten Schüler waren jene Elben von Nargothrond, welche die Leibwache des Königs bildeten, und von diesen war Argon der leidenschaftlichste und entschlossenste.
"Denke daran, dich nicht zu überanstrengen", sagte er zu ihm. "Du kannst deinen Körper und deinen Geist nicht dazu zwingen, schneller zu lernen als es in ihrer Natur liegt."
Argon verengte die Augen, ein Anflug von Trotz auf seinem Gesicht, das noch immer von einer Narbe verunziert war, die er in seinem letzten Kampf empfangen hatte.
"Ich muß schnell lernen, Meister der Schwerter. Beim letzten mal hätte ich meinem König gegenüber beinahe versagt. Das darf nicht noch einmal geschehen."
"Du hast in einer schwierigen Situation bemerkenswert gut reagiert und gekämpft. Du kannst nicht jeden Kampf gewinnen, Argon."
"Es macht mir nichts aus, verletzt zu werden", seine Hand fuhr hinauf und berührte leicht die Narbe, "so lange dies zum Wohle unseres Königs geschieht. Aber an jenem Tag war ich ihm keine Hilfe." Er schob sein Schwert zurück in die Scheide. "Ich werde ihn kein zweites mal enttäuschen."
Er neigte den Kopf und ging, ließ den Schwertmeister angefüllt mit einer Mischung aus Mitleid für die Verzweiflung seines Schülers und Stolz auf dessen starken Willen zurück.
Argon tat, was er oft in seiner freien Zeit unternahm: er ging zu einer kleinen, versteckten Lichtung und dort übte er, bis komplette Erschöpfung ihn zum Aufhören zwang.
Und als er von dort zurückkehrte, keuchend und müde, erlaubte er sich selbst einen Blick in einen nahen Garten, wo zuweilen eine junge Frau lesend saß, tanzte oder einfach im Gras lag und den Vögeln oder dem Geräusch der See zuhörte. Eine Frau mit dem silbrigen Haar der Teleri, schlank wie ein Schilfhalm und unermeßlich schön.
Nicht einmal ihren Namen kannte er.
********************
Auf diese Weise begann Elwing mit ihrem Volk ein neues Leben an den Mündungen des Sirion in Arvernien, nahe dem Delta des Flusses. Und sie hielten das Nauglamír in ihrem Besitz, in welches der Silmaril Berens und Lúthiens eingebettet war.
Dies wurde unter allen bekannt, die entlang der Bucht und auf den Inseln von Balar lebten. Doch wie auf eine wortlose Übereinkunft hin sprach niemals jemand von dem Juwel. Nur die anderen Erbstücke von Doriath wurden erwähnt - Thingols Schwert Aranruth, das später Dior besessen hatte, der Ring von Barahir und der Bogen Bregors, die Beren zusammen mit dem Nauglamír an Dior gesandt hatte, als er seinen Tod nahen fühlte.
Annähernd ein Jahr nachdem die Stadt neu erbaut worden war kehrte Elwing nach Arvernien zurück. Und später besuchte sie immer wieder Círdan und Gil Galad auf Balar, um dort für einige Wochen zu bleiben. Ebenso kam der König von Nargothrond zu ihr, lebte in ihrem Haus und verbrachte nahezu alle Zeit in ihrer und Erestors Gesellschaft.
Während sich die Doriathrim von Arvernien zu Beginn abseits des Volkes entlang der Bucht hielten, gerade so wie es die Bewohner Nargothronds anfangs getan hatten, gaben sie dieses bald auf und duldeten selbst die Noldor. Und ebenso wurde das Band zwischen dem Haus Elwes und jenem Finarfins mit jedem verstreichenden Jahr stärker.
Doch entgegen der anfänglichen Vermutungen und Hoffnungen Círdans, der sehr wünschte, Gil Galad möge endlich das Gegenstück seines fea finden, blieb dies für immer eine Zuneigung brüderlicher Art und hegte der Sohn Orodreths niemals den Wunsch, mit Elwing den Bund einzugehen. Dessenungeachtet tat ihre Nähe ihm wohl, brachte ihn zum Lächeln, wie er es seit seiner Ankunft auf Balar nicht mehr getan hatte, ungezwungen und sorglos und wirklich glücklich, und gleichermaßen erblühte sie unter seinem Schutz und seiner Fürsorge.
Fußnoten:
(1) Erestor: Tolkien hat uns fast nichts über ihn mitgeteilt. Und obwohl er Elronds wichtigster Ratgeber war, spielte er im Rat bezüglich des Einen Ringes keine große Rolle. Ich hoffe, meine Erklärung, warum er so wichtig für Elrond werden soll, wird akzeptabel sein.
(2) andere bärtige Elben: Tolkien erwähnte keine anderen Elben, die einen Bart trugen, doch Círdan war höchstwahrscheinlich keiner der Elben die am See von Cuiviénen erwachten (es wurde von ihm gesagt, er habe einen Bruder und sei mit Elwe verwandt, darüber hinaus hören wir nichts von einer Gattin, die er gehabt haben müßte, wäre er einer der Erwachten gewesen - dies sind keine Beweise, jedoch starke Indizien), daher mag es andere Elben gegeben haben, die gleichaltrig oder sogar älter waren als er.
(3) Curufins Tod: nur Celegorm wurde von Dior selbst erschlagen, doch ich halte es für wahrscheinlich, daß die Doriathrim ihrem toten Herrn einen Heldennimbus verleihen. Oder dieser hier hat einfach die beiden Brüder verwechselt.
(4) Feanors verheiratete Söhne: drei der Söhne Feanors waren verheiratet: Maglor, Caranthir und Curufin.
(5) In der ‚History of Middle Earth', Band 12 (The Peoples of Middle Earth) wird im Kapitel ‚The Shibboleth of Feanor' erzählt, wie Feanor in der Nacht nach ihrer Ankunft in Losgar Curufin und einige vertrauenswürdige Gefolgsleute weckte, um die Schiffe in Brand zu stecken. Erst am nächsten Morgen vermißte er einen seiner Söhne - Amrod, den jüngeren der Zwillinge, die gemeinsam Ambarussa genannt wurden. Dieser hatte auf dem Schiff geschlafen, das sein Vater als erstes zerstört hatte.
(6) Das noch nicht komponierte Lied: natürlich meine ich die Noldolante, die Maglor erst nach dem Angriff auf die Sirion-Mündungen vervollständigen wird.
(7) Ada: normalerweise versuche ich, außer in Namen kein Sindarin zu verwenden. Doch in dieser Situation wollte ich betonen, wie kindlich Celebrimbor in diesem Moment empfindet
2. A/ N
Endlich hat Finellach mal etwas Glück im Leben gefunden. Es wurde aber auch langsam Zeit! Möge es eine Weile so bleiben.
*wirft warnenden Blick in Richtung ihrer Muse*
