Elendil
Endlich sehe ich König Elendil.
Am Fuße des Feurigen Berges haben er, sein Sohn Isildur und einige Krieger der Elben und Menschen sich einen Standpunkt erkämpft, den zu halten ihnen bis jetzt gelungen ist, weil sie sich etwas erhöht zwischen großen Geröllbrocken verschanzt haben.
Unendliche Erleichterung brandet über mich hinweg, denn nirgendwo kann ich Sauron gewahr werden. Es ist, als habe er sich niemals gezeigt. Dafür sind die niederen Kreaturen in seinen Diensten so zahlreich geworden, dass sie uns einfach überrennen könnten; es ist unser Glück, dass sie sich nur widerwillig an diejenigen wagen, deren Stärke sie zu spüren vermögen.
Dennoch ist mein Schwert schwarz vom Blut meiner Feinde, als ich mein Ziel erreiche.
König Elendil sieht mich an, mit einem wissenden Blick, voller Trauer und Mitgefühl. Wir verstehen uns ohne ein Wort; uns beide verband eine tiefe Freundschaft zu Gil-galad. Und so fühlen wir den Verlust wie eine brennende Wunde in unseren Herzen, die niemals verheilen wird.
In diesem Moment schwöre ich mir, dass das Opfer meines Königs nicht vergebens sein darf. Mit aller Macht, die mir innewohnt, werde ich ihm über den Tod hinaus dienen; ihm und den Königen der Menschen, auf dass unser Bündnis fortbesteht, welches wir so teuer mit dem Blut der Sterblichen und Unsterblichen besiegelt haben.
Der Gedanke erzürnt mich.
So viele Jahre, die uns unter einem verfinsterten Himmel wandern ließen, und so viele Leben, die ein gewaltsames Ende fanden - sinnlos vergeudet, weil der Feind nichts von seinem Schrecken und seiner Stärke verloren hat.
Wir glaubten, Sauron und seine Heerscharen aufreiben zu können, mit unendlicher Geduld und dem Segen der Erhabenen – doch besaßen wir ihn überhaupt?
Nicht zum ersten Mal schleichen sich Zweifel in mein Herz. Was ist das für eine göttliche Gerechtigkeit, die keinen Unterschied kennt zwischen dem Guten und dem Bösen?
Der Abgrund ist auch für uns aufgetan, die wir kämpfen, um das Dunkel zurückzuhalten, wir stürzen ebenso hinein, wie unsere Feinde, wenn Schwerter und Speere den Lebensfaden durchtrennen.
Oh Elbereth, warum verbirgst Du Dein leuchtendes Antlitz vor uns? Du, die Feindin des Einen Dunklen seit Alters her, der selbst aus der Verbannung seinen verderbten Geist über die Welt zu bringen vermag, durch seinen eifrigsten Diener. Mein stummer Ruf verhallt. Er kann die Finsternis nicht durchdringen, die uns umgibt ..., wir waren so vermessen in das Land des Feindes einzudringen, siegesgewiss und stark, und Sauron floh vor uns in seine Feste. Wir lachten über seine Flüche und gaben nichts auf seinen Schwur, dass er uns ein grausiges Ende bereiten wolle, wenn die Zeit gekommen sei.
Diesen einen Schwur hielt der Verräter!
Wir haben es ihm leicht gemacht, sind in das feine Netz aus Verblendung und Unvorsichtigkeit geraten, welches so gut gewebt war, dass wir seine Fäden erst bemerkten, als sie sich um uns schlossen.
Es gibt für uns nur noch einen Ausweg, wenn wenigstens eine winzige Schar der vollständigen Vernichtung entgehen soll. Die Entscheidung fällt mir nicht leicht, denn mein Stolz steht ihr im Weg – aber die Vernunft gewinnt die Oberhand. Was würde sonst an Widerstandskraft bleiben, wenn Sauron jetzt den vollkommenen Sieg erringt?
"Elendil!"
Über den nahen Lärm des Kampfes hinweg rufe ich den König von Arnor und Gondor, der sich geschickt eines Feindes entledigt, dem es gelungen ist, die Reihen der Verteidiger zu durchbrechen.
Ein wenig außer Atem folgt der Mensch mir, ich suche einen ungestörten Platz. Man kann nicht in Ruhe entscheidende Worte wechseln, wenn Pfeile und Steine hernieder prasseln.
Ein hoher Felsbrocken gibt uns schließlich die nötige Deckung.
Fragend sieht der König mich an.
Staub und Blut beschmutzen sein hartes Gesicht, sein langer Bart hängt zerzaust über den stumpf gewordenen Brustpanzer und die dunklen Haare fallen schwer auf seine Schultern. Er blinzelt den Schweiß aus den Augen. Der Kampf fordert seinen Tribut – selbst bei einem Mann wie Elendil, der ein wahrer Hüne an Gestalt und Geisteskraft ist.
Ich suche nach den richtigen Worten; was ich nun sagen werde, hat großes Gewicht und kann leicht falsch verstanden werden. Ich möchte den König – und mich – nicht in Verlegenheit bringen. Aber ich hoffe auf seine Vernunft. Gil-galad sprach oftmals von der Besonnenheit Elendils und seiner Bereitschaft zuzuhören und abzuwägen. So möge es auch diesmal sein.
"Hört mir zu, Herr", beginne ich. "Ich gab ein Versprechen, das mir heilig ist, und damit ich es erfüllen kann – zu Eurem und dem Wohl Eurer Getreuen – müsst Ihr mir vertrauen. Sammelt die wenigen Krieger, die hier um Euch sind und dann folgt mir, denn ich werde Euch und sie von hier fortbringen ..."
Elendils Augen funkeln. Es fällt mir schwer seinen Blick zu deuten. Liegt Erstaunen darin, oder gar Verachtung? Mein Vorschlag ist beileibe nicht der eines stolzen Kriegers. Ein Krieger sieht dem Feind ins Angesicht und zeigt ihm niemals den Rücken – ich kenne diese Vorstellungen von Ehre und Mut nur zu gut; doch wir sollten sie vergessen, wenigstens dieses eine Mal!
Bedächtig wiegt der König den Kopf. Dann sagt er leise: "Würde ich solche Worte nicht aus Eurem Munde hören, Elrond, dann hätte ich es nicht einmal für nötig erachtet, eine Antwort zu geben. Aber ich kenne Euch, Euer seliger Fürst hat viel Gutes über Eure Weisheit zu berichten gewusst. Ihr umschreibt mit schönen Worten, was ich noch nie in meinem Leben getan habe: vor dem Feind zu fliehen, wo ich ihm doch ins Angesicht lachen müsste. Nur schwer kann ich mich diesem Gedanken öffnen; aber ich sehe die Notwendigkeit.
Ihr gebt die Schlacht verloren, nicht wahr? Ich weiß, dass Ihr Recht habt und dass wir jedes Leben retten sollten, welches noch zu retten ist, und doch ..."
Elendil verstummt. Fast kann ich sehen, wie die Gedanken hinter seiner Stirn sich jagen, das Für gegen das Wider streitet. Mein Herz tut mir weh, als ich den König der Menschen betrachte, auch auf seinen Schultern lastet eine Bürde, die über das Wohl und Wehe vieler entscheidet, ja vielleicht über das Schicksal ganz Mittelerdes.
Aber wie so oft bestimmt das Hier und Jetzt über uns und wir sind machtlos ...
Plötzlich gellt ein vielstimmiger Schrei vom Schlachtfeld im Schatten des Berges zu uns herauf.
Schnell verlasse ich die Deckung des Felsens, um zu schauen, was den Aufruhr verursacht hat.
Inmitten des heftigsten Kampfgetümmels ist eine dunkle Wolke erschienen, sie wächst in die Höhe, bis sie sogar einen Troll an Größe überragen würde. In ihr bewegt sich ein Schatten, schwärzer noch als eine Nacht ohne Mond und Sterne. Er nimmt Gestalt an, tritt aus dem verbergenden Schleier hervor ...
Sauron!
Wie könnte es anders sein.
Vor ihm teilt sich die Masse der Kämpfenden, allein sein Kommen hat die Herzen von Freunden und Feinden mit Furcht erfüllt. Sie vergessen ihre Schwerter und Speere, sie vergessen den Gegner, mit dem sie wenige Augenblicke zuvor noch gerungen haben ...
Sauron ist der Mittelpunkt allen Seins geworden. Seine Gestalt fordert ungeteilte Aufmerksamkeit, ein Bann hat diejenigen ergriffen, die ihm nahe sind und entlässt sie nur langsam aus ihrer Starre, wenn das Böse an ihnen vorübergegangen ist. Fast zögerlich nehmen sie den Kampf wieder auf, berührt von der unendlichen Dunkelheit, die Saurons Geist verströmt.
Er schreitet durch die Reihen der Streiter mit anmutiger Leichtigkeit, beachtet niemanden, denn es gibt keinen Elb oder Mensch, der die Waffe zu erheben wagt.
Kurz bleibt er stehen, hebt den mächtigen, behelmten Kopf. Sein unsichtbarer Blick haftet auf uns, die wir an den Hängen des Orodruin ausharren.
Eisige Kälte greift nach meiner Seele. Ich schüttele sie ab, weigere mich, der Furcht nachzugeben, die Sauron uns aufzuzwingen versucht. Ich lebe in diesem Moment einzig und allein durch das Licht in meinem Herzen; so klein ist diese Flamme und doch so stark ...
Eine Hand berührt mich am Arm. Es ist Elendil, der neben mich getreten ist. Seine dunklen Augen spiegeln den Schrecken wider, der auch mich kurz gelähmt hat. Ich sehe ihn an. Versuche ihm etwas von der Kraft zu geben, die mich durchströmt, und tatsächlich gelingt es mir, bald verliert auch Elendil die Furcht.
Seine Schultern straffen sich, er nickt mir zu. Und dann höre ich ihn sagen: "Fast ist mir, als sei Gil-galad noch bei uns, ... durch Euch. Ich bin froh, dass Ihr hier bei uns steht, Herr Elrond. Sauron mag kommen, leicht werden wir es ihm nicht machen! Und noch etwas ... Ein Versprechen kann auf unterschiedliche Art erfüllt werden."
Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, und mein Herz ist von Dankbarkeit erfüllt. Die Wertschätzung des Königs der Menschen ist eine große Ehre, und sie zeigt mir, dass ich das Erbe Gil-galads würdig angetreten habe; wenn auch nur für kurze Zeit.
Als Sauron seinen Weg fortsetzt sind wir alle bereit, meine unsterblichen Brüder und meine sterblichen Kampfgefährten. Einer nach dem anderen erwacht aus der lähmenden Starre der Furcht, deren Griff sich widerwillig lockert; aber dass er an Kraft verliert, ist schon ein kleiner Sieg.
Sind wir töricht, ob unseres Mutes?
Ich weiß es nicht.
Doch sei es Narretei oder Weisheit – es gibt kein Zurück mehr. Wir haben den Feind herausgefordert und nun antwortet er uns. Vielleicht sollte es uns mit Stolz erfüllen, dass Sauron selbst gegen uns steht; und vielleicht können wir auf einen Funken Hoffnung setzen.
Meine scharfen Augen hängen an der hünenhaften Gestalt in ihrer prächtigen Rüstung.
Das kunstvolle und zweckmäßige Gewerk hat seinen dunklen Schimmer verloren, feine Risse überziehen die Panzerung an Brust und Bauch, manche so tief, dass ein rötliches Leuchten aus ihnen hervorschimmert.
Gil-galads Werk sind diese Spuren eines gewaltigen Kampfes.
Leises Getuschel erhebt sich unter meinen Gefährten, auch sie haben erblickt, was mein Herz ein wenig leichter macht. Diese Zeichen geben uns allen Mut, beweisen sie doch, dass Saurons äußere Hülle von dieser Welt ist, auch wenn sie den über alle Maßen boshaften Geist eines abtrünnigen Maia verbirgt, der von Blutdurst erfüllt ist.
Und Sauron wird ihn stillen, ebenso wie er einen zweiten Triumph erringen will, nachdem ihm der erste so leicht geglückt ist.
Wieder sehe ich Gil-galad vor mir, in Flammen gehüllt ...
Wird Sauron das Feuer noch einmal beschwören?
Ich verdränge jeden Gedanken daran.
Was geschehen muss, wird geschehen.
Meine Gesichte haben mich schon lange verlassen. Einstmals offenbarte sich in heiligen Stunden der Lauf des Zukünftigen, wenn es in nicht allzu weiter Ferne lag und wenn es die Geschicke der Elben betraf. Aber der fruchtbare Strom der Gabe der Weitsicht ist versiegt.
Ich sollte mich glücklich schätzen, denn Wissen ist manchmal eine schwere Last für die Seele, ihr Gewicht kann nicht gemildert werden, wenn der Mund zum Schweigen verdammt ist – allein das Tun vermag Linderung zu verschaffen ...
Und zum Tun war und ist Gelegenheit genug auf einem Schlachtfeld, auf dem es wogt und sich windet wie in einem Nest voller Schlangen. Das rote Leuchten des Berges spiegelt sich auf Schilden und Brünnen, Helmen und Schwertern. Der Feind scheint zahlreicher als jemals zuvor und er wird von Raserei getrieben, Sauron spornt seine Kämpfer an durch finstere Magie und seine bloße Erscheinung.
Furcht ist eine mächtige Waffe für den, der sie zu gebrauchen versteht.
Ein zweites Mal spüre ich Elendils Hand auf meinem Arm. Ich bin dankbar für die Berührung, sie befreit mich aus meinen Betrachtungen und lenkt meine Aufmerksamkeit auf den Augenblick.
Sauron hat den Fuß des Berges erreicht, wieder sieht er zu uns hinauf. Wir haben einen kleinen Vorteil; hätten ihn, wäre Sauron ein gewöhnliches Lebewesen, gehindert und beschränkt durch die Grenzen eines Leibes aus Fleisch und Blut.
Aber er ist es nicht. Er kennt keine Schwäche, weiß nicht um die Schwere der Glieder nach einem heftigen Kampf, die jede Bewegung zur Qual werden und das Blut dumpf in den Adern pochen lässt.
Er kommt den Hang des Orodruin hinauf, und mir ist, als erschüttere jeder Schritt die Erde ein wenig, denn sie zittert. Doch vielleicht ist es auch der alte Vulkan, der seinen Herrn begrüßt; Asche stößt der große Krater aus und taucht den Himmel eifrig in die Farbe frischen Blutes - ein Zeichen für unseren Untergang.
