Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel XIV - Gondolin
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Danksagung: die geht an Ute, eine der vier evil fangirl musketeers, die diesmal das Korrekturlesen übernommen hat.
Weiterhin für deine Freundschaft und die Hilfe in jedweder Lebenslage, von A wie Auckland bis W wie Whale Rider! :)
Widmung:
Oleg
einer kleinen, schwarzen, polnischen Meerschweinchendame
1996 - 2003
Vita brevis breviter in brevi finietur
Mors venit velociter quae neminem veretur
omnia mors perimit
et nulli miseretur
Das kurze Leben bald wird enden
der Tod kommt schneller als man glaubt,
er vernichtet alles
und hat kein Erbarmen.
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A/N:
Jojo: wie ich schon im Forum sagte: das Geld für die Schleichwerbung kommt wie üblich in kleinen, nicht numerierten Scheinen... ;)
Ja, auch ich habe Sommerpause gemacht. Angesichts 38° C Außentemperatur und einer Wohnung direkt unterm Dach hat meine Muse ihren wohlverdienten Urlaub angetreten und ist in kühlere Gefilde geflüchtet. Jetzt, da der Schoko-Sahne-Trüffel-Tee wieder schmeckt, schaut sie mir erneut neugierig über die Schulter und diktiert eifrig. Ich hoffe, ebenso zu eurem Vergnügen wie zu meinem.
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Kapitel XIV Gondolin
Círdan der Schiffsbauer stand am Bug seines Schiffes, der weiß umschäumt das Wasser des Belegaer durchschnitt, während der Wind von achtern die weißen Segel füllte. Seine Augen waren geschlossen und er genoß die sanfte Berührung der frühen Morgensonne auf seiner Haut.
Sie waren auf dem Rückweg von ihrer ersten Reise mit diesem Schiff. Es hatte sich bereits als schnell und willig der Hand des Steuermannes folgend erwiesen, dies und seine Schönheit zeugten von der Liebe und dem Können seines Erbauers.
Noch wußte der Herr der Falathrim seinen Namen nicht, ein außergewöhnlicher Umstand, da er normalerweise vor jeder Jungfernreise eine Vision von Osse empfing. Doch er konnte warten. Sie würde ihren Namen früh genug erhalten.
Als sie in den Hafen einliefen, versammelte sich viel Volk an den Kais, Werftarbeiter und Fischer, Händler und Seilmacher, und viele mehr, die Zeuge der Rückkehr ihres Herrn und seines jüngsten Kindes werden wollten. Denn so wurden die Schiffe genannt, die Círdan selbst baute, und dies mit gutem Grund.
Viele dankten Osse dafür, das neue Schiff in seinem Reich angenommen zu haben, andere sprachen Segensworte und baten Uinen, es weiterhin zu beschützen. Einige sangen ein Willkommenslied.
Nachdem das Boot am Kai vertäut worden war, kamen viele näher heran um den Zweig des Oiolare an seinem Bug zu berühren, denn die Falathrim glaubten, auf diese Weise würde ein wenig von Uinens Segen auf sie übergehen.
Círdan sprach nur kurz mit den anderen Schiffsbauern, dann ließ er sich ein Pferd bringen und ritt ungeduldig hinauf zu seiner Halle.
Wegen seiner Lage an den westlichen Küste Balars lag das Gebäude noch tief verschattet, doch kündeten Stimmen und andere Geräusche seiner Bewohner bereits von regem Treiben im Inneren. Vorfreude ließ sein Herz schmerzen. Er kam nach Hause, zu jenen, die er als seine Familie ansah.
Im Innenhof erwarteten ihn einige Elben, die sich seines Pferdes annahmen, Silíel bot ihm sofort ein Frühstück an, als sie sich zufällig in einem der Gänge begegneten.
"Nicht jetzt, Silíel, ich danke dir. Wo kann ich den König finden?"
Sie kannte ihren Verwandten gut genug, um vorhersagen zu können was den Sohn Orodreths erwartete, würde der Schiffsbauer ihn finden. "Ich sollte es Euch nicht sagen, denn Ihr werdet ihm seinen fea aus dem Leibe reden, doch er befindet sich in der Großen Bibliothek", antwortete sie mit einem verschmitzten Lächeln.
Círdan würdigte dies keiner Antwort, mit Ausnahme eines jämmerlich vorgetäuschten entrüsteten Blickes.
Dort in der Bibliothek fand Círdan Gil Galad dann, tief über eine Karte des Binnenlandes gebeugt während er mit seiner sorgfältigen, kleinen Schrift Eintragungen darauf machte. Neben ihm standen drei Gläser mit Tinte in verschiedenen Farben, jedes mit einer eigenen Feder.
Im fahlen Licht, das durch die großen Fenster eindrang, tanzte der Staub und der breite Ring, den Gil Galad als einzigen Schmuck trug, schimmerte mit jeder seiner Handbewegungen. Am Rande des Tisches stand eine kunstvoll geschliffene Karaffe aus klarem Glas, gefüllt mit goldener Flüssigkeit, und ein seit langem vergessenes, halb gefülltes Glas.
Der König lehnte sich auf die linke Hand, seine Lippen bewegten sich leicht, während er tief in Gedanken versunken mit sich selbst sprach. Immer wieder fiel ihm eine dunkle Haarsträhne ins Gesicht, wurde geistesabwesend hinter ein Ohr geschoben und fiel erneut hinab. Genau so hatte der Schiffsbauer ihn vor drei Tagen verlassen.
Eine Sekunde, mehr benötigte Círdan nicht, um das ganze Bild in sich aufzunehmen. "Sie ist wundervoll!" rief er, während er in den Raum stürzte, daß die Tür gegen das Bücherregal an der daneben liegenden Wand anschlug.
Gil Galad sah auf und lächelte, nicht im mindesten überrascht. In den letzten Jahren hatte er sich an diese Ausbrüche von Ausgelassenheit des sonst eher ruhigen Schiffsbauers gewöhnt.
"Ich grüße dich ebenfalls, mein Freund. Ich gehe recht in der Annahme, daß du weder von einer Frau noch von meinem neuen Pferd sprichst?"
Dies brachte ihm einen spielerischen Schlag auf die Hand ein. "Unverschämter Bengel! Sie hat selbst meine größten Erwartungen noch übertroffen! Schnell vor dem Wind, gut Freund mit den Wellen! In der Tat, sie trägt Ulmos Segen und Osse freut sich daran, sie auf seinen Meeren zu tragen. Ich wünschte nur, wir hätten stärkere Winde gehabt um ihre Fähigkeiten testen zu können, doch ich hege keinen Zweifel, daß sie selbst den stärksten Sturm meistern wird!"
In dieser Weise ging es noch einige Zeit weiter. Gil Galad unterbrach diesen Wortschwall nicht, stattdessen goß er ein wenig Apfelsaft in ein Glas und mischte ihn mit Wasser, damit der Schiffsbauer seinen Durst stillen könne. Círdan war ein verehrungswürdiger und nobler Anführer seines Volkes, doch in bezug auf neue Schiffe verwandelte er sich in den überschwenglichen Vater begabter Kinder – oder sogar in ein aufgeregtes Kind selbst.
Schließlich fand die langatmige und ausführliche Beschreibung aller Vorzüge des neuen Schiffes – und auch des Bedauerns darüber, daß es noch immer keinen Namen besaß – ein Ende und Gil Galad stellte das Glas vor seinem alten Freund auf den Tisch.
"Es scheint wirklich ein bewundernswertes Schiff zu sein, obwohl ich nicht glaube, daß meine Meinung hier sehr viel Gewicht besitzt. Doch du könntest sie ‚Frohe Botschaft' nennen, denn eine solche erreichte uns während deiner Abwesenheit."
"Was für eine frohe Botschaft?" fragte Círdan nachdem er einen langen Zug genommen hatte.
"Einige Zwerge aus Belegost sind vor gerade zwei Tagen hier eingetroffen. Neben den üblichen Neuigkeiten und einem Brief ihres Königs, von dem ich dir später noch erzählen werde, brachten sie vor allem Nachrichten von Celeborn und Galadriel. Es geht ihnen gut und sie leben in Frieden an den Ufern des Sees Nenuial, etwa fünfzig Wegstunden östlich der Ered Luin."
Noch immer in überschwenglicher Laune, stellte Círdan sein Glas ab und umarmte Gil Galad.
"Ich kann mir gut vorstellen, was dies für dich bedeutet. Deine Großtante ist in Sicherheit und mit ihr alle, die sie und den Herrn Celeborn begleitet haben. Wahrlich, ich erinnere mich noch gut an die Schönheit des Nenuial im Abendrot, wie wir ihn zum ersten male während der Großen Wanderung erblickten. Wie rotes Gold erschien uns das Dämmerwasser und seine Wellen plätscherten süß und leise." Er kehrte aus der Tiefe seiner Erinnerungen zurück. "Hast du noch mehr von ihnen gehört?"
"Oh ja, sehr viel mehr", antwortete der jüngere Elb in amüsiertem Tonfall. "Celeborn hat mir einen langen Brief geschrieben. Offenbar ist Galadriel zu sehr mit der Führung des Volkes beschäftigt, um ihrem Neffen viel zu schreiben, sie hat nur eine kurze Bemerkung hinzugefügt.".
"Oh, die Herrin wußte – und tat - schon immer, was ihr am liebsten war", erwiderte Círdan. "Doch ich zweifele nicht daran, daß beide begabte Anführer sind. Zwei solch gute Nachrichten in so kurzer Zeit – in diesem Jahr sind die Pforten des Sommers wahrlich gesegnet. Es wird ein prächtiges Fest werden!"
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Die Nachricht von Círdans Rückkehr, seinem herrlichen neuen Schiff und der sicheren Ankunft der Doriathrim in Eriador verbreitete sich rasch entlang der Inseln und der Bucht. Und so bereiteten alle Elben das jährliche Fest mit besonderer Freude vor.
Zwei Wochen später, an einem warmen Frühsommerabend, lag große Aufregung wie eine Wolke über Balar. Auf den Stränden wurden Feuer entzündet und viele Eldar – und sogar einige der Menschen – versammelten sich dort in Gruppen, lachten und erzählten.
Gil Galad saß am östlichen Strand der großen Insel und zählte die weißen Flaggen am Mast des Schiffes, das auf halber Strecke zwischen Balar und Tol Faenglîn vor Anker gegangen war. Seine Mannschaft beobachtete die sinkende Sonne und gab ihren Stand bekannt.
Fünf Flaggen. Fünf Handbreit über dem Horizont.
Lautes Geschrei ließ ihn sich umsehen und mit einem leisen Lachen beobachtete er einige Kinder, die in den Wellen planschten. Andere saßen im Sand und bauten Häuser und Tiere daraus, oder gruben Kanäle hinein, um den Fluß des Wassers zu steuern. Und über ihnen kreisten Dutzende von Möwen, kleine wie große, und ihm schienen ihre Rufe ebenfalls Gelächter angesichts der Spiele der Kinder zu sein. Es war ein warmer und friedlicher Abend und er war fest entschlossen, diesen zu genießen.
Allein die Rastlosigkeit seiner Hände verriet etwas von seiner inneren Unruhe. Sie sehnten sich danach, Elwings dunkles Haar zu streicheln, doch das Mädchen war in Arvernien geblieben. Also hielten sie sich damit beschäftigt, trockenen, lockeren Sand aufzugreifen und durch die Finger rieseln zu lassen. So sehr hatte die junge Herrin der Doriathrim sich gewünscht, dies Fest gemeinsam mit ihrem ‚großen Bruder' zu verbringen, es hatte Erestor und ihn selbst viel Anstrengung gekostet, sie davon zu überzeugen, daß zu einem solchen Anlaß ihr Platz bei ihrem Volk war.
Selbstverständlich machte es die Richtigkeit seiner Entscheidung Gil Galad keineswegs leichter, Elwings Abwesenheit zu ertragen.
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Stirnrunzelnd kämmte besagte Herrin der Doriathrim ihr lockiges dunkles Haar. Die Zöpfe die sie trug, hatte Finellach ihr gestern erst selbst eingeflochten, und wenn sie schon einer anderen Frisur weichen mußten, wollte sie es keinen anderen tun lassen.
Elwing seufzte. Es fiel ihr sehr schwer, die Eigenarten der Erwachsenen zu verstehen. Einige Feste durfte sie gemeinsam mit Finellach verbringen, zu anderen mußten sie sich trennen. Und dabei konnte sie keinerlei Unterschied zwischen den einen und den anderen feststellen! Wenn sie erst selbst erwachsen und Anführerin ihres Volkes war, würde sie jedes Fest mit ihm gemeinsam feiern!
Zu diesem Schluß gekommen löste sie den letzten Zopf mit einem festen Ruck.
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Unter den starken Händen seines Vaters zappelnd, versuchte Earendil zu fliehen. "Das tut weh!", rief er.
Tuor lachte mitfühlend und ließ den hölzernen Kamm sinken. "Nur weil du den ganzen Tag mit ungeflochtenem Haar herumrennst! Halt still, um so eher werden wir es hinter uns haben!" Er küßte den goldblonden Schopf seines Sohnes und atmete glücklich den warmen Geruch ein. Manchmal vermochte die Liebe zu seiner Familie es sogar, den Gesang von Ulmos Wassern und die Sehnsucht nach dem Meer in seinem Herzen zum Schweigen zu bringen.
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Als Anars letzte Strahlen schließlich hinter dem Horizont verschwanden wurde die letzte weiße Flagge eingeholt und durch eine dunkle ersetzt, und in diesem Moment verstummte alles Gelächter und jede Unterhaltung. Nur die leise Musik von Flöten und Harfen und Gesang erfüllte die Luft. Denn dies war die Nacht vor jenem Fest, das die Erstgeborenen Tarnin Austa, ‚Pforten des Sommers', nannten. In dieser Nacht wachten alle Elben Beleriands und verharrten ab Mitternacht in ehrfürchtigem Schweigen, um dann den Beginn des neuen Tages mit süßen Gesängen voller Dankbarkeit willkommen zu heißen.
Es war ein Brauch der Sindar, seit Anar zum ersten male erschienen war. In Staunen und Verwunderung hatten die Elben der Hinnenlande diesen neuen, hellen Stern betrachtet, der den gesamten Himmel erleuchtete. Und nach seinem Untergang hatten sie die Nacht hindurch gewartet und darauf gehofft, das wunderschöne Licht möge zurückkehren.
Nun feierten alle Elben diese Nacht und den folgenden Tag. Zusammen saßen sie an den Stränden Balars, in Arvernien und Thargelion, ebenso wie entlang der Küsten und in jeder einzelnen Siedlung, mochte ihr Dach aus Blatt oder Stein bestehen.
Es begann im von den hohen Pässen der Crissaegrim abgeschirmten Gondolin, wurde fortgeführt von den wandernden Sindar in den Wäldern, die sich auf Lichtungen versammelten, und zuletzt begannen die Elben an den Küsten die Zeremonie.
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In Gondolin stand der Hohe König Turgon auf einem Balkon seines Turmes, während er wie alle anderen auf die ersten Strahlen der Sonne hinter den Umzingelnden Bergen wartete. Den kleinen Earendil hielt er auf dem Arm, die dünnen Arme des Kindes um seinen Nacken geschlungen. Glückseligkeit erfüllte Turgon's Antlitz. Hier war er, mit seiner Familie um sich: seiner schönen, klugen Tochter, seinem Schwiegersohn, seinem Enkel und seinem Neffen, der nach all den zahllosen Jahren endlich seine düstere Stimmung überwunden zu haben schien und wie alle anderen freudig lächelte. Hier war er, in seiner Weißen Stadt, der Blume von Stein, schön wie Tirion auf Tuna und stark genug, jedem Angriff zu widerstehen. Wenn nur Elenwe bei ihm sein könnte!
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Gil Galad lauschte den Rufen der letzten Möwen und sein Herz war erfüllt von Dankbarkeit für diesen einen Moment des Friedens, der seinem Volk gestattet war.
Elwing lehnte sich gegen Erestor und dachte an all das Vergnügen und den Tanz, die sie am nächsten Morgen erwarteten.
Erestor hielt seine Herrin im Arm und dachte über Staatsführung nach, und an die Schönheit Lúthiens, als sie auf Tol Galen gesungen und getanzt hatte, um die Sonne willkommen zu heißen.
Earendil sah zum Firmament auf und wiederholte in Gedanken, was sein Vater und sein Großvater ihm über die Sterne beigebracht hatten.
Idril streichelte die Hand ihres Gatten und teilte mit ihm ein gemeinsames Gefühl der Hoffnung. Vielleicht würden die Valar ihnen zukünftig noch viele solcher Festlichkeiten gewähren.
Er betrachtete Idril eindringlich, ihr Haar und ihr Antlitz schimmernd im silbrigen Licht des Mondes und der Sterne. Bald, sehr bald, würde sie ihm gehören!
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Tief in der Nacht lagen Gil Galad und Gildor nebeneinander ausgestreckt im Sand und betrachteten verträumt die Sterne, die am klaren schwarzen Himmel strahlten, während sie gleichzeitig der Musik von Harfen und Flöten lauschten. Celebrimbor saß neben ihnen, die Arme um die angezogenen Beine gelegt, während er an glückliche Feiern mit seiner Familie in Aman zurückdachte. Er hatte sich so hingesetzt, daß kein Licht auf sein Gesicht fiel, um die Tränen zu verbergen die ihm über die Wangen liefen. Natürlich konnte er dadurch seine Freunde nicht täuschen.
Keiner der Elben um sie herum sprach auch nur ein einziges Wort, selbst die Kinder verstanden, daß dies nicht die Zeit für geräuschvolle Spiele war. Nur manchmal waren Schreie der Jüngsten zu hören, die sich wenig um Sonne oder Mond kümmerten, sondern allein um ihrer Mütter warme Körper und ihre süße Milch.
Alle Gesichter waren von den Feuern und dem friedvollen Licht des Mondes erleuchtet, das wie ein silberner Pfad über dem Wasser lag.
Die Nacht schritt voran. Und all die Sindar und Noldor von Beleriand verhielten schweigend in ihrer erwartungsvollen Wache.
Bis auf Gondolin, wo die Elben gegen einen übermächtigen Feind kämpften und alles, was sie empfanden, Haß und Furcht und Verzweiflung war.
Dies war die Nacht da Taten vollbracht wurden, von denen einst viele traurige und stolze Lieder künden würden. In späteren Zeiten würden Elben wie Menschen vom Falschen Licht singen, von Rog dem Hammer des Zorns, sie würden um den Turm des Königs klagen und sich an die Schlacht der Adler mit den Orks erinnern. (1)
Doch für jene, die anwesend waren beim grausamen Tod Gondolins, des Singenden Steins, gab es nur Blut, Feuer und Schmerz. (2)
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Tuor stand vor seinem Haus, ihm gegenüber ein Trupp von etwa dreißig Elben, alle in schlichtes Schwarz gekleidet.
"Pack dich, schäbiger Edain!", zischte einer von ihnen verächtlich.
Der Mann sah seinem Gegenüber in die Augen. "Geh mir aus dem Weg, Maulwurf!"
Doch der Elf rührte sich nicht. "Unser Herr befahl uns hierzubleiben, und das werden wir tun."
"Seid ihr wahnsinnig geworden?", rief einer von Tuors Gefolgsleuten. "Habt ihr nicht die Worte Gothmogs gehört? Es war Maeglin, der uns an Morgoth verraten hat! (3)
"Dennoch ist er unser Herr und wir werden seinen Befehlen gehorchen. Wenn ihr an uns vorbei wollt, werdet ihr kämpfen müssen", antwortete der Elb störrisch.
Jemand innerhalb des Hauses schrie, niemand hätte sagen können, ob in Schmerz oder Zorn. Tuor Augen blitzen zornig auf, er zog sein Schwert und die Mitglieder seines Hauses taten es ihm gleich. Auch die anderen Elben hoben ihre Waffen. Ein Kampf stand kurz bevor.
In diesem Moment kam inmitten der dunkel gekleideten Elben Unruhe auf. Einige von ihnen drängten sich grob nach vorn. Mit ernsten, sogar vorwurfsvollen Blicken auf Tuor wie auf ihre erschütterten Gefährten steckten sie ihre Schwerter weg und gingen fort. Nur einer von ihnen, eine junge Elbenfrau, wandte sich noch einmal um und sah zurück zum Haus, und sie weinte.
Die gegnerischen Gruppen musterten sich schweigend. Nun waren sie annähernd gleich stark.
"Geht!" sagte Tuor leise. Dann tat er einen Schritt vorwärts und die Elben machten ihm Platz, ließen ihren Herrn im Stich und entsagten der Loyalität zu seinem Haus. (4)
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Als die Dämmerung hereinbrach, erhoben sich die Elben. Die besten Sänger begannen die uralten Gesänge und die klaren Stimmen der anderen gesellten sich den ihren hinzu.
Die Flüchtlinge erreichten den Ausgang des geheimen Wegs und bewegten sich in einer langen Kette über die Ebene von Tumladen auf den hohen Paß namens Cirith Thoronath, die Adlerschlucht, zu. Sie waren erschöpft und kamen wegen der Kinder und Verwundeten nur langsam voran, obgleich sie sich der feindlichen Armee hinter ihnen nur allzu bewußt waren.
Weit hoch oben beobachtete Thorondor, der Herr der Adler, ihre Flucht und sein Herz war zornerfüllt. Einst war er aus einem bloßen Tier zu einem Wesen mit Verstand und einem Bewußtsein der Existenz des Einen gemacht worden, mit dem Auftrag, den Kindern Ilúvatars zu helfen und sie gegen Morgoth und seine Sklaven zu beschützen.
Und nun? Nargothrond war gefallen und es war ihm verboten gewesen zu helfen. Doriath war gefallen und ihm war lediglich gestattet worden, die Nachricht seines Untergangs zu überbringen. Nun fand Gondolin, die weiße Blume auf der Ebene von Tumladen, durch die Klauen der Drachen und die feurigen Peitschen der Balrogs ihr Ende. Und dennoch war alles was die Adler tun konnten, tun durften, die Flüchtlinge zu beschützen. Mit einem wütendem Schlag seiner riesigen Flügel rief er sein Volk herbei. "Erhebt Euch, o Thornhoth, deren Schnäbel aus Stahl und deren Klauen Schwerter sind!" (5)
Und die Adler kamen.
Sie griffen die Orks auf den Klippen an, die dem Volk von Gondolin auflauerten. Und Thorondor selbst nahm teil am Kampf zwischen Glorfindel und dem Balrog. Von weit oben im Himmel stieß er machtvoll auf den Maia hinab und seine Krallen vergruben sich tief in unsterblichem Fleisch. Mit seinen starken Flügeln schlug er hart auf den Körper des Unholds ein und hinderte mit seinen Federn dessen Sicht, und mehr als einmal rettete er Glorfindel auf diese Weise.
Und schließlich verlor ihr Gegner die Balance und Glorfindel nutzte diese Gelegenheit, stemmte sich mit all seiner Kraft gegen ihn, ungeachtet der Hitze, die seinen Körper versengte, und der Balrog stürzte in den bodenlosen Abgrund neben dem Pfad. Doch noch im Fallen ergriff er Glorfindel mit seiner flammenden Klaue und beide verschwanden in der Tiefe.
Wäre es einem Adler möglich gewesen zu weinen, Thorondor hätte es getan. Ein weiterer unverdienter Tod, ein weiteres der Kinder des Einen entgegen seiner Natur eingegangen in die Hallen von Mandos. Ungeachtet seiner eigenen schweren Wunden nahm er seine letzte Kraft zusammen und allein durch schieren Willen folgte er ihrem Sturz. Tief unten in der Schlucht fand er Glorfindels Körper, und als letzen Akt der Hochachtung brachte er diesen zu dessen Volk hinauf, um angemessen begraben zu werden.
Dann kehrte der Herr der Adler zu seinem Horst zurück, um von den Wunden geheilt zu werden, die sein Körper empfangen hatte. Jedoch war er ein höheres Wesen und kein bloßes Tier mehr, so trauerte er lange, und er verstand nicht, und wenn auch weiterhin von unerschütterlicher Treue, war Thorondor gleichwohl enttäuscht von seinem Herrn.
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Drei Wochen später stand ein junges Mädchen im Eingang des kleinen Zaunes, der einen winzigen doch wunderschönen Garten gegen das Treiben auf der Straße inmitten des Hafens von Balar abschirmte. Sie achtete nicht auf die Karren oder die vielfältigen Rufe, nicht einmal auf die schlanken weißen Boote, die auf den rastlosen Wellen tanzten und rhythmisch gegen die Kaimauern stießen. Sie waren gerade erst vom Fischzug der letzten Nacht zurückgekehrt und ihr älterer Bruder arbeitete auf einem von ihnen.
Sie kannte all diese Dinge gut, sie waren gleichbedeutend mit ‚Zuhause' für sie, obgleich sie sich schwach an eine andere Zeit in einer grünen und stilleren Umgebung erinnerte, wo es nach Harz roch anstatt nach Salz, damals, als sie noch sehr, sehr jung gewesen war.
Nicht daß sie oft daran dachte, denn die Erinnerung war besudelt mit Lärm und Angst, Schmerz und Kälte. Man hatte ihr erzählt, sie habe ihre gesamte Familie bei einem Ork-Angriff verloren. In ihrer Erinnerung konnte sie die liebevoll lächelnden Gesichter ihrer Eltern vor sich sehen, doch an ihre Namen konnte sie sich nicht erinnern. Desgleichen vermochte sie nicht, sich an ihren eigenen Namen zu entsinnen. Er war mit allen anderen Dingen ihres vorangegangenen Lebens verloren gegangen. Jene, die sich später ihrer annahmen, hatten sie Ergaladh genannt, "Einsamer Baum". Auf Balar lebten mehrere andere Kinder mit ähnlichen Namen. Für sie ebenso wie für die anderen war es ein Zeichen und eine mahnende Erinnerung an das Leben, das sie verloren hatten.
Doch nun besaß sie eine neue Familie, und als sie damals vor nahezu fünfzehn Jahren zu ihnen gekommen war, hatte sie als allererstes ihre Namen gründlich gelernt, so daß sie sie niemals wieder verlieren würde, wie sie ihre richtige Familie verloren hatte. Halfion war ihr Vater und Gaervîr war ihre neue Mutter und anders als in ihrem früheren Leben besaß sie nun zwei Geschwister namens Nuninniach und Erinlith. (6).
Nach menschlichen Maßstäben erschien sie wie ein fünfjähriges Kind, und wäre da nicht das Strahlen ihrer Augen gewesen, niemand hätte den Unterschied zwischen ihr und den Menschenkindern der Nachbarschaft erkennen können.
Allerdings nur bis sie sprach. Wie alle Kinder der Eldar hatte sie früh gelernt, ihre Muttersprache zu beherrschen, ihre verschiedenen Formen zu nutzen und zu würdigen. Heute war es ihr erlaubt, dieses Wissen unter Beweis zu stellen.
Momentan war ihr Sinn jedoch auf jemand ganz besonderes gerichtet und weniger auf die Zeremonie, die vor ihr lag.
Ein Besuch ihres Königs – ihres Königs, nicht jedoch der ihrer Eltern, ein Umstand, welcher Ergaladhs jungen Geist noch immer zu verwirren vermochte – war stets ein großartiges Ereignis. Ein, zwei mal in jeder Jahreszeit kam er zu ihr wie er zu allen anderen Kindern ging, die wie sie die gleichen, traurigen Namen trugen. Er fragte nach ihrem Wohlergehen und ob sie noch immer glücklich mit ihrem Leben hier war. Eine seltsame Frage in Ergaladhs Augen, schließlich war dies ihr Zuhause und ihre Familie!
Die Möwen, die über den Schiffen segelten, lenkten sie für kurze Zeit ab. Sie liebte die weißen Vögel, ihre Rufe waren das erste gewesen, was sie von ihrer neuen Heimat gekannt hatte, zwei Tage, ehe sie damals das Meer erreicht hatten. Es war eine der wenigen klaren Erinnerungen, die sie an die Zeit der Wanderung besaß, und nahezu die einzig angenehme. ‚Begrüßende Vögel' nannte sie sie.
Schließlich sah sie ihn kommen. Endlich! Mit einem Freudenschrei rannte sie zu ihm. Er lachte und wie es Gewohnheit unter ihnen war, hob er sie auf um sie hoch in die Luft zu werfen, bis sie aus schierer Wonne aufschrie. Er fing sie wieder auf und hielt sie auf seinem Arm. Für ihr Alter war sie ziemlich groß und inzwischen befand sich ihr Kopf höher als der seine. Sie lehnte sich vor und drückte einen Kuß auf seine Wange.
"Ich habe gewartet, oh, ich habe so lange auf dich gewartet!"
Sein leises Lachen vibrierte in ihrem Körper, ein ungemein angenehmes Gefühl.
"Für dies erbitte ich Eure Verzeihung, Herrin. Ich mußte erst einigen Leuten entkommen, die der seltsamen Auffassung waren, ihre Angelegenheiten könnten wichtiger als die Euren sein", erwiderte Gil Galad. Er hatte all seine diplomatischen Fähigkeiten aufgebracht um eine Besprechung mit den Abgesandten einer menschlichen Siedlung zu verschieben, welche gekommen waren, um sich über Elben zu beschweren, die vor ihrer Küste fischten.
Das junge Mädchen lachte und rieb ihre Wange an der seinen.
Sie betraten das niedrige Haus hinter dem Vorgarten und wurden von Ergaladhs Pflegeeltern willkommen geheißen. Beide verneigten sich respektvoll vor Gil Galad und lächelten, denn sie kannten ihn gut von seinen vorherigen Besuchen.
"Ich grüße Euch, mein König", sagte Gaervîr, während sie ihm Tee anbot.
Gil Galad war sich dieser Anrede nur zu bewußt und wußte nicht genau, ob er sie zurechtweisen sollte. Es wurde unter den Bewohnern von Balar allmählich zur Gewohnheit, ihn ihren König zu nennen, obwohl nur eine Handvoll von ihnen tatsächlich zu seinem Volk gehörten. Dies war ihre Art, Respekt und Vertrauen auszudrücken und als solches ein Geschenk, das ihm dargebracht wurde, ein Lob und eine Belohnung für seine Anstrengungen. Andererseits wollte er jedoch die Falathrim nicht von ihrem rechtmäßigen Herrn Círdan entfremden. Zugegebenermaßen lachte der Schiffsbauer nur über dieses Verhalten und schien weder enttäuscht noch beleidigt. Daher entschied Gil Galad, nichts zu sagen, zumindest nicht jetzt. Heute war ein Tag der Familie, nicht der Politik.
"Sei auch du gegrüßt. Ich hoffe, es geht dir und deiner Familie gut?"
Er hoffte es, in der Tat.
Halfion lächelte. "Das tut es, mein Herr. Besonders jenen, die eine ernsthafte Pflicht zu erfüllen haben."
Er nickte dem Mädchen auf Gil Galads Arm zu.
"Und – bist du bereit?", fragte er sie mit einem spielerischen Stups ehe er sie wieder absetzte. Er wußte, sie mochte es nicht, zu lange getragen zu werden.
"Das bin ich!", rief Ergaladh aufgeregt. Dann rannte sie fort um ihm eine Tasse für seinen Tee, braunen Zucker in einer kleinen, zerbrechlichen Schale und einen Löffel zu bringen. Diese Dinge plazierte sie fein säuberlich vor Gil Galad auf dem Tisch und hob dann ihre Augen bittend zu den seinen.
Er warf ihrem Vater einen fragenden Blick zu und der Elb lachte.
"Es wird von Euch erwartet, einen weiteren Wunsch zu äußern, mein Herr. Sie liebt es, mir in der Küche oder beim Auftragen des Essens zu helfen. Jedes mal wenn wir Besucher haben, versucht sie diese zu verwöhnen. Ich denke, wenn sie erwachsen ist, wird sie in einem der Gästehäuser tätig sein."
Der König zauste das dunkle Haar des jungen Mädchens. "Ist das wahr? Bereitet es dir so viel Freude, dich um andere zu kümmern?"
"Oh ja, es macht so viel Spaß! Magst du es nicht auch?", antwortete sie in ungläubigem Tonfall, erstaunt, daß ihr normalerweise so kluger Herr nach dem Offensichtlichen fragte. Was konnte schließlich besser sein?
Er lachte. "Nicht so sehr wie du, Kleines, doch wenn du immer noch so denkst, wenn du eine erwachsene Frau bist, sollst du in mein Heim kommen und dich um meine Gäste kümmern."
"Und um dich?"
"Und um mich, ja."
Später versammelten sie sich mit anderen engen Verwandten und Freunden in dem größeren Garten hinter dem Haus. Ergaladh trug nun ihr feinstes Kleid, von einer ihrer Tanten aus Baumwolle gewebt, in einer Schattierung von dunklem Blau, wie die See an einem sonnigen Tag. Auf ihren schwarzen Locken lag ein Efeukranz als Zeichen dafür, daß sie jetzt ein wichtiges und ernstes Ritual vollziehen würde.
Als sie in die Mitte der Gruppe geführt wurde, verstärkte das Mädchen seinen Griff um die Hand seiner Mutter. Angesichts der Aufmerksamkeit so vieler Leute fühlte sie sich unsicher, und mit dem so ernsthaften Ausdruck auf seinem Gesicht war ihr Freund Finellach wieder der König, den sie liebte, aber auch ein wenig fürchtete.
Lächelnd traten ihre Eltern vor sie und ein wenig von der Angst schmolz unter diesen warmen Lächeln dahin.
"Hast du deine Wahl getroffen, Ergaladh?", fragte ihr Vater.
‚Pflegevater, mein Vater, der mich dies fragen sollte, ist tot', dachte sie unwillkürlich.
Wie man es sie über den Verlauf der Zeremonie gelehrt hatte, nickte sie.
"Ich habe sie getroffen, mein Vater."
"So sage uns, welchen Namen du gewählt hast", sagte Gaervîr mit leicht zitternder Stimme.
Denn dies war in der Tat ein wichtiger Augenblick. Dies war der Tag, an dem das Mädchen, das sie vor mehr als vierzehn Jahren als kleines, untergewichtiges Waisenkind, erstarrt vor Schrecken und halb erfroren, als das ihre angenommen hatten, die Zeremonie des Essecilme, der Namenswahl, vollziehen würde. (7)
Es war einer der seltsamen Bräuche der Noldor, doch sowohl sie selbst als auch ihr Gefährte hatten entschieden, Ergaladh nicht von ihren Wurzeln zu trennen, sondern jede Tradition ihres Volkes mit ihr zu befolgen. Gaervîr mußte sogar zugeben, daß sie den Gedanken eines jungen Elben, der einen Namen allein für den Gebrauch durch enge Freunde und Angehörige wählte, überaus bezaubernd fand. Es gab Ergaladh überdies die Gelegenheit, ihre Fortschritte im Erlernen ihrer Muttersprache in allen ihren Schattierungen von Bedeutung und Klang unter Beweis zu stellen.
Doch zugleich bedeutete dieser Tag auch einen Erfolg für ihre ganze Familie. Als sie zu ihnen gekommen war, nahezu schwindend vor Kummer, hatten sie befürchtet Ergaladh so plötzlich wieder zu verlieren, wie sie in ihr Leben gekommen war. Es hatte Wochen gedauert, ehe sie sprach und beinahe eine volle Jahreszeit, bis sie sie zum ersten male lächeln sahen. Daß sie heute einen eigenen Namen wählen würde, war mehr als nur ein Beweis ihrer Beherrschung des Sindarin. Es war ein Zeichen, daß sie sie erfolgreich zurück ins Leben gebracht hatten.
Und natürlich war es von besonderer Bedeutung, da sie keinen Vater- oder Mutternamen mehr besaß, nur jenen, den andere ihr gegeben hatten, in Liebe und Zuneigung, ja, doch ohne familiäre Bande.
Gaervîr schloß ihre Hände um Halfions Arm. Angemessen oder nicht, sie brauchte jetzt seine Unterstützung und sie konnte sein Bedürfnis nach der ihren spüren.
Ergaladh holte tief Luft. Sie sah nicht den erwartungsvollen Ausdruck auf Gil Galads Gesicht.
"Ich habe beschlossen, mich nach dem ersten Zeichen meiner neuen Heimat zu benennen und wähle daher den Namen Filhuilen, Begrüßender Vogel." (8)
"So sei es", sagte ihre Mutter. "Sei erneut willkommen in deiner Familie, Filhuilen."
Die Anspannung wich und alle Gäste kamen zu ihr, küßten ihre Wangen und Stirn und jene, denen sofort gestattet war, ihn zu gebrauchen – ihre Eltern und Geschwister – sprachen ihren Namen wieder und wieder, kosteten seinen Klang als wäre er ein alter Wein. Später würde sie entscheiden, wer sie bei ihrem gewählten Namen rufen durfte, denn jener Name, der beim Essecilme angenommen wurde, war wie persönliches Eigentum und es bedeutete eine schwere Beleidigung, ihn ohne Erlaubnis zu benutzen.
"Du hast eine wunderschöne Wahl getroffen", meinte Gil Galad, als er sich vor ihr hinkniete, um ihr in die Augen sehen zu können. Seine Freude war überdeutlich. "Niemand hätte einen besseren finden können für die Herrin, die eines Tages die Gäste in der Halle des Königs willkommen heißen soll."
Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken. "Wirst du mich bei meinem gewählten Namen nennen?", flüsterte sie in sein Ohr.
Seine Hände lagen warm auf ihrem Rücken. "Das werde ich ungemein gerne tun, Filhuilen."
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Es war eine lange Wanderung, ehe die letzten Überlebenden den Unterlauf des Sirion erreichten. Erst ein Jahr nach der Zerstörung ihrer Heimat und dem Tod ihres Königs kamen sie in das friedvolle Land von Nan Tathren. Dort blieben sie für eine Weile, rasteten und hielten ein Fest in Gedenken an all jene ab, die sie verloren hatten, und um Glorfindel zu betrauern.
Und schließlich wurden sie von Elben aus Arvernien gefunden, die in den Wäldern jagten. Diese waren tief erschüttert, als sie die Nachricht von Gondolins Fall hörten, und sie baten Tuor und Idril, mit ihnen zu kommen und die traurige Botschaft nach Balar zu bringen. Doch nur Tuor folgte ihnen, denn er und Idril wollten ihr Volk nicht führerlos zurücklassen. So verließ er seine Gattin und seinen Sohn und die Elben führten ihn nach Balar.
Doch zur Überraschung seiner Begleiter lächelte er glücklich, als sie die Küste erreichten. Endlich sah er die See wieder, die er so lange vermißt hatte.
Fußnoten:
(1) Die Lieder von Gondolins Fall: ich glaube nicht, daß es eine bessere oder bewegendere Schilderung dieses tragischen Geschehnisses geben kann, als Tolkien sie uns selbst in den "Büchern der verlorenen Geschichten" hinterlassen hat.
(2) Singender Stein: die wörtliche Übersetzung des Namens ‚Gondolin'. Gemeint war damit im übertragenen Sinne ein schön behauener und bearbeiteter Stein (s. "Buch der verschollenen Geschichten II", "Der Fall von Gondolin", Namensliste)
(3) Daß die Elben von Gothmog erfuhren, wer Gondolin verraten hat, entstammt meiner Vorstellung. Tolkien hat nichts darüber geschrieben. Doch irgend jemand muß es ihnen gesagt haben, und es erscheint mir unwahrscheinlich, daß Maeglin selbst es war.
(4) Nun gut, hier weiche ich doch von der Beschreibung im "Buch der verschollenen Geschichten II" ab. *verlegen lächel*
(5) "Erhebt Euch, o Thornhoth..." ist ein von mir übersetztes Zitat aus dem "Book of Lost Tales II". Ich liebe diesen besonderen Satz im englischen Original einfach zu sehr, als daß ich ihn hätte auslassen können: "Arise o Thornhoth, whose beaks are of steel and whose talons swords!"
(6) Die Namen in Ergaladhs Familie: ihre Übersetzung lautet
Halfion = Muschelsohn
Gaervîr = See-Juwel
Nuninniach = unter-dem-Regenbogen
Erinlith = auf-dem-Sand
*seufz* Oh, all diese Elbennamen! Diesmal hatte ich niemanden, den ich fragen konnte, ob die Übersetzungen korrekt sind. Das heißt: bitte sagt es mir, falls sie es nicht sein sollten.
Nun, wie es scheint wird in dieser Familie das Vergeben der Epesse nicht ganz so ernsthaft gehandhabt, wie es vielleicht vonnöten wäre. In meiner Vorstellung bezieht sich der Name von Ergaladhs neuem Vater auf seinen Charakter, offensichtlich ist er ein wenig introvertiert. Die Namen ihrer Brüder, jeder für sich harmlos genug, deuten gemeinsam (hoffentlich) die Umstände an, unter denen sie gezeugt wurden... ;)
Alberne Elben!
Alberne Muse!
(7) Essecilme: die Namenswahl, ein Brauch, der in der "History of Middle Earth" Band 10, "Morgoth's Ring", beschrieben wird. Der Elb wählt einen Namen für sich, der nur innerhalb der engeren Familie (Eltern und Geschwister) und von engen Freunden gebraucht wird, und niemals ohne ausdrückliche Erlaubnis. Er war nicht geheim, sondern mehr eine Art Privateigentum, wie z.B. ein Messer, das verliehen werden kann. Die Zeremonie fand erst statt, nachdem der junge Elb seine Muttersprache gut genug beherrschen gelernt hatte, um Bedeutung und Klang zu verstehen und zu würdigen, jedoch selten vor dem siebten Lebensjahr. Wahrscheinlich war dieser Brauch nur unter den Noldor verbreitet.
Über den Verlauf der Zeremonie ist nichts bekannt, diesen habe ich selbst entwickelt.
(8) Ergaladhs gewählter Name: ‚Filhuilen' = ‚Begrüßender Vogel', wörtlich ‚grüßender Vogel', eine verkürzte Form von ‚fileg-huilen'.
2. A/ N
Oh ja, ich weiß – Ergaladhs Namenswahl ist für den Verlauf der Geschichte absolut unnötig, es sei denn, um Gil Galad ein paar entspannende Momente zu verschaffen. Aber ich konnte es einfach nicht über mich bringen, es wegzulassen. Übrigens wurde es in einem Zug im Wartezimmer meines Neurologen geschrieben. Anscheinend hat dieses eine überaus kreative Atmosphäre. :D
