Sauron
Hinter Sauron rottet sich eine Meute aus Orks und Südländern zusammen, sie folgen ihrem Gebieter, schleichen wie geprügelte Hunde, unschlüssig, aber zugleich begierig ihren Wert zu beweisen. Sauron lässt sie gewähren, doch weiter beachtet er sie nicht. Sein unsichtbarer Blick ist auf die Könige der Menschen gerichtet, sie allein sind es, denen seine Aufmerksamkeit gilt - und mir.
Ein kalter Hauch streift mich.
Weiß Sauron um meine Verbindung zu Gil-galad?
Ich vermute es.
Aber mein Geheimnis kennt er nicht.
Wird es mir zum Vorteil gereichen?
Ich bin unsicher, was den Ring an meiner Hand betrifft. Er hat mir in den vergangenen Stunden viel Kraft geschenkt, wann immer sie von Nöten war, wie ein Licht, das Hoffnung verheißt, von sich aus und ohne mein Zutun. Darf, und vor allem, kann ich die Macht des Ringes dann herbeirufen, wenn ich es für richtig halte?
Fragen stürmen auf mich ein, sie drehen sich wie eine unendliche Spirale und türmen sich auf, eine Frage bedingt zwei weitere, und der Antworten sind so wenige. Schließlich bleibt mir nur eins: Vertrauen zu haben – genau dies hat Gil-galad mir ans Herz gelegt.
Vertrauen, ganz gleich was auch geschieht.
Und Tapferkeit zu zeigen, so wie meine Brüder ...
Ohne zu zögern stürzen sie sich voran, ihrem sicheren Tod entgegen, der sie mit zerschmetterten Gliedern auf den blutbesudelten Boden sinken lässt, denn Sauron scheint nichts von seiner Kraft eingebüßt zu haben.
Auch Elendils Krieger schließen sich an. Die Menschen stehen den Elben in Mut und Kampfeswut nichts nach. Doch sie alle sind Sauron nicht gewachsen; er fegt sie hinweg wie lästiges Gewürm.
Unerbittlich führt er seine Kriegskeule und mit jedem Schlag verlischt ein Leben.
Und wenn es nicht Sauron ist, der die Tapferen fällt, dann die blutrünstige Meute auf seinen Fersen – die sich im Dutzend auf einen von unseren Kriegern stürzt und in einem wahren Rausch der Vernichtung wütet und mordet.
Aber die Selbstlosigkeit der Elben und Menschen ist nicht umsonst, lenkt sie Sauron doch von denen ab, die ihm vielleicht ein wenig Schaden zufügen können ...
Als beherrsche uns ein Gedanke, sehen Elendil und ich uns an. Der König der Menschen nickt, sein Mund formt stumm ein Wort: gemeinsam. Zur Antwort hebe ich mein Schwert und stürme vorwärts. Elendil hat recht, nur mit vereinten Kräften haben wir den Hauch einer Möglichkeit – oder vielleicht ist das Fünkchen Hoffnung auch nur Vermessenheit.
Ich erinnere mich an Gil-galads Worte.
Den Königen der Menschen sollte ich beistehen und etwas vollenden. Mit all meiner Macht werde ich mich bemühen dem letzten Wunsch meines Fürsten zu entsprechen, auch wenn es bedeutet, bei dem Versuch das Leben zu lassen. Vielleicht verschafft mein Opfer Elendil einen winzigen Vorteil ...
Nie zuvor kam ich Sauron so nah, nur eine Klingenlänge trennt mich noch von ihm; dann nicht einmal mehr sie. Es ist, als werde ich in einen dunklen Strudel gezogen. Saurons finsterer Geist schlägt mich mit Blindheit. Ich stoße mein Schwert nach vorne, bevor ich dazu nicht mehr in der Lage bin. Es trifft auf Widerstand, und dann gleitet es vorwärts, durch die Wucht reißt die Klinge kleine Stücke aus der schwarzen Rüstung.
Splitter aus Stahl streifen meine Hände und mein Gesicht, so schnell, dass sie keinen Schmerz verursachen, aber ich fühle das Blut, das aus den Wunden tritt; heiß rinnt es über meine Haut.
Und noch etwas anderes fühle ich – Saurons stummen Schrei, der durch meine Gedanken fegt wie ein Sturmwind. Die Klinge hat das berührt, was der Dunkle Herrscher unter seiner Panzerung verbirgt, und er hat es gespürt. Aus tiefstem Herzen wünsche ich mir, wenigstens etwas Schaden angerichtet zu haben.
Mit all meiner Kraft zerre ich am Knauf der Waffe, ich will sie nicht verloren geben, denn sie ist für mich in diesem Moment zu kostbar, und sie ist ein Zeichen: auch Sauron kann Schaden zugefügt werden, und man muss nicht Gil-galad heißen, um dies zu vollbringen.
Endlich ist das Schwert frei. Doch ehe ich an einen weiteren Angriff denken kann, packt mich eine unsichtbare Hand und wirbelt mich davon, zwischen die Erschlagenen, deren Leiber meinen Fall auffangen. Dennoch bin ich einen Moment benommen, meine Glieder gehorchen mir nicht.
Als der Schleier vor meinen Augen sich endlich lichtet, bietet sich mir ein Anblick, der mir den Atem raubt.
Elendil!
Wie ein Wesen aus einer anderen Welt jagt er vorwärts, er hat seinen Vorteil erkannt. Saurons Wut und Hass sind allein auf mich gerichtet und in seiner Siegesgewissheit achtet er nicht auf das, was hinter seinem Rücken geschieht, und so entgeht ihm der Mensch, bis es zu spät ist ...
Narsil blitzt in der roten Düsternis des Schlachtfeldes auf wie ein verheißungsvolles Licht. Mit beiden Händen führt der Hohe König von Arnor und Gondor die Klinge, die ein Meisterwerk der Zwergenschmiedekunst ist, hart und scharf, und noch nie war sie schartig.
Viele Feinde sind diesem Schwert erlegen, das seinem Namen alle Ehre macht: wie die Strahlen des Mondes und der Sonne durchdringt es die Dunkelheit – so wie es die Rüstung des Dunklen Herrschers durchdringt, der sich nun doch umwendet, den Arm mit der Streitkeule zum Schlag erhoben. Doch geschickt und geschmeidig unterläuft Elendil Saurons späte Abwehr.
Funken springen hervor, als Metall auf Metall trifft. Das Schwert sucht sich seinen Weg durch die schwere Panzerung, ein entsetzliches Geräusch ertönt, ein Reißen und Bersten und ein Schrei der Wut. Sauron ist es, der ihn ausgestoßen hat. Mit einer Hand ergreift er die Schwertklinge und plötzlich funkelt ein goldenes Licht an seinem Finger. Ich höre ihn Worte in der Schwarzen Sprache sprechen, die mir beinahe den Verstand rauben, und dann sehe ich, dass es ein Ring ist, der dort glüht - der Eine Ring!
Angst greift mit kalten Fingern nach mir. Sauron hat die Macht seines Ringes beschworen, und so sind zwei böse Geister vereint im Kampfe, denn auch wenn der Ring und Sauron eins sind, so ergänzen sie sich in ihrer Verderbtheit wie zwei getrennte Seelen; und dies aufs Vortrefflichste.
Elendil zögert keinen Augenblick. Er ist ein Krieger durch und durch, ganz gleich wer sein Gegner sein mag und welchen Zauber er ins Feld führen kann. Der König der Menschen lässt sich nicht beirren durch Saurons Kraft, lehnt sich gegen den breiten Knauf des Schwertes.
Langsam gleitet die Klinge durch Saurons behandschuhte Finger. Flammen beginnen an der Schneide entlang zu züngeln, als seien sie Blut und wieder tanzen Funken umher. Es ist ein verbissenes Ringen des Menschen gegen den Herrn der Dunkelheit.
Wenige Augenblicke später glüht das Schwert. Doch es ist kein wirkliches Feuer, das es einhüllt, wäre es heiß, so müsste die Klinge vergehen!
Der Biss Narsils ist auch für Sauron schmerzhaft, er dringt tief und die Reinheit des Mithrils ist dem Bösen ein Gräuel. Ich kann die Wut des Dunklen Herrschers spüren, als lasse sie meinen eigenen Körper beben, und den Schmerz, der sich einen winzigen Augenblick über Saurons verdorbene Seele legt. Aber Sauron wäre kein Maia, wenn es nicht mehr als ein paar Schwerstreiche bedarf, um ihn zu bezwingen, selbst wenn Gil-galad ihn geschwächt hat.
Ich bin hin und her gerissen zwischen Hoffen und Bangen.
Wie lange wird der König der Menschen bestehen können?
Ich bin zur Tatenlosigkeit verdammt, obwohl jede Faser meines Seins mich zwingen will, Elendil zu Hilfe zu eilen. Doch ich vermag mich noch immer nicht zu regen, und so bleibt mir nichts weiter als die Rolle des Beobachters, dessen Hände gebunden sind.
Ich kann Elendils Kraft nur bewundern. Unter Brustpanzer und Kettenhemd spannen sich geschmeidige Muskeln; der König weigert sich standhaft, das brennende Schwert fahren zu lassen, mit seinem ganzen Körper wirft er sich nach vorne, treibt die Klinge weiter und weiter, und überwindet Saurons Widerstand ...
Mit aufkeimender Hoffnung sehe ich, wie der Dunkle Herrscher zurückweichen muss. Elendils Stärke ist legendär und nun zeigt er sie mit dem Mut desjenigen, der nichts mehr zu verlieren hat – ebenso wie seine Beharrlichkeit, denn auch als die gewaltige Kriegskeule ihn mit ungeheurer Wucht trifft, klammern sich seine Finger um den Knauf Narsils und Schwert und Mensch werden davon geschleudert, wie Blätter in einem Herbststurm; an das uralte Vulkangestein, das den Berghang säumt und dessen raue Oberfläche von kleinen, spitzen Erhebungen bedeckt ist.
Das scheußliche Geräusch brechender Knochen dringt peinigend an meine Ohren, und das helle Klirren, als das Schwert in der Hand des Königs an dem Gestein zerbirst. Die Bruchstücke Narsils wirbeln davon wie blitzende Sterne, ihr Glühen wird zu einem Glimmen ...
Elendil sinkt zusammen, er ist tot, bevor sein Körper ganz den Boden berührt. Blut sickert aus seinem leicht geöffneten Mund, ebenso aus der klaffenden Wunde auf seiner Brust, die ihm die Kriegskeule Saurons geschlagen hat.
So als sei der König der Menschen auch jetzt noch nicht bereit aufzugeben, umklammert seine Hand den Knauf des zerborstenen Schwertes, an dem sich noch ein Stück der Klinge befindet. Doch dann lösen sich seine Finger und geben den Schwertgriff frei. Eine fürchterliche Ruhe hat sich über das ganze Schlachtfeld ausgebreitet. Der Kampf Saurons und Elendils hat alle in einen Bann geschlagen, die Waffen schweigen und ein jeder – ob Freund oder Feind – hat den Atem angehalten.
