Narn Gil Galad

von Earonn


Kapitel XV – Der Hohe König I


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Danksagung: an Ute und Círdan für das Korrekturlesen der englischen Version.

Widmung: für Soledad, Nisshoku, Anja, Ute, Círdan, Jaschenka, Jojo und ganz besonders Vorondis für ihre Hilfe und Inspiration beim Finden der beiden Namen für meine jungen Ratten. Sie heißen nun ‚Findor' und ‚Rodnor'. Ork-Kekse für den, der die Bedeutung dahinter kennt! :)

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A/N:

Dragon of the North: Vielleicht weißt du ja inzwischen, was ich mit Gwindor angefangen habe. Ich hoffe, es findet dein Einverständnis. Er ist aber auch wirklich ein sympathischer Elb!

Jojo: der Elf bittet um Entschuldigung und verwandelt sich stehenden Fußes in einen Elb. Tja, die Freuden der Zweisprachigkeit...

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Kapitel XV Der Hohe König


Der zerlumpte Mann, der vor Elwing und Erestor geführt wurde, sah nicht im mindesten wie der Anführer der Noldor aus, als der er sich bezeichnete. Nach einem Jahr in der Wildnis war Tuors blondes Haar matt und seine Kleidung zerlumpt, ungeachtet aller Bemühungen seitens Idril und ihrer Dienerinnen. Er war ausgezehrt und von einer Müdigkeit, die nichts mit den hinter ihm liegenden Härten zu tun hatte, sondern in seinem fëa selbst begraben war. Nur seine Augen leuchteten wie stets, wach und voller Aufmerksamkeit, und Stolz lag in seinem Gebaren.

Erestor stammte von den Nandor, die den Vätern der Menschen wenig Liebe entgegengebracht hatten, als diese früh im Ersten Zeitalter über die Ered Luin gekommen waren. Dessen ungeachtet hieß er Tuor freundlich und in Ehren willkommen. Jene Zeiten waren lange vorbei, sein Sinn hatte sich gewandelt. Zunächst um Berens willen, den die Elben Ossiriands als ihren Herrn anerkannt hatten, und später durch das Zusammentreffen mit den an den Küsten Balars lebenden Edain.
Doch während die Liebe von Beren und Lúthien es Erestor erleichterte, Tuors Ehe mit Idril Celebrindal hinzunehmen, konnte die Erinnerung an den Untergang Doriaths nicht den Schmerz über die Kunde von Gondolins Fall lindern. Voller Erstaunen und erfüllt von Kummer hörten er und Elwing Tuors Erzählung an. Zwar hatten sie bereits seit mehreren Jahren keine Botschaft aus der Verborgenen Stadt mehr empfangen, doch war dies nicht ungewöhnlich und so hatte kein Grund zur Sorge bestanden, um so weniger zur Erwartung des Schlimmsten.

"Und wo befinden sich Eure Leute jetzt?", fragte Erestor schließlich.
"Idril und ich haben beschlossen, sie weiter den Sirion hinab zu geleiten. Es wäre töricht, noch länger in Nan Tathren zu verweilen, sie brauchen eine feste Bleibe..." Tuors Stimme nahm einen fragenden, beinahe bittenden Tonfall an.
"Sie sind uns selbstverständlich willkommen", sagte Elwing entschlossen, dann errötete sie, überrascht von ihrer eigenen Kühnheit, und blickte aus den Augenwinkeln zu Erestor hinüber. Er legte eine Hand auf die Schulter des Mädchens und nickte.
"Wir werden Schiffe senden, um Euer Volk so sicher und bequem wie möglich hierher zu bringen."

Nur wenige Stunden später verließ die erste Flotte kleiner Boote den Hafen und folgte dem mächtigen Sirion flußaufwärts, den Gondolindrim entgegen. Ein Schiff wandte sich südwestlich nach Balar, mit der Kunde vom Eintreffen eines Boten Gondolins.

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Elwing war alt und gebildet genug um zu wissen, was diese Neuigkeit für Gil Galad bedeutete, sie war jedoch nicht alt genug, frei von kindlichen Ängsten zu sein. Nachdem sich alle zur Nachtruhe zurückgezogen hatten, lag sie wach und dachte sorgenvoll über die Zukunft nach. Schließlich verließ sie ihr Bett und suchte Erestors Räumlichkeiten auf.
"Meister Erestor?"
Er sah von seinem Buch auf. "Ja, Herrin?"
Sie öffnete die Türe gerade weit genug um hindurchschlüpfen zu können und setzte sich neben ihn auf den dicken Vorleger vor der Feuerstelle. Lieber hätte sie sich dem Elben auf seinem Sitzplatz hinzugesellt, doch wiewohl ein einfühlsamer Lehrer, behandelte Erestor sie doch niemals wie ein Vater oder anderer Verwandter es getan hätte.
"Wird 'Ellach uns verlassen, jetzt da er der König ist?"
Der Elb faltete seine Hände auf dem Buch. "Meinst du, du hättest die angemessenen Titel verwendet?", fragte er seine Schülerin freundlich, wenn auch mit einem enttäuschten Unterton.
Elwing biß sich auf die Unterlippe, eine Angewohnheit, die sie von ihrem geliebten Bruder übernommen hatte.
"Meister Erestor, ich würde gerne fragen, ob König Gil Galad uns verläßt, jetzt da er Hoher König der Noldor sein wird."
"So ist es besser. Nein, ich bin mir sicher er wird bei uns bleiben. Er und sein Volk könnten sich sonst nirgendwo hin wenden, und es erscheint mir unwahrscheinlich, daß er überhaupt die Absicht hat, Balar zu verlassen." Er schenkte ihr ein wissendes Lächeln. "Und sei gewiß: er wird ebenso viel Zeit für dich erübrigen können wie schon zuvor. Es wird kein allzu großer Unterschied zu seinem bisherigen Leben sein, seit seiner Ankunft auf Balar hat er an Stelle des Hohen Königs gehandelt."
Sie nickte, dankte ihm und legte sich erneut zu Bett, darum bemüht, Trost in Erestors Worten zu finden. Als sie schließlich einschlief, wurde sie von Alpträumen heimgesucht. Sie floh vor einer unbekannten Gefahr, voller Entsetzen und Angst, und Gil Galad war nicht bei ihr, sie zu beschützen. Dann sah sie ihn von hoch oben, er stand am Bug eines großen Schiffes, bewaffnet und wilden Zorn verströmend. Sie wollte ihn rufen, doch als sie seinen Namen rief, klang es nur wie ein Schrei ähnlich jenen der großen Silbermöwen. Und dann war er verschwunden und sie flog weiter über die tiefen, dunklen Wasser hinweg, und Manwes Wind war um sie.

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Früh am nächsten Morgen brach Tuor nach Balar auf. Während die Elben das Schiff vorbereiteten, beobachtete er den Hafen der Ansiedlung. Sein Herz war voll Unruhe angesichts der düsteren Kunde, die er zu überbringen hatte.
Endlich gesellte er sich Erestor hinzu, der über der Hafenmauer lehnte, den Blick auf eine dünne Linie dunkler Wolken gerichtet, die wie ein böses Omen über dem Horizont hing.

Tuor fuhr mit einem Finger die Fugen zwischen den Backsteinen in der Mauer nach.
"Meister Erestor, von welcher Wesensart ist Gil Galad? Wir haben gehört, daß er sein Volk nach Balar brachte und ich weiß, er handelte in vielen Dingen als Stellvertreter Turgons, doch was wird er tun wenn er hört...."
"Wenn er von Eurer Vermählung hört? Dem Fall von Gondolin? Dem Tod des Hohen Königs?," erwiderte der Elb ohne sich umzuwenden.
"Von all dem."
Erestor wählte seine Worte mit Bedacht. "Ich kann es nicht mit Gewißheit sagen. Er kann zuweilen...schwierig zu verstehen sein. Gewöhnlich ist er sehr ruhig und doch brennt ohne jeden Zweifel das Feuer der Noldor in seinem Herzen. Er kümmert sich gut um sein Volk und war auch den Edain stets sehr freundlich gesonnen, also sorgt Euch nicht. Selbst wenn ihm Eure Heirat mit der Lady Idril mißfallen sollte, wird er die Gondolindrim unterstützen, so gut er kann. Was jedoch den Untergang Gondolins und die Nachfolge der Hohen Königswürde angeht..." Erestor hielt inne und verlagerte unbehaglich sein Gewicht vom linken Arm auf den rechten. "Er hat als Hoher König gehandelt, während Turgon den Titel trug. Es sind nicht wenige in der Bucht von Balar, die nahezu vergessen haben, daß es noch einen anderen Elbenkönig als Finellach Gil Galad gibt. Und er war...er war mit Turgons Entscheidung, in Gondolin zu bleiben, nicht einverstanden."
Tuor nickte. "Ich denke, ich verstehe. Danke."

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Gil Galad erwartete sie bereits am Kai, und zum ersten male erblickte Tuor den künftigen Hohen König der Noldor.
Er war mehr als nur ein wenig enttäuscht. Dieser Elb sah nicht wie ein König aus, von einem Hohen König der Noldor ganz zu schweigen. Ein armseliger Ersatz schien er im Vergleich zu dem edlen und weisen Turgon, in dessen Augen sich noch das Licht Amans widergespiegelt hatte.

Der ‚armselige Ersatz' betrachtete erfreut, wenn auch aufrichtig überrascht den Mann, den er für einen Boten seines Onkels hielt. (1) Erestors Nachricht hatte ihn nicht darauf vorbereitet, einen der Edain zu empfangen. Nachdem Tuor, noch nicht an die Bewegungen eines Schiffes gewöhnt, dieses unbeholfen verlassen hatte, betrachtete Gil Galad ihn für eine Weile.
"Ihr seht wie ein Angehöriger des Hauses von Beor aus. Ihr ähnelt ihm."
"Das ist richtig, mein Herr. Ich bin Tuor, der Sohn Huors und Ríans, der Urenkelin von Bregor, dem Sohn Boromirs."
"So sind wir bereits durch die Freundschaft zwischen Eurem Haus und dem meinen verbunden. Seid willkommen, Tuor aus dem Hause Beors des Alten. Ich erinnere mich an Boromir, obwohl er noch ein Kind war, als ich ihn zuletzt sah." Die Erinnerung an einen schlaksigen Jungen der ihn um Erlaubnis anflehte, sein Pferd reiten zu dürfen, ließ Gil Galad lächeln. "Er war sehr... überzeugend, selbst in seiner Jugend." Mit einer einladenden Geste fügte er hinzu "Doch Euer Auftrag besteht nicht in der Geschichte unserer Häuser, sondern den Neuigkeiten von meiner Sippe aus Gondolin. Bitte, begleitet mich und überbringt die Botschaft, um derentwillen Ihr gesandt wurdet."

Sie gingen am Strand entlang und hatten bald den Hafen hinter sich gelassen. Erst jetzt, da niemand mehr in Hörweite war, sprach der Sohn Orodreths weiter.
"Wir erfahren nur wenig von der Verborgenen Stadt, dennoch bin ich überrascht, daß einige der Zweitgeborenen innerhalb Turgons Reich leben."
"Ich bin der einzige, Hoheit." Tuor schwieg kurz. "Und ich bin ein Prinz der Noldor."
Gil Galad hielt abrupt inne und wandte langsam den Kopf, eine Braue gehoben.
"Aufgrund welchen Rechts?"
Eine leichte Schärfe war in seiner Stimme, die Tuor nicht entging. Er hatte jedoch eine weitaus schlimmere Reaktion auf seine Eröffnung erwartet. "Durch das Recht der Heirat. Idril Celebrindal, die Tochter Turgons, ist meine Gattin."
Ein Teil der Überraschung in Gil Galads Blick machte sorgfältig beherrschtem Mißfallen Platz, das sich in einem leichten Stirnrunzeln äußerte.
"Also sind wir jetzt Verwandte, Ihr und ich. Und ich kann nur hoffen, Euer Schicksal wird Euch nicht dazu führen eure Heimat zu verderben wie es Túrin, der Sohn Eures Onkels, getan hat."
Gil Galad wandte sich um und ging mit schnelleren und zornerfüllten Schritten weiter. Verwirrt von diesem plötzlichen Unmut folgte ihm Tuor.
"Ich verstehe nicht, was Ihr meint."
"Nein, natürlich tut Ihr das nicht. Nur wenige können das." In seine Erinnerungen versunken betrachtete Gil Galad die Vögel auf dem Sand. Schließlich seufzte er tief und schüttelte den Kopf.
"Es war sein Schicksal und es muß nicht das Eure sein. So erzähle mir von Gondolin, Vetter." Und trotz allen Vertrauens, das im Laufe der nächsten Jahre zwischen ihnen entstand, sollte Tuor niemals die Bedeutsamkeit dieses Wortes erfahren, noch wie viel es Gil Galad gekostet hatte, einen weiteren Mann aus Hadors Haus so nahe bei sich zu dulden. (2)

Der Adan schloß flüchtig seine Augen. Dies war genau der Moment, den er ein volles Jahr lang gefürchtet hatte. Er leckte sich über die Lippen und schmeckte Salz – vom Meer? Von all den Tränen, die er vergossen hatte? Nicht ohne Mühe sah er dem Elbenkönig direkt ins Gesicht.
"Um es kurz zu machen, Hoheit – Gondolin ist nicht mehr. Morgoth kam mit Drachen und Balrogs und zerstörte die Verborgene Stadt. Die meisten unseres Volkes sind tot."
Er erriet die unausgesprochene Frage.
"Ja. Unter ihnen auch der Hohe König Turgon. Es tut mir leid."
Erneut war Gil Galad stehengeblieben. Wie von einem eigenen Willen gelenkt, senkte sich sein Blick zu den Muscheln auf dem Sand, weiße Flecke auf braun wie fahle Sterne an einem verdorbenen Himmel. Er zählte sie geistesabwesend.
Seit der Zerstörung seiner Heimat hatte er stets gefürchtet, auch Gondolin würde irgendwann untergehen. Und nun war der Tag schließlich gekommen. Mit Turgon war der letzte der Hohen Könige gestorben, der noch das Licht von Valinor gesehen hatte, und der letzte Erbe des Titels aus dem Haus von Fingolfin.
War er selbst bereit, dieses Erbe anzutreten? Er hätte es nicht sagen können. Wie der Fall von Nargothrond so kam auch das Verderben Gondolins überraschend, geahnt und doch nicht erwartet, und es drängte ihm nun eine Verpflichtung auf, gleichgültig ob er sich dieser gewachsen fühlte oder sie sich wünschte.
"Ich fürchtete, dies würde geschehen", flüsterte er schließlich. "Nargothrond, Doriath und Gondolin, innerhalb von nicht mehr als fünfzehn Jahren. Wahrlich, die Valar haben uns verlassen."
‚Sie haben mich verlassen', rief eine beinah hysterische Stimme in ihm. ‚Wie soll ich die Noldor gegen Morgoths Angriffe verteidigen und beschützen? Wieso wurde mir diese Aufgabe auferlegt? Ich will sie nicht, oh bitte, erspart sie mir!'
Doch wußte er nur allzu gut, als ein Mitglied des Hauses von Finwë konnte er sie nicht zurückweisen. Es war ihm schlichtweg nicht gestattet.

Geduldig wartete Tuor bis der Elb neben ihm seine Fassung wiedergewonnen hatte.
"Ich nehme an, Erestor hat deinem Volk bereits Hilfe gesandt?" fragte Gil Galad einige Zeit später heiser.
"Ja, Hoheit. Die Schiffe haben gestern Abend den Hafen verlassen."
Mit einem kurzen Lachen bar jeden Humors nickte der König in Richtung der Bucht. "Ein großer Unterschied zu den Gefühlen, welche die Doriathrim anfangs gegenüber den Noldor hegten! Wenigstens bringen unsere Schicksale uns einander näher und lassen uns die Fehler der Vergangenheit vergessen. Wo befinden sich deine Leute jetzt?"
"Was von Gondolins Söhnen und Töchtern übrig geblieben ist, lebt unter Idrils Führung in Nan Tathren."
Ein schwaches Lächeln umspielte die Lippen des Elbenkönigs. "Wie geht es meiner Cousine?"
"Es geht ihr gut – ebenso wie unserem Sohn."
"Euer.." Gil Galad wandte den Kopf seinem Begleiter zu, ohne sich irgendwelche Mühe zu geben, sein Erstaunen zu verbergen. "Sage mir, Tuor, Sohn von Huor: wann gedenkst du damit aufzuhören, mich zu überraschen? So habe ich also einen weiteren Vetter, und nichts weniger als einen Halbelben..."
Zur großen Erleichterung des Adan war der Tonfall des Elben sanft und leicht amüsiert.
"Ja, mein Herr. Sein Name ist Earendil."
"'Meeres-Freund', ein seltsamer Name für ein Kind, dessen Geburtsstätte in Gondolin liegt."
Für einen Augenblick herrschte Stille, und als Gil Galad weitersprach klang seine Stimme leise und ernst. "Wer weiß noch von Turgons Tod?"
"Nur die Elben, die uns gefunden haben, und natürlich Herr Erestor und Elwing. Ich hielt sie nicht für alt genug von solchen Dingen zu hören, doch er bestand darauf, sie in ihrer Anwesenheit zu besprechen."
"Sie ist weitaus reifer, als ihr körperliches Alter es vermuten lassen würde. Und sie wird die Herrin der Doriathrim sein. Es ist nicht verkehrt, wenn sie weiß was um sie herum geschieht."
Der Mann runzelte die Stirn. "Ihr meint, die Doriathrim werden sie als Königin anerkennen?"
"Tuor, die Sindar sind was die Erbfolge anbelangt nicht so streng wie die Noldor. Das Volk von Doriath hat Dior als seinen König akzeptiert und sie werden ebenso seine Tochter akzeptieren – als eine Königin, Herrin oder wie immer du es nennen magst. Der Titel ist ohne Belang. Sie werden ihr folgen."
"Ich dachte, Erestor würde..."
"Erestor führt sie, bis Elwing alt genug ist es selbst zu tun. Er ist sowohl ihr Vertreter als auch ihr Lehrer. Davon abgesehen besitzt er keinerlei Recht über das Volk von Arvernien, noch hegt er den Wunsch danach. Wie so viele von uns mußte er eine Pflicht auf sich nehmen, ungeachtet dessen ob er willens war, dies zu tun."
Tuor war sich des verborgenen Vorwurfs wohl bewußt und versteifte sich. "Turgon tat nur, was er für das Beste hielt."
"Turgon ließ alle Noldor außerhalb der Verborgenen Stadt im Stich!", fauchte Gil Galad. "Ihn kümmerten nicht die Elben der Nördlichen Reiche, ihn kümmerten nicht die Flüchtlinge von Nargothrond oder die Überlebenden von Doriath. Vielleicht hatte er sein eigenes Schicksal zu erfüllen, wie einige sagen, doch sein Volk hat bitter dafür bezahlen müssen!" (3)
"Sie waren nicht gänzlich ohne Führer, oder wenigstens sagte Erestor dies."
"Ich habe versucht, an Stelle des Hohen Königs zu handeln, ja. Irgend jemand mußte es tun. Wie erfolgreich ich dabei gewesen bin, weiß ich nicht. Doch was ich weiß ist, daß kein Angehöriger des Hauses von Finwe jemals jene verlassen hat, die ihm anvertraut waren."
Der Zorn ebbte so schnell wieder ab, wie er gekommen war. "Es ist nicht länger von Bedeutung. Er befindet sich jetzt in Nàmos Händen und wenn er gefehlt hat, wird er Unterweisung erfahren. Er wird lernen, was wir nur vermuten können und vielleicht werden die Valar ihm vergeben, so es denn überhaupt Vergebung für die Noldor gibt." Gil Galad deutete in Richtung des Hafens und der weißen Segel. "Círdan befindet sich auf einer Schiffsreise entlang der südlichen Küste, wir erwarten ihn in drei Tagen zurück. Bis dahin sei mein Gast und laß uns über Angenehmeres sprechen. Ich bin sehr an meinen Halbelben-Vetter interessiert."
Tuor folgte der Aufforderung nur zu bereitwillig, sowohl als stolzer Vater als auch um den Kummer zu vergessen und sei es auch nur für kurze Zeit.

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Als sie in den Hafen zurückkehrten, hatte sich dort schon viel Volk versammelt um den Besucher zu sehen, von dem gesagt wurde er sei ein Bote des Hohen Königs Turgon. Die Angehörigen des Volkes der Menschen grüßten Tuor respektvoll, denn sie erkannten seine Herkunft aus einem der Drei Häuser und Bote oder nicht, für sie war er ein Herr von hohem Rang.
Als sie beinahe die schmale Allee erreicht hatten, die zur Halle des Königs hinaufführte, stieß jemand in der Menge einen lauten Ruf aus.
"Tuor!"
Ein schlanker Elb mit scharfgeschnittenem Gesicht, ganz in Grau gekleidet, drängte sich recht rauh durch die Menge.
Tuor errötete voller Überraschung und Freude.
"Annael! Pflegevater Annael!"
Sie fielen einander in die Arme, lachend und weinend zugleich, während Gil Galads Gesicht einen resignierten Ausdruck annahm. Pflegevater? Ganz offensichtlich wollte der Sohn Huors noch nicht damit aufhören, ihn zu überraschen.

Nach einer Weile trennten sich die beiden und Tuor führte den Grauelben zu Gil Galad.
"Mein Herr, dies ist Annael aus dem Hause des Schwans. Er hat mich aufgezogen nachdem meine Mutter fortgegangen war, bis wir aus Mithrim vertrieben wurden."
Annael verneigte sich vor dem König. "Es war das geringste, was wir für den Sohn von Huor tun konnten – oder für jedes andere elternlose Kind, sei es Elb oder Mensch."
"Und dennoch war es eine noble Tat", erwiderte Gil Galad, "und da Tuor, der Sohn Huors, nun auch ein Mitglied des Hauses von Finwe ist, schulde ich Euch ebenfalls meinen Dank." Eine Braue hebend fragte er "Warum seht Ihr mich so an? Als sein Pflegevater solltet Ihr an seine Fähigkeit, andere zu überraschen, gewohnt sein. So seid auch Ihr mein Gast – es sei denn Ihr habt heute Abend andere Pläne, als das Wiedersehen mit Eurem Pflegesohn zu feiern?"
Er lächelte und Tuor fand, daß dieses Lächeln, wiewohl schwach und nicht frei von Trauer – denn er sollte erst später erfahren, daß der König von Nargothrond niemals frei von ihr war – Gil Galads Gesicht erleuchtete und einen freundlichen und weniger düsteren Charakter enthüllte.
Annael verneigte sich zum Dank. Noch niemals zuvor hatte er mit dem Sohn Orodreths gesprochen, aber offensichtlich war nicht übertrieben, was man sich von seiner liebenswürdigen Art erzählte.
"Ich nehme Eure Einladung gerne an, mein Herr, doch mit Eurer Erlaubnis werde ich zuerst meine Familie verständigen. Alle kennen Tuor seit dem Tag an dem er geboren wurde und es wird sie erleichtern, von seinem Überleben zu erfahren."
"Um also diese zweite Trennung so kurz wie möglich zu machen, warum bringt Ihr Eure Familie nicht in meine Halle und seid heute Abend meine Gäste?", erwiderte Gil Galad. "Dann kann Euer Pflegesohn damit fortfahren, uns in Erstaunen zu versetzen."
Und so herrschte an diesem Abend wegen der freundlicheren Geschichten, die Tuor erzählen konnte, wie auch aufgrund des Wiedersehens mit seiner Pflegefamilie, großes Glück.

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Zwei Tage später kehrte Círdan von seiner Reise zurück, doch alle Freude – denn er hatte einige kleine Inseln gefunden, auf denen zumindest ein Teil der Elben verbleiben konnte, sollte Arvernien vom Feind überrannt werden – schwand rasch, als Gil Galad ihn von dem neuesten Schicksalsschlag berichtete.

Wie es ihre Gewohnheit war, gingen die beiden Elbenherren am Strand entlang, ihre Gedanken austauschend und beim Meer Erholung suchend von den Anstrengungen des Tages. Es herrschte Ebbe und viele Vögel rannten über den feuchten Sand, hier und da hineinpickend oder sich um einen Leckerbissen streitend. Der feuchte Untergrund gurgelte leise und der Halbmond spiegelte sich in hunderten kleiner Pfützen. Ein friedliches Bild, in schmerzhaftem Gegensatz zu den schrecklichen Neuigkeiten.

Zuletzt verschränkte Círdan seine Hände auf dem Rücken. "Sagen wir es den anderen?"
"Noch nicht", war die kurze Antwort.
"Zumindest der Rat sollte es erfahren."
Gil Galad wandte sich seinem Begleiter zu. "Wieso? Es wäre vollkommen sinnlos." Er zog die Stirn kraus. "Begreifst du nicht was dies bedeutet, Círdan? Wir hielten Nargothrond für gut verteidigt – und es fiel. Wir wähnten Doriath sicher durch Melians Macht – und es fiel. Wir waren sicher, Gondolin würde dem Feind verborgen bleiben – und es fiel."
Er schien eine Antwort zu erwarten und Círdan nickte schweigend.
"So sage mir denn", fuhr Gil Galad fort, "Sage mir, Herr der Häfen, der Rat von Osse und Ulmo selbst erhält, welche Verteidigung kann Balar aufweisen? Keine!" Er unterstrich seine Worte mit einer heftigen Geste. "Keine außer ein paar Wachen. Ich habe dir erzählt, was Tuor berichtete. Der Feind kam mit Feuer und Drachen und Balrogs über Gondolin, was können wir dagegen aufbieten? Und jetzt, da kein anderes erwähnenswertes Reich mehr übrig ist, werden zweifellos wir sein nächstes Ziel sein."
Seine Stimme gab seine wachsende Verzweiflung nicht zu erkennen, doch Círdan konnte sie in seinen Augen lesen.
"Uns bleibt nur, abzuwarten und eine Flucht vorzubereiten. Darauf warten, daß der Angriff erfolgt und er wird erfolgen, früher oder später. Alles was uns bis jetzt schützte war unsere Bedeutungslosigkeit im Vergleich mit Gondolin und Doriath."
Círdan legte eine Hand auf Gil Galads Arm. "Du kannst das Volk nicht vom Reden abhalten. Sie werden früh genug Bescheid wissen", widersprach er.
"Natürlich kann ich das nicht. Aber ich will ihnen diese Erkenntnis so lange wie möglich ersparen. Sie haben gerade erst angefangen ein normales Leben zu führen, wieder ein wenig glücklich zu sein. Sie bringen sogar Kinder zur Welt. Was soll ich diesen Eltern sagen – daß ihre Söhne und Töchter höchstwahrscheinlich sterben werden noch ehe sie erwachsen sind?"
"Sage ihnen, daß eine Gefahr existiert – und bereits Vorbereitungen für den Fall eines Angriffs getroffen werden. Du kannst ihnen die Angst nicht nehmen, doch du kannst sie verringern. Versuche nicht mir einzureden, du wüßtest dies nicht selbst ganz genau. Es ist eines deiner größten Talente, dem Volk Hoffnung zu geben."
"Es mag so sein wie du sagst, Schiffsbauer, nichtsdestotrotz weiß ich nicht, welche Hoffnung ich zu geben haben sollte, denn im Moment sehe ich wenig Chancen für uns."
Círdan lächelte wissend. "Und? Wirst du aufgeben?"
"Natürlich werde ich das nicht!", antwortete der jüngere Elb rasch - und mußte angesichts der lachenden Augen seines Begleiters selbst lächeln. "Du weißt viel zu genau wie du mich dazu bringen kannst das zu sagen, was du mich sagen lassen willst, mein Freund. Dies ist eines deiner großen Talente!"
"Ich habe dich nur dazu gebracht, zu sehen was du bereits wußtest und nur vergessen hast. Komm, laß uns zum Hafen zurückgehen. Die Flut wird morgen früh einlaufen und uns erwartet noch viel Arbeit."

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Am folgenden Tag kehrten Gil Galad, Círdan und Tuor nach Arvernien zurück. Wind kam auf, kurz nachdem sie aufgebrochen waren, der Himmel war grau wie die See und das Wasser unter dem Boot kabbelig. Es war eine ungemütliche Überfahrt.
Tuor stand neben dem Elbenkönig. Noch immer nicht daran gewöhnt, sich auf einem Boot aufzuhalten, hatte er Mühe den Bewegungen des Schiffes zu folgen.
"Die See ist heute unruhig", sagte er.
Gil Galad sah in die Ferne, sein Gesicht ausdruckslos. "Die See ist immer unruhig, wenn ich auf ihr reise. Du gewöhnst dich besser daran, es ist der Preis dafür, mit einem Noldo in Osses Reich zu sein."
"Aber Eure Familie hatte keinen Anteil an den Sippenmorden!"
"Ich bin mit den Sippenmördern verwandt. Dafür allein ist mir der Weg in den Westen versperrt, Osse würde mir niemals gestatten, so weit zu segeln. Er kann mich kaum auf den Wegstunden zwischen Balar und dem Festland ertragen."
"Es fällt mir schwer zu glauben, daß ein Ainu, der nicht dem Schwarzen Feind folgt, so ungerecht sein sollte."
Gil Galad hob die Schultern und seine Stimme war voll Bitterkeit. "So glaube es denn nicht. Doch frage dich selbst, warum deine Vorväter im Osten so gelitten haben. Warum die Sindar, die Sippe meiner Mutter, im Stich gelassen wurden als Beute für Morgoth und seine Kreaturen, während die Drei Stämme in Frieden und Glück in Valinor lebten. Die Rückkehr der Noldor nach Beleriand mag mit Blut und Tod erkauft worden sein, doch zumindest brachten sie uns die Hilfe, derer wir so dringend bedurften."
Tuor runzelte die Stirn. "Ihr werdet in Kürze Hoher König der Noldor sein, doch Ihr sprecht wie ein Sinda."
"Wie ein Sinda? Ich bin einer von ihnen, Kind der Zweitgeborenen", antwortete Gil Galad scharf.


Fußnoten:

(1) Die Bezeichnung Turgons als Gil Galads Onkel: Turgon war natürlich in dieser Version ihrer Verwandtschaft nicht Gil Galads richtiger Onkel. Doch wie bereits im ersten Kapitel gesagt bin ich der Ansicht, daß die Elben es mit den Verwandtschaftsbezeichnungen im täglichen Sprachgebrauch nicht so genau nahmen, da alles andere viel zu kompliziert wäre. Turgon war exakt ausgedrückt Gil Galads Onkel vierten Grades, aber wie hätte das hier im Text geklungen?

(2) Euer/ dein: es ist kein Versehen, daß ich Gil Galad hier die Art und Weise, in der er Tuor anspricht, wechseln lasse. Es ist ein Zeichen dafür, daß er ihn als seinen Verwandten akzeptiert hat.

(3) Natürlich waren die Bewohner von Doriath Sindar und somit genaugenommen Turgon nicht für sie verantwortlich. Doch sie waren "Nachbarn in Not" und somit wäre es seine Pflicht gewesen, ihnen zu helfen – ganz gewiß aus Gil Galads Sicht, der sich auf Balar aller Neuankömmlinge annehmen mußte, ungeachtet ihrer Herkunft.


2. A/ N

Offensichtlich zögert meine Muse, Gil Galad zum Hohen König zu machen. Wahrscheinlich hat er sie bestochen. Im nächsten Kapitel, versprochen!