Kapitel 7
Isildur

Entsetzen erfüllt mein Herz.
Das Bündnis zwischen Elben und Menschen findet ein jähes Ende.
Bis auf ein ersticktes Keuchen kommt kein Laut über meine Lippen. Schwer nur kann ich mich aufrichten, mir scheint, als wollten die Toten mich zurückhalten und in ihr kaltes Reich ziehen. Endlich stehe ich, kann den Blick kaum vom zerschmetterten Körper des Königs abwenden.
Erst Gil-galad, dann Elendil!
Und nun ...?
Isildur!
Fast habe ich Elendils Erstgeborenen vergessen; den schweigsamen Fürsten, dessen Unnahbarkeit von vielen als falscher Stolz ausgelegt wird. Als der Kampf mit Sauron begann, war er bei seinem Vater; doch dann habe ich ihn aus den Augen verloren, und nicht mehr an ihn gedacht ...

Nun steht er da, ein wenig abseits, um ihn herum liegen zahlreiche erschlagene Feinde. Er ist blass über alle Maßen, hält sein schartiges Schwert in den Händen, das er mit einem Mal fallen lässt und vorwärts stürmt – hin zu seinem Vater.
Ich glaube, ich bin der Einzige, der Isildur jemals weinen sah, denn nur ich bin nahe genug, die glitzernden Tränen auf seinen eingefallenen und blutverkrusteten Wangen erkennen zu können. Dieser Anblick berührt mich mehr, als es jede andere Äußerung der Trauer getan hätte. Hilflos bleibe ich fern, weil es keine Worte des Trostes Angesichts des Todes und des Verlustes gibt, die nicht falsch und unpassend wären.
So ist Isildur allein mit seinem Schmerz, einige kostbare Augenblicke lang.
Langsam wende ich mich ab, der verhassten Gestalt zu, die den Untergang für alle freien Völker Mittelerdes bedeutet.

Saurons mächtiger Körper hat reglos verharrt, seit König Elendil fiel; nun tastet sich eine verhüllte Hand vorwärts zu dem tiefen Riss in seiner Rüstung, der quer über die breite Brust verläuft. Jetzt ist es kein Leuchten mehr, das hervorblitzt – Schwärze sickert aus der Wunde wie zähes Blut, stetig wabert sie umher.
Sauron lässt seine Hand sinken und mit großer Genugtuung sehe ich, dass seine Bewegungen an Kraft verloren haben. Er ist geschwächt worden, erst durch den König der Elben und nun durch den König der Menschen.
Geh, beende es! Auf die eine oder andere Weise, flüstert mir eine Stimme zu, und überrascht bemerke ich, dass es meine eigene ist, denn mein Mund hat diese Worte geformt. Voller Entschlossenheit setze ich mich in Bewegung, das Schwert in der Hand, welches nicht mein eigenes ist, sondern das eines Menschen – mit grader, breiter Schneide und einem Griff, den ich mit beiden Händen halten kann. Die Klinge hat ihren Glanz verloren, aber nicht ihre Schärfe, das Mithril, mit dem sie verstärkt ist, wird niemals stumpf.
Sauron soll es noch einmal spüren, und dann wird es vergehen, so wie Narsil mit seinem Herrn entseelt wurde ...

Plötzlich werden meine Schritte schwer, etwas zerrt an mir, will mich am Weiterkommen hindern. Verbissen kämpfe ich gegen den unsichtbaren Griff. Die Luft beginnt zu knistern und dann fühle ich etwas herankriechen, das mir das Blut in den Adern gefrieren und mich verharren lässt.
Sei verflucht und brenne, Elender! So wie dein König. Doch zuvor werde Zeuge meines vollkommenen Triumphes.
Worte, nur für mich geflüstert, in der Hohen Sprache meines eigenen Volkes und doch von so unendlicher Hässlichkeit und grausamer Lust. Sauron wendet mir sein verhülltes Antlitz zu, während sie verhallen.
Ich könnte schwören, dass es ein Lächeln ist, welches auf den verborgenen Lippen des Dunklen Herrschers liegt – ein Lächeln voller Verachtung und boshafter Freude. Lange musste er auf diesen Tag warten, durch Siege und Niederlagen ist er gegangen, aber niemals waren sie endgültig.

Voll ohnmächtiger Wut sehe ich Sauron zu Isildur schreiten, er nimmt sich Zeit, kostet jeden Augenblick aus, der ihn an sein Ziel bringt und mich immer zorniger und verzweifelter macht.
Es gelingt mir die Hand zu heben, als wolle ich nach Sauron greifen, um ihn aufzuhalten. Ein winziges Funkeln krönt meinen Finger, kurz leuchtet es auf, doch dann verblasst es wieder.
Warum?
Warum offenbart sich die Macht des Ringes nicht?
Ich könnte Isildur retten!
Drohend ragt Saurons hohe Gestalt über den letzten König der Menschen, der winzig erscheint, wie er neben Elendil kniet, den Kopf des Gefallenen in den Händen und heiße Tränen auf den Wangen.
Er sieht nicht auf, scheint in einer anderen Welt zu verweilen, die niemand außer ihm selbst betreten kann. Die tödliche Gefahr in der er schwebt, nimmt er nicht wahr. Oder vielleicht will er ihrer auch nicht gewahr werden.

Der Tod hat ihm all diejenigen entrissen, die ihm nahe standen, mit unerbittlicher Grausamkeit und ohne Gnade. Isildurs Schultern beben. Ich höre ihn leise schluchzen und Worte murmeln – und noch etwas dringt an meine Ohren: Saurons verhasste Stimme. Diesmal erklingt sie laut und weit, volltönend und doch so kalt und schneidend wie ein Eissturm.
Wo ist der Sieg, den Menschen und Elben zu erringen gedachten? höhnt sie.
Wo ist die Macht derer, die mich in das Dunkel treiben wollten, das sie selber erwartet? Ich sehe nichts weiter als einen elenden Feigling, der es vorzieht Tränen zu vergießen wie ein hilfloses Weib, statt Stärke zu zeigen, wie ein Mann.
Isildurs Gesicht verzerrt sich vor Zorn ob dieses Spottes, der auch seine Ohren erreicht hat. In diesem Moment gibt es nichts menschliches mehr an ihm, er ist Gestalt gewordene Wut, die sich nährt aus Trauer und Verzweiflung.

Als Sauron seine Streitkeule zum vernichtenden Schlag erhebt, tastet sich Isildurs Hand zum Knauf des zerborstenen Schwertes.
Mit einem Schrei wirft er sich voran wie es nur ein des Lebens Überdrüssiger tut. In seinen Augen brennt ein Feuer, wie ich es bei einem Sterblichen noch nie gesehen habe. Den Schwertknauf mit beiden Händen führend schlägt er zu, in blindem Zorn wie es scheint, doch nicht vergebens.
Wie ein silberner Strahl blitzt die zerborstene Klinge auf, sie ist scharf und spitz gleich einem guten Dolch und ebenso wirkungsvoll.
Die mächtige Streitkeule verfehlt den Sohn Elendils um Haaresbreite, und schon ist Isildur auf den Beinen, bereit zum Kampf. Aufmerksam mustert er Sauron, der nach dem neuen Riss in seiner Rüstung tastet.

Lästiges Gewürm!
Saurons Stimme hat jeglichen spöttischen Unterton verloren, jetzt spricht aus ihr nur noch Hass und der Wille zur Vernichtung. Das ist nun sein einziges Streben und sein einziger Gedanke. Die Luft um ihn leuchtet in einem dunklen Rot, als er auf Isildur zutritt. Sie beginnt sich zu verdichten, wallt um den Dunklen Herrscher wie ein kostbarer Mantel.
Der Mensch weicht keinen Schritt zurück, er ist jenseits der Angst, ich kann es an seinen Augen erkennen, in denen es glitzert, und einen Moment lang vermeine ich, Wahnsinn in ihnen aufflackern zu sehen.
Sauron hebt die Hand, an ihr glüht der Eine Ring. Fasziniert und abgestoßen zugleich sehe ich die feurigen Zeichen auf dem vollkommenen Rund, die das Schicksal Mittelerdes und aller Völker verkünden, sollte Sauron siegreich sein.

Ich höre ein feines Wispern.
Der Ring!
Er singt sein eigenes Lied, im Rhythmus des Schwarzen Landes und der Schläge von Saurons finsterem Herzen. Das rote Leuchten um den Dunklen Herrscher gewinnt an Kraft; doch zugleich wird sein eiserner Griff, der mich gefangen nimmt, schwächer.
Ich wage einen Schritt, und dann noch einen, und plötzlich kann ich ungehindert vorwärtskommen.
Ich bin frei!
Nichts hält mich jetzt noch auf ...
Das geisterhafte rote Licht ist wie Nebel, als ich es durchdringe und Sauron erreiche.
"Elbereth!" rufe ich und meine Stimme erschallt hell und klar. Mein Schwert stößt hinauf, unter ein mächtiges Schulterblatt, reißt die Panzerung dort entzwei und fängt Feuer. Keuchend lasse ich es los, stolpere rückwärts, falls Sauron sich zu mir umwenden sollte. Doch es geschieht nicht, denn Sauron ist mehr als überrascht.
Mit unendlicher Verwunderung sehe ich, dass die Flammen, die an der Klinge entlang züngeln weiß sind. Sie vollführen einen wahren Tanz, suchen sich ihren Weg in die wabernde Schwärze, die aus der Rüstung hervorkriecht. Dort wo die Flammen sie berühren wird sie blass und vergeht wie ein Nebelhauch. Das weiße Feuer tastet sich die Klinge voran, ich fühle es, als sei es ein Teil von mir, so warm und machtvoll.

Und ja ...
Es ist meine Macht, die es nährt; sie und die des Ringes an meiner Hand. Nun steht er mir bei, er funkelt in der Düsternis, so strahlend wie nie zuvor.
Fast habe ich das Gefühl, dass er mich ungeduldig anleiten will, er zieht mich zu Sauron hin, dessen Zorn und Schmerz kleine, rote Blitze aus dem Nichts hervorjagen lässt. Zischend durchschneiden sie die Luft, aber sie richten keinen Schaden an.
Mein Körper gehorcht einem fremden Willen. Wild höre ich mein Herz schlagen und das Blut in meinen Adern pulsieren, doch nichts ist so intensiv wie das Zerren des Ringes an meiner Hand. Ein Taumel erfasst mich, nicht unangenehm, sondern berauschend, ich verändere mich – nicht äußerlich, aber mein Geist formt sich. Ich bin befreit von allen Ängsten und Nöten.
Und plötzlich begreife ich, was zu tun ist.

"Isildur!"
Mein Ruf bleibt nicht ungehört.
Der Mensch sieht mich. In seinem Blick kämpft Verwunderung mit Schrecken.
Was mag er wahrnehmen, hinter dem Körper aus Fleisch und Blut?
Es spielt keine Rolle, etwas anderes zählt.
Vertraut mir, Isildur!
Mit der Stimme meiner Gedanken erreiche ich den Sohn Elendils. Er weicht einen Schritt zurück, doch dann ist er gefasst und ich spüre, wie er Hoffnung schöpft. Es ist wie eine Erlösung für ihn, denn er steht nicht mehr allein gegen den schlimmsten Feind alles Lebenden.
Isildur nickt.
Und ganz leise kommt seine Antwort. Seine Gedankenstimme ist rau und stockend, weil es das erste und einzige Mal ist, dass er sie zu nutzen vermag. Diese Fähigkeit schlummert in den Menschen aus Númenor, doch sie haben sie vergessen; dankbar kann ich mich ihrer bedienen und noch dankbarer vernehme ich Isildurs Worte:
Tut, was immer Ihr tun müsst. Ich werde Euch folgen.
Ich springe vorwärts, erhasche den Griff meines Schwertes und stoße zu, bis die Rüstung das Heft aufhält. Sauron wankt, seine hohe Gestalt neigt sich hinab und in diesem Moment ist der Mensch zur Stelle.
Narsils geborstene Klinge saust heran, sie ist auf Saurons Kehle gerichtet. Isildur öffnet mir seinen Geist und sein Herz, er hat verstanden, was ich vorhabe, und so kann ich seine Hand führen und eine übermenschliche Kraft in sie und die Überreste des Schwertes legen. Gemeinsam werden wir Sauron ein Ende bereiten!
Doch die Klinge erreicht ihr Ziel nicht. Statt dessen prallt sie mit einem hellen Klirren auf Saurons gepanzerte Hand, die er gedankenschnell zur Abwehr erhoben hat. Die scharfe Schneide gleitet mühelos voran – und ein Finger Saurons sinkt zu Boden. An ihm funkelt der Ring ...