Narn Gil Galad

von Earonn


Kapitel XVI - Der Hohe König II


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Danksagung: Ute und Círdan, die das englische Beta-reading übernommen haben.

Widmung: für Ute. Du bist eine so verdammt gute Freundin!!


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A/N: verzeiht mir, euch so lange auf die Übersetzung warten zu lassen. Doch mit der RingCon kommen auch viele Aufgaben auf mich zu, sodaß weniger Zeit für die Narn blieb. Wie üblich wünsche ich euch viel Spaß und hoffe, dies Kapitel ist das Warten wert.


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XVI Der Hohe König II


Idril verließ das Schiff, das während der letzten drei Tage ihr Zuhause gewesen war. Ein Volksgemisch aus Elben von Gondolin, Edain und dem elbischen Volke von Arvernien überfüllte den Kai. Buchstäblich ein jeder schien jemanden zu suchen, etwas zu tragen, zu reden, zu singen oder zu rufen. Es war schieres Chaos und sobald sie die steinerne Mole erreichte, nahm sie Earendil auf den Arm.(1)

Der junge Halbelb lugte über die Schulter seiner Mutter, eine Hand wie gewohnt um den grünen Stein geschlossen, den sie trug. Dieses Juwel, der Elessar, war momentan alles, was ihren hohen Rang andeutete, die Tochter Turgons war kaum weniger schmutzig, erschöpft oder ausgezehrt als alle anderen um sie herum.

Sie trat zur Seite und betrachtete die Gebäude der Ansiedlung. Aus Holz oder Stein waren sie gebaut, schlicht oder von reichem Stuckwerk verziert, mit Gärten oder Werkstätten. Doch keines von ihnen ähnelte jenen, die über Jahrhunderte hinweg ihre Heimat gewesen waren, und dafür empfand sie Dankbarkeit. Niemals wieder konnte solche Schönheit in Arda Marred existieren, selbst ihre Erinnerung an Tirion auf Túna verblaßte im Vergleich mit der geliebten Stadt ihres Vaters.

Earendil zappelte auf ihrem Arm.
"Wo ist Vater? Und sind dies alles Falathrim? Kann ich zum Strand gehen und das Meer betrachten?"
"Nicht jetzt, mein Kind", sagte sie, auf sein Gesicht voller Wißbegierde herablächelnd. "Ja, einige von ihnen sind Falathrim, die anderen kommen aus Doriath und den anderen Teilen Beleriands. Erinnerst du dich, was der Kapitän unseres Schiffes von ihnen erzählt hat?"
Der junge Halbelb nickte eifrig. Er erinnerte sich an jedes einzelne Wort des freundlichen Elben, der einfach alles über das Meer zu wissen schien.
"Zuerst laß uns deinen Vater finden." Achtsam drängte Idril sich durch die Menge und lächelte den Gondolindrim ermunternd zu, die sie, ihre Prinzessin, wortlos um Trost baten. Hier und da berührte sie eine Schulter oder strich über einen Arm, Berührungen, die während der letzten Monate Gewohnheit geworden waren.

Sie suchte Tuors geliebtes Gesicht unter den Leuten, doch konnte sie ihn nicht finden, und plötzlich fühlte sie sich einsam und verletzlich. Als kleines Kind von zehn Jahren war sie auf einem Markt in Tirion verlorengegangen. Obwohl es weniger als eine Stunde gedauert hatte, ehe ihre Mutter gefunden wurde, zitterte bei Elenwes Eintreffen ihre Tochter vor Angst, ungeachtet all der freundlichen und hilfsbereiten Elben um sie herum.
Dies hier fühlte sich ähnlich an. Idril war starken Sinnes, doch selbst sie benötigte etwas, ihre Stärke darauf zu gründen und seit dem Tag, da sie einander ihre Liebe eingestanden hatten, war Tuor diese Basis gewesen. Nun schien die Erde unter ihr zu beben, die Steine wie Rauch zu schwinden.
Mit einem entschlossenen Schritt vorwärts unterdrückte sie die aufkommende Furcht und ging umher um den einen zu suchen, der das leuchtende Licht ihres Lebens geworden war.


Anstelle ihres Geliebten fand sie einen anderen, ein Gesicht, an das sie sich aus einer lange vergangenen Zeit erinnerte. Vor dem Bau von Gondolin, vor dem Schrecken der Dagor Bragollach und den Ungezählten Tränen.
"Ich grüße Euch, Círdan der Schiffsbauer, Herr der Falathrim."
Voll Freude und Willkommen in seinem Blick wandte der Seemann sich um, als er eine einst vertraute Stimme hörte.
"Seid gleichfalls gegrüßt. Es tut gut, Euch nach all den Jahren wiederzusehen, Idril Celebrindal, Tochter von Turgon aus dem Haus von Fingolfin." Er lächelte das Kind auf ihrem Arm an. "Du mußt Earendil sein. Dein Vater hat uns viel von dir erzählt."
Earendil starrte den alten Elben an. "Seid Ihr wirklich Círdan der Schiffsbauer?", fragte er, und die Ehrfurcht in seiner Stimme hätte nicht größer sein können, wäre er Ulmo selbst vorgestellt worden.
"In der Tat, der bin ich", war die heitere Antwort, und so ermutigt ersetzte augenblicklich Eifer die Ehrfurcht.
"So werdet Ihr mir alles über die See und Schiffe beibringen – bitte?", fügte der Junge verspätet hinzu, was den Schiffsbauer zum Lachen brachte.
"Nun sehe ich, wieso deine Eltern dir diesen Namen gegeben haben! Ja, ich kann dich den Lauf der Winde und der Wellen lehren. Später, wenn Zeit dafür ist."
Während er sich zur Mutter des Kindes umwandte, wurde sein Gesicht wieder ernst. "Wahrlich, eine düstere Botschaft habt Ihr zu überbringen. Es ist also eingetreten, was ich lange befürchtet hatte." Er hielt inne. "Was ist mit Maeglin? Es sind Gerüchte laut geworden, Turgon habe ihn zu seinem Nachfolger bestimmt."
Idril schüttelte den Kopf, ihre Stimme schwankend zwischen Zorn und Trauer.
"Nein, auch Maeglin der Verräter ist in Gondolin gefallen." Ohne auf Círdans fragenden Blick zu achten fuhr sie fort "Es gibt keinen Abkömmling Fingolfins mehr, der den Titel des Hohen Königs der Noldor empfangen könnte."
Der alte Seemann sah sich über die Schulter.
"So wird diese Würde nun auf das Haus Finarfins übergehen", sagte er leise, "und ich gestehe ein, daß mich dies sehr beruhigt."
Idril gab einen unwirschen Ton von sich und nahm Earendils Hand, nachdem sie ihn abgesetzt hatte.
"Bitte entschuldigt, ich möchte mit meinem Gatten sprechen."
Er verneigte sich vor ihr. "Wie Ihr wünscht. Laßt mich Euch führen, soeben sah ich ihn noch bei den Gästehäusern.

Am angegebenen Orte trafen sie Tuor nicht, und Idrils Unbehagen nahm weiter zu. Doch schließlich fand sie ihn ins Gespräch mit einem dunkelhaarigen Elben vertieft, den sie nicht kannte. Earendil bemerkte seinen Vater sofort.
"Vater!", rief er laut und rannte auf Tuor zu, der ihn lachend hochnahm und zu dessen großen Vergnügen mehrere male herumwirbelte. Sodann hob er seinen Sohn auf einen Arm und legte den andren um die Schulter seiner Frau. Die halbe Umarmung war warm, sanft und so beruhigend vertraut, daß Idril beinahe in Tränen ausbrach. Er küßte sanft ihre Stirn, um daraufhin die Hand seiner Gattin zu ergreifen und sie zu seinem Begleiter zu geleiten, der geduldig gewartet hatte.
"Idril, dies ist unser Vetter, Artanáro Finellach Gil Galad, König von Nargothrond."
Erwartungsvoll und beinahe bestürzt betrachtete Idril Celebrindal ihren jüngeren Verwandten.

Noch nie zuvor waren sie einander begegnet, denn zur Zeit seiner Geburt hatten Gondolins Tore sich bereits seit langem verschlossen. Und dennoch war sein Anblick ihr vertraut. Schon oft hatte sie ihn in den Träumen von der Zukunft vor sich gesehen. Alle diese Träume hatten mit dem Anblick eines Elben geendet, der sie ernst betrachtete und bei dem sie sich im Geiste umarmt, getröstet und beschützt empfand.
Lange hatte sie gerätselt, wer dieser Elb sein mochte, und so manches Jahr darauf gewartet, ihn zu treffen. Nun, da sie endlich in seine Augen blickte, verstand sie ihre Träume, denn tatsächlich fühlte sie sich in der Gegenwart ihres Vetters endlich wieder sicher, zum ersten mal seit vielen Wochen.

Sie betrachtete ihn eingehend. Dieser Mann würde bald der nächste Hohe König der Noldor sein, der Erbe ihres Vaters Turgon. Breite Schultern, schlichte Kleidung, ein gutaussehendes, jedoch nicht bemerkenswertes Gesicht, umrahmt von dunklem Haar, leicht gezaust vom beständigen Wind aus dem Landesinneren. Die dunklen Augen waren erfüllt vom Licht seines elbischen Fea, doch fehlte ihnen das Strahlen jener, welche die Zwei Bäume gesehen hatten. Wie sollte solch ein Mann die Stärke besitzen, die Bürde des Hohen Königtums zu tragen?
Die Prinzessin Gondolins bemühte sich, das Gefühl der Sicherheit in seiner Gegenwart mit ihren Zweifeln in Einklang zu bringen, ob er es vermöge, ihren Vater, den großen Turgon, zu ersetzen.
‚Er wird scheitern', dachte sie. ‚Oh mein Vater, mit dir ist die letzte Hoffnung unseres Volkes dahingegangen. Er mag aus dem Haus meines Großonkels Arafinwe stammen und sein Bestes geben, doch er kann unmöglich die Lücke füllen, die du hinterlassen hast.'
Sie und ihre Familie mochten im Moment sicher sein, nichtsdestotrotz verzweifelte Idril Celebrindal angesichts der Zukunft, die dem Volk der Noldor bevorstand.

Sich der gemischten Gefühle der Elbenherrin nicht bewußt, verneigte Gil Galad sich vor ihr.
"Ich grüße dich, Idril Celebrindal, Tochter von Turgon, Prinzessin der Noldor."
Er sprach warm und klangvoll, mit einer Spur des melodischen Sindar-Akzents. Sie erwiderte den Gruß, dann versagte ihr die Stimme.
Ehe das Schweigen unangenehm werden konnte, zappelte Earendil ungeduldig auf dem Arm seines Vaters, angezogen von den Schiffen und den Wellen. Sich zu dem Jungen umwendend, zwang Gil Galad sich zu einem unbefangenen Tonfall.
"Es ist unglaublich, nicht wahr?", fragte er. "Als ich es zum ersten mal sah, konnte ich es nur anstarren - und berühren."
"Wie fühlt es sich an?"
Wie normales Wasser. Doch es bewegt sich. Wie ein lebendes Wesen. Die Falmari sagen, dies seien Osses Atemzüge."
Earendil staunte mit offenem Mund. "Darf ich es auch anfassen? Bitte Vater, laß mich den Atem eines Maia fühlen."
"Nicht heute, mein Sohn. Morgen, wenn Zeit dafür ist."
Da seine Bitte nun zum zweiten mal abgelehnt wurde, war die Enttäuschung auf dem Gesicht des Jungen nur allzu deutlich. Gil Galad erkannte diesen Ausdruck und versprach Earendil, ihn am nächsten Tag zu begleiten.
"Und später kannst du mit den anderen Kindern am Strand spielen. Das Volk von Arvernien hat angeboten, euch aufzunehmen", erklärte er Idril gegenüber, "und so sehr ich es bevorzugen würde, meine Verwandten nahe mir auf Balar zu wissen, es ist einfach kein Platz mehr auf der Insel."
"Um die Wahrheit zu sagen, Vetter Finellach, ich bin erleichtert, das zu hören. Viele von uns sind dieser Lande müde. Schmerzhaft genug wird es sein, an der Küste zu leben, so nahe den Wassern, die uns von den Unsterblichen Landen trennen und all jenen, die wir zurückgelassen haben oder die uns erneut erwarten werden. Auf einer Insel wäre es unerträglich."
Gil Galad blickte kurz an ihr vorbei nach Westen und Idril wußte, daß er ihre Gefühle nur zu gut verstand.
"Dann laßt mich euch zur Halle bringen, wo ihr eure neuen Nachbarn treffen sollt: Elwing, Tochter von Dior, und Erestor ihren Regenten."

Er führte sie über breite, kiesbedeckte Wege zu dem niedrigen Gebäude, das von schlanken Bäumen beschattet wurde. Die Anführer der Elben von Arvernien erwarteten sie bereits, Erestor äußerlich unbewegt, Elwing voll offenbarer Unruhe. Als Gil Galad die Neuankömmlinge vorstellte, hatte sie nur Augen für Earendil.
Amüsiert beobachteten die Erwachsenen, wie die beiden Kinder einander musterten, scheu und unsicher, dennoch deutlich fasziniert.
"Du bis ein Halbelb", stellte Elwing schließlich fest.
Earendil nickte und seine Stimme war voller Stolz. "Das bin ich. Der einzige außer Dior."
Sie schüttelte entschieden den Kopf. "Nein, das bist du nicht, denn ich bin ebenfalls ein Halbelb."
"Doch dein Vater war kein reiner Adan wie der meine. Außerdem siehst du nicht wie ein Halbelb aus", widersprach er.
Schmunzelnd trat Círdan neben ihn und ließ sich ein wenig nieder, um Elwing scheinbar sorgfältig von rechts und links zu begutachten. "Und wie genau sehen Halbelben aus?", fragte er.
Die Frage überrumpelte den Jungen und er preßte die Lippen zusammen. "Ich weiß es nicht", gab er schließlich zu. Elwing lächelte triumphierend.
"So kommt herein und segnet diese Halle mit eurer Anwesenheit", lud Erestor sie ein. "Es gibt vieles, worüber wir sprechen müssen. Doch zuvor laßt uns gemeinsam speisen."

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Viele der Elben von Arvernien befanden sich noch am Hafen und halfen den Gondolindrim, dennoch war genügend Volk in der Halle versammelt, um sie mit dem Geräusch vieler Gespräche zu erfüllen. Die Gäste aus Balar saßen zur Rechten von Erestor und Elwing an dem langen Tisch, der entlang der hinteren Wand des Raumes stand; Tuor, Idril und Earendil zu ihrer Linken.
Der junge Halbelb blickte sich um. Die Speisehalle seines Großvaters war vollkommen anders gewesen: gebaut aus weißem Stein, mit einer hohen Decke und die Wände bedeckt von wunderschönen Gobelins. Dieser Raum besaß ebenfalls Wandbehänge, doch nicht mit leuchtendem Gold und Grün, wie er es gewohnt war. Statt dessen waren sie zumeist blau und zeigten Geschöpfe der See – wenigstens glaubte er das, viele Figuren sahen nicht im geringsten wie Fische aus.
Der Boden war aus hölzernen Bohlen, und schwere Balken aus dunklem Holz stützten den niedrigen Giebel. Auch der Tisch bestand aus dunklem Holz, und obgleich wundervoll verziert, war das Geschirr aus Zinn anstatt Silber. Er konnte nicht es wissen, doch alles Gold und Silber wurde für den Handel benutzt, und im Vergleich zu den Flüchtlingen von Balar war selbst die ärmste Familie Gondolins wohlhabend gewesen.

Als das Essen serviert wurde, sah sich Earendil einer neuen Schwierigkeit gegenüber. Natürlich hatte er zuvor schon Fisch gegessen und auch von den seltsamen Dingen gehört, die das Volk an der Küste aß. Doch es war eine Sache, von Muscheln und Hummer, Seetang und Garnelen zu hören, eine vollkommen andere jedoch, sie auf seinem eigenen Teller zu finden. Besonders die Garnelen wirkten wenig vertrauenerweckend. Er fühlte einen Blick auf sich ruhen und als er sich am Tisch umsah, traf ihn Elwings freundliches Lächeln.
"Ich liebe Garnelen, es macht so viel Spaß, sie zu essen!" Sie nahm eines der Tiere und mit ein paar geschickten Bewegungen holte sie ein kleines Stück Fleisch heraus, um es mit einem hingerissenen Ausdruck zu kauen.
"Versuch es, sie sind wundervoll!"
Leichter gesagt als getan! Earendil kämpfte mit seinem toten und doch noch immer widerspenstigen Gegner, bis Elwing schließlich mitleidig zu seiner Hilfe erschien.
"Schau, du mußt sie zunächst durchbrechen, dann zieh die Schale am Ende ab und hol das Fleisch heraus."
Sie öffnete einige für ihn und vorsichtig versuchte er einen Bissen, um ein überraschtes Keuchen von sich zu geben, angesichts ihres köstlichen und beinahe vertrauten Geschmacks. Er konnte es nicht erklären, doch der junge Peredhel hatte den Eindruck zum ersten male zu essen, was ihm bestimmt war.

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Nach dem Mahl verließen sie alsbald den Tisch und gingen in einen kleinen Raum, der von einem angenehmen Feuer erwärmt wurde. Sofort kuschelte Elwing sich an Gil Galad, während Earendil sich zwischen seinen Eltern niederließ und beinahe augenblicklich einschlief. Während sie das Haar ihres Sohnes streichelte, sah Idril nachdenklich in die Flammen.

Nach einer Weile brach Círdan das Schweigen. "Herrin, als wir uns am Nachmittag trafen, nanntet Ihr Maeglin einen Verräter. Wieso?"
"Weil er genau das war," antwortete Tuor. "Er ist es gewesen, der Morgoth den Zugang zu Gondolin verriet, und wie unsere Verteidigung zu durchbrechen sei. Und ich kann nicht glauben, daß ihn der Feind besiegt hat, dazu war er zu stark. Nein, er tat es um seine Gier nach Macht zu befriedigen und," er hielt inne und berührte fast unbewußt seine Gattin, "sein verbotenes Verlangen."
Der Ausdruck auf seinem Gesicht machte die Bedeutung seiner Worte nur allzu deutlich.
"Es war das schlechte Erbe seines Vaters. Auch wenn niemand die schlimmen Folgen hätte voraussehen können, so war es doch ein Fehler, ihn in Gondolin bleiben zu lassen. Er war verdorben, sein Fea war verdorben."
Idril sah auf. "Nein, sag so etwas nicht. Anfangs war er anders. Ja, ich habe die Dunkelheit in ihm gespürt, doch jetzt kann ich ihn dafür nur noch bemitleiden. Maeglin hat schwer und über lange Zeit gelitten, und Bitterkeit hat seinen Sinn vergiftet. So stark er in vieler Hinsicht war, sein Herz war schwach. Er glaubte zu lieben, doch wünschte er nur zu besitzen, und er konnte es nicht ertragen, daß ihm verwehrt blieb, was er begehrte. Oh, Scharfer Blick(2), wieso konntest du es nicht erkennen? War dies es wert, alles zu zerstören?"
Sie nahm eine Hand ihres Gatten in die ihren.
"Wehe unserem Vetter, für diese Tat wird sein Fea die Hallen Mandos' niemals mehr verlassen", flüsterte Gil Galad.
"Wenn er sie überhaupt erreicht", erwiderte Idril schaudernd. "Du weißt, was gesagt wird: all jene Fear, die den Ruf zurückweisen, fallen Morgoth zum Opfer. Und ich kann nicht glauben, daß er dem Ruf folgen würde, er war so stolz, so eigensinnig..."
"Nicht alle von ihnen, Geliebte", widersprach Tuor. "Und so eigensinnig er war, so stark war er auch – auf seine eigene Art. Obwohl", er drehte sich zu den anderen um und Earendil bewegte sich unruhig in seinem Schlummer, "mich Maeglins Schicksal nicht kümmert. Was immer er nun erleiden mag, er verdient es für all den Kummer und Schmerz, den er zu verantworten hat."
"Niemand kann seinem Schicksal entgehen", sagte Círdan leise, "nicht unser Verwandter(3) und nicht einmal Gondolin, die Verborgene Stadt."
Er berührte Idrils Schulter. "Und dank Eurer Voraussicht sind viele gerettet worden, die sonst ebenfalls den Tod gefunden hätten. Trauert nicht nur um Eure Verluste, sondern erfreut euch an dem, was Ihr behalten habt, wie es alle Flüchtlinge tun sollten."
Und sie sahen sich an, verbunden in ihrem gemeinsamen Schicksal von Flucht und Verlust.

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Círdan schlief nicht in dieser Nacht. Es gab zu vieles zu bedenken, zu viele Dinge hatten sich gewandelt. Das Ende Gondolins bedeutete mehr als das Erscheinen einer weiteren Gruppe Elben in der Bucht von Balar, und der Tod von Turgon mehr als den Übergang eines Titels.

Nachdenklich wanderte der Herr der Häfen durch die verlassenen Gänge, bis er die Bibliothek erreichte. Wie ihr Gegenstück auf Balar, so war auch diese hier sein bevorzugter Ort zum Nachdenken geworden, umgeben von dem gesammelten Wissen des elbischen Volkes.
‚Oder seinen Überresten', dachte er.
Die Tür stand leicht offen, und erlaubte einem schmalen Lichtstrahl in den Korridor zu entweichen. Es war keine besondere Überraschung für Círdan, daß Gil Galad dieselben Einfall gehabt hatte. Der Sohn Orodreths saß auf einer der niedrigen, gepolsterten Fensterbänke, ein schmales Buch vergessen auf dem Schoß haltend. Als er seinen Blick vom Meer seinem späten Besucher zuwandte, schien der Ausdruck auf seinem Gesicht unberührt von dem ernsten Wandel in seinem Leben. Er schwieg.
‚Wenig von einem großen Führer ist an ihm', sagte Círdan zu sich selbst, ‚und doch so viel. Der fünfte Hohe König der Noldor(4), und wahrlich ich glaube, er wird einer der besten werden, mögen jetzt auch alle daran zweifeln.'

Er näherte sich dem Fenster und brachte die Kerzen im Ständer neben dem König zum Flackern. Sie waren fast niedergebrannt und der alte Elb entzündete neue, sie zu ersetzen.
Gil Galad beobachtete seine Bewegungen. "Bist du hier, um neues Licht in die Finsternis zu bringen?", fragte er schließlich lächelnd. "Das brauchst du nicht, es ist noch welches vorhanden."
"Noch ist Licht, doch bald wäre es erloschen, würde nicht ein neues entzündet – Hoheit."
Wie Círdan es beabsichtigt hatte, lachte Gil Galad über diesen Titel.
"Du vor allen anderen solltest wissen, daß ich nicht im geringsten ‚hoch' bin – aber leicht zu verderben!"
Er wandte sein Gesicht wieder der dunklen See unter dem bewölkten Himmel zu.
"Es gibt keine Möglichkeit dies zu vermeiden, richtig?", murmelte er.
"Das ist keine ernstgemeinte Frage."
"Nein. Obwohl – da ist Arafinwe. Schließlich gab Finrod nicht grundlos meinem Urgroßvater den Namen Finarfin."(5)
Círdan schüttelte den Kopf. "Wir wissen nicht einmal, ob er noch immer am Leben ist, ganz zu schweigen davon, daß selbst wenn wir es wüßten, ihm keine Botschaft senden könnten. Du klammerst dich an einen Strohhalm."
"Tue ich das? Arafinwe Finarfin ist nach dem Ende des Hauses von Fingolfin der rechtmäßige Erbe."
"Doch kann er für die Noldor hier in den Hinnenlanden sorgen? Sie beschützen? Nein, Gil Galad, es wäre in jedem Falle an dir, die Last zu tragen. Und das Volk braucht einen König, den es sehen und berühren kann, nicht jemanden weit fort und unerreichbar wie Turgon, den viele der Noldor von Balar nur als König von Gondolin betrauern, anstatt als ihren eigenen. Sie brauchen mehr als das, und du weißt es."
"Ja, ich weiß es", erwiderte Gil Galad. "Ich spürte es, wann immer sie zu mir kamen. Dennoch..."
Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln voller Selbstironie. "Unwürdig würden meine Onkel Feanor und Fingolfin mich erachten, da ich so unwillig bin, den Platz einzunehmen, für den sie einander beinahe bekämpft hätten. Andererseits wußten sie nicht, was es bedeutet, Hoher König der Noldor in Mittelerde zu sein. Ich könnte mir vorstellen, daß Fingolfin seine Meinung bezüglich der Hohen Königswürde über die Jahre geändert hat."
Círdan runzelte die Stirn, nicht erfreut über die Richtung, die das Gespräch genommen hatte.
"Wenn er es tat, so hat er niemals dergleichen gesagt."
"Natürlich hat er das nicht. Unsere Zweifel sind nichts, es öffentlich zu zeigen. Ich sage es dir, weil du es verstehst – und weil ich es ein mal in meinem Leben aussprechen muß. Von nun an ist es keine Frage mehr, ob ich es will. Niemals soll mein Volk den Eindruck erhalten, sie zu führen könne irgend etwas als eine ehrenhafte Aufgabe sein."
Er deutete auf den stillen Hafen draußen. "Sie verdienen es."
Círdan lächelte voller Zuneigung. ‚Deine Zweifel werden dich stärker machen als jeder Stolz deiner Vorväter', dachte er und fragte laut, "Du würdest für sie sterben, nicht wahr?"
"Ohne zu zögern. Wie du für die Falathrim sterben würdest."
"Du wirst ein großer König werden, ist dir das bewußt, Artanáro Finellach Gil Galad?"
Der jüngere Elb lachte trocken. "Ich werde dich an diese Worte erinnern, wenn ich meinen ersten Fehler begangen habe."

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Für elf Tage blieben sie im Hafen von Arvernien, bis alle Gondolindrim ein neues Heim unter den Elben von Doriath gefunden hatten. Ungeachtet ihrer unterschiedlichen Herkunft und Gebräuche vermischten sich beide Völker von Anfang an problemlos, und es war leicht vorherzusehen, daß es bald nur noch eine Gemeinschaft von Elben in Arvernien geben würde.

Mit starken Westwinden dauerte es ungefähr zehn Stunden, um Balar zu erreichen. Die meiste Zeit stand Earendil neben dem Steuermann und amüsierte den Elben mit seinen zahlreichen Fragen. Zum ersten mal schien Tuors Sohn alles vergessen zu haben, was hinter ihm lag.
Elwing saß neben ihrem neuen Freund auf einer Luke und betrachtete den aufgeregten jungen Halbelben eingehend. Er faszinierte sie, der ihr so unähnlich und doch so ähnlich war, verwirrend und beruhigend zugleich.
Während der letzten beiden Wochen(6) hatten sie viele Gespräche geführt, über Gondolin und Menegroth, was es hieß, in einem verborgenen Königreich zu leben und wie es sich anfühlte, alle Freunde zu verlieren.
Diese Gespräche hatten ihn oft zum Weinen gebracht und dann hatte sie ihn zu trösten versucht. Umgekehrt hatte er ihre Hand gehalten, wenn die Erinnerung an ihre Eltern, die tausend Grotten von Menegroth und die grünen Wälder Doriaths ihre Tränen zum Fließen brachten.

Und dies war lediglich ein Auftakt zu anderen Themen gewesen, die niemand sonst verstanden hätte. Nicht einmal, dachte sie beinahe schuldbewußt, ihr geliebter älterer Bruder. Darüber wie es war, ein Halbelb zu sein, sowie all die Unterschiede und Gefühle, die kein anderer kennen konnte. Elwing wurde bewußt, daß sie Earendil mochte, auf eine andere Weise als Erestor oder selbst Gil Galad, eine Art, die sie noch nicht verstehen konnte. Sie wußte nur, es bestand ein Band zwischen ihnen, wohl weil sie so einzigartig waren aufgrund ihrer gemischten Herkunft.

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Am späten Abend erreichte das Schiff Balar und umrundete die Insel, um den Haupthafen an der westlichen Küste zu erreichen. Hier wurden sie von den wunderbaren Booten der Falathrim begrüßt, beinahe so schön wie die ihrer Sippe in Alqualonde. In der Werft lag ein halbfertiges Schiff im Bau und bei seinem Anblick füllten Earendils Augen sich mit Sehnsucht. Er spürte ein starke Bedürfnis dieses Schiff fertigzustellen, als riefe es ihn um Hilfe an und bäte ihn, es zu vollenden und hinauszuschicken auf den großen, wundervollen Ozean.

Als sie andockten gab eine große bronzene Glocke auf einem hohen Holzgestell einen einzelnen Ton von sich und verkündete so die Rückkehr der beiden Herren der Insel. Der Klang war tief und sie fühlten ihn in ihren Körpern widerhallen.
"Wofür ist sie?", fragte Earendil verwundert, denn in Gondolin hatte es nur den hellen Klang von sehr viel kleineren, silbernen Glocken gegeben.
"Sie gibt Zeichen. Sie kündigt wichtige Ereignisse an und hilft den Schiffen auf See heimzufinden, wenn Nebel oder dichter Regen herrschen. Weil ihr Klang so tief ist, kann er sehr weit über das Wasser vernommen werden", erklärte Elwing, während sie das Holz des Gerüsts leicht im Vorbeigehen berührte. Sie liebte das Läuten der großen Glocke.

Um die Halle zu erreichen, mußten sie einen flachen Hang ersteigen. Vogelbeer-Bäume wuchsen überall, ihre Früchte bereits reif und rot. Silíel erwartete sie am Eingang der Halle.
"Bitte tretet ein. Dies ist die Halle des Königs und hier sollt ihr Ruhe von euren Mühen finden", sprach sie die uralte Willkommensformel und verneigte sich tief vor den hohen Gästen. Ihr Verhalten drückte nichts als Wärme und Freundlichkeit aus, obwohl sie gleichzeitig ein leises Bedauern verspürte. Idril würde nun die Frau höchsten Ranges entlang der Bucht von Balar sein. Silíel kümmerte weder der Einfluß noch die Ehre dieser Stellung, sondern allein die Arbeit, die sie über die Jahre zu lieben gelernt hatte. Keines Ihrer Gefühle zeigte sich jedoch auf ihrem Gesicht, während sie ihren Herren und deren Besuchern folgte.
Große, reich geschmückte Fenster nach Westen erlaubten dem letzten Licht des Sonnenuntergangs die langen Gänge zu erleuchten. Idril sah Bilder des Meeres, Schiffe und Wellen, hoch springende Delphine, und Wale, die ihre Fluken auf die Wasseroberfläche schlugen. Die hauptsächlichen Farben waren Blau und Grün und das rote Licht der Dämmerung verlieh den Abbildungen ein seltsames Aussehen.
Zusätzlich waren ornamentale Muster in den Boden eingelegt, Seetang und Muscheln, Fischschwärme und alle möglichen Arten von Meeresbewohnern. Doch sie fand nichts, das an Nargothrond oder das Hochland des Taur-en-Faroth erinnerte.

Gerade als Idril sich fragte, warum sie noch nicht dem zweiten Mitglied ihrer Familie begegnet war, das auf Balar lebte, betraten sie einen kleinen Raum. Und hier erwartete Celebrimbor sie, gemeinsam mit einigen anderen Elben, die sie nicht kannte. Er wich dem Blick seiner Cousine aus, als sie ihn ansah, dennoch trat er einige unsichere Schritte auf sie zu.
"Idril..."
"Ich grüße dich, Celebrimbor. Ich bin froh, daß du noch lebst." Die Stimme der Tochter Turgons klang wärmer als selbst sie es erwartet hätte.
Mit einem zweifelnden Ausdruck neigte Celebrimbor seinen Kopf. "Das ist schwer zu glauben, Idril Celebrindal, Tochter von Elenwe."
"Und doch glaube es. Ich weiß, was in Nargothrond geschehen ist. Der Herr Gwindor hat meinem Vater davon erzählt." Ohne auf eine Antwort zu warten führte sie Earendil nach vorn.
"Earendil, dies ist Celebrimbor, der Sohn Curufins aus dem Hause von Feanor."
Der kleine Junge verneigte sich gehorsam und sah dann zur beeindruckenden Gestalt seines Verwandten auf.
"Ich habe von dir gehört", sagte er mit der Offenheit eines Kindes. "Sie sagen, du baust und schmiedest gern."
Mit einem Lächeln ließ Celebrimbor sich nieder. "Das ist richtig, warum? Hast du Arbeit für einen Schmied?"
"Nein. Aber dann bist du wie mein anderer Vetter, er hat auch gerne Dinge angefertigt."
Zu jung um die wahre Natur eines Verrats zu verstehen, wurden die Augen des jungen Elben feucht. "Ich vermisse ihn, aber du siehst ihm nicht ähnlich."
Celebrimbor berührte die Wange des Jungen. "Das kann ich nicht ändern. Doch wenn du erlaubst, will ich von nun an dein schmiedender Vetter sein, und wann immer du etwas brauchst, will ich es für dich herstellen." Seine Augen blickten kurz zu Idril auf und etwas von ihrem Licht erlosch. "Falls es...deine Mutter...erlaubt?"
Idril nickte, und so würde viele Jahre später Feanors Enkel ein wenig von dem Verrat seines Vorfahren bei Losgar wiedergutmachen, indem er Earendil half, die Unsterblichen Lande zu erreichen. Denn alle metallenen Teile Vingilots waren von Celebrimbors kundigen Händen gefertigt worden.(7)

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Einige Wochen später schwor Finellach Gil Galad, Sohn Orodreths von Nargothrond aus dem Geschlecht von Finarfin, den Eid der Hohen Könige der Noldor.
Dies war kein Anlaß zur Freude für die Anwesenden. Zu sehr schmerzte noch der Gedanke an den Untergang Gondolins und den Tod so vieler, die sie gekannt und geliebt hatten.
Alle Würdenträger der Bucht von Balar und der umgebenden Lande hatten sich in der Großen Halle versammelt. Zum ersten mal sollten auch Naugrim und Zweitgeborene Zeugen dieser Zeremonie werden.

Von ihrem Platz am Ende der Halle, wo sie das Eintreffen ihres jüngeren Vetter erwartete, blickte Idril über die versammelte Menge. Sie lächelte Earendil leicht zu, der zwischen seinem Vater und Elwing in der ersten Reihe stand, einen forschenden Ausdruck auf seinem Gesicht.
‚Was auch immer hieraus entstehen mag', dachte sie, ‚ich werde für alle Ewigkeiten dankbar sein, daß Gil Galad und nicht du, mein Sohn, diese Bürde tragen muß.'

Etwas abseits von der Tochter des vorangegangenen Hohen Königs stand Argon mit den anderen Mitgliedern der Wache des Königs.
‚Nein, nun der Wache des Hohen Königs', berichtigte er sich selbst.
Er war unruhig wie alle anderen Krieger um ihn herum, immer wieder hob er die Hand und berührte die Brosche, die seinen neuen Mantel in tiefem Blau verschloß. Eine silberne Spange mit einem Zeichen von zwölf silbernen Sternen auf blauem Grund. Dies war das persönliche Zeichen, welches der neue Hohe König für sich gewählt hatte, in Farbe und Gestaltung kühl und ruhig wie sein Träger und dennoch stolz auf seinen Epesse verweisend.(8)
Ein in gleicher Art gestaltetes Banner hing neben der Blume des Hauses von Finarfin an der hinteren Wand des Raumes, und zwischen beiden war ein Schwert befestigt, seine einst schimmernde Klinge zerkratzt und beschädigt. Viele der Gäste hatten danach gefragt und einem jeden war die gleiche Antwort zuteil geworden: dies ist das Schwert, mit dem der König von Nargothrond zweiundfünfzig seines Volkes begraben hat, die sie auf dem Marsch von den Ruinen Nargothronds nach Balar verloren, in dem eisigen Winter des Jahres des Kummers.
Anders als seine Hände waren die Augen des Anführers der Wache fest auf einen Punkt gerichtet. Von seinem Standort aus konnte er sie sehen, ihre silbernen Locken glänzend auf einem einfachen grauen Kleid. Ihr Kopf war leicht geneigt, während sie dem Mann an ihrer Seite zuhörte – ihrem Vater, wie Argon wußte. Sie nickte und wandte sich um, und ihr Blick fand den seinen.
Für eine endlose Zeit, so erschien es ihm zumindest, betrachteten sie einander eingehend, dann trat ein leichtes, unsicheres doch nichtsdestotrotz freundliches Lächeln auf ihr Gesicht und sie nickte grüßend. Er konnte nicht anders, als die Geste erwidern.

In diesem Moment erklang ein einziger Glockenschlag und alle Versammelten verstummten.
Argon richtete sich auf, überprüfte die Reihen seiner Krieger, fand alles zu seiner Zufriedenheit und bereitete sich darauf vor, daß seine Stellung in etwas weitaus wichtigeres denn nur die Wache irgendeines Elbenkönigs gewandelt wurde.
Die Glocke erklang ein zweites mal, die große Tür öffnete sich und Gil Galad betrat die Halle, allein, beinahe verloren wirkend in der ernsten Stille. Er trug einfache Kleidung in blau, wie die Mäntel seiner Wache am Kragen mit der silbernen Brosche geschlossen, die sein Zeichen trug. Um sein dunkles Haar wand sich ein Kranz aus Efeu, Symbol eines ernsten und wichtigen Rituals. Sein Ausdruck und Haltung waren ruhig, seine Schritte gleichmäßig. Als er die Banner an der Wand betrachtete, Blume und Sterne, erfüllte sich sein Herz mit Stolz.

Dies würde keine Krönungszeremonie sein, denn es gab keine Krone mehr, die hätte vererbt werden können. Sie war mit Turgon in den Trümmern seiner Stadt untergegangen. Da war nur ein Reif, den Celebrimbor gefertigt hatte, drei silberne, ineinander verwobene Stränge als Zeichen der drei Häuser der Söhne von Finwe, vereint unter der Hohen Königswürde.
Gil Galad trat vor die Tochter Turgons und verneigte sich.
Idril mußte die Tränen zurückhalten, die ihre Augen füllten. Dieser Teil des Rituals war schmerzvoll für sie, doch sie brauchte dies um den Tod ihres geliebten Vaters zu begreifen. Als ihr Blick den ihres Vetters traf, fand sie dort eine seltsame Mischung aus Stolz und Ruhe, aus Angst vor der zukünftigen Verantwortung für die Noldor und dem festen Entschluß, gut für sie zu sorgen. Ihre klare Stimme erfüllte den Raum.
"Artanáro Finellach Gil Galad, Sohn von Orodreth, aus dem Haus von Finarfin, König von Nargothrond. Du stehst vor uns als der Erbe der Hohen Königswürde der Noldor. Wirst du den Eid der Hohen Könige schwören?"
Die Anspannung war in der großen Halle deutlich zu spüren. Gildor Inglorion, in der ersten Reihe zwischen Tuor und Celebrimbor stehend, hielt den Atem an.
"Ich werde den Eid schwören", antworte Gil Galads warme, tiefe Stimme fest, "mit Eru Ilúvatar und den Aratar(9) als meinen Zeugen."
"Dein Volk zu beschützen?"
"Ich schwöre es."
"Sie gerecht und mit all deiner Weisheit zu leiten in Krieg und in Frieden?"
"Ich schwöre es."
"Für sie zu kämpfen und zu sterben?"
"Ich schwöre es."
"So sei es", sagte Idril, "mögen die Valar dich beschützen und der Eine all deine Wege leiten."
Sie nahm den Efeukranz von seinem Haupt und ersetzte ihn durch den silbernen Reif. Ihre Finger zitterten, während sie zwei schmale Strähnen seines dunklen Haars durch die Öffnungen zwischen den Strängen von den Schläfen aus nach hinten wob.
Es war vollbracht.
Für einen tiefen Atemzug lang sah Gil Galad hinab in Idrils tränenglitzernde Augen. Er brauchte diesen Moment. Er war bereits Hoher König der Noldor, doch sobald er sich umwandte und den Elben gegenübertrat würde es mehr als ein Titel werden. Es würde Pflicht sein, Verantwortung – die eine große Berufung seines Lebens.
"So sei es. Nichts anderes ist von Bedeutung", flüsterte er so leise, daß selbst seine Cousine es kaum verstehen konnte.

Círdan wartete darauf, daß Gil Galad sich umwende. Und als der Sohn Orodreths dies schließlich tat, war ein Wandel mit ihm vorgegangen. Wo zuvor der Adel eines jeden Elben der Hohen Familien gewesen, war nun mehr. Plötzlich schien für alle, die fähig waren zu sehen, das Feuer seines Fea aufzuflammen, und es war leuchtend und ehrfurchterweckend und beinahe schmerzhaft schön wie der erste Sonnenaufgang.

Doch war die Zeremonie noch nicht vorbei. Wie der König seinen Eid gesprochen hatte, so mußte auch sein Volk seine Treue zu ihm schwören.(10)
Eine der Überlebenden von Nargothrond war ausgewählt worden, für alle zu sprechen. Sie war jung, hatte kaum ihre Reife erlangt, und eine Narbe, die niemals heilen würde, verunzierte ihr blasses Gesicht. Sie kam nach vorn vor Gil Galad, und mit melodiöser Stimme schwor sie ihm Treue und Vertrauen und Gehorsam. Schließlich küßte sie seine Wangen als Zeichen, daß sie ihn annahm. Erst jetzt war Artanáro Finellach Gil Galad durch mehr als bloße Herkunft Hoher König seines Volkes.

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Früh am nächsten Morgen, als der Himmel noch grau war und nur ein schwaches Licht über der Bergkette in der Mitte Balars das Kommen der Sonne ankündigte, ging Círdan am Meer entlang, seinem endlosen Wispern lauschend.

Er wunderte sich nicht, eine vertraute Gestalt am anderen Ende einer schmalen, steinigen Landzunge, die sich einige Dutzend Schritte weit in das Belegaer erstreckte, zu finden. Der Herr der Falathrim ging über die Steine, Wind in seinem Haar und Bart spürend, der von baldigem Regen kündete.
"Wie fühlst du dich?", fragte er den neugekrönten Hohen König.
"Ich weiß es nicht. Entschlossen. Traurig. Machtvoll und doch furchtsam. Vielleicht, weil...", Gil Galads Stimme brach und er nickte in Richtung der schattigen Wälder und des Hafens dahinter.
"Sie erkennen es noch nicht, Círdan, doch wir sind nicht länger ein Volk. Ein Volk lebt und wird weiter leben. Wir werden das nicht. Morgoth hat gewonnen, es ist nur eine Frage der Zeit, bis seine Armeen nach Balar kommen. Wir sind nur Übriggebliebene, die das Glück – oder das Unglück- hatten, die anderen zu überleben. Es ist ein Aufschub, nichts weiter."
Der alte Seemann berührte die Schulter seines Freundes.
"Ich glaube nicht, Finellach. Die Ainur haben die Musik gesungen. Warum sollte Osse die Falathrim bitten, an den Küsten der Hinnenlande zu bleiben, wenn sie hier untergehen würden?"
Ein ironisches Lächeln antwortete ihm. "Versuche nicht, mich zum Narren zu halten, Schiffsbauer, ich habe meine Lektionen gelernt. Die Ainur kennen nicht alle Teile der Musik, wenn irgend etwas stimmte von dem, was mein Vater mich lehrte. Und was Osses Fürsorge angeht...wir sprechen von jenem Wesen, das die Stürme herbeiruft, die die Schiffe zum Sinken bringen, nicht wahr?"
"Verliere nicht die Hoffnung."
"Eine einfache Aufgabe, denn da ist keine Hoffnung mehr, die ich verlieren könnte. Alles was bleibt ist Estel(11), das Vertrauen, das in meinem tiefsten Fea wurzelt. Darüber hinaus ist nichts."
Die Verzweiflung des jüngeren Elben, der ihm so viel bedeutete, brach beinahe Círdans Herz.
"Sprich nicht so. Wir wissen noch weniger von der Musik als die Ainur", erwiderte er.
"Die Musik...", flüsterte Gil Galad abwesend. "Ich wüßte zu gerne um das Schicksal nur einer einzigen Note daraus." Er wandte sein Gesicht wieder dem Westen zu. Die leuchtenden Sterne warfen einen silbrigen Schimmer auf seine blasse Haut. "Kleine Blume", murmelte er, "mein kleines Blatt..."
Círdan wußte, wann er jemanden sich selbst überlassen mußte. Er vertraute auf die Wellen, die einzig mögliche Antwort auf diese Worte zu geben.


Fußnoten:

(1) Earendils Größe: Vorondis hat mich freundlicherweise daran erinnert, daß anders als ‚normale' Elbenkinder Earendil ja ungefähr genauso schnell wie ein Menschenkind wuchs und somit im Alter von sieben Jahren zu groß gewesen sein dürfte, um getragen zu werden. Ich habe mich entschlossen, es trotzdem so stehen zu lassen. Gehen wir um der Geschichte willen einfach davon aus, er sei nach der Wanderung durch die Wildnis ein sehr schmächtiger Siebenjähriger und Idril eine sehr starke Frau gewesen. Wir sprechen hier immerhin von jemandem, der sich erfolgreich Maeglin entgegengestellt hat!

(2) Scharfer Blick: gemäß dem ‚Silmarillion' die Übersetzung des Namens ‚Maeglin'.

(3) Maeglins Verwandtschaft zu Gil Galad und Círdan: Maeglin war mit Gil Galad über seine Mutter Aredhel, die Tochter Fingolfins, verwandt. Da sein Vater Eol zur Sippe Elwe Singollos zählte, gehörte er durch ihn sowohl zur Familie Círdans als auch der Gil Galads (über dessen Mutter Helegethir).

(4) Die Anzahl der Hohen Könige: es ist nicht leicht abzuschätzen, wie die Noldor ihre Hohen Könige gezählt haben mögen. Erstens konnten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht von Finarfins Königtum in Tirion wissen und offensichtlich sahen sie ihn nicht als möglichen König an, sonst hätte Gil Galad den Titel gar nicht erst erhalten. Zweitens ist es eine Frage, ob Feanor als Hoher König angesehen wurde. Er war zwar Finwes rechtmäßiger Erbe, dennoch gab es niemals eine offizielle Erklärung seines Königtums. Darüber hinaus bezweifle ich stark, es habe ihn nach Losgar und der Helcaraxe irgendein Noldor als seinen König anerkannt, abgesehen von seinen Gefolgsleuten.

(5) Finarfin: Es wurde gesagt, daß Finrod Felagund nach der Dagor Bragollach den Namen ‚Finarfin' für seinen Vater einführte, um Arafinwes Anspruch auf die Hohe Königswürde zu unterstreichen.
Dank an Vorondis, durch deren Essay "The Parentage of Gil Galad – a textual History" (zu finden im Mitgliederbereich der Fanfiction-Website ‚Henneth Annun'), bzw. die darauf folgende Diskussion ich hierauf aufmerksam gemacht wurde.

(6) Die Länge einer elbischen Woche: Die sechstägige Woche der Elben benannte ihre Tage nach (in dieser Reihenfolge) den Sternen, der Sonne, dem Mond, den Zwei Bäumen, dem Himmel und den Valar oder Mächten, wobei der letzte Tag der wichtigste Tag der Woche war. Ihre Namen lauteten auf Quenya: Elenya, Anarya, Isilya, Aldarya, Menelya und Valara (oder Tarinar). Die Noldor nannten sie: Argilion, Aranor, Arithil, Argaladath, Arvenel (-fenel, -mhenel) und Arvelain (oder Ardorin).
(Paraphrasiert übersetzt aus: ‚The Peoples of Middle Earth', Band XII der ‚History of Middle Earth')

(7) Celebrimbors Mitarbeit an Vingilot: allein meine Vorstellung. Obwohl nicht sonderlich unwahrscheinlich - höchstwahrscheinlich lebte er zugleich mit Earendil in Balar, und wer sonst als der beste Schmied hätte all die Metallteile für das großartigste Schiff, das je gebaut worden ist, erschaffen können?
Na gut, ich gebe auch zu, ich mag einfach den Gedanken, daß Feanors Enkel den Verrat seines Großvaters ‚wiedergutmacht'.

(8)Gil Galads Zeichen: wer von euch Peter Jacksons Film nicht mag, kann beruhigt sein: das darin verwendete Banner ist mehr oder weniger identisch mit Tolkiens Entwurf. Siehe ‚J.R.R. Tolkien. Artist and Illustrator', herausgeben bei HarperCollins, London.

(9) Die Aratar: lt. ‚Silmarillion' die acht mächtigsten der Valar: Manwe, Varda, Ulmo, Yavanna, Aule, Mandos, Nienna und Orome. Ursprünglich war ihre Anzahl neun und Melkor einer von ihnen, doch sein Name wurde aus der Liste gelöscht.

(10) Der Schwur des Volkes: In der Geschichte von Beren und Lúthien sagt Finrod Felagund zum Volk von Nargothrond "Euren Treueid gegen mich mögt ihr brechen..." (Zitat aus ‚Das Silmarillion')

(11) Die verschiedenen Arten von ‚Hoffnung': Elben unterscheiden zwei verschiedene Arten von Hoffnung:
‚Amdir', das so viel wie ‚(zu etwas) aufsehen' bedeutet. "Eine Erwartung des Guten, welche, obwohl unsicher, eine gewisse Grundlage aus dem eigenen Wissen bezieht."
‚Estel', ‚Vertrauen': "Es stammt nicht aus Erfahrung, sondern aus unserer Natur und ursprünglichem Sein. Wenn wir tatsächlich Eruhin sind, die Kinder des Einen, dann wird Er es nicht ertragen, Seines Eigentums beraubt zu werden, nicht von irgendeinem Feind, nicht einmal von uns selbst. Dies ist die letzte Grundlage des Estel, den wir aufrechterhalten selbst wenn wir über das Ende nachdenken: von allen Seinen Werken muß dieses zur Freude seiner Kinder geschaffen sein."
(frei übersetzt aus ‚Morgoth's Ring', dem zehnten Band der ‚History of Middle Earth')