Kapitel 8
Der Sieg

Einen Augenblick lang ist es totenstill - selbst der Berg schweigt, dessen Grollen uns das Lied des Todes gesungen hat. Es ist, als verharre die Welt atemlos und warte gebannt. Doch dann erklingt ein fernes Rauschen, der Boden beginnt kaum merklich zu beben, so dass der feine schwarze Staub sich erhebt wie ein kostbarer Schleier. Unendlich langsam sinkt er wenige Lidschläge später hinab, nur um wieder und wieder aufzusteigen, von einem heißen Windhauch berührt, der über die tote Erde streicht und ein Leichentuch über sie ausbreitet ...
Ich springe vorwärts, werfe mich auf Isildur, der wie betäubt dasteht, den Knauf des zerborstenen Schwertes in der Hand, die Augen auf Sauron gerichtet, als sehe er ihn zum ersten Mal.
Ich kann nicht sagen, wer von beiden erstaunter über den Ausgang des Kampfes ist. Doch während Isildur verwehrt bleibt, zu begreifen, was er vollbracht hat, ist Sauron das volle Ausmaß dessen bewusst.

Wie anders könnte man seinen Schrei deuten, der plötzlich über das Schlachtfeld hallt, und nicht wenige in den Wahnsinn treibt, ganz gleich ob Elb, Mensch oder Ork. Es ist ein Laut des Schmerzes, aber mehr noch des Zornes und der Fassungslosigkeit - und des Hasses.
Saurons Körper bäumt sich auf, als müsse er sich gegen eine unsichtbare Hand wehren, die ihn zu zermalmen versucht. Der Dunkle Herrscher wirft den Kopf in den Nacken, die Streitkeule entgleitet ihm. Mit einem dumpfen Laut schlägt sie auf den Boden und wirbelt Staub und Gestein umher.
Aus den zahlreichen Rissen in der vormals prächtigen Rüstung bricht Licht hervor, treibt die Schwärze davon, die durch sie verborgen ist. Das blendende Licht wird stärker mit jedem Augenblick ...

Unsanft zerre ich Isildur mit mir.
Überrascht keucht er auf, will sich wehren, aber mein Griff ist eisern. Er sieht mich an, eine Frage auf den Lippen. Einen Augenblick später bekommt er die Antwort.
Saurons Rüstung vergeht in einem funkelnden Schauer aus Helligkeit, so als seien die Sterne vom Firmament gestürzt, um den Dunklen Herrscher zu besiegen; sein schattenhaftes Selbst ist nun entblößt und es gewinnt rasch an Gestalt, wo es kurz zuvor nur ein Mahlstrom aus Dunkelheit gewesen ist.
Schaudernd sehe ich die Seele des Bösen und der Anblick Saurons übertrifft alles, was ich in meinem langen Leben je erblickt habe.

Der, der sich einst Annatar nannte und zu uns kam, schön von Angesicht und unvergleichlich ...
Wie konnte er uns so mit Blindheit schlagen?
Gnädig schiebt sich der helle Schein heran, der Saurons wahres Wesen enthüllte und beginnt ihn unter einem weißen Schleier zu verbergen.
Ahnungsvoll wende ich mich ab.
Der Kampf ist noch nicht vorüber, denn Sauron wäre nicht Sauron, wenn er aufgeben würde, ohne ein letztes Mal seine Macht in die Waagschale zu werfen, die sich zu seinen Ungunsten neigt. Nun werden Kräfte entfesselt, die alles zu vernichten vermögen; und wir sind im Auge dieses unwirklichen Sturmes, der Sohn Elendils und ich.

Erleichtert bemerkte ich, dass Isildur sich jetzt ohne Widerstand von mir führen lässt. Er ist wie ein willenloses Kind, gefangen von dem, was er sah.
Vielleicht können wir entkommen ...
Ein dumpfes Grollen macht meine Hoffnung zunichte, und so ergebe ich mich in mein Schicksal, ein wenig getröstet durch den Menschen an meiner Seite, der mich ansieht und im nächsten Augenblick gegen mich geschleudert wird.
Der geschundene Boden bäumt sich auf, das Verfluchte Land ächzt unter den Gewalten, die nun zu toben beginnen, denn so wie Sauron und der Ring eins sind, so sind es seine verdorbene Seele und sein Reich, und so wie das Gold und der Dunkle Herrscher getrennt wurden, plötzlich und gewaltsam, so leidet das Land unter unsäglichen Qualen, die sich nur auf eine Art ausdrücken können: alles verfällt der Raserei.

Ein Sturm tost über die karge Ebene, der Verbündete und Feinde gleichermaßen erfasst und niederwirft. Die schweren Wolken am blutroten Himmel wirbeln umher, Blitze zucken aus ihnen herab, eine Aschewolke steigt aus dem Berg auf und verfinstert das Schlachtfeld. Feurige Steine werden aus dem alten Vulkankrater geschleudert und fallen als todbringende Fackeln herab.
Sauron wehrt sich noch immer gegen sein Verderben, sein Schatten wächst und dann entflammt er, erfüllt von Schmerz und Zorn, wird zu einem Wesen aus reinem dämonischen Feuer, das seine Niederlage vor Augen hat und ihr trotzt bis zum letzten Atemzug.
Mein Fluch komme über Elben und Menschen!
Saurons Stimme ist nur noch ein Flüstern, doch die Drohung in ihr bringt mein Herz zum Erzittern. Aber sie ist nichts gegen den Hass, der mit einem Mal über mich hinweg brandet und der Isildur wie unter einem Peitschenhieb zusammenfahren lässt.
Gehetzt sieht er mich an und dann werden seine Augen zu der Flammensäule hingezogen, die nun Saurons Gestalt ist. Langsam bewegt sich sie hin und her, immer wieder lodern Feuerzungen auf, gegen das reine Licht, das um Sauron schwebt. Es greift mit zarten Fingern nach ihm, fast spielerisch, so als sei sich die Macht, die es leitet, ihres Sieges vollkommen gewiss.

Der Dunkle Herrscher streckt eine Hand von Schatten und Feuer aus und ein letztes Mal ruft er die finsteren Gewalten über die er zu gebieten vermag und noch einmal gehorchen sie ihm.
Nhûr varhazh ... erezh akhûr ...
Gewisperte Worte, die mich in einen unsichtbaren Griff zwingen und auf den zuckenden Boden hinabdrücken, ohne dass ich mich wehren kann. Neben mir kauert der Mensch. Ihm ergeht es nicht besser. Hilfe suchend schaut er mich an, doch ich vermag nicht, ihm die Angst zu nehmen, so sehr ich es auch wünschte.
Es gibt keinen Trost - nicht in diesem Augenblick, in dem der Fluch Saurons sich auf uns legt und uns mit ihm in das Schattenreich reißen wird, das ewige Qualen für uns bereithält.
Ein wahrhaftig hoher Preis für die Vernichtung des Bösen und ein seltsamer Lohn, denke ich voller Bitterkeit ...

Doch plötzlich verliert die Drohung ihren Schrecken und Frieden kehrt in mein Herz zurück. Für den Sieg des Lichtes über die Dunkelheit gebe ich meine Seele mit Freuden und ohne Bedauern, so wie Unzählige vor mir gegen Sauron gekämpft und sich geopfert haben ...
Nun ist es Isildur, der mich gepackt hat. Seine Hände verkrampfen sich um meine Schultern und ich kann nicht umhin, vor Schmerz aufzukeuchen, denn mir ist, als würden meine Knochen brechen. Aber ich lasse den Mensch gewähren, ich weiß, wie er sich fühlt, weiß um seine Angst, die ihm den Verstand zu rauben droht.
Ich schließe die Augen, stelle mir einen tiefblauen Sommerhimmel vor, an dem die Vögel kreisen, rieche das üppige Gras und die vielen Blumen um mich herum, deren Duft mich betört. Ein leichter Wind streicht über meine Haut und dann erhebt sich meine Seele in das Licht ...

"Elrond!"
Isildurs verzweifelter Ruf holt mich zurück. Wie aus weiter Ferne sehe ich den Sohn Elendils und mich selbst, gefangen in einem Strudel aus Finsternis, der sich dreht und an Kraft und Größe gewinnt. Unsere zerrissenen Gewänder beginnen zu schwelen, kleine Rauchwölkchen steigen von ihnen auf und plötzlich spüre ich die Hitze, die herankriecht um uns zu verschlingen.
Aber da ist noch etwas anderes. Ein Schein, so rein und gewaltig, dass er meinen Augen weh tut, als er wächst - und das Feuer des Todes vertreibt. Es ist ein zähes Ringen, dieser seltsame Kampf wogt hin und her, doch kann ich in vollkommener Gelassenheit sein Zeuge sein.

"Was tut Ihr?" flüstert Isildur mit brechender Stimme, während er an meinen Schultern zerrt, als wolle er sich fortreißen, um zu fliehen. Und doch kann er sich nicht befreien, weil die Furcht ihn gefangen hält; und die Macht des Lichtes - zu seinem eigenen Wohl.
"Nichts", antworte ich schlicht.
Und es ist die Wahrheit.
Der goldene Reif an meinem Finger hat seinen eigenen Willen; so wie die Erhabenen, deren Wege für die Augen der Kinder Ilúvatars oftmals verborgen bleiben, bis sie sich als richtig und gut erweisen ...

Ein unmenschlicher Schrei erklingt.
Er jagt über das Schlachtfeld, bricht sich tausendfach an unsichtbaren Mauern und vermischt sich mit einem Getöse, das den Boden erneut zum Erzittern bringt.
Es ist der Dunkle Turm!
Durch Saurons Niederlage in seinen Grundfesten erschüttert gerät er ins Wanken, denn die Zauberei, die ihn zusammenhält, vergeht mit ihrem Herrn, dessen Schatten von feinen Lanzen aus Licht zerrissen wird.
Stein um Stein fällt aus dem wolkenverhangenen Himmel herab, an dem Blitze toben. Als die gezackte Spitze Barad-dûrs sich zur Erde neigt, klingt es wie ein Wehklagen und ein Fluch zugleich. Das Ende ist gekommen ...

... und dann heult nur noch ein dämonischer Wind, der mit jedem Augenblick an Kraft verliert, der Berg verstummt, die Steine des Turmes fallen nicht mehr und es herrscht Schweigen.
Graugelber Staub wirbelt umher, er riecht bitter und lässt mich nach Atem ringen. Unsicher und vorsichtig bewege ich mich, damit ich Isildurs Hände von meinen Schultern lösen kann, um mich zu erheben. Seine Finger sind wie Eisen, es bereitet mir einige Mühe, ihrem verzweifelten Griff zu entkommen.
Der Mensch kauert auf seinen Knien, er sieht mich an, aber ich weiß, dass er mich in diesem Moment nicht wirklich wahrnimmt, die Angst und die Verwirrung sind durch das Aufbäumen Saurons und des Landes und des Zaubers, von dem Isildur ein Teil war, noch zu gegenwärtig.
Sanft helfe ich dem bebenden Mann nach einer Weile auf, und dann blicke ich mich um.

Ein Zwielicht schwebt über dem Schlachtfeld, auf dem Feinde und Verbündete verharren, alle waren sie Zeugen des unmöglich Geglaubten. Im ersten Augenblick können sie nicht erfassen, was geschehen ist; aber schon regt sich hier und da ein Kämpfer und es kommt Bewegung in die Reihen der Streitenden.
Orks und Warge, Südländer und andere Menschen sind nun ihres Herrn beraubt, Verwirrung und Unsicherheit ergreift sie und viele von ihnen suchen ihr Heil in der Flucht. Doch es gibt keinen Weg mehr, der Sicherheit verheißt. Die Feste des Bösen ist kein Ort der Zuflucht mehr, noch stehen ihre Grundmauern, aber die Macht, die von ihr ausging, ist fort. Mögen sich die Fliehenden um den Dunklen Turm scharren, ihr Schicksal wird sie ereilen. Auch auf der Ebene wartet der Tod, denn Elben und Menschen, so sie ihre Waffen noch zu führen vermögen, zeigen keine Gnade - und so wird das Land ein letztes Mal mit Blut getränkt, auf dass es für alle Zeiten genug ist.

Ich wende meinen Blick ab von den blitzenden Klingen und verschließe meine Ohren gegen die erstickten Schreie der Sterbenden. Ich habe genug gesehen von Leid und Tod und meine Seele weint - so wie der Himmel, an dem schwere Wolken hängen. Doch sie haben ihren Schrecken verloren, sind von der Farbe eines reinen Schiefersteins und nicht mehr rot und unheilverkündend. Sachte beginnen große Tropfen zu fallen. Ich hebe mein Gesicht und der Regen vermischt sich mit meinen Tränen, wäscht sie fort und erquickt mich.
"Wir ..., wir haben gesiegt!" Isildurs verwunderte Stimme ist leise, so als fürchte er, aus einem Traum zu erwachen, wenn er die Wahrheit ausspricht, und in die grausame Wirklichkeit zurückgestoßen zu werden, in der er sein Ende hätte finden müssen; wie wir alle, die gegen Sauron standen.
Doch Ilúvatar war uns gnädig.

Der Dunkle Herrscher ist fort.
Dort, wo er kurz zuvor noch gegenwärtig war, schwelt schwarze Asche und ein leichter Windstoß entfacht kleine Funken in ihr, die schnell wieder erlöschen. Von der bizarren Rüstung ist nichts weiter geblieben als kleine Stücke, dunkel und matt, die überall verstreut sind.
Während ich sie betrachte, wird mir bewusst, wie müde ich bin. Die Schwere in meinen Gliedern zieht mich fast hinab und meine Wunden schmerzen. So erstaunt es mich nicht, dass die Freude nur verhalten in meinem Herzen Einzug hält. Zu viel ist an diesem Tag geschehen und ich fühle mich seltsam leer - schwankend zwischen Jubel und tiefer Traurigkeit.

Plötzlich regt sich der Sohn Elendils. Ich folge seinem überraschten Blick und sehe, was seine Aufmerksamkeit geweckt hat. Inmitten der schwarzen Asche funkelt ein kleines goldenes Licht, es pulsiert wie ein Herz, aber der Schlag verliert an Stetigkeit und Kraft und dann verblasst das Licht mit einem Male. Zurück bleibt ein Reif aus mattem Gold.
Einen Augenblick später setzt Isildur sich in Bewegung. "Der Ring soll mein sein", höre ich ihn murmeln und dann ruft er mit sich überschlagender Stimme: "Den will ich als Wehrgeld haben für meinen Vater und meinen Bruder!"
"Wartet!"
Schnell greife ich nach Isildurs Arm und halte ihn zurück. Der Mensch wendet sich mir zu und Verwunderung liegt in seinem Blick.
"Seid vorsichtig!" warne ich. "Sauron mag vergangen sein, aber der Ring ist es nicht. Er ist noch immer beseelt von der Macht seines Herrn und Ihr wisst um Saurons Stärke."

Sachte, doch bestimmt löst Isildur sich aus meinem Griff. Ungeduld flackert in seinen Augen und dann lacht er leise.
"Was redet Ihr da, Elrond? Es ist ein Ring, weiter nichts."
Mit diesen Worten schreitet Isildur voran und ich spüre, dass er es nicht ein zweites Mal dulden würde, wenn ich ihn zurückzuhalten versuche. Seine hohen Stiefel wirbeln Asche und winzige Stücke der zerstörten Rüstung auf. Langsam taumeln die Ascheflocken umher und bedecken den Sohn Elendils und mich. Ich kann ein Erschauern nicht unterdrücken, sind sie doch das, was von Sauron blieb und ich fürchte ihn noch immer, denn das gewaltigste Symbol seiner bösen Macht hat überdauert ...
Isildur lässt sich auf ein Knie nieder und betrachtet den goldenen Reif.
"Seht, die feurigen Zeichen auf ihm sind geschwunden." Hastig streift der Mensch seine mit feinen Kettengliedern verstärkten Handschuhe ab und greift nach dem Ring. "Und er ist kühl. Einfaches Gold, aber von einer erlesenen Verarbeitung. Hier ..."

Der Sohn Elendils richtet sich auf, tritt einige Schritte auf mich zu, und will mir den Ring geben. Abwehrend hebe ich die Hände und weiche zurück. Keine Gewalt auf dieser Welt wird mich dazu bringen, den Einen Ring zu berühren und meine Seele an ihn zu verlieren, denn er würde sie fordern.
Unendliche Macht könnte mir durch ihn zuteil werden, den Lauf der Welt würde ich zu bestimmen vermögen und ein Herrscher sein über die Sterblichen und Unsterblichen, und allein die Valar wären mächtiger; aber ich widerstehe der Verlockung des Bösen.
Es gibt nur ein Schicksal für den Ring - er muss an den Ort seiner Erschaffung zurückkehren und dem feurigen Pfuhl übergeben werden, aus dem er einst erstanden ist.

Ein verwirrtes Lächeln huscht über Isildurs Züge, mein Verhalten verwundert ihn und er ist unsicher geworden. Noch einmal versucht er mir den Ring zu geben, doch dann zieht er die Hand zurück, denn mein warnender Blick sagt mehr als jedes Wort.
"Ich sehe, dass Ihr dem Ring eine andere Bedeutung beimesst, als ich", höre ich Isildur zögernd sagen, während er den Goldreif nachdenklich mustert. Ich fühle seine aufkeimenden Zweifel, er versucht sich über mein Gebaren klar zu werden und ist empfänglich für warnende und mahnende Worte.
"Isildur, hört mich an! Der Ring verkörpert das Böse, das Sauron über ganz Mittelerde gebracht hat. Wir haben gekämpft, um dieses Dunkel zu vertreiben, das sich auf die Seelen der Lebenden und der Toten legte. Denkt an die Opfer, die Elben und Menschen gebracht haben, an das unendliche Leid, das über uns gekommen ist in dem Bestreben Sauron zu trotzen und ihn zu besiegen. Mich dünkt der heutige Sieg schal, denn ich verlor meinen König und mein Herz kann sich nicht freuen. Ihr wisst um die Trauer auf meiner Seele. Sie ist der Euren gleich, die Ihr durch den Tod Eures Vaters empfindet. Ehrt sein Andenken, indem Ihr auch die letzte Spur der Finsternis Saurons vom Angesicht der Welt tilgt! Vernichtet den Ring!"

Isildurs Augen blitzen auf. Nun sieht er den Ring in seiner Hand anders an. Feindseligkeit liegt in seinem Blick und plötzlich schließen sich seine Finger um das Gold, als wolle er es zermalmen. Seine Schultern straffen sich und dann sieht er mich an.
"Ich verneige mich vor Eurer Weisheit, Herr Elrond", sagt er leise. "Und vor Eurem Verständnis. Was muss ich tun?"
"Kommt mit mir in das Herz des Berges. Dorthin, wo der Ring einst erschaffen wurde und übergebt ihn den reinigenden Feuern. Dann ist der Sieg wahrhaftig unser!"
Isildur nickt feierlich.
"So geht denn voran und leitet mich."

Meine Füße finden den Pfad hinauf, an den Hängen des Orodruin entlang, ohne dass mein Wille es ihnen befiehlt. Ich habe diesen Weg noch nie zuvor beschritten, aber er ist mir vertraut wie der geheimste Gang in meinem eigenen Reich. Feine Steinchen und große Brocken aus Lava säumen den Pfad, der sich stetig nach oben windet.
Noch ist das Hinaufsteigen ein einfaches, aber nach und nach hebt sich der Berg steiler empor und der Unachtsame käme leicht in die Gefahr zu stürzen. So zieht die Zeit sich dahin, der Schlachtenlärm ist längst verklungen und auch wenn man ihn noch hören könnte, hier oben am Berg würde er verschluckt durch das Heulen eines wütenden Windes, der an Gewändern und Haaren zerrt und einen Schauer über den Körper jagt.

Aus den versteinerten Lavamassen ragt nackter Fels. Er strahlt eine bedrückende Hitze ab. Der Regen, der noch immer sachte fällt, benetzt den Stein und kleine Rauchwölkchen steigen von ihm auf. Hinter mir höre ich Isildur nach Luft ringen, er ist erschöpft und ihm fehlt die Fähigkeit, die uns Elben zu eigen ist - wir gewinnen unsere körperlichen Kräfte schnell zurück. Ich mäßige meine Schritte, auch wenn es mich vorwärtsdrängt, denn ich finde erst dann Ruhe, wenn der Ring vernichtet ist.
Endlich erreichen wir den schmalen Spalt im Felsen, der uns in das Innere des Berges gelangen lässt. Drinnen ist es beinahe unerträglich heiß und das rote Zwielicht wirkt bedrohlich. Schatten huschen über die Felswände, von den Flammen zum Leben erweckt, die aus der Tiefe empor flackern. Vor uns befindet sich ein schmales Felsband, dessen glatte Oberfläche wie ein Weg ist. Wer ihn beschreitet, der wagt sich vor, bis er in den feurigen Pfuhl schauen kann, der sich auftut, in das Innere der Welt führend - und in das Verderben.

Schweigend gehe ich voran. Kein Wort kann diesem einen Augenblick gerecht werden und die Stimme des Berges ist beredt genug.
Als ich mich zu Isildur umdrehe, folgt er mir zögernd. Vielfältige Gefühle huschen über sein Gesicht und seine Schritte sind vorsichtig, so als traue er dem Felsen unter seinen Füßen nicht, der sich langsam windet wie eine träge Schlange, weil der Berg immer wieder erzittert.
Ich sehe den Mann an, der nun König von Gondor und Arnor ist. Wenig königlich steht er da, bedeckt von Schmutz und Blut. Doch ich sollte mir kein Urteil erlauben, denn auch ich bin wenig fürstlich zu nennen. Nun zählt allein der Geist eines Herrschers, und der Wille zu Vollendung.

Wenige Schritte vor mir verharrt Isildur. Auffordernd sehe ich ihn an, suche in seinem Gesicht nach Zeichen der Entschlossenheit und des Mutes. Aber ich finde etwas anderes ...

Und plötzlich ist er fort, ich bin allein mit meinem Schmerz und meinem Zorn, zurückgekehrt aus der Vergangenheit, die noch so jung ist, aber alles erdrückend. Und ich bin allein mit dem spöttischen Lachen, welches aus weiter Ferne erklingt ...