Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel XVII – Wofür es sich zu kämpfen lohnt...
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Danksagung: Ute für das Beta-Reading des englischen Kapitels und eurowings für meinen Jungfernflug. :)
Widmung: den evil elven princesses, Extras und Borrowed Fangirls. Und allen, die mir mit ihrem Vertrauen große Ehre erwiesen haben.
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A/N:
Ithiliell: vielen Dank für die aufmunternden Worte. Du weißt, das ist der Treibstoff aller FanFic-Autorinnen (abgesehen von neuseeländischem Rotwein). :)
Warum sich so verhältnismäßig wenige an die Sil-Stories wagen, ist mir auch ein Rätsel. Da gibt es doch viel mehr Anregungen und Lücken, die geschlossen werden wollen...
*versetzt ihren Mitautorinnen auffordernde Stupser*
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XVII - Wofür es sich zu kämpfen lohnt...
Maedhros öffnete die Botschaft Círdans des Schiffsbauers mit einem fragenden Stirnrunzeln. Es war höchst ungewöhnlich für den Herrn der Häfen, sich an ihn zu wenden. Für gewöhnlich beachteten sie einander so wenig wie möglich – zumeist erfolgreich.
"Lord Maedhros,
wie Ihr wißt, lebt das Volk von Nargothrond seit mehreren Jahren hier auf Balar, angeführt von Artanáro Finellach Gil Galad, dem Sohn Orodreths aus dem Hause Finarfins."
‚Natürlich ist mir das bekannt', dachte Maedhros ungeduldig, ‚was willst du mir damit sagen, Círdan?'
Unglücklicherweise wäre die Antwort höchstwahrscheinlich: ihn daran erinnern, daß Orodreths Sohn nach Balar gegangen war, weil sein Vater alle Freundschaft zum Haus von Feanor aufgekündigt hatte.
Der Gedanke erfüllte Maedhros' Herz mit Bitterkeit. War Celegorm sich jemals der Tragweite seines Verhaltens bewußt geworden? Eine Verstärkung durch das beachtliche Heer Nargothronds hätte der Nirnaeth Arnoediad vielleicht einen anderen Verlauf und einen anderen Namen verliehen.
Nun, vermutlich hatte Celegorm es gewußt, doch zugegeben hätte er dies niemals.
Maedhros schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Brief zu.
"Gil Galad wird Euch bald selbst davon in Kenntnis setzen, doch scheint es mir leichter für Euch, dies von einem anderen zu erfahren."
‚Oh bitte hör mit dem Geschwätz auf, wir haben nicht bis zum Ende Ardas Zeit!'
"Vor einigen Tagen sind Überlebende aus Gondolin eingetroffen, unter ihnen auch Eure Cousine Idril Celebrindal. Die Verborgene Stadt ist gefallen und der Hohe König Turgon wurde bei ihrer Verteidigung getötet."
"Nein!"
Maedhros Ausbruch schreckte seine Brüder Maglor und Amras(1) auf, die ihn bisher interessiert beobachtet hatten, ungeduldig darauf wartend, den Inhalt des Briefes von Círdan zu erfahren.
"Was ist geschehen?", fragte Maglor.
Maedhros antwortete nicht. Er holte tief Luft und las weiter.
"Da es keinen Erben aus dem Hause Fingolfins gibt, der Turgon nachfolgen könnte, wird der Titel des Hohen Königs der Noldor auf das Haus Finarfins und somit Gil Galad übergehen, der diese Aufgabe bereits seit vielen Jahren als Stellvertreter Turgons wahrgenommen hat.
Möge der Eine Eure Wege leiten,
Círdan."
Maedhros ließ das Stück Papier sinken.
"Und?", fragte Amras.
"Gondolin ist gefallen. Turgon ist tot."
Maglor schien wenig überrascht. Mit seinen schlanken Fingern zeichnete er Muster auf dem Holz des Tisches vor ihm. "Was unseren Vetter Gil Galad zum nächsten Hohen König macht", bemerkte er gleichmütig.
"Ja. Und ich kann nicht sagen, daß es mir gefällt", antwortete Maedhros mit weit weniger Ruhe. "Was ist schließlich schon vom Sohn dieses...dieses Welpen Orodreth zu erwarten?!"
"Es ist noch nicht so lange her, da hast du anders von unserem Vetter gesprochen. Gil Galad hat sein Volk nach Balar gebracht, und dies mit bemerkenswert geringen Verlusten. Eine beachtliche Leistung, wenn du mich fragst."
"Nicht ohne Hilfe, darauf möchte ich wetten!", warf Amras ein. "Er mag König von Nargothrond genannt werden, doch wer hat die Arbeit getan? Celebrimbor?"
"Er hat auch während der letzten Jahre an Turgons statt gewirkt."
"Was reichlich anmaßend gewesen ist, es wäre der Platz unseres Bruders Maedhros gewesen."
Feanors ältester Sohn entzündete eine Lampe.
"Nein, das wäre es nicht. Wir sind die Enteigneten, unser Haus hat jegliches Recht, an der Hohen Königswürde teilzuhaben, aufgegeben."
Maglor sah zu seinem Bruder auf. "Und was wirst du nun tun?"
"Tun? Ich werde gar nichts tun. Er ist der rechtmäßige Erbe und er wird der nächste Hohe König sein, sei es zum Guten oder zum Schlechten unseres Volkes."
"Zum Schlechten, zweifellos", murmelte Amras.
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Die folgenden Jahre hätten friedlich genannt werden können. Doch es war ein wachsamer Friede und niemals wurde die Bedrohung durch Morgoths Heerscharen vergessen.
In der Tat, hätte Morgoth seine Armeen vereinigt und gegen Balar gesandt, wäre es ihm ein leichtes gewesen, die Häfen zu zerstören. Doch der Schwarze Feind, sich selbst bereits Herr von Mittelerde nennend, verlachte nur die verzweifelten Anstrengungen der letzten Ansiedlungen, zu überleben. Daß diese erbärmlich wenigen sich jemals von seiner Herrschaft befreien könnten, erschien ihm unmöglich, von einem Kampf gegen ihn ganz zu schweigen. Gil Galad war kein ernstzunehmender Gegner, Círdan zog es vor, weitere Schlachten zu vermeiden und Galadriel hatte Beleriand verlassen. Selbst Maedhros, nach Turgons Tod sein gefährlichster Widersacher, besaß zu wenig Gefolgsleute, um ihn jemals erneut herausfordern zu können.
Morgoth wußte vieles, dennoch hatte auch er nicht die ganze Musik der Ainur verstanden. So übersah er den einen, den er wirklich zu fürchten gehabt hätte, einen jungen Halbelben voll großer Liebe zu Schiffen und dem Meer.
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In weniger als zwanzig Jahren wuchs Earendil zu einem starken und schönen Mann heran. Er verbrachte er viel Zeit mit Elwing, wenn Erestor sie die Weisheit der Eldar lehrte. An andere Dinge, das Leben an der Küste oder wie das Meer zu verstehen und seine Zeichen zu lesen waren, schien Earendil sich mehr zu erinnern denn sie zu lernen. Alles mutete ihm ganz natürlich an, für ihn gemacht wie die Speisen an seinem ersten Abend in Arvernien.
Er vergaß niemals das halbfertige Schiff in der Werft von Balar vor so langer Zeit, wie es ihn gerufen hatte, ihn angefleht, es zu vollenden und frei den Ozean befahren zu lassen. Wann immer ihm gestattet wurde, Erestors Studierzimmer zu verlassen, war er alsbald im Hafen zu finden. Dort lauschte er den Geschichten der Fischer, stellte den Kapitänen der Falathrim viele Fragen oder half in den Werften. Als er stark genug war, selbst Seemann zu werden, verbrachte er noch mehr Zeit auf See, stets gelockt vom Gesang der Wellen, stets das Unbekannte suchend.
Und wann immer er zurückkehrte gönnte er sich weder Rast noch Ruhe, ehe er nicht Elwing von all dem berichtet hatte, was ihm begegnet war.
Während Earendil am Abenteuer Gefallen fand und dem Ruf der See willig folgte, entwickelte Diors Tochter eine tiefe Liebe zu allem was lebte. Ihr Garten, in dem sie jede Art von Kräutern heranzog, bedeute ihr was die Werften Earendil bedeuteten, und sie versprach eine hervorragende Heilerin zu werden. Im Gegensatz zu seiner Unruhe zeigte sie Geduld und Gleichmut, ihm ein Anker wie er ihr ein Segel war, wie die Teleri zu sagen pflegten.
Einander im Geiste ergänzend und darüber hinaus zusammenlebend wie Bruder und Schwester, erschien es kaum überraschend, daß sie enge Freunde wurden. Doch da viele des Volkes von den starken Gefühlen wußten, welche Elwing und Gil Galad miteinander verbanden, erwarteten nur wenige, hieraus würde mehr erblühen als die Liebe zwischen Verwandten.
In seinem neunzehnten Jahr baute Earendil ein erstes Boot nach eigenen Bauplänen. Seine Lehrer in der Werft ließen ihm seinen Willen, und unter ihren verwunderten Blicken entstand eine neue Art von Schiff, breiter und stärker und weniger schlank als die Schiffe der Teleri, dennoch nicht so breit und behäbig wie die Fischerboote der Zweitgeborenen. Genau wie sein Erbauer vereinte es beide Linien in sich, und seine Schönheit und Kunstfertigkeit straften die Jugend seines Herrn Lügen.
Hiernach wurde es Earendil gestattet, Schüler Círdans zu werden, und so reiste er oft nach Balar. Elwing begleitete ihn zumeist, sowohl um Gil Galad zu besuchen als auch, weil sie Earendils Gesellschaft schätzte.
Während einer dieser Aufenthalte auf der Insel ging Eärendil die Mole entlang und beobachtete den herrlichen Sonnenuntergang. Wie gewohnt fühlte er den goldenen Schimmer Anars an ihm zerren, das Verlangen, ihr in den Westen zu folgen.
Nahe dem Strand fand er den Hohen König. Gil Galad war in schlichte Kleidung von erdigen Farben gekleidet, sein Umhang und das dunkle Haar flatterten im böigen Wind. Offenbar tief in Gedanken versunken blickte er auf das Meer hinaus. Eärendil trat neben seinen Verwandten und neigte grüßend den Kopf.
"Mein König."
Gil Galad wandte sich kurz um und lächelte leicht. "Kapitän, ich grüße Euch."
Für eine Weile betrachteten beide schweigend die See.
"Als ich ein Kind war", sagte der Halbelb schließlich leise, "und bei Sonnenuntergang am Ufer stand, habe ich mir vorgestellt, das Licht hinter der See sei das Leuchten Valinors."
"Es ist zu weit entfernt, Kapitän. Die Valar haben uns verlassen, wir sind allein in der Finsternis."
Es war weniger eine Antwort als ein unbewußt ausgesprochener Gedanke.
"Ich kann nicht glauben, daß sie sich völlig von uns abgewandt haben. Jemand muß sie anrufen."
Gil Galad betrachtete den Halbelben, alle Hoffnung in seinen dunkelgrauen Augen erloschen.
"Ihr wißt, es wurde bereits versucht. Euer Ahnherr Turgon sandte mehrere Schiffe, um Hilfe gegen Morgoth zu erflehen. Nur einem einzigen Mann hat man die Rückkehr erlaubt – und der Schwarze Feind herrscht nach wie vor über Beleriand."
Earendil erinnerte sich an den Hohen König Turgon, machtvoll und erhaben und doch voll liebevoller Zuneigung gegenüber seinem Enkel. Die Valar mußten ähnlich sein: mächtig und sanft zugleich.
"Ich vertraue dennoch auf ihr Mitgefühl."
"So schätzt Euch selbst glücklich für diese Hoffnung. Ich wurde dasselbe gelehrt, von jenen, die selbst in den Gesegneten Landen gelebt haben. Doch mein Herz kann ihren Lehren nicht länger Glauben schenken."
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Viele Bewohner Beleriands waren ums Leben gekommen und zahllose Siedlungen lagen verlassen, wurden erneut von der Wildnis erobert. Nur eine Handvoll kleiner Dörfer gab es entlang der Bucht von Balar und im näheren Festland unter dem Schutz des Hohen Königs. Doch noch immer waren es mehr, als die spärlichen Truppen beschützten konnten. Viel zu oft mußte Gil Galad entscheiden, wohin er seine Krieger senden sollte und sich den anklagenden Blicken jener stellen, die unter diesen Entscheidungen gelitten hatten – sofern sie ihn überhaupt noch anschauen konnten.
Doch er war ein Abkömmling Finwes und hatte die Hartnäckigkeit seines Vorfahren geerbt. Mochte es auch lediglich ein Aufschub sein, bis Morgoth seine Armeen für den letzten Schlag sandte, er würde diesen Aufschub so lang wie möglich machen.
Immer wieder ritt er in die Wälder oder segelte entlang der Küsten um die Orks anzugreifen und zu töten. Er kämpfte, wie er es in den frühen Tagen Nargothronds gelernt hatte, mit mehr Heimlichkeit denn Ehre, und mehr als einmal war das Fell seines Apfelschimmels von seinem Blut gerötet. Ihn trieb nicht die Pflicht allein, sondern auch ein tiefverwurzelter Haß gegen Morgoth und seine Diener, welche ihm beinahe alles und alle genommen hatten, die seinem Herzen nahe standen.
Dies erstaunte weder Tuor noch Idril, denn sie bargen in sich den selben Haß für die Zerstörung Gondolins. Noch Erestor, der gleicherweise für die Söhne Feanors empfand. Und Gildor wie auch Celebrimbor fanden es sogar ganz natürlich, denn sie hatten miterlebt, wie stark das Band zwischen Gil Galad und seiner Schwester Finduilas gewesen war.
Allein Círdan mit seiner Erfahrung ungezählter Jahre erkannte, was dieser Haß dem fëa des Königs antat.
"Es schadet dir und beeinträchtigt dein Urteilsvermögen. Du bist weitaus zu unbedacht mit deinem Leben, und du vergißt dein Volk. Was wird sein wenn du stirbst, ihr Hoher König?", fragte er einmal den jüngeren Elben.
Gil Galad hob die Schultern. "Dann werden sie einen anderen Führer finden müssen, wie schon zuvor."
"Du kannst nicht so einfach ersetzt werden, und du hast keinen Erben, der deinen Platz einnehmen könnte."
"Schlägst du vor, ich solle auf Balar bleiben und andere kämpfen lassen? Oder ein Kind zeugen in diesen Zeiten der Gefahr?"
Círdan hob einen Mundwinkel. "Ich wäre nicht so dumm. Die Krieger fassen Hoffnung, wenn ihr strahlender Stern bei ihnen ist." Er legte dem König eine Hand auf die Schulter. "Du bist ihr Stern, Finellach. Darum bist du so wichtig. Der Titel des Hohen Königs könnte einem anderen verliehen werden, aus welchem Recht heraus auch immer. Doch das Vertrauen deines Volkes ist nicht so leicht zu übertragen. Ich bitte dich nur darum, besonnen zu sein und zu bedenken, daß es dir nicht länger gestattet ist, deine Gefühle über deine Verpflichtungen zu stellen."
Es folgte ein flüchtiger Moment, da Gil Galad den Worten des Schiffsbauers hätte folgen und den Weg des Hasses verlassen können. Dann wandte er sich ab.
Er war noch nicht reif, seine Gesinnung zu ändern.
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Tuor und Idril wurden rastlos. Sie sehnten sich danach, die Küsten der Hinnenlande zu verlassen, wo sie so vieles erlitten hatten, und einen anderen Ort zum Leben zu finden.
"Du bist nicht alt, nicht einmal in der Rechnung der Zweitgeborenen. Warum willst du jetzt schon gehen?", fragte Gil Galad Tuor. "Du kannst noch immer viel für das Volk Arverniens tun."
"Das könnte ich, für eine kurze Weile. Ich bin müde, mein Freund. Ich habe Wunden empfangen, die mehr als nur meinen hroa(2) berühren. Mein Herz ist müde, müde der Kämpfe und des Leides und der Anstrengungen Mittelerdes." Er lächelte wehmütig und berührte Idrils Gesicht. "Wer unter den Eldar lebt vergißt allzu leicht, daß er selbst nur ein Sterblicher ist, der Zeit und dem Vergehen ausgeliefert. Doch bald wird das Alter mich zwingen zu gehen – schon sehr bald, nach dem Ermessen der Erstgeborenen."
Gil Galad runzelte die Stirn. "Wo wollt ihr leben, wenn nicht hier bei eurem Sohn und euren Freunden?"
"Wir hoffen, Tol Eressea zu erreichen", antwortete Idril, und Tuor fügte hinzu "Der Ort ist ohne Belang. Ich werde zufrieden sein, wo immer die Valar uns zu leben gestatten."
"Sie gestatten nicht einmal den Sindar Zutritt zu ihrem Reich. Und trotz aller Bande der Verwandtschaft zwischen uns bist du noch immer ein der Zweitgeborenen, deren Schicksal dem unseren verschieden ist."
"Ich verlange nicht, in die Geheiligten Lande eingelassen zu werden. Alles was ich mir wünsche ist ein Ort, wo ich während meiner verbleibenden Jahre in Frieden leben und allen Kummer vergessen kann."
"Das wünschen sich viele von uns, doch niemand wird es je erlangen", erwiderte Gil Galad bitter. "Und was ist mit deinem Volk?"
Idril machte eine Bewegung wie um die Hand ihres Verwandten zu berühren, doch dann hielt sie inne. "Earendil ist alt genug", meinte sie sanft. "er kann unseren Platz einnehmen."
"Ihr seid mehr als nur Anführer, Idril, es bedeutet unserem Volk viel, jemanden unter uns zu haben, der das Licht der Zwei Bäume gesehen hat. Spürst du nicht ihre Verzweiflung ? Du erinnerst sie an die Liebe der Valar. Euer Sohn Earendil ist jung und seine Gedanken sind auf Schiffe, nicht auf Herrschaft gerichtet."
"Das hindert Círdan nicht daran, den Teleri ein hervorragender Anführer zu sein", widersprach Tuor auflachend. "Elwing wird ihm helfen, seinen Platz zu finden. Und wir wollen nicht sofort gehen. Wir haben noch Jahre um sie zu lehren, was immer wir können."
Bereits drei Jahre später, an einem friedlichen Herbstabend, kamen Tuor und Idril zum letzten mal nach Balar.
"Unsere Zeit ist vorüber", sagte Tuor leise. "Wir haben getan, was unsere Pflicht war."
"Ich werde euch vermissen", antwortete Gil Galad. "Dies ist der Preis den wir für die Freundschaft mit den Edain bezahlen: euch zu verlieren, schon bald nachdem ihr in unser Leben getreten seid und es mit eurer Liebe erleuchtet habt. Wenn dein Herz dich zu gehen heißt, so folge ihm. Mögen die Valar euch beschützen und euch euer Anliegen gewähren."
Der Sohn Huors betrachtete das Gesicht des Elbenkönigs eingehend. Gil Galad sprach nur selten so offen über seine Gefühle, es war ein großes Abschiedsgeschenk, und Tuor wußte dies wohl.
"Leb wohl, mein Freund", sagte er heiser. "Mögen auch dich die Hohen Mächte beschützen, bis wir uns eines besseren Tages und an einem besseren Orte wiedersehen!"
So verließen Tuor und Idril die Küste Balars und die Lande ihres Leids. Sie hatten nur einen einzigen Begleiter: den Elben Voronwe, der einstmals Tuor nach Gondolin geführt hatte und ihm durch alle folgenden Jahre hindurch ein treuer Freund gewesen war.
Und es wird gesagt, daß ihnen nach langer Reise über das Scheidemeer der Zutritt zu den Unsterblichen Landen gestattet und Tuor zu den Eldar gezählt wurde, und sein Schicksal ist von jenem der Menschen geschieden.
Nach der Abreise Tuors und Idrils fand Gil Galad oft seine Gedanken zum Westen gerichtet, besonders in den stillen Stunden vor der Morgendämmerung. Dann ging er hinab zum Strand und beobachtete die letzten untergehenden Sterne.
‚Eines Tages wird auch mein Stern dort versinken', dachte er.
Doch dies war niemals mehr als eine schwache Hoffnung. Denn er war ein Noldo und aus dem Westen verbannt.
Die Liebe zwischen Earendil und Elwing wuchs. Und als sie sich einander verbanden, da war es Gil Galad, der ihre Hände ineinanderlegte, an einem der glücklichsten Tage seines Lebens.
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Während er hinauf zur Halle Earendils ging, ließ Gil Galad seinen Blick über die niedrigen Häuser im Hafen des Sirion wandern. Der Ansiedlung fehlte die Pracht Menegroths ebenso wie die Großartigkeit Nargothronds, die Gebäude waren klein und heimelig, ein Ort der Ruhe nach langen Mühen. Etwas, das er zu schätzen gelernt hatte.
Wie so oft zu dieser Zeit befand sich Earendil auf einer seiner Reisen. Elwing kam allein, den König zu begrüßen, die Hände ausgestreckt, um seine zu ergreifen.
"Es tut gut, dich wiederzusehen, Bruder. Ich habe zu lange auf deinen Besuch warten müssen."
Er erwiderte den sanften Druck ihrer Finger.
"Länger als ich es erwartet oder gewünscht hätte, dessen sei gewiß. Doch jetzt gehöre ich ganz und gar dir – bis zum morgigen Abend."
"Viel zu kurz für deine kleine Schwester. Komm, ich möchte dir etwas zeigen."
Dies war nicht der gewohnte Verlauf ihrer Begegnungen und er blickte sie neugierig an.
"Ist irgend etwas geschehen?"
"Nein, nein", antwortete sie viel zu rasch. "Da ist nur etwas... Ja. Ich muß mit dir über eine heikle Angelegenheit sprechen."
Sie wußte, sie konnte ihn nicht täuschen, nicht für lange Zeit.
In ihren eigenen Räumlichkeiten angekommen, öffnete Elwing eine kleine hölzerne Schatulle. Hieraus nahm sie ein weiteres Kästchen, gefertigt aus dem weißen Birkenholz Nimbrethils, das die Elben von Arvernien so liebten. Es war weder mit Schnitzereien noch durch andere Verzierungen geschmückt, in der Tat schien es von bemerkenswerter Schlichtheit.
Sie setzte sich auf ein Bank und klopfte einladend auf das Holz neben sich. Nachdem Gil Galad ihrer Geste gefolgt war, nahm sie vorsichtig den Inhalt des Kästchens heraus.
"Ich denke, dies wirst du erkennen."
Gil Galad starrte den Gegenstand an. Er erkannte ihn, in der Tat.
"Das Nauglamír, das Halsband, welches die Zwerge für Finrod Felagund fertigten. Nach seinem Tod wurde es ein Teil von Nargothronds Schatz. Ich glaubte es mit dem Untergang meines Heims verloren." Er sah zu ihr auf. "Wie hast du es bekommen?"
Statt einer Antwort faßte Elwing das Kleinod, das sie bisher in der Mitte gehalten hatte, nun an den Enden. Ein Schimmer verbreitete sich in dem dämmrigen Raum, ein Leuchten von Gold und Silber zugleich, jung und warm wie das erste Licht und vollkommen unbeschreiblich. Es ging von einem Juwel aus, der in der Mitte des goldenen Bands eingearbeitet war. Gil Galad hatte ihn noch niemals gesehen, doch er erkannte sofort den Silmaril von Beren und Lúthien, um dessentwillen König Thingol getötet und Doriath vernichtet worden war.
Elwing beobachtete eingehend die Gefühle, die sich unwillkürlich auf dem Gesicht des Hohen Königs abzeichneten. Staunen war da, angesichts von etwas, das nicht aus dieser Welt zu stammen schien. Scheu und Ehrfurcht. Und Entzücken, die reine Freude eines jedes Elben angesichts wahrer Schönheit. Doch nicht das, wovor sie sich so sehr gefürchtet hatte, weder Begehren noch Besessenheit.
Während all der Jahre die sie unter dem Schutz Gil Galads lebte, hatte sie noch niemals gewagt, ihn dem Einfluß des Silmaril auszusetzen. Doch nun war der Tag gekommen da sie wissen mußte, ob sie innerhalb des Machtbereichs des Hohen Königs der Noldor sicher sei. Die Herrin von Arvernien wußte, sie würde fortgehen müssen, falls er dem Ruf des Steines nicht widerstehen konnte. Um ihret- aber auch um seinetwillen.
"Húrin kam nach Doriath, nachdem Morgoth ihn freigelassen hatte. Unterwegs führte ihn sein Weg nach Nargothrond, und er brachte König Thingol das Nauglamír als Geschenk, zum Dank für die Fürsorge, die mein Urgroßvater seiner Familie hatte angedeihen lassen. Thingol bat die Zwerge, den Silmaril in das Nauglamír einzuarbeiten, du weißt, was danach geschehen ist."
"Ich habe gehört, daß er den Stein in ein Schmuckstück einarbeiten lassen wollte, doch ich wußte nicht, daß es das Nauglamír war."
Nicht ohne Mühe wandte er seinen Blick ihrem Gesicht zu.
"Warum zeigst du mir dies, kleine Schwester?"
Sie strich ihm mit einer Hand sacht über die Wange.
"Zunächst, weil das Halsband eigentlich dein Erbe ist. Es gehört zum Schatz von Nargothrond. Húrin wußte nicht, daß es noch Überlebende des Hauses von Finarfin gab, als er es Thingol schenkte."
Gil Galad zog die Stirn kraus. "Diese Dinge haben für mich keine Bedeutung mehr. Als Nargothrond fiel, habe ich mehr verloren denn bloßes Gold oder Schmuckstücke, und ich mißgönne Thingol nichts, was er als Lohn für eine noble Tat erhalten hat. Was ist der zweite Grund?"
"Ich möchte, daß du den Stein berührst."
Er atmete tief ein, langsam und bewußt. "Ich denke, das wäre nicht sehr ratsam."
"Bitte, 'Ellach, habe keine Furcht. Wie könnte ich den Stein berühren, wenn es dir nicht gestattet wäre?"
"Das Vorrecht einer kleinen Schwester: sich jedwede verherrlichende Vorstellung von ihrem Bruder zu machen", erwiderte Gil Galad mit einem liebevollen Lachen.
Elwing schüttelte den Kopf. "Nein, 'Ellach, ich liebe dich als einen Bruder, doch ich bin nicht blind. Womöglich erkenne ich dich klarer, als du dich selbst."
Sie nahm seine Hand und führte sie zum Stein. Er zögerte zuerst, dann legte er sacht die Fingerspitzen an dessen Oberfläche.
Die Kraft des Silmaril pulsierte unter seiner Berührung. Überrascht hätte Gil Galad beinahe seine Hand wieder zurückgezogen, doch im selben Moment wußte er mit absoluter Gewißheit, daß diese Energie ihm nicht schaden würde. Sie war warm und lebendig wie das Leben selbst. Sie war das Leben. Das Strahlen des Silmaril wurde für einen Herzschlag lang heller, als sich die Seele des Steines und der fëa des Hohen Königs verbanden.
"Hör ihm zu", sagte Elwing leise.
Gil Galad schloß die Augen. Zunächst war da nicht mehr als das Bewußtsein der lebendigen Macht des Silmaril. Und dann kam ein leises Geräusch hinzu, vertraut und beruhigend.
"Das Rauschen des Windes um den Turm von Tol Sirion", flüsterte er.
"Ich höre den Wind in den Bäumen von Ossiriand", erwiderte Elwing lächelnd. "Vermutlich hängt es von jenem ab, der den Stein berührt. Ich glaube, dies ist seine Stimme."
Sie sahen sich an, goldener und silberner Schimmer auf ihren Gesichtern, und in diesem Leuchten gab es keine Geheimnisse mehr zwischen ihnen, nur noch tiefe Gefühle.
Elwing lehnte sich vor und küßte Gil Galad auf die Wange. "Ich wollte, daß du ihn siehst, 'Ellach. Er ist ein Wunder, wenn auch ein gefährliches Wunder."
Er nahm seine Hand von dem Juwel, und dies zu tun fiel ihm schwer. Er verstand jetzt, was die Söhne Fëanors fühlten, was Thingol und die Zwerge gelockt hatte. Das Begehren, das der Silmaril hervorrief, war nicht die Gier nach Gold und Juwelen, es hatte nichts mit irdischen Schätzen zu tun. Es war der Wunsch und das Verlangen nach dem Leben selbst, dem Feuer, das jedem lebenden Wesen von dem Einen eingepflanzt worden war. Er berührte Elwings Haar, dann beugte er sich vor und küßte ihre Lippen.
"Ich danke dir, kleine Schwester. Dies ist ein großes Geschenk. Aber warum zeigst du ihn mir heute?"
Zu seiner Verblüffung errötete sie.
"Weil...weil ich etwas wissen mußte."
"Was?"
"Ob du dem Stein widerstehen kannst. Ob ich hier sicher bin."
Die Brauen zusammengezogen, lehnte sich der Hohe König zurück.
"Dir muß klar gewesen sein, daß ich von seiner Anwesenheit hier in Arvernien wußte. Habe ich dir nach all den Jahren irgend einen Anlaß gegeben, an meinen Absichten zu zweifeln?"
"Nein, doch ich wollte sicher sein. Ich will nicht noch einmal weglaufen müssen."
"Warum? Warum ist dir das gerade jetzt so wichtig?"
Sie sah sie ihm in die Augen, und die ihren strahlten vor Freude.
"Weil ich ein Kind erwarte."
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Nachdem er einige Jahre in der Wildnis zugebracht hatte, kehrte Amras zur Festung seines Bruders in Thargelion zurück.
"Und was führt dich zu uns, kleiner Bruder?", fragte Maedhros eher scherzhaft denn alles andere. Amras brauchte keinen Grund, seine Brüder aufzusuchen, er kam und ging wie es ihm beliebte.
Der jüngere Elb öffnete seinen Mantel und ging zur Feuerstelle, es war ein regnerischer und kalter Tag.
"Umherziehende Elben haben mir berichtet, der Silmaril sei an der Küste Arverniens gesehen worden. Spürst du es nicht? Der Eid, er regt sich wieder und sein Ruf nimmt an Macht zu."
"Ich verstehe", sagt Maedhros langsam. "Und was schlägst du vor?"
"Zu den Häfen des Sirion zu gehen und zurückzuholen was unser ist, selbstverständlich!"
"Und wie du weißt wird das nicht einfach sein. Glaubst du, sie würden uns den Silmaril einfach so überlassen nach dem, was in Doriath geschehen ist? Nein, sie werden ihn verteidigen und es widerstrebt mir, noch mehr Blut zu vergießen."
"So wirst du den Eid aufgeben und all die Opfer, die wir brachten, umsonst sein lassen? Sind unsere Brüder also für nichts gestorben?", fragte Amras scharf. Mehr noch als Maedhros und Maglor litt er unter dem Verlust seiner Geschwister, besonders seines Zwillingsbruders Amrod.
"Nein, ich werde es lediglich aufschieben. Wir haben viele Jahre mit dem Versuch zugebracht, die Steine unseres Vaters zurückzuerlangen, wir können noch ein wenig länger warten. Und dann werden wir mit Verhandlungen beginnen."
"Verhandlungen? Warum sollten sie uns anhören?"
"Weil es der Hohe König sein wird, der für uns spricht."
Amras starrte seinen Bruder an. "Du glaubst, ausgerechnet Gil Galad würde unseren Fall vertreten und Elwing raten, den Silmaril auszuliefern?"
"Möglicherweise."
"Du kennst seine Gefühle gegenüber unserer Familie. Er würde niemals Orodreths Schwur mißachten. Und man sagt, er und Elwing stünden sich sehr nahe."
"Genau aus diesem Grund wird er mehr an ihrer Sicherheit interessiert sein als an Worten, die vor langer Zeit gesprochen wurden."
Mit einem ärgerlichen Schritt vorwärts erwiderte Amras "Wir sollten-"
"Wir sollten warten, kleiner Bruder. Zum ersten mal sollten wir warten und uns in Geduld üben. Im Moment befindet sich der Silmaril unter dem Schutz Gil Galads. Und ich will keinen Krieg mit einem Mitglied des Hauses von Finwe beginnen, schon gar nicht mit dem Hohen König der Noldor selbst."
Amras hielt einige Herzschläge lang dem Blick seines Bruders stand, dann zuckte der jüngere Elb die Achseln und verließ den Raum ohne ein weiteres Wort.
"Wohl gesprochen, Bruder", bemerkte Maglor trocken. "Doch du glaubst doch selbst nicht an das, was du gerade gesagt hast, oder?"
Maedhros sah hinab, dorthin, wo einst seine Hand gewesen war. "Es ist nicht leicht, dich zu täuschen, Maglor. Nein, ich glaube nicht daran. Doch ich spüre, daß jetzt nicht die Zeit ist, dem Schwur zu folgen."
Und so wurde noch für eine kleine Weile hinausgeschoben, was einst die Greueltat des Dritten Verwandtenmordes genannt werden sollte.
Fußnoten:
(1) Amrod & Amras: In der ‚History of Middle Earth', Band 12 (The Peoples of Middle Earth) wird im Kapitel ‚The Shibboleth of Feanor' erzählt, wie Feanor in der Nacht nach ihrer Ankunft in Losgar Curufin und einige vertrauenswürdige Gefolgsleute weckte, um die Schiffe in Brand zu stecken. Erst am nächsten Morgen vermißte er einen seiner Söhne - Amrod, den jüngeren der Zwillinge, die gemeinsam Ambarussa genannt wurden. Dieser hatte auf dem Schiff geschlafen, das sein Vater als erstes zerstört hatte.
(2) fëa und hroa: in der Terminologie Tolkiens bezeichnet hroa den Körper, fëa die geistige Substanz, wobei diese Begriffe meines Wissens nur in Bezug auf die Elben angewandt werden. Da der fëa nicht dem entspricht, was wir unter der "Seele" verstehen, habe ich die elbischen Begriffe beibehalten.
Ich lasse Tuor dennoch für sich selbst den Begriff "hroa" benutzen, um zu verdeutlichen wie nahe er sich den Eldar fühlte.
2. A/ N
Das englische Kapitel der Narn Gil Galad ist genau ein Jahr nach ihrer Erstveröffentlichung herausgekommen. Und das Schreiben macht mir noch immer sehr viel Freude!
Ich habe in diesem Jahr jede Menge gelernt (nicht nur die englische Sprache betreffend) und viele wundervolle Leute kennengelernt. Darum auch hier (obwohl sie das deutsche Kapitel sicherlich nicht liest):
*Verbeugung vor jener, die mich anfangs ermutigt hat*
Danke dir!
Und fast schon wie gewohnt entschuldige ich mich, daß ihr so lange auf die deutsche Version warten mußtet. Doch es galt zuvor, einer Freundin zu helfen (fühle Du dich gedrückt).
