Der Entschluss
Wie lange stehe ich schon hier?
Ich habe jegliches Gefühl für die Zeit verloren, mein Leib zittert in der Hitze des Berges, so gewaltig war der Griff der Erinnerung und so schmerzhaft, dass mir Tränen die Wangen entlang laufen. Trauer und Zorn treiben sie hervor.
Und Enttäuschung.
Über den Sohn Elendils und seine mangelnde Weitsicht, den wankelmütigen Sinn des Menschen und seine Schwäche – mehr noch aber über mich, der ich nicht in der Lage war, zu handeln, als es am nötigsten tat.
Der Ring hätte sein Ende in dem brüllenden Chaos unter mir finden sollen, in den reinigenden Flammen, die so verlockend sind. Ich trete einen Schritt näher an den Abgrund und sehe hinab.
Dort unten herrscht eine uralte Macht, die alles verschlingen kann – den Schmerz, die Trauer, die Last des Versagens ...
Doch was nützt es, der Welt den Rücken zu kehren? Es ist nicht mehr als ein feiges Davonlaufen, und genau das werde ich nicht tun! Mein Stolz lässt es nicht zu – ebensowenig wie das Gefühl der Verantwortung, auch wenn es schwer mit dem des Versagens ringt.
Kurz bewegt mich der Gedanke, Isildur hinterherzueilen und den Ring zu fordern, damit ich es zu Ende bringe; aber das Schicksal hat mir die Möglichkeit zu handeln genommen. Wie sollte ich es tun, ohne die Hand gegen den König von Arnor und Gondor zu erheben? Was daraus erwachsen könnte, mag ich mir nicht ausmalen.
Es hat genug Leid und Tod unter Elben und Menschen gegeben. Ich werde dem bösen Geist des Ringes nicht zu Diensten sein, indem ich einen weiteren Kampf heraufbeschwöre, der nur Zwietracht säen würde. Ich wäre ein Verräter in den Augen der Menschen, weil ich ihren König erschlagen müsste, um des Ringes willen, und sie würden die Elben zu hassen und zu fürchten lernen.
Nein.
Nichts wäre gewonnen, wenn wir diese verfluchte Erde erneut mit Blut tränkten. Es zöge das Böse nach sich, dessen bin ich mir gewiss. Denn ich würde den Ring mit Gewalt in meinen Besitz bringen und mich schuldig machen in einer Weise, die keine Vergebung erwarten kann.
Und wer könnte mich vor dem Straucheln bewahren, wenn die verlockende Stimme des Ringes zu mir spräche? Ich würde ihn nutzen wollen, um die Wunden der Welt zu heilen. Doch wie kann aus dem Bösen etwas Gutes erwachsen? Der Ring ist verdorben durch und durch. Von Saurons dunklen Künsten und seiner schwarzen Seele ...
Lieber erdulde ich die Last meines Gewissen, das mir eine nicht minder schwere Bürde und Schuld auflädt – nicht eindringlicher und überzeugender gewesen zu sein und den Sohn Elendils zum entscheidenden Schritt zu bewegen.
Ich werde mit dem verborgenen Schmerz leben und warten, was die Zukunft bringt. Und alles in meiner Macht Stehende tun, um ein Wächter zu sein, wenn das Böse sich wieder regen sollte, das in dem unscheinbaren Ring schlummert.
Ein grausige Unterpfand eines Sieges, der keiner ist ...
Als ich den Berg verlasse empfängt mich ein unerwarteter Anblick: die Strahlen der untergehenden Sonne, die auf das Schattengebirge hinabsinkt und die Gipfel in einen goldenen Glanz zu hüllen beginnt.
Lange Zeit war ihr Antlitz verborgen von schweren Wolken und Asche, denn Sauron hasste ihr Licht und verdunkelte sein Reich. Nun weht ein scharfer Wind von Westen her und vertreibt die Düsternis.
Er kündet von einer neuen Zeit und ich wünsche mir, dass sie den Frieden mit sich bringen wird. Jegliche Kreatur musste unter dem Dunkel leiden, mit dem Sauron Mittelerde verhüllt hat, Ruhe tut nun Not, damit wunde Körper und Seelen geheilt werden können und zerstörte Lande erneuert.
Allein das Verfluchte Reich wird niemals von seiner Last befreit werden, es ist tot, und nur die Macht der Valar würde ihm Leben einhauchen können. Ich bezweifle, dass sie diese Gnade walten lassen. Mordor wird uns allen eine Warnung bleiben ...
Mein Blick schweift über die Ebene von Gorgoroth, dorthin, wo noch immer der Dunkle Turm in den Himmel ragt; drohend und schwarz wie die Seele seines Erbauers. Zahlreiche Steine sind hinabgefallen, aber noch steht er; nur seine Spitze fehlt völlig. Wir werden versuchen seine Mauern zu schleifen, aber ich fürchte es wird uns nicht gelingen ihn vollkommen zu zerstören. Sauron hat ihn mit Zauberei erbaut – und der Macht des Ringes. Sie ist noch da, ich fühle es tief in mir.
So soll der Turm denn eine Warnung sein für die Sterblichen und die Unsterblichen, auf dass sie niemals vergessen werden, was in den Dunklen Jahren geschehen ist.
Langsam und in Gedanken beginne ich mit dem Abstieg vom Schicksalsberg, wie der alte Vulkan auch genannt wird. Ein Name von tiefer Bedeutung, vor Zeiten und – wenn meine Ahnung mich nicht trügt – auch in kommenden Tagen. Von der Gegenwart ganz zu schweigen ...
Endlich kann ich dem Berg den Rücken kehren.
Die Dämmerung bricht herein. Zum ersten Mal seit fast sieben Jahren ist es kein roter Schein, der die Nacht in ein unheiliges Licht taucht, denn der Orodruin regt sich nicht mehr, seine Flammen sind am Erlöschen und ihr sterbender Funke ist zu klein, um den Himmel zu erleuchten, an dem hier und da eine dünne Wolke schwebt, in einen zarten gelben Schimmer getaucht, der das Auge erfreut.
Ich gehe über das Schlachtfeld, welches im Lichte des scheidenden Tages liegt. Unzählige Leiber bedecken es, entstellte Fratzen blicken mich an, und Gesichter, die einstmals schön waren.
Sie alle dauern mich, die Toten, ob Feind oder Freund. Denn sie alle waren denkende und fühlende Wesen – selbst die Orks, verabscheuungswürdig wie sie sind, als Diener des Bösen; ganz gleich in welcher Gestalt es sich zeigt. Schon Morgoth hat sie verdorben und verführt zu schrecklichen Taten.
Wenn es ein Lied gibt, dessen Strophen niemals alle gesungen werden können, dann ist es das Lied des Todes – er streckt seine gierigen Klauen in der unterschiedlichsten und grausigsten Weise aus. Immer wieder lässt mich der bleiche Geselle erschauern ...
Ziellos wandere ich umher, kann hier und da Mut und Trost spenden und meine innere Stärke wiedergewinnen. Ich bin in Gedanken versunken und merke erst spät, dass es mich wieder zu dem Ort hinzieht, an dem der letzte Kampf mit Sauron stattgefunden hat.
Nun sind Menschen dort. Ihre blutbefleckten Rüstungen glänzen stumpf im Abendlicht und sie bewegen sich wie Greise, obwohl die meisten Männer erst in der Blüte ihrer Jahre stehen.
Vier von ihnen haben einen großen Schild bei sich. Wie Geister schreiten sie dahin, gebeugt unter einer gewaltigen Last. Ihr Ziel ist König Elendil. Der alte Fürst hat selbst jetzt nichts von seiner Würde verloren, trotz der Wunde, die ihm Sauron schlug und trotz der zerbrochenen Glieder, die seinem hohen Wuchs Hohn sprechen, und es ist, als schliefe er nur.
Doch sein Schlaf währt ewig.
Oder bis ans Ende der Zeit. Denn wer weiß, welches Schicksal Ilúvatar den Sterblichen bereiten wird, wenn der Lauf der Welt sich neigt?
Sachte legen die Krieger den Schild an die Seite des Königs und ebenso sachte betten sie nun den Körper Elendils auf das matte Oval, das sieben Sterne und ein silberner Baum zieren.
Die Männer sind vollkommen still bei ihrem Tun. Mein Erscheinen lässt sie innehalten. Die Gesichter der Menschen spiegeln Erschöpfung und Trauer wider, aber ich spüre, dass sie auch ein wenig erleichtert sind, mich zu sehen.
Ich schweige ebenfalls.
Manchmal ist es gut, keine Worte zu haben. Gemeinsames Leid findet seinen Ausdruck auf andere Weise. Und so trete ich zu den bleichen Kriegern und helfe ihnen, den Schild anzuheben. Dann überlasse ich meinen Platz einem anderen Mann. Ein Mensch sollte von Menschen auf seinem letzten Weg begleitet werden.
Ich sehe der kleinen Schar nach, bis sie von der Dämmerung verschluckt wird. Bald werde ich meinem König die gleiche Ehre erweisen ...
Als ich mich in Bewegung setze erregt ein helles Blinken meine Aufmerksamkeit. Das verblassende Licht bricht sich in einem zaghaften Funkeln auf Metall. Es ist das Stück eines Schwertes.
Narsil!
Die Spitze der Klinge.
Rasch bin ich an der Stelle, an der sie liegt und hebe sie auf. Der Regen hat den schwarzen Staub von ihr gewaschen und sie glitzert als die Farben des Abendhimmels sich auf ihr spiegeln.
Ein Gedanke beginnt sich in meinem Kopf zu formen und wenig später habe ich ein weiteres Stück gefunden. Diesmal ist es der Knauf mit einem Teil der Klinge.
Als das Land zu toben begann verlor Isildur ihn aus der Hand und er blieb unbeachtet, geschwärzt vom Feuer Saurons und bedeckt mit Asche.
Vorsichtig bringe ich den Knauf an mich. Selbst jetzt noch spüre ich die Ausgewogenheit von Klinge und Griff und kann die vortreffliche Arbeit nur bewundern, die daraus spricht. Und dennoch ...
Wenig wert ist dieses Schwert jetzt. Aber es soll eine letzte Aufgabe erfüllen.
Ich werde es Isildur aushändigen.
Vielleicht ermahnt es ihn zur Klugheit, und die Erinnerung an seinen Vater leitet seine Schritte. Wehmütig betrachte ich was einst schön und vollkommen war.
Alles auf diesem Schlachtfeld erinnert mich an den hohen Preis, den Elben und Menschen zahlen mussten, und mein Herz weint.
Langsam und vorsichtig gleiten meine Finger über die Klinge.
Unter dem Ruß und dem Schmutz, kommt der feine Stahl hervor. Filigrane Runen bedecken ihn. Auf dem Bruchstück, das ich in den Händen halte, ist es die Sichel des Mondes, die mein Auge gefangen nimmt. Das Metall hat seine Schärfe nicht verloren, wohl aber seinen einzigartigen Schimmer, der ihm den Namen gab. Doch wenn man das Schwert neu schmieden würde, käme ihm keine andere Waffe gleich.
Vielleicht kommt einmal der Tag, an dem es wieder in eine Schlacht getragen wird ...
Sorgfältig suche ich die Umgebung nach den weiteren Stücken des Schwertes ab. Die Wucht, mit der es den Felsen berührte, war gewaltig und so muss ich mir Zeit lassen. Niemand stört mich.
Nun da sie den König geholt haben, werden die Menschen diesen Ort meiden – wird auch Isildur ihn meiden.
Ich bin dankbar dafür, denn noch fühle ich mich nicht dazu bereit, dem Menschen wieder gegenüberzutreten und ihm in die Augen zu sehen. Zu tief sitzt der Schmerz meiner persönlichen Niederlage.
Morgen, morgen werde ich zu Isildur gehen und sehen, wie er mich empfängt. Bis dahin gibt es viel für mich zu tun. Die Verwundeten bedürfen der Hilfe und meine Heilkunst wird sie ihnen bringen.
Ein festes Lager wird aufgeschlagen werden müssen, denn unser ursprüngliches ist in den Wirren des Kampfes überrannt worden, schnell hergerichtet und nur für den Zweck bestimmt, die müden und verletzten Krieger so lange aufzunehmen, bis sie sich auf den Weg zurück in ihre Reiche begeben können. Wer noch die Kraft hat, wird den anderen helfen. Und sicherlich gibt es einige unter uns, die der Versuchung nicht widerstehen können werden, Barad-dûr zu betreten, bevor der Turm zerstört werden soll.
Ich werde nicht zu ihnen gehören. Sauron kam mir nahe genug. Ich werde den Schatten seiner Gegenwart nicht suchen, indem ich den Turm auskundschafte, der ihm als Festung diente. Ich werde es nicht tun, weil ich die Erinnerung an diesen Tag für immer in meinem Herzen tragen werde, und sie wird mir eine schwere Last sein, mich verfolgen in dunklen Stunden und wie ein Mahner ihre Stimme erheben, wann immer es Not tut.
Nachdenklich betrachte ich das zerborstene Schwert. Alle Stücke liegen nun beisammen. Ich löse den zerrissenen Umhang von meinen Schultern, er ist schmutzig, von Hitze versengt und unansehnlich geworden, aber er wird seinen Zweck erfüllen – und wenig später hüllt er die Bruchstücke Narsils ein.
Mit diesem unscheinbaren Bündel mache ich mich wieder auf den Weg. Vom Fuße des Orodruin aus kann der Blick weit in die Ebene von Gorgoroth schweifen. In der Kühle der Nacht sind viele Feuer entzündet worden und sie funkeln wie die Sterne am Firmament – nur sanfter und wärmer, eine willkommene Einladung.
Doch mein Werk ist noch nicht getan, eine weitere Last werde ich mir aufbürden. Aber ich vermag es nicht allein. Und so wende ich mich den Feuern zu, um meine Brüder zu bitten, den Edelsten unter uns zur letzten Ruhe zu betten ...
