Narn Gil Galad
von Earonn
Kapitel XVIII – Elrond & Elros
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Dank: Ute und Fymhrisfawr für das Beta-Reading der englischen Version.
Gewidmet: allen, die so wie ich gerade kurz vor dem Abitur stehen. Mögen die Valar eure Gedanken leiten!
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A/N
Jojo: kurz, aber lieb. Danke!
Wie oben gesagt, Ende März steht für mich das Abitur an. Also erwartet das nächste Kapitel bitte nicht allzu bald und habt Verständnis dafür. Herzlichen Dank.
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XVIII – Elrond & Elros
Liebster Bruder,
freue dich mit mir, meine Söhne sind geboren! Ich bin glücklicher als ich es mir je vorstellen konnte. Bitte komm so schnell du kannst.
Deine kleine Schwester Elwing
Er fand den Herrn und die Herrin von Arvernien in einem kleinen, vom Duft von Kräutern und Blumen erfüllten Garten, wo sie die letzten Stunden des Abendlichts genossen.
Elwing war auf einer Liege ausgestreckt und stillte einen der Säuglinge, den anderen hielt Eärendil im Arm, mit dem ganzen Stolz und der ganzen Unsicherheit eines jungen Vaters. Er kam Gil Galad entgegen.
"Ich grüße dich. Darf ich dir deine Vettern Elros", er hob das Bündel in seinen Armen leicht an, "und Elrond vorstellen?"
Der Hohe König berührte das dunkelhaarige Elbenkind auf Earendils Arm sanft. "So sei mir willkommen, Elros, Sohn von Earendil aus dem Haus von Fingolfin."
"Und Thingol", ließ sich Elwing aus dem Hintergrund vernehmen.
"Und Thingol, selbstverständlich." Er setzte sich neben sie und küßte ihre Stirn. "Wie geht es dir, kleine Schwester?"
"Sehr gut, wirklich. Ich fühle mich ein bißchen müde, aber dafür auch sehr viel leichter, eine unglaubliche Wohltat! Sind sie nicht wunderschön?" fügte sie eifrig hinzu.
Gil Galad betrachtete das gegen Elwings Körper lehnende Neugeborene.
"Das sind sie in der Tat. Ich will diesen Elben hier nicht bei seiner Tätigkeit stören, die ihm so viel Aufmerksamkeit abverlangt, aber vielleicht dürfte ich einmal Elros haben?"
Beinahe erleichtert überreichte Eärendil seinen Sohn dem König, der ihn mit sehr viel mehr Erfahrung und Geübtheit entgegennahm.
Er bewunderte das rosige Gesicht. Elros war so wunderschön, so zart, womöglich sogar ein wenig zu klein, vermutlich aufgrund seines Zwillings. Tatsächlich hatte Finduilas sehr ähnlich ausgesehen. Seltsamerweise schmerzte in diesem Moment der Gedanke an seine Schwester nicht.
Liebevoll strich er mit einem Finger über die kleine Stirn. Der Säugling blieb völlig unbeeindruckt und döste weiter vor sich hin, umfangen von der Liebe des erwachsenen Elben, der ihn hielt.
"Wenn ich einen so wunderschönen Sohn wie Elros hätte, könnten mir alle Schätze Mittelerdes gleichgültig sein", sagte Gil Galad nach einem Moment.
"Irgendwann wirst du eigene Kinder haben", erwiderte Eärendil.
Der Hohe König sah ihn an. "Ich hoffe es sehr. Aber bis dahin werde ich mich mit meinen Neffen zufriedengeben, wenn ihr erlaubt."
Und das waren sie ihm wirklich: Neffen, so wie Elwing seine erwählte Schwester war.
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Für einige Zeit vermochten Elrond und Elros Earendils Sehnsucht nach dem Meer zu übertreffen. Er verwöhnte sie über alle Maßen und wurde hierin nur noch von Gil Galad selbst übertroffen. Der König von Nargothrond, Haupt des Hauses von Finwe in Mittelerde und ehrwürdige Hohe König der Noldor machte schamlos für sich das Recht eines Onkels geltend, der gewiß nicht dazu verpflichtet sei, seinen Neffen unangenehme Dinge wie Schlafenszeiten oder korrekte Tischmanieren nahezubringen. Elwing bemerkte mit gewisser Regelmäßigkeit, die Geburt von Elros und Elrond habe anscheinend nicht zwei, sondern vier Kinder in ihr Haus gebracht.
Doch ließ der Gedanke an das Segensreich Earendil nicht los. Es schien ihm, als ob die Schreie von Morgoths Opfern allzeit in seinen Ohren widerhallten. Wie konnte er in Glück und Sicherheit leben – so sicher wie irgend jemand in den Hinnenlanden sein konnte – während so viele andere leiden mußten? Schließlich vertraute er seine Gedanken Círdan und dem Hohen König an.
"Willst du wirklich solch ein Risiko eingehen?", fragte Gil Galad. "Du hast eine wundervolle Familie, sie brauchen dich."
"Und was ist mit all den Elben und anderen Völkern Mittelerdes? Sie brauchen ebenfalls Hilfe. Nicht einmal um Elwing und der Kinder willen kann ich dem Ruf meines Herzens noch länger widerstehen. Und ist nicht die Hilfe der Valar der einzige Weg, meine Familie auf lange Sicht hin zu beschützen?"
Gil Galad warf Círdan einen fragenden Blick zu. Der Schiffsbauer besaß mehr Erfahrung mit Seereisen als sonst jemand, insbesondere mit den Versuchen, Schiffe nach Valinor zu bringen um die Vergebung der Valar zu erflehen.
"Ich weiß es nicht", beantwortete der alte Elb die unausgesprochene Frage. "In dieser Sache ist mir keine Voraussicht zuteil. Aber dessen bin ich mir gewiß: nur der größte aller Seefahrer könnte den Weg nach Aman finden. Und er steht hier vor uns."
Earendil errötete etwas angesichts dieses Lobes. "Dann werdet Ihr mir helfen?"
"Ich werde dir mit allen Mitteln, aller Erfahrung und allem Wissen zur Seite stehen, das ich mein Eigen nenne, Earendil."
Nachdem diese Entscheidung getroffen worden war, verlegten Earendil und seine Familie ihren Wohnsitz nach Balar. Hier baute der Seefahrer mit Círdans Hilfe mehrere Schiffe und erforschte die Meere auf vielen Reisen. Es war nicht allein der Weg nach Valinor, den er suchte, er wurde gleichermaßen von der Hoffnung getrieben, seine Eltern Idril und Tuor zu finden. Doch trotz all der Zeit, die er fern von seiner Familie verbrachte, und all der Gefahren, die er auf sich nahm, fand Earendil weder das eine noch das andere.
Und während sich ihr Gatte in den Werften aufhielt oder auf einer seiner Reisen war, machte Elwing lange Spaziergänge entlang des Strandes, begleitet von ihren Söhnen und Gil Galad, sooft dieser Zeit dafür fand. Die Herrin Arverniens genoß diese Stunden in der Gesellschaft des Königs, wie es auch die Jungen taten, die ihm stets erfolgreich Geschichten aus alter Zeit entlockten. Bereits jetzt zeigten sie unterschiedliche Charakterzüge, denn während Elros Berichte über die Edain oder das Meer bevorzugte, hörte Elrond lieber von Valinor und den frühen Tagen der Noldor in Mittelerde, und niemals vergaß er etwas von dem, was ihm erzählt worden war.
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Es war eine ruhige Nacht, und ein dünner Nebel hing über der Insel von Balar. Ein ungewöhnlich mühevoller Tag hatte jeden erschöpft zurückgelassen.
Daher war niemand zugegen um zu sehen, wie die ansonsten bewegungslosen Nebelschwaden leicht aufwirbelten, als sie von unsichtbaren Händen voller Liebe ob ihrer Schönheit berührt wurden.
Gil Galad erwachte plötzlich aus dem Schlaf und sah sich verwirrt um. Ein Traum hatte ihn geweckt, ein seltsamer Traum voll düsterer Vorahnung und angefüllt mit Musik, einem Lied, das er noch niemals zuvor gehört hatte. Er setzte sich in seinem Bett auf und versuchte sich an Worte und Melodie zu erinnern. Schließlich stand er auf, zog sich an und ging hinaus, den Dunst im Vorübergehen aufwühlend und umfangen von dessen Berührung. Als er leise sang, wurde seine vollklingende Stimme vom Nebel verschlungen.
Wenn die Stolzerfüllten ihrer Pflichten entsagen
Von der Verlockung der Dunkelheit in ihren Untergang geführt
Wenn die Söhne der Wellen Söhne des Bodens werden
Sollen weiße Sterne aus der Gischt der Wellen erblühen
So achtet ihren Stolz...
…wie ging es weiter? Oh Elbereth, hilf mir, mich zu erinnern...
Um der ältesten Liebe willen
Sie kommen auf Schwingen des Sturms
Um der ältesten Liebe willen
Bringen Dunkelheit mit sich
Um der ältesten Liebe willen
Kein Lied gibt es
Ihre Trauer zu besänftigen
Gil Galads Gesang erstarb. Er verstand die Bedeutung der Worte nicht, alles was er wußte war, daß die älteste Liebe sich auf die Freundschaft zwischen Eldar und Atani bezog, und dieses Lied wichtig war, düsteres Vorzeichen einer dunklen und schrecklichen Zukunft.
Einige Schritte hinter ihm wirbelte der Nebel erneut auf, nahm eine körperlose Präsenz mit sich, die unvergängliche Liebe für ganz Arda ausstrahlte.
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Stets drängte Sauron seinen Gebieter Morgoth, offenen Krieg gegen die Häfen zu führen. Denn er empfand eine seltsame Furcht, die er nicht erklären konnte, und sein Herz war erfüllt von Haß gegen das Haus Finrods und die Abkömmlinge Lúthiens, die ihn sogar in seiner eigenen Festung besiegt und seinen Stolz gedemütigt hatte.
Doch Morgoth wollte nicht auf den obersten seiner Sklaven hören.
"Der Sohn Orodreths ist keine ernstzunehmende Gefahr, keine Bedrohung meiner Macht", sagte er. "Schwach ist er, ein unbedeutender Nachfahre des Hauses von Finarfin, der als einziger der Sprößlinge Finwes mich niemals bekämpft hat. Artanáro Finellach", er spie die Worte voller Verachtung aus, "hat nie das Licht der Zwei Bäume gesehen, niemals die Unsterblichen Lande berührt und sein Herz ist erfüllt von Trauer und Furcht, seitdem ich Nargothrond zerstörte."
Morgoth wußte daß der Hohe König nicht die Macht besaß sich ihm entgegenzustellen, und hierin irrte er nicht. Und er wartete ab, wohl wissend, der eine Silmaril, den er eingebüßt hatte, werde die übrigen Elben mit größerer Sicherheit vernichten als alle seine Heere.
Sauron aber hörte niemals auf, Gil Galad zu hassen, und niemals konnte er an ihn denken ohne Unruhe in seinem dunklen Herzen.
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Schließlich baute Earendil mit Círdans Hilfe Vingilot, die Schaumblüte. Weiß waren ihre Planken und golden ihre Ruder, das schönste aller Schiffe. Und wie er es so viele Jahre zuvor versprochen hatte, kam Celebrimbor zu den Schmiedestätten der Werften, und einer der größten Elbenschmiede, der er war, fertigte er jedes einzelne metallene Teil des Schiffes, vom stärksten Band, das den Mast stützte, bis zum kleinsten Nagel. Niemandem sonst erlaubte er diese Arbeit und jeder Schlag seines Hammers war eine weitere Sühne für die Untaten seiner Familie.
Anders als jene auf Bitten Turgons ausgesandten Schiffe war Vingilot klein. Sie brach nicht durch die Wellen, sondern tanzte auf ihnen, folgte ihrem Auf und Ab wie die Möwen dem Wind folgten. Nur drei Begleiter hatte der Sohn Tuors auf seiner Reise, und ihre Namen waren Falathar, Erellont und Aerandir.
Dieses eine mal bat Gil Galad Earendil, zu Hause zu bleiben. Er konnte nicht die bange Ahnung unausgesprochen lassen, die schwer auf seinem Herzen lastete. So oft hatte er den Halbelben zu seinen Reisen aufbrechen sehen und sich niemals mehr gesorgt, als es angemessen war um eines willen, der sich in die Hände Osses und die Gnade Uinens begab.
"Heute ist es anders", sagte er. "Warte, warte nur ein wenig und laß uns abwarten, was geschehen wird."
Doch auch Earendil spürte eine Vorahnung, die Hoffnung, dieses mal werde sein Bemühen erfolgreich sein.
An einem kühlen, sonnigen Morgen zu Beginn des Frühjahrs standen Círdan und der Hohe König gemeinsam mit Earendils Familie am Kai um ihm Lebewohl zu sagen. Elrond saß auf Gil Galads Arm, leise weinend, während der stets lebhaftere und gefühlvollere Elros schniefend und jammernd an der Seite seiner Mutter stand. Auch Elwings weiße Wangen waren tränenfeucht, keiner der drei hatte die Reisen ihres Gatten und Vaters jemals leicht ertragen. Als Vingilot den Hafen verließ, stand Earendil am Bug, einen Zweig des Oiolare in der Hand, und er blickte seiner Gattin und seinen Kindern nach, bis er ihre Gesichter nicht länger erkennen konnte.
So machte Eärendil sich auf, die Passage in den Westen zu finden, und für viele Jahre segelte er auf dem Belegaer umher, ohne den Geheiligten Landen auch nur nahezukommen, geschweige denn, sie zu erreichen.
Da sie Trost in Gil Galads Gesellschaft fand, verblieb Elwing weiterhin auf Balar, entgegen der Bitten Erestors, ihres Statthalters in Arvernien. Denn sie fürchtete die Einsamkeit ihres Heimes, das sie mit ihrem Geliebten einst geteilt hatte.
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Spät in einer stürmischen Nacht fand Gil Galad sich auf einer rastlosen Wanderung durch die Gänge seines Hauses. Das Rattern der Winde an den Fensterläden verstärkte nur das Gefühl von Sicherheit und Wohlbehagen, und er war zufrieden nach einem langen Abend voll Gesang und Geschichten.
Ein Schimmer Lichts fiel auf seltsame Weise in den Gang, und sowohl neugierig wie auch in der Hoffnung auf Gesellschaft trat er ein.
Sofort erkannte er, was mit dem Licht nicht stimmte: die Lampe, die es ausstrahlte, stand nicht auf einem der Schreibpulte, sondern auf den hölzernen Dielen des Fußbodens. Neben ihr war eine große Karte der Küsten und des Meeres ausgebreitet, und auf dieser Karte lag bäuchlings einer der Zwillinge. Im schwachen Licht konnte Gil Galad nicht erkennen, welcher von beiden es war, denn stets waren ihre Augen gleichermaßen dunkel und voll Neugier, ihre Gesichter gleichermaßen aufgeweckt und ihr Haar gleichermaßen zerzaust. Der Junge sah den König an, sein Gesichtsausdruck eine Mischung aus Willkommen und Schuldbewußtsein.
Wohl ahnend, was das Kind hierher geführt hatte, sagte Gil Galad freundlich "Guten Abend – Elros?"
"Elrond. Guten Abend, Onkel", erwiderte der junge Elb vorsichtig.
"Was tust du hier, während deine Mutter dich im Bett glaubt?" Er kniete sich neben dem Jungen, um besser auf die Karte blicken zu können. Zarte Linien waren darauf eingezeichnet, ihre stolzen Bögen und der kühne Verlauf in Richtung des Unbekannten verrieten ihre Bedeutung. "Die Reisen deines Vaters."
"Ja." Ein kleiner Finger folgte einem der feinen Federzüge. "Hier kam er beinahe nach..."
"Ja?", fragte Gil Galad ermutigend.
"Ich...ich kann es nicht lesen. Mutter sagt, wir werden es bald lernen", erwiderte Elrond in einem Ton, der einem Murren sehr nahe kam.
Gil Galad lächelte warm. Wie eifrig dieser junge Elb stets war!
"Du möchtest es gleich lernen?"
Ein entschiedenes Nicken. "Ja."
"Jetzt sofort?"
Elrond atmete tief ein. "Du würdest es mir beibringen?"
"Nun, ein wenig. Denn es ist spät und du hast viel zu lernen. Aber ja, wir können beginnen, wenn du das wünscht."
"Oh ja, bitte!" Der junge Elb zappelte aufgeregt. Sich vorzustellen, daß sein Onkel ihm das Lesen beibringen würde!
Die Hohe Königswürde bedeutete Elrond, zu jung, sie zu verstehen, nichts. Doch er verehrte seinen älteren Verwandten innig um dessen Belesenheit willen. Stets schien Finellach von Papier und Tinte umgeben zu sein, selbst wenn er draußen auf einer Wiese oder im Garten saß, hatte er Bücher oder Blätter bei sich, las oder schrieb.
Wie alle anderen Kinder erfreute Elrond sich am Spiel, er schwamm, rannte umher, konnte an jedwedem möglichen oder unmöglichen Orte aufgefunden werden und besaß seinen eigenen Anteil an den Maßregelungen der Zwillinge für das Ersteigen gefährlicher Bäume und verbotener Dächer. Zur gleichen Zeit war er fasziniert von Büchern und Papier und wünschte, all die wundervollen Geschichten selbst lesen zu können, die sie enthielten.
Gil Galad nahm die Lampe und ging zu einem Tisch. Er suchte Tinte und ein Blatt Papier heraus, und ohne darüber nachzudenken, zeichnete er einen Stern. Elrond kletterte auf den Stuhl neben ihm und verfolgte das Tun seines Onkels mit fasziniertem Blick.
"Du weißt, was das ist?"
"Ein Stern."
"Ein Stern, richtig. Der erste Teil unserer Namen. Nun schau zu."
Er fügte ein kurzes Zeichen in seiner klaren Handschrift hinzu.
"Siehst du dies? Das hier steht für den ersten Ton des Wortes. Verstanden?"(2)
Elrond nickte eifrig. Das war leicht.
Ein weiteres Bild wurde hinzugefügt, ein kleines Blatt.
"Was ist das?"
"Natürlich ein Blatt."
"Gut! Und so wird es geschrieben..."
Eine halbe Stunde später bemerkte Gil Galad, wie schläfrig sein Neffe bereits war.
"Ins Bett mit dir, Elrond. Ich werde die Tafel vervollständigen und morgen kannst du damit beginnen, die Zeichen für jeden Ton auswendig zu lernen."
Gehorsam ging der junge Elb schlafen, müde und aufgeregt zugleich angesichts der Aussicht auf den folgenden Tag. Er würde schneller und besser lernen als jeder andere, damit sein Onkel stolz auf ihn sein konnte!
Nachdem Elrond gegangen war, sah Gil Galad nachdenklich lächelnd auf die Figuren und Zeichen. Dann begann er, weitere Bilder für die restlichen Buchstaben zu finden, sich an ein anderes Blatt wie dieses erinnernd, auf dem die Worte in der flüssigen Handschrift seines Vaters geschrieben standen.
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Dies war eine von vielen Lektionen, die Elrond und Elros von Gil Galad erhielten. Wann immer er Zeit dazu fand, erzählte er ihnen Geschichten aus alter Zeit, erklärte und beschrieb.
Von ihm hörten sie von Aman und seinen Gebieten: Avathar, wo Ungolianth für eine Weile gelebt hatte; das Ödland von Araman, das Fingolfin und seine Schar auf ihrem Weg zur Helcaraxe durchquert hatten; Eldamar, wo ihre Sippe noch immer im Glück lebte; von Tirion auf Tuna und Tol Eressea. Diese Geschichte liebten die Brüder ganz besonders und fragten Gil Galad immer wieder nach allem was er darüber wußte, denn sie waren fasziniert von dem Gedanken, selbst auf jenem Teil Tol Eresseas zu leben, der von der Insel abbrach, als Ulmo diese nach Aman brachte.
Auch von Alqualonde erzählte er, seiner Schönheit und den weißen Schiffen der Teleri und von den Kais, die bei Nacht von Lampen erleuchtet waren. Und wenn er nicht vom ersten Sippenmord sprach, so geschah dies, um den Kindern Kummer zu ersparen, den sie noch nicht verstanden hätten, und aus Ehrfurcht vor jenem Hafen, der vor allem ein Ort der Schönheit und nicht nur des Sterbens war.
Valinor beschrieb er ihnen, das Heim der Valar, und die Stadt Valimar, wo die Valar Rat hielten in Máhanaxar, dem Schicksalsring. Und während er ihnen von den Hallen Mandos erzählte, dem Heim Namos im äußersten Westen, da wurde seine Stimme verträumt, denn dort, so wußte er, hielten sich die fear jener auf, die er am meisten geliebt.(3)
Jene auf Balar, die selbst noch in Aman geboren worden waren, wußten mehr über die Unsterblichen Lande, doch hatte Gil Galad bei zwei der größten Schriftgelehrten der Noldor gelebt, Finrod Felagund dem Vielgeliebten und seinem eigenen Vater Orodreth. Ihm waren die Geschichten von Aman seit seiner frühesten Jugend erzählt worden und er kannte sie auswendig, für ihn einige seiner teuersten Erinnerungen und kostbarsten Vermächtnisse. Durch die Unterweisungen seines Vaters und seines Onkels hatte er auch die tiefe Liebe zu den Valar empfangen, die in der Familie von Finarfin stets am stärksten gewesen war. Und mit seinen Erzählungen wurde diese Liebe an Elros und Elrond weitergegeben, und sie duldeten es nicht, sie von einem anderen zu hören.(4)
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Nachdem Erestor nunmehr seit zwei Jahren um Elwings Rückkehr nach Arvernien bat, konnte sie diese nicht länger aufschieben, so wenig ihr dies auch behagte.
Ihre Söhne waren ebenfalls nicht glücklich darüber, Balar zu verlassen. Die Insel war ihnen Heimat geworden, sie konnten sich kaum an die Häfen des Sirion erinnern, wo sie geboren worden waren. Und insbesondere Elrond vermißte die Unterweisungen seines Onkels. Erst als er ein Schüler Erestors wurde, gab der junge Elb seine inständigen Bitten um eine Rückkehr nach Balar auf. Um so mehr, als es in Erestors Arbeitsraum interessante Dinge ‚zufällig' mitzuhören gab.
"Wußtest du, daß wir Verwandte im Osten haben?", fragte Elrond einmal seinen Bruder, als sie nach ausgedehntem Schwimmen auf dem Strand lagen, in der freundlichen Sonne dösend.
"Natürlich! Wir hatten König Thingol. Und da ist die Herrin Galadriel, auf der anderen Seite der Berge."
"Nein, ich meine andere Verwandte. Ich hörte Mutter und Meister Erestor von ihnen sprechen."
"Was haben sie gesagt?"
Elrond runzelte die Stirn. "Nicht viel. Sie scheinen sie nicht zu mögen. Aber sie wurden sofort still als sie mich bemerkten."
Gähnend streckte Elros seinen schlanken Körper auf dem warmen Sand. "Wir werden schon noch herausfinden, was es mit diesen Verwandten auf sich hat. Vielleicht könntest du Onkel Finellach danach fragen, wenn er uns das nächste mal besucht."
"Du hast Recht", erwiderte Elrond. Ihr Onkel Finellach – erst kürzlich hatte er von ihrem wahren Verwandtschaftsverhältnis gehört, doch da ihre Mutter sich nicht darum zu kümmern schien, taten er und Elros es ebensowenig – wußte viel und war oftmals eher dazu bereit, sein Wissen zu teilen als Erestor oder ihre anderen Lehrer.
Zur selben Zeit westlich von Ossiriand, zwischen dem Ramdal und den nördlichen Ausläufern Taur-im-Duinaths, des Waldes-zwischen-den-Flüssen, lag eine Gruppe Avari versteckt zwischen den äußersten Bäumen des großen Waldes und beobachteten eine große Gruppe Elben, die an ihnen vorbeizog. Noldor waren es, sie erkannten sie an ihrer Kleidung und an dem Leuchten in den Augen vieler von ihnen. Jeder einzelne war bewaffnet, ihre Speere reflektierten das Sonnenlicht kalt und scharf.
Die Avari blieben versteckt. Zwar würden die Noldor ihnen kein Leid antun, doch sie waren stolz und arrogant und verachteten ihre Sippe, die sich einstmals geweigert hatte, das Land ihrer Geburt zu verlassen.
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Zwei Wochen später kam ein Bote zu den Häfen des Sirion und brachte einen Brief mit sich. Er war an Earendil, Sohn Tuors aus dem Hause Beors gerichtet, ungewöhnlich genug, da jeder ihn als Lord von Arvernien und ebenso als Abkömmling Fingolfins ansah. Elwing öffnete ihn neugierig, denn auch die stolze, ausdrucksvolle Handschrift war ihr unbekannt.
Nach den ersten beiden Sätzen erblaßte sie.
Sie hatten sie gefunden. Nach all dieser Zeit hatten die Söhne Feanors sie gefunden, und sie waren bereits unterwegs!
Sogleich berief sie einen Rat ein. Erestor, das Gemetzel von Doriath noch frisch in seiner Erinnerung, war bereit, den Söhnen Feanors den Silmaril zu überlassen. "Wir haben gesehen, wozu sie fähig sind", schloß er seine Rede.
"Andererseits wissen wir nicht, wie viele Krieger Maedhros überhaupt aufbieten kann", erwiderte einer der Hafenmeister. "Vielleicht ist dies", er wies auf den Brief auf dem Tisch zwischen ihnen, "nur eine leere Drohung." Er verneigte sich leicht vor Erestor. "Ich habe nicht wie Ihr den Untergang Doriaths mitangesehen, Meister Erestor. Ich hörte nur durch die Gattin meines zweiten Sohnes davon. Wenn wir den Silmaril aufgeben, sind dann nicht all die Toten von Doriath umsonst gestorben?"
Einige der anderen stimmten zu und sahen Elwing erwartungsvoll an.
Die Herrin Arverniens blickte aus dem Fenster, ihre Stimme war leise und gedankenverloren.
"Vor langer Zeit", sagte sie, "hatte ich einen Traum. Ich flog über die Wasser des Ozeans und mein Herz war von Schrecken erfüllt. Ich floh in Panik und Angst vor einer unbekannten Gefahr über die dunklen, tiefen Fluten und Manwes Winde waren um mich. Später hatte ich diesen Traum noch mehrere Male. Er hatte sich verändert, nun trug ich den Silmaril bei mir, und ich suchte unseren Herrn Earendil."
Sie sah in die Runde. "Ich glaube, dieser Traum war ein Vorbote der Zukunft. Ich werde den Silmaril brauchen, um Earendil zu beschützen oder sogar vor dem Tode zu bewahren. Ich kann den Stein nicht aufgeben, ich kann meinen Gatten nicht in der Gefahr allein lassen oder die Söhne ihres Vaters berauben."
"Und was werden wir nun tun?", fragte einer der Kapitäne.
"Die Söhne Feanors mögen nicht der Blutbande achten, doch sie werden nicht gegen den
Hohen König der Noldor kämpfen. Wenn wir also keine Übereinkunft mit ihnen treffen können bevor unser Herr zurückkehrt, werden wir Gil Galad um Hilfe bitten."
Hierüber war sich auch Maedhros im klaren. Er schätzte nicht mehr als zwei Tage, ehe die Häfen des Sirion unter dem Schutz des Hohen Königs stehen würden.
Er wartete mit seinen Brüdern und ihren Männern im großen Birkenwald Nimbrethil, gerade jenseits des äußersten Rings von Wachen um die Stadt. Selbst jetzt noch hoffte er auf eine Auslieferung des Silmaril, doch in seinem Herzen wußte er wie sinnlos diese Hoffnung war.
Am Abend kehrte der Bote mit Elwings Antwort zurück. Ganz offenbar versuchte die Herrin Arverniens, ihre Entscheidung hinauszuzögern, und er wußte warum. Jede weitere Stunde brachte die Schiffe Círdans und die Krieger Gil Galads näher. Maedhros richtete sich im Sattel auf und gab seinen Begleitern das Signal zum Aufbruch.
Der Eid war aufs neue erwacht, und er würde nicht ruhen bis der Silmaril von Arvernien zu seinen rechtmäßigen Besitzern zurückgekehrt war.
Maedhros' Männer töteten die Wachen, einen nach dem anderen, still und ohne einen Alarm auszulösen.
Und dann sandte Maedhros die Vorhut seiner Truppen. Reiter auf kräftigen Pferden, die letzten jener Rasse aus Valinor, die einst die weite Ebene von Ard Galen bewacht hatte. Große Pferde mit breiter Brust und starken Muskeln und Herzen voll eines Mutes, der nicht einmal angesichts eines Drachen gewichen war, willig, jeden niederzurennen, den ihre Herren einen Feind nannten.
Selbst Elben.
Sie galoppierten weit bis in die Stadt und schnitten die Arvernier von den Schiffen im Hafen ab. Keiner sollte auf diesem Wege entkommen.
Maedhros baute darauf, die Einwohner der Stadt zu überraschen und die Halle Earendils ohne zu viel Kampf zu erreichen. Er hatte jedoch nicht mit dem scharfen Widerstand gerechnet, der seinen Soldaten entgegengebracht wurde.
Die Elben der Häfen hatten keine Chance gegen ihre Angreifer. Nichtsdestotrotz kämpften sie, manche mit Schwertern, andere mit dem, was sie gerade fanden. Zwei mal brachten die Verteidiger den Angriff beinahe zum Stillstand, beim dritten mal brachen Maedhros' Truppen durch, und von diesem Moment an wurde der Angriff auf den Hafen an den Mündungen des Sirion der Dritte Sippenmord.
Ein einzelnes Boot kehrte von den Fischgründen nahe der Insel Tol Faenglîn zum Hafen zurück. Die Elbenfrau darin fluchte leise, ihr Netz war von einem Felsen unter der Wasseroberfläche beschädigt worden und zwang sie zur Rückkehr, noch bevor die Nacht vorüber war. Noch schlimmer, es würde dies eine gute Nacht zum Fischen werden, und am schlimmsten, es war ihr eigener Fehler gewesen.
Sie war erstaunt, als sie das Getümmel auf dem Kai bemerkte, der des nachts gewöhnlich still und verlassen dalag. Und als die ersten Feuer aufflackerten, da wußte sie, was geschehen war und was sie zu tun hatte.
Die Elbenfrau wendete ihr kleines Schiff und nutzte all ihr Können, um es so schnell wie möglich voran zu bringen.
"Bitte, Ulmo, Herr aller Wasser, und Lord Osse, Meister der Küsten, und Ihr, Lady Uinen, helft mir nun", flehte sie. Wie eine Möwe über dem Wasser eilte das Boot nach Südwesten – auf Balar zu.
Fußnoten:
(1): die älteste Liebe: die Urform dieses Liedes war ein Traum von mir (mit englischem Text!) und ich fand es passend für die Narn. Ein paar Worte habe ich geändert und Zeilen hinzugefügt, die ich bereits vergessen hatte als ich erwachte, um dem Lied eine Verbindung zu dem zu geben was noch kommen wird (und ich bin sicher, im Gegensatz zu Gil Galad wißt ihr bereits, was gemeint ist). Das englische ‚Original', d.h. die Version im englischen Kapitel lautet (wobei der Endreim mehr oder weniger zufällig bei der Bearbeitung entstand):
When the pride-feeling have failed to serve
And the call of darkness leads to their doom
Sons of waves will become sons of earth
On a crest of a wave white stars will bloom
So respect their pride
For the most ancient of loves
They ride on storm's wing
For the most ancient of loves
Darkness they bring
For the most ancient of loves
No one can sing
To make them feel good again...
Was die unsichtbare Präsenz angeht: es wird im Silmarillion gesagt, Olórin, der eine enge Verbindung zu Irmo, dem Vala der Gesichte und Träume besaß, habe zuweilen die Hinnenlande besucht und wäre ungesehen zwischen Elben und Menschen gewandert.
(2) Gil Galad bezieht sich hier sowohl auf seinen epesse wie auch auf den ersten Teil des Kosenamens mit dem Elwing ihn anspricht: 'Ellach. Ich dachte hier an "El" im Tengwar-Modus von Beleriand, der eigene Zeichen für die Vokale besitzt.
(3) die Beschreibung Amans: siehe das Silmarillion. Ich hab auch die Karte in Karen Wynn Fonstads "Atlas von Mittelerde" benutzt.
Übrigens: ich kann die herrlichen Karten "Die Karte von Beleriand und von den Ländern des Nordens" und "Die Karte von Mittelerde", die bei Klett-Cotta erschienen und über amazon erhältlich sind, nur wärmstens empfehlen. Sie sind informativ und einfach wunderschön.
(4) Gil Galads Liebe zu den Valar: ich habe nicht vergessen, daß Gil Galad im letzten Kapitel Zweifel an der Liebe der Valar geäußert hat. Aber würdet ihr kleinen Kindern so etwas sagen? Außerdem mag das Erzählen dieser alten Gutenachtgeschichten sein Vertrauen wieder ein wenig gestärkt haben.
